Glocker Winfrid: Seite 7-18
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"Die Verwandten der Ottonen und ihre Bedeutung in der Politik"

Heinrich, der Sohn des Sachsen-Herzogs Otto des Erlauchten, heiratete im Jahr 909 zum zweiten Mal:
seine Braut Mathilde stammte aus der "stirps magni ducis Widukindi" und war die Tochter des Grafen Dietrich und der Reinhilde. Um Mathilde überhaupt ehelichen zu können, mußte sich Heinrich erst von seiner ersten Gemahlin Hatheburg trennen, und er tat dies, obwohl er mit dieser einen Sohn, Thankmar, hatte. Durch die Trennung seiner Eltern sollte Thankmar später in den Ruch der Illegitimität gleiten.

1. Zum Problem der Mathildenviten
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Wir sind über die Königin Mathilde, die zweite Gemahlin König HEINRICHS I., durch die verschiedenen historiographischen Werke der OTTONEN-Zeit unterrichtet. Neben diesen Quellen mit dem Ziel der historischen Belehrung gibt es aber gerade für die Königin Mathilde zwei Lebensbeschreibungen, in denen die ältere Forschung eine Fundgrube für detaillierte Informationen vermutete, und so, auf diese Viten aufbauend, das Leben Mathildes plastisch darstellen zu können vermeinte. Als Beispiel sei auf die kritiklose Übernahme der Geschichte der Werbung um die junge Mathilde verwiesen, die die ältere Lebensbeschreibung die Eltern des ebenfalls noch als jung geschilderten Heinrich - der in Wirklichkeit die 30 bereits einige Zeit überschritten hatte - vornehmen läßt; diese Erzählung erinnert stark an die ähnlichen Schemata der hochmittelalterlichen Spielmannsepen.
Allerdings sind wir trotz der eben angedeuteten Kritik, die man bei der Lektüre anwenden muß, für wichtige Vorgänge im Leben der Königin Mathilde allein auf die Informationen angewiesen, die uns die hagiographischen Viten überliefert haben. Wir gehen daher kurz auf die Literaturgattung ein und berücksichtigen besonders unsere Mathildeviten. Beide Lebensbeschreibungen sind in Nordhausen entstanden, also in der Lieblingsstiftung der Königin Mathilde, so daß durchaus gute Nachrichten in diese Quellen Eingang gefunden haben können. Die ältere der beiden Viten entstand um 975 im Auftrag OTTOS II., die jüngere in der Zeit Kaiser HEINRICHS II.:
diese wurde gegenüber ihrer Vorgängerin in vielem erweitert, um den bayerischen Zweig der LIUDOLFINGER-Familie, dem HEINRICH II. entstammte, zu verherrlichen. So schätzte Robert Holtzmann in dem Standardwerk "Deutschlands Geschichtsquellen im Mittelalter" den Quellenwert für eine Rekonstruktion des Faktenablaufs als recht gering ein und kritisierte "den inneren Gehalt und den geschichtlichen Sinn ihrer Verfasser" als mangelhaft. Martin Lintzel listete eine Anzahl verläßlicher bzw. mit Sicherheit erfundener Nachrichten auf und warnte zugleich davor, mit den Maßstäben eines modernen Historikers Kritik im Sinne Holtzmanns zu üben, da man ansonsten die gesamte Geschichtsschreibung im 10. Jahrhundert verwerfen müsse, nicht nur die Mathildenviten.

Die Münchener Dissertation von Maria Stoeckle erarbeitet, fußend auf der Neubewertung der hagiographischen Werke in den 30-er Jahren des 20. Jahrhunderts, ein Schema für die Heiligenviten des frühen Mittelalters. Die Figuren werden statisch gezeichnet:
Dynamik als Krisis dient nur zur Bestätigung des ursprünglichen Wohlgefallens Gottes. Wunder, Askese und virginitas gehen mit nobilitas, fanma und largitas, den Werten der germanischen Adelsethik, eine Verbindung zur Vita des Adelsheiligen ein.
Die beiden Mathildenviten lassen sich nach Stoeckle wie folgt differenzieren:
während die ältere Vita die Königin Mathilde als die Personifikation des Glücks der OTTONEN-Dynastie darstellt - dieses Glück spiegelt sich in den Höhepunkten des irdischen Königtums: der Eheschließung, der Geburt der Enkel, dem Kölner Pfingstfest und dem Tod wider -, setzt die jüngere Mathildenvita nicht mehr die sichtbaren Erfolge der  OTTONEN als Wertmesser an, sondern das Erdulden jener Prüfungen, die dem jüngeren Sohn Heinrich und seiner Mutter als Zeichen der Begnadung widerfahren; zum Teil liegt diese Akzentverlagerung in der schon früher erkannten Tendenz der jüngeren Vita, die Vorzüge der Sekundogenitur der LIUDOLFINGER, die mit Heinrich von Bayern beginnt und mit Kaiser HEINRICH II. die deutsche Königswürde errungen hat, besonders herauszustellen. Ergänzt wird diese Tendenz durch das Bemühen des Vitenverfassers, das besondere Wohlgefallen der hochgefeierten Ahnin gerade für den jüngeren Sohn zu verifizieren.

