Golinelli Paolo: Seite 57-60,66-71,88-91,99-105
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"Mathilde und der Gang nach Canossa"

In den letzten Lebensjahren beteiligte Tedald seinen Sohn Bonifaz an der Herrschaft. So nimmt der junge Bonifaz(er ist um 985 geboren) zusammen mit seinem Vater am 30. September 1001 in Carpi an einem Placitum teil, einem Gerichtstag, an dem über den Besitz eines Viniolo genannten Feldes zwischen dem Castrum Carpi und dem unweit davon gelegenen Fronhof Migliarina, einem alten Besitztum des Klosters Santa Giulia in Brescia, entschieden werden sollte. Die Anwesenheit Bonifaz', des "Sohnes des Markgrafen Tedald" scheint daraufhinzudeuten, dass er der Öffentlichkeit als der künftige Erbe vorgestellt und bei den Großen der Zeit eingeführt werden sollte. Es war fast eine offizielle Einsetzung in die Nachfolge - eine Nachfolge freilich, die viele Probleme in sich barg. Donizo zufolge versprachen die Vasallen, um Eintracht und Frieden zwischen den Brüdern zu stören, Konrad eine ihrer Töchter als Braut, um ihn für sich zu gewinnen. Im ersten Augenblick sei er in jugendlichem Leichtsinn darauf eingegangen, habe aber dann das Komplott durchschaut und zu seiner früheren Loyalität gegenüber dem Bruder zurückgefunden. Es kam sogar zu einem bewaffneten Zusammenstoß zwischen den Brüdern in Coviolo, etwa 3 km südwestlich von Reggio Emilia. Diesen Kampf datiert eine andere Quelle, die Abtliste von Nonantola auf das Jahr 1021. Es war ein "magnum bellum", ein großer Krieg, sagt Donizo, eine Feldschlacht, in der nicht nur die beiden Brüder ihre Kräfte maßen, sondern auch Bonifaz' Fähigkeit, mit der ihm übertragenen Herrschaft umzugehen, auf die Probe gestellt wurde. Aus der Schlacht von Coviolo ging Bonifaz als Sieger hervor. Sein Bruder starb hingegen einige Zeit danach an den Spätfolgen einer schweren Verwundung.
Anders Bonifaz, von dem widersprüchliche Charakterzüge überliefert, vor allem aber seine Stärke und Macht hervorgehoben werden. In Coviolo zeigte sich diese Stärke zu ersten Mal.
Das gesamte Herrschaftsgebiet der CANOSSA war nun fest in der Hand eines einzigen Herrn, der bereits durch seine Eheschließung gezeigt hatte, dass er dem Vorbild seiner Ahnen folgte: Um 1010 vermählte er sich mit Richilde, der Tochter des Grafen von Bergamo und Pfalzgrafen Giselbert II. und der Anselda, Tochter des Markgrafen von Turin, Arduin Glabrio (der dem in Canossa von Berengar II. belagerten Albert Atto zum Siege verholfen hatte). Diese Eheschließung verstärkte Bonifaz' Verbindung zu dem hohen Lehnsadel im Nordwesten, der den Versuch Arduins von Ivrea, sich gegen HEINRICH II. durchzusetzen, vereitelt hatte, und insbesondere zum Markgrafen von Turin, Olderich Manfred, seinen Vetter, dem Sohn Prangardas, einer Schwester Tedalds. Gleichzeitig brachte diese Heirat den CANOSSA beträchtliche wirtschaftliche Vorteile, vor allem neuen Grundbesitz am Po, wie Casteldidone und Correggioverde am linken Poufer. Ländereien im Gebiet von Revere am rechten Ufer sowie Castrumsiedlungen und Burgen bei Verona: in Nogara einen Fronhof "cum castro", in Angiari am Etsch ebenfalls einen Fronhof mit einem befestigten Dorf.
Unter Bonifazund Richilde wurde das Zentrum des Canossa-Hofes endgültig vom Apennin nach Mantua verlegt, das sie zur "Hauptstadt" des neuen Canossa-"Staats" machten, dessen Güter und Jurisdiktionen größtenteils in der Poebene lagen, sofern man in einer Zeit, in der man die Residenzen häufig verlegte und dabei die Archive, Bilder und Familienschätze mit sich führte, von einer Hauptstadt sprechen kann.
