Annalista Saxo: Seite 73,95-98,111
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"Reichschronik"

Das Jahr 1062.
 

Der königliche Knabe wird auf Anstiften einiger Fürsten, nämlich des Mainzer Erzbischof Sigefrid, des Herzogs Otto von Northeim und des Grafen Ekbert von Bruneswik, der ein Vetter des Königs selbst war, der Kaiserin-Mutter geraubt.

[Markgraf Willehelm .... starb. Seine Braut Sophia nahm Odalrich, der Markgraf der Carentiner, sein Verwandter. Seine Mark aber erhielt sein Bruder Otto von Orlagemünde]. Ihr, nämlich der Markgrafen Willehelm und Otto, Bruder war Poppo, der einen Sohn Odalrich hatte, welcher die Schwester des Königs Ladizlaus von Ungarn Sophia zur Frau nahm, und sie gebar ihm den jüngern Odalrich, der des Grafen Lodowich von Thüringen Tochter heirathete. - Markgraf Otto aber hatte eine Frau Namens Adela von Brabant, von dem Schlosse, das Lovene heißt, welche ihm drei Töchter Oda, Kunigunde und Adelheid gebar, Oda bekam der Markgraf Ekbert der Jüngere von Bruneswik, und sie starb kinderlos. Kunigunde heirathete den König der Ruzen und gebar eine   Tochter, welche ein Edler aus Thüringen Namens Gunter empfing, und er zeugte mit ihr den Grafen Sizzo. Nach dem Tode ihres Mannes kehrte Kunigunde in die Heimat  zurück und verband sich mit dem Grafen Cono von Bichlingge, dem Sohne des Herzogs Otto von Northeim, und sie gebar ihm vier Töchter. Als jener ebenfalls starb, wurde ihr dritter Mann Wipert der Aeltere. Adelheid aber wurde mit dem Grafen Adalbert von Ballenstide verehelicht, welchen Egeno der Jüngere von Konradesburg, Burchards Sohn, Egeno's des Aeltern Enkel tödtete, indem er den durch den Klang der Glocke Verrathenen überfiel. Dieser Adalbert zeugte mit ihr den Grafen Otto und den Pfalzgrafen Sigefrid.

Das Jahr 1085.
 

