Stalin Paul Ferdinand: Seite 298-306
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"Geschichte Württembergs"

Schon im Juni 1235 hatte Kaiser FRIEDRICH von seinem Herzogtum Schwaben gesprochen, somit auch die Verwaltung des Landes wieder selbst in die Hand genommen. Allerdings nur für kurze Zeit, denn bereits am 24. Juli des folgenden Jahres zog er zur Bekämpfung der Lombarden nach Italien. Er ließ seinen zweiten Sohn Konrad, welchen ihm seine zweiten Gemahlin Isabelle (Jolanthe), Tochter Johanns, Grafen von Brienne,
Königs von Jerusalem
, den 26. April 1228 zu Andria geboren, in Deutschland zurück und bekleidete ihn mit einer im einzelnen nicht näher bekannten Machtvollkommenheit. Auch wußte er bei den Fürsten, welche sich aus Anlaß der Bekämpfung Herzog Friedrichs von Österreich zu Wien in großer Anzahl um ihn geschart hatten, gegen Ende Februar 1237 die einstimmige Erwählung Konrads zum römischen Könige zu erreichen und bewirkte den 7. Juni des Jahres zu Speier eine nochmalige Bestätigung dieser Wahl.

Von einer ausdrücklichen Ernennung König KONRADS IV. zum Herzoge von Schwaben ist nirgends die Rede und auch die in Wien versammelten Fürsten bezeichneten ihn in ihrer Wahlurkunde bloß als Erben des Königreichs Jerusalem. Allein wie er Deutschland überhaupt während der Abwesenheit seines Vaters in des letzteren Namen verwalten sollte, so war ihm auch das angestammte Herzogtum Schwaben untergeben, weshalb ihn in der Folge nicht nur die Gegen-Könige HEINRICH RASPE sowohl als WILHELM dieses Herzogtums entsetzten, sondern auch seine Gemahlin Elisabeth sich bei ihrem Witwenstande urkundlich Königin von Jerusalem und Sizilien, Herzogin von Schwaben nannte.
Im August des Jahres 1237 sammelte der Kaiser zu Augsburg sein hauptsächlich aus Süddeutschen bestehendes Heer zum erneuten Kampfe gegen die Lombarden und verließ im folgenden Monate Deutschland. Er sollte das Land seiner Väter, wie ziemlich sicher anzunehmen ist, nicht wiedersehen. Vor seinem Aufbruch ernannte er für den 9-jährigen KONRAD, wie früher für dessen Halb-Bruder HEINRICH, eine Regentschaft. An ihrer Spitze stand als Reichsprokurator der Erzbischof Siegfried von Mainz, und nachdem dieser zum Verräter an der kaiserlichen Sache geworden, wenngleich nicht mehr mit demselben Umfange von Befugnissen, der Landgraf Heinrich Raspe von Thüringen. Die eigentliche Erziehung und Leitung KONRADS dürfte aber wieder schwäbischen und fränkischen Herren zugefallen sein und es werden in der Folge namentlich der dem staufischen Hause so treu ergebene Gottfried von Hohenlohe, Schenk Konrad von Winterstetten, welcher sich wohl von HEINRICHS Empörung ferne gehalten hatte, auch Konrad von Schmiedelfeld, Schenk Walter von Limpurg, Schenk Konrad von Schmalneck als Mitglieder von KONRADS Geheimen Rate genannt. Für die Entwicklung dieses Sohnes, den er besonders zärtlich liebte, war der Kaiser, so weit sich hierfür überhaupt aus der Ferne wirken ließ, aufs sorgfältigste bedacht, aber auch KONRAD entsprach des Vaters Erwartungen nicht immer. Er begann frühe sich dem Trunke zu ergeben und sammelte eine Schar von Schmeichlern und Verführern um sich, so dass sein Vater sich veranlaßt sah, deren sofortige Entfernung und Bestrafung anzuordnen, dem Sohne selbst aber sodann in beweglichen Worten den Spiegel eines tüchtigen Regenten vor die Seele zu halten.
