Ottos
einziger Sohn Ludwig,
später nach dem Ort seines Todes der Kelheimer genannt, war
beim Tode seines Vaters erst etwa zehn Jahre alt. Es war ein Glück
für ihn, dass das Gefolge seines Vaters ihm die Treue hielt und vor
allem, dass er eine tüchtige Mutter besaß, Agnes, Tochter
des Grafen Ludwig II. von Loon (Looz, nördlich Lüttichs), mit
dem der Name Ludwig
in die Familie kam, eine energische, politisch begabte und literarisch
interessierte Frau, die nach dem Tod ihres Gatten mit ihrem unmündigen
Sohn von Burg zu Burg reiste und unermüdlich für ihn warb. Die
Vormundschaft führten neben der Mutter die Oheime. Eine Adelsverschwörung,
die sich bildete, kam nicht zur Wirkung. Der schwere Schlag, den
Ludwig erlitt, als er den Rückhalt
an seinem Oheim Erzbischof Konrad verlor, der 1183 von Salzburg
nach Mainz zurückkehrte, konnte wettgemacht und die erste Gefahr gebannt
werden. Aber die Zukunft des Landes war dunkel. Die Familie der WITTELSBACHER
war
zwar mit dem Land verwachsen, reich und mächtig, aber eine überlegene
Stellung besaß sie nicht. Die weltlichen Großen des Landes
hatten sich mit der Gesamtmasse ihrer Rechte und Güter längst
eingeordnet in den staatlichen Wandlungsprozess der Zeit; sie waren wie
die WITTELSBACHER selbst in der Herrschaftsverdichtung
und Schließung von Räumen erheblich weit gekommen und auf dem
besten Weg, selbst Territorien auszubilden, wofür die politische Karte
Bayerns um 1200 ein überraschendes und anschauliches Bild bietet.
Das Ziel aller Dynasten, nicht bloß der OTAKARE oder der ANDECHSER,
war Aufstieg in den Reichsfürstenstand und Lösung aus dem landrechtlichen
Verband des Herzogtums. Ihre Mittel waren die gleichen wie die der STAUFER
oder
WELFEN oder
WITTELSBACHER.
Fast noch gefährlichere Widersacher als die Dynasten waren die Bischöfe.
Der gefährlichste Gegner war das staufische
Königtum. Die Übertragung des Herzogtums an Pfalzgraf Otto
war von BARBAROSSA wohl eine Dankes-
und Gunstbezeugung, gleichzeitig jedoch ein Akt sehr kühler Berechnung.
Ein mächtiges bayerisches Herzogtum fügte sich nicht in seine
Politik. Von drei Seiten bedrängten die STAUFER
den
bayerischen Block. Im Osten trennten sie 1156 und 1180 die Marken ab, um
sie zunächst weiter zu verleihen und später kaiserlichen Verwaltern
zu unterstellen, im Norden griffen sie selbst zu. In Fortführung der
Politik KONRADS III. ließ sich
im Jahre 1174 BARBAROSSA vom Bischof
von Bamberg die Anwartschaft auf die hochstiftischen Lehen der Grafen von
Sulzbach für seine beiden Söhne übertragen, was sich beim
Tod des letzten SULZBACHERS 1188 vorteilhaft auswirken sollte. Die staufischen
Güter
zogen sich quer durch den bayerischen Nordgau. Sie wurden der Verwaltung
des Butiglers in Nürnberg unterstellt, die militärischen Befugnisse
übte der Nürnberger Burggraf. Das Reichsland Eger erhielt gleichfalls
eine Verwaltungsorganisation. Nürnberg und Eger wurden Eckpfeiler
staufischer
Herrschaft in einem Bereich, der einst zum bayerischen Herzogtum gehört
hatte und ihm durch die
STAUFER entfremdet
wurde. Auch im Südwesten drangen sie gegen Bayern vor. Seit 1168 besaß
BARBAROSSA
in der Augsburger Hochstiftsvogtei eine feste Position am Lech, die er
nach dem Aussterben der Herren von Schwabegg erworben hatte. Gegen 1179
vermachte ihm Welf VI. die reichen welfischen
Besitzungen am Lechrain und im Gebirge . Bei Welfs erbenlosen Tod 1191
ging dessen ganze, durchgebildete, weithin geschlossene Herzogsherrschaft
in Oberschwaben und an der bayerischen Westgrenze an die STAUFER
über, die damit auf einer breiten territorialen Front am Lech, der
bayerischen Grenze, in Bayern vorrückten, wo sie die durch den Tod
Herzog
Ottos
gegebenen neuen Möglichkeiten nutzen konnten. Der junge
Herzog war auf die Gunst und Gnade des Königtums angewiesen. Das an
die Tradition des Stammesherzog anknüpfende, von dessen Rechtsinhalten
sich nährende
wittelsbachische
Herzogtum war in Gefahr, auf die Stufe einer Herzogsherrschaft herabgedrückt
zu werden, wie sie Otakar oder Welf VI. ausgebildet hatten und eben Berthold
von Andechs aufzubauen im Begriff war. Mit dem frühen Tod HEINRICHS
VI. 1197 schieden jedoch die STAUFER
zunächst aus dem Ringen in und um Bayern aus.
Noch ein zweiter Umstand kam im weiteren Verlauf der
Territorienbildung dem gefährdeten Herzogtum zugute.
Als Pfalzgraf Otto mit Bayern belehnt wurde, stand
ihm der bayerische Hochadel im ganzen noch trotzig und ungebrochen gegenüber
als ein hervorragender Teil jener stolzen Dynastenaristokratie, die durch
mehrere Jahrhunderte die Geschicke des Reiches mitbestimmt und dem Imperium
Glanz und Ansehen gegeben hatte. 100 Jahre später war er zersetzt
und aufgerieben, Geschlecht um Geschlecht erlosch. Diese Tatsache ist es
vornehmlich, die dem Jahrhundert in Bayern in seiner 1. Hälfte einen
revolutionären Charakter verleiht, da sie mit einem Zusammenbruch
der großen bayerischen Adelsherrschaften und damit alter politischer,
wirtschaftlicher und sozialer Ordnungen ohnegleichen verbunden war. Sie
kann nur verzeichnet, nicht restlos erklärt werden; sie ist nicht
auf Bayern beschränkt, tritt hier aber wegen der großen Zahl
der adligen Geschlechter besonders eindrucksvoll in Erscheinung. Als Ursachen
lassen sich anführen: die großen Verluste durch Italienfahrten,
Kreuzzüge und Fehden, die zahlreichen Eintritte von Familienmitgliedern
in den geistlichen Stand, die geringe Ehefreudigkeit aus Sorge um Erhaltung
des Besitzes und wegen der Gefahr von Erbteilungen, die wachsenden Schwierigkeiten
bei der Gattenwahl, schließlich wohl auch biologische Erschöpfung.
