Kapitel V
Die Regentschaft der Kaiserin Agnes und die neue Phase
der Kirchenreform
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Nach der Beisetzung
HEINRICHS
III. in Speyer wurde der 6-jährige HEINRICH
im November 1056 von Papst Viktor II. feierlich auf den
Thron KARLS
DES GROSSEN gesetzt, allerdings offenbar in Abwesenheit der
großen Reichsfürsten, die sonst bei diesem Akt den
zeremoniellen
Hofdienst geleistet hatten. Der Papst nützte den Aufenthalt im
Westen,
um in Verhandlungen mit dem neuen Erzbischof
Anno von Köln,
Herzog
Gottfried von Lothringen
und den Grafen von Flandern den noch von HEINRICH
gewollten Ausgleich zu erreichen. Aber dieser Ausgleich
bedeutete
im wesentlichen die Bestätigung aller der Rechte und Lehen, um die
vorher gestritten worden war. Der Frieden wurde also dadurch erreicht,
daß die Regierung auf bisher beanspruchte Positionen verzichtete.
Weihnachten und Neujahr verbrachten der
König, die
Kaiserin und der Papst in
Regensburg. Dort wurde ein Reichstag abgehalten.
Im Vordergrund stand die Frage der Neubesetzung der Herzogtümer.
Als
neuer Herzog für Kärnten
wurde Pfalzgraf Konrad aus der lothringischen
Familie der EZZONEN ernannt, einer der
Teilnehmer aus der Fürstenverschwörung
von 1055. Man kann diese Ernennung wie den Ausgleich mit Lothringen als
einen Akt der Versöhnung ansehen, den der sterbende Kaiser dem
Papst
aufgetragen hatte. Aber sie ist auch ein Eingeständnis der
Schwäche
der neuen Regierung, die hier der Fürstenopposition entgegenkam,
weil
sie die härtere Linie HEINRICHS III.
nicht mehr durchsetzen konnte. Als Ausgleich ließ man der Kaiserin
dafür das Herzogtum Bayern,
allerdings nur vorläufig und
unter sehr einschränkenden Bedingungen, denn sie sollte es an den
Sohn weitergeben, den sie möglicherweise von ihrem verstorbenen
Mann
erwartete. Alle diese Zugeständnisse wurden noch von Viktor II. vermittelt,
der das Vertrauen der Kaiserin
hatte und die politischen Verhältnisse
kannte wie kaum ein anderer. Von Regensburg aus ging er nach Rom
zurück.
Dort starb er schon im Juli 1057.
Die Kaiserin Agnes
stammte aus einer vornehmen südfranzösischen Familie und war
durch ihre Erziehung fromm und eng mit den Zielen der Reform verbunden.
An der Seite HEINRICHS hatte sie dessen
hohe Auffassung von den Pflichten und von der Stellung des über
allem
stehenden und in erster Linie Gott verantwortlichen Herrschers
kennengelernt.
So faßte sie auch ihre Regentschaft
für den unmündigen
Sohn auf. Sie wollte nicht Partei sein, sondern als Instanz über
den
Parteien stehen und entscheiden. Viktor
II. hatte viel klarer erkannt,
daß diese Position nicht mehr haltbar war, daß
Zugeständnisse
gemacht und Verbündete gesucht werden mußten. Aber nach
seiner
Abreise hatte die Kaiserin
keinen engen Berater mehr, und die verschiedenen
politischen Faktoren und Parteien verselbständigten sich rasch,
die
deutschen Bischöfe ebenso wie das Papsttum und die
Reichsfürsten.
Die Reichsregierung wurde aus einer obersten Instanz schnell zu einer
Institution,
die man nach Möglichkeit umging und nicht beachtete. Allerdings
ist
die Zeit der Regentschaft der
Kaiserin in der Beurteilung sehr umstritten
und war es schon damals. Die Quellen zu ihrer Beurteilung sind eher
dürftig.
Positive Darstellungen wurden vielleicht sogar nachträglich
vernichtet.
Denn nur aus der Unfähigkeit und Untätigkeit der Regentschaft
der Kaiserin ließ sich
die Berechtigung zu dem Staatsstreich von
1062 ableiten.
