Mühlbacher Josef: Seite 60-76
***************
"Lebenswege und Schicksale staufischer Frauen"

Irene, später griechische Maria genannt, trat schon als Kind in den Blickpunkt der STAUFER. Als Kaiser FRIEDRICH I. BARBAROSSA während seines Kreuzzuges nach Konstantinopel kam, waren die Feindseligkeiten zwischen ihm und dem Kaiser von Konstantinopel vorangegangen. Dieser, Isaak II. Angelos, war 1185 durch blutige Thronwirren zur Herrschaft gelangt. Er ist der Vater Irenes, ein hochfahrender, wankelmütiger, von Wahrsagern beherrschter Mann. Irene hatte als Kind die Greuel miterleben müssen, durch welche ihr Vater gegen Andronikos zur Macht gelangt war. Schon in den Verhandlungen FRIEDRICH BARBAROSSAS mit dem byzantinischen Kaiser wurde Irene zu einem Objekt der Politik. Ob sie schon damals für BARBAROSSAS Sohn PHILIPP ausersehen wurde, wie vielfach vermutet wird, ist zweifelhaft, denn PHILIPP war eben erst zum Bischof von Würzburg gewählt worden. Immerhin mag die Verlobung Irenes mit einem der Söhne BARBAROSSAS erwogen worden sein, denn Isaak Angelos suchte Hilfe gegen die sein Reich bedrängenden Normannen.
Nach dem Tod BARBAROSSAS versuchte Isaak Angelos, die Normannen durch verwandtschaftliche Bindung für sich zu gewinnen. Irene wurde trotz ihrer Jugend dem ältesten Sohn Tankreds von Sizilien, Roger III. verlobt. Sie kam 1193 nach Palermo. Roger starb im folgenden Jahr, kurz vor seinem Vater.
Nur zwei Jahre lebte Irene in Sizilien, in dem prächtigen Normannen-Schloß. Dann gehörte sie neben anderen unterworfenen Adligen des Reiches zur Beute HEINRICHS VI., die auf schwäbische Burgen in Gewahrsam gebracht wurden. Sie wurde von Kaiser HEINRICH VI. zur Gemahlin seines Bruders PHILIPP bestimmt und zwar aus politischen Beweggründen. Er hoffte durch die Heirat seines Bruders mit Irene der Erfüllung eines lange gehegten Planes nahezukommen. Durch die Wirren in Byzanz hatte Irene Anspruch auf den Thron. Durch ihre Vermählung mit PHILIPP wurde die Möglichkeit greifbar, das Byzantinische Reich mit dem der STAUFER zu vereinen. Der frühzeitige Tod HEINRICHS VI. machte solchen Plänen ein Ende.
Was mochte Irene bewegt haben, als sie von HEINRICH VI. als Gefangene aus Palermo weggeführt wurde? Hatte sie doch die STAUFER in HEINRICH VI. in ihrer Unerbittlichkeit und Härte kennengelernt. Aber PHILIPP war ein ungleicher Bruder HEINRICHS. "Scharf abgegrenzt waren die reichen und zwiespältigen Anlagen der STAUFERverteilt unter die beiden Brüder. Wie HEINRICH ihre Härte und Gewalttätigkeit verkörpert, so PHILIPP alle Anmut, Grazie, Milde, die sich im Gegensatz zu den anderen STAUFERN bei ihm mit einer wirklichen Frommheit zusammenfand." (Ernst Kantorowicz)
PHILIPP, um 1180 geboren, war als jüngster der fünf Söhne FRIEDRICH BARBAROSSAS zum geistlichen Stand bestimmt worden. Sein Erzieher war ein Kölner Scholastiker. Vor seinem Aufbruch zum Kreuzzug bedachte Kaiser FRIEDRICH BARBAROSSA PHILIPP mit der geringen Pfründe eines Dompropstes von Aachen. 1191 wurde er zum Bischof von Würzburg gewählt. Sein Leben und Trachten waren auf andere als politische Dinge gerichtet; es wurde gemutmaßt, der Kaiser habe an eine künftige Wahl PHILIPPS zum Papst gedacht. Kaiser HEINRICH VI. aber lenkte den Lebensweg seines Bruders in eine andere Richtung, zumal die anderen drei Brüder gestorben oder sonst ums Leben gekommen waren. HEINRICH belehnte PHILIPP mit dem Herzogtum Schwaben, mit Tuszien, Spoleto und den Mathildischen Gütern in Ober- und Mittelitalien.