Weihnachten brachte König Herimann in Goslar zu, während viele, gleichsam neugierig auf die neue Herrschaft, an seinen Hof strömten, und Kaiser Heinrich in Köln. In ähnlicher Weise feierte Papst Gregor Weihnachten in Salerno und der ihn verdrängt hatte in Rom. Darnach am 20. Januar [1085] kamen die Großen beider Parteien zur Erörterung des so unsterblichen Streites in Perkstad, einem Dorfe Thüringens, zusammen, - von der einen Seite die Erzbischöfe Otto von Ostia, von seinem Gebehard von Konstanz sich trennend, Hartwig von Magedaburg und Gebehard von Juvavum, der Christi Schmach den Schätzen der Aegypter vorzog; die Bischöfe Udo von Hildinisheim, Burchard oder Bucco von Halberstadt, Hartwich von Verden, Guerner von Merseburg, Gunter von Eiz, Benno von Misne und Heinrich von Patherbrunn, der zwar ernannt, aber damals erst Subdiakon war; - von der andern Seite der Bremer Liemar und diejenigen, welche vom Papste dieser Partei das Pallium erhalten hatten, der Mainzer, der Kölner und der Trierer und von ihren Suffraganen, so viele ihnen anhingen. Die Vertheidigung der Sache unternahmen auf dieser Seite der Salzburger Erzbischof Gebehard, auf der andern Seite der Mainzer mit Lesen und der Utrechter  mit Sprechen. Da standen verschiedene weltliche Personen wie  mit gespitzten Ohren bei einer Sache der sehr stürmischen Zeit, welche gleichsam durch das Gericht der Engel erörtert werden sollte. Der Salzburger begann und sprach: "Wir sind gekommen, um, wie es ausgemacht worden ist, zu beweisen, daß es uns nicht erlaubt sei, mit denjenigen Gemeinschaft zu machen, welche als aus der Gemeinschaft ausgeschlossen uns angemeldet sind und besonders mit solchen, welche der Papst, als er ohne Widerspruch sich im Besitze des apostolischen Stuhles befand, auf öffentlicher Synode ausgeschlossen hat, und von denen er uns brieflich mitgetheilt hat, daß sie von ihm  gebannt worden, nebst dem Grunde des Bannes und daß wir
keine Gemeinschaft mit ihnen haben sollen." Indem er dieses sagt, zeigt er als Beweise desselbigen Auftrags, um seinen Worten Glauben zu verschaffen, mehrere besiegelte Briefe des Papstes vor und beweist mit der Autorität der Evangelien, der Apostel, der Dekretalen des apostolischen Stuhles und  mehrerer kanonischen Sätze, daß man seinen Befehlen gehorchen und keine Gemeinschaft mit denen haben müsse, welche als  gebannt angemeldet werden. Dagegen sagt der Utrechter: "Keiner von uns wird wider Euere Meinung sein; aber wir sagen, unser Herr, dessen Sache hier erörtert wird, ist nicht gebannt worden, weil der Papst ungerecht an ihm gehandelt hat, da er den bannte, welchen er nicht bannen durfte." Schon wollte der Mainzer diese Rede durch Vorlesen beweisen, als der Salzburger, die Antwort nicht verschiebend, bemerkt, daß nach den Gesetzen des Gelasius und der Synoden von Nicäa und Sardica man mit keinem wenn auch ungerecht Gebannten Gemeinschaft machen dürfe vor einer gerechten Prüfung beider Parteien und bevor er von dem, welcher ihn gebannt, wieder aufgenommen worden. Und siehe da, der Mainzer, der erwarteten Stille sich bemächtigend, hatte ein Kapitel gelesen. "daß kein seines Vermögens Beraubter   vor die Synode gerufen, gerichtet, verdammt werden könne, und indem er dies den Laien auseinandersetzte, rief er sie als Zeugen an, daß der Papst ihren Herrn nicht bannen gekonnt habe, da derselbe eines großen Theils des Reiches beraubt gewesen, nachdem die Sachsen und einige von den Schwaben von ihm abgefallen waren." Auf dieses sagt der Salzburger: "Daß dieses Kapitel nicht für alle Fälle wahr ist und daß durch seine Autorität derjenige, von dem ihr handelt, nicht gegen die päpstliche Exkommunikation geschützt wird, könnten wir leicht beweisen; aber wir würden unsere Stellung gefährden, wenn wir die Gesetze der Päpste Gelasius, Nikolaus und vieler anderen und die Urtheile des apostolischen Stuhles nachprüfen wollten, da es dessen Recht ist, die ganze Kirche zu richten, niemandes Recht aber ihn zu richten. Und deshalb haben wir, sobald der Tag dieses Gespräches angesagt worden, die Verhandlung mit Rücksicht auf folgenden Vorbehalt beschränkt, daß wir uns nicht verpflichten, Euch über irgend eine andere Sache zu antworten, außer daß wir durch das katholische Gesetz gezwungen seien, keine Gemeinschaft mit denen zu haben, in Betreff derer der Bischof des apostolischen Stuhles uns durch zuverlässige Botschaft angezeigt hat, sowohl daß sie von ihm gebannt sind, als auch daß wir keine Gemeinschaft mit ihnen haben sollen. Daß wir unter dieser und keiner andern Bedingung zu dieser Zusammenkunft veranlaßt wurden, dafür rufen wir Euren Vermittler dieses Gespräches als Zeugen auf."