Daß die Kaiserin
ihre politischen Möglichkeiten
realistisch einschätzen konnte und nutzen wollte, zeigte ihre
Entscheidung
über das Herzogtum Schwaben im folgenden Jahr. Otto von Schweinfurt,
der bequeme Herzog, der HEINRICH diese
Machtbasis nie streitig gemacht hatte, starb im September 1057, und im
Oktober wurde in Speyer bei einem Hoftag in Anwesenheit der
Bischöfe
von Straßburg, Konstanz und Chur über die Neubesetzung
entscheiden.
Das Herzogtum Schwaben war immer eine Schlüsselstellung für
die
Königsmacht in Deutschland und für die Verbindung nach
Italien
gewesen und hatte den SALIERN seit
der Absetzung Herzog Ernsts als direkte Machtbasis
gedient. Agnes
konnte versuchen, einen neuen Herzog von außerhalb zu finden, der
die tatsächliche Herrschaft des Königs über Schwaben
akzeptierte,
oder sie konnte das Herzogtum an jemand geben, der dann als ihr
Parteigänger
zur Stärkung der königlichen Macht beitrug. Zum neuen Herzog
bestimmte sie den Grafen Rudolf
von Rheinfelden,
der in der späteren Geschichte HEINRICHS
IV. eine so wichtige Rolle spielen sollte.
Der Mönch
Ekkehard erzählt in
seiner "Chronika
Universalis" eine höchst dramatische Version dieser Erhebung Rudolfs.
HEINRICH III. hatte das Herzogtum Schwaben
dem Grafen Berthold von Zähringen,
einem der mächtigsten Adligen
in Schwaben, zugesagt und ihm zum Zeichen dafür einen Ring
gegeben.
Doch der ehrgeizige Rudolf von Rheinfelden
entführte bei der Nachricht vom Tod Herzog Ottos III. die älteste
Schwester des Königs, Mathilde,
und zwang damit die Kaiserin Agnes,
ihm das Herzogtum zu übertragen und einer späteren Heirat mit
der minderjährigen Tochter zuzustimmen. Als Berthold von Zähringen
der Kaiserin den Ring zeigte,
der sein Anrecht auf das Herzogtum dokumentierte,
kam er zu spät. Zum Ausgleich dafür wurde Berthold später
mit dem Herzogtum Kärnten
belehnt.
An der Geschichte ist richtig, dass Rudolf
im Zusammenhang mit der Ernennung zum Herzog mit der 1045 geborenen
Kaiser-Tochter
Mathilde verlobt wurde und sie Ende
1059
heiratete, und daß Berthold
von Zähringen 1061 zum Herzog von
Kärnten ernannt wurde. Wenn sie wahr wäre, würde sie
kein
besonders gutes Licht auf
Rudolf von Rheinfelden
werfen, aber gerade deshalb muß sie mit großer Vorsicht
aufgenommen
werden, denn Rudolf
gehörte später
zu den umstrittensten Persönlichkeiten der Zeit. Schon der
zeitliche
Ablauf spricht gegen diese Darstellung, denn über die Neubesetzung
Schwabens wurde sehr bald nach dem Tod des alten Herzogs entschieden.
Außerdem
paßt es überhaupt nicht zur Politik HEINRICHS
III., dem mächtigsten schwäbischen Adligen das
Herzogtum
zu versprechen. Und selbst wenn man die Regentschaft der Kaiserin-Witwe
nicht für sehr erfolgreich hält, darf man nicht
erwarten, daß
sie ohne Überlegung die wichtigsten Machtpositonen an ihre Gegner
ausliefert. Die Auswahl der neuen Herzöge, vor allem die Rudolfs,
der durch die Verlobung mit Mathilde auch
in die engere Familie aufgenommen wurde, war keine negative, durch
Erpressung
erreichte Entscheidung, sondern eine positive, die Grundlage für
ein
neues Bündnissystem der Aufbau einer eigenen Gefolgschaft.
Rudolf
wurde Herzog von Schwaben,
weil er dem Thron und der Kaiserin
nahe stand.