Mantua wurde ausgewählt, weil es in der Mitte des canossanischen Herrschaftsgebiets lag und weil es eine Stadt war, in der kein Bischof die Grafenwürde innehatte, so dass der Stadtherr nicht nur Graf des Contado war, wie in Modena oder Reggio, sondern auch der Stadt selbst. Hier ließ Bonifazsein Palatium errichten, vor dem Löwen als Zeichen für seine Stärke und Macht angebunden waren.
Auch unter Bonifaz behielten die CANOSSAihre traditionelle kaiserfreundliche Haltung bei. Vor allem nach der Schlacht bei Coviolo verstärkte sich die Bindung zwischen dem Reich und den CANOSSA sogar, so dass die zeitgenössischen Chronisten Bonifaz ebenso wie Erzbischof Aribert von Mailand zu den Mächtigen in Reichsitalien zählten, auf deren Unterstützung sich HEINRICH II. verlassen konnte.
Es gibt keine urkundlichen Belege für direkte Kontakte zwischen HEINRICH II. und Bonifaz, man kann aber mit Sicherheit davon ausgehen, dass sie bestanden haben, da ja der Markgraf dem Kaiser das Geleit geben mußte, wenn dieser durch canossanisches Gebiet zog. Es ist also anzunehmen, dass BonifazHEINRICH II. bei seinen Italienzügen begleitet hat, vor allem auf dem Feldzug nach Unteritalien, den der Kaiser Ende 1021/Anfang 1022 im Bündnis mit Papst Benedikt VIII. unternahm.
Am 24.Juli 1024 starb HEINRICH II., ohne einen Thronerben zu hinterlassen. Die letzten Nachfahren Arduins von Ivrea versuchten noch Einfluß auf die Nachfolge zu nehmen und favorisierten einen französischen Thronanwärter - Robert den Frommen oder Wilhelm V. von Aquitanien - setzten sich jedoch nicht durch, da die Großen des Regnum, unter ihnen Bonifaz, sofort für den SALIER KONRAD II. Partei nahmen.
Da sich Markgraf Rainer von Tuszien geweigert hatte, KONRAD II. in Lucca zu empfangen, wurde er besiegt und sofort seiner Markgrafenwürde enthoben. An seiner Stelle wurde Bonifaz mit der Mark Tuszien investiert. Mit dieser neuen, politisch bedeutsamen Investitur erreichte die Herrschaft der CANOSSA ihre größte Ausdehnung: Sie erstreckte sich nun vom Fluß Mignone bei Corneto, der Grenze des Dukats Rom, bis zum Gardasee und vom Gebiet von Cremona bis zur Adria bei Comacchio. Das Herrschaftsgebiet umfaßte demnach mehrere Markgrafschaften und in geographischer Hinsicht verschiedene Landschaften, es glich eher einem Königreich, als einem Komplex von Benefizial- oder Feudalbesitz.
KONRADS II. Herrschergewalt war nie gesichert, ständig war sie durch die großen Reichsvasallen bedroht. Der Kaiser bedurfte deshalb der Unterstützung des Markgrafen.Bonifaz wiederum gewann durch die Verbindung seiner Herrschaften nördlich des Apennin mit Tuszien (der heutigen Toskana) eine Schlüsselstellung für Papsttum und Reich. Bonifaz war sich durchaus bewußt, welche besonderen Privilegien er genoß und erwies sich dem Kaiser dankbar: 1034 kämpfte er mit ihm in Burgund gegen Graf Odo II. von Blois, der sich in der Champagne eine persönliche Herrschaft errichtet hatte, die eine stark "nationale" gegen das reich gerichtete Komponente aufwies. Durch seine Waffenhilfe trug Bonifazvor allem entscheidend zur Eroberung der Burg Murten (Morat) bei Neuchatel im heutigen Kanton Fribourg bei.
