Jordan Karl: Seite 6
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"Heinrich der Löwe"

In Bayern trat Welf V. die Nachfolge des Vaters an, während Heinrich der Schwarze die Rechte des Hauses in Italien wahrnahm. Nach Welfs Tod bekleidete sein Bruder Heinrich der Schwarze knapp sechs Jahre, von 1120-1126, die herzogliche Würde in Bayern, da Welf keine Erben hinterließ. Die kurze Regierungszeit ist jedoch für die Geschichte des welfischen Hauses von größter Bedeutung geworden. Noch zu Lebzeiten seines Vaters hatte er sich mit Wulfhild, der älteren Tochter des sächsischen Herzogs Magnus aus dem angesehenen Geschlecht der BILLUNGER, vermählt. Als mit dem Tode des Magnus die BILLUNGER im Jahre 1106 in männlicher Linie ausstarben, gingen die reichen Besitzungen dieses Hauses an Wulfhild und ihre jüngere Schwester Eilika, die Gemahlin des Grafen Otto von Ballenstedt aus dem Hause der ASKANIER, über. Wulfhild erhielt vor allen die umfangreichen Eigengüter der BILLUNGER um ihren Stammsitz Lüneburg und im Bardengau. Damit faßten die WELFEN besitzmäßig auch in Sachsen Fuß.
Der Ehe Heinrichs mit Wulfhild sind 7 Kinder, 3 Söhne und 4 Töchter, entsprossen. Da Konrad, wohl der zweite Sohn, in jungen Jahren als Zisterziensermönch starb, wurden seine beiden Brüder, Heinrich, später "der Stolze" genannt, und Welf VI., die Repräsentanten des WELFEN-Hauses. Von ihren Schwestern ist Judith bekannt geworden. Sie gab dem jungen Friedrich II. von Schwaben die Hand, der im Jahre 1105 seinem Vater Friedrich von Staufen in der schwäbischen Herzogswürde gefolgt war. Durch diese Ehe des STAUFERS mit der welfischen Fürstentochter schien ein enges Bündnis zwischen den beiden großen schwäbischen Geschlechtern gesichert zu sein. Die Entscheidung, die Heinrich der Schwarze nach dem Tode HEINRICHS V. bei der Königswahl des Jahres 1125 traf, führte aber eine ganz andere Entwicklung herbei.
Da mit HEINRICH V. die SALIER der männlichen Linie ausstarben, hatte nach Geblütsrecht Herzog Friedrich II. von Schwaben als Neffe des verstorbenen Herrschers die nächste Anwartschaft auf den Thron. Gegen ihn bildete sich unter Führung des Erzbischofs Adalbert von Mainz eine Opposition, vor allem aus den Reihen der geistlichen Fürsten. Adalberts Kandidat war sein langjähriger Verbündeter, der in der letzten Regierungszeit HEINRICHS V. dessen mächtigster Widersacher gewesen war. Auch der Markgraf Leopold III. von Österreich und Graf Karl von Flandern wurden als Bewerber um die königliche Würde in Betracht gezogen.
Bei den Wahlverhandlungen, die im August 1125 in Mainz unter Adalberts Leitung abgehalten wurden, rief man zunächst in tumultuarischer Form Lothar zum König aus. Dagegen erhoben die bayerischen Großen unter Führung ihres Herzogs Heinrich Einspruch. In den Beratungen der nächsten Tage wurde aber der WELFE für LOTHAR gewonnen. So konnte der Sachsen-Herzog am 30. August in aller Form zum König gewählt werden. Der Gedanke der freien Wahl des Königs hatte sich gegenüber dem Geblütsrecht durchgesetzt.
Der unerwartete Parteiwechsel Heinrichs des Schwarzen, der sich gegen seinen Schwiegersohn Friedrich von Staufen und für LOTHAR entschied, wurde zweifellos dadurch herbeigeführt, dass bei diesen Verhandlungen in Mainz eine Ehe zwischen seinem Sohn Heinrich dem Stolzen und LOTHARS einziger Tochter, der damals 10-jährigen Gertrud, verabredet wurde. Da LOTHAR keine Söhne hatte, war Gertrud die alleinige Erbin des riesigen Besitzes, den ihr Vater im Laufe der Zeit in seiner Hand vereinigt hatte. Vor allem erwarb der junge Heinrich durch diese Ehe eine Anwartschaft auf LOTHARS Nachfolge im sächsischen Herzogtum und im Falle von dessen Wahl zum König auch auf den deutschen Königsthron. LOTHAR war für die damalige Zeit ein alter Mann und konnte nicht mehr mit einer langen Regierung rechnen. Wenn nach seinem Tod auch das Herzogtum Sachsen an die WELFEN fallen sollte, waren diese das mächtigste Fürstengeschlecht in Deutschland. Der Weg zum Königtum schien ihnen dann offen zu stehen.
Herzog Friedrich von Schwaben sah sich durch die Entscheidung seines Schwiegervaters um seine berechtigten Hoffnungen auf die Königskrone gebracht. So mußte er der erbitterte Gegner nicht nur des neuen Königs, sondern auch seiner welfischen Verwandten werden. Die Wahl LOTHARS zum deutschen König führt damit den staufisch-welfischen Gegensatz herbei, der mehr als ein Jahrhundert die deutsche Geschichte immer wieder verhängnisvoll überschattete.
Als Heinrich der Schwarze bereits im nächsten Jahr im Kloster Weingarten, in dem er sich kurz vor seinem Tode als Mönch hatte einkleiden lassen, starb, folgte ihm Heinrich der Stolze als Herzog von Bayern.