VISCONTI, FAMILIE
Stammtafel im Lexikon des Mittelalters Band IX (Anhang)
Lexikon des Mittelalters: Band VIII Spalte 1717
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Visconti, Familie
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Die von Herzog Gian Galeazzo (6. V.) Ende des
14. Jahrhunderts in Auftrag gegebene
Genealogie (Rückführung auf Grafen
von Angera,
denen Gregor der
Große 606 die Königshöfe in Mailand, Monza,
Treviglio und Angera
verliehen habe, mythische Gestalten wie Ottone, der während des
ersten
Kreuzzugs einen Sarazenen-König vor Jerusalem getötet und
dessen
Schlangenemblem übernommen habe und Galvano, dem wegen seiner
Verteidigung Mailands FRIEDRICH
I. BARBAROSSA die Signorie und die
Grafenwürde von Angera
entzogen und ihn zum Vicecomes,
»Visconte«, degradiert habe), ist als legendär
zu
betrachten. 1397 erwirkte der erste Herzog von Mailand aufgrund dieses
Stammbaums von König WENZEL die Anerkennung seiner
adligen Herkunft und
die Grafenwürde von Angera.
Wahrscheinlich ist die Familie mit der in karolingischer Zeit in Mailand
auftretenden Vicecomes-Würde
in Zusammenhang zu bringen - 863 ein
Valdericus Visconti -, die mit den OTBERTINERN, den Grafen der
Stadt,
verbunden war, die offenbar kein Interesse daran hatten, die Macht
über die Stadt selbst auszuüben.
Der erste urkundliche Beleg der
VISCONTI
(1157) bezeugt, daß die Familie ein Drittel des Zehnts der
Taufkirche von Marliano besaß und wahrscheinlich zur Gruppe der
großen Valvassoren (capitanei)
gehörte, die sich zur Zeit
Erzbischof Landulfs (Ende des 10.
Jahrhunderts)
gebildet hatte.
Mit dem Capitanat von
Marliano traten
die
VISCONTI offenbar
in die Militia
sancti Ambrosii ein,
wurden Vasallen des Erzbischofs und erwirkten den erblichen Vizegrafentitel. Die
vizegräflichen Privilegien (Ehrensitz neben dem Bischof sowie
Rechte auf die
Abgaben auf Maße und Gewichte, die Curadia [Marktzoll]) hatte die
Familie noch Mitte des 13. Jahrhunderts inne.
Als Fahnenwappen führten die
VISCONTI
eine Schlange, vielleicht ein Abbild der Schlange der Basilica
S. Ambrogio, die seit dem ersten Kreuzzug einen Sarazenen in ihrem
Rachen hält.
Anselmo
Visconti (1065
zusammen mit einem Ottone,
Sohn des
Eriprando belegt), wurde
vom Bischof von Mailand 1067 zum Papst gesandt,
Ottone
Visconti, Widersacher des
Erzbischofs Grozzolanus 1105,
starb 1111
in Rom,
als er HEINRICH V. vor dem
Volkszorn verteidigte.
1134 wurde Guido di
Ottone vom Abt von St. Gallen mit dem Fronhof Massino
(Novara)
investiert; von diesem Kernbesitz ging im 13. Jh. die territoriale
Expansion der Familie in jenem Gebiet aus.
Der uns bekannte Spitzenahn
der städtischen Linie, Uberto
Visconti († 1249), hinterließ die
Söhne Azzone, Andreotto und Obizzo.
Azzone, zuerst Kanoniker der
Kathedrale, wurde Bischof von
Ventimiglia (1251-1262);
Obizzo, Consul
iustitiae in Mailand (1263), wird 1258-1259 unter den Capitanen
und
Valvassoren genannt.
Auch Erzbischof Ottone, dem der Aufstieg der
Familie zu
verdanken ist, war wahrscheinlich ein Sohn Ubertos, da er als
Groß-Onkel Matteos I.
Visconti
(8. V.) bezeichnet wird. Von Urban IV.,
der die Macht der Römischen Kirche gegenüber der Kirche von
Mailand
und Mastino Della Torre,
dem faktischen Signore der Stadt, durchsetzen
wollte, zum Erzbischof ernannt, konnte Ottone,
von den TORRIANI
verbannt,
vorerst sein Erzbistum nicht in Besitz nehmen und dirigierte aus dem
Exil
die Pars nobilium, die in
erbitterter Gegnerschaft zu den DELLA
TORRE
stand, deren Macht sich auf die Popolaren stützte.
