Legl Frank: Seite 141-144
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"Studien zur Geschichte der Grafen von Dagsburg-Egisheim. Veröffentlichungen der Kommission für Saarländische Landesgeschichte und Volksforschung Band 31"

                                              Exkurs 2
Zu den angeblichen Schwestern und Verwandten Leos IX.

Als anghebliche Schwestern des elsässischen Papstes können wir Gertrud, die Mutter der berühmten Ida von Elsdorf, ausmachen, des weiteren die Witwe des Grafen Hermann von Mons, Richilde, und als Gemahlinnen von Klosterstiftern sind sowohl eine gewisse Tuta von Egisheim, die Gemahlin des Grafen Manegold von Werth, Stifter des Klosters Heiligkreuz bei Donauwörth, eine Adelheid von Elsaß, Gemahlin des Sigiboto von Ruck, einer der Stifter des Klosters Blaubeuren, sowie die Äbtissin Gepa von Neuss als Schwestern Leos IX. bekannt.

                                              Gertrud, die Mutter der Ida von Elsdorf

Von der hochadeligen Dame namens Ida von Elsdorf, Tochter des Grafen Liudolf von Braunschweig, behauptet der um 1240 schreibende Albert von Stade, sie sei filia fratris imperatoris Heinrici III. filia quoque sororis Leonis pape, qui et Bruno [777 Annales Stadenses auctore Alberto, ed. I. M. Lappenberg, MGH SS XVI, ad 1112, Seite 319.] gewesen, die nach dem Mord an ihrem Sohn Ekbert durch Markgraf Udo II. von Stade zu Papst Leo IX., ihrem avunculus, nach Rom gereist sei und von diesem den Ratschlag erhalten habe, Udo sowohl zu verzeihen als auch als Erbe einzusetzen, was schließlich auch geschehen sei [778 Ebda.]. Idas Vater Liudolf von Braunschweig war ein Sohn der Kaiserin Gisela aus ihrer ersten Ehe mit Graf Brun von Braunschweig, ein Stiefbruder HEINRICHS III. Zu Idas Mutter, einer angeblichen Schwester Leos IX., namens Gertrud [779 Zum Namen Gertrud siehe Annalista Saxo, MGH SS VI, ad 1019, Seite 674.], haben sowohl Hans Dobbertin [780 H. Dobbertin, Das Verwandtschaftsverhältnis der "schwäbischen" Edlen Ida von Elsdorf zum Kaiserbruder Ludolf IV. von Braunschweig (+ 1038) und zu Papst Leo IX. (+ 1054), in: Braunschweigisches Jahrbuch, 43. Band, Wolfenbüttel 1962, Seite 44-76.], Hermann Jakobs [781
H. Jakobs, Der Adels in der Klosterreform von St. Blasien, Köln, Graz 1968, Seite 184-188 und Seite 197-204.] als auch Eduard Hlawitschka ausführlich geschrieben [782 E. Hlawitschka, Untersuchungen zu den Thronwechseln der ersten Hälfte des 11. Jahrhunderts und zur Adelsgeschichte Süddeutschlands. Zugleich klärende Forschungen um "Kuno von Öhningen", Sigmaringen 1987, Seite 144-148.].
Hans Dobbertin meint, daß Leos IX. Mutter Heilwig vor ihrer Ehe mit Graf Hugo IV. von Egisheim mit einem gewissen Ekbert verheiratet gewesen sei und sieht Gertrud als Halbschwester Leos IX. an [783 Dobbertin, Verwandtschaftsverhältnis, Seite 64f. Dobbertin (ebda., Seite 76) redet bezüglich der Tochter Gertruds, Ida von Elsdorf, von einer "Stiefschwestertochter" Leos IX., meint aber 'Halbschwester'.]. Dobbertin macht eine Tochter eines Grafen Ekbert, namens Gertrud, in den Quellen aus, die 1019 von einem gewissen Gottschalk, Sohn des Grafen Ekkehard, geschieden wurde [784 Annalista Saxo, MGH SS VI, ad 1019, Seite 674.]. Er erklärt diese Gertrud mit der Mutter Idas von Elsdorf identisch [785 Dobbertin, Verwandtschaftsverhältnis, Seite 65.]. Gegen Dobbertins These von einer angeblichen Erstehe Heilwigs von Dagsburg mit einem Grafen Ekbert kann jedch einiges vorgebracht werden. So ist aus den Quellen nichts hierzu bekannt [786 Auch die sonst so ausführliche Leonis vita berichtet nichts von solch einer Ehe von Leos IX. Mutter.]. Außerdem ist eine solche Ehe schon deswegen unwahrscheinlich, weil Heilwig - die angebliche Mutter Gertruds - die Erbtochter des Grafen Ludwig von Dagsburg gewesen ist. So häten doch mit Sicherheit die Kinder aus erster Ehe Heilwigs beim Tod ihrer Mutter das dagsburgische Erbe beansprucht. Auch wäre es nicht so reibungslos und von den Quellen unbeachtet auf die Nachkommen aus Heilwigs angeblicher zweiter Ehe weitergegeben worden, wenn Gertrud und ihre angeblichen Geschwister [787 Zu den angeblichen Geschwistern Gertruds siehe die Stammtafel bei Dobbertin, Verwandtschaftsverhältnis, Seite 75. Auf die Problematik, ob Gertrud überhaupt Geschwister hatte, soll hier nicht eingegangen werden.] Kinder der Heilwig von Dagsburg gewesen wären. Wir lesen jedoch überhaupt nichts von irgendwelchen Streitigkeiten um Heilwigs Erbe. Die These Dobbertins, Gertrud sei die Tochter Heilwigs gewesen, muß also zurückgewiesen werden. Davon unberührt bleibt freilich Dobbertins Behauptung, Gertrud sei mit der Tochter des Grafen Ekbert identisch, deren Ehe mit einem Gottschalk 1019 geschieden wurde [788 Siehe oben Anm. 784.].