Allerdings läßt sich eine derartige Topik, wie eben angedeutet, gerade in der Figur der Königin Mathilde besonders gut zu einer Heiligenvita verarbeiten, da die Tendenz einer solchen hagiographischen Lebensbeschreibung von vornherein mit wesentlichen Aspekten der historischen Rolle der Königin Mathilde in Einklang steht.

2. Die Heirat Heinrichs mit Mathilde
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Wie wir aus Thietmar wissen, trennte sich Heinrich, der Sohn des Sachsen-Herzogs Otto des Erlauchten, nach einigen Jahren von seiner ersten Gemahlin Hatheburg. Als Motiv für diese Trennung gibt Thietmar an, Mathilde, auf die Heinrichs Auge nun gefallen war, habe sich sowohl durch "pulchritudo" als auch durch "res" ausgezeichnet. Doch in der Forschung ist es umstritten, ob Mathilde wirklich einen derartig reichen Besitz in ihre Ehe einbrachte, wie dies Thietmar als eines der beiden Motive angibt. Albert Hömberg, einer der besten Kenner der meist nur nebulös erfaßbaren Verhältnisse der sächsischen Grafen-Familien des 9. und 10. Jahrhunderts, warnt davor, eine derartige Motivation überzubewerten. Die WIDUKIND-Sippe, so Hömberg, habe politisch nur mehr eine untergeordnete Rolle gespielt:
Mathilde
dürfte daher keine allzugroße Mitgift bekommen haben. Das entscheidende Motiv Heinrichs für die Ehe mit Mathilde sieht Hömberg dagegen mit Recht in dem auf diese Weise bewerkstelligten Anschluß der LIUDOLFINGER an die Verwandtengruppe der Nachfahren Widukinds, die sich im sächsischen Volk immer noch einer großen Beliebtheit erfreut hätten. Diese Verwandtengruppe zeichnete sich, wie Karl Schmid gezeigt hat, trotz einer diffusen und daher heute nicht mehr aufzuklärenden Abstammung vom charismatischen Führer der Sachsen in deren Kampf gegen KARL DEN GROSSEN durch ein starkes Herkunftsbewußtsein aus. In diesem Zusammenhang können wir noch ein weiteres Motiv, das in der Forschung vermutet wurde, einordnen: die Heirat könnte auch dazu gedient haben, in Westfalen, dem Bereich Sachsens, in dem die Anerkennung Ottos des Erlauchten als Herzog noch nicht so gesichert gewesen zu sein scheint wie im Machtzentrum der LIUDOLFINGER am Harz, eine zusätzliche Legitimation für die künftige Herzogs-Herrschaft der LIUDOLFINGER zu erwerben.

3. Mathilde als Königin
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Über die Zeit der Königin Mathilde, die sie an der Seite ihres Gemahls, des Herzogs und Königs HEINRICH, verbrachte, über ihre Rolle am Hof, über ihren eventuellen Einfluß auf ihren Gatten etc. wissen wir so gut wie nichts.
Das Paar hatte fünf Kinder:
als Mutter findet Mathilde Erwähnung in der Sachsengeschichte Widukinds von Corvey, der wohl auch zum Verwandtschaftsumfeld der Königin Mathilde gezählt werden muß. Die Abschiedsrede, die in der jüngeren Mathildenvita der sterbende König an seine Gattin richtet, ist sicherlich nicht authentisch und somit auch nicht als Beleg für eine glückliche Ehe des Königspaares zu werten: wir wissen ja nichts über die Gefühle der Menschen, die im frühen und im hohen Mittelalter gelebt haben. In den Königs-Urkunden HEINRICHS I. interveniert Mathilde sechs mal: die Empfänger stammen fast immer aus kirchlichen Kreisen und ebenso fast immer aus Westfalen.

Aus zwei Diplomen kennen wir die Witwenausstattung der Königin Mathilde:
Besitz in Quedlinburg, Pöhlde, Nordhausen, Duderstadt und Grona, der ihr nach dem Tod ihres Gemahls ein standesgemäßes Leben ermöglichen sollte.