Schließlich
gelang es ihm, die DELLA TORRE
in der Person Napos 1277
bei Desio zu
besiegen. Mailand erkannte ihn nicht nur als Erzbischof, sondern auch
als
Signore an, womit die Grundlagen für den Aufstieg der Dynastie
gelegt waren.
Sein Groß-Neffe Matteo
(8. V.) erhielt zudem
das Amt
des Capitano del Popolo
(1287) und wurde von ADOLF VON
NASSAU 1294 zum
Reichsvikar ernannt. Die
guelfische Reaktion auf den Machtzuwachs der
VISCONTI
verband sich mit dem Widerstand der TORRIANI und führte zu
einer
Reihe politischer und kriegerischer Auseinandersetzungen, an denen sich
die
Mitglieder der
VISCONTI-Familie
mit wechselhaftem Glück beteiligten.
Galeazzo I., der Sohn und
Nachfolger Matteos in
der Signorie (1322),
wurde schließlich von LUDWIG
DEM BAYERN seiner Macht enthoben und
gefangengesetzt, weil er der Schaukelpolitik seines Verbündeten
müde war.
Nach Galeazzos Tod
(1328) trat sein Sohn Azzo(ne)
(1.
V.) die Nachfolge an, der die Macht des Hauses wiederherstellte,
ebenso
wie seine Onkel - Luchino und
Erzbischof Giovanni -, die von 1339 bis
1354
über Mailand und sein Gebiet herrschten, die Grenzen des
Territoriums erweiterten und den politischen Einfluß auf den
Großteil von Mittel- und Nord-Italien ausdehnten.
Giovanni, der
seiner Familie die Erblichkeit des
Signoren-Titels von Mailand gesichert
hatte, aber ihn als Kirchenmann nicht seinem illegitimen Sohn Leonardo
vererben konnte, wählte als Nachfolger die drei Söhne seines
Bruders Stefano († 1327), Matteo II., Bernabò (2. V.) und
Galeazzo II. (5. V.) und
schloß gewaltsam die Nachkommen Luchinos
aus.
Die äußerst geschickte Heiratspolitik Galeazzos II. und
vor allem Bernabòs
führte zur Verbindung der
VISCONTI mit den
Spitzen des europäischen Hochadels (siehe Stammtafel
Visconti).
Als Gian Galeazzo (6.
V.) seinem Onkel Bernabò
und dessen Söhnen die Herrschaft
entriß, ging die Nachfolge in dem 1395 von König WENZEL zum Herzogtum
erhobenen Dominium auf seine legitimen Erben über:
Valentina (9.
V.), Giovanni Maria (7.
V.) und Filippo Maria
(4. V.).
Nach dem Tod des
Vaters (1402) wurde Giovanni
Maria Herzog, fiel
aber, ohne Erben zu
hinterlassen, einer Mailänder Adelsverschwörung zum Opfer
(1412).
Die Herzogswürde ging auf seinen fähigeren Bruder
Filippo Maria über,
der jedoch ebenfalls ohne männliche Erben
starb.
Unter den zahlreichen Prätendenten auf die Nachfolge waren
seine legitimierte natürliche Tochter Bianca Maria, Gemahlin
Francesco Sforzas, und Charles d'Orléans, Sohn
der Valentina
Visconti. Die
Hauptlinie der
VISCONTI erlosch
mit Filippo
Maria bzw. mit Bianca
Maria, die dank der politischen und militärischen
Fähigkeiten ihres
Gemahls Herzogin von Mailand
wurde.
Die meisten Nebenlinien starben im 18.
Jharhundert aus; von Ubertino,
Bruder Matteos I. leitet
sich die noch
bestehende Mailänder Familie der
VISCONTI, Markgrafen
und später Herzöge
von Modrone,
ab.
