HEINRICH RASPE Gegen-König, Landgraf von Thüringen
-------------------------
* um 1204,
16.2.1247 Wartburg

Eisenach, Sankt Katharinenkloster

GENEALOGIE:
---------------------

Aus dem Geschlecht der LUDOWINGER

Vater:
-------
Landgraf
Hermann I. von Thüringen ( 1217, siehe NDB VIII)

Mutter:
----------

Sophia (1238), Tochter des Herzogs Otto I. von Bayern ( 1183)

Brüder:
---------

Landgraf Ludwig IV. von Thüringen ( 1227)
Konrad (1240), Hochmeister des Deutschen Ordens

    1228
  1. oo
1228 Elisabeth ( 1231), wahrscheinlich Tochter des Markgrafen Albrecht II. von Brandenburg ( 1220, siehe NDB I),

 Wiener Neustadt Februar 1238
  2. oo
Gertrud ( vor 1241), Tochter des Herzogs Leopold VI. von Österreich ( 1230)

  1241 (vor 10.3.)
  3. oo
Beatrix ( 1288), Tochter des Herzogs Heinrich II. von Brabant ( 1248, siehe NDB VIII);

kinderlos

Neffen:
----------
Landgraf Hermann II. von Thüringen (seit 1238,
1241), Markgraf von Meißen ( 1288, s. NDB VIII).
Heinrich III.

