VISCONTI, FAMILIE

Stammtafel im Lexikon des Mittelalters Band IX (Anhang)

Lexikon des Mittelalters:
Band VIII Spalte 1717
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Visconti, Familie
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Die von Herzog Gian Galeazzo (6. V.) Ende des 14. Jahrhunderts in Auftrag gegebene Genealogie (Rückführung auf Grafen von Angera, denen Gregor der Große 606 die Königshöfe in Mailand, Monza, Treviglio und Angera verliehen habe, mythische Gestalten wie Ottone, der während des ersten Kreuzzugs einen Sarazenen-König vor Jerusalem getötet und dessen Schlangenemblem übernommen habe und Galvano, dem wegen seiner Verteidigung Mailands FRIEDRICH I. BARBAROSSA die Signorie und die Grafenwürde von Angera entzogen und ihn zum Vicecomes, »Visconte«, degradiert habe), ist als legendär zu betrachten. 1397 erwirkte der erste Herzog von Mailand aufgrund dieses Stammbaums von König WENZEL die Anerkennung seiner adligen Herkunft und die Grafenwürde von Angera.
Wahrscheinlich ist die Familie mit der in karolingischer Zeit in Mailand auftretenden Vicecomes-Würde in Zusammenhang zu bringen - 863 ein Valdericus Visconti -, die mit den OTBERTINERN, den Grafen der Stadt, verbunden war, die offenbar kein Interesse daran hatten, die Macht über die Stadt selbst auszuüben.
Der erste urkundliche Beleg der
VISCONTI (1157) bezeugt, daß die Familie ein Drittel des Zehnts der Taufkirche von Marliano besaß und wahrscheinlich zur Gruppe der großen Valvassoren (capitanei) gehörte, die sich zur Zeit Erzbischof Landulfs (Ende des 10. Jahrhunderts) gebildet hatte.
Mit dem Capitanat von Marliano traten die
VISCONTI offenbar in die Militia sancti Ambrosii ein, wurden Vasallen des Erzbischofs und erwirkten den erblichen Vizegrafentitel. Die vizegräflichen Privilegien (Ehrensitz neben dem Bischof sowie Rechte auf die Abgaben auf Maße und Gewichte, die Curadia [Marktzoll]) hatte die Familie noch Mitte des 13. Jahrhunderts inne.
Als Fahnenwappen führten die
VISCONTI eine Schlange, vielleicht ein Abbild der Schlange der Basilica S. Ambrogio, die seit dem ersten Kreuzzug einen Sarazenen in ihrem Rachen hält.
Anselmo
Visconti (1065 zusammen mit einem Ottone, Sohn des Eriprando belegt), wurde vom Bischof von Mailand 1067 zum Papst gesandt, Ottone Visconti, Widersacher des Erzbischofs Grozzolanus 1105, starb 1111 in Rom, als er HEINRICH V. vor dem Volkszorn verteidigte.
1134 wurde Guido di Ottone vom Abt von St. Gallen mit dem Fronhof Massino (Novara) investiert; von diesem Kernbesitz ging im 13. Jh. die territoriale Expansion der Familie in jenem Gebiet aus.
Der uns bekannte Spitzenahn der städtischen Linie, Uberto
Visconti ( 1249), hinterließ die Söhne Azzone, Andreotto und Obizzo.
Azzone, zuerst Kanoniker der Kathedrale, wurde Bischof von Ventimiglia (1251-1262); Obizzo, Consul iustitiae in Mailand (1263), wird 1258-1259 unter den Capitanen und Valvassoren genannt.
Auch Erzbischof Ottone, dem der Aufstieg der Familie zu verdanken ist, war wahrscheinlich ein Sohn Ubertos, da er als Groß-Onkel Matteos I.
Visconti (8. V.) bezeichnet wird. Von Urban IV., der die Macht der Römischen Kirche gegenüber der Kirche von Mailand und Mastino Della Torre, dem faktischen Signore der Stadt, durchsetzen wollte, zum Erzbischof ernannt, konnte Ottone, von den TORRIANI verbannt, vorerst sein Erzbistum nicht in Besitz nehmen und dirigierte aus dem Exil die Pars nobilium, die in erbitterter Gegnerschaft zu den DELLA TORRE stand, deren Macht sich auf die Popolaren stützte. Schließlich gelang es ihm, die DELLA TORRE in der Person Napos 1277 bei Desio zu besiegen. Mailand erkannte ihn nicht nur als Erzbischof, sondern auch als Signore an, womit die Grundlagen für den Aufstieg der Dynastie gelegt waren.
Sein Groß-Neffe Matteo (8. V.) erhielt zudem das Amt des Capitano del Popolo (1287) und wurde von ADOLF VON NASSAU 1294 zum Reichsvikar ernannt. Die guelfische Reaktion auf den Machtzuwachs der
VISCONTI verband sich mit dem Widerstand der TORRIANI und führte zu einer Reihe politischer und kriegerischer Auseinandersetzungen, an denen sich die Mitglieder der VISCONTI-Familie mit wechselhaftem Glück beteiligten.
Galeazzo I., der Sohn und Nachfolger Matteos in der Signorie (1322), wurde schließlich von LUDWIG DEM BAYERN seiner Macht enthoben und gefangengesetzt, weil er der Schaukelpolitik seines Verbündeten müde war.
Nach Galeazzos Tod (1328) trat sein Sohn Azzo(ne) (1. V.) die Nachfolge an, der die Macht des Hauses wiederherstellte, ebenso wie seine Onkel - Luchino und Erzbischof Giovanni -, die von 1339 bis 1354 über Mailand und sein Gebiet herrschten, die Grenzen des Territoriums erweiterten und den politischen Einfluß auf den Großteil von Mittel- und Nord-Italien ausdehnten.
Giovanni
, der seiner Familie die Erblichkeit des Signoren-Titels von Mailand gesichert hatte, aber ihn als Kirchenmann nicht seinem illegitimen Sohn Leonardo vererben konnte, wählte als Nachfolger die drei Söhne seines Bruders Stefano (1327), Matteo II., Bernabò (2. V.) und Galeazzo II. (5. V.) und schloß gewaltsam die Nachkommen Luchinos aus.
Die äußerst geschickte Heiratspolitik Galeazzos II. und vor allem Bernabòs führte zur Verbindung der
VISCONTI mit den Spitzen des europäischen Hochadels (siehe Stammtafel Visconti).
Als Gian Galeazzo (6. V.) seinem Onkel Bernabò und dessen Söhnen die Herrschaft entriß, ging die Nachfolge in dem 1395 von König WENZEL zum Herzogtum erhobenen Dominium auf seine legitimen Erben über:
Valentina (9. V.), Giovanni Maria (7. V.) und Filippo Maria (4. V.).
Nach dem Tod des Vaters (1402) wurde Giovanni Maria Herzog, fiel aber, ohne Erben zu hinterlassen, einer Mailänder Adelsverschwörung zum Opfer (1412).
Die Herzogswürde ging auf seinen fähigeren Bruder Filippo Maria über, der jedoch ebenfalls ohne männliche Erben starb.
Unter den zahlreichen Prätendenten auf die Nachfolge waren seine legitimierte natürliche Tochter Bianca Maria, Gemahlin Francesco Sforzas, und Charles d'Orléans, Sohn der Valentina
Visconti. Die Hauptlinie der VISCONTI erlosch mit Filippo Maria bzw. mit Bianca Maria, die dank der politischen und militärischen Fähigkeiten ihres Gemahls Herzogin von Mailand wurde.
Die meisten Nebenlinien starben im 18. Jharhundert aus; von Ubertino, Bruder Matteos I. leitet sich die noch bestehende Mailänder Familie der
VISCONTI, Markgrafen und später Herzöge von Modrone, ab.
F.M. Vaglienti