In der Forschung wird auf die Einflußnahme der Königin Mathilde die Erhebung des Erzbischofs Robert von Trier ( 956) im Jahr 931 zurückgeführt. Robert galt seit den "Jahrbüchern des Deutschen Reiches unter König Heinrich I." von Georg Waitz als ein Bruder der Königin
Mathilde
. Dieses gesichert erscheinende Wissen ist durch neueste Untersuchungen von Johanna Maria van Winter und Eduard Hlawitschka als falsch erwiesen worden: Robert war kein Bruder der Königin Mathilde. Somit entfällt auch die Vermutung, die Gemahlin HEINRICHS I. habe bei der Neubesetzung des Trierer Bischofsstuhles im Jahr 931 ihren Einfluß auf ihren Gatten geltend gemacht.

4. Mathilde und die Regelung der Thronfolge
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Nach dem Tod ihres Gatten soll die Königin Mathilde versucht haben, die Wahl der Fürsten auf den jüngeren Sohn, auf Heinrich zu lenken. Dies ist uns aus der jüngeren Vita der Königin Mathilde und aus der Chronik des Thietmars von Merseburg bekannt, doch trotz dieser (scheinbaren) Doppelüberlieferung nicht als historisches Wissen gesichert. Der Bericht Thietmars ist wahrscheinlich von der jüngeren Mathildenvita abhängig; diese zeigt aber eine starke panegyrische Tendenz für die bayerische Linie der LIUDOLFINGER, deren Stammvater der jüngere Heinrich ist, der somit im Zentrum des Berichtes des Vitenverfassers steht. Auf den Problemkomplex einer eventuellen Kandidatur Heinrichs und der potentiellen Einflußnahme der Königin Mathilde für diesen ihren Lieblingssohn werden wir unten bei der Person Heinrichs, des Bruders OTTOS I., ausführlich zu sprechen kommen. In diesem Zusammenhang mit unserer Darstellung der Königin Mathilde sei allerdings auf die Interpretation der Vorgänge um den Thronwechsel 936 hingewiesen, die Martin Lintzel in dem "Westfälischen Lebensbild" der Königin Mathilde vorgetragen hat. Lintzel meint, Mathilde sei sehr stolz gewesen und habe Freude an höfischem Prunk und königlicher Machtentfaltung gehabt. Daher habe sie in einem Königtum des jüngeren Sohnes Heinrich die Möglichkeit gesehen, auch weiterhin eine einflußreiche Rolle bei einem erst etwa 15-jährigen König Heinrich zu spielen, was ihrer eigenen Veranlagung mehr entsprochen hätte als die doch eher zurückgezogene Stellung, wie sie Mathilde bei dem schon erwachsenen OTTO I. erwartete. Lintzel wird sich bei dieser Sicht der Dinge auf die Widukindstelle III c. 74 beziehen, in der es heißt, Mathilde sei sich ihrer königlichen Würde bewußt gewesen, einer Interpretation, die sich mit den Versatzstücken aus den Mathildenviten noch farbiger hätte gestalten lassen, etwa mit dem Hinweis auf die königlichen Kleider, die Mathilde auch noch im Witwenstand gern getragen haben soll. Nach den neueren Untersuchungen über die Trägerschaft der "memoria" der LIUDOLFINGER-Familie, die in den Händen der Königs-Mutter lag, ist jedoch zu fragen, ob wir aus der oben erwähnten Widukind-Stelle einen "negativen" Charakterzug der Königin Mathilde herauslesen dürfen: Mathilde hatte auch als Witwe eine wichtige Rolle im Rahmen der königlichen Herrschaftslegitimation zu erfüllen.