Ein Baum, der lange Frucht getragen hatte, starb ab. Reihenweise wurden
kleinere staatliche Keimzellen im Land und große Herrschaften frei,
und der Herzog konnte zugreifen.
Die entscheidenden territorialpolitischen Erfolge Herzog
Ludwigs I.
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Den Kern des werdenden Territoriums bildete die Gütermasse,
die das Haus WITTELSBACH in seinen
verschiedenen Zweigen besaß und in seiner Hauptlinie zwischen 1182
und 1238 vereinigte. Dazu kam, was von Heinrich dem Löwen übernommen
wurde: die Herzogspfalz in Regensburg mit ihrer Besitzausstattung,
die Hallgrafschaft mit Herrschaftsrechten in Reichenhall, die Vogteien
über Polling und Wessobrunn, die Grafschaft im tirolischen
Unterinntal, weiter Burg und Grafschaft Burghausen mit
der Vogtei über die alten herzoglichen Pfalzen und späteren Reichsgutbezirke
Ötting und Ranshofen samt dem Weilhartforst, ein Herrschaftskomplex,
der bereits im frühen 13. Jahrhundert in zwei große herzogliche
Ämter, Burghausen und Ötting, geteilt erscheint und eine der
wichtigsten Positionen im Herzogtum darstellte; schließlich ein in
seinem Kern nachweislich agilolfingischer, durch Rodungen erweiterter Güterbezirk
zwischen der Steyr und Krems um Bad Hall (einst Herzogenhall) als Mittelpunkt,
mit ähnlicher Geschichte wie das alte Herzogtum am unteren Inn und,
am Anfang des 13. Jahrhunderts, gleichfalls in Ämter eingeteilt. Er
konnte gegen die BABENBERGER, gegen OTAKARE und die HABSBURGER
trotz aller Anstrengungen nicht gehalten werden. Mit Ötting und Burghausen
fassten die WITTELSBACHER an Inn und
Salzach Fuß und gewannen sie Zölle und Kontrollmöglichkeiten
der Flussschifffahrt zwischen Salzburg und Passau sowie ein breites Ausfalltor
nach dem Osten. Sie wurden damit die südlichen Nachbarn der ANDECHSER
und ORTENBURGER, die beide die FORMBACHER am unteren Inn und im Rottal
beerbt hatten. Am Unterlauf des Inn hatte mit der Salzach bis zur Abtrennung
der Ostmark 1156 die "Schlagader und Achse des alten Stammesherzogtums"
(DIEPOLDINGER) dargestellt.
a) Der Kampf um Regensburg und den Donauraum
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Kaum mündig geworden, wurde Herzog
Ludwig
vor eine schwere Bewährungsprobe gestellt, es ging
sofort um den höchsten Einsatz und Zeitpunkt des bayerischen Zentralraums,
um das Gebiet von Regensburg bis Passau und um Regensburg selbst, seit
alters die Hauptstadt Bayerns. Den Auftakt bildete das Aussterben des alten
und bedeutenden Geschlechts der PAPONEN (BABONEN) in der Zeit der Vorbereitungen
zum Kreuzzug, der im April 1189 unter Beteiligung einer stattlichen Schar
bayerischer Ritter und unter der Führung des Kaisers selbst von Regensburg
seinen Ausgang nahm. Die PAPONEN verwalteten als Nachfolger der LUITPOLDINGER
die Grafschaft im westlichen Donaugau. Der jeweilige Graf war zugleich
Burggraf von Regensburg. 1143 hatten die Söhne des Burggrafen Otto
das väterliche Erbe geteilt, der ältere hatte die Burggrafschaft,
der jüngere, der eine Schwester Ottos zur Frau hatte, als Landgraf
von Stefling die Grafenrechte um den Regen übernommen. Beide Linien
starben aus, die burggräfliche mit den Brüdern Friedrich, Heinrich,
Otto, die ohne männliche Nachkommen waren, zwischen 1184 und 1189,
die landgräfliche 1196. Ab 1185 erscheint kein Burggraf von Regensburg
mehr. Um dieselbe Zeit im Jahre 1188 erlosch das Geschlecht der nicht minder
angesehenen SULZBACHER mit dem Tod des Grafen Gebhard. Ihnen gehörten
die bambergischen Lehen auf dem Nordgau und im Donaugau. Gebhard war zugleich
Domvogt der Regensburger Kirche, Vogt von Niedermünster in Regensburg
und von Niedernburg in Passau. Mit seinem Tod und mit dem Aussterben der
PAPONEN wurde eine gewaltige Gütermasse frei, die zu einer neuen Kräfteverteilung
im Donauraum führte. An ihr waren neben Herzog und Bischof interessiert
die Stadt Regensburg und die ersten Geschlechter des Landes, die benachbarten
BOGENER als Grafen im östlichen Donaugau, die mit den SULZBACHERN
nah verwandten ORTENBURGER, die ANDECHSER als ihre Nachbarn und die mit
den Burggrafen verwandten BABENBERGER, nicht zuletzt der Kaiser.
Noch ehe er ins Heilige Land aufbrach, griff er ein. Als mit dem Tod des
Bischofs Konrad auch der Regensburger Bischofsstuhl frei wurde, versuchte
er sofort einem seiner Getreuen die Bischofswürde zuzuwenden, was
ihm zwar nicht glückte, aber er erreichte, dass der neue Bischof ihn
1187 mit den stiftischen Lehen des Burggrafen Heinrich belehnte. Die bambergischen
Lehen der SULZBACHER auf dem Nordgau und im Donaugau erhielten seine Söhne
. Die Burggrafschaft wurde eingezogen und einem Burghauptmann als königlichen
Beamten übertragen. Vermutlich erst damals, nicht schon 1180, wie
Aventin überlieferte, führte BARBAROSSA
auch eine Neuordnung der Stadtverfassung durch, indem er das bürgerliche
Element stärkte und der Stadt Rechte gewährte, die ihre Entwicklung
zur Reichsfreiheit einleiteten. Als Domvögte erschienen nach dem Aussterben
der SULZBACHER die Herren von Lengenbach in Nieder-Österreich, die
auch im Lungau an deren Stelle traten. Der junge WITTELSBACHER
war
übergangen, das Herzogsrecht in Regensburg vom Kaiser geschmälert
worden.
