Lexikon des Mittelalters: Band II Seite 1440
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CANOSSA, Familie
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Das Apellativum Canossa wurde
der berühmten Familie, der auch Mathilde
angehörte, von
den Historikern beigelegt. Nur ein einziges Mal wird in einer Urkunde aus
der 2. Hälfte des 11. Jh. ihr Stammvater
Adelbert Atto
mit
dem Herkunftsnamen Canossa belegt.
Die Familie nannte sich in Wahrheit nie nach einem einzigen Stammsitz,
da sie über verschiedene Burgen und Ortschaften verfügte. Sie
stammte aus der Grafschaft Lucca in der Toskana, wie aus der Herkunftsbezeichnung
"de comitatu Lucensi" hervorgeht, die Siegfried, der Vater von Adelbert
Atto, führte; verbündet mit Lothar und dessen Gemahlin
Adelheid,
später mit OTTO I., wurde er ais
einem einfachen Vasallen des Königs und des Bischofs von Reggio Emilia
in der 2. Hälfte des 10. Jh. zum Grafen der Territorien von Reggio,
Modena und Mantua (in diesem Fall auch zum Grafen der Stadt) und vielleicht
auch zum Markgrafen erhoben. Exponent des neuen Adels langobardischer Herkunft,
der nach dem Zusammenbruch des
karolingischen
Staates an die Macht gekommen war, brachte er es durch die Dienste, die
er kirchlichen Institutionen leistete, und seine Unterstützung der
königlichen, später kaiserlichen Politik in Italien zu großem
Reichtum an Grundbesitz und vielen Vasallen. Nach seinem Tode folgten ihm
988 sein Sohn Teodald
als Markgraf, der zudem die Grafenwürde
von Ferrara (und dessen Territorium) gewann. Von Theodald wissen
wir sehr wenig; von seiner Gemahlin kennen wir nur den Vornamen
Villia.
Es ist jedoch wahrscheinlich, dass Theodald die von seinem Vater
begonnene Expansion der sich vom Apennin bis zum Po erstreckenden Hausmacht
fortsetzte, wobei er in engem Bündnis mit der Zentralgewalt auch Kirchengüter
- häufig sogar gewaltsam - an sich zog. Die Herrschaft des Hauses
CANOSSA stützte sich nunmehr auf ein weitgehend zusammenhängendes
Territorium (Das Gebiet um Reggio, Modena und vor allem Mantua, das Herz
der Poebene und der an sie grenzende Apennin), das politische jedoch nicht
homogen war: die Städte wurden teils von Bischöfen regiert (Reggio,
Modena), teils gingen sie bald in deren Händen über (Mantua,
Ferrara); mächtige Klöster wie Nonantola beherrschten ausgedehnte
Territorien; der mittlere und kleine Adel war in Bewegung, verbündete
sich in den Städten mit den reichen "Bürgern" und scharte sich
mit ihnen zusammen und den Bischof. Der Staat der CANOSSA
war
also auf zunehmend schwankenden Fundamenten gegründet, und vor allem
nach Theodalds Tod (+ 1015/20) mußten die Markgrafen häufig
Gewalt anwenden, um seine Einheit zu bewahren.
Die folgenden beiden Generationen konnten die Herrschaft
des Hauses CANOSSA ausbauen, verließen
aber die Bahnen einer nur auf Herrschaftsausbau gerichteten Tätigkeit.