F.M. Vaglienti
Literatur:
------------
P. Litta, Famiglie celebri it., 1825-28
EncIt XXXV, 1937, 440-442
G. Barni, La formazione interna dello stato visconteo, ASL,
LXVIII, 1941, 3-66
N. Valeri, Apogeo e dissoluzione del dominio visconteo, 1950
R. Romeo, Le origini della signoria viscontea, 1957
F. Cognasso, I V., 1966
C. Santoro, La politica finanziaria dei V. Documenti, 3
Bde., 1976-83
G. Chittolini, La formazione dello stato regionale e le
istituzioni del contado, 1979, 36-100
C. Violante, La società milanese in età
precomunale, 1981
T. Zambarbieri, Castelli e castellani viscontei, 1989
G. Soldi Rondinini, Chiesa milanese e signoria viscontea
(1262-1402) (Diocesi di Milano, I, 1990, 285-331)
L'età dei V., hg. L. Chiappa Mauri-L. de Angelis
Cappabianca-P. Mainoni, 1993
L. Frangioni, Milano fine Trecento. Il carteggio milanese
dell'Archivio Datini di Prato, II. Testo e bibliografia, 1994,
509-619
Diz. Biogr. delle Donne Lombarde, hg. R. Farina, 1995
G. Lopez-F.M. Vaglienti, Milano. I V. e gli Sforza, 1995,
4-53
R. Perelli Cippo, Tra arcivescovo e comune, 1995.
1.
Visconti, Azzo (Azzone)
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* 1302
in Ferrara am Hof Azzos VIII.,
nach dem Azzo Visconti genannt wurde, †
16. August
1339 in Mailand
Begraben: S. Gottardo
Sohn Galeazzos I.
und der Beatrice,
Tochter des Obizzo d'Este
Zum Vikar von Piacenza
ernannt,
mußte Azzo
Visconti beim
Tode seines Großvaters Matteo
die Stadt
verlassen, die sich gegen die VISCONTI-Herrschaft
erhoben hatte (1322).
1325 besetzte er Borgo S. Donnino (Fidenza), machte sich kurz
darauf zum Signore von Cremona
und siegte bei Altopascio und Zappolino
gegen die Bolognesen.
1327-1328 teilte er in Monza die Gefangenschaft
seines Vaters, der von Kaiser
LUDWIG DEM BAYERN, der der
ständigen
Schaukelpolitik der VISCONTI
müde war, eingekerkert worden war.
Durch geschickte Diplomatie erkaufte sich Azzo Visconti
nach dem Tode Galeazzos
das Reichsvikariat über Mailand
(15. Januar 1329).
Beim Papst
erreichte er die Aufhebung des noch auf Mailand lastenden Interdikts,
nicht jedoch die Lösung seines Hauses von der Exkommunikation,
obwohl er auf das Vikariat verzichtete und den weniger
kompromittierenden Titel eines »Signore
generale« annahm
(1330). Ein Meister in der Kunst des politischen Doppelspiels,
unterwarf
sich Azzo
Visconti in Brescia dem Böhmen-König
Johann von Luxemburg, einem
Führer der Guelfenpartei, und ließ ihn am 8. Mai 1331 vom
Stadtrat zum »Signore
generale« von Mailand proklamieren und
sich selbst zu dessen Vikar ernennen.
Gleichzeitig trat er der Liga von
Castelbaldo bei, besetzte dank der Verbündeten Bergamo (27.
September
1332) und besiegte dann den Böhmen-König in Ferrara (1332).
Danach eroberte er Treviglio, Vercelli und Cremona (1334), Como, Lecco
- wo er die berühmte Brücke errichten ließ -, Lodi,
Crema, Caravaggio und Romano (1335);
1336 besetzte er von neuem Borgo
S. Donnino und Piacenza.
Im Krieg zwischen Verona und Venedig stand er
auf Seiten der Serenissima und besetzte Brescia (1337). Aus Rache half
Mastino della Scala dem
exilierten Lodrisio Visconti,
mit entlassenen
deutschen Söldnertruppen die Compagnia di S. Giorgio zu
gründen, die in Mailand einfiel, jedoch am 21. Februar 1339 bei
Parabiago eine schwere Niederlage erlitt.
Wenige Monate danach starb Azzo
Visconti
an Podagra, ohne von seiner Gattin Caterina, Tochter Ludwigs II. von
Savoyen (oo 1330), männliche Erben erhalten zu haben.
Die Signorie
ging daher auf seine Onkel Luchino
und Erzbischof Giovanni über. Azzo
Visconti
war
auf das Wohl aller Städte, deren Signore er geworden war, bedacht,
maßvoll in der Rechtsprechung und beim Einziehen von Abgaben (er
schuf das Amt des »exgravator«,
der die Ausgewogenheit der
Steuerlast kontrollieren sollte), gab Mailand neue Statuten und traf
städtebauliche Verbesserungen (Bau des heutigen Palazzo Reale;
Erweiterung der Stadtmauern).
F.M. Vaglienti
2.
