Bork Ruth: Seite 97-100
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"Die Billunger. Mit Beiträgen zur Geschichte des deutsch-wendischen Grenzraumes im 10. und 11. Jahrhundert."

Der Name von Bernhards Gattin wird uns außer in der besprochenen Schenkung auch in einer Urkunde vom 25. Juli 1004 genannt, in der Bernhard mit dem Einverständnis seiner Frau Hildegard und dem seiner Söhne Bernhard und Thietmar den Hof Gerdau (Amt Bodenteich) dem Michaeliskloster in Lüneburg als Entgelt für die der Kirche entnommenen Silberschätze und Einrichtungsgegenstände, mit denen sein Vater die Kirche einst ausgestattet hatte, übergab [3Wedekind Not. III, 118, bzw. Hodenberg, Lüneburger Urkundenbuch Seite 8f.].
Die Mulbizistiftung muß demnach viel früher als 1011 erfolgt sein, ja wohl auch noch früher als 1004, wo statt Hermanns nur die beiden anderen Söhne Bernhards I. Bernhard II. und Thietmar erscheinen. Da von beiden bereits ihre Zustimmung hervorgehoben wird, könnte die Stiftung schon geraume Zeit vor 1060 geschehen sein, alles unter der Voraussetzung, daß Hermann der älteste Sohn und früh verstorben war.
Man nimmt allgemein an, daß Hildegard aus dem Hause der Grafen von Stade stammte, was aber keineswegs durch völlig eindeutige Belege gesichert ist. Immerhin läßt sich folgendes dafür anführen:
Die Mutter Thietmars von Merseburg war eine Schwester der STADER Grafen, deren Schicksal uns der Geschichtsschreiber im Zusammenhang mit seinem Bericht von den seeräuberischen Ascomannen und ihrem Überfall im Jahre 994 ausführlich schildert. Thietmar  selber sollte als Geisel an die Stelle eines der STADER treten, nachdem die Versuche des Herzogs Bernhard, dies durch schnelle Hilfe mittels Lösegeld zu erreichen, gänzlich erfolglos geblieben waren. Man könnte daraus schon auf ein nahes Verhältnis der beiden Familien (der BILLUNGER und der STADER) schließen. Vor allem aber nennt Thietmar den Herzog Bernhard II. und dessen Bruder "nepotes sues", und in der Vita Meinwerci ist von einem Grafen Siegfried die Rede, der als "avunculus" des Grafen Thietmar und seines Bruders, des Herzogs Bernhard II. von Sachsen, bezeichnet wird und den man für den Oheim des 994 von den Normannen getöteten Grafen Siegfried von Stade hält.
Nun gingen aber nach Angabe des Sächsischen Annalisten aus der Ehe Heinrichs des Kahlen von Stade drei Töchter hervor, unter denen indessen Hildegard nicht genannt ist, was an sich noch kein absoluter Beweis zu sein brauchte dafür, daß nur die drei anderen drei vorhanden waren.
Man nahm auf Grund dieser Tatsache [1 Annalista Saxo SS. VI, Seite 623.] an, daß die Frau Bernhards aus einer zweiten Ehe Heinrichs von Stade stammte, die auch den Namen Hildegard getragen habe [2 Wedekind Not. I, 252ff., vgl. Schannat Vindem. Lit. Seite 223. Cohn, Forschungen zur deutschen Geschichte VI, 555, Freiherr von Uslar-Gleichen, Veröffentlichungen zur Niedersächsischen Geschichte 3. - Brandenburg, Die Nachkommen Karls des Grossen Seite 93, Nr. 24 macht dagegen darauf aufmerksam, daß die dafür angeführten Gründe nicht beweisend seien. Vielmehr spreche für eine Abstammung der Hildegard von der Judith, daß Thietmar Bernhard II. seinen consanguineus (richtiger nepos Thietmar VII, 48 Seite 458) nennt, während dieser als Sohn einer anderen Frau Heinrichs nicht mit Thetmar blutsverwandt gewesen wäre - nicht in dem Maße, möchte ich sagen, denn die Verwandtschaft über Heinrich könnte ja auch dann noch bestehen.]. Dafür stützte man sich auf ein Namensverzeichnis in einer Fuldaer Handschrift, das anscheinend eine Reihe von namen der Angehörigen des Stader Grafenhauses enthält und wohl im späten 10. Jahrhundert entstanden ist [3 Vgl. Anmerkung 2. Scherer, Die Codices Bonifatiani in der Landesbibliothek zu Fulda, Seite 16, der die Schrift der Nachtragung auch ins 10. Jahrhundert datierte, glaubte in den Namen den BABENBERGER Heinrich (+ 886) und seinen Sohn (+ 902) zu erkennen, da er Wedekinds Interpretation offensichtlich nicht kannte (Not. I, 252ff.).]. Doch wenn es in der ersten Zeile heißt:
     "Heinrich      Hilitigart Conjux ejus
       Comes        Hilitigart Filia eorum."