Indem diese also die Gesetze der Väter nicht übertreten wollten, jene aber forderten, daß dasjenige, was zu Rom entschieden sein mußte, auf der Straße und vor einem untergeordneten Richter widerrufen würde, geht man unverrichteter Sache  auseinander. Am folgenden Tage kamen ferner die Sachsen und Thüringer zusammen, um zu wissen, wer bei ihnen bis aufs Blut beharren und wer von ihnen abfallen wollte. Angeklagt  werden Udo der Bischof von Hildinsheim und sein Bruder Konrad und Graf Theoderich, daß sie mit Heinrich ihrem feindlichsten Feinde übereingekommen seien und daß sie ihm Landesverrath versprochen hätten. Weil sie aber bei ihrer Gegenrede sagten, daß sie Heinrich noch keine Unterwerfung versprochen hätten, aber nicht leugneten, daß sie mit ihm  gesprochen, so werden von ihnen Geiseln gefordert, um die  Landsleute über die gelobte Treue sicher zu stellen. Da jene sich sträubten, das sei nicht ihrer angeborenen Würde angemessen, daß sie zum Schutze des Vaterlandes, dessen Fürsten und Vertheidiger sie selbst bisher gewesen, von denen genöthigt würden, welche das weniger anginge, so wird Theoderich, ein Graf von  ausgezeichnetem Range, von einigen in hastigem Angriffe getödtet, der Bischof und sein Bruder und deren Genossen fortgejagt. Ohne Verzug ging der Bischof Udo, um diese Beleidigung zu rächen, zu Heinrich, welcher ihm in Fritislar entgegenkam, und versprach ihm seine Unterwerfung. Und damit er die Sachsen beeinflussen und für den Abfall von König Herimann sprechen könnte, empfing er von Heinrich den Eid: wenn die Sachsen zu ihm umkehren und ihn dieHerrschaft des Vaters genießen lassen würden, würde er ihnen niemals jenes Recht verkümmern, welches sie seit der Zeit ihres Eroberers Karl für das geeignetste und herrlichste gehalten hatten; so daß wenn einer der Seinigen mit einem der Sachsen gegen das Gesetz verfahren würde, er selbst es innerhalb sechs Wochen vom Tage der ihm gemachten Anzeige an mit geziemender Entschädigung beilegen wolle. Andere Große desselben, Bischöfe und  Weltliche, schwuren, ihm keine Stütze gegen Sachsen zu sein, falls Heinrich jenes Statut jemals aus den Augen setzen würde. Als der Bischof darnach in sein Land zurückkehrte, gewann er dadurch, daß er den Landsleuten versprach, was ihm zugeschworen war, viele für die Partei, zu der er selbst getreten war. Um es bei einer für ihn so erwünschten Gelegenheit nicht an sich fehlen zu lassen, wollte Heinrich eine Heerfahrt ansagen und Sachsen angreifen. Herimann wollte ihm mit den bei ihm Zurückgebliebenen entgegenziehen, aber beide  Versammlungen hinderte die bevorstehende Fastenzeit, in der wegen des bis auf den Sonntag nach Pfingsten beschworenen  Gottesfriedens nicht einmal Waffen zu tragen gestattet war. Zwei von denen der eine schon seit sieben, der andere seit vier Jahren ernannt war, Sigefrid von Augsburg und Nortbert von Chur, wurden am Tage der Reinigung der heiligen Maria von jenem Mainzer in Mainz zu Bischöfen geweiht, während noch einen großen Theil des Augsburger Bisthums Guigo inne hatte, welchen Erzbischof Sigefrid unter König Rodolf in Goslar  geweiht hatte. In dieser Zeit würde man Sachsens Aussehen unwiderruflich verändert gefunden haben. Denn diejenigen, welche zuvor betheuert hatten, daß sie allein zum Schutze des apostolischen Stuhles sich Heinrich widersetzten, welche keine Gemeinschaft mit ihm machen zu wollen geschworen hatten, wenn er nicht von dem, der ihn gebannt, nämlich durch den Papst Gregor wieder aufgenommen wäre, diese vergessen, daß derselbe Papst gewaltsam vertrieben und König Herimann unmenschlich hintergangen worden, und machen nicht allein mit Heinrich durch häufige Gesandtschaften Gemeinschaft, sondern nennen ihn auch Kaiser, obwohl er von einem Gebannten geweiht worden ist, indem Einer dem Andern um sein Wohlwollen zu gewinnen zuvorzukommen sucht, und jeder sich selbst zu schaden meint, wenn er den Heinrich, welcher sich jetzt Sachsens und des ganzen deutschen Reiches bemächtigen werde, bei seiner Wiedereinsetzung sich nicht verpflichte. Fast ganz Sachsen also fordert auf Verabredung den Gebannten mit eben so großem Eifer, als der war, mit dem es früher den  noch nicht Gebannten vertrieb. Die Erzbischöfe und Bischöfe  reden wohl dagegen, aber "den Tauben wird ein Märchen  erzählt", da nach dem Tode derjenigen, welche reiferen Alters und Geistes waren, nämlich Otto's, welcher Herzog von Baiern gewesen war, des Markgrafen Udo und des Grafen Theoderich die sächsischen Fürstenthümer der schwankenden Jugend zugefallen waren. Von vielen Versprechungen Heinrichs verlockt, einigen sie sich zu der Meinung, daß niemand von ihnen  dabei einen Vortheil habe, wenn Heinrich von ihnen des angestammten Königthums beraubt werde, da er selbst gebessert sei, nachdem er die Kraft der Sachsen erprobt und sie in Betreff der Aufrechthaltung ihrer heimischen Gesetze sicherstellen wolle; es sei auch kein Grund zum Kriege mehr vorhanden, nachdem das erkämpft worden, weshalb sie gekämpft. In solchen friedlichen Unterhandlungen wird das Ende des geschlossenen Friedens erwartet, nämlich die Mitte des Sommers. - -

