Hils, Kurt: Seite 26,31,34-37,43
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"Die Grafen von Nellenburg im 11. Jahrhundert"

Rudolf von Rheinfelden, Graf Otto und sein Sohn Friedrich (von Andechs/Dießen), Graf Ecbert von Sachsen, Ita von Sachsen und Birkendorf, Tuto von Wagenhausen und Hecelo, der Vogt des Klosters Reichenau, schenkten als gemeinsame Erben zwischen 1071 und 1080 dem Kloster St. Blasien das predium Schluchsee, wie es das Diplom HEINRICHS V. 1125 bestätigt [1 St. 3205; FUB 5, 53 Nr. 87; H. Bresslau, Diplomata centum (1872), 57 Nr. 41. K. Schmid, Königtum, Adel und Klöster Seite 316ff.; H.J. Wollasch, Die Anfänge des Klosters St. Georgen im Schwarzwald, Forschungen zur oberrheinischen Landesgeschichte 14 (1964) 23; H. Maurer, Die Herren von Krenkingen und das Land zwischen Schwarzwald und Randen, Diss. phil. Freiburg/Br. (1964) 68f. Wertvolle Aufschlüsse bringt die neueste Arbeit zu diesem Problem von K. Schmid, Probleme um den Grafen Kuno "von Öhningen", in Heimatbuch Öhningen, 1966; Herrn Dr. Berner, Singen (Hohentwiel), verdanke ich die Kenntnis dieses Aufsatzes, da er mir in großzügiger Weise die Druckfahnen zur Einsichtnahme überließ.].
Daran schließt sich nordwestlich ein geschlossener nellenburgischer Besitzkomplex an, der im Osten mit Grafenhausen (Kr. Neustadt) - im Übergangsbereich zwischen Rodungsgebiet und Altsiedelland gelegen - beginnt; hier ist auch Ita von Birkendorf, die ebenfalls zum Schluchseeschenkerkreis gehört begütert [58 Siehe unten Seite 35, Anm. 85.].
Eine wichtige Besitzüberschneidung mit der Öhninger Dotation liegt im Schluchseeraum vor. Zwischen 1070 und 1080, nach H. Büttner [78 Allerheiligen und die Erschließung des Schwarzwaldes, Schaffh. Beitr. 17 (1940) Seite 19 Anm. 49.], schenken RUDOLF VON RHEINFELDEN, Graf Otto und sein Sohn Graf Friedrich von Dießen/Andechs, Graf Ecbert von Sachsen, Ita von Sachsen/Birkendorf, Tuto von Wagenhausen und Hecelo das "predium Slohse" an das Kloster St. Blasien, und zwar "communi voto"[79 H. Bresslau, Diplomata centum (1872) Nr. 41, Seite 57ff., St. 3205.]. Das predium Schuchsee gehörte also zum Besitz des Kuno "von Öhningen". Gerade aber in Schluchsee und südlich davon waren die NELLENBURGER reich begütert.
Überraschenderweise verfügten die NELLENBURGER in dieser Gegend über ausgedehnten Besitzungen. Dazu kommt, daß Igelschlatt, Seewangen und Grafenhausen in unmittelbarer Nachbarschaft von Birkendorf (Kr. Waldshut) liegen, Birkendorf, nach dem sich die Mittradentin Ita von Sachsen/Birkendorf nannte; diese verfügte außerdem in Grafenhausen über Besitz, sie schenkte 1085 eine Hufe an das Kloster Allerheiligen [85 H. Maurer, Herren von Krenkingen, Seite 93, dessen Deutung der spätmittelalterlichen Überlieferung wohl durch die Nachricht Rüegers, Chronik I, Seite 289, bestätigt wird.]. Damit ist eine wichtige Besitzüberschneidung mit einem Mitglied des Schenkerkreises von Schluchsee festgestellt.
Die Namengleichheit zwischen der Gattin Eberhards von Nellenburg, Ita und Ita von Sachsen/Birkendorf legt nahe, einen Zusammenhang zwischen diesen Frauen zu suchen. Ita von Sachsen/Birkendorf hatte 1085 dem Kloster Allerheiligen eine Hufe in Grafenhausen geschenkt, Grafenhausen, das die NELLENBURGER als Ausstattungsgut Allerheiligen zugewiesen hatten und wo um 1100 die Fideszelle von Allerheiligen errichtet worden war. Birkendorf, nach dem sich Ita nannte, lag in unmittelbarer Nachbarschaft der nellenburgischen Besitzungen in Igelschlatt und Seewangen, nordöstlich davon befindet sich das nellenburgische Zentrum der Erschließung des Südschwarzwaldes, Garfenhausen. Namen und Lage des Besitzes würde dafür sprechen, in Ita von Sachsen/Birkendorf Ita, die Gattin Eberhards von Nellenburg, zu sehen. Über die Herkunft Itas, der Gattin Eberhards, ist nichts bekannt, davon abgesehen, daß sie nach der Aussage des Stifterbuches "von den hoechsten gravengeschlechte, so in tuitschen lande was", abstammte [88 Siehe oben Seite 14, Anm. 23.]. Von der Gattin Burkhards von Nellenburg, dem Sohn Eberhards, berichtet das Stifterbuch: "ain edel frouwen, die was biurtlich von Sachsen" [89 Siehe oben Seite 15, Anm. 29.]. Die Annahme, der Verfasser dieses Stifterbuches habe die Herkunft der Gattin Burkhards mit der Herkunft der Gattin Eberhards verwechselt, hat kaum Beweiskraft. Wäre allerdings Ita von Sachsen/Birkendorf die Gattin Eberhards, so hätte Burkhard vielleicht gerade deshalb eine sächsische Adlige geheiratet, weil dann seine Mutter Ita verwandtschaftliche Beziehungen zu Sachsen hatte oder von dort stammte. Daß Ita von Sachsen/Birkendorf nie mit Eberhard von Nellenburg zusammengenannt wird, könnte man damit erklären, daß Eberhard in den letzten Jahren seines Lebens von ca. 1070 an Mönch in seiner Stiftung Allerheiligen war, vorher aber Ita von Sachsen/Birkendorf in keiner Urkunde uns entgegentritt.