BARBAROSSAS Werk
hatte nur zum Teil Bestand. Nach seinem Tod (1190) begann der zweite Abschnitt
der Auseinandersetzungen, in deren Verlauf Herzog
Ludwig an den Rand des Verderbens geriet. Jetzt trat der Adel
in den Kampf ein, voran der ungebärdigste der damaligen Dynasten,
Graf Albert III. von Bogen, der in Verbindung mit König
Ottokar von Böhmen stand, dessen Nichte Ludmilla,
die Tochter des 1189 verstorbenen böhmischen Herzogs Friedrich, er
zur Frau hatte. Der Kampf des Adels richtete sich nicht bloß gegen
die bayerische Herzogsgewalt, mehr noch gegen die erfolgreiche staufische
Territorialpolitik im Donauraum, er muss auch im Rahmen des umfassenden
Fürstenbundes wider HEINRICH VI.
von 1192 gesehen werden, dem Ottokar beitrat,
während die Herzöge von Bayern und Österreich sich fernhielten.
Eine durch zahlreiche Große besuchte, eindrucksvolle, die alte Stammesversammlung
widerspiegelnde Versammlung zu Laufen am 20. April 1192 brachte keine Klärung.
Graf Albert eignete sich widerrechtlich die bambergischen Lehen der SULZBACHER
im Donauraum an und weigerte sich, sie herauszugeben, überzog im August
1192 den Herzog mit Krieg, besiegte ihn mit Hilfe der Böhmen und drängte
ihn bis Mühldorf zurück. Im Oktober wandte sich Herzog Leopold
von Österreich, unterstützt von Berthold IV. von Andechs und
anderen bayerischen Großen, gegen die ORTENBURGER und zwang sie nieder.
Die Quellen berichten von furchtbarer Kriegsnot. Der Herzog war aufgerufen
zur Wahrung von Friede und Recht. Er vermochte sich nicht durchzusetzen.
Er wäre unterlegen, hätte er sich nicht dem Schutz Kaiser
HEINRICHS unterworfen, der eingriff und Waffenstillstand gebot.
Auf den Reichstagen zu Regensburg und Worms im Januar 1193 erging ein scharfes
Urteil, Ottokar wurde seines Herzogtums
entsetzt und Graf Albert, weil er das "barbarische und wilde Volk der Böhmen"
nach Bayern gerufen, als Reichsfeind erklärt.
Hatte BARBAROSSA
dem Vater Ludwigs das bayerische Herzogtum übertragen, so hatte
sein Nachfolger es dem Sohn gerettet. Ludwig
trat fortan wie sein Vater häufig an des Kaisers Seite auf, begleitete
HEINRICH
1193/94
nach Apulien und Sizilien, 1196 nach Würzburg und Mainz, wo über
den vielberufenen Erbreichplan verhandelt wurde, 1197 erneut nach Sizilien,
wohl in der Absicht, gleich anderen bayerischen Großen die Fahrt
ins Heilige Land anzutreten. Die Bindung seines Hauses an die
STAUFER
war durch den Schutz, den er erfahren hatte, auch bei ihm nun fest begründet.
Sie schlug ihm erneut zum Vorteil aus. Als 1196, nach dem Aussterben der
Landgrafen, die Gegensätze im Donauraum wieder aufbrachen und der
Endabschnitt der Auseinandersetzungen um die alte bayerische Stammesmetropole
begann, nahm er als Verwandter, ohne dass Widerspruch laut wurde, sichtlich
durch den Kaiser gedeckt, die landgräflichen Allodien an sich. Nach
1196 erscheint er im Besitz von Burg und Herrschaft Regenstauf,
er gewann auch die Landgrafschaft, die ihm der Kaiser übertragen zu
haben scheint. Er verlieh sie an die Leuchtenberger weiter. Der Tod
HEINRICHS 1197 war ein schwerer Verlust für ihn, er gab
ihm aber gleichzeitig die Bahn frei und wurde für ihn wie für
Bayern ein Ereignis von großer Tragweite. Gezwungen durch die Lage
im Reich musste HEINRICHS
Nachfolger,
König
PHILIPP, die jahrzehntelangen territorialpolitischen Bemühungen
seines Hauses in Bayern aufgeben. Jetzt endlich rückte allenthalben
im Land der Herzog in den Vordergrund, und beschränkte sich der Kampf
um Regensburg auf die beiden Mächte, die dort von jeher konkurrierten,
auf Herzog und Bischof. Jetzt hatte Herzog Ludwig
die Führung. Als ihm der Bischof die hochstiftischen Lehen der Landgrafen
vorenthielt, wagte er schließlich den Kampf. Mit ihm, der um mehr
als um die Lehen, der um die Beherrschung der Stadt ging. Die ORTENBURGER
vermochte er fernzuhalten, indem er auf der Seite des Passauer Bischofs
gegen sie kämpfte und 1199 die ortenburgische Kraiburg zerstörte.
Das Haus BOGEN band er an sich durch eine hochpolitische eheliche Verbindung,
indem er 1204 die Witwe des 1198 verstorbenen Grafen Albert heiratete.
Als im selben Jahr sein Schwager Markgraf Berthold von Cham-Vohburg ohne
Hinterlassung männlicher Erben starb, gewann er die Mark Cham,
mit ihr den nördlichen Anschluss an das bogensche Territorium und
eine wichtige Grenzposition gegen Böhmen. Dies waren große Erfolge.
Er setzte sich im Donauraum außerhalb Regensburgs durch, des Bischofs
und der Stadt vermochte er jedoch nicht Herr zu werden. Bischof Konrad
verband sich mit dem mächtigsten kirchlichen Herrn im Land, dem Erzbischof
Eberhard von Salzburg, der vom Süden her in die herzogliche Machtsphäre
einbrach. Es gelang Ludwig zwar, die
regensburgische Feste Teisbach (bei Dingolfing) zu zerstören und sich
durch Gründung und Ausbau von Burg und Stadt Landshut 1204 einen wichtigen
Isarübergang zu sichern. Aber er blieb im Anlauf stecken und musste
sich schließlich mit dem Bischof vergleichen. Der Vertrag von 1205
offenbart die neue Lage. Er war eine Abmachung zwischen Gleichberechtigten,
die ihre gegenseitige Macht- und Rechtsphäre absteckten. Die stammesherzogliche
Überordnung war preisgegeben. Der Herzog konnte wohl verhüten,
dass Regensburg eine geistliche Stadt wurde. Durch verlockende und ungewöhnliche
Versprechungen, die er für den Fall seines Todes ohne eheliche Nachkommen
dem Bischof machte, erreichte er, dass ihn der Bischof mit den erledigten
hochstiftischen Lehen der Landgrafen "im Gebirg" belehnte. Auch gingen
die burggräflichen Befugnisse fast im gleichen Umfang, wie sie die
PAPONEN geübt hatten, auf ihn über. Er ließ sie durch einen
von ihm bestellten Beamten wahrnehmen. Aber er konnte weder verhindern,
dass der Bischof aus dem Landesverband ausschied - der Bischof behauptete
die Herrschaften Donaustauf und Wörth, unweit der Stadt stromabwärts,
linksseitig gelegen, Forstgebiete, in denen er die Landeshoheit übte,
- noch konnte der Herzog verhüten, dass Regensburg auf seinem Weg
zur Reichsfreiheit voranschritt, die 1245 erreicht war. Im Dualismus zwischen
herzoglich-burggräflicher und bischöflicher Gewalt war ein dritter
Machtfaktor, das Bürgertum, erstarkt, dessen staufische
Privilegien von beiden anerkannt werden mussten. Bis 1244 war der Ausbau
der Ratsverfassung abgeschlossen. Ausgangspunkt war nicht die Gerichtshoheit,
sondern das Recht, den Hansgrafen zu wählen, die Wehrhoheit und die
1207 erworbene Steuerhoheit. Bereits 1230 erhielt die Stadt das Privilegium
de non evocando, war also fortan keinem fremden Gericht, auch nicht dem
des Herzogs unterworfen. Regensburg wurde exterritorial. Durch und seit
BARBAROSSA
verlor die Stadt ihren Charakter als Mittelpunkt des bayerischen Herzogtums
und Sitz der Herzöge, was sie unter den WELFEN
und früher gewesen war. Der Gewinn, den Regensburg durch seine Erhebung
zur Reichsstadt davontrug, wog, wie die Zukunft erweisen sollte, nicht
so schwer wie der Verlust, den es erlitt. Es entsprach dem Wandel der Zeit,
dass mit dem Stammesherzogtum auch die Geschichte Regensburgs als dessen
Hauptstadt endete, nach rund 700-jähriger Dauer. Rings umschlossen
vom wittelsbachischen Territorium, waren seiner Entwicklung Grenzen gesetzt.
