Heinrich,
der Sohn
des Sachsen-Herzogs Otto des Erlauchten, heiratete
im Jahr 909 zum
zweiten Mal:
seine Braut
Mathilde
stammte
aus der "stirps magni ducis Widukindi" und war die
Tochter des Grafen
Dietrich und der
Reinhilde. Um Mathilde
überhaupt
ehelichen zu können, mußte sich Heinrich
erst von seiner ersten Gemahlin Hatheburg
trennen, und er tat dies,
obwohl er mit dieser einen Sohn, Thankmar,
hatte. Durch die Trennung seiner Eltern sollte Thankmar
später in den Ruch der Illegitimität gleiten.
1. Zum Problem der Mathildenviten
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Wir sind über die Königin
Mathilde, die zweite Gemahlin König
HEINRICHS I., durch die verschiedenen historiographischen Werke
der OTTONEN-Zeit unterrichtet. Neben
diesen Quellen mit dem Ziel der historischen Belehrung gibt es aber
gerade
für die Königin
Mathilde
zwei Lebensbeschreibungen, in denen die ältere Forschung eine
Fundgrube
für detaillierte Informationen vermutete, und so, auf diese Viten
aufbauend, das Leben Mathildes
plastisch darstellen zu können vermeinte.
Als Beispiel sei auf die kritiklose Übernahme der Geschichte der
Werbung
um die junge Mathilde verwiesen, die
die ältere Lebensbeschreibung die Eltern des ebenfalls noch als
jung
geschilderten Heinrich - der in
Wirklichkeit
die 30 bereits einige Zeit überschritten hatte - vornehmen
läßt;
diese Erzählung erinnert stark an die ähnlichen Schemata der
hochmittelalterlichen Spielmannsepen.
Allerdings sind wir trotz der eben angedeuteten
Kritik,
die man bei der Lektüre anwenden muß, für wichtige
Vorgänge
im Leben der Königin Mathilde
allein auf die Informationen angewiesen, die uns die hagiographischen
Viten
überliefert haben. Wir gehen daher kurz auf die Literaturgattung
ein
und berücksichtigen besonders unsere Mathildeviten. Beide
Lebensbeschreibungen
sind in Nordhausen entstanden, also in der Lieblingsstiftung der Königin
Mathilde, so daß durchaus gute Nachrichten in diese
Quellen
Eingang gefunden haben können. Die ältere der beiden Viten
entstand
um 975 im Auftrag OTTOS II., die
jüngere
in der Zeit Kaiser HEINRICHS
II.:
diese
wurde gegenüber ihrer Vorgängerin in vielem erweitert, um den
bayerischen
Zweig der LIUDOLFINGER-Familie, dem HEINRICH
II. entstammte, zu verherrlichen. So schätzte Robert
Holtzmann
in dem Standardwerk "Deutschlands Geschichtsquellen im Mittelalter" den
Quellenwert für eine Rekonstruktion des Faktenablaufs als recht
gering
ein und kritisierte "den inneren Gehalt und den geschichtlichen Sinn
ihrer
Verfasser" als mangelhaft. Martin Lintzel listete eine Anzahl
verläßlicher
bzw. mit Sicherheit erfundener Nachrichten auf und warnte zugleich
davor,
mit den Maßstäben eines modernen Historikers Kritik im Sinne
Holtzmanns zu üben, da man ansonsten die gesamte
Geschichtsschreibung
im 10. Jahrhundert verwerfen müsse, nicht nur die Mathildenviten.
Die Münchener Dissertation von Maria
Stoeckle
erarbeitet,
fußend auf der Neubewertung der hagiographischen Werke in den
30-er
Jahren des 20. Jahrhunderts, ein Schema für die Heiligenviten des
frühen Mittelalters. Die Figuren werden statisch gezeichnet:
Dynamik
als Krisis dient nur zur Bestätigung des ursprünglichen
Wohlgefallens
Gottes. Wunder, Askese und virginitas gehen mit nobilitas, fanma und
largitas,
den Werten der germanischen Adelsethik, eine Verbindung zur Vita des
Adelsheiligen
ein.