Leben:
---------
Heinrich Raspe wuchs am Thüringer Hof auf, der seit dem Tode des Landgrafen Hermann I. nicht mehr vom Minnesang, sondern von asketischer Frömmigkeit beherrscht wurde. Als sein älterer Bruder Ludwig IV., der am Kreuzzug FRIEDRICHS II. teilnehmen wollte, im September 1227 in Otranto einer Seuche erlag, übernahm Heinrich Raspe die vormundschaftliche Regierung für den erst 4½ Jahre alten Sohn des Verstorbenen, Hermann II. Bald kam es zu einer Auseinandersetzung mit Ludwigs Witwe Elisabeth, deren verschwenderische Liebestätigkeit Heinrich Raspe einschränkte, um das Hausgut ungeschmälert zu erhalten, woraufhin Elisabeth die Wartburg verließ. Anfang 1231 scheint Heinrich Raspe vom Kaiser die Gesamtbelehnung des ludowingischen Hauses mit der Landgrafschaft Thüringen erlangt zu haben. Ende 1231- März 1232 weilte er am Hofe FRIEDRICHS II. in Ravenna und Venetien; ebenso finden wir ihn 1235-1236 häufig in der Umgebung des Kaisers, der sich Heinrich Raspe und dessen jüngeren Bruder Konrad (seit November 1234 Deutschordensritter) besonders verpflichtete durch Teilnahme an der Erhebung der Gebeine der heiligen Elisabeth am 1.5.1236 in Marburg. Im Februar 1237 nahm Heinrich Raspe in Wien an der Königswahl KONRADS IV. teil. Als sich bald darauf das Verhältnis zwischen Kaiser und Papst verschlechterte, kam es auf Betreiben des päpstlichen Bevollmächtigten Albert von Behaim 1238 zu einem antistaufischen Fürstenbund, bestehend aus Österreich, Bayern und Böhmen. Diesem Bund dürfte Heinrich Raspe nahegestanden haben, da er im Februar 1238 die Schwester des mit dem Kaiser verfeindeten Herzog Friedrich von Österreich geheiratet hatte; vielleicht, um Rückhalt beim Papst gegenüber dem Reichsverweser Erzbischof Sigfrid III. von Mainz zu finden, gegen dessen Ausdehnungspolitik er sich als Landesherr zu wehren hatte. Trotzdem beteiligte er sich 1239 an der in Gegenwart KONRADS IV. stattfindenden Fürstenversammlung in Eger, die sich um Vermittlung zwischen Gregor IX. und dem gebannten Kaiser bemühte und den Bruder Heinrich Raspes, den Deutschordensmeister Konrad, beauftragte, in Rom zu verhandeln. Der Papst wollte jedoch keinen Frieden, und sein Beauftragter Albert von Behaim belegte den Landgrafen am 1.6.1240 mit dem Bann. Als die Mongolen 1241 Mittel-Europa bedrohten, eilte Heinrich Raspe dem Böhmen-König mit thüringischen Truppen zu Hilfe.
Die innerdeutsche Lage veränderte sich indessen grundlegend durch den Übertritt Sigfrids III. von Mainz ins päpstliche Lager. An seiner Stelle ernannte der Kaiser im Frühjahr 1242 Heinrich Raspe und Wenzel von Böhmen zu Reichsprokuratoren für KONRAD IV. Der Landgraf wurde in diesen Jahren von schweren Schicksalsschlägen getroffen:
1240 starb sein Bruder Konrad, 1241 sein Neffe Hermann II., mit dem er seit 1238 gemeinsam die Regierungsgeschäfte geführt hatte. Im März 1241 ging Heinrich Raspe seine 3. Ehe ein, die ebenfalls kinderlos blieb. Heinrich Raspe mußte sich nun damit abfinden, daß mit ihm sein Haus im Mannesstamm aussterben würde, und erlangte 1243 vom Kaiser die Zusage, gegebenenfalls den Markgrafen von Meißen mit den thüringischen Landen zu belehnen.
Bald darauf scheint Heinrich Raspe den Titel des Reichsprokurators niedergelegt und sich wieder der päpstlichen Partei genähert zu haben; vermutlich einige Monate nach der Wahl Innocenz' IV. zum Papst Ende Juni 1243. Endgültig fiel Heinrich Raspe allerdings erst nach der Absetzung FRIEDRICHS II. durch das Konzil von Lyon (17.7.1245) vom Kaiser ab. Im April 1246 forderte Innocenz IV. alle Fürsten Deutschlands, denen die Wahl eines römischen Königs zustehe, auf, Heinrich Raspe zum König und künftigen Kaiser zu wählen. Aber nur die Erzbischöfe von Mainz und Köln, die Bischöfe von Würzburg, Speyer, Straßburg und Metz und 17 thüringische und hessische Grafen und Herren wählten Heinrich Raspe am 22.5.1246 in Veitshöchheim bei Würzburg in Gegenwart des päpstlichen Bevollmächtigten Philipp von Ferrara und eines Mailänder Gesandten zum König. Nach der Wahl hefteten sich die Versammelten das Kreuzeszeichen an. HEINRICH RASPE berief für den 25.7. einen Reichstag nach Frankfurt ein, in dessen Nähe sich ihm jedoch KONRAD IV. entgegenstellte. Am 5.8. griff HEINRICH RASPE ihn an der Nidda an und siegte, da gleich zu Anfang der Schlacht verschiedene schwäbische Adlige, von päpstlichem Geld gekauft, den STAUFER verräterisch im Stich gelassen hatten.
Nun konnte zwar der Reichstag in Frankfurt stattfinden, auf dem HEINRICH RASPE seinem Gegner das Herzogtum Schwaben und alle anderen Besitzungen absprach, aber der Thronstreit war noch keineswegs entschieden, zumal HEINRICH RASPE, vermutlich aus Geldmangel, nach Thüringen zurückkehren mußte. Erst im Dezember konnte er zu einem neuen Feldzug aufbrechen, der sich gegen das staufische Kernland Schwaben richtete. Es gelang ihm, einige Städte zu erobern, aber das wichtige Ulm trotzte im Januar 1247 seiner Belagerung. Die Unbilden des Winters und wohl auch sein schlechter Gesundheitszustand zwangen HEINRICH RASPE am Ende des Monats zum Rückzug. Unterwegs verschlechterte sich sein Zustand noch durch einen Sturz vom Pferde. Er starb auf der Wartburg.
|Über die Persönlichkeit HEINRICH RASPES sagen die Quellen wenig aus. Anscheinend war er weder als Feldherr noch als Staatsmann bedeutend. Unbezweifelbar ist HEINRICH RASPES tiefe Frömmigkeit, die sich unter anderem 1239 in der Gründung einer Bußbruderschaft, 1240 in der Stiftung des Dominikaner-Klosters in Eisenach äußerte; eine Frömmigkeit, die in der religiösen Erregung der Zeit und der eigenen Familie wurzelte. Bezeichnend ist auch, daß er auf seinem Königssiegel nach päpstlichem Vorbild die Köpfe der Apostel Petrus und Paulus abbilden ließ. Ehrgeiz und Habgier werden mit im Spiele gewesen sein, als er zur päpstlichen Partei übertrat und sich schließlich sogar, vom Volk als Pfaffen-König empfunden, als Gegen-König aufstellen ließ. Wesentlich für seine Entscheidung dürften Angst vor dem Bannfluch und Sorge um das eigene Seelenheil gewesen sein. In dem Bewußtsein, der Letzte seines Hauses zu sein, vielleicht auch schon geschwächt von der Krankheit, die ihm bald den Tod bringen sollte, mag er am Ende seines Lebens die einzige ihm gebliebene Aufgabe darin gesehen haben, die Kirche zu verteidigen gegen den „Feind des Gekreuzigten“, wie er FRIEDRICH II. in einem Brief nennt.

Literatur:
------------
ADB XI; DW 6800-02; Regg. Imp. V, 2, Seite 910-17; MGH Const. II; O. Dobenecker, Regg. diplomatica necnon epistolaria historiae Thuringiae II/III, 1900-25; R. Malsch, Heinrich Raspe, 1911; K. Hampe, Deutsche Kaisergeschichte in der Zeit der Salier und Staufer, 101949 (bearbeitet von F. Baethgen), Seite 312-14; E. Caemmerer, Zur Charakteristik Heinrich Raspes, in: Bll. für deutsche Landesgeschichte 89, 1952, Seite 56-83; H. Grundmann, in: B.Gebhardt, Handbuch der deutschen Geschichte I, 81954, Seite 378-80.

Autor:
---------
Hans Martin Schaller

Schaller, Hans Martin, „Heinrich Raspe“, in: Neue Deutsche Biographie 8 (1969), Seite 334-336 [Onlinefassung]; URL: http://www.deutsche-biographie.de/pnd118883690.html