Thietmar von Merseburg:
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Chronik.
 

Buch 7

Kapitel 5
 

Der Kaiser aber feierte nach Uebersteigung der Alpen und nachdem er die anliegenden Länder als Herrscher besichtigt hatte, das Weihnachtsfest zu Palithi [Pölde]. Darauf kam er nach Merseburg und legte seinen Getreuen vor, wie es mit Bolizlavs Treue und Hülfe beschaffen war, und forderte sie auf, ihn einmüthig zur Vertheidigung oder Abbuße vorzuladen.

Während deß kam mein Vetter, Markgraf Wirinhari, gereizt von übelgeleiteter Jugendlust und durch die Ränke hinterlistiger Frauen, mit wenigen Begleitern an einem Sonntage nach einer Burg, Namens Bichlingi und entführte die Herrin derselben, Reinhilde, um die er früher geworben hatte, wider ihren Willen, indem er die Wachen überlistete. Sie hatte nämlich vorher dem Kaiser fest gelobt, daß sie ohne sein Wissen und Wollen niemals einem Manne ihre Hand reichen werde; darum ließ sie sich jetzt nur mit Schreien und Weinen hinwegführen. Da das aber ihre Hörigen und Krieger vernahmen, so eilten sie bewaffnet herbei, und einer von ihnen, Namens Vullerd, wurde schwer verwundet. Da indeß eine von den Mägden Reinhildens auch mit genommen zu werden bat, und auf Befehl seines Führers, des Markgrafen, ein Edler, Alwin, diese aufnehmen wollte, so wurde er von allen Seiten umzingelt und rief meinen Vetter, der schon heraus war, zur Hülfe zurück. Bevor ihm aber dieselbe werden konnte, bekam er leider den Todesstoß. Sein Herr ward, als er herein kam, innerhalb der Burg eingeschlossen, und von einem der Knechte verwundet, den er sofort mit seiner Lanze durchbohrte und an die Wand spießte, wodurch er die Uebrigen abschreckte, daß sie nicht an ihn hinanzukommen wagten. Als er dann gewähr ward, daß die Seinen mit der Dame schon lange vorauf waren, er selbst aber keinen Ort zu entkommen habe, ließ er plötzlich sein Pferd zurück und sprang von der Mauer hinab, gelangte auch, wiewohl von Steinwürfen gar hart mitgenommen, dennoch bis zu seinen trauernden Gefährten. Diese schafften ihn bis nach Wi in das Haus eines kaiserlichen Verwalters und ließen ihn daselbst mit
Wenigen zurück. Die Dame aber führten sie in großer Eile hinweg, indem sie sich mit ihr bald hier, bald da versteckten, immer in ängstlicher Erwartung ihres Gebieters. Der boshafte Verwalter aber verrieth dem Kaiser seinen kranken Gast, und zwar zu dessen großer Freude. Denn er hoffte, derselbe solle entweder zum  abschreckenden Beispiel für Andre, da er nun in seine Hand gefallen  sei, den Tod erleiden, oder sich um eine außerordentliche Summe lösen. Es war bereits Nacht, als die Grafen Bernhard, Guncelin und Willehelm, mit ihren Mannen vom Kaiser gesandt an seinem Krankenlager erschienen. Wirinhari nun, der von den Seinen vorher erfahren hatte, daß sie kämen, begrüßte den ihm vertrauten, den Grafen Willehelm, den beiden Anderen aber gab er zu verstehen, könnte er ein  Schwert halten, so würde er lebend nicht in ihre Hände gefallen sein. Graf Willehelm aber verband seine Wunden und ließ ihn, einsehend daß er nach Merseburg, wie befohlen war, auf keine Weise kommen konnte, von den Seinen in das nächste Dorf, Elerstidi genannt, schaffen, wo er ihn in einem mit Steinen fest versicherten Hause bewachen ließ, während er selbst mit seinen Gefährten zum Kaiser zurückkehrte. Am selbigen Tage wurden wir zum Kaiser beschieden, der uns unter Thränen und Seufzern mittheilte, mit welcher Frechheit mein Vetter sein eigenes Gelübde gebrochen habe. Denn als Brun in seinem eigenen Hause, wo doch ein jeder Frieden haben soll, von seinem Feinde Milo erschlagen war, und dies alle Landeseingesessenen dem Kaiser klagend angezeigt hatten, so hatte
derselbe, nachdem sie ihn wiederholt gebeten hatten, er möchte doch, wie seine Vorfahren, solchen frevelhaften Menschen das Recht des Besitzes und Aufenthaltes im Reiche verwehren, solches genehmigt und es durch Eidschwüre zu bekräftigen angeordnet, und darauf hatte er mit erhobenen Händen Gott dem Allmächtigen und allen Anwesenden gelobt, so lange er lebe, dies halten und erfüllen zu wollen. Weil wir nun wissen, daß es weit besser ist, etwas Gutes gar nicht Gott zu geloben, als das Gelübde nachher zu brechen, so möchten wir doch den, dem er jenes Gelöbniß gethan hat, anflehen, daß wenn er dasselbe aus menschlicher Schwäche oder von bösen Rathgebern verleitet, gebrochen habe, er durch eine angemessene Buße zur Besserung gebracht werde. Nach Anhörung
der Klage des Kaisers gaben sämmtliche Große des Reiches den Rath, die Dame müsse unter Beschlagnahme aller ihrer Güter zurückgefordert, die Urheber des Handels aber entweder gefangen
vorgeführt oder bis auf den Tod verfolgt werden; und der Graf selbst müsse, wenn er nach seiner Wiederherstellung von der Krankheit schuldig befunden würde, den Kopf verlieren; wofern jedoch
dies alles mit Wissen und Willen der Dame geschehen sei, so sei es das beste, daß er sie heimführe als seine Ehefrau.

