Auch jenes eben erwähnte Duell
verdient an dieser
Stelle noch ein wenig Aufmerksamkeit. Es fand im Jahr 950 während
eines Hoftages in Worms statt, auf dem die Nachfolge des im Vorjahr
verstorbenen
Herzogs
Hermann von Schwaben geregelt
wurde. Die näheren Umstände
sind dunkel. Der Fortsetzer Reginos
bemerkt, nachdem er der Erhebung des
Königs-Sohnes Liudolf zum Herzog
der Alemannen gedacht hatte, lapidar:
Ibi (das heißt in Worms)
Cuonradus
filius Gebehardi
comitis, quoniam cum quadam nepte regis se concubuisse
sibi imposcit, a quodamBurchardo
Saxone monomachia victus fefellisse patuit
[Cont.
Regin. zu 950 Seite 164]. OTTOS DES GROSSEN
leibliche Nichte könnte allenfalls die älteste, damals etwa
12-jährige
Tochter seines Bruders Heinrich gewesen
sein, was anzunehmen zwar einige Perspektiven eröffnet, aber als
ganz
unwahrscheinlich zu verwerfen ist. Also meint neptis irgendeine
Verwandte des Königs. Thietmar
machte daraus OTTOS
Tochter Liudgard, die lothringische
Herzogin, ließ weiter Konrad im Duell die Schwurhand
verlieren und
schmückte die Erzählung überhaupt breit aus; sie betraf
immerhin seinen eigenen Ur-Großvater. Spiegelte sich die
Aktualisierungskunst
der weitgehend oralen Gesellschaft? Oder präzisierte der
sächsische
Chronist den bewußt verschleiernden Bericht des fränkischen
Vorgängers, den er kannte? Immerhin war Thietmar ja Zögling
derselben
Magdeburger Domschule, die der erste Magdeburger
Erzbischof Adalbert eingerichtet
hatte, also jener Mann, der heute gewöhnlich für den
Fortsetzer
Reginos gilt; und Thietmar erzählte die
Geschichte als Bischof einer
Stadt, deren Graf eben der Sohn des königlichen Kombattanten von
950
war. Seine Darstellung könnte also Zutreffendes überliefern;
auch daß ein Sachse als Konrads
Gegner auftrat, läßt an
OTTOS
sächsische, nicht etwa an seine lothringischen Verwandten als
Betroffene
denken. Brüstete sich Konrad
dann aber, wie man bisher durchweg vermutet,
mit einer Liebesaffäre, die ein abruptes und unrühmliches
Ende
fand? Konrad I.
muß im Jahre 950, so ergeben Überlegungen zum
Alter seiner Kinder und Enkel, ein verheirateter Mann von etwa 30/35
Jahren
gewesen sein. Die Annahe, er sei gerade - wie der König selbst -
Witwer
gewesen und habe sich mit einer Königs-Nichte zu vermählen
gedacht,
besitzt wenig Wahrscheinlichkeit. Also hieß nicht Ehe das Ziel
seiner
Wünsche, sondern Korrumpierung der Königs"nichte", hinter der
Thietmar die sächsische Königs-Tochter und lothringische Herzogin
selbst erkannte. Doch ging es um Lothringen? Den Weg zu einer anderen
Erklärung
hat bereits Hermann Jakobs gewiesen, da er an den Zusammenhang
erinnerte,
in den der Continuator die Affäre rückte:
die Nachfolge nämlich
im alemannischen Herzogtum. Sollte sie durch Konrads Behauptung in eine
andere Richtung gelenkt oder sollte der König zu umfangreicheren
Kompensationen
genötigt werden, als er tatsächlich zu leisten bereit war?
Keine
Romanze, wie bisher angenommen, vielmehr List und Täuschung, nicht
Liebe, sondern Politik bestimmten Konrads Handeln. Wenn sich
indessen hinter
des Königs neptis OTTOS
damals
bereits verheiratete Tochter verbergen konnte, dann zweifellos auch
seine
Schwieger-Tochter Ida von Schwaben,
die Gemahlin des sächsischen
Prinzen Liudolf,
die OTTO selbst übrigens dilecta
filia nostra heißen konnte. Dann aber wären Schwaben
und
Idas
Ehe das Ziel von Konrads
Angriff auf die weibliche Ehre. Wie auch immer,
Konrads Behauptung
mußte ungeschehen gemacht werden. Dem diente der
Zweikampf, den Konrad verlor.
Die alte Königsnähe, welche seine
Oheime Konrad Kurzbold, Udo von der Wetterau und Hermann von Schwaben
ausgezeichnet hatte, war nun fürs erste dahin. Die KONRADINER
spielten fürderhin an OTTOS DES GROSSEN
Hof eine untergeordnete Rolle.