Es mag dem Eheleben HEINRICHS
IV. mit Berta von Turin kein
schlechtes Zeugnis ausstellen, dass sich der Kaiser schon 1088, im Jahr
nach Bertas Tod, mit der jungen Witwe
Eupraxia
verlobte, die er dann Jahr darauf auch heiratete. Eupraxias
erster Gatte Heinrich I.,
Graf von Stade und Markgraf der Nordmark,
war gerade erst am 28. Juni 1087 gestorben. Da die Verlobung mit dem
Kaiser
in den Sommer 1088 datiert wird, scheint es Eupraxia
möglich gewesen zu sein, das Trauerjahr um ihren ersten Gatten
voll
einzuhalten, während der Kaiser für sich anscheinend bis zur
neuen Heirat rechnen ließ. Bisweilen gilt der 14. August 1089 als
der Tag ihrer zweiten Eheschließung. Doch hierbei handelt es sich
lediglich um Eupraxias erste - und
einzige - Intervention in Diplomen Kaiser
HEINRICHS
IV., und da "Intervention und Petition unserer Gattin
Königin
Adelheid" vermerkt
werden, gewinnt man mit diesem Beleg für
die Heirat lediglich einen Terminus ante quem.
Das Diplom datiert aus Bamberg. Sollte es
stimmen, dass
die Hochzeit 1089 zu Köln, und zwar nach kurz vorher erfolgter
Königinweihe,
gefeiert worden ist, wird man ihre Zeitstellung noch einige Wochen
früher
suchen müssen. Genaueres Überprüfen der
einschlägigen
Nachrichten führt zu der Hypothese, dass die Eheschließung
wohl
zwischen dem 1. Juni und dem 20/25. Juli des Jahres stattgefunden hat.
War der doch am 31. Mai des Jahres der nicht mehr beteiligte Erzbischof
Sigewin von Köln
gestorben, während sein Nachfolger Hermann der
Reiche von Hochstaden bereits am 20. oder 25. Juli die Weihe
empfing, die
feierliche Handlung in Köln aber durch Erzbischof Hartwig von Magdeburg
geleitet wurde - übrigens einen Verwandten des neuen Erzbischofs,
so dass man wohl einvernehmlich handelte und kein Präzedenzfall
gegen
das mühsam erstrebte Krönungsrecht des Kölner
Erzbischofs
für die Königin entstand.
Wie kam es zu dem Namen Adelheid?
Die umworbene Dame war eine Tochter des Kiewer
Großfürsten Vsevolod I. Jaroslavic (1030-1093)
aus
dessen zweiter Ehe mit einer gewissen Anna.
Dass Vsevolods I. erste Gattin Irene-Marija
(† 1067) eine Tochter Kaiser
Konstantins
IX. Monomachos von Byzanz war, läßt erkennen, dass
auch während der 2. Hälfte des 11. Jahrhunderts die
Beziehungen
des Kiewer Großfürstenhofs nach dem Süden nicht
abgerissen
waren; ja, Vsevolod I. selber sprach
angeblich fünf Sprachen. Diese Tatsache wiederum legt nahe, dass Vsevolods
I. Tochter aus zweiter Ehe tatsächlich mit dem griechischen
Namen Eupraxia nach Sachsen gekommen
war.
Erwogen werden zwei Änderungen:
1) Der Name
"Eupraxia"
wurde zu "Praxedis" latinisiert, als
die Kiewer Fürsten-Tochter
den sächsischen Grafen heiratete.
2) Als Eupraxia-Praxedis
sich 1088 mit Kaiser HEINRICH
IV. verlobte
und ihn 1089 ehelichte, kam es zum erneuten Namenswechsel:
Die Bekanntschaft
soll nämlich HEINRICHS IV. Schwester
Adelheid,
Äbtissin
von Quedlinburg, vermittelt haben, und so habe
Eupraxia-Praxedis
bei ihrer zweiten Eheschließung den Namen Adelheid
erhalten. Neben
Gunhild-Kunigunde ist
dies übrigens die einzige Namensänderung, die für
Herrscherinnen
im Deutschland des 11. Jahrhunderts registriert wird. Beide Damen waren
Ausländerinnen.
