Tusculum Grafen von
 

Lexikon des Mittelalters: Band VIII Seite 1122
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Tusculum, Grafen von
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Mächtige Familie aus Latium, die während der 1. Hälfte des 11. Jh. die politische Vormachtstellung in der Stadt Rom innehatte. Die Grafen von Tusculum waren ein Zweig der Sippe des Theophylakt, die einen Großteil des 10. Jh. die römische Politik dominierten. (Belegt wird diese genealogische Herleitung durch eine Inschrift des Jahres 1030, in der ein junges Mitglied der Familie als Angehörigen einer "aurea progenies" und als Enkel Alberichs II. [932-954] bezeichnet wird.) Die Genealogie der TUSKULANER (Spitzenahn wohl ein Sohn Alberichs II.) ist noch nicht genau rekonstruiert. Von ihrer unbezwingbaren Burg aus beherrschten die Grafen von Tusculum einen großen Teil des südlichen Latium bis Terracina. Wahrscheinlich gehörten auch die Grafen von Galeria und die Grafen von Palestrina zu der gleichen Familiengruppe. Erster bekannter Träger 'de Tusculana' war Gregorius, Flottenpräfekt (999), vielleicht ein Bruder Papst Johannes' XII. (956-964) und Sohn Alberichs II. Erster Träger des Grafentitels (comes palatinus Lateranensis und Graf von Tusculum) war hingegen dessen Sohn Alberich (+ um 1037), anscheinend der früheste Beleg für den Gebrauch des Grafentitels in Latium. Stets auf kaiserlicher Seite stehend, gewannen die TUSKULANER im Kampf mit den CRESCENTIERN die Vormacht und setzten die Wahl von drei Mitgliedern ihrer Familie zu Päpsten durch: der Söhne Gregors, Benedikt VIII. (1012-1024) und Johannes XIX. (1024-1033), sowie des Sohnes von Alberich, Benedikt IX. (1033-1044, 1048). Sie schufen in dieser Zeit ein effizientes System der Machtausübung, indem sie gewöhnlich dem Papst ein Familienmitglied zur Seite stellten, das die höchsten weltlichen Ämter begleitete. Nach einem Aufstand resignierte Benedikt IX. zugunsten seines Taufpaten Gregor VI. (1044-1046), wurde im Anschluß an die Synode von Sutri (1046) abgesetzt, konnte die Macht jedoch für kurze Zeit wiedergewinnen. Die frühere, äußerst negative Beurteilung ("dunkle Jahrhunderte") der Zeit des 'Adelspapsttums', das heißt der Epoche der stärksten Einflußnahme der großen Familien auf das Papsttum, wird heute in der Forschung einer Revision unterzogen. Insbesonders die TUSKULANER-Päpste gewinnen Kontur durch ihr ständiges Schwanken zwischen der Verfolgung der Familieninteressen und energischen Reformaktionen. Als HEINRICH III., die von den Kaisern gewählten Päpste und die Kirchenreformer die politische Szene Roms betraten, wurde die Macht der TUSKULANER geringer, ohne jedoch völlig zu schwinden: Die Grafen von Tuskulum spielten (mit wechselnden Bündnissen und Allianzen) bei verschiedenen Ereignissen der Geschichte Roms und Latiums von der Mitte des 11. Jh. bis zum Ende des 12. Jh. weiterhin eine Rolle. Gregorius II. (+ ca. 1058), Sohn Alberichs, war 1050-1054 römischer Consul. Die TUSKULANER unterstützten wirksam die Gegenpäpste Benedikt X. (vielleicht ein Verwandter) und Cadalus-Honorius II. Erst unter dem Pontifikat Gregors VII. schlossen sie ein Bündnis mit den Reformpapsttum, aber noch Ptolemaeus (Tolomeo) I. (+ 1126), der von Papst Paschalis II. 1108 nach Rom gesandt worden war, um das Patrimonium S. Petri in seiner Abwesenheit zu verwalten, erregte einen Aufstand der Stadt gegen den Papst. Er war einer der tapfersten Verbündeten HEINRICHS V., so dass Pandulfus Pisanus in seiner Vita Paschalis' II. eine Analogie zwischen dem Papst und dessen 'Verbündeten', den Aposteln Petrus und Paulus und dem Kaiser und seinen Verbündeten, nämlich dem Abt von Farva und Tilomeo von Tusculum - beide mit dem Anathem belegt - herstellte. Tolomeos I. Sohn, Bartholomaeus/Tolomeo II. (+ 1153) war mit Bertha, der Tochter Kaiser HEINRICHS V. vermählt. Diese Ehe und die Bestätigung aller Besitzungen der TUSKULANER durch HEINRICH V. und LOTHAR III. festigten die Bindung der Grafen von Tusculum zum Reich noch mehr. In der gleichen Periode entwickelten die TUSKULANER ein ausgeprägtes dynastisches Bewußtsein und erklärten sich zu direkten Abkömmlingen der Gens Julia. Nach ihrem Kampf an der Seite Eugens III. gegen die Kommune Rom wurden sie von der Expansion der päpstliche Gewalt im Patrimonium S. Petri erfaßt: 1151 wurde Tusculum dem Papst geschenkt, 1155 verlieh Hadrian IV. die Stadt wieder an Gionata, den Sohn Tolomeos II., als Lehen, das nach seinem Tode wieder heimfallen sollte. Die letzte bedeutende Episode, in der die Grafen von Tusculum die Hauptrolle spielten, war der Feldzug an der Seite Christians von Mainz und FRIEDRICHS I. BARBAROSSA, in dem das römische Heer in der Schlacht von Prataporci (1167) in einer so schweren Niederlage aufgerieben wurde, dass Kardinal Boso sie mit Cannae verglich. 1170 mußten die Grafen von Tusculum jedoch ihre Herrschaft definitiv an den Papst abtreten. 1191 zerstörte das Heer der Kommune Rom, eingedenk der 24 zuvor erlittenen Niederlagen, die Stadt und die Burg Tusculum vollständig. - Obgleich noch keine eindeutigen Beweise dafür vorliegen, könnte sich die römische Adelsfamilie COLONNA von den Grafen von Tusculum herleiten. Weniger sicher ist hingegen die Tradition, dass die Familie der Grafen von Segni von den TUSKULANERNabstamme.


Bezeichnung der Grafen von Tusculum

Nachkommen der Marozia und des Markgrafen Alberich I. von Spoleto. Sie strebten im 10. und 11. Jahrhundert danach, die Herrschaft über Rom zu erlangen und hatten oft den päpstlichen Stuhl inne. Aus ihrem Geschlecht stammten die
Päpste Benedikt VIII., Benedikt IX. und Johannes XIX. Als Führer des Adels gegen ein starkes Papsttum traten die Grafen von Tusculum noch unter Paschalis II. (1116), Innocenz II. (1137) und Eugen III. hervor, wurden aber im 12. Jahrhundert von den PIERLEONI und FRANGISPANI in den Hintergrund gedrängt.