Glocker Winfrid: Seite 80-101
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"Die Verwandten der Ottonen und ihre Bedeutung in der Politik"

VI. Kaiserin Adelheid
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Die Kaiserin Adelheid war eine Tochter König Rudolfs II. von Hoch-Burgund und der schwäbischen Herzogs-Tochter Bertha. In 1. Ehe heiratete sie auf Veranlassung ihres Stief-Vaters, König Hugos von Italien, dessen Sohn und Mit-König Lothar. Nach dem überraschenden Tod ihres Gatten wurde sie gefangengesetzt, was König OTTO I. die Gelegenheit gab, in Italien einzugreifen:
OTTO
heiratete Adelheid, die inzwischen aus der Gefangenschaft hatte entkommen können. Zusammen mit ihrem zweiten Gemahl wurde Adelheid im Jahr 962 zur Kaiserin gekrönt und nahm in ihren späteren Lebensjahren als "Mutter der Königreiche" eine Mittlerstellung zwischen dem ost- und westfränkischen Reich ein:
ihr Sohn OTTO II. war Kaiser und König des ostfränkischen Reiches, ihre Tochter Emma aus Adelheids 1. Ehe mit Lothar von Italien war mit dem französischen König Lothar vermählt. Nach dem Tod der Kaiserin Theophanu mußte sie noch für einige Jahre die Regentschaft für ihren unmündigen Enkel OTTO III. übernehmen.

1. Die Vorgeschichte zu Adelheids erster Vermählung
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Mit der Betrachtung der Kaiserin Adelheid kommen wir mitten hinein in die inneren Verhältnisse des "regnum Italiae" um 950. Um die Vorgänge um die zweite Gemahlin OTTOS DES GROSSEN besser verstehen zu können, lassen wir die geschichtlichen Ereignisse in Italien seit der Jahrhundertwende Revue passieren.
Der letzte karolingische König Italiens, KARL III. DER DICKE, war 887 abgesetzt worden. Italien wurde nun zum Spielball einheimischer und fremder Mächte. Viele der oberitalienischen Markgrafen und Dynasten glaubten, selbst nach der Herrschaft über Italien greifen zu können. So ließ sich Markgraf Berengar von Friaul, der in weiblicher Linie mit den KAROLINGERN verwandt war, zum König krönen. Sein Gegenspieler wurde WIDO VON SPOELTO, der sich und seinen Sohn vom Papst zum Kaiser krönen ließ. Die beiden Regenten suchten die Entscheidung auf dem Schlachtfeld. Den inneren Hader der italienischen Großen nutzten die Ungarn zu einem Einfall in Ober-Italien, auf dem sie weite Landstriche verwüsteten. Nach diesem Schock suchten die italienischen Großen ihr Heil wieder bei einem karolingischen Herrscher:
ARNULF VON KÄRNTEN
wurde zum König gewählt und zum Kaiser gekrönt (896). Doch der neue Kaiser erkrankte am italienischen Klima und starb wenig später (899).

Die Ungarn fielen nun erneut in Ober-Italien ein. BERENGAR, der sich ihnen entgegenstellte, war gegen die Reiterhorden machtlos. Nach dieser neuerlichen Niederlage wandten sich die italienischen Großen an König Ludwig von Nieder-Burgund. Ludwig konnte Ober-Italien großenteils zur Anerkennung seiner Herrschaft bringen und sowohl die Langobarden- wie auch die Kaiserkrone erringen (901). Dieser Erfolg Ludwigs ließ Berengar nicht ruhen. Er überfiel Ludwig, ließ ihn blenden und nach Nieder-Burgund zurückbringen (905). Für den nunmehrigen LUDWIG DEN BLINDEN übernahm der Graf Hugo von Vienne die Regierung in der Provence.
BERENGAR hatte sich mit der Ausschaltung LUDWIGS DES BLINDEN den Weg zur Kaiserkrönung geebnet (915), im Kampf gegen die Ungarn versagte er aber. Seine oberitalienischen Gegner riefen daraufhin Rudolf II. von Hoch-Burgund in das Land. Rudolf konnte mit Hilfe seines Schwieger-Vaters, Herzog Burchard von Schwaben, BERENGAR besiegen (922). Doch mit dem Tod des Schwaben-Herzogs brach auch Rudolfs Herrschaft in sich zusammen. Nun ließ sich Hugo von Vienne, durch den Mißerfolg seines Rivalen in seinen Hoffnungen auf Italien bestärkt, in Pavia zum König krönen (926). Seine Autorität in Italien war zwar nur gering; dennoch konnte er seine Königsherrschaft fast 20 Jahre behaupten.
König Hugo beabsichtigte, seinen Rivalen, König Rudolf von Hoch-Burgund, der nominell auch König von Italien war, auf diplomatischem Weg ausschalten, und schloß daher mit ihm den sogenannten italisch-hochburgundischen Vertrag (wahrscheinlich 933), in dem er sich von Rudolf den Verzicht auf Italien gegen seinen, Hugos, Besitz in Nieder-Burgund zusichern ließ: aparterweise versprach Hugo König Rudolf etwas, über das er nicht verfügen konnte:
er war nicht König von Nieder-Burgund, sondern hatte nur für den regierungsunfähigen LUDWIG DEN BLINDEN die Regentschaft geführt; auch seine Grafschaftsrechte waren zur Entschädigung an LUDWIGS Sohn übergegangen. Hugo handelte also mit Ansprüchen, die er vor seinem Weggang nach Italien besessen hatte; wir sehen, was für ein geschickter Taktiker Hugo gewesen sein muß.

