Brüsch, Tania: Seite 30-33
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"Die Brunonen, ihre Grafschaften und die sächsische Geschichte. Herrschaftsbildung und Adelsbewußtsein im 11. Jahrhundert."

Ob Bruno und Ekbert auch noch eine Schwester hatten, wie in der Literatur behauptet wurde, ist zweifelhaft. Man vermutete, daß die bei Albert von Stade mehrfach erwähnte Ida von Elsdorf eine Tochter Liudolfs sei; Ausgangspunkt der Überlegungen waren die folgenden Hinweise bei Albert:

     Ista namque Ida, nobilis femina de Suevia nata, in villa Elsthorpe manens, hereditatem habuit,
     que adhuc hereditas Ide dicitur. Hec fuit filia fratris imperatoris Heinrici III, filia quoque
     sororis Leonis pape, qui et Bruno.
[43 Annales Stadenses auctore Alberto, hg. v. J. M. Lappenberg, in: MGH SS 16, Hannover 1859, Seite 271-379, hier Seite 319.].

Hiernach wäre Idas Vater ein Bruder HEINRICHS III. gewesen, und im Ausschlußverfahren  ermittelte man Liudolf [44 Die These wurde erstmals von K.C.H. Krause aufgestellt. Das "de suevia nata" erklärt er mit ihrer schwäbischen Verwandtschaft, den Halbbrüdern Liudolfs, Ernst und Hermann, aus der zweiten Ehe Giselas. Rockrohr übernahm die These, und Schölkopf vertrat die gleiche Ansicht. Die Diskussion um Ida wurde komplizierter, als sie auch als Ida von Birkendorf in den Überlegungen zu Kuno von Öhningen und der Schenkergemeinschaft vom Schluchsee eine Rolle zu spielen begann. Hans Dobbertin bezog diese Schenkergemeinschaft in seine Überlegungen ein: Er hält "Ida von Elsdorf für eine Stieftochter des Kaiser(stief)bruders Ludolf IV. von Braunschweig und für eine Stiefschwesterntochter des besagten Papstes [Leo IX.]" und nimmt an, daß sie "nach ihrer Romreise [zu ihrem Onkel] in das schwäbische Schwarzwalddorf Birkendorf übergesiedelt ist, welches zu den Erbgütern der Grafen von Öhningen gehört haben wird." Allein Dobbertins Zusammenfassung verdeutlicht bereits, wie spekulativ und kompliziert diese Beweisführung über die Identität der beiden Frauen namens Ida ist. Aber auch Eduard Hlawitschka hält Ida für eine Tochter Liudolfs. Er führt unter anderem die Namensgleichheit ihres Sohnes mit Ekbert I., der dann ja ihr Bruder gewesen wäre, als Argument an. Gerd Althoff hingegen vertritt die These, daß es nicht möglich sei, Ida von Birkendorf mit Ida von Elsdorf gleichzusetzen und sie mit Kuno von Öhningen zusammen in ein genealogisches Stemma einzuordnen. Er beruft sich dabei auf die Überlieferung, die solche Zusammenhänge nicht hergibt.
K.C.H. Krause, Ida von Elsthorpe und ihre Sippe, in: Forschungen zur Deutschen Geschichte 15,1875, Seite 639-648; Rockrohr, Brunonen, Seite 8; Schölkopf, Die sächsischen Grafen, Seite 110; Hans Dobbertin, Das Verwandtschaftsverhältnis der "schwäbischen" Edlen Ida von Elsdorf zum Kaiserbruder Ludolf IV. von Braunschweig (+ 1038) und zu Papst Leo IX. (* 1054), in: BsJb 43, 1962, Seite 44-76, Zitat, Seite 76; ergänzt durch: Ders., Ekbert von Elsdorf war ein Babenbegrer, in BsJb 61, 1980, Seite 143-144; in einem weiteren Aufsatz versucht Dobertin seine These zu untermauern; Ders., Neues über Ida von Elsdorf, in: BsJb 53, 1972, Seite 49-71; diese Ansicht wurde von Hermann Jakobs teilweise übernommen: Der Adel in der Klosterreform von St Blasien, Köln, Graz 968 (Kölner Historische Abhandlungen 16), Seite 195f.; zur Abwegigkeit dieser These auch Armin Wolf, Wer war Kuno 'von Öhningen'? Überlegungen zum Herzogtum Konrads von Schwaben (+ 997) und zur Königswahl vom Jahre 1002, in: DA 36, 1980, Seite 25-83, Seite 39; Wolf kommt allerdings auf anderem Wege zu dem Ergebnis, daß Ida eine Tochter des BRUNONEN Liudolf war; Hlawitschka, Thronwechsel, vgl. Seite 128-155; Gerd Althoff; Heinrich der Löwe und das Stader Erbe. Zum Problem der Beurteilung des "Annalista Saxo", in: DA 41, 1985, Seite 66-100, besonders Seite 90f. Die Überlegungen Althoffs zur Entstehungsgeschichte des "Annalista Saxo" sind zwar mit Nass, Reichschronik, überholt, das ändert jedoch nichts an der prinzipiellen Kritik an Hlawitschka.].
Tatsächlich gibt es außer dem Hinweis bei Albert von Stade kein weiteres Indiz dafür, daß Liudolf neben seinen Söhnen auch eine Tochter Ida hatte. Dieser eine Beleg ist jedoch in vielfacher Hinsicht problematisch.
  Erstens schrieb Albert erst nach 1240. Woher er seine genealogischen Informationen bezog, ist
  unbekannt.
  Zweitens ließ er in diesen genealogischen Mitteilungen wenig Sorgfalt walten.
  Drittens wird der Name Liudolfs nicht erwähnt, die Verbindung zwischen ihnen also nur erschlossen:
  Von dem Hinweis, daß Ida eine Tochter eines Bruders HEINRICHS III. gewesen ist, kommt man
  nur zu dem BRUNONEN Liudolf, indem man die anderen bekannten Brüder HEINRICHS III.
  ausschließt. Dieses Verfahren ist jedoch methodisch problematisch, weil es voraussetzt, daß der
  Personenkreis, um den es geht, vollständig überliefert ist. Letztlich wurde Liudolf nur deshalb zum
  Vater Idas erkoren, weil man über ihn weniger weiß als über die anderen Brüder HEINRICHS III.
  Viertens bleibt noch die Schwierigkeit - folgt man Albert von Stade -, Liudolfs Gemahlin Gertrud in
  ein verwandtschaftliches Verhältnis zu Papst Leo IX. zu stellen. Auch Hlawitschka kann keine
  Verbindung zur Familie Leos, den Grafen von Egisheim, feststellen und muß konstatieren, daß
  Gertruds Herkunft weiterhin unbekannt bleibt [45 Hlawitschka weist die Kritik Althoffs zurück; vgl.
  Hlawitschka, Thronwechsel, Seite 153.].
Fazit:
Berücksichtigt man die quellenkritischen Schwierigkeiten und methodischen Mängel, die der Annahme von Vater-Tochter-Verhältnis Liudolfs und Idas zugrunde liegen, gibt es keinen begründeten Nachweis, daß Ida der brunonischen Familie entstammte [46 Zu Albert von Stade vgl. Jürgen Stohlmann, Art. Albert von Stade, in: Verfasserlexikon I, Spalte 143-151; Hans Patze, Art. Albert von Stade, in: LexMA I, Spalte 290.].