Radikalisierung der Kirchenreform
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Diese Politik der Regentin verrät doch
eigenen
politischen
Gestaltungswillen und die Abkehr von gewissen Grundprinzipien HEINRICHS
III., der sich mehr auf die geistlichen Fürsten
gestützt
und die weltlichen kurzgehalten hatte. Die Wendung hängt damit
zusammen,
daß Agnes nach dem Tod Viktors
II. mit den Kirchenreformern nicht nur gute Erfahrungen gemacht
hatte und
mit der von den Reformern beherrschten Kurie in ernste Konflikte
gekommen
war. Als Viktor
nämlich im Juli 1057 starb, wählten die Reformer
als seinen Nachfolger Friedrich
von Lothringen, den Abt des
Klosters Monte
Cassino. Der neue Papst galt aber nicht nur als ein energischer
Verfechter
der Reform, sondern auch als entschiedener politischer Gegner des salischen
Hauses. Er schob seinen Bruder Gottfried, der ja schon
über den reichen
Besitz des Hauses CANOSSA im Westen
verfügte, das Herzogtum Spoleto
und andere Besitzungen an der adriatischen Küste zu und machte ihn
so zum mächtigsten Herren in Italien. Von einer Entscheidung oder
auch nur Zustimmung des deutschen Königs zur Papstwahl war nicht
mehr
die Rede. Immerhin schickte Stephan
IX. noch eine Gesandtschaft mit Hildebrand
an der Spitze nach Deutschland, um den König über die Wahl zu
unterrichten.
In dieser Zeit erscheinen die "Drei Bücher
gegen
den Simonisten" des Kardinal-Bischofs
Humbert von Silva Candida.
Humbert,
ein Lothringer, war mit Leo IX.
an die Kurie gekommen und hatte sich zum
großen Theoretiker der Kirchenreform entwickelt. Für Humbert
war Simonie die Wurzel allen Übels, aber als Simonie galt ihm jede
Verfügungsgewalt von Laien über die Kirche oder über ein
kirchliches Amt. Die Reinheit der Kirche lag in der "kanonischen" Wahl
ihrer Vertreter, bei der keine Laien beteiligt sein durften. Konnte die
Simonie, die Mitwirkung von Laien, ausgeschaltet werden, dann
würde
Gott dafür sorgen, das jeweils der Fähigste berufen
würde.
Neu war bei Humbert auch,
daß er alle Geistlichen, die in ihrer persönlichen
Lebensfühhrung angreifbar waren, also mit Frauen zusammenlebten,
ebenso
wie die, bei deren Erhebung Laien mitgewirkt hatten, für
exkommuniziert
und ihre kirchlichen Handlungen für ungültig erklärte.
Die
Kirchenreform wurde dadurch radikaler und intoleranter. Radikaler, weil
sie das Übel auf eine einzige Wurzel zurückführte,
intoleranter,
weil die innenkirchlichen Gegner jetzt als Glaubensfeinde verfolgt und
ihre Anhängerschaft mit der Drohung geistlicher Strafen
diszipliniert
werden konnte.
Stephan IX.
griff entsprechend diesen Prinzipien in Mailand
ein. Dort stand einer hochadligen und in ihrer Lebensführung
entsprechend
angreifbaren Gruppe von Bischöfen unter ihrem Erzbischof Wido eine
von zwei radikalen Priestern geführte Volksbewegung
gegenüber,
nach ihrem Herkunftsort die Pataria genannt, die immer ungestümer
die Rückkehr der Kirche zum reinen Leben forderte. Indem Stephan die
Partei der Pataria ergriff, traf er gleichzeitig die Reichspolitik, die
in Erzbischof Wido eine
verläßliche Stütze hatte, und half
so wieder seinem Bruder Gottfried bei dessen Kampf um mehr
Einfluß
in Italien. Aber Stephan
starb schon nach einem Pontifikat von nur acht
Monaten. Vor seinem Tod ließ er die Reformer schwören,
keinen
neuen Papst zu wählen, bevor nicht Hildebrand aus Deutschland
zurück
sei. Aber als diese Nachricht in Rom bekannt wurde, erhoben die Grafen
von Tusculum einen
Bischof aus ihrer Familie zum neuen Papst. Diesen Benedikt
X. konnten und wollten die Reformer nicht anerkennen. Sie flohen
aus Rom
und trafen sich unter dem Schutz Herzog
Gottfrieds in Florenz mit
Hildebrand,
der eben aus Deutschland zurückgekommen war. Dort bestimmten sie
den
Bischof von Florenz zum neuen Papst, aber noch vor der Wahl wurde auf
Betreiben
Hildebrands eine
Gesandtschaft zu
Kaiserin Agnes
geschickt, die die Zustimmung zu dieser Wahl einholen sollte. Die
Reformer
fühlten sich also auch mit dem Schutz Gottfrieds noch nicht stark
genug, sie suchten eine Anlehnung und Bestätigung, die nach den
Ausführungen
Humberts schon Simonie
war. Erst als die Zustimmung der Kaiserin
vorlag,
wurde Nikolaus II. in
Siena zum Papst gewählt und Ende 1058 mit Hilfe
Gottfrieds in Rom
eingesetzt.
