KONRAD I. König (seit 911)
----------------
†
23.12.918
⚰ Fulda
GENEALOGIE:
--------------------
Aus dem Geschlecht der KONRADINERr (siehe NDB XII)
Vater:
--------
Konrad
der Ältere (⚔ 906), Graf in Hessen und angrenzenden Gebieten
Mutter:
-----------
Glismuoda
(† 924)
Brüder:
----------
Eberhard († 939), Herzog der. Franken (siehe NDB IV)
Otto († 912, ? n. 918), Graf im Lahngau
913
oo Kunigunde, Witwe des Markgrafen Luitpold von Bayern (⚔ 907)
Tochter des schwäbischen
Pfalzgrafen Berthold
Schwester der „Kammerboten“
Pfalzgraf Erchanger (hingerichtet 917,
siehe NDB IV) und Graf Berthold (hingerichtet 917)
Stief-Söhne:
--------------
Herzog
Arnulf von Bayern († 937, siehe NDB I),
Herzog Berthold von Bayern († 947, siehe NDB II)
kinderlos.
Leben:
---------
Die Regierungszeit KONRADS
I. war in jeder Hinsicht eine Zeit des Übergangs. Auf dem
Boden des auseinanderfallenden Franken-Reichs waren die neuen Nationen
der Franzosen und der Deutschen im Begriffe, geschichtliche Gestalt zu
gewinnen, obwohl die fränkische Tradition weiterwirkte und
innerhalb der werdenden Nationen sich Einheiten geringeren Umfangs
konsolidierten und immer mehr zu verselbständigen suchten.
Herrschaftsbereiche führender Adels-Geschlechter machten sich im
ostrheinischen Gebiet die unter der Oberfläche karlischer und karolingischer Reichseinheitspolitik
fortlebenden stämmischen Traditionen zunutze. Partikulare
kirchliche Kräfte gewannen überall Boden, während das
Papsttum tief in die Händel italischer Politik verstrickt war,
über die der tatkräftige Johannes X. freilich
hinausblickte. Es ist KONRAD I.
nicht gelungen, sich im Strudel widerstreitender Kräfte
durchzusetzen, aber eine klare politische Linie ist trotz der
Dürftigkeit der Überlieferung erkennbar. Zumal bei seinem
Tode zeichnete sie sich ab.
Das Haus der KONRADINER
war nach dem Siege im mörderischen Kampf gegen die ostfränkischen BABENBERGER
das mächtigste fränkische Geschlecht östlich des Rheins.
Als der karolingische König
Ludwig IV. (das „Kind“) 911
starb, wurde KONRAD I.,
der zwar mit dem karlingischen Hause
auf uns nicht durchsichtige Weise verwandt war, aber jedenfalls nicht
im Sinne der Zeit dem königlichen Geschlecht angehörte, von
den ostrheinischen Großen schon nach wenigen Wochen das
Königtum angeboten, während die Lothringer, von Ludwig schon zu dessen Lebzeiten
abgefallen, sich dem Westreich des einzigen überlebenden KAROLINGERS anschlossen.
Daß ein Angebot zunächst dem Sachsen-Herzog Otto galt, der die Wahl dann
auf KONRAD I. lenkte – so
der ein halbes Jahrhundert nach den Ereignissen schreibende Widukind von Corvey –, ist
weder zu beweisen noch zu widerlegen. KONRAD I. nahm an und wurde wie
sein Vorgänger Ludwig
zu Forchheim erhoben, von Franken, Sachsen, Alemannen und Bayern, wie
die einzige zeitgenössische Quelle betont. Die Wahl des Ortes
zeigt an, daß man zunächst in ostfränkisch-karolingischer Tradition
verharrte. Der Mangel der Zugehörigkeit zum bisherigen
Herrscher-Hause wurde wie einst bei Pippin durch eine kirchliche
Salbung ersetzt, die bis dahin im ostfränkischen Reich nicht
üblich gewesen war. Die liturgische Ordnung des Vorgangs ist uns
vielleicht im sogenannten Frühdeutschen Ordo erhalten.
