Lüpke Siegfried:
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"Die Markgrafen der Sächsischen Ostmarken in der Zeit von Gero bis zum Beginn des Investiturstreites (940-1075)"

Der größte Teil der Zeit Ekberts II. (1068-1090), die hier zu behandeln ist, umfaßt seine Knaben- und Jünglingsjahre. Erst gegen Schluß dieser Zeit tritt er handelnd auf. Sein Bild bleibt daher innerhalb dieses Zeitraumes schattenhaft. Zunächst dürfte sicher sein, dass die Verkleinerung der Meißener Mark durch die Abtretung der Mark Zeitz und ihre Zuteilung an die Nordmark, die zum ersten Mal in einer Urkunde vom 14. Dezember 1069 nachweisbar ist und über deren Zeitpunkt wir genaue Quellenangaben nicht besitzen, eben jetzt nach Ekberts I. Tode (Januar 1068) erfolgte. Kein Zeitpunkt scheint geeigneter als dieser, keiner besser gerechtfertigt. Wenn der König einerseits mit der Verleihung der Mark an Ekbert II. seinem Ekbert I. gegebenen Versprechen nachgekommen war, so mußte es jetzt für ihn andererseits nahe liegen, die bedenklich umfangreiche Macht der BRUNONEN etwas einzuschränken. Das konnte aber gegenüber dem unmündigen Knaben, der Ekbert I. folgte, ohne Gefahr geschehen. Jetzt muß also die frühere Mark Zeitz zur Nordmark geschlagen worden und damit unter die Botmäßigkeit Udos II. von Stade gekommen sein. Von einem Widerspruch gegen diese Neuverteilung ist nichts bekannt. Wir wissen nicht einmal, wer für Ekbert II. die vormundschaftliche Regierung geführt hat. Es darf die Vermutung ausgesprochen werden, dass sie in den Händen seiner Mutter Irmgard lag, wenn auch keine Quelle dies ausdrücklich belegt. Doch finden sich ähnliche Fälle nicht nur in der Regentschaft der Theophano, der Agnes, der Herzogin Gisela für Ernst von Schwaben, sondern auch in den Marken tritt etwas später eine Frauengestalt in gleicher Eigenschaft in Erscheinung: Markgräfin Gertrud, die für Heinrich II. von Wettin sogar zwei Marken, nämlich die Ostmark und Meißen, verwaltete. Eine Vormundschaft Dedis, des WETTINERS in der Ostmark, über Ekbert II. ist ganz sicher abzulehnen, da für diese Annahme kein triftiger Grund vorliegt. Auch ist es kaum wahrscheinlich, dass die Mark eine Zeitlang unbesetzt geblieben wäre, da die Nachfolge bereits vor dem Ableben Ekberts I. geregelt war. Im ganzen kann festgestellt werden, dass der König seinem Ansehen in Meißen volle Geltung verschafft hatte, das durch keinerlei Widerspruch gegen seine Verfügungen eingeschränkt wurde. Diese für den König befriedigende Stellung muß sich - allerdings nicht ohne Trübung - bis zum Sachsenaufstand von 1075 erhalten haben. Denn erst in diesem Jahre wird der Bruch zwischen HEINRICH und Ekbert offenbar. Selbstverständlich haben die unsicheren sächsischen Verhältnisse ihre Rückwirkung auf Meißen gehabt, aber zunächst nicht in dem Maße, wie man hätte erwarten können. Es darf wohl als sicher gelten, dass Ekbert zu den Unruhen des Jahres 1073 keinen Anteil gehabt hat und dass die Behauptung des Hersfelder Mönches, das sei der Fall gewesen, kaum Glauben verdient, denn noch 1074 wird Ekbert mehrfach in der Umgebung des Königs angetroffen. Allenfalls könnte man eine vorübergehende Trübung der Beziehungen 1072/73 gelten lassen, da aus diesen Jahren keine Urkunden vorhanden sind. Es bleibt dies jedoch eine unsichere Annahme. Erst mit dem Überfall HEINRICHS IV. 1075 - anders kann man den überraschenden Einbruch des Königs mit Wratislav von Böhmen in die Mark kaum nennen - wird die Lage ganz klar: HEINRICH betrachtet den Markgrafen als seinen Feind. Wenn wir nach den Gründen des plötzlichen Umschwungs fragen, so gibt nur