Dieser Befund ist nicht zu bestreiten und
dürfte
auch eine Erklärung für die Namensänderungen bieten.
Für
die Beziehungen des Kaisers zu der Markgrafen-Witwe
jedoch und damit für
die Vermittlung durch Adelheid scheinen
Zeugnisse zu fehlen; bekannt ist lediglich, dass
HEINRICH
IV. "seine Verlobte Eupraxia
zu seiner Schwester, der Äbtissin Adelheid",
zwischen Verlobung und Eheschließung nach Quedlinburg gebracht
hat
und dass die Damen 1088 hier einem militärischen Angriff Markgraf
Ekberts II. von
Meißen ausgesetzt waren. Daraus wird man kaum folgern
dürfen, dass die Gandersheimer und
Quedlinburger Äbtissin in
einem der vorangehenden Jahre auch jene Verbindungen geknüpft
habe,
die schließlich zur Verlobung geführt hatten. Wohl aber
könnte
das gemeinsame Schicksal von 1088 und der Altersunterschied zwischen
beiden
Damen Fingerzeige liefern:
Die Agnes-Tochter
Adelheid
hatte im Oktober 1048 das
Licht der Welt erblickt, während für
Eupraxia
ein Geburtsjahr nach 1067, dem Todesjahr der Irene-Marija,
oder gar um 1070 erschlossen wird. Bei rund 20 Jahren Altersunterschied
mochte für Eupraxia die
zukünftige
Schwägerin und Kaiser-Tochter,
die nach Ausweis ihrer Lehnspolitik
und ihrer Münzprägungen ohnehin auch eine selbstbewußte
Reichsfürstin war, die Rolle einer älteren, wenn nicht gar
mütterlichen
Freundin spielen. Hinzu kam, dass der Name
"Adelheid" schon vorher im salischen
Hause verwandt worden war:
So hatte auch die Mutter Kaiser
KONRADS II. geheißen. Sollte Eupraxia
also tatsächlich aus Dankbarkeit gegenüber Äbtissin
Adelheid II. deren
Namen angenommen haben, so war eigentlich
beim Kaiser hiergegen kein Widerspruch zu erwarten.
Nun gehörte die Kaiser-Mutter
Adelheid, Schwester
der elsässischen Grafen Gerhard und Adalbert und durch Wipo auf ein
hochedles Lothringer-Geschlecht,
vielleicht gar die MEROWINGER,
zurückgeführt, obgleich lokal als "Königin" bezeichnet,
inzwischen eigentlich nicht mehr zum salischen
Hause; war sie doch nach dem
Ableben von KONRADS
II. Vater Heinrich
eine weitere Ehe eingegangen, so dass
KONRAD II. vielleicht deshalb fern
von der Mutter am Hof Bischof Burchards I. von Worms erzogen
worden war.
Anscheinend infolge der Wiederverheiratung hatte sie sich trotz der
Königserhebung
von 1024 wohl nicht an den Königshof hingezogen gefühlt. Ihr
Lebenszentrum wurde jenes Stift Öhringen an der Burgenstraße
der Hohenloher Ebene, zu dem sie 1037 gemeinsam mit Bischof Gebhard von
Regensburg, einem Sohn aus ihrer zweiten Ehe, die Pfarrkirche am
Ort hatte
umwandeln lassen. Sie selber ist denn auch als Gründerin in der
Krypta
der Stiftskirche beigesetzt worden; ihr Steinsarkophag mit Tumba von
1241
wird heute noch gezeigt.
Aus zwei Diplomen König
HEINRICHS III. vom 7. September 1046 scheint hervorzugehen,
dass Adelheid ihren kaiserlichen Sohn überlebt hat; denn König
HEINRICH III. übergab damals dem Bistum Speyer drei
Güter,
die ihm seine Großmutter Adelheid
unmittelbar vererbt hatte, also
nicht durch Vermittlung KONRADS II.
