Hrosvit von Gandersheim

Vorwort.
 
In den Vorhöhen der Gebirgszone, welche die norddeutsche Ebene umgürtet, liegt, wenig über vier Meilen von Goslar entfernt, das Kloster Gandersheim, eine der ältesten Gründungen christlicher Gesittung im Gebiet des Sachsenstammes. Ludolf, erster Herzog der Sachsen aus dem späteren Kaiser-Geschlecht, den Ludolfingern, war auch der Gründer Gandersheims (in älterer Form Gandenesheim, Gandesheim), wo seine fürstlichen Nachkommen Aebtissinnen wurden. Wie vor 900 Jahren berichtet wird, umkränzen noch heute waldgekrönte Höhen das Kloster, welches in anmuthiger, fruchtbarer Ebene mitten darin liegt mit seiner alten, in edlen Verhältnissen romanischen Baustyls aufgeführten Kirche und der und den beiden schlanken Thürmen. Das Andenken der Anfänge des Klosters bewahren in ganz besonderer Weise die Schriften einer Nonne desselben, der Hrotsuitha. Sie selbst erzählt, daß sie älter war als ihre Aebtissin Gerberg, Tochter Herzog Heinrichs von Baiern und Judith, deren Vater Herzog Arnulf war. Da die Hochzeit von Gerbergs Eltern 938 gefeiert wurde, so muß also Hrotsuitha entweder kuz vor oder nach Oddo I Regierungsantritt 936 geboren sein. Von ihrer Herkunft ist uns nichts berichtet. Indeß die vornehmen Verhältnisse des Klosters, von dessen 8 ersten Aebtissinnen 6 aus dem kaiserlichen Hause selbst erkoren wurden, scheinen zu der Voraussetzung zu berechtigen, daß auch die Conventualen nur aus den angesehensten Geschlechtern des Landes hervorgingen. Da eine jener beiden Aebtissinnen, die nicht dem Kaiser-Hause angehörten, Hrotsuitha hieß, so ist es bei der verhältnißmäßigen Seltenheit dieses Namens nicht unwahrscheinlich, daß die schriftstellernde Nonne, die ihrem Kloster angehörte, mit ihr verwandt war. Ihr Eintritt in das Kloster erfolgte vor dem Jahre 959, wo Gerberg zur Aebtissin erhoben wurde, die damals etwa 20 Jahre alt war, sie selbst mithin kaum die Mitte der zwanziger Jahre erreicht haben konnte.