b) Der Kampf um Reichenhall
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Reichenhall, das wichtigste wirtschaftliche Produktionszentrum
des Landes, der uralte, von vorgeschichtlicher Zeit her bedeutende Salzort,
war ursprünglich Fiskalgut, das von den Herzögen und Königen
zum größten Teil vergabt wurde und zu einem unentwirrbaren Knäuel
von Herrschaftsrechten und Besitzanteilen an Salzbrunnen, Pfannen und Hofstättten
entartet war. Die Rechtsverhältnisse waren ständig in Fluss,
und des Streitens war kein Ende. Hatte den Hauptanteil der benachbarte
Erzbischof von Salzburg, so besaß der Herzog als Nachfolger Heinrichs
des Löwen die Grafschaftsrechte; mochte sie ihm auch der Erzbischof
streitig machen, er hielt sie fest und kräftigte seine Beziehungen
zu den Bürgern, deren Oberschicht, die Sudherren, eine selbständige
Stellung neben den zahlreichen Herrschaftsträgern sich zu erringen
bemühten, und wich nicht zurück, auch als 1196 Erzbischof Adalbert
die Stadt brandschatzte und auf dem Guttenstein unmittelbar über den
Salzbrunnen die Hallburg errichtete. Die Entscheidung fiel unter Adalberts
Nachfolger Eberhard II., einem der bedeutendsten damaligen Reichsfürsten,
von hervorragenden politischen und Verwaltungsfähigkeiten, dem einzigen
unter den bayerischen Bischöfen, der dem Herzog die Waage zu halten
imstande war, die durch die Lage Salzburgs gegebenen politischen Möglichkeiten
zwischen den WITTELSBACHERN und BABENBERGERN,
den PREMYSLIDEN und
ARPADEN zu nützen verstand und in seiner langen Regierungszeit
von 1200 bis 1246 den Grundstein zum salzburgischen weltlichen Staat legte.
Der Stein kam ins Rollen, als 1218/19 die Grafen von Peilstein ausstarben,
die als Hauptvögte des Erzstifts auch die salzburgische Vogtei "ze
Halle" besaßen. Herzog und Erzbischof erhoben Anspruch auf das Erbe,
ohne auf die mit den PEILSTEINERN verwandten PLAINER Rücksicht zu
nehmen. Um seine Forderungen zu unterstreichen und den Punkt zu bezeichnen,
in welchem er unnachgiebig zu bleiben gewillt war, schuf sich Ludwig
eine
feste Stellung in Reichenhall, indem er die salzburgische Hallburg eroberte
und eine Grenzfestung zu bauen begann. Eberhard trat jedoch nicht in kriegerische
Auseinandersetzungen ein, er vertraute auf die natürliche Beschaffenheit
des Landes. Der Herzog konnte, wie auch sein Nachfolger, mit kriegerischen
Mitteln die Begründung eines salzburgischen Territoriums im Gebirge
nicht hemmen. Beide mussten ihre Kräfte darauf konzentrieren, dem
Erzstift den Weg ins Inntal auf breiter Front zu verlegen und ein weites
Ausgreifen ins Flachland zu verhindern, was nur mit halbem Erfolg gelang,
wie die Auseinandersetzungen um das Erbe der LEBENAUER und der PLAINER,
die 1229 bzw. 1249/60 ausstarben, beweisen, deren Machtzonen, soweit sie
im herzoglichen Interessengebiet lagen, Salzburg westlich und nördlich
vorgelagert waren. Sie zogen sich etappenweise aus dem Gebirg zurück.
Herzog Ludwig machte den Anfang, indem er im Streit mit Eberhard
die Konsequenzen zog und sich mit ihm 1219 verglich und 10 Jahre später,
1228, den Pinzgau preisgab. Aber den wichtigsten Teil des peilsteinischen
Erbes behauptete er, voran Reichenhall. Das Erzstift musste seine territoriale
Hoffnungen auf ein Gebiet begraben, in welchem seine ältesten Einkünfte
lagen. Der Erfolg war um so größer, als die WITTELSBACHER,
wie ihre Vorgänger, die WELFEN,
in Reichenhall nur mäßig begütert waren und erst seit dem
Aussterben der Grafen von Burghausen 1168, von Schala 1192 und von Peilstein
dort hatten um sich greifen können. Reichenhall blieb bayerisch. Die
landesfürstliche Wirtschaftspolitik konnte daran gehen, die privaten
Salinenberechtigungen nach und nach einzulösen, das Salinenwesen zu
verstaatlichen und sich eine Einnahmequelle zu eröffnen, die später
zu den bedeutendsten des bayerischen Territorialstaates zählen sollte.