Literatur:
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 P. Litta, Famiglie celebri it., 1825-28
 EncIt XXXV, 1937, 440-442
 G. Barni, La formazione interna dello stato visconteo, ASL, LXVIII, 1941, 3-66
 N. Valeri, Apogeo e dissoluzione del dominio visconteo, 1950
 R. Romeo, Le origini della signoria viscontea, 1957
 F. Cognasso, I V., 1966
 C. Santoro, La politica finanziaria dei V. Documenti, 3 Bde., 1976-83
 G. Chittolini, La formazione dello stato regionale e le istituzioni del contado, 1979, 36-100
 C. Violante, La società milanese in età precomunale, 1981
 T. Zambarbieri, Castelli e castellani viscontei, 1989
 G. Soldi Rondinini, Chiesa milanese e signoria viscontea (1262-1402) (Diocesi di Milano, I, 1990, 285-331)
 L'età dei V., hg. L. Chiappa Mauri-L. de Angelis Cappabianca-P. Mainoni, 1993
 L. Frangioni, Milano fine Trecento. Il carteggio milanese dell'Archivio Datini di Prato, II. Testo e bibliografia, 1994, 509-619
 Diz. Biogr. delle Donne Lombarde, hg. R. Farina, 1995
 G. Lopez-F.M. Vaglienti, Milano. I V. e gli Sforza, 1995, 4-53
 R. Perelli Cippo, Tra arcivescovo e comune, 1995.


1. Visconti, Azzo (Azzone)
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* 1302 in Ferrara am Hof Azzos VIII., nach dem Azzo Visconti genannt wurde, 16. August 1339 in Mailand