Visconti, Bernabò
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* 1323, † 19. Dezember
1385
zweiter Sohn des Stefano und
der Valentina Doria
oo 1350 auf Wunsch seines Onkels Regina, Tochter des Mastino della
Scala, mit der er 17 Kinder hatte (siehe Stammtafel V.) und die
er so hoch
schätzte, daß er für sie die Kirche S. Maria della
Scala erbaute (nach der das Teatro della Scala benannt ist).
Ursprünglich
für die kirchliche Laufbahn
und das Jurastudium bestimmt, zeigte er
sehr bald eine Neigung zur Gewalttätigkeit und zog das
Kriegshandwerk vor. Dadurch bedeutete er eine ständige Gefahr
für die Herrschaft seines Onkels Luchino, der deshalb ihn und
seine Brüder 1346 verbannte (Exil in Flandern und Frankreich).
1349 wurde er von seinem Onkel, dem Erzbischof
Giovanni,
zurückgerufen,
der in den Söhnen Stefanos
die ideale Unterstützung seiner
Signorie sah. Im gleichen Jahr erkannte das Consiglio generale der
Stadt Bernabò
Visconti
und seine beiden Brüder als legitime Nachfolger in der
Signorie an.
Nach Erzbischof Giovannis Tod (1354) erkauften
die
VISCONTI-Brüder von Kaiser KARL IV. das Reichsvikariat und sicherten sich
durch die Wahl des Roberto
Visconti zum Erzbischof die Kontrolle über die
Kirche von Mailand. Der städtische Consiglio bestätigte ihnen den
Titel »domini generales«
und ließ das Los über
die verschiedenen Herrschaftsanteile entscheiden:
Bernabò
Visconti erhielt das
Gebiet jenseits der Adda (Bergamo, Brescia, Cremona und Crema); nach
dem Tode Matteos II. 1355
(wahrscheinlich durch Bruderhand vergiftet)
kamen noch Lodi, Piacenza und Parma hinzu. Auch Mailand selbst wurde
unter den beiden überlebenden Brüdern aufgeteilt.
Als
Galeazzo sich klugerweise
nach Pavia zurückzog, beherrschte Bernabò
Visconti
schließlich die ganze Stadt und konnte sich der Tätigkeit
widmen, die ihm, abgesehen von der Jagd, am liebsten war, dem
Kriegführen.
1359 ging er daran, Bologna zurückzuerobern, das
inzwischen von Giovanni da
Oleggio (illegitimer Sohn des Erzbischofs
Giovanni
Visconti) an die Kirche abgetreten worden war. Der Papst
exkommunizierte Bernabò
Visconti
1362, rief zu einem Kreuzzug gegen ihn auf und
versprach ihm schließlich 500.000 Florin, wenn er auf Bologna
verzichtete.
1367 kämpfte Bernabò
Visconti
gegen die Liga, die Urban V. und
Kardinal Albornoz in Italien
gegründet hatten und der 1368 auch KARL
IV. beitrat, die schließlich am 11. Februar 1369 durch
einen
Friedensschluß beendet wurde.
Im folgenden Jahr kam es erneut zu
einem Zusammenstoß zwischen Bernabò
Visconti und dem Papst und dessen
Bündnispartner Florenz, da Bernabò
Visconti den Kondottiere
John Hawkwood den
gegen die Kirche rebellierenden Peruginern zu Hilfe gesandt hatte.
Wiederum endete der Krieg ohne Ergebnisse (Frieden von Bologna,
November
1370).
1371 bis 1375 kämpfte Bernabò
Visconti mit Niccolò
II. d'Este,
letztlich erfolgreich, um Reggio Emilia.
Nach einem fruchtlosen
Bündnis mit Florenz gegen Bologna, das militärisch und
politisch im
Juli 1378 zum Abschluß kam, beanspruchte Bernabò
Visconti im Gebiet von Verona
die Rechte seiner Frau auf Kosten der illegitimen Söhne des
Cansignorio della Scala,
die ihm lieber 440.000 Florin zahlten (1379),
als sich in blutige und kostspielige Kriege verwickeln zu lassen.
1382
gewährte Bernabò
Visconti
Ludwig von Anjou
Waffenhilfe bei dessen
Italien-Feldzug (Johanna I.,
Neapel, Königreich).
Am 6. Mai 1385 wurde er von
seinem Neffen und Schwieger-Sohn Gian
Galeazzo (6. V.) gefangengenommen
und starb - vielleicht eher an den Folgen der Haft als durch Gift - am
19. Dezember des gleichen Jahres (Grabmal von Bonino da Campione heute
im
Museum Castello Sforzesco in Mailand).