Im Juli 1036 beschloß KONRAD im Nijmwegen, einen weiteren Italienzug zu unternehmen. Bonifaz von Canossa befand sich bei ihm, wahrscheinlich gab er ihm das Geleit. Jedenfalls war BonifazMitte März in Pavia, als Aribert verurteilt und gefangengenommen wurde. Kurz darauf gelang es dem Mailänder Erzbischof, sich aus dem Gewahrsam des Patriarchen von Aquileia zu befreien und nach Mailand zurückzukehren. Als KONRAD II. daraufhin die Stadt belagerte, stand Bonifazhöchstwahrscheinlich an seiner Seite. Nach dem Scheitern dieses Unternehmens stand er im Juli 1037 in Verona KONRAD bei, ebenso Ende des Jahres in Parma, wo am Weihnachtstag ein Aufstand gegen die deutschen Truppen losbrach, der am folgenden Tag blutig unterdrückt wurde. Bonifazbegleitete den Kaiser auch auf seinem Zug nach Rom und S-Italien im Frühjahr 1038 und bei seiner Rückkehr im Sommer des gleichen Jahres, auf welcher der Herrscher wieder seine Gebiete durchquerte, um nach Deutschland zu gelangen.
Gräfin Richilde, der man im Leben des heiligen Mönchs Simeon und an der Seite ihres Mannes häufig begegnet, starb frühzeitig. Die letzte uns überlieferte Nachricht geht auf den Februar 1036 zurück, als sie in Gonzaga ein Landgut und in Mantua ein Haus veräußerte.
Im Jahre 1040 hatte HEINRICH III. in Augsburg die Großen des Reichs versammelt, unter ihnen sicherlich auch Bonifaz von Canossa. Der Markgraf war bei der Krönung HEINRICHS III. in Rom zugegen, wie Benzo von Alba uns überliefert hat. Bonifaz geleitet den Kaiser, wie es seine Pflicht und Schuldigkeit war, durch Tuszien und die Langobardia nach Deutschland, aber das wohl anfänglich gute Verhältnis zwischen den beiden kühlte sich rasch ab. Dem Markgrafen von Canossa war es klar, dass der Kaiser das Ziel verfolgte, die Selbständigkeit seiner Lehnsträger zu begrenzen, und dass dieser Italienzug ihm dazu gedient hatte, seine Gewalt über die Kirche und über Unteritalien wieder zu festigen und damit die Macht des hohen Lehnsadels, zu dem auch er, Bonifaz, gehört, zu beschneiden. Dem Kaiser war es hingegen wohl bewußt, dass die Macht der CANOSSA nicht zuletzt infolge der großzügigen Privilegien seines Vaters zu sehr gewachsen war und daher eingeschränkt werden mußte, um dem Reich nicht gefährlich zu werden.
Der von HEINRICH III. eingesetzte Papst Clemens II. starb unerwartet am 9. Oktober 1047. Nachdem auch die anderen Päpste von der Bildfläche verschwunden waren, kehrte Benedikt IX., der seine Ansprüche auf den päpstlichen Thron weiterhin geltend gemacht hatte, mit Unterstützung des Markgrafen Bonifaz von Canossa auf den Stuhl Petri zurück. HEINRICH III. designierte Poppo von Brixen, der den Namen Damasus II. annahm. In diesem Zusammenhang verlangte er von Bonifaz, er solle den neuen Papst zu seiner Inthronisatiion geleiten. Der Markgraf lehnte jedoch mit der Begründung ab, die Römer hätten Benedikt IX. wieder eingesetzt und Rom habe sich mit ihm ausgesöhnt. HEINRICH III. zwang Bonifazzum Gehorsam, und der Markgraf mußte sich ihm beugen und Damasus II. inthronisieren. Bonifazkonnte dem Kaiser nur bis zu einem gewissen Grad die Stirn bieten, und dieser war nicht dazu bereit, seine Kirchenpolitik zu ändern und das Papsttum weiterhin vom römischen Adel monopolisieren zu lassen oder gar sein errungenes Vorrecht an einen seiner Vasallen abzutreten, mochte dieser auch noch so ausgedehnte Territorien beherrschen. Die CANOSSAversuchten ihrerseits, zunehmend Einfluß auf die Papstwahl zu erlangen, auf die Tatsache gestützt, dass die Einsetzung des erwählten Papstes oft von ihnen abhing, ein Privileg, das die Quellen "paparum ducatus" nennen, was nicht das "Herzogtum der Päpste" meint, sondern das Recht bzw. die Pflicht, die Päpste von ihrem jeweiligen Wohnsitz nach Rom zu geleiten.