Leo
und Stephan hatten als
Päpste
gegen das Einnisten
der Normannen in Süd-Italien gekämpft. Die Normannen hatten
sich im
Kampf gegen Sarazenen und Byzantiner in Süd-Italien und Sizilien
festgesetzt
und dabei andere Ansprüche und Besitzrechte, auch päpstliche,
mißachtet. Jedoch dem Papst gegenüber waren sie immer
vorsichtig
gewesen, und sie waren bereit, ihn als Oberlehnsherren anzuerkennen,
wenn
er umgekehrt ihre Besitzrechte absegnete. Unter Papst Nikolaus II. kam
es, vermittelt durch Hildebrand und
den Abt Desiderius von Monte Cassino,
zu dieser gegenseitigen Anerkennung. Der Papst wurde damit zum ersten
Mal
weltlicher Oberlehensherr. Der Vertrag ließ aber alle Rechte des
Reiches außer Acht oder hob sie sogar auf. Mit ihm setzte sich
der
Papst in Süd-Italien an die Stelle des Reiches und des Kaisers.
Die Normannen
wurden ein wichtiger, wenn auch sehr eigenwilliger Bundesgenosse des
Papstes
in der kommenden Auseinandersetzung mit dem Reich.
Unter Nikolaus
wurden auf einer Lateransynode von 1059
auch wesentliche Forderungen der Reformer in Kirchengesetze umgesetzt.
So wurde den Laien verboten, bei verheirateten Priestern die Messe zu
hören.
Zum ersten Mal wurde auch ein Verbot der Laieninvestitur ausgesprochen,
der Mitwirkung von Laien bei der Besetzung eines Bischofsstuhls. Am
wichtigsten
aber war das Papstwahldekret dieser Synode, mit dem endlich festgelegt
werden sollte, wer dazu berechtigt war, an der Wahl teilzunehmen, und
wer
nicht. Das Vorstimmrecht hatten die Kardinal-Bischöfe, die die
anderen
Kardinäle zur Wahl zuziehen konnten und sollten.
Die übrigen Geistlichen und das Volk von
Rom
hatten
ein Akklamationsrecht. Sollte in Rom eine ordnungsgemäße
Wahl
nicht möglich sein, so konnten die Kardinalbischöfe sie an
einen
anderen Ort verlegen. Ein Mitspracherecht des römischen Adels gab
es nicht mehr, einem vom Papst gekrönten Kaiser stand wenigstens
ein
formales Anerkennungsrecht zu. Den Trägern oder Teilnehmern einer
im Sinne dieses Dekrets regelwidrigen Papstwahl wurden alle Strafen des
Himmels angedroht.
Auch in der Frage der Mailänder Kirche traf
die
Synode weitreichende Entscheidungen, die in kaiserliche Rechte
eingriffen.
Erzbischof Wido unterwarf sich dem Papst
und wurde von ihm mit einem Ring
erneut eingesetzt. Dadurch sollte die vorherige Einsetzung durch den
Kaiser
wiederholt oder erst rechtmäßig gemacht werden. Nachdem der
Erzbischof sich den Wünschen des Papstes gefügt hatte,
ließ
dieser die Pataria mit ihren weitergehenden Forderungen und Angriffen
einfach
fallen. Allerdings gab Wido
die Synodalbeschlüsse über das Leben
der Priester nicht weiter, und der Bischof von Brescia, der sie seinen
Priestern vorgetragen hatte, wurde von ihnen halbtot geschlagen. Die
von
den Reformern geforderte strenge Kirchenzucht hatte offenbar noch
keineswegs
überall Anhänger.
Agnes stellt sich gegen die Reformer
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Diese Vorgänge in Rom machen deutlich,
warum die
Kaiserin
Agnes um 1060 eine politische Neuorientierung vornahm.