Godescalc, Abt von Sankt Alban, wird abgesetzt und an seiner statt Adalmann ernannt. Abt Volkmar von Nienburg starb und ihm folgte Erembert. Kaiser Heinrich, welcher ein großes Heer zusammengebracht hatte, drang in Sachsen ein und verwüstete es, während Markgraf Ekbert gegen ihn stritt. Unüberlegt handelnd setzte der Kaiser in Sachsen einige Leute als Bischöfe ein, die es allein dem Namen nach waren. Dem vertriebenen Halberstädter Bischofe Bucco, einem kirchlichen Manne, wird Hamezo, dem verjagten Magdaburger Bischofe Hartwig der Hervelder Abt Hartwig zum Nachfolger gegeben. Als auch der Mindener Bischof Reinhard nach einem regelrechten Gelübde in das Helmwarder Kloster getreten war,  gewann sein Nebenbuhler Volkmar dasBisthum. Aber nicht   lange darnach kehrte derselbe Reinhard wieder in sein  Bisthum zurück. In der Sommerszeit aber, als Heinrich sein Lager auf den grünen Wiesen bei Magadaburg aufgeschlagen hatte, ging er mit seinen Großen in die Stadt und wurde daselbst wie ein König empfangen. Weil aber aus Furcht vor seiner Ankunft Erzbischof Hartwig mit dem Halberstädter Bischofe und dem Könige Herimann sich zu den Dänen entfernt hatte, setzte er diejenigen, welche wir oben genannt haben, als Bischöfe ein, nämlich in Magedaburg den Abt Hartwig von Herfeld und in Halberstadt einen Kanonikus selbiger Kirche, Hamezo, den Oheim des Grafen Lodowich von Thüringen. Nachdem dies also geschehen und jener  fortgegangen war, kehrten die Bischöfe aus Dänemark zurück und Heinrich selbst wurde bald mit jenen Eingeschobenen aus dem Vaterlande verjagt.