Begraben: S. Gottardo

Sohn Galeazzos I. und der Beatrice, Tochter des Obizzo d'Este

Zum Vikar von Piacenza ernannt, mußte Azzo Visconti beim Tode seines Großvaters Matteo die Stadt verlassen, die sich gegen die VISCONTI-Herrschaft erhoben hatte (1322).
1325 besetzte er Borgo S. Donnino (Fidenza), machte sich kurz darauf zum Signore von Cremona und siegte bei Altopascio und Zappolino gegen die Bolognesen.
1327-1328 teilte er in Monza die Gefangenschaft seines Vaters, der von Kaiser LUDWIG DEM BAYERN, der der ständigen Schaukelpolitik der
VISCONTI müde war, eingekerkert worden war.
Durch geschickte Diplomatie erkaufte sich
Azzo Visconti nach dem Tode Galeazzos das Reichsvikariat über Mailand (15. Januar 1329).
Beim Papst erreichte er die Aufhebung des noch auf Mailand lastenden Interdikts, nicht jedoch die Lösung seines Hauses von der Exkommunikation, obwohl er auf das Vikariat verzichtete und den weniger kompromittierenden Titel eines »Signore generale« annahm (1330). Ein Meister in der Kunst des politischen Doppelspiels, unterwarf sich
Azzo Visconti in Brescia dem Böhmen-König Johann von Luxemburg, einem Führer der Guelfenpartei, und ließ ihn am 8. Mai 1331 vom Stadtrat zum »Signore generale« von Mailand proklamieren und sich selbst zu dessen Vikar ernennen. Gleichzeitig trat er der Liga von Castelbaldo bei, besetzte dank der Verbündeten Bergamo (27. September 1332) und besiegte dann den Böhmen-König in Ferrara (1332).
Danach eroberte er Treviglio, Vercelli und Cremona (1334), Como, Lecco - wo er die berühmte Brücke errichten ließ -, Lodi, Crema, Caravaggio und Romano (1335);
1336 besetzte er von neuem Borgo S. Donnino und Piacenza.
Im Krieg zwischen Verona und Venedig stand er auf Seiten der Serenissima und besetzte Brescia (1337). Aus Rache half Mastino della Scala dem exilierten Lodrisio Visconti, mit entlassenen deutschen Söldnertruppen die Compagnia di S. Giorgio zu gründen, die in Mailand einfiel, jedoch am 21. Februar 1339 bei Parabiago eine schwere Niederlage erlitt.
Wenige Monate danach starb
Azzo Visconti an Podagra, ohne von seiner Gattin Caterina, Tochter Ludwigs II. von Savoyen (oo 1330), männliche Erben erhalten zu haben.
Die Signorie ging daher auf seine Onkel Luchino und Erzbischof Giovanni über.
Azzo Visconti war auf das Wohl aller Städte, deren Signore er geworden war, bedacht, maßvoll in der Rechtsprechung und beim Einziehen von Abgaben (er schuf das Amt des »exgravator«, der die Ausgewogenheit der Steuerlast kontrollieren sollte), gab Mailand neue Statuten und traf städtebauliche Verbesserungen (Bau des heutigen Palazzo Reale; Erweiterung der Stadtmauern).
F.M. Vaglienti


2. Visconti, Bernabò
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* 1323, 19. Dezember 1385

zweiter Sohn des Stefano und der Valentina Doria

oo 1350 auf Wunsch seines Onkels Regina, Tochter des Mastino della Scala, mit der er 17 Kinder hatte (siehe Stammtafel V.) und die er so hoch schätzte, daß er für sie die Kirche S. Maria della Scala erbaute (nach der das Teatro della Scala benannt ist).
Ursprünglich für die kirchliche Laufbahn und das Jurastudium bestimmt, zeigte er sehr bald eine Neigung zur Gewalttätigkeit und zog das Kriegshandwerk vor. Dadurch bedeutete er eine ständige Gefahr für die Herrschaft seines Onkels Luchino, der deshalb ihn und seine Brüder 1346 verbannte (Exil in Flandern und Frankreich).
1349 wurde er von seinem Onkel, dem Erzbischof Giovanni, zurückgerufen, der in den Söhnen Stefanos die ideale Unterstützung seiner Signorie sah. Im gleichen Jahr erkannte das Consiglio generale der Stadt
Bernabò Visconti und seine beiden Brüder als legitime Nachfolger in der Signorie an.
Nach Erzbischof Giovannis Tod (1354) erkauften die VISCONTI-Brüder von Kaiser KARL IV. das Reichsvikariat und sicherten sich durch die Wahl des Roberto Visconti zum Erzbischof die Kontrolle über die Kirche von Mailand. Der städtische Consiglio bestätigte ihnen den Titel »domini generales« und ließ das Los über die verschiedenen Herrschaftsanteile entscheiden:

Bernabò
Visconti erhielt das Gebiet jenseits der Adda (Bergamo, Brescia, Cremona und Crema); nach dem Tode Matteos II. 1355 (wahrscheinlich durch Bruderhand vergiftet) kamen noch Lodi, Piacenza und Parma hinzu. Auch Mailand selbst wurde unter den beiden überlebenden Brüdern aufgeteilt.
Als Galeazzo sich klugerweise nach Pavia zurückzog, beherrschte
Bernabò Visconti schließlich die ganze Stadt und konnte sich der Tätigkeit widmen, die ihm, abgesehen von der Jagd, am liebsten war, dem Kriegführen.
1359 ging er daran, Bologna zurückzuerobern, das inzwischen von Giovanni da Oleggio (illegitimer Sohn des Erzbischofs Giovanni Visconti) an die Kirche abgetreten worden war. Der Papst exkommunizierte
Bernabò Visconti 1362, rief zu einem Kreuzzug gegen ihn auf und versprach ihm schließlich 500.000 Florin, wenn er auf Bologna verzichtete.
1367 kämpfte
Bernabò Visconti gegen die Liga, die Urban V. und Kardinal Albornoz in Italien gegründet hatten und der 1368 auch KARL IV. beitrat, die schließlich am 11. Februar 1369 durch einen Friedensschluß beendet wurde.
Im folgenden Jahr kam es erneut zu einem Zusammenstoß zwischen
Bernabò Visconti und dem Papst und dessen Bündnispartner Florenz, da Bernabò Visconti den Kondottiere John Hawkwood den gegen die Kirche rebellierenden Peruginern zu Hilfe gesandt hatte. Wiederum endete der Krieg ohne Ergebnisse (Frieden von Bologna, November 1370).
1371 bis 1375 kämpfte
Bernabò Visconti mit Niccolò II. d'Este, letztlich erfolgreich, um Reggio Emilia.
Nach einem fruchtlosen Bündnis mit Florenz gegen Bologna, das militärisch und politisch im Juli 1378 zum Abschluß kam, beanspruchte
Bernabò Visconti im Gebiet von Verona die Rechte seiner Frau auf Kosten der illegitimen Söhne des Cansignorio della Scala, die ihm lieber 440.000 Florin zahlten (1379), als sich in blutige und kostspielige Kriege verwickeln zu lassen.
1382 gewährte
Bernabò Visconti Ludwig von Anjou Waffenhilfe bei dessen Italien-Feldzug (Johanna I., Neapel, Königreich).
Am 6. Mai 1385 wurde er von seinem Neffen und Schwieger-Sohn Gian Galeazzo (6. V.) gefangengenommen und starb - vielleicht eher an den Folgen der Haft als durch Gift - am 19. Dezember des gleichen Jahres (Grabmal von Bonino da Campione heute im Museum Castello Sforzesco in Mailand).
F.M. Vaglienti