Die beiden Mathildenviten lassen sich nach Stoeckle wie folgt
differenzieren:
während die ältere Vita die Königin
Mathilde als die Personifikation des Glücks der OTTONEN-Dynastie
darstellt - dieses Glück spiegelt sich in den Höhepunkten des
irdischen Königtums: der Eheschließung, der Geburt der
Enkel,
dem Kölner Pfingstfest und dem Tod wider -, setzt die jüngere
Mathildenvita nicht mehr die sichtbaren Erfolge der OTTONEN
als
Wertmesser an, sondern das Erdulden jener Prüfungen, die dem
jüngeren
Sohn Heinrich und seiner Mutter als
Zeichen der Begnadung widerfahren; zum Teil liegt diese
Akzentverlagerung
in der schon früher erkannten Tendenz der jüngeren Vita, die
Vorzüge der Sekundogenitur der LIUDOLFINGER,
die mit Heinrich von Bayern beginnt
und mit Kaiser
HEINRICH II. die deutsche
Königswürde errungen hat, besonders herauszustellen.
Ergänzt
wird diese Tendenz durch das Bemühen des Vitenverfassers, das
besondere
Wohlgefallen der hochgefeierten Ahnin gerade für den jüngeren
Sohn zu verifizieren.
Allerdings läßt sich eine derartige
Topik,
wie eben angedeutet, gerade in der Figur der Königin
Mathilde
besonders gut zu einer Heiligenvita verarbeiten, da
die Tendenz einer solchen hagiographischen Lebensbeschreibung von
vornherein
mit wesentlichen Aspekten der historischen Rolle der Königin
Mathilde in Einklang steht.
2. Die Heirat Heinrichs mit Mathilde
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Wie wir aus Thietmar
wissen, trennte sich Heinrich,
der Sohn des Sachsen-Herzogs Otto des Erlauchten, nach
einigen Jahren
von seiner ersten Gemahlin Hatheburg.
Als Motiv für diese Trennung
gibt Thietmar an, Mathilde, auf die
Heinrichs
Auge nun gefallen war, habe
sich sowohl durch "pulchritudo"
als auch durch "res" ausgezeichnet.
Doch
in der Forschung ist es umstritten, ob
Mathilde
wirklich einen derartig reichen Besitz in ihre Ehe einbrachte, wie dies
Thietmar als eines der
beiden Motive angibt. Albert Hömberg, einer
der besten Kenner der meist nur nebulös erfaßbaren
Verhältnisse
der sächsischen Grafen-Familien des 9. und 10. Jahrhunderts, warnt
davor, eine derartige Motivation überzubewerten. Die WIDUKIND-Sippe,
so Hömberg, habe politisch nur mehr eine untergeordnete Rolle
gespielt:
Mathilde
dürfte daher keine allzugroße Mitgift bekommen haben. Das
entscheidende
Motiv Heinrichs für die Ehe mit
Mathilde
sieht
Hömberg dagegen mit Recht in dem auf diese Weise bewerkstelligten
Anschluß der LIUDOLFINGER an
die Verwandtengruppe der Nachfahren Widukinds, die sich im
sächsischen
Volk immer noch einer großen Beliebtheit erfreut hätten.
Diese
Verwandtengruppe zeichnete sich, wie Karl Schmid gezeigt hat, trotz
einer
diffusen und daher heute nicht mehr aufzuklärenden Abstammung vom
charismatischen Führer der Sachsen in deren Kampf gegen KARL
DEN GROSSEN durch ein starkes Herkunftsbewußtsein aus.
In diesem Zusammenhang können wir noch ein weiteres Motiv, das in
der Forschung vermutet wurde, einordnen: die Heirat könnte auch
dazu
gedient haben, in Westfalen, dem Bereich Sachsens, in dem die
Anerkennung
Ottos des Erlauchten als
Herzog noch nicht so gesichert gewesen zu
sein scheint wie im Machtzentrum der LIUDOLFINGER
am Harz, eine zusätzliche Legitimation für die künftige
Herzogs-Herrschaft der LIUDOLFINGER
zu erwerben.