Der Havelberger Bischof Godescalc starb.

 Das Jahr 1086.
 

 Graf Herimann, des Herzogs Magnus Vaterbruder, starb ohne rechtmäßige Kinder.

 Das Jahr 1087.
 

Des Kaisers Sohn Konrad wird von dem Kölner Erzbischofe Sigewin in Aachen zum Könige gekrönt. Eine zahlreiche Versammlung der Fürsten des ganzen Reiches traf in Speier ein, um das Reich zu beruhigen, aber auf Anstiften gewisser Leute entstand nur noch größere Zwietracht. Der Kaiser machte eine Heerfahrt nach Sachsen, aber nach dem Rathe seiner Freunde kehrte er bis Herfeld um. Dorthin kam Markgraf Ekbert zu ihm, von den Sachsen beauftragt, zwischen ihnen Frieden zu stiften. Da er dem Kaiser alles Gute von sich versprach, entließ der Kaiser sein Heer und Ekbert machte alles Gute, was er versprochen hatte, zunichte und erwies sich seitdem nicht als geheimen, sondern als offenen Feind des  Kaisers. Salaman, einst König von Ungarn, und der Dänenkönig Knut wurden von den Ihrigen getödtet. Markgraf Heinrich von Stadhe, Udo's Sohn, starb kinderlos und Markgraf wurde sein Bruder Liutger mit dem Beinamen Udo. Dieser gab seine Grafschaft Stadhe an Friderich, welcher sie vierzig Jahre lang hatte. Dieser Udo und seine Mutter Oda und sein Bruder Rodolf und der Gemahl ihrer Schwester, Pfalzgraf Friderich von Putelendorp, haben nach dem Rathe des Halberstädter Bischofs Herrand und anderer frommen Männer die Kleriker aus dem von ihnen erbauten Herseveld vertrieben und dorthin Mönche gesetzt. Was eine Probstei gewesen, wurde also seitdem eine Abtei. Die Frau dieses Udo war Irmingard, die Schwester des Grafen Helperich von Ploceke, und er hatte von ihr einen Sohn Namens Heinrich und zwei Töchter.

Ankunft der Reliquien des heiligen Nikolaus in Bari.

 Das Jahr 1088.
 