3. Visconti, Elisabetta
 
® Elisabeth, 12. E., Hzgn. v. Bayern-München

12. Elisabeth, Herzogin von Bayern-München
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* um 1374, 2. Februuar 1432 in München

Begraben. ebd.; Dom

Tochter des Bernabò Visconti, Signore von Mailand und vormaligen Reichsvikars

oo 24. Februar 1396 Herzog Ernst von Bayern-München:
die letzte der vier Eheverbindungen der VISCONTI mit den bayerischen WITTELSBACHERN.
Elisabeth brachte ihrem Gemahl ein Heiratsgut von 75000 fl. zu.
G. Schwertl


4. Visconti, Filippo Maria, dritter Herzog von Mailand
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* 3. September 1392 in Mailand, 13. August 1447

Zweiter Sohn des Gian Galeazzo [6. V.] und der Tochter Bernabòs, Caterina.
Nach dem Tod des Vaters (1402) erbte er Titel und Grafschaft Pavia und die Signorie über Novara, Vercelli, Alessandria, Tortona, Verona, Vicenza, Feltre, Belluno, Bassano, Riva di Trento und die Ländereien jenseits des Mincio. Heftige Faktionskämpfe nach dem Tod Gian Galeazzos schwächten die Regentschafts-Regierung und beschleunigten die territoriale Aufsplitterung des Dominiums:
Padua, Feltre und Belluno, Verona und Vicenza wurden von Venedig erobert, in anderen Städten versuchten die alten Familien, ihre Autonomie zurückzugewinnen. Um Pavia dem Herzogtum zu bewahren, setzte die Regentin Caterina
Filippo Maria Visconti 1403 dort ein, um, zumindest nominell, der effektiven Machtergreifung der Familie BECCARIA und später des Facino Cane (1410) entgegenzuwirken.
Nach der Ermordung Giovanni Marias durch eine Adelsverschwörung heiratete
Filippo Maria Visconti auf Vorschlag getreuer Ratgeber die Witwe Facinos, Beatrice di Tenda, Gräfin von Biandrate, die zwar beträchtlich älter war als Filippo Maria Visconti, aber die Ländereien, das starke Söldnerheer und den Reichtum ihres Mannes geerbt hatte.
Nach dem Sieg über Bernabòs Sohn Astorre und seinen Enkel Giovanni Carlo, die inzwischen in Mailand die Herrschaft angetreten hatten, zog
Filippo Maria Visconti am 16. Juni 1412 in die Stadt ein. Giovanni flüchtete zu Kaiser SIEGMUND, der danach trachtete, das lombardische Herzogtum für das Reich zurückzugewinnen und einen Feldzug gegen Filippo Maria Visconti zu unternehmen, den er jedoch 1415 abbrechen mußte.
Am 15. Februar 1416 erhielt
Filippo Maria Visconti die kaiserliche Legitimierung seiner lombardischen Titel und Privilegien und schritt zur Wiedergewinnung aller Teile seines Herrschaftsgebiets. Teils durch Rückeroberung, teils durch Kauf fielen Como, Lodi (1416), Vercelli, Trezzo d'Adda, Piacenza (1418), Cremona (1420), Parma, Reggio, Bergamo und Brescia wieder an die VISCONTI-Herrschaft.
Am 21. Dezember 1421 kapitulierte Genua vor Carmagnola. Kaiser SIEGMUND erkannte die Notwendigkeit von Handelsbeziehungen zwischen Mailand und den rheinischen Städten und zeigte sich in Geheimverhandlungen (1418) bereit,
Filippo Maria Visconti als Herzog zu investieren. Obgleich die Allianz- und Friedensverträge Eingriffe des Herzogs jenseits der Linie Pontremoli-Crostolo ausschlossen, griff er als Antagonist von Florenz in Forlì ein und eroberte das Zentrum der Signorie der MALATESTA, Borgo Sansepolcro (1422-1424). Daraufhin unterstützten das - offiziell neutrale - Venedig und Amadeus VIII. von Savoyen Florenz (1426) und übertrugen Carmagnola die militärische Leitung der Allianz. Die Folgen der schweren Niederlage bei Maclodio (11. Oktober 1427) konnte Filippo Maria Visconti durch ein Bündnis mit dem Herzog von Savoyen mildern (Abtretung von Vercelli 1427, wohl nie vollzogene Ehe mit dessen Tochter Maria).
Filippo Maria Visconti, der von Kindheit an kränklich gewesen war, zeigte nun auch Anzeichen mentaler Störungen, die zwar seine politischen Fähigkeiten noch nicht beeinträchtigten, ihn aber zu einem normalen Leben unfähig machten. In dem mit Venedig und Florenz geschlossenen Frieden von Ferrara (19. April 1428) trat der Herzog unter anderem Brescia und Bergamo an Venedig ab; Mailand wurde jede Einmischung in der Romagna und Toskana untersagt. Dennoch schickte Filippo Maria Visconti seinen besten Heerführer und Verlobten seiner legitimierten natürlichen Tochter Bianca Maria (von seiner Geliebten Agnese del Maino), Francesco Sforza, dem von Florenz bedrängten Lucca zu Hilfe (1430). Durch die Papstwahl des Venezianers G. Condulmer (Eugen IV.) konnten Florenz und Venedig eine massive Offensive gegen Filippo Maria Visconti organisieren, die mit dem 2. Frieden von Ferrara (26. April 1433) endete.
Filippo Maria
Visconti konzentrierte seine militärischen Operationen nun auf die Romagna, in der der Papst die Autorität des Heiligen Stuhls nicht völlig durchsetzen konnte, und auf den Süden, wo er im Kampf um das Königreich Neapel anfänglich René von Anjou unterstützte, dann aber mit Alfons I. (V.) von Aragón ein Geheimabkommen schloß, das die Aufteilung Italiens in zwei große Einflußbereiche (Mittel- und Nord-Italien bis unterhalb von Bologna unter Filippo Maria Viscontis Herrschaft, der Süden unter Alfons) vorsah.
Florenz und Venedig (mit Francesco Sforza als Kondottiere) bekämpften daraufhin den Mailänder Vorstoß (Barga 1437, Anghiari 1440) und unterstützten die ANJOU in Neapel. Die Unzuverlässigkeit seiner Heerführer zwang den Herzog zum Friedensschluß (Cavriana, 20. November 1441). Eine unbesonnene Schaukelpolitik trieb
Filippo Maria Visconti in den letzten Regierungsjahren in die politische Isolation, so daß Venedig darangehen konnte, die Gebiete der VISCONTI-Herrschaft systematisch zu erobern. Als nach dem Sieg über die herzoglichen Truppen bei Casalmaggiore (1446) die Serenissima sogar Mailand bedrohte, rief der letzte, nunmehr schwerkranke, Filippo Maria Visconti seinen Schwieger-Sohn zu sich, um den Bestand des Herzogtums zu sichern (Sforza, Ambrosianische Republik).
F.M. Vaglienti