Der junge König wurde schon im Jahre 1235 mit einer Tochter Herzog Ottos des Erlauchten von Bayern verlobt und hielt sich in den nächsten Jahren auf schwäbischen und benachbarten Pfalzen, zum Beispiel Biberach, Gmünd, Hall, Ulm auf. Als Deutschlands Gauen der furchtbare Angriff der Mongolen drohte, erließ er mit Rat der Fürsten im Frühjahr 1241 zu Eßlingen Verordnungen wegen eines Landfriedens. Er nahm daselbst an Pfingsten (19. Mai) zur Verteidigung des Reiches diesseits der Alpen mit den Fürsten das Kreuz bis Martini, wenn nötig, auch für längere Zeit, und bestimmte, dass die Heeresversammlung am 1. Juli zu Nürnberg stattfinden solle. Manche schwäbische Herren, wie Graf Ludwig von Spitzenberg, Albert von Altbach, trafen in Aussicht auf diesen schweren Kampf Verfügungen über ihre Habe, und der Kaiser schrieb am 20. Juni von der Belagerung Spoletos aus wegen der Maßnahmen gegen diese Feinde an die Grafen, Freien und alle Dienstmannen Schwabens. Das Reichsheer marschierte jedoch nicht mehr aus, weil die Mongolen sich zurückzogen. Wohl aber entbrannten in den folgenden Jahren Kämpfe in Schwaben selbst. So geriet Graf Wilhelm von Tübingen im Jahre 1243 mit Gegnern, deren Namen uns nicht erhalten sind, in Streit; er fand Unterstützung bei dem Bischofe Heinrich von Konstanz, dem Abte Walter von St. Gallen, dem Grafen Friedrich von Zollern, dem Truchsessen Otto Berchtold von Waldburg, und überließ dem Bischof für seine Hilfe die Vogtei über Kloster Marchthal. Letzterer kampeslustiger Kirchenfürst erfocht selbst im Jahre 1245 einen Sieg über die Herren Gottfried und Heinrich von Neuffen im Swiggersthal und beschenkte zum Dank für sein Glück die Marchthaler Marienkapelle zu Reutlingen mit allerlei Rechten. - Auch in den nördlicheren Gegenden führten längere Fehden zur Zerstörung des Stifts Backnang am 26. März 1235 und zur Tötung des dortigen Probstes mit vielen Chorherren; allein die Markgrafen Hermann VI. und Rudolf I. von Baden, die Schirmvögte des Stifts, brachten am 26. Juni 1246 ihren Feinden, besonders aber dem Pfalzgrafen Rudolf von Tübingen-Asperg und dem Grafen Burchard III. von Hohenberg, eine entscheidende Niederlage bei, worauf sie einem Gelübde gemäß das Stift wiederherstellten.
Inzwischen traf den Kaiser FRIEDRICH aus Anlaß seines Kampfes mit den Lombarden am 20. März 1239 der Bannstrahl Papst Gregors IX. und es reihten sich hieran alsbald auch in Deutschland, zunächst am Rhein, Umtriebe und Kämpfe gegen das staufische Haus. Ein hervorragender Wühler im päpstlichen Interesse, der Passauer Archidiakonus und päpstliche Nuntius Albrecht, aus dem Geschlechte der Behaim von Kager, wollte über eine Reihe namentlich schwäbischer Städte, so Hall, Gmünd, Ulm, den Bann verhängt wissen, weil sie dem Kaiser nach Italien Kriegsmannschaft geschickt hatten. Auch gewann er die Grafen Rudolf und Berchtold von Urach, sowie die Gebrüder von Neuffen, und bezeichnete dem Papste Heinrich von Neuffen als einen für die Zwecke der Kirche ganz besonders tüchtigen Mann, namentlich als geschickten Unterhändler mit Frankreich. Anderseits hatte jedoch auch FRIEDRICH sich mancher treuen Anhänger in unseren Gegenden zu erfreuen. So kam im Frühjahr 1244 Konrad von Hohenlohe mit dem Bischofe Heinrich von Bamberg im Auftrag der deutschen Fürsten zu ihm nach Italien, um ihm die dringende Notwendigkeit der Beilegung des Zwiespaltes nahe zu legen, und auf dem Hoftage, welchen FRIEDRICH um Pfingsten 1245 zu Verona hielt, erschienen mit dem König KONRAD von oberdeutschen Herren der Abt von Ellwangen, Graf Ludwig von Helfenstein, der Deutschordens-Meister Heinrich von Hohenlohe mit seinen älteren Brüdern Gottfried und Konrad, Albrecht von Neuffen.
Da verdammte Gregors IX. Nachfolger Papst Innocenz IV. auf dem Konzil, das er Ende Juni 1245 zu Lyon eröffnet hatte, den Kaiser trotz der Gegenvorstellungen seiner Abgeordneten abermals, er sprach ihm alle Ehre und Würde ab und verbot bei Strafe des Kirchenbannes, ihm irgendwie Folge zu leisten. Die angestrengten längeren Bemühungen der päpstlichen Partei brachten es sogar dahin, dass der seitherige Reichsverweser Landgraf Heinrich hauptsächlich durch geistliche Große am 22. Mai 1246 in Veithöchheim bei Würzburg zum Gegen-Könige gewählt wurde. Auch schwäbische Edle, wie Heinrich von Neuffen und Konrad von Winterstetten, hatten sich am Wahlort eingefunden.
