Aber Heinrich der Schwarze hatte doch vorgesorgt,
denn sein Sohn Heinrich der Stolze (geb. um 1108) sollte durch die
von ihm vermittelte Ehe mit Gertrud,
der einzigen Tochter des neuen Königs, in das Königshaus heiraten
und schließlich das Herzogtum Sachsen gewinnen. Daß
diese Heirat - am 29. Mai 1127 - gerade auf dem Gunzenlee am Lech bei Augsburg
gefeiert wurde, nicht etwa in der bayerischen Herzogs- und Königsstadt
Regensburg, muß von hoher Bedeutung für das welfische
Selbstverständnis gewesen sein. Hier war man nicht nur
sozusagen mitten im WELFEN-Land, hier
war auch die erste Operationsbasis für Italienzüge, die für
die welfischen Interessengebiete jenseits
der Alpen von hoher Relevanz waren.
Heinrich der Stolze (1126-1138) suchte offensichtlich
fieberhaft seiner Herzogsposition in Regensburg auszubauen, wo er Landtage
in der metroplis et sede ducum Bavarie abhielt, sich um die Vogtei
über das Hochstift Regensburg bemühte und von der Bürgerschaft
auch offenbar mehrmals eine Steuer forderte. Mit Ausnahme seiner Hochzeit
auf dem Gunzenlee tritt er am Lechrain in den Quellen nicht in Erscheinung.
Diese Aktion der STAUFER-Brüder
gehört nicht unmittelbar in den Kontext des Kampfes des Gegen-Königs
KONRAD und seines Bruders gegen LOTHAR
VON SUPPLINBURG und seinen Schwiegersohn, Herzog Heinrich
den Stolzen von Bayern [4 Die ausführlichste Darstellung
des Konflikts der STAUFER mit LOTHAR
III. findet sich immer noch in den von Wilhelm Bernhardi verfaßten
Jahrbüchern LOTHARS (W. Bernhardi, Lothar von Supplinburg, Leipzig
1879.].
Die Historia Welforum berichtet von den Auseinandersetzungen
um das CALWER Erbe in einer Art Exkurs, zu dem die Erwähnung der Tatsache
Gelegenheit gab, daß Welf VI. seinem Bruder Heinrich dem Stolzen
"von jenseits der Alb" (gemeint ist: aus Schwaben) Ritter zuführte,
als dieser nach einem um Mariae Lichtmeß herum unternommenen Angriff
auf die Tiroler Besitzungen des Grafen Otto von Wolfratshausen zu Beginn
der Fastenzeit zum Entsatz der von den Bürgern von Reghensburg beagerten
Festung Donaustauf eilte [9 Historia Welforum, c. 19, Seite 34ff.].
Der Ausgleich Welfs VI. mit Konrad von Zähringen
und Adalbert von Calw kam den WELFEN
gewiß zugute, als der Konflikt mit den WOLFRATSHAUSERN sich im April
1133 für Heinrich den Stolzen zu einer äußerst bedrohlichen
Krise ausweitete: Mit Ausnahme des Pfalzgrafen Otto von Wittelsbach schlossen
sich so gut wie alle bayerischen Grafen einschlißlich des Markgrafen
Leopold von Österreich zur Vertreibung des Herzogs zusammen. Passiv
blieben während dieser Krise - die durch Vermittlung Pfalzgraf Ottos
letztlich friedlich beigelegt wurde - ausgerechnet die
STAUFER, sie nutzten trotz der Abwesenheit König
LOTHARS die bedrängte Lage des WELFEN
nicht aus! Erklärt sich das Stillhalten der STAUFER
vielleicht damit, daß die WELFEN
damals einen Waffenstillstand mit ihnen vereinbart hatten? Neben der Passivität
der STAUFER im April 1133 gibt es noch
ein anderes Indiz, das für diese Möglichkeit spricht: KONRADS
Heirat mit Gertrud von Sulzbach. Diese
Ehe muß im Zeitraum zwischen KONRADS
Rückkehr aus Italien und dem Wiederaufflammen der Kämpfe mit
Kaiser LOTHAR und den WELFEN
im Sommer 1134 geschlossen worden sein; die Gründungsurkunde des Klosters
Ebrach berichtet nämlich, daß KONRAD
und Gertrud die Errichtung des Klosters
förderten, dessen Bau im Herbst 1134 abgeschlossen war [23 Fundatio
monasterii Ebracensis, MGH SS 15, Seite 1040; zur Gründungsgeschichte
vgl. Gerd Zimmermann, Ebrach und seine Stifter, in: Mainfränkisches
Jahrbuch für Geschichte und Kunst 21, 1969, Seite 162ff.]. Das Bemerkenswerte
an dieser Verbindung ist nun, daß Gertruds
Bruder Gebhard nur wenig vorher - vermutlich war es 1132 [24
Otto Gerhard Oexle, Die "sächsische Welfenquelle" als Zeugnis
der welfischen Hausüberlieferung, in: DA 24, 1968, Seite 449.] - eine
Schwester Heinrichs des Stolzen und Welfs VI., Mathilde,
geheiratet hatte. KONRADS Ehe könnte
somit als ein zusätzliches Anzeichen für ein zeitweilig entspanntes
Verhältnis zwischen STAUFERN und
WELFEN 1133/Anfang 1134 gewertet werden.