Persönlich
war sie der Kirche und den Grundgedanken der Reformer eng verbunden,
aber
jetzt spürte sie, daß die Richtung, die die Reform nahm, mit
ihren Idealen nicht mehr übereinstimmte und ganz offen gegen die
Stellung
ihres Hauses und ihres Sohnes gerichtet war. Ihrem Mann und ihrem Sohn
gegenüber fühlte sie sich aber verpflichtet, während
ihrer
Regentschaft das Erbe möglichst unbeschadet zu verwalten. Das
bedeutete
jedoch für sie, daß sie sich in einem Konflikt auf die
deutschen
Bischöfe, die ja meist Anhänger der Reform waren, nicht mehr
unbedingt verlassen konnte. Deshalb war die Besetzung der drei
Herzogtümer
eine ganz wesentliche Entscheidung. Wenn die Herzöge von Schwaben,
Bayern und Kärnten zu ihr hielten, konnte sie auch in Italien
eingreifen,
wenn sich das als notwendig herausstellen sollte.
Das war schon im kommenden Jahr der Fall. Im Mai
1061
starb der Kardinal-Bischof Humbert, und damit wurde Hildebrand der alleinige
und unbestrittene Führer der Kirchenreform in Rom. Im Juli starb Papst
Nikolaus II., mit dessen
Namen die Neuerungen von 1059 verbunden sind,
auch wenn die Dekrete und Texte vor allem die Handschrift Humberts und
Hildebrands tragen. Die
römischen Aristokraten trauten sich nicht
mehr, von sich aus einen neuen Papst zu bestimmen, aber sie wollten die
Entscheidung über den neuen Papst nicht einfach Hildebrand überlassen.
Sie schickten deshalb eine Gesandtschaft unter dem Grafen Girard an den
kaiserlichen Hof, die dem jungen König
HEINRICH
die Abzeichen des römischen
Patriziats überbrachte und um
die Ernennung eines neuen Papstes bat. Hildebrand konnte gegen den
Adel
in Rom keinen neuen Papst wählen lassen. Er besprach sich mit den
Kardinal-Bischöfen und anderen Führern der Reform, vor allem
auch
mit Abt Desiderius von Monte Cassino,
der die Verbindung zu den Normannen
herstellte. Ende September wurde außerhalb Roms und unter
Umständen,
die keineswegs denen des Papstwahldekrets entsprachen, der Bischof von
Lucca zum neuen Papst bestimmt. Dabei beteiligte sich Gottfried von Lothringen.
Militärisch gesichert wurde die Wahl durch die Normannen des Richard
von Capua, die nach einem vergeblichen Versuch bei Tag in der
folgenden
Nacht nach Rom durchdringen und den neuen Papst inthronisieren konnten.
Die Wahl Alexanders
II. war ein geschickter Schachzug,
denn der frühere Bischof Anselm war noch von HEINRICH
III. ausgesucht und ernannt worden und gehörte zum
"diplomatischen
Dienst" der Kurie. Er war schon zweimal als Gesandter am Hof der Regentin
gewesen, und so hoffte Hildebrand,
daß die irreguläre Wahl und
die mit Waffengewalt erzwungene Inthronisation schließlich
akzeptiert
würden, weil der neue Papst als Person ausreichendes Vertrauen
genoß.
Aber Agnes war diesmal
nicht bereit, auf die ihrem Sohn zustehenden Rechte
zu verzichten, und sie spürte, daß die radikale Richtung der
Reform unter Hildebrand
auch in Italien dabei war, Terrain zu verspielen.
Zwar war es das Anliegen der Reform, die Kirche aus den weltlichen
Verstrickungen
herauszuhaben, aber mit der offenen Förderung Gottfrieds von Lothringen
und dem normannischen Bündnis war die Kirche tiefer denn je in die
Politik verstrickt. Die aristokratische Partei in Rom suchte gegen Hildebrand
Unterstützung bei der Kaiserin.
Daß der Papst mit normannischer
Hilfe inthronisiert werden mußte, trug zu seiner Beliebtheit
nicht
gerade bei. Auch der Erzbischof von Mailand und die lombardischen
Bischöfe
sahen sich jetzt eine Gelegenheit sich dem römischen Druck zu
entziehen.