Mit Macht rüstete König KONRAD gegen den neuen Gegner, und auch sein Vater forderte die Fürsten auf, ihm kräftig beizustehen. Er hatte alle Aussicht auf den Sieg, als es am 5. August in der Nähe von Frankfurt zur Schlacht kam. Da verließen ihn im Beginn des Kampfes seine schwäbischen Streitgenossen, die Grafen Ulrich von Württemberg und Hartmann von Grüningen, mit 2.000 Rittern und Armbrustschützen. 7.000 Mark Silbers, welche ihnen der Papst auszahlte, und das Versprechen der Teilung des Herzogtums Schwaben unter sie sollen nach dem Berichte des Klerikers Walter von Ocra an König Heinrich III. von England ihr Kaufpreis gewesen sei. Über 600 Mann (Ritter und Grafen) von KONRADS Gefolge fielen mit allem Lagergerät in die Hände des Siegers, andere fanden in den Fluten des Main ihren Tod. Mit dem Reste wich der König selbst nach Frankfurt zurück, allein er konnte sich auch hier nicht halten und wandte sich nach Augsburg. Bald darauf, am 1. September, vermählte er sich mit Elisabeth (wohl der Schwester seiner verstorbenen ersten Braut), deren Vater Herzog Otto von Bayern jetzt wieder und zwar mit unverbrüchlicher Treue auf die staufische Seite übertrat, die er einige Jahre verlassen gehabt hatte.
Der Gegen-König HEINRICH ließ wohl auf einem Reichstage zu Frankfurt im August KONRAD nicht bloß seiner Königswürde, sondern auch seines Herzogtums und seiner in Deutschland gelegenen Güter für verlustig erklären und rühmte sich im November, dass der schwäbische Adel sich ihm größtenteils unterworfen habe. Allein manche Grafen und Herren, sodann Städte, wie Ulm, Eßlingen, Reutlingen, Gmünd, Hall, höhere kirchliche Würdenträger, wie der Abt von Ellwangen, blieben den STAUFERN treu.
Auf Ulm hatte es HEINRICH besonders abgesehen:
er belagerte die Stadt im Januar 1247, sein Heer hatte jedoch durch Hunger und Kälte sehr zu leiden, er mußte ohne Erfolg abziehen und verschied nur wenige Wochen nachher (am 17. Februar) in seiner thüringischen Heimat auf der Wartburg. An Pfingsten belagerten die staufischen Gegner Reutlingen, allein die Bürger leisteten mutig Widerstand und erbauten zum Danke für ihre Rettung eine Kirche zu Ehren der Mutter Gottes.

Nicht entmutigt durch das rasche Ende HEINRICHS ruhte Papst Innocenz IV. nicht, bis hauptsächlich durch die rheinischen Erzbischöfe am 3. Oktober 1247 zu Neuß Graf Wilhelm von Holland zum Gegen-Könige gewählt und am 1. November 1248 nach der Einnahme Aachens in dieser Stadt gekrönt wurde. Auch ließ er durch Prediger-Mönche zum Kreuzzuge gegen die STAUFER aufrufen. In der Tat gelang es dem neuen Gegen-Könige, einen immer größeren Anhang zu gewinnen, wie zum Beispiel in den folgenden Jahren aus den Gegenden, welche für die Geschichte Württembergs in Betracht kommen, folgende Anhänger desselben sich nachweisen lassen.
Von Geistlichen:
Bischof Eberhard von Konstanz aus der Familie der Truchsessen von Waldburg, die Bischöfe von Würzburg und Speier, die Äbte von Anhausen und Bebenhausen;
von den weltlichen Herren:
die Pfalzgrafen Rudolf und Hugo von Tübingen, die Grafen Hartmann von Grüningen und Ulrich von Württemberg, Gottfried von Helfenstein-Sigmaringen, Konrad vn Urach-Freiburg, die Edlen Konrad von Schmiedelfeld und Walter Hako, welcher im Jahre 1249 beim Papste zu Lyon erscheint.
