Jäschke Kurt-Ulrich: Seite 149-157
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"Notwendige Gefährtinnen"

Es mag dem Eheleben HEINRICHS IV. mit Berta von Turin kein schlechtes Zeugnis ausstellen, dass sich der Kaiser schon 1088, im Jahr nach Bertas Tod, mit der jungen Witwe Eupraxia verlobte, die er dann Jahr darauf auch heiratete. Eupraxias erster Gatte Heinrich I., Graf von Stade und Markgraf der Nordmark, war gerade erst am 28. Juni 1087 gestorben. Da die Verlobung mit dem Kaiser in den Sommer 1088 datiert wird, scheint es Eupraxia möglich gewesen zu sein, das Trauerjahr um ihren ersten Gatten voll einzuhalten, während der Kaiser für sich anscheinend bis zur neuen Heirat rechnen ließ. Bisweilen gilt der 14. August 1089 als der Tag ihrer zweiten Eheschließung. Doch hierbei handelt es sich lediglich um Eupraxias erste - und einzige - Intervention in Diplomen Kaiser HEINRICHS IV., und da "Intervention und Petition unserer Gattin Königin  Adelheid" vermerkt werden, gewinnt man mit diesem Beleg für die Heirat lediglich einen Terminus ante quem.
Das Diplom datiert aus Bamberg. Sollte es stimmen, dass die Hochzeit 1089 zu Köln, und zwar nach kurz vorher erfolgter Königinweihe, gefeiert worden ist, wird man ihre Zeitstellung noch einige Wochen früher suchen müssen. Genaueres Überprüfen der einschlägigen Nachrichten führt zu der Hypothese, dass die Eheschließung wohl zwischen dem 1. Juni und dem 20/25. Juli des Jahres stattgefunden hat. War der doch am 31. Mai des Jahres der nicht mehr beteiligte Erzbischof Sigewin von Köln gestorben, während sein Nachfolger Hermann der Reiche von Hochstaden bereits am 20. oder 25. Juli die Weihe empfing, die feierliche Handlung in Köln aber durch Erzbischof Hartwig von Magdeburg geleitet wurde - übrigens einen Verwandten des neuen Erzbischofs, so dass man wohl einvernehmlich handelte und kein Präzedenzfall gegen das mühsam erstrebte Krönungsrecht des Kölner Erzbischofs für die Königin entstand.
Wie kam es zu dem Namen Adelheid? Die umworbene Dame war eine Tochter des Kiewer Großfürsten Vsevolod I. Jaroslavic (1030-1093) aus dessen zweiter Ehe mit einer gewissen Anna. Dass Vsevolods I. erste Gattin Irene-Marija (
1067) eine Tochter Kaiser Konstantins IX. Monomachos von Byzanz war, läßt erkennen, dass auch während der 2. Hälfte des 11. Jahrhunderts die Beziehungen des Kiewer Großfürstenhofs nach dem Süden nicht abgerissen waren; ja, Vsevolod I. selber sprach angeblich fünf Sprachen. Diese Tatsache wiederum legt nahe, dass Vsevolods I. Tochter aus zweiter Ehe tatsächlich mit dem griechischen Namen Eupraxia nach Sachsen gekommen war.
Erwogen werden zwei Änderungen:
1) Der Name "Eupraxia" wurde zu "Praxedis" latinisiert, als die Kiewer Fürsten-Tochter den sächsischen Grafen heiratete.
2) Als Eupraxia-Praxedis sich 1088 mit Kaiser HEINRICH IV. verlobte und ihn 1089 ehelichte, kam es zum erneuten Namenswechsel:
Die Bekanntschaft soll nämlich HEINRICHS IV. Schwester Adelheid, Äbtissin von Quedlinburg, vermittelt haben, und so habe Eupraxia-Praxedis bei ihrer zweiten Eheschließung den Namen Adelheid erhalten. Neben Gunhild-Kunigunde ist dies übrigens die einzige Namensänderung, die für Herrscherinnen im Deutschland des 11. Jahrhunderts registriert wird. Beide Damen waren Ausländerinnen.