In diesen Zeiten hat der ehrwürdige Bischof Burchard oder Bucco von Halberstadt sich mit anderengleich katholischen Männern gänzlich von der Gemeinschaft mit dem Kaiser Heinrich losgesagt und sich entschlossen, lieber auch das Aeußerste zu leiden als mit ihm etwas gemein zu haben. Weil aber Gleiches an Gleichem Freude hat und ein Verbrechen gleich macht die, welche es besudelt, so begann Markgraf Ekbert, welcher hartnäckig der ungerechten Seite anhing, offen den  ehrwürdigen Bischof zu befeinden und am Sonntage in der Mitte der Fasten das Gebiet des Bisthums mit Feuer und Schwert zu verwüsten, damit er durch Unterdrückung den gerechten Mann nöthigte, sich dem Befehle der tyrannischen Macht zu unterwerfen. Jener aber, der schon vorher um der Gerechtigkeit willen viele Jahre gefangen und verbannt und nur durch Gottes wunderbare Hülfe von Todesgefahr befreit worden war, hielt zwar dafür, daß man alles Unglück gleichmüthig tragen müsse; aber dennoch fordert er durch seine Boten Frieden, mit der Angst eines Hirten besorgt um die  anvertrauten Schafe, und verlangt, daß man das Eigenthum des heiligen Stephan verschone, bittet um Stillstand bis auf den nächsten Sonntag, und erlangt mit Mühe diese Frist, um mit seinen Freunden ein vertrauliches Gespräch zu Goslar zu halten und der Sache ein angemessenes Ende zu machen. Ekbert aber willfahrte diesen Wünschen in böser Absicht, indem er die in seinem Herzen eingewurzelte Bosheit nicht aufgab, sondern eine gegen den Mann Gottes beabsichtigte Ungerechtigkeit mit ganzer Kraft ins Werk setzte. Nämlich ihrer Zusammenkunft nach Goslar zuvorkommend, rief er einige von den Bürgern im Geheimen zu sich und rühmte hoch die Partei des Kaisers, die Leute aber der Gegenpartei, welche er vielfach beschuldigte, bemühte er sich durch mancherlei Anführungen als nicht entschuldbar zu erweisen. Durch solch' unbilliges Anstiften bereitet er dem denkwürdigen Manne heimliche Nachstellungen, auf daß er sammt seinen Freunden im plötzlichen Tumulte des Aufstandes umkäme, der durch irgend eine Gelegenheit erregt werden sollte. Nun kam Burchard, der Mann Gottes, mit seinen Ministerialen drei Tage vor Palmsonntag nach Goslar; auch war der Magadaburger Erzbischof Hartwich mit nicht geringem Gefolge zugegen, und auch Graf Kono von Bichlinge, des einstigen Herzogs Otto Sohn, war mit mehreren Großen Sachsens und Baierns angekommen. Diese alle hatte offenbar nicht weniger der Haß gegen den Markgrafen als die Freundschaft für den Bischof herbeigezogen, und alle hatten nur einen und denselben Willen und Wunsch, den Anschlägen jenes Mannes zu widerstehen, dem Bischofe aber nach Kräften in jeglichem Vorhaben Beistand zu leisten. Am folgenden Tage eröffnete Bischof Burchard den Vertrautesten von denjenigen, welche eingetroffen waren, die Absicht seines Herzens und betheuerte, er, ein von langwieriger Krankheit und vom Alter mitgenommener Mann, schon ein Sechziger, reiche für die  Kriegswirren nicht mehr aus, er habe aber beschlossen, so lange er leben werde, den Verkehr mit dem Tyrannen wie eine  todbringende Pest zu fliehen. Deshalb liege es ihm besonders am Herzen, nach dem Schlusse dieser Versammlung, was auch das Glück bringen möge, einen Zufluchtsort aufzusuchen, wo er nicht blos von dem Verkehre, sondern auch von dem Anblicke des Tyrannen immer frei bleiben könne. Als dies und anderes den Umständen gemäß besprochen und von beiden Seiten viele Worte gewechselt waren, geht man der Erholung wegen auseinander mit dem Versprechen, daß nach Verlauf der nächsten Nacht eine sorgfältigere Verhandlung der einzelnen Punkte stattfinden solle. Schon war jeder wieder in seine Herberge gekommen, schon hatte der heilige Bischof ohne Rücksicht auf Sorgen den an himmlische Beschaulichkeit gewöhnten Geist zur Ruhe geschickt, als plötzlich in der Stadt Streit und Auflauf entsteht, als man mit stürmischem Geschrei zu den Waffen eilt. Es war nämlich Einer von den Begleitern des Bischofs gekommen, Wolfer, von den vornehmeren Vasallen des heiligen Stephan einer, und da man eine Gelegenheit suchte, hat der wüthende Angriff auf seine Leute ihn selbst und seine Leute vertilgt. Da konnte man sehen, wie durch Schönheit ausgezeichnete, durch Stattlichkeit hervorragende, an Kräften gewaltige Männer, die von dem plötzlichen Auflauf überrascht worden waren, niedergestreckt und zertreten wurden wie gemeines Vieh. Zuletzt eilen die Haufen zur Wohnung des Mannes Gottes und umzingeln das Gebäude auf allen Seiten, damit keine Möglichkeit des Entfliehens bleibe. Nicht einmal eine Nachricht hatte er über diese Vorgänge erhalten; erst durch das Geschrei der lärmenden Menge erweckt, zieht er sich in ein steinernes Gemach von nicht geringer Festigkeit zurück, wo jene ihn angreifen, als er vergeblich durch das Fenster zu ihnen spricht, und ihn mit Waffen anfallen, als er zum Zeichen der Ergebung die Hände