F.M. Vaglienti
3.
Visconti, Elisabetta
® Elisabeth, 12. E., Hzgn. v. Bayern-München
12. Elisabeth, Herzogin von Bayern-München
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* um 1374, † 2. Februuar 1432
in
München
Begraben. ebd.; Dom
Tochter des Bernabò Visconti, Signore
von Mailand und vormaligen
Reichsvikars
oo 24. Februar 1396 Herzog Ernst von
Bayern-München:
die letzte der vier Eheverbindungen der VISCONTI
mit den bayerischen WITTELSBACHERN.
Elisabeth
brachte ihrem Gemahl ein Heiratsgut
von 75000 fl. zu.
G. Schwertl
4.
Visconti, Filippo Maria, dritter Herzog von
Mailand
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* 3. September 1392 in Mailand, †
13. August 1447
Zweiter Sohn des Gian Galeazzo
[6. V.] und der Tochter Bernabòs,
Caterina.
Nach dem Tod des Vaters (1402) erbte er Titel und Grafschaft Pavia
und die Signorie über Novara, Vercelli, Alessandria, Tortona,
Verona, Vicenza, Feltre, Belluno, Bassano, Riva di Trento und die
Ländereien jenseits des Mincio. Heftige Faktionskämpfe nach
dem Tod Gian Galeazzos
schwächten die Regentschafts-Regierung und
beschleunigten die territoriale Aufsplitterung des Dominiums:
Padua,
Feltre und Belluno, Verona und Vicenza wurden von Venedig erobert, in
anderen Städten versuchten die alten Familien, ihre Autonomie
zurückzugewinnen. Um Pavia dem Herzogtum zu bewahren, setzte die
Regentin Caterina Filippo
Maria
Visconti 1403 dort ein, um, zumindest nominell,
der
effektiven Machtergreifung der Familie
BECCARIA und später
des
Facino Cane (1410)
entgegenzuwirken.
Nach der Ermordung Giovanni
Marias
durch eine Adelsverschwörung heiratete Filippo Maria
Visconti auf Vorschlag getreuer
Ratgeber die Witwe Facinos,
Beatrice di Tenda, Gräfin von Biandrate, die
zwar beträchtlich älter war als Filippo Maria
Visconti, aber die Ländereien,
das starke Söldnerheer und den Reichtum ihres Mannes geerbt hatte.
Nach dem Sieg über Bernabòs
Sohn Astorre und seinen
Enkel
Giovanni Carlo, die
inzwischen in Mailand die Herrschaft angetreten
hatten, zog Filippo
Maria
Visconti am 16. Juni 1412 in die Stadt ein. Giovanni
flüchtete zu Kaiser SIEGMUND, der danach trachtete,
das lombardische Herzogtum
für das Reich zurückzugewinnen und einen Feldzug gegen Filippo
Maria
Visconti zu
unternehmen, den er jedoch 1415 abbrechen mußte.
Am 15. Februar 1416
erhielt Filippo
Maria
Visconti die kaiserliche Legitimierung seiner
lombardischen Titel und Privilegien
und schritt zur Wiedergewinnung aller Teile seines Herrschaftsgebiets.
Teils durch Rückeroberung, teils durch Kauf fielen Como, Lodi
(1416), Vercelli, Trezzo d'Adda, Piacenza (1418), Cremona (1420),
Parma, Reggio, Bergamo und Brescia wieder an die VISCONTI-Herrschaft.
Am 21.
Dezember 1421 kapitulierte Genua vor Carmagnola. Kaiser SIEGMUND erkannte die
Notwendigkeit von Handelsbeziehungen zwischen Mailand und den
rheinischen
Städten und zeigte sich in Geheimverhandlungen (1418) bereit, Filippo
Maria
Visconti
als Herzog zu investieren. Obgleich die Allianz- und
Friedensverträge Eingriffe des Herzogs jenseits der Linie
Pontremoli-Crostolo ausschlossen, griff er als Antagonist von Florenz
in Forlì ein und eroberte das Zentrum der Signorie der
MALATESTA, Borgo
Sansepolcro (1422-1424). Daraufhin unterstützten
das - offiziell neutrale - Venedig und Amadeus VIII. von Savoyen
Florenz
(1426) und übertrugen Carmagnola die militärische Leitung der
Allianz. Die Folgen der schweren Niederlage bei Maclodio (11. Oktober
1427) konnte Filippo
Maria
Visconti durch ein Bündnis mit dem Herzog von Savoyen
mildern
(Abtretung von Vercelli 1427, wohl nie vollzogene Ehe mit dessen
Tochter Maria).
