Bork Ruth: Seite 161-163
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"Die Billunger. Mit Beiträgen zur Geschichte des deutsch-wendischen Grenzraumes im 10. und 11. Jahrhundert."

In welchem Jahr Wulfhild, Ordulfs erste Gemahlin, starb, läßt sich nicht feststellen. Aus dem Necr. S. Mich. Lun. erfahren wir nur den Tag ihres Todes, den 24. Mai [4 Necr. S- Mich. Lun. Wedekind Not. III, 38 "Wulfhild ductrix"]. Sie kann aber die 50-Jahresgrenze nicht erreicht haben, da Ordulf, der im Jahre 1072 starb, noch eine zweite Ehe einging mit Gertrud, einer Tochter des Grafen Konrad von Haldensleben [5 Konrad war der Sohn des Markgrafen Bernhard II. von der Nordmark; eine ausführliche Genealogie dieses Hauses gibt die Sächsische Weltchronik c. 237, MG. Dt. Chron. II, Seite 199; Stamtafeln bei G.W. von Raumer, Historische Charten und Stammtafeln zu den Reg. hist. Brandenburg I, Nr. III., und Bernhardi, Lothar von Supplinburg Seite 814.], die ihm einen Sohn namens Bernhard schenkte, der aber durch einen Sturz vom Pferde vorzeitig ums Leben kam [6 Sächsische Weltchronik c. 237, MG. Deutsche Chroniken II, Seite 199 "Gerdruth, Hadewig muder, na eres ersten mannes dode, nam hertogen Ordolve von Luniburch, bi deme gewan siu Bernharde, de vel van enem perede unde starf untillikes dodes" Im Necr. S. Mich. Lun. Wedekind, Not. II´I, Seite 52 ist der Tod Bernhards unter dem 15. Juli angezeigt, und zwar heißt es "Bernhardus puer frater M. ducis". Im Möllenbecker Totenbuch (Schannat I, Seite 140) steht nur "Bernhardus comes".].
Auch Gertrud war vorher schon einmal vermählt gewesen. Aus einer Formbacher Genealogie des 12. Jahrhunderts [7 MG. SS. XXIV, Seite 77 zu 1060 "Fridericus senior, Tymonis filius cum in curia regis moraretur, neptem ipsius regis Gertrudem nomine accipienns coniugem, aufugit et postea rediens gratiam imperatoris accepit. Sed cum rediret, optimates regis cum insequentes pro eadem iniuria interfecerant". (Frühes Urkundenbuch Landes oberhalb der Enns, Seite 778, wo ein Satz fehlt.] erfahren wir, daß der Graf Friedrich von Formbach, ein Sohn Tiemos des Älteren, Gertrud, eine Nichte des Königs, von dessen Hofe entführt, später aber zurückgekehrt des Herrschers Gande wiedererlangt habe. Trotzdem wurde er dort von einigen mächtigen Herren, die ihm seine Tat nicht vergessen konnten, erschlagen [8 Weitere Berichte darüber finden sich weder in den Aufzeichnungen des Formbacher Klosters noch in anderen Quellen.]. Wann dies geschah, ist nicht überliefert. Curschmann nimmt mit Recht an, daß zumindest die Entführung noch in die Regierungszeit HEINRICHS III. fällt, da von einer Nichte HEINRICHS IV. noch nicht die Rede sein konnte, sofern mit jener Beziehung, die oft ja auch weiter gefaßt wurde, wirklich eine Nichte gemeint war [9 Siehe hierzu Curschmann, 2 Ahnentafeln Seite 69ff.]. Welcher Art die verwandtschaftlichen Beziehungen zum salischen Herrscherhaus im einzelnen waren, ist nicht bekannt. Daß eine gemeinsame Verbindung zum Hause der Grafen von Werl bestand, ist nicht nur eine Vermutung des Freiherrn von Dungern [1 Otto Freiherr von Dungern, Thronfolgerecht und Blutsverwandtschaft der deutschen Kaiser seit Karl dem Großen Seite 93; vgl. Bollnow, Die Grafen von Werl, Dissertation Greifswald 1930 und Friedrich von Klocke, Die Grafen von Werl, Westfälische Zeitschrift 1950.]. Die Behauptung Bernhardis, daß Friedrich von Formbach im Jahre 1059 erschlagen wurde, beruht auf einer Verwechslung [2 Bernhardi, Jbb. Lothar von Supplinburg Seite 810 hat diesen Irrtum aus Philipp Jaffe, Geschichte des deutschen Reiches unter Lothar Seite 226 übernommen, der fälschlich das Todesjahr von Friedrichs Großneffen Ekbert II., Scheidt, orig. Guelf. III, Seite 14 entnahm mit dem Druckfehler der Origuines 1059 (statt 115). Vgl. Curschmann, Jahrbücher des historischen Vereins für Niedersachsen Jahrgang 1920 Seite 90 Anmerkung 34, der dies klarstellte. Trotter bei Dungern im Genealogischen Handbuch zur bairisch-österreichischen Geschichte übernimmt trotzdem noch das falsche Datum; desgleichen Dungern (siehe Anmerkung 1.)]. Aus dieser Ehe war eine Tochter Hedwig hervorgegangen, die den Grafen Gebhard von Supplinburg heiratete und von ihm einen Sohn, den späteren Kaiser LOTHAR, gewann [3 MG. SS. XXIV, Seite 77 "cumunam tantum filiam Hedwig nuncupatam ex eadem Gerdrude genuisset, que Hadwig mater fuit Lotharii regis..."; vgl. Annalista Saxo SS. VI, Seite 754 "Gertrudis duxtrix, avia Liuderi ducis, obiit.].
Gertrud muß verhältnismäßig früh geheiratet und auch ein recht hohes Alter (ungefähr 60 Jahre) erreicht haben, da sie auch ihren zweiten Gatten, Ordulf noch um 44 Jahre überlebte. Sie starb im Jahre 1116 [4 Das Todesjahr Gertruds finden wir in den Magdeburger Annalen SS. XVI, Seite 182 und beim Sächsischen Annalisten SS. VI, Seite 754 (vgl. Anmerkung 2 Seite 163.], nach Meinung Wedekinds am 21. Februar [5 Wedekind, Not. II, Seite 95.]. Letzteres kann jedoch nur als sehr unsichere Vermutung angesehen werden, da der dafür in Anspruch genommene Vermerk im Necr. S. Mich. Lun. nur auf "Gera com." lautet [6 Wedekind, Not. III, Seite 14. Curschmann, 2 Ahnentafeln Seite 39 erwähnt den Tag nicht mehr.], möglicherweise eine Abkürzung, die uns aber sonst nirgends begegnet.
Ein drittes Mal scheint Gertrud nicht geheiratet zu haben, denn im Jahre 1076 wird sie noch einmal unter den sächsischen Gefangenen unter den Mainzer Kriegern wahrgenommen hatten, um der Haft HEINRICHS IV. zu entrinnen, genannt. In Brunos Beschreibung heißt es "Inter quos erat etiam Gerdrud, nobilissimi Ottonis ducis, fratris Herinmanni, vidua" [1 Brunos Buch vom Sachsenkrieg, Kritische Studientexte, neu bearbeitet von Lohmann Seite 80f.], während der Sächsische Annalist die Stelle umwandelte in: "Gertrudis mulier nobilissima, Magni ducis noverca..." [2 Annalista Saxo SS. VI. Seite 710.].