ausstreckt. Einige durchbrechen inzwischen gewaltsam Wände und Thüren, rasen mit jeder Art von Grausamkeit umher und tödten alle, die sie dort vorfinden, selbst waffenlose Knaben. Darauf steigt die wilde Menge auf den Boden des Hauses, der mit Steinziegeln gedeckt und durch Balken und dichten Estrich gegen jede Feuersgefahr gesichert war, und zerstören es wetteifernd. Als der heilige Bischof das Haus bis oben von Menschen erfüllt sah, wirft er sich nach dem Beispiele des heiligen Märtyrers Lambert mit zum Gebete ausgestreckten Händen in der Form eines Kreuzesauf die Erde und befiehlt mit den innigsten Bitten und Seufzern Seele und Geist in die Hände der Barmherzigkeit des Allerhöchsten. Ohne Verzug werfen die Gottlosen auf den Gerechten mit Steinen, Hölzern und Waffen, in jeder Art von Grausamkeit gegen ihn wüthend. Denn es mußte sich das Gesicht erfüllen, welches der mächtige Esic vor dreizehn Jahren in Betreff seiner gesehen hatte, indem er nämlich in einer Versammlung  weißgekleideter Märtyrer von verschiedenem Geschlechte und Alter, welche in blutbefleckten Stolen prangten, zu seiner größten Freude auch ihn durch ähnliche Zierde und Kleidung ausgezeichnet erblickt hatte. Als nun der Gerechte und Unschuldige von dem Wirbel der klappernden Steine getroffen wurde, der ohne Grund verdammte, der von Alter und Krankheiten aufgerieben und so von Podagra geplagt war, daß er seit ungefähr acht Jahren nur vermittelst eines Wagens oder irgend eines  Fuhrwerks das Haus verlassen konnte - blieb er unter so vielfachen Qualen doch unbeweglich bei seinem Gebete, als Einer, der überzeugt war, daß für den guten Kampf, den er gekämpft, für den Lauf, den er vollendet, für den Glauben, den er bewahrt hatte, ihm die Krone der Gerechtigkeit aufgehoben worden sei und in kurzem vom gerechten Richter gegeben werden müsse. Endlich hat Einer, der grausamer war als die Uebrigen, das Opferlamm Christi aus allen Kräften mit der Lanze durchbohrt und in der Brust das Eisen gelassen, welches der Mann Gottes in seinen Eingeweiden behielt, als der Schaft zurückgezogen wurde. Seine Vasallen, welche kurz zuvor, als die Bürger tobten, aus der Stadt geflohen waren, fassen wieder Muth: zumeist werfen sie Feuer in die Stadt, die Uebrigen eilen gewaffnet herbei, um wenigstens den entseelten Leib ihres Herrn den Henkern zu entreißen. Durch ihren Anblick wird der Feinde Muth niedergeschlagen: die einen fliehen aus Furcht vor den Bewaffneten, die andern, durch die auflodernden Flammen erschreckt, glauben ihre Häuser retten zu müssen. Da also die Furcht gewichen war, wird der ehrwürdige Bischof auf einer Sänfte liegend noch in derselben Nacht in das Ilseneburger Kloster gebracht, welches er selbst, als es fast aller Zucht ledig war, nach der Richtschnur klösterlicher Zucht umgestaltet hatte, und in diesem, welches er mit Landgütern und anderen Gaben ausstattete, hatte er sich da, wo er jetzt liegt, den Ort seines Begräbnisses vorausbezeichnet. Auf seinen Wunsch in das Kloster gebracht, stimmte er mit lauter Stimme den Hymnus "Jetzt guter Hirte" an und sang mit seinen Geistlichen zusammen, und den zweiten Vers, auch den dritten führte er mit gleicher Stärke aus. Darauf mit geziemender Ehrfurcht die Richtschnur des katholischen Glaubens hersagend, bekannte er das, was er recht glaubte, mit dem Herzen zur Gerechtigkeit und mit dem Munde zur Seligkeit; auch brachte er der göttlichen Gnade als lieblichsten Weihrauch ein reines Gebet und als gern gesehenes Opfer einen zerknirschten Geist dar mit der Noth eines erniedrigten Herzens in demüthiger Ergebenheit. Darauf in ein geheimeres Gemach gebracht,  beschäftigte er sich die ganze Zeit des Tages hindurch mit geistigem Gespräch, Geistiges mit Geistigem erwerbend; keinem aber sagte er etwas von der in seinem Körper steckenden Waffe. Einer
frommen Magd Gottes, die darnach zu vertraulich forschte, antwortete er kurz, es sei Gott bekannt, dem kein Geheimniß verborgen bleibt. Schon neigte sich die Sonne zum Untergange, als der Schmerz auf die Lebenstheile überging, und nachdem er im Beisein mehrerer frommen Mönche, Geistlichen
und Laien eine thränenreiche Beichte über seine Ausschreitungen öffentlich abgelegt hatte und als alles ordentlich beendet war, ist er, reif an Verdiensten und Jahren, am Donnerstage den 7. April den Weg alles Fleisches gegangen, während er in eifriger Demuth anhob "Ich glaube an einen Gott", und es
ist so zu sagen die Sonne mit der Sonne zugleich gesunken. Als der ehrwürdige Leib zum Waschen hingelegt worden, wird das von ihm verheimlichte Eisen allen, die es sehen wollten, gezeigt und ihm, wie er es gewünscht hatte, ins Grab  mitgegeben, und auf dem allgemeinen Gerichte wird es zum Zeugniß seines Leidens der ganzen Welt vorgewiesen werden. Er liegt, wie er selbst es wünscht, in demselben Kloster in der Mitte des Chors. - Ein großes Erdbeben geschah am 11. Mai.