KONRAD I. scheiterte
bereits bei der ersten Aufgabe, die er sich stellte:
Lothringen zurückzugewinnen. Nur das Elsaß, in das der West-Franke Karl der Einfältige
vorzudringen suchte, konnte gehalten werden; drei Feldzüge nach
Lothringen blieben ohne Ergebnis. Währenddessen wurde das Reich
von mehreren Einfällen der Ungarn heimgesucht. Die Kraft zur
Abwehr reichte nicht aus, obwohl die regionalen Gewalten
vorübergehende Erfolge errangen. Gerade dies minderte das Ansehen
des Königs. KONRAD I.
hatte bald ohne Einschränkung nur den eigenen Stamm hinter sich,
vor allem dessen Geistlichkeit, an der Spitze die Erzbischöfe Hatto und Heriger von Mainz. Er suchte
vergeblich, in Schwaben Fuß zu fassen, wo er gleich nach der
Königserhebung erschien. Er stützte sich dort vor allem auf
seinen Kanzler Bischof Salomo
von Konstanz, geriet aber dadurch in Gegensatz zu dessen
Intimfeinden Erchanger und Bertold aus einem
Geschlecht, das im Besitze der schwäbischen Pfalzgrafenwürde
war und nach einem neuen schwäbischen Herzogtum strebte. Zwar
schien 913 eine Ehe mit Kunigunde,
der Schwester der beiden, die mit dem verstorbenen bayerischen Markgraf Luitpold vermählt
gewesen war, eine Versöhnung anzubahnen, aber bereits 914 kam es
zum offenen Kampfe, als die Brüder Salomo gefangensetzten. Erchanger wurde besiegt und
verbannt, doch erhob sich noch im gleichen Jahre Burchard aus dem Hause der HUNFRIDINGER, das ebenfalls
eine führende Rolle in Schwaben anstrebte, während KONRAD I. Arnulf von Bayern
bekämpfte, der im Südosten des Reichs damals schon eine
königsgleiche Stellung zu erlangen suchte. Arnulf floh zu den
Landesfeinden, denselben Ungarn, die er im Jahre vorher zusammen mit Erchanger und Bertold besiegt
hatte. KONRAD I. belagerte
alsbald den Hohentwiel, auf dem sich Burchard festgesetzt hatte,
ohne Erfolg, denn alsbald mußte er gegen Heinrich von Sachsen ziehen, der
KONRADS I. Bruder Eberhard eine schwere
Niederlage beigebracht hatte, als dieser ein weiteres Ausgreifen des
Sachsen-Herzogs nach Hessen und Thüringen im Auftrag des
Königs offensiv zu verhindern suchte. Heinrich fiel nunmehr
seinerseits in Franken ein. Bei Grone unweit Göttingen standen
sich schließlich die Gegner gegenüber, doch wurde die
Schlachtentscheidung vermieden. Es scheint vielmehr eine Art
Stillhalteabkommen geschlossen worden zu sein, das Heinrich große
Selbständigkeit gewährte. Inzwischen war Erchanger nach Schwaben
zurückgekehrt, verbündete sich jetzt mit Burchard und schlug die
Anhänger KONRADS I. bei
Wahlwies; als Sieger wurde er zum Herzog von Schwaben ausgerufen. Auch Arnulf kehrte nach Bayern
zurück, wurde jedoch 916 von
KONRAD I. abermals aus Regensburg vertrieben und mußte
wieder bei den Ungarn Zuflucht suchen.
Im gleichen Jahre nahm eine in Hohenaltheim im Ries tagende, von einem
päpstlichen Legaten eröffnete Synode, an der die
sächsischen Bischöfe jedoch nicht beteiligt waren, energisch
Partei für KONRAD I.,
dessen Widersacher sie mit lebenslänglicher Klosterhaft bedrohte. Erchanger scheint anwesend
gewesen zu sein, während
KONRADS I. Teilnahme nicht bezeugt ist, und es ist sogar
unwahrscheinlich, daß er die Synode selbst einberufen hat. Der sächsische Bischof Adalward von Verden befand sich
vor der Synode in seiner Umgebung und hat möglicherweise im
Auftrag Herzog Heinrichs mit
KONRAD I. über die
Stellung Sachsens im Reich verhandelt. Hier ist es zu Widerstand nicht
mehr gekommen, sondern KONRAD I.
konnte 918 sogar Unni als
Erzbischof von Bremen gegen eine anderslautende Wahl von Klerus und
Volk einsetzen, wenn die späte Überlieferung Recht hat.
