Goez Elke: Seite 13-20
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"Beatrix von Canossa"

Beatrix heiratet mit höchster Wahrscheinlichkeit im Jahre 1037 den bedeutend älteren, damals seit kurzem verwitweten Markgrafen Bonifaz von Tuszien-Canossa, einen der mächtigsten Männer seiner Zeit, den treuesten Vasallen KONRADS II. in Italien
Bonifaz wurde vermutlich zu Beginn des Jahres 985 in Mantua geboren. Von seinen beiden Brüdern verstarb Konrad im frühen Mannesalter; der andere, Thedald, wurde, zum Geistlichen bestimmt, schließlich Bischof von Arezzo. So konnte Bonifazohne nennenswerte Schwierigkeiten die ungeschmälerte Hinterlassenschaft seines Vaters Tedald antreten. Die große politische und wirtschaftliche Potenz der canusinischen Dynastieberuhte nicht zuletzt darauf, dass die Erbfolge über vier Generationen nur auf zwei Augen beruhte und keine erbberechtigten Seitenzweige der Familie existierten, so dass der Gesamtbesitz von Teilungen verschont blieb.
Vermutlich Ende des Jahres 1016 hatte Bonifaz Richilde geheiratet, die Tochter des Pfalzgrafen Giselbert von Bergamo. Diese Ehe trug ihm außer dem enormen Reichtum seiner Braut die Verwandtschaft mit diesem Grafenhaus und den in NW-Italien begüterten OBERTENGHI ein, was ihm allerdings soweit ich sehe, nach dem Tode seiner Frau keinen politischen Nutzen mehr brachte. Zunächst aber bedeutete die Verbindung der CANOSSA mit den Bergamasker GISLEBERTINER, die sich zum Zeitpunkt der Eheschließung Richildes auf dem Zenit ihrer Macht befanden, eine wesentliche Stärkung der prokaiserlichen Kräfte Italiens, die deren Gegner aufs äußerste beunruhigte und schließlich zu offenen Feindseligkeiten führte, in die anfänglich auch, bestochen durch eine vorteilhaftes Eheangebot, Bonifaz'jüngerer Bruder Konrad involviert war, der sich allerdings rasch wieder der canusinischenPartei anschloß. Durch die Übernahme der Markgrafschaft Toskana, vermutlich 1027, wurde Bonifaz- als Markgraf von Tuszien Bonifaz II. -  vollends zum mächtigsten Fürsten zwischen dem mittleren Po und der N-Grenze des römischen Dukats.
Der Mann, den Beatrix 1037 heiratete, war wegen seines harten, alle Untertanen gleichermaßen bedrückenden und bisweilen geradezu grausamen Regiments unbeliebt und gefürchtet. Petrus Damiani hat Bonifazin direkter Form treffend charakterisiert, indem er in einem Brief dessen Reichtum und Macht betonte, ihn aber gleichzeitig bat, er möge verhindern, dass das markgräfliche Heer die Klöster, in deren Nähe es zu jener Zeit lagerte, plünderte.
Die Heirat mit der noch sehr jungen Lothringerin trug Bonifaz neben der nicht unbedeutenden Mitgift, die sie ihm in die Ehe brachte, die aber angesichts des enormen Reichtums des Markgrafen sicherlich nur eine untergeordnete Rolle spielte, vor allem Verwandtschaftsbeziehungen zum Kaiserhaus ein. Die CANUSINER befanden sich damit auf dem Höhepunkt ihrer politischen Macht. KONRAD II. war es gelungen, mit dieser Ehe den wichtigsten italienischen Vasallen noch enger an das Reich zu binden.
Es ist anzunehmen, dass Bonifazseine Braut 1036 in Nimwegen kennenlernte, als er zu politischen Gesprächen und wegen der Teilnahme an der Hochzeit HEINRICHS III. in Deutschland weilte. Vermutlich wurde damals in erster Linie über die Pläne zum zweiten Italienzug KONRADS II. und am Rande wohl auch über die Neubesetzung des Aretiner Bischofsstuhles beraten, den bislang Bonifaz'Bruder Thedaldinnegehabt hatte. Die Hochzeit mit Beatrix fand mit größter Wahrscheinlichkeit während des Aufenthaltes des Kaisers in Italien 1037 statt. Eine genauere Bestimmung des Datums auf Grund der chronikalischen Überlieferung ist nicht möglich; die früheste Erwähnung der Beatrix als Gemahlin des Markgrafen fällt erst in den Oktober des Jahres 1040. Bis August 1038 hielt sich KONRAD II. südlich der Alpen auf, dabei verschiedentlich auch im Machtbereich des Markgrafen. Ich glaube, dass in der Zeit zwischen Juli 1037 und August 1038 die Hochzeit stattfand; sie wurde in Marengo nördlich von Mantua gefeiert. Die Festlichkeiten müssen überaus prunkvoll gewesen sein, weil man sich noch im 12. Jahrhundert davon erzählte.
Bis 1046 gebar Beatrix drei Kinder:
Beatrix,
Friedrich
Mathilde
Es ist auffällig, dass alle drei Namen trugen, die auf die Familie der Mutter hinweisen. Es scheint, als habe Beatrix die ersten Ehejahre vornehmlich oder gar ausschließlich nördlich des Apennin verbracht; jedenfalls gibt es bis zum Tod desBonifazkeinen stichhaltigen Beweis für einen Aufenthalt der Beatrix in der Toskana. In den Jahren nach 1040 stellte sie mehrfach eigene Urkunden aus; man gewinnt den Eindruck, als habe Bonifaz sie bewußt allmählich in die Herrschaftsausübung und Verwaltung des canusinischen Territoriums eingeführt, vielleicht ahnend, dass unter Umständen seine Gemahlin die Vormundschaft für den einzigen Sohn und Erben übernehmen würde. Allerdings behielt er die jurisdiktionelle Gewalt ausschließlich sich selbst und seinen Amtsleuten vor.
Auch ein positiver Einfluß der Beatrixauf ihren Gatten konnte nichts an dem tief eingewurzelten Haß ändern, dem man Bonifaz seit langem entgegenbrachte. Am 6. Mai 1052 wurde der Markgraf auf der Jagd bei S. Martinello dell'Argine (bei Mantua) von einem seiner milites durch einen vergifteten Pfeil ermordet. Der Anschlag war sicher nicht nur auf einen persönlichen Racheakt zurückzuführen. Vielmehr war es Ausdruck eines weit verbreiteten, tiefgreifenden politischen und sozialen Aufbegehrens, das eben nicht nur die kleinen Vasallen ergriffen hatte, wie Grimaldi angenommen hat; er bildete ein Signal für eine umfassende "crisi della grade feudalita" in Ober- und Mittelitalien.