5. "Diva mater regis"
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Für die ersten Jahre der Regierungszeit König OTTOS I. nimmt die Forschung gemeinhin eine Entfremdung zwischen König OTTO und seiner Mutter, der Königin Mathilde, an. Diese Vermutung stützt sich einerseits auf die fehlenden Interventionen der Königs-Mutter in den Diplomen OTTOS I. bis zum Tod der Edgith, andererseits auf die Nachricht der beiden Mathildenviten, es sei zu einem Zwiespalt zwischen Mutter und Sohn (bzw. Söhnen) gekommen, da Mathilde ungeheure Summen an Schätzen an die Armen verschenkt habe. Die Königs-Mutter habe sich daraufhin nach Enger auf ihr väterliches Erbe zurückgezogen. Gemäß der jeweiligen hagiographischen Tendenz der beiden Viten zeigt sich nun in der älteren Vita der Verlust des Glücks bei König OTTO, während die jüngere Vita die Demut der Königin Mathilde in dieser Prüfung vor Augen führt.
Die Überlegungen zum historischen Gehalt dieser Episode konkretisiert Karl Leyser dahingehend, indem er darauf aufmerksam macht, dass nach Aussage beider Viten Edgith, die Gemahlin OTTOS I., den Anstoß für die Aussöhnung zwischen König und der Königs-Mutter gegeben haben soll. Er vermutet daher eine der Ursachen für die Verstimmung in der königlichen Familie in der Rivalität zwischen Schwieger-Tochter und Schwieger-Mutter, die auch in dem Aufgabenbereich, der für die Gemahlinnen der Adligen spezifisch ist, nämlich in der Totenfürsorge, miteinander konkurriert haben dürften. Da wir jedoch keine sichere Entscheidung über den historischen Wahrheitsgehalt der Aussagen in den Viten treffen können, enthalten wir uns hier einer Aussage. Jedenfalls wird Mathilde drei Tage nach dem Tod der Königin Edgith in einer Schenkung für das Stift Quedlinburg "nostra domina" genannt.
Die Königin Mathilde findet in den folgenden Jahren nun auch in den historiographischen Werken außerhalb der Mathildenviten Erwähnung. Widukind schreibt nämlich der Königs-Mutter und ihrem Einfluß die Übertragung des Herzogtums Bayern an Heinrich, den Bruder OTTOS DES GROSSEN, zu:
dieser Heinrich soll ja nach der jüngeren Vita der Lieblings-Sohn Mathildes gewesen sein: die Königs-Mutter wird in diesem Bericht durch Widukind als "sancta mater" charakterisiert. In der Situation des Aufstandes Liudolfs, die für die Königsherrschaft so außerordentlich bedrohlich war, sah sich OTTO I. nicht in der Lage, die Osterfeier 953 wie vorgesehen in Aachen abhalten zu können, da dort keine Vorbereitungen, wie sie sich für einen König gebührt hätten, getroffen worden waren; als OTTO aber durch seine Mutter in Dortmund empfangen wurde, gewann er durch diese Aufnahme die königliche Würde, die fast schon verloren gegangen schien, zurück. Die Königs-Mutter Mathilde wird in dem Text Widukinds, den wir eben paraphrasiert haben, eng mit dem Begriff "patria" verbunden, dem als Gegensatz "Francia" gegenübergestellt wird; mit "Francia" korrespondiert der Verlust der königlichen Würde, während Mathilde die Wiederherstellung des Königtums personifiziert. Nach dem Sieg auf dem Lechfeld läßt OTTO DER GROSSE sofort seiner Mutter durch Boten die Nachricht von seinem Sieg überbringen, damit sie Dankgottesdienste in den Kirchen feiern lasse. Vor dem zweiten Italienzug, nach der Krönung des jungen OTTO II., weilt
König OTTO DER GROSSE bei seiner Mutter Mathilde:
vielleicht wurde der Königs-Mutter bei dieser Gelegenheit die Fürsorge für den kleinen, soeben gekrönten Enkel übertragen, in Gemeinschaft mit Erzbischof Wilhelm von Mainz, der als unehelicher Sohn
König OTTOS ebenfalls ein Enkel der Königin Mathilde war. Die ältere Mathildenvita berichtet, die Stiftung des Klosters in Nordhausen sei von der Königin Mathilde als Dank für die glückliche Wiederkehr ihres Sohnes OTTOS DES GROSSEN aus Italien vorgenommen worden. Nach seiner Rückkehr aus Rom traf der neugekrönte Kaiser des Westens auf einem Reichstag zu Köln im Juni 965 mit seiner Familie und den Großen des Reiches zusammen. Ruotger zeichnet ein Bild des Reiches, an deren Spitze die königliche Familie steht: der "imperator" und sein "germanus" Brun treffen zusammen mit der "diva mater", der "soror regina", den "nepotos filiique reges". Und an Ehrwürde steht an der Spitze der regierenden Familie die Königin Mathilde, die im Bild Ruotger sakral überhöht ist. Dieses Bild der Königin Mathilde ist sicher mitgeprägt von der wichtigsten Aufgabe, die sie in der Zeit ihres Witwenstandes zu erfüllen hatte, der Fürsorge für das Totengedenken der LIUDOLFINGER.