Während eines Jagdausflugs bei San Martino all'Argine in der Nähe von Mantua fand Bonifazam 6. Mai 1052 den Tod, wahrscheinlich wurde er heimtückisch ermordet.
Im Laufe seines Lebens hatte sich Bonifaz, nicht zuletzt durch seine Politik, viele mächtige Feinde geschaffen. Die Kirchen, deren Güter er sich bemächtigt hatte, hatten sicher Grund, sich über ihn zu beklagen, es ist aber auszuschließen, dass sie ihn hätten ermorden lassen. Bonifaz verhielt sich ihnen gegenüber nicht immer feindselig; im Gegenteil, gerade in seinen letzten Lebensjahren hatte er so manchen seiner harten Charakterzüge abgelegt und sogar eine Pilgerfahrt nach Jerusalem gelobt - vermutlich im Jahr 1048 - um Buße zu leisten für seine Simoniesünden. Der Tod ereilte ihn jedoch, bevor er dieses Gelübde einlösen konnte.
Einer späteren Quelle zufolge traf Bonifaz1048 in Italien mit einem Vetter seiner Gemahlin, Gottfried von Lothringen, genannt der Bärtige, zusammen, und beide beschlossen, sich gegen den Kaiser zu erheben. Die Folge davon war, dass Gottfried von HEINRICH III. gefangegenommen wurde und bis 1049 in dessen Gewalt blieb. Auf den Aufenthalt des Lothringers in Italien, wo er möglicherweise auch bei seiner Cousine Beatrix, Bonifaz'Gemahlin, einkehrte, stützte der Historiker Dupree um die Jahrhundertwende seine romanhafte Theorie, das diabolische Paar, Vetter und Cousine, von Liebe und Habgier getrieben, hätten die Ermordung des Markgrafen von Tuszien geplant, durch von Herzog Gottfried beauftragte Meuchelmörder ins Werk gesetzt und hätten dann bald darauf, nun beide verwitwet, die Ehe geschlossen.
Über den Aufstand der lombardischen hohen Lehnsherren, der zur Schlacht bei Coviolo führte, wurde bereits berichtet. Dass sie infolge ihrer Niederlage die Autorität und die Macht der CANOSSA akzeptieren mußten, leuchtet ein, was aber nicht heißt, dass damit auch jede Feindseligkeit ein Ende hatte. Auf der gesamten Apenninenhalbinsel brachen damals unruhige Zeiten an. Im gleichen Jahr wie Bonifazwurde Waimar IV. von Salerno ermordet. Auch zahlreiche andere Lehnsherren starben damals eines gewaltsamen Todes.
Donizo weist indirekt darauf hin, dass Bonifaz'Ermordung das Werk HEINRICHS III. gewesen sei. Eine letzte Spur führt zu den städtischen Arimannen von Mantua, den auffälligsten und politisch undurchsichtigsten Gegnern, die jedoch kurz darauf so mächtig wurden, dass sie sogar Papst Leo IX. und sein Gefolge aus der Stadt vertrieben.
Von weit größerem Interesse ist in diesem Zusammenhang des Phänomen der Annäherung der kaiserlichen Macht und der kleinen Vasallität sowie der wirtschaftliche Aufstieg des niederen Lehnsadels, der in enger Verbindung mit der Stadt steht, aus der er wahrscheinlich einen beträchtlichen Teil seines Reichtums bezieht. Diese beiden Entwicklungen drohten die Macht der CANOSSAzu schmälern. Der Mord an Bonifaz war zwar ein Attentat gegen die canossanische Dynastie, aber auch ein Zeichen dafür, dass der hohe Lehnsadel selbst in eine Krise geraten war.