5. Visconti, Galeazzo II.
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* um 1325, 4. August 1378

dritter Sohn des Stefano und der Valentina Doria

oo 1350 auf Wunsch seines bischöflichen Oheims Blanca von Savoyen, die Schwester Amadeus' VI.

Er lebte mit seiner Mutter unter dem Schutz des Cousins Azzone und begab sich um 1343 mit dem Grafen von Hennegau nach Palästina und anschließend nach Flandern.
Nach seiner Rückkehr nach Mailand wurde er zusammen mit seinen Brüdern exiliert, da er eine mögliche Gefahr für die legitime Nachfolge seines Onkels Luchino darstellte.
Galeazzo II. Visconti fand bis 1348 bei Amadeus VI. von Savoyen Zuflucht, dann verbündete sich der Graf mit Luchino und zwang Galeazzo II. Visconti zur Flucht. Er fand Aufnahme im Waadtland bei der Witwe seines Cousins Azzone, Katharina von Savoyen.
1349 wurde er von seinem Oheim, Erzbischof Giovanni, der alleiniger Signore von Mailand geworden war, zurückgeholt.
Im gleichen Jahr erkannte das Consiglio Generale der Stadt offiziell Matteo, Bernabò und
Galeazzo II. Visconti als legitime Nachfolger für die Signorie an. In demselben Jahr besetzte er Bologna.
Nach dem Tod des mächtigen Erzbischofs 1354 erhielt
Galeazzo II. Visconti von dem städtischen Consiglio die Signorie über das nordwestliche Territorium (Como, Novara, Vercelli, Asti, Alba, Alessandria und Tortona), zu dem nach dem Tod Matteos II. (1355) auch Vigevano und die Gebiete am Oberlauf des Tessin traten. Im Westen durch die Expansionspläne Johannes' II. Palaiologos von Montferrat gegenüber Mailand, die von der antivisconteischen kaiserlichen Politik gefördert wurden, in Schach gehalten, verlor Galeazzo II. Visconti Asti, eroberte aber 1360 Pavia, wobei er von KARL IV., der eine Schaukelpolitik betrieb, auch die Bestätigung des Vikariats für seine alten und neuen Besitzungen erwirkte.
Im gleichen Jahr schloß er die Verhandlungen für die Vermählung seines einzigen männlichen Erben, Gian Galeazzo (6. V.), mit Isabella von Valois ab.

Galeazzo II.
Visconti fuhr in der Verteidigung der Westgrenzen seines Herrschaftsgebietes fort, die 1376 von seinem Schwager bedroht wurden, verlor zwar die Gebiete um Vercelli, konnte Amadeus VI. jedoch das Protektorat über Montferrat entziehen. Er überließ Mailand seinem Bruder Bernabò (2. V.), zog sich nach Pavia zurück und ließ dort ein prachtvolles Kastell inmitten eines Parks erbauen, ausgestattet mit einer reichen Bibliothek. An seinem Hof umgab er sich mit berühmten Literaten und Künstlern, darunter auch Petrarca. Auch die Gründung der Universität von Pavia geht auf ihn zurück. Für Kunst und Kultur aufgeschlossen, hatte Galeazzo II. Visconti auch sehr grausame Charakterzüge:
So führte er (nicht Bernabò) die für Staatsverräter bestimmte »Quaresima« ein: eine 40 Tage dauernde Tortur, in der zwischen den Folterungen jeweils Pausen eingelegt wurden.
F.M. Vaglienti


6. Visconti, Gian Galeazzo, erster Herzog von Mailand
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* 16. Oktober 1351
, 3. September 1402 in Melegnano

Sohn Galeazzos II. und der Blanca von Savoyen, Schwester Graf Amadeus' VI.

