Klebel Ernst: Seite 10-12
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"Der Aufstieg der Babenberger"

Der Markgraf Ernst scheint auch bestrebt gewesen zu sein, den schweren Verlust, den die politische Stellung seines Hauses durch die Errichtung der beiden "Neumarken" erlitten hatte, zu kompensieren. So scheint er versucht zu haben, den großen Besitz, den 1045 Markgraf Siegfried erlangt hatte, in die Hände seiner Familie zu bringen. Was Siegfried seinerzeit bekommen hatte, war außerordentlich viel: Die erste Schenkung vom 7. März 1045 lautete auf 150 Hufen zwischen den Flüssen Fischa, Leitha und March. Worin dieser Besitz bestand, ist bei der allgemeinen Formulierung schwer festzustellen. Da jedoch zwischen Fischa und Leitha das Dorf Seibersdorf liegt, dessen älterer Name "Sivridstorf" auf Siegfried sich bezieht; da dieses Dorf aus der landesfürstlichen Herrschaft Unterwaltersdorf herausgewachsen ist, welche die BABENBERGER um 1200 von der Landgräfin Richardis von Stefening aus dem Geschlechte der Regensburger Burggrafen, einer Tante Herzog Leopolds V., erwarben, so scheint die Herrschaft Unterwaltersdorf einen Teil dieser Schenkung gebildet zu haben. Die zweite Schenkungsurkunde vom 15. Juli 1045 enthält eine sehr viel genauere Angabe: Danach erhält der Markgraf Siegfried 15 Hofstätten an der Donau, hinter denselben 30 Hufen gegen die "Ungarnstraße", neben dem Gut des Eichstätter Bischofs, weiter 20 Hofstätten gegen die "Ungarnstraße" und weiter 100 Hufen in dem Gebiet zwischen March, Zaya und dem bei dem Orte Sulz fließenden Bache. Die Bestimmung dieser Schenkung hängt davon ab, wo man das Donaubett sucht. Ich möchte das Donaubett zwischen Raasdorf und Markgrafneusiedl suchen und demgemäss die Dörfer Markgrafneusiedl und Ober-Siebenbrunn mit den 15 Hofstätten und 30 Hufen zusammenstellen. Da die Insel Sachsengang, die zwischen den Donauarmen lag, dem Gebiet der späteren Pfarre Probstdorf entspricht, muss die Donau sehr viel nördlicher als heute geflossen sein. Vor mehr als 10 Jahren hat Karl Bednar versucht, diese Schenkung zu bestimmen und hat sie bei Pillichsdorf im Marchfeld gesucht. Der Hauptteil liegt weiter östlich, wie die Erwähnung der Zaya und des an Sulz vorbeifließenden Baches (Sulzbach) sowie die Angabe einer Kaiserurkunde vom 3. Juni 1045 für Niederaltaich deutlich zeigen. Denn das an Niederaltaich gekommene Niederabsdorf stieß an der Zaya an das dem Markgrafen Siegfried überlassene Gebiet; es gehörte also entweder Palterndorf oder Hauskirchen zum Besitz Siegfrieds; wie sich später zeigen wird, vermutlich das letztere. Es ist eine schon lange vorherrschende Meinung, dass Weikendorf bei Gänderndorf mitten in diesem Schenkungsgebiet liegt; ich würde darin am liebsten Eichstätter Besitz sehen. Im 12. Jh. trifft man in diesem Schenkungsgebiet außer babenbergischem Besitz auch Besitz der Grafen von Burghausen und der Grafen von Peilstein, welche ebenfalls Erben Siegfrieds gewesen sein könnten. Noch ist das letzte Wort über jede Einzelheit nicht gesprochen. Versuche, die Geschichte dieser Schenkung zu klären, sollen im Folgenden gemacht werden:
Nun haben wir eine Urkunde, die angeblich vom Markgrafen Ernst stammt, den sogenannten Stiftsbrief von Melk, der nicht allzu lange vor 1075 entstanden sein muss, da in demselben die zweite Gattin des Markgrafen Ernst, Swanhild, und sein Sohn Leopold als Mitschenker genannt sind. Dieser Stiftsbrief ist so, wie er erhalten ist, keineswegs echt, sondern geht allem Anschein nach auf eine Notiz zurück, die ursprünglich ohne urkundliche Form in Melk abgefasst wurde und dann um 1150 in Urkundenform übertragen und mit einem Siegel versehen wurde. Wie eine ältere Abhandlung von Julius Strnadt dartut, sind unter den angeführten Zeugen deutlich zwei Schichten zu erkennen, eine ältere, die in die Zeit von 1075 passt und eine jüngere, die etwa zwischen 1115 und 1125 anzusetzen ist. Nun hat allem Anschein nach 1115 Markgraf Leopold III. Weikendorf an Melk gegeben. Es dürften also die dieser zweiten Schicht angehörigen Zeugen von einer Urkunde Leopolds genommen sein, von welchen auch das Siegel stammen könnte.