Die These, daß die WELFEN
möglicherweise zur Zeit ihrer Fehde gegen Bischof Heinrich
von Regensburg, Otto von Wolfratshausen und deren Verbündete versuchten,
sich mit den STAUFERN zu verständigen
und eine Waffenruhe mit ihnen vereinbarten, zwingt zu einer Erklärung,
warum diese Waffenruhe letztlich nicht hielt: Zwar könnte Heinrich
der Stolze sie beenedet haben, nach dem er sich mit seinen bayerischen
Widersachern versöhnt und sie damit ihren Zweck erfüllt hatte;
doch aufgrund der Tatsache, daß Heinrich und
LOTHAR III. erst im Sommer
1134, also ein volles Jahr nach der Rückkehr des Kaisers von seinem
ersten Italienzug, den Entscheidungskampf mit den STAUFERN
aufnahmen, ist es wesentlich wahrscheinlicher, daß sie zuvor lämgere
Zeit - letztlich erfolglos - mit KONRAD
und Friedrich verhandelt hatten.
Es gelang LOTHAR
in den folgenden Tagen, Heinrich auf seine Seite zu ziehen, so daß
er am 30. August 1125 "in aller Form" zum König gewählt wurde.
Ein wichtiger Grund für den Seitenwechsel Heinrichs war sicher
die Heiratsverabredung zwischen seinem Sohn Heinrich dem Stolzen
und Gertrud, dem einzigen Kind LOTHARS.
Die Ehe mit der Erbtochter des SÜPPLINGENBURGERS
stellten den WELFEN dessen
nicht unbedeutende Besitzungten in Aussicht [14 Jordan, Heinrich
der Löwe (wie Anm. 1) Seite 8; Giese, Stamm der Sachsen (wie Anm.
9) Seite 198f.]. Diese schlossen an die billungischen Güterkomplexe
an und würden ein erheblicher Güterzuwachs im Norden sein. Eheschließungen
mit Aussicht auf Vermehrung ihres Besitzstandes waren bei den WELFEN
nicht unüblich. LOTHARS
Besitzungen beruhten nicht auf seinem elterlichen Erbe, väterlicherseits
das der Grafen von Süpplingenburg und mütterlicherseits das der
Grafen von Haldensleben. Seine Heirat mit Richenza
von Northeim, einer Enkelin des einstigen Bayern-Herzogs Otto
von Northeim, brachte ihm vielmehr neben einem Teil der northeimischen
Besitzungen das Erbe der Grafen von Katlenburg und der BRUNONEN. Seine
Schwiegermutter Gertrud von Braunschweig war die letzte aus dem sächsischen
Geschlecht der BRUNONEN; sie war in erster Ehe mit Graf Dietrich von Katlenburg
verheiratet und hatte Gatten und Sohn überlebt, so daß die
katlenburgischen Besitzungen auf sie übergingen. Die zweite Ehe
war sie mit Graf Heinrich von Northeim eingegangen. Nach ihrem Tod (1117)
fielen die Besitzungen der BRUNONEN, der KATLENBURGER und
etwa ein Drittel der NORTHEIMER an ihre beiden Töchter Gertrud
und Richenza. Im Laufe der Zeit erwarb
LOTHAR große Teile des gertrudischen
Anteils, darunter die Burg Dankwarderode in Braunschweig, so daß
der Sachsen-Herzog und Kaiser seine Hausmacht weit nach den Westen - bis
an die Weser - ausdehnen konnte. Die Güter der
SÜPPLINGENBURGER, HALDENSLEBENER und BRUNONEN erstreckten
sich von westlich von Magdeburg bis westlich der Oker; im südlichen
Thüringen gab es an der unteren Unstrut noch einen brunonischen Komplex.
Das katlenburgische Gut lag an der unteren Leine, südlich und westlich
schlossen sich einige northeimische Besitzungen an [16 Stoob, Herzogswahl
(wie Anm. 10) Seite 500ff.; Gudrun Pischke, Herrschaftsbereiche der Billunger,
der Grafen von Stade, der Grafen von Northeim und Lothars von Süpplingenburg
(Hildesheim 1984) Seite 1-74, Karte.]. LOTHAR
hatte dem WELFEN also durchaus etwas
zu bieten als Gegenleistung für seine Stimme bei der Königswahl.