In früher Jugend wurde er mit Isabella von Valois ( 1372), der Tochter König Johanns II. von Frankreich, verlobt, der nach der Niederlage bei Poitiers (1355) König Eduard III. von England ein Lösegeld von 4.000.000 Écus zahlen mußte und für die ihm von Galeazzo II. gebotenen 300.000 Scudi die Verschwägerung akzeptierte.
Gian Galeazzo Visconti führte seit 1361 nach der Mitgift Isabellas, der Grafschaft Vertus (Champagne), den Titel »Conte di Virtù«. Der Ehe (1365) entstammten die Tochter Valentina (1366) und die Söhne Azzone (1369-1380), Carlo (1372-1376) und Gian Galeazzo ( 1376).
1372 leitete
Gian Galeazzo Visconti die Eroberung von Asti.
Am 8. Januar 1375 erklärte ihn sein Vater für großjährig, um seine Rechte vor dem präpotenten Bernabò (2. V.) zu schützen, und übergab ihm die Herrschaft über alle Gebiete westlich des Tessin.
Nach dem Tode Galeazzos II. ließ sich
Gian Galeazzo Visconti in Pavia nieder und unterwarf sich scheinbar einige Jahre lang der Herrschaft des Onkels Bernabò, dessen Tochter Caterina er 1380 heiratete. Daß Gian Galeazzo Visconti sich nicht mit der Überlegenheit des Onkels abfinden wollte, beweist, daß er schon 1379 von König WENZEL das Vikariat erwirkte. Nach wachsenden Spannungen mit Bernabò (nicht zuletzt um Jagdrechte) ließ Gian Galeazzo Visconti am 6. Mai 1385 den Onkel und dessen Söhne Ludovico und Rodolfo bei einem informellen Zusammentreffen gefangennehmen und in das Kastell von Porta Giovia bringen. Gian Galeazzo Visconti bemächtigte sich der Stadt und der Schätze Bernabòs und ließ sich vom Rat der 900 zum Dominus generalis proklamieren.
Nachdem er sich die Kontrolle über die Markgrafschaften Monferrat und Saluzzo und die Neutralität des Hauses SAVOYEN gesichert hatte, begann
Gian Galeazzo Visconti mit einem gewaltigen Eroberungs-Feldzug im Veneto und in der Toskana, um das größte Ziel der VISCONTI zu erreichen, den Titel eines Königs der Lombardei und Tusziens. Gian Galeazzo Viscontis Unterstützung Urbans IV. gegen seinen avignesischen Rivalen ließ diesen Plan als realisierbar erscheinen.
1386 begann
Gian Galeazzo Visconti zum Ruhm der Stadt und seines Hauses mit dem Bau des Mailänder Domes (? S. Maria) aus weißrötlichem Candoglia-Marmor.
Ein Abkommen mit Venedig ermöglichte es ihm, die Signorie der DELLA SCALA zu stürzen und Verona und Vicenza in seine Gewalt zu bringen (1387). Auf den von Florenz initiierten Versuch, ein Anti-Visconti-Bündnis mit den deutschen Fürsten, die mit den Nachkommen Bernabòs verschwägert waren, mit den Grafen von Savoyen und mit Frankreich zustandezubringen, und auf die neue Konsolidierung der CARRARA-Herrschaft in Padua (1390) reagierte er durch die Verheiratung seiner Tochter Valentina (9. V.) mit Herzog Ludwig von Orléans. Um den wachsenden französischen Einfluß auf italienischem Boden auszugleichen, erwirkte er von König WENZEL für sich und die legitimen männlichen Nachkommen die Investitur mit dem Herzogtum Mailand (11. Mai 1395), die Grafentitel von Angera und Pavia (1396) und schließlich den Herzogstitel der Lombardei (1397).

Gian Galeazzo
Visconti reorganisierte und zentralisierte das Herzogtum durch legislative Maßnahmen, sicherte sich die Kontrolle über die Vergabe der Kirchenlehen und errichtete neue politische, diplomatische, juristische und administrative Institutionen und Steuerbehörden. Er förderte die Universität Pavia als Ausbildungsstätte für seinen Beamtenapparat und unterstützte die Wirtschaft unter anderem durch Steuerentlastungen, Privilegien und internationale Handelsverträge. Um die Beziehungen mit Frankreich - dessen Neutralität er für seine Expansionspolitik benötigte - nicht zu trüben, verzichtete er nach der Einnahme Carraras und der Lunigiana auf seine Eroberungspläne bezüglich Genua und Savona zugunsten des französischen Königs (1396). Er brachte Pisa unter die Oberherrschaft Mailands, besetzte Perugia, Assisi und Siena und wandelte Lucca in eine Art Protektorat um.
Das bedrohte Florenz fand in RUPRECHT VON DER PFALZ, als politischer Gegenspieler WENZELS den VISCONTI feindlich gesonnen, einen Verbündeten. Bei seinem Italien-Feldzug erlitt der deutsche König jedoch eine schwere Niederlage bei Brescia (1401).
Der plötzliche Tod des Herzogs, vielleicht an der Pest oder an einem Fieber, bewahrte Florenz vor der Übergabe an die
VISCONTI. Gian Galeazzo Viscontis Testament (1397) zeigt das Bestreben, nach dem Vorbild der großen europäischen Dynastien die Sakralität seiner Person und seiner Nachkommen (Giovanni Maria [7. V.], Filippo Maria [4. V.], legitimierter unehelicher Sohn Gabriele Maria) zu betonen.
F.M. Vaglienti