6. Mathilde als Trägerin des Totengedenkens
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Das Gedenken an die Toten war, wie wir aus der Chronik Thietmars von Merseburg wissen, die bedeutungsvollste Aufgabe der adligen Damen, insbesondere, wenn diese im Witwenstand lebten. Für die kriegerischen Männer ist die jeweilige Gemahlin "vite...et animae diligens custodia", die sich durch ihr Fasten, unermüdliches Gebet, durch Almosen und die Stiftung von Messen um das Seelenheil des Gatten bemüht. Gerdazu beispielhaft auf diesem Gebiet ist die Königin Mathilde:
die Gründung des Kanonissinnen-Stiftes in Quedlinburg war motiviert durch die Pflege des Gedenkens an den verstorbenen Gatten. Die Witwe sorgte sich um die Feier der liturgischen Gedächtnistage: die Octav, der Tricesimus und der Anniversarius wurden mit einem ungeheueren Aufwand begangen. Mathildes Rolle im Totengedenken der LIUDOLFINGER-Familie ist uns nicht nur durch den nach der Jahrtausendwende schreibenden Thietmar, sondern auch durch den Bericht Liutprands von Cremona bezeugt. Auf dieser Basis erzählender Quellen können die Nachrichten der Mathildenviten in ihrer Glaubwürdigkeit neu bewertet werden:
der ältere Biograph berichtet, die Königs-Mutter habe, als sie ihren Tod herannahen fühlte, ihre Enkelin gleichen Namens (die als künftige Äbtissin von Quedlinburg vorgesehen war) zu sich kommen zu lassen, ihr letzte Ermahnungen erteilt, ein "computarium, in quoerant nomina procerum scripta defunctorum" übergeben und ihr damit die Fürsorge für das Gedächtnis an die verstorbenen Angehörigen übertragen. Aus weiteren Überlegungen zur Bedeutung und Ausübung des Totengedenkens, die hier nicht im einzelnen referiert werden können, läßt sich der Schluß ziehen, daß die
Königin Mathilde die gesamte Gedächtnisverpflichtungen der ottonischen Familie übernommen hatte. Diese Aufgabe wurde nun der Enkelin Mathilde übertragen, und damit war die Kontinuität gesichert, die auch durch die Einrichtung des Stiftes in Quedlinburg garantiert wurde. Neben der Funktion, eine Institution für das Totengedenken zu sein, erfüllte Quedlinburg die Aufgabe, dem Glauben an den Rang und die Sendung des liudolfingischen Geschlechts Ausdruck zu verleihen. Hierzu gehörte eine angemessene Ausstattung mit repräsentativen Bauten und dem notwendigen Besitz, der den Stiftsbewohnern die Mildtätigkeit, aber auch ein ranggemäßes Leben ermöglichen sollte. Quedlinburg wurde daneben auch eine der wichtigsten Pfalzen der OTTONEN, ein "locus...nunc in Saxonum regno propter regalis sedis honorem sublimis et famosus"; an diesem Ort pflegten die OTTONEN-Kaiser, wenn sie in Sachsen weilten, Ostern zu feiern, und diese Osterfeiern waren immer mit großen Reichsversammlungen verbunden. Die Königin Mathilde war diejenige Person aus der ottonischen Familie, die nun während der Abwesenheit OTTOS DES GROSSEN diese Rolle Quedlinburgs dort einrichtete, überwachte und personifizierte.
Etwa um 950 gründete die Königin Mathilde in Pöhlde ein Benediktinerkloster und 961 als Bitte um eine glückliche Rückkehr ihres Sohnes vom zweiten Italienzug ein weiteres Kanonissinnenstift in Nordhausen. Beide Orte lagen auf altem liudolfingischen Gut und stützten sich auf eine bereits vorhandene Burg. Auch diese Gründungen in Pöhlde und Nordhausen dürften aus dem Motiv, durch das Verrichten guter Taten in Stellvertreterfunktion zu bessern, eingerichtet worden sein. Doch weder Pöhlde noch Nordhausen erreichten die zentrale Stellung Quedlinburgs in der Memoria und der Herrschaftslegitimation der OTTONEN-Dynastie.

7. Zusammenfassende Würdigung der Königin Mathilde
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Die Heirat mit Mathilde, der Tochter Dietrichs aus dem Stamme Widukinds, hatte Heinrich, dem Sohn des Sachsen-Herzogs, den verwandtschaftlichen Konnex mit der Gruppe der Nachfahren Widukinds gebracht und wohl zusätzlich eine bessere Legitimation für die liudolfingische Herrschaft im westfälischen Teil Sachsens. Über die Stellung Mathildes als Königin an der Seite HEINRICHS I. ist so gut wie nichts bekannt. Nach dem Tode ihres Gemahls erreichte sie als Mutter des regierenden Königs eine sakrale Würde als Seniorin der königlichen Familie und als Trägerin der Memoria der LIUDOLFINGER.