3. Mathilde als Königin
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Über die Zeit der Königin
Mathilde, die sie an der Seite ihres Gemahls, des Herzogs und
Königs
HEINRICH, verbrachte, über ihre Rolle am Hof, über
ihren eventuellen Einfluß auf ihren Gatten etc. wissen wir so gut
wie nichts.
Das Paar hatte fünf Kinder:
als Mutter findet Mathilde
Erwähnung
in der Sachsengeschichte Widukinds
von Corvey, der wohl auch zum Verwandtschaftsumfeld
der Königin
Mathilde gezählt
werden muß. Die Abschiedsrede, die in der jüngeren
Mathildenvita
der sterbende König an seine Gattin richtet, ist sicherlich nicht
authentisch und somit auch nicht als Beleg für eine
glückliche
Ehe des Königspaares zu werten: wir wissen ja nichts über die
Gefühle der Menschen, die im frühen und im hohen Mittelalter
gelebt haben. In den Königs-Urkunden HEINRICHS
I. interveniert
Mathilde
sechs
mal: die Empfänger stammen fast immer aus kirchlichen
Kreisen
und ebenso fast immer aus Westfalen.
Aus zwei Diplomen kennen wir die
Witwenausstattung der
Königin
Mathilde:
Besitz in Quedlinburg, Pöhlde, Nordhausen, Duderstadt
und Grona, der ihr nach dem Tod ihres Gemahls ein
standesgemäßes
Leben ermöglichen sollte.
In der Forschung wird auf die Einflußnahme
der
Königin
Mathilde die Erhebung des
Erzbischofs Robert von
Trier († 956)
im Jahr 931 zurückgeführt. Robert galt seit den
"Jahrbüchern
des Deutschen Reiches unter König Heinrich I." von Georg Waitz als
ein Bruder der Königin
Mathilde.
Dieses gesichert erscheinende Wissen ist durch neueste Untersuchungen
von
Johanna Maria van Winter und Eduard Hlawitschka als falsch erwiesen
worden:
Robert war kein Bruder
der Königin
Mathilde.
Somit entfällt auch die Vermutung, die Gemahlin
HEINRICHS
I. habe bei der Neubesetzung des Trierer Bischofsstuhles im
Jahr 931 ihren Einfluß auf ihren Gatten geltend gemacht.
4. Mathilde und die Regelung der
Thronfolge
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Nach dem Tod ihres Gatten soll die Königin
Mathilde versucht haben, die Wahl der Fürsten auf den
jüngeren
Sohn, auf Heinrich zu lenken. Dies
ist uns aus der jüngeren Vita der Königin
Mathilde und aus der Chronik des Thietmars von Merseburg
bekannt,
doch trotz dieser (scheinbaren) Doppelüberlieferung nicht als
historisches
Wissen gesichert. Der Bericht Thietmars
ist wahrscheinlich von der jüngeren
Mathildenvita abhängig; diese zeigt aber eine starke panegyrische
Tendenz für die bayerische
Linie der LIUDOLFINGER,
deren Stammvater der jüngere Heinrich
ist, der somit im Zentrum des Berichtes des Vitenverfassers steht. Auf
den Problemkomplex einer eventuellen Kandidatur Heinrichs
und der potentiellen Einflußnahme der Königin
Mathilde für diesen ihren Lieblingssohn werden wir unten
bei der Person Heinrichs, des Bruders
OTTOS
I., ausführlich zu sprechen kommen. In diesem Zusammenhang
mit unserer Darstellung der
Königin Mathilde
sei allerdings auf die Interpretation der Vorgänge um den
Thronwechsel
936 hingewiesen, die Martin Lintzel in dem "Westfälischen
Lebensbild"
der Königin Mathilde vorgetragen
hat. Lintzel meint, Mathilde sei sehr
stolz gewesen und habe Freude an höfischem Prunk und
königlicher
Machtentfaltung gehabt. Daher habe sie in einem Königtum des
jüngeren
Sohnes Heinrich die Möglichkeit
gesehen, auch weiterhin eine einflußreiche Rolle bei einem erst
etwa
15-jährigen König Heinrich zu
spielen, was ihrer eigenen Veranlagung mehr entsprochen hätte als
die doch eher zurückgezogene Stellung, wie sie Mathilde
bei dem schon erwachsenen OTTO I.
erwartete.