Markgraf
Bonifaz war mit kurzer Unterbrechung zunehmend Königen
und Kaisern verbunden, seine Witwe Beatrix (von Lothringen
bzw. Tuszien) und seine Tochter Mathilde waren wie wenige Adlige
in den Investiturstreit verstrickt. Bonifaz mehrte sein Erbe durch
die Heirat mit der Pfalzgrafen-Tochter Richilde, behauptete sich
gegen oberitalienische Gegner und erhielt spätestens 1032 die Würde
des Markgrafen von Tuszien wohl dank seiner Parteinahme für
König bzw. Kaiser, in dessen Heer er 1032 gegen Otto [eigentlich Odo]
von der Champagne stand. Neue Verbindungen schuf seine zweite Ehe mit Beatrix
von Lothringen (1036-1038). War das Verhältnis zu HEINRICH
III. zeitweilig - vielleicht wegen der Übergriffe auf Kirchengut
- getrübt, so führte er doch 1048 Damasus II. nach Rom und gewann
schließlich Anschluß an die Kreise um Leo IX. Dies wurde nach
Bonifaz'
Ermordung
1052 eine folgenreiche Konstellation. Seine Witwe
Beatrix
heiratete
1054 Gottfried den Bärtigen von Ober-Lothringen, der gegen
den Kaiser aufständisch gewesen war. Erstmals verließ so das
Haus CANOSSA nachhaltig die Bahnen
der Treue zum König. Beatrix
und Gottfried spielten
eine Rolle bei der Erhebung Nikolaus' II. und Alexanders II. Auch nach
Gottfrieds
Tod (1069) blieb Beatrixzuverlässige
Stütze des Reformppsttums. Bonifaz'
Tochter Mathilde
(ihr Bruder Friedrich war 1055 gestorben) gebot nach dem Tod der
Mutter (1076) allein über die Herrschaft des Hauses
CANOSSA, da sie sich nach kurzer Ehe von Gottfried dem Buckligen
(Nieder-Lothringen, Sohn Gottfrieds von Ober-Lothringen) getrennt
hatte. Sie gewährte 1077 Gregor VII. Schutz, als dieser sich vor dem
über die Alpen anrückenden
HEINRICH
IV. bedroht fühlte. Die Vermittlung des Abtes Hugo von
Cluny und der Mathilde führte schließlich zur Lossprechung
des Königs vom Bann. Wohl 1079 übertrug sie ihr Allod in Italien
und Lothringen der römischen Kirche und erhielt es zu freier Verfügung
als Lehen zurück. Ihre Truppen kämpften dann gegen die lombardischen
Anhänger des Königs. Die Diplomatie Urbans II. brachte 1089 eine
freilich nur sechs Jahre dauernde Ehe der 43-jährige Mathilde
mit
dem 17-jährigen Welf V. zustande, die für den Kaiser die
Gefahr der Verbindung seiner italienischen und deutschen Gegner bedeutete.
Seit 1082 befand sie sich in der Reichsacht; aus dieser gelöst, erneuerte
sie 1102 ihre Schenkung an die Kirche. 1111 jedoch, nach dem Vertrag von
Ponte Mammolo und der Kaiserkrönung HEINRICHS
V. setzte Mathilde
den Kaiser zum Erben ihres Hausgutes
ein. Mit diesem nun doppelten Testament hinterließ sie Kaiser und
Papst einen wichtigen Gegenstand eines das Jahrhundert durchziehenden Streites
(Mathildisches Gut). Mit ihrem Tod am 24. Juli 1115 erlosch die
Familie, da Mathilde kinderlos war.
Literatur:
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DBI VII, 352-363; XII, 96-113 - A. Overmann, Gfn. Mathilde
v. Tuszien, 1895 [Nachdr. 1965] - H. H. Anton, Bonifaz v. Canossa, Mgf.
v. Tuszien und die Italienpolitik der frühen Salier, HZ 214, 1972,
529-556 - H. Keller, Adelsgesellschaft und städt. Gesellschaft in
Oberitalien (9.-12. Jh.), 1979.
In der östlichen Lombardei und der Mark Verona überragte
das kaisertreue Haus CANOSSA [Erwerbung
von Ferrara 1003/09, Reggio und Modena waren bischöflich, Mantua und
Ferrara wurden es. - In 2. Ehe war Beatrix von Bar 1054-1069 mit
Gottfried
dem Bärtigen, seit 1044 Herzog von Lothringen, verheiratet. -
Stammtafel 51] alle übrigen Geschlechter an Macht und Reichtum. Es
bekannte sich zu lombardischen Recht. Seine Vorfahren waren im frühen
10. Jahrhundert aus der toskanischen Grafschaft Lucca nach Parma gekommen.
| Siegfried I. | |
| Atto I. | |
| Adabert Atto II. | |
| Atto III. | |
| Siegfried II. | - 988 |
| Theodald | 988-1015 |
| Bonifaz I. | 1015-1052 |
| Bonifaz II. | 1052-1055 |
| Mathilde | 1055-1115 |