Herzog Heinrich der Schwarze trat Anfang 1126
ins Kloster Weingarten ein. Im Herzogtum Bayern folgte ihm sein
Sohn Heinrich der Stolze nach. Am Pfingstfest 1127 wurde die Ehe
zwischen ihm und Gertrud, die damals
gerade zwölf Jahre alt war, geschlossen. Heinrich wurde zu
einem beständigen Weggefährten seine königlichen Schwiegervaters.
Auf dem Rückweg von seinem zweiten Italienzug starb LOTHAR
III. am 4. Dezember 1137. Zuvor hatte er Heinrich dem Stolzen
das Herzogtum Sachsen übertragen, das er auch als König
weiterhin innegehabt hatte, und ihm auch die Reichsinsignien ausgehändigt.
Heinrich sah sich dadurch nicht nur als Herzog von Bayern und
Sachsen, sondern auch als künftiger König. Doch
wurde in einer vorgezogenen Wahl durch einen Teil der Fürsten der
STAUFER KONRAD zum König gewählt
und fand auch Anerkennung, so daß Heinrich ihm die Reichsinsignien
auslieferte. Er selber huldigte KONRAD III.
aber nicht. Heinrichs Stellung als "zweifellos der mächtigste
Fürst im Reich" (K. Jordan) hatte seiner Wahl entgegengestanden. Neben
den beiden Herzogtümern besaß er Lehen in Italien, und das welfische
Allodialgut reichte von Oberitalien bis an die Elbe. Wie in
der Chronik Ottos von Freising nachzulesen ist, habe Heinrich von
sich gesagt, seine Macht reiche von Meer zu Meer, von Sizilien bis Dänemark
[17 Jordan, Heinrich der Löwe (wie ANm. 1) Seite 8,18,22; Hans
Patze, Die Welfen in der mittelalterlichen Gschichte Europas, in: Der Reistag
von Gelnhausen, hg. von Hans Patze (Marburg - Köln 1981), Seite 148f.;
Ottonis Episcopi Frisingensis Chronica sive Historia de duabus civitatibus,
bearb. von A. Schmidt/E. Lammers (Ausgewählte Quellenm zur Geschichte
des deutschen Mittelalters XVI) Darmstadt 1960, Lib. VII, Cap. XXIII.].
KONRAD III. versuchte, diese Machtstellung
zu beschneiden, und verlangte von Heinrich die Herausgabe eines
Teils der Reichslehen. Auf Sachsen hatte bereits kurz nach dem Ableben
LOTHARS der ASKANIER Albrecht der Bär
als Enkel des BILLUNGER-Herzogs Magnus Ansprüche erhoben und zu ihrer
Durchsetzung bei KONRAD III. Klage
erhoben. Die Entscheidung sollte im Juli 1138 auf dem Reichstag zu Würzburg
fallen. Dort erschien Heinrich nicht; Albrecht wurde mit Sachsen
belehnt, und der Bayern-Herzog verfiel der Reichsacht. Im Dezember desselben
Jahres verlor er auf Beschluß des Hoftages in Goslar aber auch noch
Bayern [18 Jordan, Frühe Stauferzeit (wie Anm. 13) Seite 101;
Jordan, Heinrich der Löwe (wie Anm. 1) Seite 23.]. Nun begann ein
mehrjähriges Ringen der welfischen Seite
um die Herzogtümer Bayern und Sachsen.
In Sachsen hatte der neue Herzog Albrecht der Bär
noch im Laufe der zweiten Hälfte des Jahres 1138 beachtliche Erfolge
erzielt, und das alles trotz des von der Kaiserin
Richenza und anderen sächischen Fürsten geleisteten
Widerstandes. Erst als Heinrich der Stolze Anfang 1139 in den Norden
kam, verlor Albrecht der Bär eine Position nach der anderen. Eine
für den Sommer 1139 geplante Reichsheerfahrt gegen Heinrich in
Sachsen mündete in einen Waffenstillstand. Nachdem Sachsen fest in
seiner Hand war, beabsichtigte Heinrich, in die Auseinandersetzungen
im Süden einzugriefen. Aber Heinrich der Stolze kam nicht mehr
dazu, seine Pläne auszuführen: Er starb überraschend am
20. Oktober 1139 in Quedlinburg und wurde im Dom zu Königslutter
beigesetzt [19 Jordan, Frühe Stauferzeit (wie Anm. 13) Seite
101; Jordan, Heinrich der Löwe (wie Anm. 1) Seite 24,15; sie auch
Beiträge zu Welf VI. von Jan Niederkorn, Konrad III. und Welf VI.
in diesem Band sowie Katrin Baaken[-Feldmann], Welf VI. und seine Zeit,
in: Welf VI. Wissenschaftliches Kolloquium zum 800. Todesjahr Welfs VI.
im Schwäbischen Bildungszentrum Irsee, hg. von Rainer Jehl (Sigmaringen
1995) Seite 9-28.]. Aus seiner Ehe mit Gertrud
war nur ein Sohn hervorgegangen: Heinrich der Löwe.