Dieser Befund ist nicht zu bestreiten und dürfte auch eine Erklärung für die Namensänderungen bieten. Für die Beziehungen des Kaisers zu der Markgrafen-Witwe jedoch und damit für die Vermittlung durch Adelheid scheinen Zeugnisse zu fehlen; bekannt ist lediglich, dass HEINRICH IV. "seine Verlobte Eupraxia zu seiner Schwester, der Äbtissin Adelheid", zwischen Verlobung und Eheschließung nach Quedlinburg gebracht hat und dass die Damen 1088 hier einem militärischen Angriff Markgraf Ekberts II. von Meißen ausgesetzt waren. Daraus wird man kaum folgern dürfen, dass die Gandersheimer und Quedlinburger Äbtissin in einem der vorangehenden Jahre auch jene Verbindungen geknüpft habe, die schließlich zur Verlobung geführt hatten. Wohl aber könnte das gemeinsame Schicksal von 1088 und der Altersunterschied zwischen beiden Damen Fingerzeige liefern:
Die Agnes-Tochter Adelheid hatte im Oktober 1048 das Licht der Welt erblickt, während für Eupraxia ein Geburtsjahr nach 1067, dem Todesjahr der Irene-Marija, oder gar um 1070 erschlossen wird. Bei rund 20 Jahren Altersunterschied mochte für Eupraxia die zukünftige Schwägerin und Kaiser-Tochter, die nach Ausweis ihrer Lehnspolitik und ihrer Münzprägungen ohnehin auch eine selbstbewußte Reichsfürstin war, die Rolle einer älteren, wenn nicht gar mütterlichen Freundin spielen. Hinzu kam, dass der Name "Adelheid" schon vorher im salischen Hause verwandt worden war:
So hatte auch die Mutter Kaiser KONRADS II. geheißen. Sollte Eupraxia also tatsächlich aus Dankbarkeit gegenüber Äbtissin Adelheid II. deren Namen angenommen haben, so war eigentlich beim Kaiser hiergegen kein Widerspruch zu erwarten.

Nun gehörte die Kaiser-Mutter Adelheid, Schwester der elsässischen Grafen Gerhard und Adalbert und durch Wipo auf ein hochedles Lothringer-Geschlecht, vielleicht gar die MEROWINGER, zurückgeführt, obgleich lokal als "Königin" bezeichnet, inzwischen eigentlich nicht mehr zum salischen Hause; war sie doch nach dem Ableben von KONRADS II. Vater Heinrich eine weitere Ehe eingegangen, so dass KONRAD II. vielleicht deshalb fern von der Mutter am Hof Bischof Burchards I. von Worms erzogen worden war. Anscheinend infolge der Wiederverheiratung hatte sie sich trotz der Königserhebung von 1024 wohl nicht an den Königshof hingezogen gefühlt. Ihr Lebenszentrum wurde jenes Stift Öhringen an der Burgenstraße der Hohenloher Ebene, zu dem sie 1037 gemeinsam mit Bischof Gebhard von Regensburg, einem Sohn aus ihrer zweiten Ehe, die Pfarrkirche am Ort hatte umwandeln lassen. Sie selber ist denn auch als Gründerin in der Krypta der Stiftskirche beigesetzt worden; ihr Steinsarkophag mit Tumba von 1241 wird heute noch gezeigt.