Ekberts Verbindung mit Oda, der Tochter Dedis von der Ostmark [Persönlicher Einwurf: Dedi war Odas Stiefvater, da sie aus Adelas 1. Ehe stammte.] und seiner ehrgeizigen Frau Adela, eine Erklärung dafür. Die unruhige, herrschsüchtige Frau, die schon ihren zweiten Gemahl Dedi auf die Seite der Königsgegner getrieben hatte, suchte durch die Verlobung ihrer Tochter mit dem Meißener Markgrafen, ihren Einfluß auf diese Mark auszudehnen. Das mochte ihr um so leichter gelingen, je jünger Ekbert war. Aber gerade deshalb ersah der König Meißen als Angriffspunkt seiner Unternehmung gegen Sachsen, weil er von dem jugendlichen Ekbert den geringsten Widerstand erwartete. Wenn HEINRICH sich über Kraft und Zähigkeit des Gegners auch gründlich getäuscht hatte, so wurde Meißen Ekbert doch jetzt abgesprochen und Wratislav verliehen. Sogar seines Eigengutes wurde der Meißener für verlustig erklärt. Ekberts Absetzung verdient besonders hervorgehoben zu werden. HEINRICH IV. handelt rasch entschlossen und sehr bestimmt. Aber ihm fehlt die weise Mäßigung und kluge Vorsicht, die seine Vorgänger in ähnlichen Fällen (Gunther, Guncelin, Werner) auszeichnete. Seine Maßnahme war - wie andere den Sachsen gegenüber - übereilt und zuwenig durchdacht, ein Umstand, der mit seiner Jugend wohl erklärt werden kann, der aber eben deshalb auch nicht die gewünschte Wirkung hatte. Denn Ekbert war weit davon entfernt, sich dem königlichen Urteil ohne Widerspruch zu fügen, sondern machte alle Anstrengungen, seine verlorene Herrschaft zurückzugewinnen und - was dem Ansehen HEINRICHS am abträglichsten war - mit Erfolg. Gerade in diesem Umstand kommt der Unterschied der königlichen Stellung zu den Markgrafen gegenüber HEINRICHS IV. am stärksten zum Ausdruck. Von Gunther wird keinerlei Widerstand gegen den Willen des Herrschers berichtet. Guncelin hatte durch sein unmögliches Verhalten seine Würde verwirkt. Keiner der Fürsten trat für ihn ein, sie empfahlen ihn lediglich der Gnade des Königs. Werner entging nach seiner Absetzung einem noch härteren Schicksal durch den Tod. In keinem Fall ist auch nur ein Versuch zum Widerstand erkennbar. Wenn Ekbert II. durch seine Empörung die Mark gegen den Willen des Königs behauptete, dann gründete er seine Stellung nicht mehr auf irgend ein Recht, sondern auf bloße Gewalt. Schlagartig wird hier das veränderte Verhältnis zum König deutlich. Der sächsische Herzog spielte hier noch keine Rolle. Erst unter HEINRICH V. trat er mit dem bis dahin unerhörten Anspruch der Markenbesetzung gegen den König hervor. Ekbert war von den sächsischen Aufständischen einer der zügellosesten und am wenigsten in seinen Taten durch Bedenken irgendwelcher Art gehemmt, ein Mann der ohne Umstände blitzschnell die Partei wechselt, wenn er darin seinen eigenen Vorteil erblickte [Nicht weniger als fünf Mal fiel Ekbert von HEINRICH IV. ab, und vier Mal kehrte er zu ihm zurück, und das alles von 1075 bis 1090; also ein neunmaliger Seitenwechsel in 15 Jahren.]. Er war kein guter Verwalter seines Gebietes, kein Schützer des Reiches, sondern ein wilder Abenteurer und selbstsüchtiger Vertreter des Faustrechtes, der schließlich nicht unverdient 1090 ein gewaltsames Ende fand. Königstreue Diener des Markgrafen Heinrich von der Ostmark, der nun auch Meißen erhielt, fanden Ekbert in einer Mühle des Selketales und gaben ihm den Tod. So endete der letzte Vertreter der Meißener Markgrafen unseres Zeitraumes auf die gleiche Weise, fast am gleichen Orte und aus ähnlichem Grunde wie der erste große Gebieter dieser Mark: Ekkehard I. So ungleich sie im Leben waren, so ähnlich wurde ihr Tod.