Lintzel wird sich bei dieser Sicht der Dinge auf die Widukindstelle III
c. 74 beziehen, in der es heißt, Mathilde
sei sich ihrer königlichen Würde bewußt gewesen,
einer Interpretation, die sich mit den Versatzstücken aus den
Mathildenviten
noch farbiger hätte gestalten lassen, etwa mit dem Hinweis auf die
königlichen Kleider, die Mathilde
auch noch im Witwenstand gern getragen haben soll. Nach den neueren
Untersuchungen
über die Trägerschaft der "memoria" der LIUDOLFINGER-Familie,
die in den Händen der Königs-Mutter
lag, ist jedoch zu fragen,
ob wir aus der oben erwähnten Widukind-Stelle einen
"negativen" Charakterzug
der Königin Mathilde herauslesen
dürfen: Mathilde hatte auch als
Witwe eine wichtige Rolle im Rahmen der königlichen
Herrschaftslegitimation
zu erfüllen.
5. "Diva mater regis"
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Für die ersten Jahre der Regierungszeit König
OTTOS I. nimmt die Forschung gemeinhin eine Entfremdung
zwischen
König
OTTO und seiner Mutter, der Königin
Mathilde, an. Diese Vermutung stützt sich einerseits auf
die fehlenden Interventionen der
Königs-Mutter in den Diplomen OTTOS
I. bis zum Tod der Edgith,
andererseits auf die Nachricht der beiden Mathildenviten, es sei zu
einem
Zwiespalt zwischen Mutter und Sohn (bzw. Söhnen) gekommen, da Mathilde
ungeheure Summen an Schätzen an die Armen verschenkt habe. Die Königs-Mutter
habe sich daraufhin nach Enger auf ihr väterliches Erbe
zurückgezogen.
Gemäß der jeweiligen hagiographischen Tendenz der beiden
Viten
zeigt sich nun in der älteren Vita der Verlust des Glücks bei
König
OTTO, während die jüngere Vita die Demut der Königin
Mathilde in dieser Prüfung vor Augen führt.
Die Überlegungen zum historischen Gehalt
dieser
Episode konkretisiert Karl Leyser dahingehend, indem er darauf
aufmerksam
macht, dass nach Aussage beider Viten Edgith,
die Gemahlin OTTOS I., den Anstoß
für die Aussöhnung zwischen König und der Königs-Mutter
gegeben haben soll. Er vermutet daher eine der Ursachen für die
Verstimmung
in der königlichen Familie in der Rivalität zwischen
Schwieger-Tochter
und Schwieger-Mutter, die auch in dem Aufgabenbereich, der für die
Gemahlinnen der Adligen spezifisch ist, nämlich in der
Totenfürsorge,
miteinander konkurriert haben dürften. Da wir jedoch keine sichere
Entscheidung über den historischen Wahrheitsgehalt der Aussagen in
den Viten treffen können, enthalten wir uns hier einer Aussage.
Jedenfalls
wird Mathilde drei Tage nach dem Tod
der Königin Edgith in einer
Schenkung
für das Stift Quedlinburg "nostra
domina" genannt.