Aus zwei Diplomen König HEINRICHS III. vom 7. September 1046 scheint hervorzugehen, dass Adelheid ihren kaiserlichen Sohn überlebt hat; denn König HEINRICH III. übergab damals dem Bistum Speyer drei Güter, die ihm seine Großmutter Adelheid unmittelbar vererbt hatte, also nicht durch Vermittlung KONRADS II. Im Text dieser Diplome wird des Seelenheils von HEINRICHS III. Angehörigen und Vorfahren gedacht, nicht jedoch desjenigen dieser Großmutter. Entsprechend ist Adelheid "von Öhringen" wohl auch nicht in das Speyerer SALIER-Gedenken mit einbezogen worden, wie das Fehlen ihres Namens im ältesten Domnekrolog dieses Hochstifts zum 19. Mai wahrscheinlich macht.
Adelheid war nun aber auch der Name von HEINRICHS IV. und Bertas ersten und früh verstorbenem Kind gewesen, obgleich in der Person von HEINRICHS IV. älterer Schwester dieser Name in der Dynastie bereits weiterlebte. Im Jahre 1070 lebte aber auch noch Königin Bertas Mutter, jene arduinische Gräfin Adelheid, die als Tochter Markgraf Olderich-Manfreds II. von Turin (
1034) bis zu ihrem Tode im Jahre 1091 die markgräfliche Machthaberin war; sie scheint nicht nur ihre drei Gatten "Hermann von Schwaben, den ALERAMIDEN Heinrich (und) Otto von Maurienne" jeweils überlebt, sondern ihnen auch wenig mehr als den Markgrafentitel überlassen zu haben. Ausgerechnet 1070 war sie es, die "mit Waffengewalt gegen die Stadt Asti und gegen die autonomistischen Gebietsforderungen ihres Bischofs" vorging, gleichzeitig aber in Verbindung mit dem angesehenen Kirchenreformer Petrus Damiani stand, und noch im Todesjahr Gräfin Adelheids sollten sich solche kriegerischen Unternehmungen wiederholen.
Hinzu kam die Tatsache, dass mit "Kaiserin Adelheid" eine Namensträgerin bekannt war, die nicht nur eine heiligmäßige Lebensbeschreibung durch Abt Odilo von Cluny (
1048) erfahren hatte, sondern auch Heldin eines Liber miraculorum von 1051/57 aus dem Kloster Selz war und schließlich 1097 sogar heiliggesprochen werden sollte, und zwar durch eine Lateransynode unter Papst Urban II.; mit vorherigen Kanonisierungs-Bemühungen wird gerechnet, und zwar im Zusammenhang mit der Abfassung der Wunderberichte. darüber hinaus haben sich die Selzer Mönche 1084 ihren Besitz durch Papst Wibert-Clemens III. nicht für die gründerzeitlichen Patrone Petrus und Paulus bestätigen lassen, sondern "für den heiligen Apostel Petrus und die heilige Adelheid". Um 1100 glaubte man Kaiser HEINRICH IV. in Pavia unterstellen zu dürfen, dass er eine Bestätigung von Kirchenbesitz für die Salvator-Abtei im Gedenken an die "heilige Kaiserin Adelheid" vorgenommen habe; eingeführt wurde diese dabei als ältere weibliche Verwandte HEINRICHS IV., als wollte man die OTTONEN-zeitliche Fürstin möglichst nahe an diesen SALIER-Herrscher heranrücken.
Nun hatte zwar Kaiserin Adelheid am 16./17. Dezember 999 ihre Tage in ihrer Klostergründung Selz nördlich von Straßburg beschlossen, sie konnte aber besonders mit der OTTONEN-Herrschaft über Ober-Italien zusammengesehen werden. Da die Eupraxia-Latinisierung "Praxedis" in der kaiserlichen Kanzlei nicht aufgegriffen wurde, andererseits eine Willensäußerung des Kaisers im Falle der Namensänderung seiner zweiten Gattin wohl vorausgesetzt werden muß, ist nicht auszuschließen, dass - wie seinerzeit bei der Entscheidung für ein weiteres, nun purpurgeborenes Kind - Italien und das Kaisertum auch für die neue Königin Adelheid im Blickpunkt stehen sollten. Vielleicht wollte HEINRICH IV. sie tatsächlich zu einer "Zweiten Kaiserin Adelheid" machen.