Das Jahr 1101.
 

Das vom Markgrafen Udo und den Sachsen vier Monate hindurch belagerte Brandeburg wurde eingenommen. Heinrich der Dicke, Sachsens mächtigster Graf, gewann die Gunst des Kaisers und bekam vom Kaiser die Mark Fresien zu Lehen, wie erzählt wird, auch durch eine schriftliche Urkunde.
Als er aber nach Fresien zog, um die Grafschaften dieses Landes in Besitz zu nehmen, welche vorher zum Utrechter Bisthum gehörten, wird er von den Rittern des Utrechter Bischofs [und gemeinen Frisonen, denen das Joch seiner Herrschaft schwer war, überfallen, als er auf ihren Gehorsam baute, und als er nach Bekanntschaft mit der Sache zum Meere floh, wird er von den Schiffern verwundet und zugleich ertränkt]. Seine Gattin Gertrud aber, die Schwester des Markgrafen Ekbert des Jüngeren, ist kaum entronnen. Er hatte aber zwei Töchter, die nachherige Kaiserin Richenza und die Pfalzgräfin Gertrud. - Der Kaiser feierte Ostern in Lüttich, wo sein jüngerer Sohn Heinrich das Schwert empfing. Graf Heinrich von Lintburg empört sich mit dem Grafen Theodorich gegen den Kaiser. Deshalb belagerte der Kaiser sein Schloß Lintburg und brach es; darnach gab sich der Graf selbst in die Gewalt des Kaisers. Eine Genossenschaft von Mönchen wurde damals zuerst in Rossenvelde eingerichtet, und als die Kleriker von dort vertrieben worden waren, wurde Werinher daselbst zum ersten Abte erwählt. Nämlich dieses Kloster war vom Markgrafen Udo und seiner Mutter und seinem Bruder und dem Manne ihrer Schwester mit Freiheit begabt und dem heiligen Petrus zu Rom gegeben worden.