Die Grenze gegen Salzburg im Chiemgau wurde erst in den 70-er Jahres des
13. Jahrhunderts gefunden. Die Auseinandersetzungen um die dortige Landeshoheit
kamen jedoch nicht zur Ruhe. Den Erzbischöfen glückte es nicht,
sich ihren reichen Besitz am Inn mit dem Vogtgericht Mühldorf als
Mittelpunkt auch staatlich anzugliedern.
c) Die Verdrängung des Hauses Andechs
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Den stärksten Hemmschuh in der Ausbildung eines
geschlossenen Staatsgebietes bildete das Haus ANDECHS, zumal zwei seiner
Mitglieder Reichsfürsten und dem Herzog gleichgeordnet waren, Otto
VII. Herzog von Andechs-Meranien, seit 1208 auch Pfalzgraf von Burgund,
und Ekbert, seit 1203 Bischof von Bamberg. Eine friedliche Beilegung der
Gegensätze wäre nur durch schwächlichen Verzicht auf beiden
Seiten möglich gewesen. So kam es zu schweren, mit der Reichsgeschichte
verketteten Wirren und Kämpfen, die sich durch 40 Jahre hinzogen und
mit dem Untergang des Hauses endeten. Ihr Beginn wurde nicht durch die
herrschenden Spannungen ausgelöst, sondern durch eine in blindem Jähzorn
begangene Untat des Pfalzgrafen Otto, eines Vetters des bayerischen
Herzogs. Am 21. Juni 1208 wurde
König PHILIPP
zu Bamberg bei der Feier der Hochzeit seiner Nichte Beatrix,
der Erbin von Burgund, mit Herzog Otto durch den Pfalzgrafen ermordet.
Der Täter fühlte sich in seiner Ehre tief verletzt, weil der
König von seinem Versprechen Abstand genommen hatte, ihm eine seine
Töchter zur Ehe zu geben. Nach einer Nachricht in der Slavenchronik
Arnolds soll ihm PHILIPP noch eine
weitere schwere Kränkung zugefügt haben. Als Pfalzgraf Otto
sich an den schlesischen Hof begab, um die Hand einer Herzogs-Tochter anzuhalten,
soll er dort vor ihm gewarnt worden haben. Die beiden Brüder des Neuvermählten,
Bischof Ekbert und Markgraf Heinrich von Istrien, wurden einmütig
der Mitwisserschaft geziehen. Die Tat war so ungeheuerlich, dass sie die
schwersten Folgen nach sich ziehen musste. Der Täter und die beiden
andechsischen Brüder Ekbert und Heinrich verfielen der Reichsacht.
Mit sicherem Instinkt erkannte Ludwig
die große Chance, die sich ihm bot. Seit dem Tod PHILIPPS
war das Doppelkönigtum beseitigt und war der WELFE
OTTO IV., der neu und einmütig gewählt wurde, allein
deutscher König. Vornehmlich Ludwig war es zu verdanken, dass
eine zweite Doppelwahl vermieden wurde. Als erster unter den deutschen
Fürsten erkannte er den
WELFEN
an. OTTO sprach ihm hierfür auf
dem Reichstag zu Frankfurt am 15. November 1208 unter gleichzeitiger Bestätigung
der Erblichkeit des bayerischen Herzogtums die Reichslehen des
Pfalzgrafen und des Markgrafen zu. Das Haus ANDECHS war an der Wurzel
getroffen. Die beiden Brüder Ekbert und Heinrich flohen nach Ungarn
an den Hof ihrer Schwester Gertrud,
der ungarischen Königin, Heinrich auf dem Umweg über Rom, wo
er beim Papst eine Intervention durchsetzte. Bis jedoch der Prozess durchgeführt,
Bischof Ekbert im Jahre 1211 wieder in sein Amt eingesetzt und er selbst
am Königshof in Gnaden aufgenommen war, hatte Ludwig
längst gehandelt und seinen Vorteil wahrgenommen. Es winkten ihm Aussichten
wie nie zuvor, selbst Anteil am südlichen Meer. Er brach den Widerstand
seines Vetters, zusammen mit dem Nachbarn der pfalzgräflichen Güter,
dem Reichsmarschall Heinrich von Kalden, der im März 1209 den Geächteten
bei Regensburg, wo er sich verborgen hielt, aufgriff und tötete, und
verdrängte Heinrich aus seinem Besitz in Bayern. Auf die Markgrafschaften
Krain und Istrien musste er zwar noch im Jahre 1209 zugunsten des Patriarchen
Wolfger von Aquileja verzichten, auch in die Stellung der ANDECHSER in
Tirol konnte er infolge der Gegenwirkungen des Grafen Albert von Tirol
nicht einrücken, aber sein Land- und Herrschaftsgewinn in Bayern war
außerordentlich. Er schob seine Herrschaft südlich der von der
mittleren Isar zum mittleren Lech laufenden Linie bis ins Gebirge vor,
indem er in den andechsischen Kernlandschaften, in den Räumen der
späteren Landgerichte Weilheim, Wolfratshausen, Starnberg und Landsberg
sich den andechsischen Besitz sicherte, und erweiterte außerdem in
den wittelsbachischen Stammlanden seine
Herrschaftsgrundlagen um den Besitz seines Vetters nördlich der genannten
Linie. Das westliche Bayern war jetzt in seine Hand gegeben, wenn auch
seine Herrschaft dort noch nicht geschlossen und der Gewinn noch auf Jahrzehnte
nicht gesichert war. Auch am unteren Inn gewann er gegen Passau zu an Boden,
indem er auch hier in die andechsische Position einrückte, zunächst
jedoch ohne sie halten zu können.
d) Die Gewinnung der Pfalz
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Herzog Ludwig harrte
bei König OTTO aus, nahm am Krönungszug
nach Rom teil und ließ sich auch nicht irre machen, als der WELFE,
in die Bahnen der STAUFER einlenkend,
seinen päpstlichen Gönner herausforderte, indem er Sizilien gewinnen
wollte, was ihm den Bann eintrug. Als dann aber Papst Innocenz in der Zwangslage,
in der er sich befand, das Steuer herumwarf und den jungen STAUFER
FRIEDRICH gegen den WELFEN
ausspielte, trat Ludwig im September
1211 mit anderen Fürsten für FRIEDRICHS
Wahl ein. Im März 1212 bekannte er sich trotzdem nochmals zu OTTO.
Wie brüchig aber die Freundschaft unterdessen geworden war, verraten
die schweren Sicherungen, mit denen das damals gegebene eidliche Versprechen,
niemals abfallen zu wollen, umhegt wurde und die verwandtschaftliche Verbindung,
mit der man sie zu befestigen glaubte. Ludwigs
einziger Sohn, wurde mit einer Nichte des Kaisers, mit Agnes, einer
Tochter des älteren Bruders des WELFEN,
des Pfalzgrafen Heinrich des Langen zu Pfingsten 1212 auf einem Hoftag
zu Nürnberg verlobt, ein folgenschweres Geschehnis.
Da trat im Herbst des gleichen Jahres ein Ereignis ein,
das alle Abmachungen über den Haufen warf und alle Eide vergessen
ließ. Der junge
STAUFER erschien
am Oberrhein und trat seinen Triumphzug durch Oberdeutschland an, das ihm
der WELFE kampflos preisgeben musste.
