Theuer Franz: Seite 51,75-78
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"Der Raub der Stephanskrone. Der Kampf der Luxemburger, Habsburger, Jagiellonen, Cillier und Hunyaden um die Vorherrschaft im pannonischen Raum."

Mittlerweile war auch in Ungarn so manches geschehen, was den König erzürnte. Zu Beginn des Konzils hatten der Erzbischof von Gran und der Palatin Nikolaus von Gara als Statthalter die Regierungsgeschäfte geführt. Da aber beider Anwesenheit an seiner Seite am Konzil erforderlich wurde, war zuletzt, nachdem Königin Barbara wieder nach Ungarn zurückgekehrt war, der Bischof Eberhard von Agram als Kanzler mit der Verwaltung des Reiches beauftragt worden. Zwei Angelegenheiten waren es, die den König bei seiner Rückkehr mit Unwillen erfüllten. Eines betraf seine persönliche Ehre und seine Familie. Kaum hatte er die Grenzen seines Reiches überschritten, so hörte er in Preßburg, wo er sich mit den dort versammelten Prälaten und Baronen beriet, höchst ärgerliche Dinge von seiner überaus leichtsinnig gewordenen Gemahlin Barbara. Die Königin hatte ihre Würde so sehr vergessen, daß sie ziemlich öffentlich einen strafbaren Umgang mit einem gewissen Walmerod pflog. Obwohl SIGMUND keineswegs ein Muster ehelicher Treue war, sich auch sonst höchst nachsichtig gegen das Betragen der Königin zeigte, so wollte er doch ein öffentliches Ärgernis nicht ungeahndet lassen. Mit dem Rat und der Zustimmung der in Preßburg versammelten Herren verbannte er die pflichtvergessene Königin in eine einsame Gegend bei Großwardein. Gewundert hat man sich, daß er es ihr gestattete, ihre Tochter, die zehnjährige Elisabeth, mit in die Verbannung zu nehmen. Beide lebten fast ein dreiviertel Jahr im Elend. Selbst an den notwendigsten Lebensbedürfnissen litten sie samt ihrer Dienerschaft Mangel. Nicht einmal der öftere Wechsel ihrer Kleider wurde ihnen gestattet. Es schien als wollte sie der König das ganze Maß der Not fühlen lassen. Um ja nicht von ihrem Elend gerührt zu werden, vermied er jede Zusammenkunft mit ihnen. Als er in die Nähe von Großwardein kam, wurde die Verstoßene mit ihrer Tochter nach Ofen gebracht. Ehe er nach Ofen zurückkehrte, sollte sie wieder an ihren einsamen Platz zurückgebracht werden. Doch auf ihr flehentliches Bitten, nicht mehr nach Ost-Ungarn zurückgebracht zu werden, wurde sie nach Frauenmarkt (Holitsch) in Nord-Ungarn geschafft. Endlich, nach beinahe einjähriger Verbannung gelang es dem Kanzler Georg von Hohenlohe, dem Bischof von Passau, der damals auch Administrator des Erzstiftes Gran gewesen, und dem Grafen Ludwig von Öttingen, also den deutschen Räten, zu erwirken, daß die Königin wieder in Gnade aufgenommen wurde. Als SIGMUND in die Nähe von Frauenmarkt kam, veranlaßten die beiden Räte, vermutlich auf Bitten des Grafen Hermann, daß Barbara mit ihrer Tochter am Weihnachtsabend 1419 vor den König gelassen wurde. Barbara tat einen Fußfall und bat, wenn sie etwas gegen ihn verbrochen, um Verzeihung und Prinzessin Elisabeth unterstützte die Mutter mit ihren Tränen. SIGMUNDS Zorn war, wie gewöhnlich, durch die Zeit beschwichtigt worden. Die Tränen der schönen reizenden Frau und die rührenden Bitten des Kindes vollendeten die Versöhnung.
An der Spitze dieser Verschwörung standen Kaiserin Barbara und ihre Verwandten, die Grafen von Cilli, die sich mit den rebellischen Böhmen verbanden, um ihre eigenen verräterischen Absichten zu erreichen. Kaiserin Barbara, eine stolze, herrschsüchtige und zugleich ausschweifende Frau, die ihres alten Gemahls längst überdrüssig war, konnte nicht abwarten, bis der Tod den fast siebzigjährigen Kaiser in die Grube legte. Die noch wenigen Tage seines Lebens sollten durch eine gewaltsame Thronentsetzung getrübt, wenn nicht gar verkürzt werden. Allerdings muß den Berichten eines Zeitgenossen, des Äneas Sylvius, mit einiger Vorsicht begegnet werden. Nach ihm mußte es der Kaiserin, welche allen Lastern und Ausschweifungen frönte und die nicht an ein Weiterleben der Seele nach dem Tode glaubte, gleichgültig sein, welche äußere Form des Glaubens sie hatte. Sie zeigte sich den hussitischen Lehren zugetan und hatte dadurch schon das Vertrauen und die Zuneigung der Böhmen gewonnen. Mehrere der mächtigsten Landherren, wie Hinko von Ptaczek, Alexius von Sternberg, Georg Podiebrad und andere traten mit ihr in näheres Einverständnis. Als Plan der Verschworenen wird angegeben: Die Kaiserin sollte nach dem Tod ihres Gemahls den jungen König Wladislaw von Polen heiraten und mit Hilfe der Grafen von Cilli zu den Kronen Böhmens und Polens noch die von Ungarn fügen. So hoffte man ein großes slawisch-madjarisches Reich mit einer besonderen hussitischen Kirche zu begründen. Daß Barbara bereits das fünfundvierzigste Lebensjahr erreicht, der polnische König Wladislaw aber kaum erst dem Knabenalter entwachsen war, hinderte die Verschworenen nicht, diese Heirat ernstlich in Vorschlag zu bringen. Der Plan der Verschwörer war aber noch nicht ausgereift und zur Ausführung gediehen, als der Kaiser im August nach Prag zurückkehrte. Hier nahm er bald die gegen ihn und seinen Schwieger-Sohn gerichtete Verschwörung wahr. Es blieb SIGMUND auch nicht verborgen, daß selbst seine nächste Umgebung an diesen Umsturzplänen beteiligt war. Mitten unter seinen Feinden in Prag, verraten von Frau und Schwager, sah er kein Mittel, den Sturm in Böhmen noch beschwichtigen zu können, wenn er dort gegen ihn losbrechen würde. Es schien als ob der Kaiser rettungslos in die Hände seiner Feinde fallen müßte. Es war offenbar, daß die wenigen Streitkräfte, die er in Prag um sich versammelt hatte, nicht hinreichten, ihn zu schützen, besonders weil die Grafen von Cilli von ihm abgefallen waren.