Hingegen blieben den STAUFERN treu:
der Bischof von Augsburg;
von den weltlichen Herren:
Graf Ludwig von Öttingen, Schenk Walter von Limpurg und Gottfried von Hohenlohe, sodann fast alle schwäbischen Städte. In einem Kampfe gegen die Grafen Hartmann von Grüningen, Hartmann von Kiburg, Ludwig von Frohburg und Gottfried von Helfenstein-Sigmaringen, sowie den Abt von Reichenau wurde KONRAD etwa im April des Jahres 1248 in die Flucht getrieben und beinahe zum Gefangenen gemacht. Ja, als er die Nacht vom 28. auf den 29. Dezember dieses Jahres im Kloster St. Emmeran zu Regensburg zubrachte, wurde er beinahe das Opfer eines Mordanfalles von seiten des Bischofs Albert und seiner Ministerialen. Durch Verwüstung ihres Gebiets hatte er dieselben kurz zuvor erbittert, und so drangen, im Auftrage des Bischofs, Konrad von Hohenfels und andere seiner Ministerialen nachts in des Königs Schlafgemach, und nur dem Umstande verdankte er seine Rettung, dass gerade noch in dieser Nacht zufällig eine weitere Person in das Zimmer gekommen war, als den Mördern früher berichtet worden. So suchten dieselben, nachdem die ihnen bekannte Zahl von Bewohnern des Zimmers getötet oder gefesselt hatten, nicht weiter nach dem Könige, welcher unter einer Bank verborgen war.

Nur wenige Tage zuvor, am 13. Dezember 1250, war Kaiser FRIEDRICH II. zu Fiorentino in Apulien an einer ruhrartigen Krankheit gestorben. Noch manche harte Schläge hatten ihm Kampfe mit dem Papst und den oberitalienischen Städten getroffen, allein er hatte sich stets wieder aufgerafft und mit Glück wieder eine günstigere Wandlung seines Geschickes eingeleitet. Zum Erben im Kaiserreiche Deutschland und im Königreiche Sizilien war von ihm König KONRAD eingesetzt, allein Papst Innocenz forderte überall aufs drohendste zum Abfalle von demselben auf und sprach am 13. April 1251 den Bannfluch gegen ihn aus. Auch wurde Innocenz von den abtrünnigen schwäbischen Großen durch einen besonderen Abgeordneten in der Person des Grafen Ulrich von Württemberg beschickt. Dieser befand sich mit seinem Begleiter, Berchtold von Blankenstein, bereits am 20. März 1251 in Lyon, war ohne Zweifel auch mit König WILHELM zusammen, welcher im April dahin kam, und erfreute den Papst durch die Nachrichten, die er über die Gesinnungen seiner Landsleute brachte. Innocenz belobte die Abgefallenen wegen ihrer Anhänglichkeit an die Kirche, teilte ihnen mit, dass er König WILHELM aufgefordert habe, ihnen zu Hilfe zu ziehen, beglaubigte bei ihnen bis zur Absendung eines eigenen Legaten den Dominikaner Heinrich, welcher in Schwaben gegen KONRAD das Kreuz predigen sollte, und beteuerte endlich, die Kirche werde nie zugeben, dass die Schlangenbrut der STAUFER je wieder zur römischen Königs- und Kaiserwürde oder auch nur zum schwäbischen Herzogsamte gelange. KONRAD seinerseits begab sich gegen Ende des Jahres 1251 nach dem Süden, um sich seines sizilischen Erbreichs zu versichern und daselbst für neue und stärkere Unternehmungen in Deutschland Hilfsquellen zu eröffnen. Zu seinem Stellvertreter im letzteren Lande ernannte er seinen Schwieger-Vater, ließ seine schwangere Gemahlin bei demselben in Landshut zurück und verpfändete oder verkaufte manche der noch übrigen Güter seines Hauses. Freilich wirkten in seiner Abwesenheit die Umtriebe des Papstes und die Kreuzpredigten der Mönche sehr zu seinen Ungunsten, und er wurde im Juli 1252 von dem immer mächtiger gewordenen Gegen-König WILHELM, ähnlich wie früher von HEINRICH RASPE, auf einem Reichstag in Frankfurt nicht nur des Herzogtums Schwaben, sondern auch aller seiner in Deutschland gelegenen Güter entsetzt. Allein er erstarkte im Süden dergestalt, dass er sich mit Heeresmacht wieder diesseits der Alpen aufzutreten vorbereitete, als ihm am 20. Mai 1254 im Lager bei Lavello ein Fieber dahinraffte. Vor seinem Ende hatte er dem päpstlichen Stuhle die Fürsorge für seine einzigen Sohn Konrad übertragen und für den Fall von dessen Tode zugunsten seiner Schwester Margarete, Gemahlin des Markgrafen Albrecht von Meißen, Bestimmungen getroffen.
I. Eberl