Im Text dieser Diplome wird des Seelenheils von HEINRICHS
III. Angehörigen und Vorfahren gedacht, nicht jedoch
desjenigen
dieser Großmutter. Entsprechend ist Adelheid "von Öhringen"
wohl auch nicht in das Speyerer SALIER-Gedenken
mit einbezogen worden, wie das Fehlen ihres Namens im ältesten
Domnekrolog
dieses Hochstifts zum 19. Mai wahrscheinlich macht.
Adelheid war nun
aber auch der Name von HEINRICHS IV.
und Bertas ersten und früh
verstorbenem
Kind gewesen, obgleich in der Person von HEINRICHS
IV. älterer Schwester dieser Name in der Dynastie bereits
weiterlebte. Im Jahre 1070 lebte aber auch noch
Königin
Bertas Mutter, jene arduinische
Gräfin Adelheid,
die als Tochter Markgraf Olderich-Manfreds II. von Turin († 1034) bis zu
ihrem Tode im Jahre 1091 die markgräfliche Machthaberin war; sie
scheint
nicht nur ihre drei Gatten "Hermann
von Schwaben, den ALERAMIDEN
Heinrich
(und) Otto von Maurienne"
jeweils überlebt, sondern ihnen auch wenig
mehr als den Markgrafentitel überlassen zu haben. Ausgerechnet
1070
war sie es, die "mit Waffengewalt gegen die Stadt Asti und gegen die
autonomistischen
Gebietsforderungen ihres Bischofs" vorging, gleichzeitig aber in
Verbindung
mit dem angesehenen Kirchenreformer Petrus Damiani stand, und noch
im Todesjahr
Gräfin Adelheids sollten sich solche
kriegerischen Unternehmungen
wiederholen.
Hinzu kam die Tatsache, dass mit "Kaiserin
Adelheid" eine Namensträgerin bekannt war, die nicht nur
eine heiligmäßige Lebensbeschreibung durch Abt Odilo von Cluny
(† 1048)
erfahren hatte, sondern
auch Heldin eines Liber miraculorum
von
1051/57 aus dem Kloster Selz war und schließlich 1097 sogar
heiliggesprochen
werden sollte, und zwar durch eine Lateransynode unter Papst Urban II.;
mit vorherigen Kanonisierungs-Bemühungen wird gerechnet, und zwar
im
Zusammenhang mit der Abfassung der Wunderberichte. darüber hinaus
haben sich die Selzer Mönche 1084 ihren Besitz durch Papst Wibert-Clemens
III. nicht für die gründerzeitlichen Patrone Petrus
und Paulus
bestätigen lassen, sondern "für den heiligen Apostel Petrus
und
die heilige Adelheid". Um 1100 glaubte man Kaiser
HEINRICH IV. in Pavia unterstellen zu dürfen, dass er eine
Bestätigung von Kirchenbesitz für die Salvator-Abtei im
Gedenken
an die "heilige Kaiserin Adelheid" vorgenommen habe;
eingeführt wurde
diese dabei als ältere weibliche Verwandte HEINRICHS
IV., als wollte man die OTTONEN-zeitliche
Fürstin möglichst nahe an diesen SALIER-Herrscher
heranrücken.
Nun hatte zwar Kaiserin Adelheid
am
16./17. Dezember 999 ihre Tage in ihrer Klostergründung Selz
nördlich
von Straßburg beschlossen, sie konnte aber besonders mit der OTTONEN-Herrschaft
über Ober-Italien zusammengesehen werden. Da die Eupraxia-Latinisierung
"Praxedis"
in der kaiserlichen Kanzlei nicht aufgegriffen wurde, andererseits eine
Willensäußerung des Kaisers im Falle der Namensänderung
seiner zweiten Gattin wohl vorausgesetzt werden muß, ist nicht
auszuschließen,
dass - wie seinerzeit bei der Entscheidung für ein weiteres, nun
purpurgeborenes
Kind - Italien und das Kaisertum auch für die neue Königin
Adelheid im Blickpunkt stehen sollten. Vielleicht wollte HEINRICH
IV. sie tatsächlich zu einer "Zweiten Kaiserin
Adelheid" machen.
