Schneidmüller Bernd: Seite 150-152,155-164
******************
"Die Welfen. Herrschaft und Erinnerung."

Die vielen Brüche in der bayerischen Herzogsreihe des 11. Jahrhunderts beendete Welf IV. fürs erste. Er hatte zwei Söhne hinterlassen, Welf V. und Heinrich "den Schwarzen". Sein Beiname entstammte zwar erst dem ausgehenden 13. Jahrhundert; er wird hier aber zur Unterscheidung vom gleichnamigen Sohn, Enkel und Urenkel benutzt.Wie die STAUFER verschwendeten die WELFEN solches Kinderglück nicht gleich an die Kirche und wiesen den Nachgeborenen nicht in die geistliche Laufbahn ein.
Aus eigener Erfahrung von 1055 wußte man im welfischen Haus um die Wichtigkeit von Ehe, Familie und Kindern, möglichst von Söhnen. In vorbildlicher Weise sorgte der jüngere Sohn Welfs IV. und Judiths, Heinrich, für Nachkommen. Mit drei Söhnen und vier Töchtern wurde er zum biologischen Gestalter welfischer Zukunft und 1120 zum Nachfolger des kinderlos verstorbenen Bruders. Die Teilung von Besitz und Herrschaft entwickelte sich bei den WELFEN fortan - wie in anderen Adelsfamilien des Reichs - zur Garantie für dynastische Kontinuität.
Die Güterausstattung des jüngeren Bruders Heinrich bleibt in ihrer konkreten Ausgestaltung undeutlich, ebenso die Verteilung der otbertinischen Erbschaft in Oberitalien. Zur ersten Garnitur junger radikaler Neuerer, die 1105/06 endlich die alten Zeiten archaischen Gottesgnadentums abschaffen und die Zukunft der salischen Monarchie durch eine Modernisierunskur sichern wollten, gehörten Welf V. und Heinrich augenscheinlich nicht. Sie blieben gleichwohl verläßliche Parteigänger der salischen Sache. Welfs Bruder Heinrich der Schwarze zog später zu den Hoftagen HEINRICHS V. 1121 in Regensburg, 1122 in Bamberg, 1123 in Speyer und Neuhausen. Die Zeugenlisten der Herrscherurkunden lassen allmählich ein personales Geflecht erkennen: Welf V. (1101-1120) und sein Bruder Heinrich der Schwarze (1120-1126) führten als Herzöge bei Hof dei bayerischen Großen, Markgrafen und Grafen an. Dies ist ein deutliches Zeichen für die zunehmende Integration des Dukats, den Welf IV. noch vom westlichen Grenzraum her beherrschte.
Den Italienzug des Kaisers von 1116 machte nicht Welf, sondern sein Bruder Heinrich mit. Nachdem Mathilde von Tuszien 1115 gestorben war, ging es um mehr als die üblichen Verhandlungen mit dem Papst. Im Beisein Heinrichs des Schwarzen reklamierte der SALIER jetzt die mathildische Erbschaft für sich. Genauere Kenntnisse über einen Erbverzicht Welfs V. besitzen wir nicht. Die behauptete Übereinkunft über den Tausch der welfischen Ansprüche in Tuszien gegen die Zusicherung einer erblichen Herzogswürde oder die Überlassung der Königsrechte in Bayern läßt sich aus den Quellen nicht belegen, auch wenn HEINRICH V. tatsächlich seit 1111 zunehmend seltener in Bayern agierte. In der Tat mußte sich Welf V. um die Sicherung seiner Nachfolge sorgen. Nach dem Tod seiner bereits vor zwei Jahrzehnten verstoßenen Gemahlin ging er keine neue Ehe mehr ein. Also trug er Sorge um die Sicherung der welfischen Erbfolge im Reich nördlich der Alpen, insbesondere um die Dauerhaftigkeit der bayerischen Herzogsherrschaft. Vielleicht machte der salische Kaiser Zugeständnisse. Weil genaue Quellen fehlen, blühen die Spekulationen. Zuverlässig verharrten die welfischen Brüder jdenfalls bei der Krone, 1118 gemeinsam mit den beiden staufischen Brüdern (Friedrich II. und KONRAD) und 1119 bei den Verhandlungen mit Papst Calixt II.
Solch erstaunliche Treue zahlte sich aus. Die WELFEN erhielten sich die Modernität, die sich im frühen 12. Jahrhundert kaum mehr in blinder Papsttreue bewähren konnte. Nach Jahrzehnten des ausweglosen Dissenses um unüberwindliche Grundsatzpositionen von Kaiser und Papst waren jetzt begehbare Wege in die Zukunft gefragt, Kompromißbegabung, Politikfähigkeit, Pragmatismus. Der welfische Zugriff auf den Kern des Reiches setzte sich fort, anders als in der Epoche Welfs IV., doch weiterhin selbstbewußt: Man wußte sich als Glied des öffentlichen Wohls, als Teilhaber am Reich.