Hermann Jakobs billigt zwar Dobbertins Thesen Glaubwürdigkeit zu [789 Jakobs, Adel, Seite 184; vgl. dazu auch die Einschätzung von Dobbertins These bei K. Schmid, Probleme um den "Grafen Kuno von Öhningen". Ein Beitrag zur Entstehung der welfischen Hausüberlieferung und zu den Anfängen der staufischen Territorialpolitik im Bodensee, in: Ders., Gebetsgedenken und adliges Selbstverständnis im Mittelalter, Seite 133f.], doch er hält gegenüber dem Bericht Alberts von Stade eine gewisse Skepsis für angebracht [790 Ebda., Seite 186.]. Er kommt, da in dem Bericht des Albert von Stade Leo IX. auch als avunculus Idas von Elsdorf bezeichnet wird [791 Siehe oben, das Zitat in Anm. 778.] und durch einen Vergleich mit dem Chronicon Rosenfeldense, das nach Jakobs' Meinung eine andere Version von Alberts Text benutzt hat [792 Jakobs, Adel, Seite 186f.], zu der Vermutung, daß Albert von Stade das Wort avunculus einfach dahingehend interpretiert habe, daß Ida von Elsdorf eine Schwestertochter Leos IX. sein müsse, also der Stader Annalist "eine gutgläubige Chronistenversion (eben für avunculus) im genealogisch strengen Sinne" [793 Ebda., Seite 187f.] geliefert habe, "die darum aber nicht gleich der historischen Wirklichkeit entsprechen" müsse [794 Ebda., Seite 188.]. Der Satz, daß Ida eine Schwestertochter Leos IX. sei, wirke "rhetorisch" zugespitzt [795 Ebda., Seite 188.]. Jakobs geht wie Dobbertin davon aus, daß Gertrud die Tochter eines Ekbert gewesen sei [796 Ebda., Seite 197.]; zu der These Dobbertins, Gertrud sei eine Halbschwester Leos IX., wahrt er allerdings Distanz [797 Ebda., Seite 198ff.], sieht aber durchaus eine Verwandtschaft zwischen Gertrud und Leo IX. [798 Ebda., Seite 201f., nennt als eine Möglichkeit der Verwandtschaftsbeziehung die Leo IX. und Gertrud gemeinsame Verwandtschaft zu den SALIERN, die er über die angebliche Ahnfrau der RHEINFELDENER, Judith, als gegeben ansieht. Eine weitere Möglichkeit der Verwandtschaft zwischen Gertrud und Leo IX. möchte Jakob, Adel, Seite 201ff., in dem komplizierten Vererbungsgang des berühmten Egbert-Psalters erblicken.] und läßt letztendlich offen, ob Gertrud eine Schwester oder Halbschwester Leos IX. gewesen sei [799 Ebda., Seite 204.].
Eduard Hlawitschka, der zuletzt die Frage nach der Abstammung Gertruds eingehend untersucht hat, schließt sich der These Dobbertins an, daß Graf Ekbert der Vater Gertruds gewesen sei [800 Hlawitschka, Untersuchungen, Seite 146.]. Hingegen billigt er Dobbertins Aussage, Gertrud als eine Stiefschwester Leos IX. anzusehen, wenig Wahrheitswert zu. Er verweist darauf, daß solch einer angenommenen Erstehe Heilwigs von Dagsburg die Quellen gänzlich schweigen, und daß der Name Gertrud bis zu diesem Zeitpunkt in der EGISHEIMER Grafenfamilie nicht belegt ist [801 Ebda., Seite 146 f.]. Hlawitschka hält die These von Hermann Jakobs für plausibler und meint, daß Gertrud und Leo IX. durch die SALIER als Bindeglied zwar verwandt gewesen sind, jedoch bestehe die Verwandtschaft nicht über Judith, die angebliche Ahnfrau der RHEINFELDENER, wie Jakobs glaubt [802 Zur Auffassung von Jakob siehe Anm. 781 und 792.]; vielmehr habe der Chronist Albert von Stade speziell das Verwandtschaftsverhältnis zwischen Kaiser HEINRICH III. und Papst Leo IX. [803 Zur Verwandtschaft der EBERHARDINER/EGISHEIMER Grafen mit den SALIERN siehe oben, Seite 36ff.] im Auge gehabt und die Darstellung von Idas Herkunft durch den Hinweis auf die Verwandtschaft zu Leo IX. in der uns vorliegenden, zugespitzten Form ergänzt [804 Hlawitschka, Untersuchungen, Seite 146.].
Zusammenfassend kann man feststellen, daß die These, Gertrud sei eine Schwester bzw. eine Halbschwester Leos IX., eher abzulehnen ist.