Die Königin Mathilde
findet in den folgenden Jahren nun auch in den historiographischen
Werken
außerhalb der Mathildenviten Erwähnung. Widukind schreibt nämlich
der Königs-Mutter und
ihrem Einfluß die Übertragung des
Herzogtums Bayern an Heinrich, den
Bruder OTTOS DES GROSSEN, zu:
dieser
Heinrich
soll ja nach der jüngeren Vita der Lieblings-Sohn Mathildes
gewesen sein: die Königs-Mutter
wird in diesem Bericht durch Widukind
als "sancta mater"
charakterisiert. In der Situation des Aufstandes Liudolfs,
die für die Königsherrschaft so außerordentlich
bedrohlich
war, sah sich OTTO I. nicht in der
Lage, die Osterfeier 953 wie vorgesehen in Aachen abhalten zu
können,
da dort keine Vorbereitungen, wie sie sich für einen König
gebührt
hätten, getroffen worden waren; als OTTO
aber durch seine Mutter in Dortmund empfangen wurde, gewann er durch
diese
Aufnahme die königliche Würde, die fast schon verloren
gegangen
schien, zurück. Die Königs-Mutter
Mathilde wird in dem Text Widukinds,
den wir eben paraphrasiert
haben, eng mit dem Begriff "patria"
verbunden, dem als Gegensatz "Francia"
gegenübergestellt wird; mit "Francia"
korrespondiert der Verlust der
königlichen Würde, während Mathilde
die Wiederherstellung des Königtums personifiziert. Nach dem Sieg
auf dem Lechfeld läßt
OTTO DER GROSSE
sofort seiner Mutter durch Boten die Nachricht von seinem Sieg
überbringen,
damit sie Dankgottesdienste in den Kirchen feiern lasse. Vor dem
zweiten
Italienzug, nach der Krönung des jungen
OTTO
II., weilt König OTTO DER GROSSE
bei seiner Mutter Mathilde:
vielleicht
wurde der Königs-Mutter
bei dieser Gelegenheit die Fürsorge für
den kleinen, soeben gekrönten Enkel übertragen, in
Gemeinschaft
mit Erzbischof Wilhelm von Mainz, der
als unehelicher Sohn König OTTOS ebenfalls
ein Enkel der Königin Mathilde war.
Die ältere Mathildenvita berichtet, die Stiftung des Klosters in
Nordhausen
sei von der Königin Mathilde als
Dank für die glückliche Wiederkehr ihres Sohnes OTTOS
DES GROSSEN aus Italien vorgenommen worden. Nach seiner
Rückkehr
aus Rom traf der neugekrönte Kaiser des Westens auf einem
Reichstag
zu Köln im Juni 965 mit seiner Familie und den Großen des
Reiches
zusammen. Ruotger
zeichnet ein Bild des Reiches, an deren Spitze die königliche
Familie steht: der "imperator" und
sein "germanus" Brun
treffen zusammen mit der "diva mater",
der "soror regina", den "nepotos
filiique reges". Und an Ehrwürde steht an der Spitze der
regierenden
Familie die Königin Mathilde,
die im Bild Ruotger
sakral überhöht ist. Dieses Bild der Königin
Mathilde ist sicher mitgeprägt von der wichtigsten Aufgabe,
die sie in der Zeit ihres Witwenstandes zu erfüllen hatte, der
Fürsorge
für das Totengedenken der LIUDOLFINGER.
6. Mathilde als Trägerin des
Totengedenkens
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Das Gedenken an die Toten war, wie wir aus der
Chronik
Thietmars von Merseburg
wissen, die bedeutungsvollste Aufgabe der adligen
Damen, insbesondere, wenn diese im Witwenstand lebten. Für die
kriegerischen
Männer ist die jeweilige Gemahlin
"vite...et animae diligens custodia",
die sich durch ihr Fasten, unermüdliches Gebet, durch Almosen und
die Stiftung von Messen um das Seelenheil des Gatten bemüht.
Gerdazu
beispielhaft auf diesem Gebiet ist die Königin
Mathilde:
die Gründung des Kanonissinnen-Stiftes in Quedlinburg
war motiviert durch die Pflege des Gedenkens an den verstorbenen
Gatten.