Schon in Bari als Gefangene Kaiser HEINRICHS VI. erfuhr Irene, dass ihr Vater durch seinen Bruder Alexios III. gestürzt und mit seinem Sohn, also dem Bruder Irenes, eingekerkert worden war.
Irene war, nicht zuletzt durch die harten Schicksalsschläge seit ihrer Kindheit, eine stille und in sich gekehrte, fromme und gütige Frau, die schon bald in PHILIPP einen Gleichgesinnten lieben lernte. PHILIPP war, wie alle STAUFER außer Konradin, mittelgroß, zart gebaut, blond und schön, geistigen und geistlichen Dingen und der Dichtung zugetan, die zu seiner Zeit in Deutschland eine Blüte erreichte.
Pfingsten 1197 wurde in Gunzenlech bei Augsburg die Hochzeit gefeiert. Nach ritterlichen Festlichkeiten und einem kurzen Aufenthalt in der Burg Schweinhausen bei Biberach mußte PHILIPP Irene verlassen und nach Italien aufbrechen, um seinen dreijährigen, zum König gewählten Neffen FRIEDRICH aus Foligno zur Krönung nach Deutschland abzuholen. In der 2. Septemberhälfte zog PHILIPP mit 300 schwäbischen Rittern durchs Etschtal nach Italien, kam aber nur bis Montefiascone. Dort erreichte ihn die Nachricht vom plötzlichen Tod seines Bruders. Wegen der in Italien ausgebrochenen Unruhen mußte PHILIPP allein nach Deutschland zurückkehren.
Schon damals wurde Irene, nachdem sie, wohl bei der Krönung PHILIPPS, vom griechisch-orthodoxen zum katholischen Glauben übergetreten war, die griechische Maria genannt. Auch ihre Grabschrift in Lorch nennt sie so. Einen anderen festlichen Höhepunkt in ihrem Leben bildete die nochmalige Krönung PHILIPPS und damit auch ihre Krönung am 6. Januar 1205 im Dom zu Aachen.
Das Glück konnte Irene wohl an einigen Höhepunkten ihres Lebens streifen, aber treu blieb es ihr nicht. Nicht nur die fortdauernden Kämpfe PHILIPPS mit OTTO trübten trübten es, sondern auch die Verhältnisse in ihrer Heimat.
So hatte Irene den Untergang zweier Reiche und Geschlechter überleben müssen; das der Normannen in Sizilien und das ihres Vaters in Byzanz. Doch der bitterste Schmerz stand ihr noch bevor. Am 21. Juni 1208 wurde PHILIPP in Bamberg vom Pfalzgrafen Otto von Wittelsbach ermordet. Irene verließ die Stätte des grausamen Geschehens und zog sich, begleitet vom Grafen Ludwig von Württemberg, auf die Burg Hohenstaufen zurück.
Das letzte Stück ihres Lebenswegs war nur noch kurz. Die Frühgeburt, der sie am 27. August 1208, zwei Monate nach der Ermordung ihres Gatten, erlag, mag eine Folge der Erschütterung durch den Mord gewesen sein. Auch dieses Kind, an welchem sie starb, war ein Mädchen. Es trug vermutlich den Namen Regina.
Wenige Tage vor ihrem Tod vermachte sie in einem Testament einen Hof in Obereßlingen dem Kloster Adelberg. Die Zeit hat die Spuren des irdischen Lebenswegs Irenes nicht ausgelöscht, aber ihr Grab in der Lorcher Klosterkirche hat sich nicht erhalten. Eine der Malereien an den Pfeilern aus dem 16. Jahrhundert zeigt Irene mit PHILIPP im Gebiet vereint; sie halten eine dreiteilige Tafel mit dem gekreuzigten Heiland, dem Opfer Isaaks und der erhöhten Schlange Mosis; darüber schwebte Maria mit dem Kinde.
Irene ist die letzte aus dem staufischen Geschlecht, die in Lorch bestattet wurde; als einzige Königin fand sie hier ihr Grab.
Des unglücklichen Lebens müde, krank und gebrochen, mag die noch junge Königin dennoch schweren Herzens geschieden sein, denn alle ihre Töchter waren noch Kinder. Von Söhnen, die zuweilen genannt werden (Rambold und Friedrich), ist nichts Näheres bekannt.