Dass nur auf eine einzige Intervention der neuen Königin in Diplomen Kaiser HEINRICHS IV. zurückgegriffen wird, macht bereits deutlich, wie gering der Einfluß der russischen Prinzessin auf den politischen Alltag am Hof gewesen ist. Darüber hinaus scheiterte Eupraxia-Adelheids "Ehe mit HEINRICH IV. ... völlig". Die Königin wurde "des Treubruchs verdächtigt und schließlich wie eine Gefangene in Verona festgehalten", als der Kaiser sich - eigentlich getreu dem eben erschlossenen "Adelheid-Programm" - wieder in Italien durchzusetzen gedachte. Anfang 1094 entkam Eupraxia-Adelheid jedoch ihren Bewachern und floh zu Mathilde von Tuszien, und bei ihr machte sie über ihr Eheleben und überhaupt über den Umgang ihres Mannes mit ihr so aufsehenerregende Aussagen, dass sich noch im selben Jahr eine Konstanzer Synode und 1095 Urban II. berühmte Synode zu Piacenza damit beschäftigten. Obgleich bezeugt ist, dass Eupraxia-Adelheid hier ihre Anschuldigungen gegen ihren zweiten Gatten persönlich vorgetragen hat, gelten diese "schmutzigen Äußerungen (als) kaum glaubhaft" und werden eher zu "Rückschlüssen auf eine psychopathische Veranlagung der armen Frau" benutzt denn für die Erhellung der tatsächlichen Sachverhalte. Ohnehin sind diese Vorgänge dadurch belastet, dass Eupraxia-Adelheid seither aus der Überlieferung nahezu verschwindet, so dass gefolgert worden ist, sie sei "von ihren Beschützern wieder allen gelassen" worden. Sie mag "zunächst nach Ungarn ausgewichen", dann in ihre Heimat zurückgekehrt sein. Im Dezember 1106 trat sie "in ein Kiever Kloster ein" und wurde nach ihrem Ableben am 10./11. Juli 1109 in jenem Petscherischen Höhlenkloster zu Kiew bestattet, das im Unterschied zu den älteren Stifterklöstern am Ort für seine mönchisch-asketischen Anfänge im 11. Jahrhundert bekannt ist. Eupraxia-Adelheid hatte sich somit der modernsten religiösen Bewegung in ihrer Heimat zumindest angenähert, so wie sie es kirchenpolitisch auch in Italien getan hatte. Dass sie in beiden Fällen ihren Neigungen und nicht äußeren Zwängen gefolgt sei, wird man allerdings kaum feststellen können. Nach der schließlich doch in üblichem Rahmen geführten Ehe mit Kaiserin Berta scheint es Kaiser HEINRICH IV. nicht verstanden zu haben, der zweiten, wesentlich jüngeren Gemahlin den notwendigen Handlungsspielraum einzuräumen, der ein Gelingen dieser neuen Gemeinschaft ermöglicht hätte. Es könnte sein, dass der Kaiser seine zweite Gemahlin lediglich als notwendige Gefährtin, nicht als Persönlichkeit mit individuellen Zügen zu akzeptieren bereit gewesen war. 1094/95 hatten sich schließlich die äußeren Rahmenbedingungen so stark verändert, dass eine Analogiehandlung zur Frankfurter Versammlung von Oktober 1069 nicht mehr in die Wege geleitet werden konnte. Bezeichnenderweise hatte auch jetzt auch das Papsttum nicht mehr den Wunsch, den Partner, der aus einer ungeliebten Beziehung ausbrechen wollte, gleichsam zur Ordnung zu rufen. Stand doch die Vernichtung des Gegners, nicht seine Rückführung in eine grundsätzlich von allen akzeptierte Gemeinschaft im Vordergrund, und dem hatten sich persönliche Schicksale ein- und unterzuordnen.