Agnes berief für Ende Oktober eine
Reichsversammlung
nach Basel ein, auf der über alle diese Fragen entschieden werden
sollte. Da diese Versammlung und ihre Beschlüsse später als
irregulär
erklärt wurden, ist leider über ihre Vorbereitung und
Durchführung
sehr wenig erhalten. Aber der Hof war schon Wochen vorher am Oberrhein,
und die Reichsversammlung wurde sicher intensiv vorbereitet. Daß
sie in Basel stattfand, deutet wieder auf Rudolf
von Rheinfelden hin, den Herzog
von Schwaben und königlichen
Vertreter für Burgund. Da er später auf der anderen
Seite kämpfte,
ist verständlich, daß seine führende Teilnahme an
dieser
Reichsversammlung "vergessen" und verdrängt wurde. Aber ohne seine
Zustimmung und seinen Schutz hätte sie dort kaum stattfinden
können.
Von den deutschen Bischöfen nahmen viele und vor allem die
Wortführer
wie Anno von Köln
und Adalbert von Bremen
nicht teil. Dafür war
die Beteiligung der norditalienischen Bischöfe offenbar sehr
groß.
Aus ihren Reihen wurde Bischof Cadalus von Parma zum Papst
gewählt.
Gleichzeitig wurde die einen Monat vorher erfolgte Wahl des Bischofs
von
Lucca für ungültig erklärt.
Damit hatte die Regentin
eindeutig und entschieden Stellung
bezogen. Zu Jahresende fällte sie eine weitere persönlich
wichtige
Entscheidung, sie nahm den Schleier und wurde Nonne. Aber damit
verzichtete
sie nicht auf ihre Stellung. Von ihren Gegnern wurde das als Ausdruck
des
schlechten Gewissens interpretiert, aber sie konnte damit genauso gut
zum
Ausdruck bringen, daß sie sich mit der richtigen Kirche und mit
Gott
nicht in einem Konflikt befand, sondern nur mit einer politisch
pervertierten
Richtung der Kirchenreform. Nach der Wahl und Einsetzung des Papstes Honorius
war der konsequente nächste Schritt das persönliche
Erscheinen
des Königs und der Regentin
in Italien, die Einsetzung des Papstes
in Rom und die Krönung HEINRICHS zum
Kaiser. Dafür war aber ein Stillhalten im übrigen Deutschland
und die Gefolgschaft der drei Herzöge notwendig. Wer diesen
Schritt
und die Stärkung der Regentschaft und des Königs verhindern
wollte,
mußte hier ansetzen und schnell handeln. Das ist der Hintergrund
des Staatsstreichs vom Mai 1062.
Sturz der Regentin
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Im April 1062 stand der Gegen-Papst Honorius vor den
Toren Roms, und die Partei Hildebrands
wußte nicht mehr, wie sie
den Einzug verhindern sollte. Honorius
wurde von den Lombarden unterstützt,
ebenso von der Kaiserin, und
er stand in Verhandlungen mit Byzanz, um das
Schisma zu beenden und den Kampf gegen die Normannen und die Sarazenen
gemeinsam aufzunehmen. Die Römer waren in zwei Lager gespalten.
Schließlich
rettete die Rückkehr
Gottfrieds von Lothringen aus Deutschland die
Lage für die Reformer. Da Honorius
Gottfried
militärisch nicht
trauen konnte, akzeptierte er dessen scheinbar fairen Vorschlag,
daß
beide Päpste in ihre jeweiligen Bistümer zurückkehren
und
die Entscheidung der Reichsregierung abwarten sollten. Wie diese
Entscheidung
ausfallen würde, wußte Honorius,
weil er ja in Basel von der
Regentin zum Papst ernannt
worden war. Aber Gottfried
wußte mehr,
da er eben aus Deutschland zurückgekehrt und sicher in die
Pläne
eingeweiht war, die Regentschaft der Kaiserin
Agnes zu beenden.