Wie wenn die ihm geschworene Treue lediglich an seine
staufische
Gattin, eine Tochter PHILIPPS, gebunden
gewesen wäre, verließen auf die Nachricht von ihrem Tod mit
den Schwaben die Bayern sein Kriegslager in Thüringen, wohin sie mit
ihm gezogen waren. Und als Herzog Ludwig
seiner Eide ungeachtet im Dezember 1212 auf dem Fürstentag zu Frankfurt
FRIEDRICH
mitwählte, rührte sich in Bayern wie seinerseits für Heinrich
den Löwen so auch jetzt für seinen Sohn OTTO
keine Hand. FRIEDRICH konnte in Regensburg
im Februar 1213 die bayerischen Großen, selbst jene, die sich zum
Widerstand gegen ihren Herrn, falls er von OTTO
abfiele, eidlich verbürgt hatten, um sich versammeln und ihre Huldigung
entgegennehmen. Auch der Primas der bayerischen Kirche, Erzbischof Eberhard
von Salzburg, trat auf seine Seite, um dafür großzügig
belohnt zu werden, obwohl er dem WELFEN Treue
selbst gegen den Papst versprochen hatte. Er erhielt von FRIEDRICH
den ganzen Reichsbesitz im Lungau geschenkt und die Erlaubnis zur Errichtung
des Bistums Chiemsee. Wie die Gründung des Bistums Seckau 1218 gegen
die BABENBERGER gerichtet war, so bezog Salzburg mit dem Bistum Chiemsee
eine feste kirchliche und territorialpolitische Position gegen das wittelsbachische
Herzogtum.
Der Gewinn, den Ludwig bei
diesem zweiten deutschen Thronstreit einheimste, überstieg alle Erwartungen.
Dabei waren die Opfer, die er bringen musste, begrenzt, denn die Entscheidung
zwischen dem STAUFER und dem WELFEN
fiel nicht in einem Waffengang zwischen beiden allein, sondern in der Schlacht
bei Bouvines im Juli 1214, mit der der englisch-französische Krieg
ohne Beteiligung FRIEDRICHS beendet
wurde und in der das englische Heer, auf dessen Seite OTTO
kämpfte, unterlag. Ludwig zog
lediglich mit FRIEDRICH gegen die niederrheinisch-welfische
Fürstenopposition zu Feld, er geriet dabei in Gefangenschaft
und wurde mehrere Monate festgehalten, bis man in der Heimat das Lösegeld
für ihn aufgebracht hatte. Noch im gleichen Jahr 1214, wahrscheinlich
anfangs Oktober, wurden er und sein Sohn Otto nach dem kinderlosen
Tod des Pfalzgrafen Heinrich II., des Sohnes Heinrichs des Langen, mit
der erledigten Pfalzgrafschaft bei Rhein belehnt,
Ludwig als Lehensvormund des unmündigen Otto.
Das war der Anfang der Verbindung Bayerns mit der Pfalz. Der Gewinn war
für den bayerischen Herzog deshalb so bedeutend, weil die rheinischen
Pfalzgrafen die angesehensten unter ihren Amtsgenossen waren und weil es
ihnen gelang, ihrem Amt eine territoriale Grundlage zu geben, die auszubauen
und zu erweitern sich lohnte, bestehend aus Reichs- und Kirchenlehen, Vogteien
und Burgbezirken in einem wirtschaftlich und kulturell fortgeschrittensten
Gebiete des Reichs, am Mittelrhein, an der Bergstraße, am Odenwald
und an der Nahe, was den auch später nie behobenen Mangel räumlicher
Geschlossenheit weitgehend aufwog.
Ludwig
setzte die Erwerbspolitik seiner Vorgänger fort. Im Jahre 1225 gewann
er das bischöflich-wormsische Kirchenlehen, das Heidelberg als Mittelpunkt
hatte, wo sein Sohn nach der Übernahme der Regierung häufig residierte.
So bedeutsam für Bayern das Ereignis war, in den bayerischen Quellen
wird es nur in einer Aufzeichnung aus dem Kloster St. Emmeran erwähnt,
die um so bemerkenswerter ist; Bayern sei dem Land am Rhein gleichsam unterworfen
worden, heißt es da. Man fürchtete zurückgesetzt zu werden.
Durch die Gewinnung der Pfalz wurde in einem Augenblick, in dem stärkste
Konzentration das Gebot der Stunde war, das politische Interesse und die
politische Aufgabe der jungen Dynastie zweigeteilt.
Reichspolitik Ludwigs I. und Ausklang seiner Regierung
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a) Teilnahme am Kreuzzug
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Die Vereinigung der bayerischen Herzogswürde mit
dem Pfalzgrafenamt führte Ludwig an
die Spitze der deutschen weltlichen Fürsten und an die Seite des Kaisers,
der auf seine unmittelbare Unterstützung rechnete. FRIEDRICHS
Spannungen mit der Kurie setzten nach Innocenz' Tod im Sommer 1216 ein,
als der Kaiser überraschenderweise seinen kleinen, bereits zum sizilianischen
König gekrönten Sohn HEINRICH nach
Deutschland bringen und zum König wählen ließ, während
er selbst nach Bereinigung der welfischen Frage
nach Italien zurückkehrte, dem widerstrebenden Papst die Krönung
abrang und daranging, seinen sizilianischen Staat auf- und auszubauen,
um von da aus Italien und Deutschland zu beherrschen. Ein Grundgedanke
der kurialen Politik, die Trennung Siziliens vom Reich, war illusorisch
gemacht. Zum offenen Konflikt führte die Kreuzzugsfrage.
Der Kreuzzugsgedanke hatte auch in Bayern immer noch
zündende Kraft, wie das Echo zeigt, das der Kreuzzugsbeschluss des
Laterankonzils vom November 1215 auslöste. Gleich dem Kaiser nahm
der Herzog das Kreuz, dem Beispiel folgten zahlreiche bayerische adlige
Herren. Da FRIEDRICH die Erfüllung
seines Kreuzzugsversprechens immer wieder hinausschob, machte im Jahr 1217
Herzog Otto von Meranien den Zug seines Schwagers, des Königs
Andreas II. von Ungarn, mit, ebenso Graf Ulrich von Velburg-Klamm
und andere Adlige. Die Grafen Albert und Berthold von Bogen schlossen sich
dem niederrheinischen Kreuzfahrerheer an und nahmen 1218 an der Belagerung
der Stadt Damiette teil, die 1219 erobert wurde. Das Hilfskorps, das im
April 1221 von Tarent aus in See stach, um das Kreuzfahrerheer in Damiette
zu verstärken, wurde vom Kaiser der Leitung Herzog
Ludwigs unterstellt, was für seine Stellung bezeichnend
war. Der Name des bayerischen Herzogs ist mit dem enttäuschenden Ende
des Gesamtunternehmens, das mit einer gewaltigen Kraftanstrengung des Abendlandes
ins Werk gesetzt worden war, eng verknüpft. Wie der Kardinallegat
Pelagius, dessen eiferndes Zureden gefährliche Beschlüsse auslöste,
so drängte auch er, er sei nicht gekommen, um in Trägheit aufzugehen.