7. Visconti, Giovanni Maria, 2. Herzog von Mailand
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* 7. September 1388, 16. Mai 1412 (ermordet)

Erster Sohn des Gian Galeazzo und dessen zweiter Frau Caterina, Tochter des Bernabò Visconti

Nach dem plötzlichen Tod Gian Galeazzos (1402) trat er aufgrund der testamentarischen Verfügungen des Vaters die Nachfolge im Herzogtum an. Er unterstand aber der Regentschaft seiner Mutter Caterina und des Consiglio Segreto, nicht allein wegen seiner Minderjährigkeit, sondern auch infolge des Mißtrauens, das sein Vater ihm gegenüber wegen seines düsteren Charakters gehegt hatte; Gian Galeazzo zog ihm von Anfang an seinen zweiten Sohn Filippo Maria (4. V.) vor, dem er testamentarisch eine Reihe von Herrschaften zuwies, die die Gebiete von
Giovanni Maria Visconti kreisförmig einschlossen, wodurch die Brüder zu einer gemeinsamen Politik gezwungen wurden.
Giovanni Maria Visconti fielen außer dem Herzogtum Mailand Brescia, Cremona, Bergamo, Como, Lodi, Piacenza, Parma, Reggio Emilia, Bobbio und Bologna zu, zumindest in der Theorie. Die Machthaber der Apenninen-Halbinsel benutzten die Krise nach dem Tode Gian Galeazzos und fachten geschickt die Parteikämpfe im Inneren des Herzogtums an, um die verlorenen Herrschaften wiederzugewinnen. Bonifaz XI. erhielt auf diese Weise Bologna, Perugia und Assisi zurück (25. August 1403) und gab damit den Anstoß zur raschen Aufsplitterung der Mailänder Herrschaft durch die alten lombardischen Familien, die ihre frühere Führungsposition erneut einnahmen:
die BECCARIA wurden wieder Signoren von Pavia, die VIGNATI von Lodi, die BENZONI von Crema, CABRINO FONDULO wurde Signore von Cremona.
Anfang 1404 versuchte Caterina mit Hilfe ihres Ratgebers Francesco Barbavera mit Gewalt, die ghibellinische Faktion in der Stadt zurückzudrängen. Ihre Führer trieben jedoch den schwachen
Giovanni Maria Visconti zur Rebellion. Caterina wurde mit den Vertretern der guelfischen Partei aus Mailand vertrieben und zog sich zur Organisierung eines Gegenschlags nach Monza zurück. Durch Verrat gefangengenommen, starb sie jedoch am 17. Oktober des gleichen Jahres, vielleicht durch Gift.
Umgeben von Kondottieren, die unter dem Anschein,
Giovanni Maria Viscontis Herrschaft zu verteidigen, rücksichtslos ihre eigenen Interessen vertraten, stand der Herzog machtlos der Zersplitterung des Herzogtums gegenüber, das im Inneren in eine Reihe persönlicher Signorien zerfiel. Sowohl Facino Cane, der sich eines riesigen Territoriums in Piemont und der Lombardei bemächtigt hatte (unter anderem Alessandria, Novara, Tortona, Piacenza), als auch die kommunalen Behörden, die ihm die Finanzverwaltung Mailands und des Contado entzogen hatten, beraubten ihn seiner effektiven Autorität. Als die wenigen Giovanni Maria Visconti treu gebliebenen Kondottieren, wie Jacopo dal Verme, von ihm aus Neid oder Mißtrauen entfernt worden waren, stand er völlig isoliert da und fiel am 16. Mai 1412 einer ghibellinischen Adelsverschwörung zum Opfer, die die Rückkehr der Erben Bernabòs zur Macht plante.
F.M. Vaglienti


8. Visconti, Matteo I.
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* 15. August 1250 in Invorio (Novara)
24. Juni 1322 in Crescenzago

Sohn des Tebaldo (von den TORRIANI 1276 in Gallarate ermordet) und der Anastasia Pirovano