An diesem Ausgleich (Wormser Konkordat 1122) hatte Heinrich der Schwarze, der seit 1120 Nachfolger seines Bruders als Herzog von Bayern, entscheidenden Anteil. Sogleich suchte er mit anderen Fürsten Wege zum Kompromiß von Worms. Mit Bischof Otto von Bamberg und dem Grafen von Sulzbach führte Heinrich schon 1121 eine Vermittlungsmission des Kaisers mit den Bayern an, "zu Ehren und Nutzen des Reichs".
Lösungen waren in der zugespitzten Lage am Ende des Investiturstreits nur noch konsenual zu gestalten. Darum blieben die Fürsten in das Einigungswerk zwischen Papst und Kaiser von 1122 an prominenter Stelle einbezogen. Namentlich genannte geistliche und weltliche Fürsten garantieren die Versprechungen ihres Kaisers an den Papst, die Apostel Petrus und Paulus sowie die heilige katholische Kirche. Nach den zwei Erzbischöfen und sechs Bischöfen testierte als erster der Laienfürsten Herzog Heinrich der Schwarze, vor den Herzögen Friedrich II. von Schwaben, Simon von Ober-Lothringen, Berthold von Zähringen und anderen Herren. Am Ende des großen Kampfes von Ideen, Pergamenten und Waffen hatten die WELFEN ihren hervorragenden Platz als Vermittler im Kreis der Fürsten des Reichs behauptet! An der Bewältigung der großen Krise besaßen Welf V. und Heinrich der Schwarze beträchtlichen Anteil: Die welfischen Brüder waren als "Häupter des Staates" mitten im Reich angekommen.
Welf V. und Heinrich der Schwarze zogen ihren politischen Erfolg aus der Verschränkung unterschiedlicher Handlungsfelder in Reich und Region. Der Lechraum um Augsburg büßte nach 1098 seine einstige Bedeutung als Kampfgebiet zwischen WELFEN und Augsburger Bischöfen offenbar ein. Dafür bauten die Söhne Welfs IV. dort Burgen und zentrale Orte wie Peiting, Schongau und Kaufering weiter aus. Nachdem die Erblichkeit der bayerischen Herzogswürde - nicht nur vom Vater auf den Sohn, sondern 1120 sogar vom älteren auf den jüngeren Bruder - gesichert war, griffen die WELFEN mit zeittypischen Mitteln konsequenter auf ihren Dukat zu. Sie bedienten sich früher Formen territorialer Besitzsicherung durch Burgenbau und verstanden es, den bayerischen Adel bei königlichen Hoftagen immer deutlicher an eine herzogliche Mittlerstellung zu binden. Endlich bezogen sie Reichsgut in ihre Herrschaft ein.
Über den angestammten süddeutschen Besitz hinaus gelang unter Heinrich dem Schwarzen ein beachtlicher Ausgriff in den Norden des Reichs. In den Traditionen ausgreifender welfischer Heiratspolitik hatte Heinrich der Schwarze Wulfhild geheiratet, die Tochter des billungischen Herzogs Magnus von Sachsen und der ungarischen Königs-Tochter Sophia. Als Magnus bald darauf söhnelos starb, wurde das Herzogtum Sachsen 1106 vom König an Lothar von Süpplingenburg vergeben. Die billungischen Eigengüter, vor allem im Nordosten und Norden des Dukats gelegen, fielen an die beiden Erbtöchter Wulfhild unf Eilika, die eine mit dem WELFEN Heinrich, die andere mit dem ASKANIER Otto von Ballenstedt verheiratet. Größere Ländereien um Lüneburg, dem Zentral- und Bergräbnisort der billungischen Familie, gelangten damals an den WELFEN. Wie seine Vorfahren in karolingischer Zeit vereinte er damit großen Besitz in weit entfernten Reichen, von Italien über Schwaben und Bayern bis nach Sachsen, von der Niederelbe bis in die Lombardei.
Mit der großen Nachkommenschar Heinrichs und Wulfhilds - neben früh verstorbenen Kindern überlebten drei Söhne und vier Töchter - vermochten die WELFEN ebenfalls in eine expansive Heiratspolitik einzutreten. Mit Heinrich dem Stolzen und Welf VI. besaß das Haus zwei Herrschaftsträger. Die erneute Doppelung erklärt sich aus den Vorteilen biologisch-dynastischer Reservebildung, vielleicht auch aus den intensiveren Nutzungsmöglichkeiten komplexer Herrschaftsräume. In der Zeit Heinrichs des Schwarzen und seiner Gemahlin prägte es nicht nur die Reichsgeschichte, sondern knüpfte auch engste Bindungen zu fast allen großen Adelsfamilien der Zeit. Daraus erwuchsen Chancen und Gefahren zugleich. Als nach dem kinderlosen Tod Kaiser HEINRICHS V. 1125 die Zukunft des Königtums verhandelt wurde, fiel dem welfischen Herzog eine Schlüsselrolle zu. Er wußte sie geschickt zu nutzen, wenn auch im Ergebnis überraschend. Mit seiner Entscheidung stürzte er seine Söhne, Töchter und Enkel in lange Konflikte um Herrschaft und Vorrang im Reich.