Da er als Stellvertreter des Kaisers auftrat, hatte sein Wort Gewicht.
Er war mitverantwortlich für den verhängnisvollen Vorstoß
nach Kairo, wie er denn auch unter den Geiseln war, die der Sultan
Al-Kamil
sich ausbedang. Vom Großmeister des Templerordens
wurde er wegen des unglücklichen Ausgangs des Kreuzzugs mitbelastet.
b) Reichsgubernator und Vormund König Heinrichs (VII.)
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Es bedeutete die höchste Steigerung seines Ansehens,
dass ihn der Kaiser am 2. Juli 1226 für den ermordeten Erzbischof
Engelbert von Köln zum Reichsgubernator und zum Vormund
seines Sohnes, des damals 15-jährigen Königs
HEINRICH (VII.) bestellte. Die Regentschaft Ludwigs stand
von Anfang an unter einem ungünstigen Stern. Er hatte schon früher
einmal vergeblich versucht, auf HEINRICHS
Zukunft Einfluss zu nehmen und ihr eine Wendung zu geben, die seinen territorialen
Interessen entsprach, indem er den Plan seiner böhmischen Verwandtschaft,
HEINRICH
mit
Agnes, einer Tochter Ottokars,
zu verheiraten, eifrig unterstützte. Zu Ulm im Januar 1225 war öffentlich
darüber verhandelt worden. Agnes wurde von ihrem Vater im Einvernehmen
mit Ludwig der Obhut Leopolds VI. von
Österreich anvertraut. HEINRICH schlug
jedoch die Heirat aus und vermählte sich am 18. November 1225 mit
der BABENBERGERIN Margarete, Leopolds
Tochter. Die Folge war tödliche Feindschaft, zwischen Ludwig
und Ottokar, die sich mit Ungarn verbündeten,
auf der einen und Leopold auf der anderen Seite. Sie bildete den Auftakt
zu den kommenden, sich häufenden Waffengängen zwischen Bayern
und Österreich, den Nachbarn gleichen Stammes. Die Heirat lag auch
im Interesse Kaiser FRIEDRICHS, der
wie den WITTELSBACHER, so auch den
BABENBERGER bei seiner Partei halten musste. Bayern, Österreich und
die Steiermark gehörten zum nördlichen Vorland Italiens wie Schwaben
und Burgund, die beide durch seinen Sohn HEINRICH
gesichert waren, dem er 1217 das Herzogtum Schwaben und 1218
nach dem Aussterben der ZÄHRINGER, das Rektorat in Burgund übertragen
hatte. Es war für Ludwig viel
schwerer als für Engelbert, in seiner neuen Stellung die Reichsinteresssen
mit seinen eigenen in Einklang zu bringen. Der deutsche Norden trat im
Blickfeld des Kaisers gegenüber dem Süden zurück, die dänische
Gefahr wurde durch die norddeutschen Fürsten ohne seine Mitwirkung
beschworen. Die wittelsbachischen
Interessen jedoch kreuzten sich mit den staufischen,
und in der Regentschaft Ludwigs lag
von Anfang an ein Keim des Abfalls. Ludwig
versuchte
die staufischen Interessen nach Norden
abzulenken. Als Pfalzgraf Heinrich der Lange, der letzte Sohn Heinrichs
des Löwen, ohne männliche Nachkommen starb, veranlasste er den
jungen König, zusammen mit ihm Ansprüche auf den Allodialbesitz
der braunschweigischen WELFEN-Linie
zu erheben und ihnen mit Waffengewalt Nachdruck zu verleihen. Beide, König
und Herzog, belagerten im August 1227 Braunschweig. Hatte der Kriegszug
auch keinen Erfolg, er bewies zum mindesten, dass Ludwig
nicht ohne Einfluss auf den Thronfolger war und dass es ihm
nicht an Kühnheit der Zielsetzung gebrach. Gleich Engelbert von Köln
und wie dieser ohne Erfolg und im Gegensatz zum Kaiser betrieb er damals
auch die Hinwendung des Reiches zu England und die Ersetzung des staufisch-kapetingischen
Bündnisses
durch ein staufisch-englisches. Es
gelang ihm, seinen Plan soweit zu fördern, dass
König Heinrich III. von England im April 1227 bereit war,
eine Tochter Ottokars von Böhmen
oder eine andere deutsche Fürstentochter zu heiraten. Der Kaiser jedoch
hielt am kapetingischen
Bündnis
fest. Damals war Ludwigs Stellung als Vormund HEINRICHS
bereits in Wanken geraten. HEINRICH
hatte längst Verbindung aufgenommen mit den gefährlichsten Rivalen
Ludwigs in Bayern, den ANDECHSERN, von denen ihm Herzog Otto VII.
als Gatte der Beatrix, der Enkelin
BARBAROSSAS, besonders verbunden war.
Er sah durch die wittelsbachische
Territorialpolitik,
durch den Aufstieg der fürstlichen Territorialgewalten überhaupt,
das alt-staufische System in S-Deutschland
gefährdet und suchte und fand Abwehrkräfte bei der Reichsministerialität,
besonders in Schwaben, und beim Bürgertum.
c) Kämpfe mit Heinrich (VII.) und Otto VII. von Andechs.
Tod und Würdigung
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Auch nach der Rehabilitierung der andechsischen Brüder
Ekbert und Heinrich hatte Ludwig die
andechsischen Grafschaften nicht herausgegeben, ebenso hielt er die andechsischen
Allodien besetzt. Er verhinderte mit allen Mitteln die Bildung eines andechsischen
Territoriums, ebenso wie der den gleichlaufenden Zielen Freisings entgegenarbeitete,
das er zu einem herzoglichen Bistum zu machen versuchte. Den ANDECHSERN
Ekbert, dem Bischof von Bamberg, hielt er in Schranken, indem er seinen
Stiefsöhnen, den Grafen von Bogen, in der Verfügung über
die bambergischen Lehen im Donauraum freie Hand ließ, bis schließlich
der Bischof es vorzog, sich mit ihm zu versöhnen. Im Jahr 1228 übertrug
er ihm, ein Zeichen des Ausgleichs, die Donaulehen mitsamt den Lehen der
Edlen von Hals, nachdem der Herzog das Jahr zuvor Heinrich die Rückkehr
nach Bayern erlaubt hatte. Als Heinrich jedoch noch im Jahr seiner Rückkehr
starb, blieb alles beim alten, so dass nun der dritte der andechsischen
Brüder, Otto VII., in den offenen Kampf um sein gefährdetes Erbe
eintrat. Sein Bundesgenosse war König HEINRICH.