Die Witwe sorgte sich um die Feier der liturgischen
Gedächtnistage:
die Octav, der Tricesimus und der Anniversarius wurden mit einem
ungeheueren
Aufwand begangen. Mathildes Rolle im
Totengedenken der LIUDOLFINGER-Familie
ist uns nicht nur durch den nach der Jahrtausendwende schreibenden Thietmar,
sondern auch durch den Bericht Liutprands
von Cremona bezeugt. Auf dieser
Basis erzählender Quellen können die Nachrichten der
Mathildenviten
in ihrer Glaubwürdigkeit neu bewertet werden:
der ältere Biograph
berichtet, die Königs-Mutter habe,
als sie ihren Tod herannahen fühlte,
ihre Enkelin gleichen Namens (die als künftige Äbtissin von
Quedlinburg
vorgesehen war) zu sich kommen zu lassen, ihr letzte Ermahnungen
erteilt,
ein "computarium, in quoerant nomina
procerum scripta defunctorum" übergeben
und ihr damit die Fürsorge für das Gedächtnis an die
verstorbenen
Angehörigen übertragen. Aus weiteren Überlegungen zur
Bedeutung
und Ausübung des Totengedenkens, die hier nicht im einzelnen
referiert
werden können, läßt sich der Schluß ziehen,
daß
die Königin Mathilde die gesamte
Gedächtnisverpflichtungen der ottonischen
Familie übernommen hatte.
Diese Aufgabe wurde nun der Enkelin Mathilde
übertragen,
und damit war die Kontinuität gesichert, die auch durch die
Einrichtung
des Stiftes in Quedlinburg garantiert wurde. Neben der Funktion, eine
Institution
für das Totengedenken zu sein, erfüllte Quedlinburg die
Aufgabe,
dem Glauben an den Rang und die Sendung des liudolfingischen
Geschlechts
Ausdruck zu verleihen. Hierzu gehörte eine angemessene Ausstattung
mit repräsentativen Bauten und dem notwendigen Besitz, der den
Stiftsbewohnern
die Mildtätigkeit, aber auch ein ranggemäßes Leben
ermöglichen
sollte. Quedlinburg wurde daneben auch eine der wichtigsten Pfalzen der
OTTONEN,
ein "locus...nunc in Saxonum regno
propter regalis sedis honorem sublimis
et famosus"; an diesem Ort pflegten die OTTONEN-Kaiser,
wenn sie in Sachsen weilten, Ostern zu feiern, und diese Osterfeiern
waren
immer mit großen Reichsversammlungen verbunden. Die Königin
Mathilde war diejenige Person aus der ottonischen Familie, die
nun während der Abwesenheit OTTOS DES
GROSSEN
diese Rolle Quedlinburgs dort einrichtete, überwachte und
personifizierte.
Etwa um 950 gründete die Königin
Mathilde in Pöhlde ein Benediktinerkloster und 961 als
Bitte um eine glückliche Rückkehr ihres Sohnes vom zweiten
Italienzug
ein weiteres Kanonissinnenstift in Nordhausen. Beide Orte lagen auf
altem
liudolfingischen
Gut und stützten sich auf eine bereits vorhandene Burg. Auch diese
Gründungen in Pöhlde und Nordhausen dürften aus dem
Motiv,
durch das Verrichten guter Taten in Stellvertreterfunktion zu bessern,
eingerichtet worden sein. Doch weder Pöhlde noch Nordhausen
erreichten
die zentrale Stellung Quedlinburgs in der Memoria und der
Herrschaftslegitimation
der OTTONEN-Dynastie.
7. Zusammenfassende Würdigung der
Königin
Mathilde
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Die Heirat mit Mathilde,
der Tochter
Dietrichs aus dem Stamme Widukinds, hatte Heinrich,
dem Sohn des Sachsen-Herzogs, den verwandtschaftlichen Konnex mit der
Gruppe
der Nachfahren Widukinds
gebracht und wohl zusätzlich eine bessere
Legitimation für die liudolfingische
Herrschaft im westfälischen Teil Sachsens. Über die Stellung
Mathildes
als Königin an der Seite
HEINRICHS I. ist
so gut wie nichts bekannt. Nach dem Tode ihres Gemahls erreichte sie
als
Mutter des regierenden Königs eine sakrale Würde als Seniorin
der königlichen Familie und als Trägerin der Memoria der LIUDOLFINGER.