Dies auszuführen, ward nun mein Bruder, Graf Heinrich, auf der Stelle hingesandt, und es erging das Gebot, man solle zu Alstidi [Alstedt] zur öffentlichen Verhandlung sich einfinden. Während derselbe nun unterwegs war, kamen die vorerwählten Grafen an und meldeten dem Kaiser, was geschehen war. Den Tag darauf aber, das heißt am St. Martinstage, verschied Wirinhari, nachdem er bis dahin alles Ungemach geduldigen Herzens ertragen hatte, indem er seinen Feinden keinen Gewinn, den Seinen aber einen unersetzlichen Verlust hinterließ. Des trauerte der König und sein Feind Thiedrich vergoß Thränen. Als ich die Trauerkunde bekam, erwirkte ich meinem Vetter Thiedrich Urlaub und ließ meines Freundes Leiche durch meine Dienstmannen von Miminlevo [Memleben], wo damals eine Abtei war, deren trefflicher Vorsteher Reinhold mit schuldiger Menschenfreundlichkeit für dieselbe Fürsorge getroffen hatte, nach Helpithi hinschaffen, wo ich sie erwartete. Da aber der Körper schon sehr stark roch, so ließ ich sogleich die Eingeweide ausnehmen undneben meiner Kirche begraben, worauf ich den Leichnam nach Walbeck geleitete und Wirinhari daselbst neben seiner geliebten Gattin an deren linker Seite bestatten ließ.

Vierzehn Tage nachher starb auch seine Schwiegermutter Swonehild eines plötzlichen Todes am 27. November.
 

Kapitel 46
 

Indem wir Mitglieder des Capitels darauf sämmtlich zusammentraten, erwählten wir alle mit Ausnahme des Benno, meinen Vetter [Thiedrich] zum Nachfolger des Verstorbenen, nicht weil wir erwarteten, daß wirklich etwas daraus werden konnte, denn er war zu jung, sondern nur um das Recht der Wahl uns zu bewahren, und aus Liebe zum verstorbenen Erzbischofe Tagino. Als es aber Abend geworden war, kam Bischof Arnulf [von Halberstadt], und beförderte die ganze Sache aus allen Kräften. Nachdem dann am folgenden Tage die Wahl aufs Neue vorgenommen war, ward die Leiche des Erzbischofs zur Rechten seines Vorgängers im südlichen Flügel der Kirche bestattet, und zwar am
Tage vor Mariä Himmelfahrt [August 14].

Als die Königin das Vorgefallene erfuhr, meldete sie es durch ihren Mundschenken Geco dem Könige, der mit dem Heere vor der Stadt Metz lag. Dieser war voll Staunens und fragte, wie denn nun bei uns die Sachen ständen, worauf er denselben Abgesandten sofort wieder an die Königin zurückschickte mit dem Auftrage, sie möchte statt seiner des Reiches wahrnehmen.