Dass nur auf eine einzige Intervention der neuen
Königin
in Diplomen
Kaiser HEINRICHS
IV. zurückgegriffen
wird, macht bereits deutlich, wie gering der Einfluß der russischen
Prinzessin auf den politischen Alltag am Hof gewesen ist.
Darüber
hinaus scheiterte Eupraxia-Adelheids
"Ehe mit HEINRICH IV. ... völlig".
Die Königin wurde "des
Treubruchs verdächtigt und schließlich
wie eine Gefangene in Verona festgehalten", als der Kaiser sich -
eigentlich
getreu dem eben erschlossenen "Adelheid-Programm"
- wieder in Italien durchzusetzen
gedachte. Anfang 1094 entkam Eupraxia-Adelheid
jedoch ihren Bewachern und floh zu Mathilde von Tuszien, und bei
ihr machte
sie über ihr Eheleben und überhaupt über den Umgang
ihres
Mannes mit ihr so aufsehenerregende Aussagen, dass sich noch im selben
Jahr eine Konstanzer Synode und 1095 Urban II. berühmte Synode
zu
Piacenza damit beschäftigten. Obgleich bezeugt ist, dass Eupraxia-Adelheid
hier ihre Anschuldigungen gegen ihren zweiten Gatten persönlich
vorgetragen
hat, gelten diese "schmutzigen Äußerungen (als) kaum
glaubhaft"
und werden eher zu "Rückschlüssen auf eine psychopathische
Veranlagung
der armen Frau" benutzt denn für die Erhellung der
tatsächlichen
Sachverhalte. Ohnehin sind diese Vorgänge dadurch belastet, dass Eupraxia-Adelheid
seither
aus der Überlieferung nahezu verschwindet, so dass gefolgert
worden
ist, sie sei "von ihren Beschützern wieder allen gelassen" worden.
Sie mag "zunächst nach Ungarn ausgewichen", dann in ihre Heimat
zurückgekehrt
sein. Im Dezember 1106 trat sie "in ein Kiever Kloster ein" und wurde
nach
ihrem Ableben am 10./11. Juli 1109 in jenem Petscherischen
Höhlenkloster
zu Kiew bestattet, das im Unterschied zu den älteren
Stifterklöstern
am Ort für seine mönchisch-asketischen Anfänge im 11.
Jahrhundert
bekannt ist. Eupraxia-Adelheid hatte
sich somit der modernsten religiösen Bewegung in ihrer Heimat
zumindest
angenähert, so wie sie es kirchenpolitisch auch in Italien getan
hatte.
Dass sie in beiden Fällen ihren Neigungen und nicht
äußeren
Zwängen gefolgt sei, wird man allerdings kaum feststellen
können.
Nach der schließlich doch in üblichem Rahmen geführten
Ehe mit Kaiserin Berta
scheint es Kaiser
HEINRICH IV. nicht verstanden zu haben, der zweiten,
wesentlich
jüngeren Gemahlin den notwendigen Handlungsspielraum
einzuräumen,
der ein Gelingen dieser neuen Gemeinschaft ermöglicht hätte.
Es könnte sein, dass der Kaiser seine zweite Gemahlin lediglich
als
notwendige Gefährtin, nicht als Persönlichkeit mit
individuellen
Zügen zu akzeptieren bereit gewesen war. 1094/95 hatten sich
schließlich
die äußeren Rahmenbedingungen so stark verändert, dass
eine Analogiehandlung zur Frankfurter Versammlung von Oktober 1069
nicht
mehr in die Wege geleitet werden konnte. Bezeichnenderweise hatte auch
jetzt auch das Papsttum nicht mehr den Wunsch, den Partner, der aus
einer
ungeliebten Beziehung ausbrechen wollte, gleichsam zur Ordnung zu
rufen.
Stand doch die Vernichtung des Gegners, nicht seine
Rückführung
in eine grundsätzlich von allen akzeptierte Gemeinschaft im
Vordergrund,
und dem hatten sich persönliche Schicksale ein- und unterzuordnen.