1269 oo Bonacossa Borri (13. Januar 1321), Tochter des Squarcino, des Anführers der verbannten Adligen, die den exilierten Erzbischof Ottone
Visconti unterstützten.
Als der Erzbischof 1277 Signore von Mailand geworden war, ließ er seinen Groß-Neffen
Matteo I. Visconti 1287 zum Capitano del Popolo wählen (seit 1289 Amtszeit auf fünf Jahre verlängert). Nach dem Sieg über Markgraf Wilhelm von Montferrat (1290) erhielt Matteo I. Visconti das Kapitanat von Vercelli, 1292 das von Alessandria und Como und 1294 das Kapitanat über das Montferrat. Im gleichen Jahr erwirkte er mit Hilfe seines bischöflichen Groß-Onkels von ADOLF VON NASSAU die Ernennung zum Reichsvikar der Lombardei (1298 von ALBRECHT I. bestätigt).
1302 zwang ihn die von Alberto Scotti, dem Signore von Piacenza, angeführte Liga ins Exil (Nogarole bei Verona).
Die Gelegenheit zum Gegenschlag kam 1310 mit dem Italienzug HEINRICHS VII.:
Matteo I. Visconti huldigte ihm in Asti, zog mit ihm in Mailand ein und vertrieb durch eine Intrige Guido Della Torre und dessen Parteigänger aus der Stadt. 1311 bestätigte HEINRICH VII. gegen eine Geldleistung das Reichsvikariat. Die Stärkung der ghibellinischen Partei in Italien, die vom Kaiser unterstützt wurde, ermöglichte es Matteo I. Visconti, sein Expansionsprogramm wiederaufzunehmen, das zum großen Teil durch dem Klerus auferlegte Steuern finanziert wurde.
1315 beherrschte er, direkt oder durch seine Söhne (Galeazzo I., Marco, Giovanni, Luchino, Stefano), Piacenza, Bergamo, Lodi, Como, Cremona, Alessandria, Tortona, Pavia, Vercelli und Novara.
Dynastische Machtkämpfe in Deutschland und der Plan Papst Johannes' XXII., in Italien ein guelfisches Reich zu schaffen, zwangen
Matteo I. Visconti, sich gegen antivisconteische Kreuzzüge zu verteidigen; manchmal reagierte er darauf mit Diplomatie (Verzicht auf das Reichsvikariat gegen den weniger kompromittierenden Titel eines »Signore Generale« von Mailand, 1317), manchmal mit den Waffen - so besetzte er, mit den gleichfalls von den päpstlichen Plänen bedrohten SCALIGERN, den BONACCOLSI und den SAVOYEN verbündet, Genua - und setzte schließlich auch sein Gold ein, indem er die guelfischen Führer Philipp von Valois (1320) und Herzog Heinrich von Kärnten (1322) bestach. Schließlich griff der Papst zum erprobten Mittel der Anklage wegen Häresie, auf die 1320 die Exkommunikation und 1321 das Interdikt über Mailand und im folgenden Jahr der Aufruf zum Kreuzzug gegen Matteo I. Visconti folgten.
Am 23. Mai 1322 dankte
Matteo I. Visconti, der eine Kompromißlösung dem offenen Zusammenstoß vorzog, zugunsten seines Sohnes Galeazzo I. (* 1277) ab.
F.M. Vaglienti


9. Visconti, Valentina (Valentine)
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* 1370, 4. Dezember 1408

Tochter von Gian Galeazzo
Visconti und Isabella von Frankreich, Tochter König Johanns II. (Jean le Bon); die Vermählung ihrer Eltern wurde 1360, zum Zeitpunkt des Vertrags von Brétigny, geschlossen, primär um mit Hilfe des Mailänder Geldes das Lösegeld für Johann den Guten aufzubringen.
Die Ehe zwischen Valentina und Ludwig, dem Bruder König Karls VI. und künftigen Herzogs von Orléans, der damals Herzog von Touraine war, wurde 1387 vertraglich geschlossen und am 17. August 1389 zu Melun gefeiert. Die Dos umfaßte die Grafschaft Asti und 450.000 Goldgulden, ergänzt durch weitere Summen. Insgesamt erhielt Ludwig 649.000 Goldgulden, die ihm den Kauf mehrerer großer Seigneurien (Grafschaften Dunois und Porcien) ermöglichten. Nach dem Tode Gian Galeazzos nahm Ludwig 1402 die Grafschaft Vertus in Besitz. -
Valentina hielt ihren Einzug in Paris am 22.-25. August 1389, anläßlich der Krönung der Königin Isabella.
Die Erkrankung Karls VI. zwang
Valentina 1396, den Hof zu verlassen, da sie von den Gegnern ihres Mannes beschuldigt wurde, den König vergiftet oder behext zu haben. Sie residierte fortan auf den Schlössern ihres Gemahls. Als Herzog Ludwig am 23. November 1407 dem vom Herzog von Burgund angestifteten Assassinat zum Opfer fiel, weilte Valentina auf Château-Thierry, von wo aus sie unverzüglich nach Paris reiste, um vor dem König Klage zu führen, doch erreichte sie nur die Einsetzung in die Vormundschaft ihrer Kinder, darunter auch des 'Bastards von Orléans' (Dunois), und das Recht, in die Lehen des Herzogs einzutreten.
Schließlich zog sie sich nach Blois zurück. Ihr letztes Lebensjahr stand ganz im Zeichen des Kampfes um die Rehabilitation ihres ermordeten Gemahls:
Als Führerin der Orléans-Partei erreichte sie (nach der öffentlichen Rechtfertigung des Assassinats als Tyrannen-Mord durch Jean Petit), daß ihr Anhänger Thomas du Bourg, Abt von Cerisy, vor dem versammelten Hof im großen Saal des Louvre eine Verteidigungsrede zugunsten Ludwigs halten konnte.
Die Herzogin hinterließ bei ihrem frühen Tode acht Kinder, unter ihnen
Charles d'Orléans, Herzog und Dichter (* 1394);
Philippe (* 1396);
Jean (* 1400), Vorfahr von Franz I.;
Marguerite, Vorfahrin von Anna von Bretagne.

Valentina
stand im Ruf hoher Weisheit und Tugend; die bereits von humanistischem Geist geprägten Dichter haben ihr Lob gesungen:
Eustache Deschamps und Honoré Bouvet, besonders aber die größte Autorin der Zeit, Christine de Pisan, die
Valentina als gute, in vorbildlicher Weise um die Erziehung ihrer Kinder besorgte Mutter rühmt.
F. Autrand