Im selben Augenblick, als die staufisch-andechsische
Freundschaft, die Ludwig durch seine
Reichsstellung bisher gebunden hatte, in dem der Führung entwachsene
König wirksam wurde, war das Ende der Vormundschaft des bayerischen
Herzogs und seiner Reichsverweserschaft erreicht. Im April 1228 nahm der
König den Abt Konrad von St. Gallen, der mit Ludwig
verfeindet war, in seinen Rat auf. An Weihnachten desselben
Jahres trennte er sich in Hagenau im Elsaß in schroffer Form vom
Herzog, dem er vorwarf, er stehe mit der Kurie in Verbindung, die damals
die Einsetzung eines Gegenkönigs gegen den gebannten Kaiser betrieb,
der trotz des päpstlichen Verbotes im Juni 1228 die Kreuzfahrt angetreten
hatte. Der König kam Otto zu Hilfe, brach im Sommer 1229 in Bayern
ein und zwang seinen ehemaligen Vormund in einem kurzen geschickt geführten
Kriegszug, dem ANDECHSER Recht widerfahren zu lassen. Otto konnte sich
in seinen Stammgrafschaften festsetzen und Dießen befestigen. Die
militärischen Kräfte, die Ludwig
zur Belagerung von Wolfratshausen schickte, wurden geschlagen. Der Herzog
musste auch aus der andechsischen Position am Inn weichen. Seine ausgreifende
Territorialpolitik führte die ANDECHSER immer enger auch mit den BABENBERGERN
zusammen. Der Sohn Herzog Leopolds und Schwager HEINRICHS
(VII.), Friedrich (der Streitbare), heiratete 1229 Ottos Tochter
Agnes. Als Mitgift erhielt die ANDECHSERIN neben Gebieten in Krain die
Allodien ihres Hauses am unteren Inn mit der Feste Neuburg als Mittelpunkt.
Ludwig
musste die Wiedererrichtung der Burg in Schärding gestatten, die 1208
geschleift worden war. Mit dieser Heirat fassten die BABENBERGER in nächster
Nachbarschaft der ORTENBURGER und WITTELSBACHER
am unteren Inn Fuß und schalteten sich in das spätere heiße
Ringen um den Besitz der Innübergänge ein.
Ludwig schien in
seiner andechsischen Politik vollkommen gescheitert, der Kampf zwischen
den beiden Häusern beendet zu sein, allein da dieser Existenzfragen
berührte und die letzten Möglichkeiten noch nicht erschöpft
waren, war die Entscheidung, als Ludwig 1231 aus dem Leben schied,
nur vertagt. Er vermochte wohl den schwachen Bischof Gerold zu überreden,
ihm die Stadt Freising als Lehen zu übertragen, aber das Freisinger
Kapitel intervenierte bei Kaiser und Papst. Im Jahr 1230 wurde Gerold abgesetzt
und die Belehnung für ungültig erklärt. In Gerolds tatkräftigen
Nachfolger, dem Edlen Konrad von Tölz, besaß der Herzog einen
erbitterten Gegner, doch glückte es ihm wenigstens, den aufrührerischen
Grafen Konrad von Wasserburg, durch den die ihn bedrängenden Gefahren
um eine weitere vermehrt worden waren, an seine Seite zu zwingen sowie
im November 1229 mit HEINRICH (VII.)
Frieden zu schließen und das Einvernehmen mit dem Kaiser seit dem
im Juli 1230 mit dem Papst geschlossenen Frieden von San Germano, zu dessen
Garanten auch er gewählt worden war, wenigstens äußerlich
wieder herzustellen - da wurde er Mitte September 1231 auf der Donaubrücke
bei Kelheim von einem Unbekannten erdolcht. Da der Mörder auf
der Stelle erschlagen wurde, blieb die ungeheuerliche Tat ungeklärt.
Das Volk sah im Kaiser den Schuldigen. Der Kaiser habe den "Alten vom Berg",
das Oberhaupt der mohammedanischen Sekte der Assassinen am Libanon, veranlasst,
den Mörder auszusenden. Maßgebend für die Beurteilung dürfte
jedoch die Einstellung des Sohnes des Ermordeten, des Herzogs Otto II.,
zum Kaiser sein. Er muss, wenn auch nicht von Anfang an, von der Unschuld
FRIEDRICHS
überzeugt gewesen sein, da er 1235 eine Tochter mit des Kaisers Sohn
KONRAD verlobte.
Im Gegensatz zu seinem Vater berichten die Quellen über
Ludwigs
Wesen kaum einen liebevollen Zug. Man muss sich ein Bild aus
seinen Handlungen formen. Sie spiegeln ihn wider als kraftvolle Persönlichkeit
von starkem politischem Vermögen. In den rund 40 Jahren seiner
selbständigen Regierungszeit meisterte er eine verzweifelte Situation,
nicht so durch die Gewalt der Waffen, in deren Führung er wenig Glück
hatte, wie mit den Mitteln der Politik, indem er sich gegenüber den
Großen des Landes durchsetzte, ja er bewahrte noch, wie der Besuch
seiner Hoftage, seine schiedsrichterliche Tätigkeit, sein Ansehen
in Bayern und im Reich beweisen, einen Nachglanz der alten stammesherzoglichen
Würde. Was dem Reich zum Unglück ausschlug, der Tod HEINRICHS
VI. und PHILIPPS VON SCHWABEN,
auch die gegen Ende seiner Regierung schon aufkeimenden Gegensätze
zwischen FRIEDRICH II. und seinem Sohn
wusste er sich zum Glück zu wenden. Seine bedeutendste territorialpolitische
Leistung war, dass er die Konsolidierung eines andechsischen Fürstentums
in der Mitte Bayerns verhinderte. Seine folgenreichste Erwerbung war die
Pfalz, sein glücklichster Entschluss seine Wahl der
PREMYSLIDIN Ludmilla
zur Gattin. Durch diese Heirat
machte er sich Böhmen zum Freund und schuf er sich eine Gegengewicht
gegen die ausgreifenden BABENBERGER, fesselte er die Söhne Ludmillas
an sich, deren Territorium sein Sohn erben sollte, und hielt er auch die
ORTENBURGER in Schach, von denen Rapoto II. gleichfalls eine Böhmin
zur Frau hatte. Er schuf die Grundlagen des bayerischen Territorialstaates
und steckte den Rahmen ab. Sicherung, Mehrung und Ausbau waren die Aufgabe
seiner beiden Nachfolger.