BRAUNSCHWEIG
 

Lexikon des Mittelalters: Band II Spalte 584
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Braunschweig (Brunesguik, 1031; Brunesivvic, 1069/90 [Münzlegende]; Bruneswich, 1115; Bruneswic, 1136; Brunswich, 1156), Stadt an der Oker (in Niedersachsen), entstand in Anlehnung an die um die Jahrtausendwende in der Okerniederung errichtete Burg Dankwarderode (castrum Tanquarderoth, 1134). Die Stadt B. wuchs zusammen aus fünf zunächst rechtl. voneinander unabhängigen Weichbilden (erst nach 1300 vereinigt): Altstadt, Hagen, Neustadt, Altewiek (Pfarrkirche St. Magnus, ? 1031) und Sack. Die Altstadt behielt im gesamten MA die führende Position. Etappen der Stadtwerdung markieren vor allem die frühen Pfarrkirchen der Altstadt (St. Ulrich, ? vor 1038; St. Michael, bestätigt 1158; St. Martin, genannt 1204; St. Petrus, zu erschließen für 1204), mittelbar auch die drei Stifte ('Burgstift', später St. Blasius, vor 1036; St. Cyriakus, vor 1079; St. Aegidien, ? 1115), die Indikatoren für die zentralörtl. Funktion des frühen B. sind. Das Alter der Kapelle (so 1301, zuvor Pfarrkirche?) St. Jakob und zumal der Pfarrkirche St. Martin ist ebenso umstritten wie die Lage des ältesten Marktes und - damit zusammenhängend - nach Gestalt, Wachstumsphasen und -richtung des präurbanen B. überhaupt.
Am Ort bewahrte, seit dem 13. Jh. greifbare Gründungstradition hat die Anfänge der Stadt verunklart und die Forschung lange irregeleitet. Die Stadtkernarchäologie wurde in den letzten Jahren intensiviert; in vorläufigen Berichten werden die Gründungsbauten der Kirchen St. Jakob und St. Ulrich in das 9./10. Jh. datiert; Siedlungsspuren reichen in der Altstadt bis in die Karolingerzeit zurück. Die Verifizierung durch abschließende Grabungsberichte bleibt abzuwarten.
Ein Marktprivileg fehlt; Münzprägung ist für den Brunonen Ekbert II. († 1090) bezeugt. Während des Investiturstreits wurde B. anscheinend zweimal von kgl. Truppen eingenommen (nach 1090, 1115) und die Burg zerstört. Eine ungestörte Entwicklung ist hingegen für die Zeit Ks. Lothars III. anzunehmen; zu seiner Zeit war B. wiederum Münzstätte. Unter Heinrich dem Löwen gewann B. den Charakter einer Residenz. Die bes. Vorliebe des Hzg.s für B. ist inzeitgenöss. wie jüngeren Quellen nachdrückl. bezeugt. Diese Verbundenheit Hzg. Heinrichs des Löwen mit B. hat greifbare Spuren hinterlassen: Errichtung des Löwensteins (1166; Löwe), Neubau des Doms (St. Blasius, seit 1173) und der Pfalz. Anzeichen frühstädt. Lebens in der Altstadt mehren sich unter seiner Herrschaft. Die Ks. Otto IV. folgende Zeit der stauf.-welf. Wirren förderte die Lösung B.s vom kgl. Stadtherren und führte wohl auch dazu, daß Hzg. Otto das Kind Rechtssammlungen für Altstadt und Hagen bestätigte (1227, bzw. um 1227). Der Rat der Altstadt (zu erschliessen für die Zeit um 1200) privilegierte kurz darauf als älteste Gilde die der Goldschmiede (1231); die Urkunde enthält erstmals Namen von Ratsmitgliedern, das älteste Stadtsiegel hängt an (sigillum burgensium in Brunesvvic). Das Verhältnis zum Stadtherren war - mit Unterbrechungen - bis in das frühe 15. Jh. durch Veräußerung von Rechten des Stadtherren in Stadt und Stadtumland geprägt (Vogtei in der Altstadt, 1227; Verpfändung der Münze, 1296, 1345, endgültig 1412; landesherrl. Rechte in Altewiek und Hagen, 1325; Mühlen, 1400; Marktzoll 1412). - Nach der Errichtung des Hzm.s Braunschweig-Lüneburg (1235) blieb B. namengebende Mitte und gemeinsamer Besitz des Welfenhauses (Pfalz, Archiv des Gesamthauses [seit 1428], Grablege).Residenzfunktionen gingen seit dem späten 13. Jh. zusehends auf das 12 km südl. gelegene Wolfenbüttel über.