Ließe sich tatsächlich nachweisen, daß Eberhard von Nellenburg, Besitznachbar der Erben Kunos "von Öhningen", eine Ehe mit Ita von Sachsen/Birkendorf, einer Verwandten Kunos "von Öhningen" eingegangen ist, so müßte man die ausgedehnten nellenburgischen Güter im Südschwarzwald als Mitgift Itas und damit aus dem Erbe Kunos "von Öhningen" stammend betrachten Nicht nur die Besitzüberschneidung der großen nellenburgischen Güter im Schwarzwald mit dem predium Schluchsee und dem Öhninger Erbe, sondern auch die obige Frage, warum Eberhard von Nellenburg trotz seiner Besitzungen im Schluchseegebiet nicht an jener Schenkung an St. Blasien beteiligt ist, könnte man dann durch Itas Ehe mit Eberhard und ihre Teilnahme an dieser Schenkung an St. Blasien erklären. Weit größere Wahrscheinlichkeit hat allerdings die Ansicht Schmids, der Ita von Sachsen/Birkendorf mit Ida von Elsdorf identiziert [90 Probleme um den Grafen Kuno "von Öhningen", Heimatbuch Öhningen 1966. Ebenso hält A. Heinrichsen, Süddeutsche Adelsgeschlechter in Niedersachsen im 11. und 12. Jahrhundert, Niedersächsisches Jahrbuch für Landesgeschichte 26 (2954) Seite 39ff. Ita von Sachsen/Birkendorf für die aus Schwaben stammende Ida von Elsdorf, die er als eine Tochter Liudolfs von Braunschweig bestimmte. Dieser entsproß der Ehe der Kaiserin Gisela mit Bruno von Braunschweig. Ecbert von Sachsen, ebenfalls einer der Schenker des predium Schluchsee, wird der Ita als Bruder zugesellt.]. K. Schmid erkannte den quellengeschichtlichen Zusammenhang zwischen der Urkunde HEINRICHS V. von 1125 für St. Blasien, dem Schluchsee betreffend, und dem welfischen Bericht über die Nachfahren Kunos "von Öhningen". Nur die Namen und Familienzuweisungen der Vornehmsten der gemeinsamen Schenker des Schluchseegutes erschienen im Bericht der Welfengenealogie: Herzog Rudolf von Rheinfelden, Graf Ecbert von Sachsen und die Grafen Otto und Friedrich von Dießen-Andechs. Von den vier Töchtern Kunos "von Öhningen" sei eine mit einem rex Rugiorum verheiratet gewesen. Die Ehe einer Tochter Idas von Elsdorf mit einem in den Quellen rex Ruziae genannten russischen Großfürsten [91 K. Schmid, Probleme um den Grafen Kuno "von Öhningen", Heimatbuch Öhningen 1966, Anm. 147.] bringt Ita von Sachsen/Birkendorf in Beziehung mit Ida von Elsdorf. Sie war die Mutter jenes Ecbert, der von einem Verwandten - einem Grafen von Stade - erschlagen wurde. Ida verzieh dem Mörder und setzte ihn als Erben ein, was einen langwierigen Streit mit den übrigen Verwandten verursachte. Der Verfasser der Welfengenealogie muß aus der Kenntnis der verwandtschaftlichen Beziehungen des Schluchseeschenkerkreises und aus dem verworrenen Wissen um den Anlaß der Auseinandersetzungen bezüglich der Erbschaft Idas und der Ehe zwischen einem rex Rugiorum und Idas Tochter seinen Bericht über die Verwandtschaft und Nachkommen Kunos "von Öhningen" erstellt haben. Demnach so folgert Schmid, hielt der Verfasser der Welfengenealogie Ita von Sachsen/Birkendorf für Ida von Elsdorf. Dabei verwechselte und verband dieser Genealoge den "Markgrafen Ecbert von Stade" und den rex Rugiorum mit Personen, die in die Geschichte der Familie Idas von Elsdorf gehören.
Liegen für die Identifikation der Ita von Sachsen/Birkendorf mit Ita, der Gattin Eberhards von Nellenburg, zu wenig Beweise vor, so müssen die Besitzungen der NELLENBURGER im südöstlichenm Schwarzwald und ihre Lage zu der Erbmasse Kunos "von Öhningen" durch andere verwandtschaftliche Beziehungen der NELLENBURGER zu den Öhninger Erben erklärt werden. Rein zufällig ist die Lage des ausgedehnten Besitzes zur Öhninger Dotation nicht zustande gekommen.
Ein großer Teil der nellenburgischen Besitzungen im südöstlichen Schwarzwald und um den Schluchsee werden also im Zusamemnhang mit der nellenburgischen Verwandtschaft zu Ita von Birkendorf, zur Hecelo-Familie und den HONSTETTERN und anderen mit diesen verwandten Adelsfamilien gesehen werden müssen; denn über diese Familien treten die NELLENBURGER in den Kreis der Erben Kunos "von Öhningen" der im Schluchseegebiet reich begütert gewesen sein muß.