Die Reformpartei hat später immer glauben
machen
wollen, daß die Regentschaft
der Kaiserin so abgewirtschaftet habe,
daß ihr Sturz notwendig geworden sei. Dafür wurde alles
mögliche
vorgebracht, die Unstetigkeit, die wechselnden Ratgeber und deren
Eigennutz,
und von Humbert auch,
daß der Einfluß von Laien auf die Kirche
noch verwerflicher sei, wenn er von einer Frau ausgehe. Vor dem
Hintergrund
der politischen Lage in Deutschland und Italien zum Jahreswechsel
1061/62
wird aber deutlich, dass Agnes
nicht gestürzt wurde, weil sie zu wenig getan hatte,
sondern
weil ihre neue politische Linie, die Frontstellung gegen eine
radikalisierte
Kirchenreform, zu viel Erfolg hatte und die Gruppe um Hildebrand und Gottfried
in große Gefahr brachte. Deshalb versuchte diese Gruppe, der Kaiserin
die Regentschaft in
Deutschland zu entziehen. Dazu brauchte sie Verbündete
und Mitverschworene, und Hildebrand
wie Gottfried hatten an
diesem Netz
mitgeknüpft, auch wenn dafür direkte Beweise nicht vorliegen.
Der Anführer der Verschwörung wurde Erzbischof
Anno von Köln,
im Geist der Reform von HEINRICH
III. zum Kirchenfürsten berufen, ein ehrgeiziger,
machtbesessener
Mann, der zur Selbstüberschätzung neigte und es der Kaiserin
übelnahm, daß sie ihn nicht in ihren engeren Beraterkreis
zog.
Zu seiner Absicherung tat er sich mit Adalbert von Bremen zusammen,
dem
großen alten Mann der deutschen Kirche, der es HEINRICH
III. gegenüber in Sutri abgelehnt hatte, sich zum Papst
erheben zu lassen. Adalbert
träumte von einem Patriarchat in Bremen,
zu dem die nordischen Länder und die noch zu missionierenden
Slawen
gehören würden, und er erhoffte sich von einer anderen
Regierung
mehr Unterstützung dafür. Notwendig war aber auch die
Beteiligung
weltlicher Fürsten, und es gelang Anno, den neuen bayerischen Herzog
Otto von Northeim auf
seine Seite zu bringen. In dessen Persönlichkeit
hatte Agnes sich offenbar sehr
getäuscht.
Otto
sah
für seine Zukunft bessere Aussichten auf
der anderen Seite und vergaß, wem er das Herzogtum Bayern zu
verdanken
und dafür die Treue geschworen hatte. Dagegen schweigen sich die
Quellen
über die Haltung Rudolfs aus.
Er stand damals offensichtlich auf der Seite der Kaiserin und war an der
Verschwörung nicht beteiligt.
Der Sturz der Kaiserin
war banal einfach. Da es eine
gesetzliche Regelung der Regentschaft nicht gab, war es nur notwendig,
den kleinen König in die Hand zu bekommen, um dann mit ihm und
für
ihn die Regierung auszuüben. Der Hof war in der Pfalz auf der
Rheininsel
Kaiserswerth, als Anno
mit einem Schiff von Köln aus ankam und den
12-jährigen König zu einer Besichtigung einlud. Als HEINRICH
an Bord war, legte das Schiff ab und fuhr nach Köln zurück.
Es
spricht für den Mut des jungen Königs, daß er, als er
merkte,
daß eine Entführung geplant war, in den Rhein sprang und
fast
ertrunken wäre. Aber er wurde wieder herausgezogen und mit den
Reichsinsignien
zusammen, die gleichzeitig entführt wurden, weil ohne sie eine
rechtmäßige
Regierung nicht möglich war, nach Köln gebracht. Agnes
verzichtete auf einen Gegenschlag, der nur zu einem Bürgerkrieg
hätte
führen können. Sie hatte sich dazu gezwungen, für ihren
Sohn Politik zumachen. Nachdem er ihr so entzogen war, akzeptierte sie
diesen Schicksalsschlag und zog sich schließlich in das
norditalienische
Kloster Fruttuaria zurück. Trotz ihres Rückschlages blieb sie
an politischen Fragen und am Geschick ihres Sohnes interessiert.
Viermal
kam sie noch über die Alpen, um zu beraten und zu vermitteln, vor
allem zwischen HEINRICH und Rudolf.
Die neue Reichsregierung unter Anno
von Köln bestätigte natürlich
den von Hildebrand und Gottfried eingesetzten Papst Alexander und sprach
gegen Honorius und seine
Anhänger den Bann aus.