Daß es mit Heinrich
bereits 916 zu Verhandlungen über die Nachfolge im Königtum
gekommen sei, ist eine unbeweisbare Vermutung.
In Schwaben konnte die Entstehung eines Stammesherzogtums nicht
verhindert werden, obwohl es Konrad
I. gelang, Erchanger,
Bertold und ihren Neffen Luitfrid auf ungeklärte
Weise in seine Hand zu bringen und als Hochverräter hinrichten zu
lassen. An die Spitze des Stammes setzte sich jetzt Burchard. Auch Arnulf konnte 917 nach Bayern
zurückkehren und KONRADS I.
Bruder Eberhard
vertreiben. Eine Synode in Regensburg, die in Hohenaltheim
angekündigt worden war und auf der sich Arnulf verantworten sollte, war
damit illusorisch geworden. Der Angriff KONRADS I. 918 wurde
abgeschlagen; er soll während dieser Kämpfe eine
schließlich zum Tode führende Verletzung empfangen haben.
KONRADS I. Regierung,
wegen der inneren Uneinigkeit nach außen hin machtlos, war eine
Zeit fast ununterbrochener Kämpfe um den Zusammenhalt des
ostfränkisch-deutschen Reiches, der nach seinem Tode auf eine
Zerreißprobe gestellt wurde. Er hat dies vorausgesehen und im
Bewußtsein des herannahenden Todes seinen ehemaligen Gegner Heinrich von Sachsen zum
Nachfolger empfohlen, ein Akt von hoher politischer Weitsicht und
höchster Verantwortung. Es ging KONRAD I. nicht um die
Herrschaft seines Stammes oder gar seines Hauses, auch nicht allein um
die Wahrung fränkisch-karolingischer
Tradition in Verbindung mit der Kirche, auf die er sich
gewiß zu stützen versuchte, ohne doch ein
„Pfaffenkönig“ zu sein. Sein Blick war in die Zukunft gerichtet.
Es ging ihm um den Fortbestand eines Reiches, für dessen Einheit
er im Angesicht drohenden Zerfalls während seiner ganzen
Regierungszeit trotz aller Niederlagen immer wieder zu den Waffen
gegriffen hat, um ein Reich, aus karolingischer
Hand übernommen, das aus einem fränkischen zu einem
fränkisch-sächsischen und damit zugleich zu einem deutschen,
zu einem regnum Teutonicorum werden sollte, wie die Großen
Salzburger Annalen zu 920|sagen.
An der Schwelle der deutschen Geschichte behauptet KONRAD I. einen festen und
ehrenvollen Platz, auch wenn ihm der äußere Erfolg versagt
blieb.
Literatur:
------------
ADB 16; F. Stein, Geschichte des Königs Konrad I. von
Franken und seines Hauses, 1872; E. Dümmler, Geschichte des Ostfränkischen Reiches III, 21888; M.
Heidmann, König Konrad I., Dissertation
Jena 1922 (ungedruckt); I. Dietrich, Das Haus der
Konradiner, Dissertation Marburg 1952
(ungedruckt);
Die Entstehung des Deutschen Reiches,
herausgegeben von
H. Kämpf, 1956, darin vor allem von Hohenaltheim, hierzu H. Fuhrmann, in: Zeitschrift
für bayerische Landesgeschichte 20,
1957, Seite 136-51.
Autor:
--------
Walter
Schlesinger
Empfohlene Zitierweise ↑
Schlesinger, Walter, „Konrad I.“, in: Neue Deutsche Biographie
12 (1979), Seite 490-492 [Onlinefassung]; URL:
http://www.deutsche-biographie.de/pnd119308339.html