In B. kreuzten sich eine wichtige West-Ost-Straße (Hildesheim-B. mit Okerfurt-Magdeburg) mit einer wichtigen Süd-Nord-Verbindung (Goslar-B. - Lüneburg/Stendal). Die Oker war ab B. schiffbar; die Nutzung des Wasserweges ist seit dem frühen 13. Jh. bezeugt. Umgeschlagen wurde in B. u. a. Kupfer aus den Harzbergwerken. Quantifizierbare Angaben über den B.er Handel setzten erst spät ein und sind noch nicht hinreichend ausgewertet worden. Ks. Otto IV. verlieh den B.er Kaufleuten Zollfreiheit im gesamten Reich; schon 1228 erhielten B.er Fernhändler in Dänemark und 1230 in England Privilegien. Das städt. Gewerbe war durch Metallverarbeitung (Beckenwerker) und Tuchproduktion (Lakenmacher) geprägt. Mit Beginn der Hansetage (1356) galt B. als Hansestadt; dem hans. Raum war B. schon zuvor eng verbunden. Im späteren MA war B. Vorort des sächs. Städtebundes.
Für Altstadt, Hagen und Neustadt ist 1269 ein Gesamtrat (10 : 6 : 4) bezeugt; nach 1300 traten Altewiek und Sack hinzu. Auch die älteste Befestigung der Gesamtstadt stammt noch aus dem 13. Jh. Parallel dazu wurde das Stadtgebiet im Hinblick auf die geistl. Jurisdiktion als solcheszusammengefaßt (Ablösung von den Archidiakonaten Atzum [Bm. Halberstadt] und Stöckheim [Bm. Hildesheim], 1256; gemeinsames Offizialat nach 1390). Die Teilhabe von Gilden und Meinheit am Stadtregiment wurde im MA nicht dauerhaft gelöst. Daraus erwachsene Unruhen (Schicht der Gildemeister, 1292) gipfelten in der »Großen Schicht« des Jahres 1374. Auslöser hierfür war eine Finanzkrise der Stadt, die durch einen verlorenen Kriegszug gegen das Erzstift Magdeburg und die daraufhin von der Stadt zu zahlenden Lösegelder verschärft wurde. Die Ursachen sind in der Forschung umstritten (Sonderinteressen der im Rat vertretenen Familien u. a.). B. wurde vorübergehend aus der Hanse ausgeschlossen, Finanzen und Wirtschaftskraft nachhaltig geschädigt, vom Landesherren pfandweise erworbene Ämter und Dörfer gingen verloren. In dem i. J. 1386 eingesetzten Neuen Rat war der Einfluß der 'alten' Ratsgeschlechter - zumindest der Zahl nach - gemindert. Die Patriziergesellschaft der »Lilienvente« (1384) bot ihnen eine ihren Interessen dienende neue Organisation. Eine Geschichte der städt. Unruhen ab 1292 hat der große B.er Autor Hermen Bote 1510/12 in seinem »Schichtboick« verfaßt. Um 1400 war der Haushalt der Stadt wieder ausgeglichen, die regionale Führungsrolle in der Hanse zurückgewonnen. B. war damals mit etwa 17.000 Einwohnern nach Lübeck die größte Stadt Nordwestdeutschlands.
Seit dem Anfang des 15. Jh. mehrten sich Versuche, die Stadt gewaltsam ihrer Sonderstellung zu berauben, v. a. in der 'Großen Stadtfehde' (1492-94) gegen Hzg. Heinrich den Jüngeren, die sich an strittigen Modalitäten der Huldigung entzündete. Gegen die Welfen suchte die Stadt die Hilfe von Nachbarstädten und die Nähe zum Reich (Privilegium de non evocando, 1415; Wappenbrief, 1438). Die bis in die NZ hinein bewahrte reiche ma. Profan- und Sakralarchitektur fiel bis auf geringe Reste (jetzt 'Traditionsinseln') Bombenangriffen der Jahre 1944-45 zum Opfer.

M. Last