2. Adelheid als Gemahlin König Lothars
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Am 11. Juli 937 starb König Rudolf II. von Hoch-Burgund. Er hinterließ zwei minderjährige Kinder, Konrad und Adelheid. Um seinen Anspruch auf Burgund zu untermauern, heiratete König Hugo von Italien die Witwe Rudolfs, die schwäbische Herzogs-Tochter Bertha, und verlobte seinen Sohn Lothar mit der kleinen Adelheid. Hugo beabsichtigte mit diesem Vorgehen, Konrad, den Sohn Rudolfs und rechtmäßigen Erben, von der Herrschaft über Hoch-Burgund auszuschließen. Durch diese Vereinigung von Hoch- und Nieder-Burgund mit Italien wäre ein neues Großreich im Süden entstanden. König OTTO griff ein, holte den jungen Konrad an den deutschen Hof und nahm Burgund unter sein Seniorat. OTTO hatte mit diesem Eingreifen zudem die Aufmerksamkeit der italienischen Großen auf sich gelenkt, die seine Person nun in ihre Überlegungen mit einbezogen.
Im Jahr 941 erschienen italienische Emigranten am Hofe König OTTOS. Unter ihnen befand sich auch Markgraf Berengar von Ivrea, den wir in den kommenden Ereignissen noch in einer wichtigen Rolle kennenlernen werden. Die Großen Italiens baten OTTO I. um seine Hilfe, Berengar leistete dem ostfränkischen König den Lehenseid. Die Adligen bekamen die Erlaubnis, in Schwaben ein Heer anzuwerben, und kehrten mit diesem nach Italien zurück. In Italien gelang es Berengar, mit Hilfe einiger Großer König Hugo in die Provence abzudrängen und ihn zur Niederlegung der Königskrone zu zwingen. Berengar wagte es jedoch nicht, sich selbst zum König krönen zu lassen, sondern begnügte sich mit der Rolle der grauen Eminenz hinter dem Schatten-König Lothar, dem Sohn Hugos von der Provence und Verlobten der Adelheid: "Berengarium...nomine solum marchionem, postestate vero regem, illos  vocabulo reges, actu autem neque pro comitibus habebant".
Ende 947 vermählten sich Lothar und Adelheid; aus dieser Ehe ging eine Tochter hervor, die den Namen Emma erhielt. Doch am 22. November 950 starb der junge König Lothar völlig überraschend. Adelheid scheint versucht zu haben, als Witwe allein die Regierungsgeschäfte zu führen. Berengar allerdings glaubte nun seine Stunde für gekommen, der Herrschaft über Italien, die er faktisch seit der Vertreibung Hugos aus Italien innehatte, den realen Ausdruck verleihen zu können. Am 15. Dezember 950 ließ sich Berengar zusammen mit seinem Sohn zum König der Langobarden krönen. Man darf Berengar auf keinen Fall als Usurpator einstufen, der nicht den geringsten Anspruch auf die Langobardenkrone besessen hätte:
Berengar
war nicht nur mit den KAROLINGERN, sondern auch mit seinem Gegner, Hugo von der Provence, verwandt. Doch König OTTO I. sah die Gefahr, jeglichen Einfluß auf die Entwicklung in Italien zu verlieren, als Berengar Anstalten machte, nun dort die Allein-Herrschaft anzutreten. Doch bald bot sich für den ostfränkischen König die Chance, in Italien einzugreifen.

Wie wir aus Liutprands Antapodosis wissen, war Berengars Herrschaft in Italien ein Schreckensregiment. Die Gegner Berengars sahen in Adelheid die Legitimitätsträgerin und forderten sie auf, das Erbe ihres verstorbenen Gemahls anzutreten und in einer Wiedervermählung dem Land einen neuen König zu geben. Adelheid konnte nämlich nicht nur als Witwe König Lothars Anspruch auf die Herrschaft in Italien erheben, sondern auch als Tochter König Rudolfs II. von Hoch-Burgund, der ebenfalls König von Italien gewesen war. So betrachten denn auch die zeitgenössischen Geschichtsquellen - wenn auch aus dem Blickwinkel des ostfränkisch-deutschen Reiches verfaßt - Italien als rechtmäßigen Besitz Adelheids. Und für die Herrschaft Berengars von Ivrea wurde Adelheid mehr und mehr zu einer Gefahr. Berengar mußte handeln, wollte er die eben errungene Königskrone nicht wieder verspielen. Er hatte Adelheid bereits unter Hausarrest stellen lassen und kerkerte sie im April 951 in der Burg Como ein. Dies war aber der Vorwand für König OTTO, sein Eingreifen in Italien zu rechtfertigen.
Die sächsische Geschichtsschreibung hat der Nachwelt in bunt leuchtenden Farben geschildert, wie angetan doch König OTTO I. von dem Hilfegesuch der armen Adelheid gewesen sei, die in Italien in einem finsteren Verließ, umgeben von Ratten und Mäusen, schmachten müsse. Er, König OTTO, habe ja schon längst hin und her überlegt, wie es denn nur möglich gemacht werden könne, die Gunst der Dame zu erringen, von der er in seinen einsamen, schlaflosen Nächten träume. Dies ist natürlich reine Schönfärberei. In den bisher angeknüpften Kontakten zwischen Italien und dem Sachsen-König war OTTO I. die stärkere Partei gewesen, und der ostfränkische König dachte nicht einmal im Traum daran, die einmal gesponnenen Fäden wieder zerreißen zu lassen. Dies zeigt die folgende Entwicklung ganz deutlich.