(dann folgen untereinandergereiht weitere im Stadischen Hause bekannte Namen, darunter Heinrich und (seine Frau) Judith, sowie seine Kinder, so ist doch nirgends überliefert, ob mit jenem "Heinrich comes" Heinrich der Kahle von Stade, oder nicht etwa sein gleichnamiger Sohn gemeint sein könnte, als dessen Gemahlin freilich sonst eine Mathildis de Suevia überliefert ist [4 Raumer, Tafel IV. Graf Heinrich von Stade (+ 1016).]. Auch daß er zeitweilig Domherr in Hildesheim war, ist nicht unbedenklich. Doch wenn schon das erstere der Fall sein sollte und die Frau Bernhards tatsächlich die Tochter einer zweiten Gemahlin Heinrichs wäre, so ist damit doch nicht gesagt, daß jene 2. Ehe erst nach dem 26. Oktober 973 geschlossen sein muß, wie es Cohn behauptet [5 Siehe Anmerkung 2.].
Als das vermeintliche Todesdatum der Judith, der (1.) Frau Heinrichs von Stade, kann dieser Termin so jedenfalls keine Gültigkeit beanspruchen. Bei Thietmar [1 Thietmar II, 42 (26) Seite 90.] steht nur, daß Judith an einem 26. Oktober (richtiger wohl am 16. [2 Holtzmann zu Thietmar Seite 91 Anmerkung 8 weist darauf hin, daß Thietmar anscheinend ein Fehler unterlief, im Necr. Mers. steht der Todesvermerk zum XVII. Kal. Nov.]) starb, während das Jahr gar nicht anzugeben ist und viel früher liegen kann und nur im Anschluß an Nachrichten des Jahres 975 von der von einer Tochter, der Judith ihrer Mutter, der Großmutter Thietmars, später errichteten Grabstätte die Rede ist [3 Siehe Anmerkung 1. Darauf machte mit Recht schon Kurze in seiner Thietmar-Ausgabe (1889) aufmerksam.].
Somit könnte Hildegard selbst, wenn sie aus einer zweiten Ehe Heinrichs des Kahlen von Stade stammte, gut auch vor dem Jahre 975 geboren sein [4 Andernfalls könnte man als terminus post quem etwa das Jahr 974 ansetzen, da späterhin nichts mehr von Heinrich von Stade verlautet.], so daß ihre Vermählung mit Bernhard I. nicht erst in den 90-er Jahren angesetzt zu werden brauchte, und auch die Annahme einer ersten Ehe Bernhards I., auf die man bisher schließen zu müssen meinte [5 Bock, Festschrift zur deutschen Geschichte VII, Seite 615.], sich dann nicht mehr als notwendig oder als besonders wahrscheinlich aufdrängte.
Falls nun Bernhard nicht vorher schon einmal verheiratet war, müßten außer den schon genannten Söhnen Bernhard II. und Thietmar ein Sohn namens Hermann und die als Schwester Thietmars bekannte Äbtissin Godesti, die als Tochter Bernhards I. urkundlich genannte Herforder Nonne Imma und eventuell auch die Gernroder Nonne Mathilde aus der Ehe mit Hildegard hervorgegangen sein [6 Näheres unten Seite 144ff.]. Hildegard starb im gleich Jahr wie ihr Gatte, am 3. Oktober 1011 [7 Das Jahr beim Annalista Saxo SS. VI, Seite 661, der Tag im Necr. S. Mich. Lun. Wedekind Not. III, Seite 74.].