Nun ist auffallend, dass die Schenkung des Markgrafen Ernst ausdrücklich die Zustimmung seiner zweiten Gattin Swanhild erwähnt. Swanhild hat nach Angaben der Traditionsbücher von Göttweig und Klosterneuburg noch bis gegen 1120 gelebt. Es ist also anzunehmen, dass Swanhild in Weikendorf und damit an dem Gut des Markgrafen Siegfried Besitzrechte gehabt hat, vielleicht sogar hat Markgraf Ernst sie geheiratet, um diesen Besitz an sein Haus zu bringen. Jedenfalls muss nach dieser Richtung weitergeforscht werden. Sollte Swanhild die Tochter und Erbin Siegfrieds gewesen sein? Damit stehen wir bereits mitten in der Erörterung des Besitzes der BABENBERGER.
Die Erwerbung des Besitzes des Markgrafen Siegfried bedeutet eine beträchtliche Mehrung dessen, was die BABENBERGER bisher im Lande erworben hatten. Die Königsschenkungen, die sie erhalten hatten, waren zwar reichlicher, als vielleicht bei manchen anderen Geschlechtern, trotzdem scheint die Zahl der Familien im Lande, die weit umfangreicheren Besitz hatten, nicht gering gewesen zu sein. Die erste Schenkung, die das Haus der BABENBERGER erhielt, war eine solche am 1. November 1002 zwischen der Dürren Liesing und der Triesting, aus welcher die Herrschaft Mödling, der südliche Teil des Wiener Waldes, herauswuchs. Am 10. Juni 1035 folgte eine Schenkung von 50 Hufen zwischen Piesting und Triesting bei dem Dorfe Bobsowa, das ich am liebsten aus sprachlichen Gründen mit Veitsau bei Berndorf identifizieren möchte. Veitsau heißt im Mittelalter Voitsau; aus Bobsowa musste im mittelalterlichen Deutsch ein "Fopsau" oder "Fousau" werden, welches volksetymologisch leicht zu "Voitsau" umgedeutet werden konnte. Die ältere Deutung auf Wopfing war weder sprachlich noch besitzgeschichtlich berechtigt. Am 1. Dezember 1043 kam eine Schenkung bei Bribesendorf an der Pielach dazu, die bei Obergrafendorf zu suchen ist. Denn Melk war Lehensherr von Friedau, besaß Güter in Matzersdorf, und Herzog Heinrich schenkte 1158 den Schotten in Wien Völlerndorf. In Obergrafendorf ist Besitz der Grafen von Hardegg erweisbar, der auf die Grafen von Burghausen zurückgehen kann, weiter Besitz der letzten Grafen von Hernstein, der ebenso wie der Besitz von Erla-Kloster zu Wantendorf und das schaunbergische, später Orther Lehen Waasen bei Weinburg auf die PEILSTEINER zurückgehen kann. BURGHAUSENER und PEILSTEINER könnten in diesem Fall Erben von Gütern der babenbergischen Sophia und Euphemia gewesen sein. Damit lässt sich an der Pielach ein BABENBERGER Besitz nachweisen, der Bribesendorf entsprechen könnte. Man kann auch auf den Ortsnamen Loipersdorf (Luipoldesdorf) verweisen, aber besitzgeschichtlich ist hier keine Beziehung zu den BABENBERGERN zu finden. Am 21. April erhält die Gattin des Markgrafen Adalbert 30 Hufen an der Zaya, die man bei Mistelbach sucht. Eine weitere Schenkung vom 12. November 1051 nennt 30 Hufen bei Grafenberg, die in der späteren Herrschaft Eggenburg stecken. Das war der Besitz, den der Markgraf Ernst und seine Vorgänger von Seiten des Königs her erhalten hatten. Die Machtstellung alter Geschlechter im Lande, nämlich ihre großen Güter hatten, scheint, soweit ich dies bisher feststellen konnte, eine sehr viel stärkere gewesen zu sein. Die Verwendung des Riesenbesitzes des Markgrafen Siegfried bedeutet auf jeden Fall eine sehr wesentliche Machtsteigerung für die BABENBERGER.
Seinem Sohn Adalbert gelang es trotz der Ehen mit Glismod und Frowiza nicht, ebenso hoch zu steigen, darum musste sein Enkel Ernst sich mit einer bescheideneren Heirat begnügen. Ernst war in 1. Ehe mit Mechthilde, einer Tochter des Markgrafen Dedi II. von Meißen vermählt, wie die Inschrift des Melker Grabmals der BABENBERGER erzählte. Es ist die Frage, ob diese sächsischen Familienbeziehungen nicht Bedeutung für die politische Stellung seines Sohnes gehabt haben.