Des Erzbischofes Waltherd Grabschrift aber, die nicht in einen Stein, sondern in ein treugedenkendes Herz eingegraben  werden muß, vernimm jetzt, mein Leser. Obwohl Walthard "an Gewalt hart" bedeutet, so war er doch nur strenge von außen, im Innern jedoch sehr milde. Auf Gott und seinen Nächsten sah er in unablässiger Furcht und gerechter Liebe hin. Die Gebrechlichkeit des Fleisches sühnte er durch häufige bittere Thränenfluth und durch unermeßlich reiche Almosen. Durch beiderlei Vorzüge ausgezeichnet, war er beim König wohl gelitten und erschien allen Großen des Reichs als ein höchst ehrenwerther Mann, den sein Vorgesetzter [der Erzbischof Tagino], nur durch die erzbischöfliche Weihe und den Titel allein übertraf. Er war aufrichtig und stets theilnehmend und ein tapferer Streiter für seine Kirche. Ohne alle Prahlerei leistete er seinen Nachbaren die zahlreichsten Dienste, zeigte dagegen, daß er selbst sich allein helfen konnte. Ich habe ihn vielfach mit einem Eidschwur versichern hören, daß er nicht aus Ehrgeiz, sondern zur Rettung der bedrängten und beinahe ersterbenden Kirche nach der erzbischöflichen Würde gestrebt habe. Auch erklärte er, dieselbe nicht verdient zu haben, vielmehr seien da zwei seiner geistlichen Mitbrüder, die er gern erwählt hätte, wenn er irgend hätte hoffen können, es möglich zu machen. Er war ein gerechter und auf seinem Wege fest beharrender Mann. Um Lob von Anderen war's ihm nicht zu thun, doch entzog er Anderen dasselbe nicht. Von einem der edelsten Geschlechter seine Abkunft herleitend, befleckte er den ererbten Adel in keiner Weise, sondern schmückte ihn durch stets gesteigerten Eifer in der Tugend. Sein Vater war Herr Erp, ein Mann von preiswürdigem Lebenswandel, allen seinen Zeitgenossen theuer. Seine Mutter, Namens Amulred, leuchtete durch fromme Zucht und durch ein dem Herrn wohlgefälliges Wirken vor den anderen Frauen hervor. Nach dem Tode ihres Gemahls verwandte sie, so viel als sie irgend vermochte, zum Heile seiner Seele und zur Bewahrung seines Gedächtnisses. Ihrem Sohne Walterd aber ward es einst im Traume verheißen, daß er das Erzbisthum Magadaburg erlangen und eine mäßige Zeit besitzen werde, und in dem Jahre, in welchem diese Verheißung erfüllt werden sollte, erschien einer ehrwürdigen Matrone seine bereits verstorbene Mutter im Traume. Als nun die Matrone sie begrüßt und gefragt hatte, wie es ihr ginge, antwortete sie: "Ich befinde mich wohl," und setzte hinzu: "Weißt du, daß unser Erzbischof Tagino aus dieser Welt scheiden und Walterd ihm folgen wird, nicht um hier eine Zeit lang zu regieren, sondern um im jüngsten Gericht unter den Richtenden seinen Platz zu bekommen? Bestimmt, seine Thaten aufzunehmen, hängt eine silberne Tafel im Himmel, sie ist beinahe voll; sobald sie ganz bis zum Ende beschrieben ist, wird er den Augen der Menschen entnommen, um seinen Lohn zu empfangen." Er selbst aber wußte das auch vorher, denn er ließ die eine seiner Schwestern, die nicht geistlichen Standes war (die andere war Nonne) zu sich rufen und sprach zu ihr: "Erinnerst du dich, wie du mir einst versprachst, du wolltest, wenn du mich je beerben solltest, das Gut, welches ich zu Osulfstidi habe, zum Heile meiner Seele dem heiligen Mauritius übertragen?" Als sie ihm das alles versprochen und es mit erhobenem Finger, wie er's verlangte, bestätigt hatte, hub er weinend wieder an: "Ich habe
nicht lange mehr zu leben, du aber thue wie du gesagt hast, und sei versichert, daß ich von meiner übrigen Hinterlassenschaft euch, meinen lieben Schwestern, nichts vorenthalten oder kürzen werde."
Er wußte, daß das alles erfüllt werden würde, allein er erwartete es doch erst nach einem längeren Zwischenraume. Er war acht und zwanzig Jahr lang Propst, und er versah dies Amt und trug diese Würde vor all seinen Zeitgenossen auf eine ausgezeichnet ehrenvolle Art. Er ließ einen ungeheuren silbernen Sarkophag anfertigen zur Aufbewahrung von Gebeinen der Heiligen. Die in Folge des großen Brandes zu Magadaburg eingestürzte runde Kirche ließ er von Grund aus neu errichten, und beabsichtigte für dieselbe ein Domherrencapitel zu bilden, dem er das ebenerwähnte Gut aus seinem Vermögen zuweisen wollte. Er war nicht redselig, sondern bewahrte in seinem Sinne manches, was er erst zu geeigneter Zeit offenbaren wollte. Das allein beklagte er vor seinem Ende am bittersten, daß er die Kirchen und die Geistlichkeit seiner Diöcese nicht mehr hatte einsegnen können; um das Pallium trug er gar keinen Schmerz. Er hatte sich einen außerordentlich  bedeutenden Vorrath von Büchern und erzbischöflichen Amtskleidern, außer vielen anderen zum weltlichen Gebrauch gehörigen Dingen angeschafft, was alles bei seinem plötzlichen Tode durch viele unnütze Hände verstreut wurde. Denn er saß auf dem erzbischöflichen Stuhle nur sieben Wochen und zwei Tage.