Was SIGMUND wirklich rettete, war die Uneinigkeit unter den Verschworenen. Offenbar stimmten die Pläne der Kaiserin und der CILLIER nicht ganz mit den Ansichten der Mehrzahl der böhmischen Landherren und der calixtinischen Partei überein. Mehrere von diesen hofften, auf dem Wege der Unterhandlung, mit Zustimmung des Kaisers selbst, ein Mittel zu finden, die böhmische und polnische Krone nach dem Abgang SIGMUNDS vereinigen zu können. Polnische Abgesandte trafen in dieser Sache damals in Prag ein und trugen dem Kaiser vor, daß er, weil weder er selbst, noch sein Schwieger-Sohn Herzog Albrecht männliche Deszendenten habe, den polnischen
König Wladislaw und dessen Bruder Kasimir, seine Neffen, (sie waren von mütterlicher Seite Söhne einer Gräfin von Cilli) [Richtigstellung: Wladyslaw und Kasimir waren Wladyslaw Jagiellos Söhne aus 4. Ehe, Anna von Cilli war seine 2. Ehefrau.], adoptieren und ihnen seine beiden Enkelinnen, die Töchter des Herzogs Albrecht, verloben möge. Auf diese Weise würde die Ruhe der benachbarten slawisch-madjarischen Länder wie auch die Festigkeit der Regierung in denselben für die Zukunft gesichert sein. SIGMUND konnte oder wollte sich nicht entschließen, auf diese Sache, die seine Familie keineswegs zurückgesetzt hätte, einzugehen. Es scheint, daß Herzog Albrecht, dessen Rechte und Ansprüche durch die Adoption der polnischen Fürsten am meisten verletzt worden wäre, sich gegen den Antrag aussprach. Auch mit den ehrgeizigen Plänen der Kaiserin, seiner Gemahlin, stimmte er nicht überein. Daher war es Barbara recht, daß SIGMUND der Gesandtschaft eine ausweichende Antwort gab und sie unter dem Vorwande, daß erst die böhmischen Angelegenheiten geordnet werden müßten, verschob. Damals machte die Kaiserin den polnischen Gesandten, ehe sie zu ihrem König zurückkehrten, mit Beiziehung böhmischer Großer insgeheim die Vorschläge, die zu einer Vereinigung Polens und Böhmens durch eine Heirat zwischen ihr und Wladislaw führen sollten. Da dies nur nach dem Abgang des kranken hochbetagten Königs geschehen konnte, sollte dieser durch eine Verschwörung und Empörung beschleunigt werden.
Herzog Albrecht, zu dessen Nachteil die Verschwörung hauptsächlich angelegt war, erhielt zuerst sichere Kunde von ihr. Er benachrichtigte sogleich seinen Schwieger-Vater von den Vorgängen. In Böhmen war keine Sicherheit mehr. Unter dem Vorwande, daß der Kaiser zu seiner Wiederherstellung eine Luftveränderung notwendig habe und daß er seine Tochter Elisabeth zu sehen wünsche, traf er Anstalten zu seiner Abreise nach Mähren, wo Herzog Albrecht alle Sicherheitsmaßnahmen für den Kaiser getroffen hatte. Auch seine ungarischen Edelleute forderte er auf, ihn mit ihrem Gefolge zu begleiten, indem er ihnen erklärte, daß er fürchte, daß sie in Prag keine Sicherheit mehr haben möchten, wenn er sterben sollte.
SIGMUNDS sterbliche Hülle wurde, gemäß seinen Anordnungen, nach Ungarn gebracht und zu Großwardein, in der Begräbnisstätte der ungarischen Könige beigesetzt. Mit der Leiche des Kaisers hatte man seine Witwe Barbara als Gefangene nach Ungarn geführt. Ihr Schwieger-Sohn ALBRECHT ließ sie nicht eher frei, als bis sie alle Schlösser und Städte, die sie in Ungarn besaß, an ihn abgetreten hatte. Dafür erhielt sie von ihm eine ansehnliche Wittumsverschreibung. Barbara floh nach ihrer Freilassung - trotz äußerlicher Aussöhnung mit ALBRECHT II. - sofort nach Polen, wo sie den jungen Kasimir als Gegen-König von Böhmen unterstützte.