Nach der Beisetzung Kaiser HEINRICHS V. nahm erneut eine Gruppe geistlicher und weltlicher Fürsten die Verantwortung für das Reich in die Hände und lud für den 24. August zu einem Hoftag ohne Herrscher nach Mainz, um über Zustand und Nachfolge im Reich zu beraten. Wie schon beim Wormser Konkordat stand Heinrich der Schwarze an der Spitze der Laienfürsten. Da im Reich seit mehr als hundert Jahren der Sohn dem Vater im Königtum gefolgt war, mußten die Entscheidungswege zur Königswahl unter Leitung Erzbischof Adalberts I. von Mainz neu bedacht werden. Drei Kandidaten standen zur Verfügung: Herzog Friedrich II. von Schwaben, über seine Mutter Agnes Vetter des verstorbenen SALIERS, Markgraf Leopold III. vonm Österreich, der zweite Ehemann jener salischen Kaiser-Tochter Agnes, dazu Herzog Lothar von Sachsen. Über die Ereignisse informiert am ausführlichsten die Narratio de electione Lotharii, freilich aus der Perspektive des Wahlsiegers Lothar. Seine Demut erscheint im grellen Gegensatz zum angeblichen Hochmut des STAUFERS Friedrich von Schwaben, der das Königtum als nächster wie ältester Verwandter gleichsam kraft Erbrechts für sich zu reklamieren schien und an den Beratungen gar nicht erst teilnahm.
Geschickt wußte der Versammlungsleiter sie Stimmung der Versammlung im Ausspielen von Erb- und Wahlrecht zu lenken. Nach einer ersten tumultartigen Erhebung Lothars verlangten insbesondere die bayerischen Bischöfe Aufschub und Beratungsmöglichkeiten mit ihrenm abwesenden Herzog. Als Heinrich der Schwarze am 30. August erschien, wurde Lothar "auf einhelligen Beschluß und Bitte der Fürsten als Gott gefälliger König zur Königswürde erhoben."
Die ausschlaggebende Parteinahme Heinrichs des Schwarzen für den SÜPPLINGENBURGER muß auf den ersten Blick Erstaunen hervorrufen. Schließlich stand mit dem STAUFER Friedrich II. der Schwiegersohn des WELFEN zur Wahl. Letztlich bleiben die Motive unklar. Ob der bayerische Herzog wie viele seiner Zeitgenossen in der bloßen Fortsetzung der salisch-staufischen Herrschaft keine zukunftsweisende Perspektive für das Reich erblickte, ist nicht zu entscheiden. Doch das Potential der Reformkräfte im Reich, zu denen die WELFEN seit Jahrzehnten engste Bindungen unterhielten, darf nicht überschätzt werden. Vielleicht verabredeten König LOTHAR und Herzog Heinrich damals auch eine Ehe ihrer Kinder, typisches Mittel für die Herstellung von Bindung und Loyalität. Schon 1126 erschien Heinrich der Stolze tatsächlich als Schwiegersohn des Königs. Unter dieser Voraussetzung hätte sich der welfische Herzog 1125 zugunsten einer künftigen königlichen Schwiegertochter gegen den staufischen Schwiegersohn entschieden.
Daß die WELFEN schon 1125/26 auf die Nachfolge im Königtum des Schwiegervaters spekulierten, ist nicht zwingend zu vermuten. Zu deutlich war die Mainzer Entscheidung vom Gedanken der freien Fürstenwahl und der Ablehnung eines Erbrechts aus weiblicher Linie getragen.
In dieser prekären Konstellation starben kurz nacheinander im Dezember 1126 Heinrich der Schwarze und Wulfhild. Noch vor seinem Tod hatte der Herzog allen weltlichen Würden entsagt und war in den Weingartener Mönchskonvent eingetreten. Ob dies der Vermeidung des bewaffneten Konflikts mit dem staufischen Schwiegersohn oder - wahrscheinlicher - zeittypischen Formen der Adelsbekehrung entsprach, ist nicht mehr zu klären. Wie Bruder, Vater und Vorväter ließ sich Heinrich der Schwarze in der welfischen Grablege im Kloster Weingarten beisetzen; seine Gemahlin folgte ihm wenige Tage später in diese Gruft. Doch mit Heinrich und Wulfhild fand das letzte welfische Herrscherpaar sein Grab im traditionsreichen schwäbischen Gedächtnisort der frühen WELFEN.