Filippo
Maria
Visconti, der von Kindheit an kränklich
gewesen war,
zeigte nun auch Anzeichen mentaler Störungen, die zwar seine
politischen Fähigkeiten noch nicht beeinträchtigten, ihn aber
zu
einem normalen Leben unfähig machten. In dem mit Venedig und
Florenz geschlossenen Frieden von Ferrara (19. April 1428) trat der
Herzog unter anderem Brescia und Bergamo an Venedig ab; Mailand wurde
jede
Einmischung in der Romagna und Toskana untersagt. Dennoch schickte Filippo
Maria
Visconti
seinen besten Heerführer und Verlobten seiner legitimierten
natürlichen Tochter Bianca
Maria (von seiner Geliebten Agnese del
Maino), Francesco Sforza,
dem von Florenz bedrängten Lucca zu Hilfe
(1430). Durch die Papstwahl des Venezianers
G. Condulmer (Eugen
IV.) konnten Florenz und Venedig eine massive Offensive gegen Filippo
Maria
Visconti
organisieren, die mit dem 2. Frieden von Ferrara (26. April 1433)
endete.
Filippo Maria
Visconti konzentrierte seine militärischen
Operationen nun auf die
Romagna, in der der Papst die Autorität des Heiligen Stuhls nicht
völlig durchsetzen konnte, und auf den Süden, wo er im Kampf
um das Königreich Neapel anfänglich René von Anjou
unterstützte, dann aber mit Alfons
I. (V.) von Aragón ein
Geheimabkommen schloß, das die Aufteilung Italiens in zwei
große Einflußbereiche (Mittel- und Nord-Italien bis
unterhalb von Bologna unter Filippo Maria
Viscontis Herrschaft, der Süden unter
Alfons) vorsah.
Florenz und Venedig (mit
Francesco Sforza als
Kondottiere) bekämpften daraufhin den Mailänder Vorstoß
(Barga 1437, Anghiari 1440) und unterstützten die ANJOU in Neapel.
Die Unzuverlässigkeit seiner Heerführer zwang den Herzog zum
Friedensschluß (Cavriana, 20. November 1441). Eine unbesonnene
Schaukelpolitik trieb Filippo
Maria
Visconti in den letzten Regierungsjahren in die
politische
Isolation, so daß Venedig darangehen konnte, die Gebiete der
VISCONTI-Herrschaft
systematisch zu erobern. Als nach dem Sieg über die
herzoglichen Truppen bei Casalmaggiore (1446) die Serenissima sogar
Mailand
bedrohte, rief der letzte, nunmehr schwerkranke, Filippo
Maria
Visconti seinen
Schwieger-Sohn zu sich, um den Bestand des Herzogtums zu sichern (Sforza,
Ambrosianische Republik).
F.M. Vaglienti
5.
Visconti, Galeazzo II.
------------------------------
* um 1325, † 4. August 1378
dritter Sohn des Stefano
und der Valentina
Doria
oo 1350 auf Wunsch seines bischöflichen Oheims Blanca von Savoyen, die
Schwester Amadeus' VI.
Er lebte mit seiner Mutter unter dem Schutz
des Cousins Azzone und
begab sich um 1343 mit dem Grafen
von Hennegau
nach Palästina und anschließend nach Flandern.
Nach seiner
Rückkehr nach Mailand wurde er zusammen mit seinen Brüdern
exiliert, da er eine mögliche Gefahr für die legitime
Nachfolge seines Onkels Luchino
darstellte. Galeazzo
II.
Visconti fand bis 1348 bei
Amadeus VI. von Savoyen
Zuflucht, dann verbündete sich der Graf mit
Luchino und zwang Galeazzo
II.
Visconti zur Flucht. Er fand Aufnahme im
Waadtland bei der
Witwe seines Cousins Azzone,
Katharina von Savoyen.
1349 wurde er von
seinem Oheim, Erzbischof Giovanni, der alleiniger
Signore von Mailand geworden
war, zurückgeholt.
Im gleichen Jahr erkannte das Consiglio
Generale der Stadt offiziell Matteo, Bernabò und Galeazzo
II.
Visconti als legitime
Nachfolger für die Signorie an. In demselben Jahr besetzte er
Bologna.
Nach dem Tod des mächtigen Erzbischofs 1354 erhielt Galeazzo
II.
Visconti von
dem
städtischen Consiglio
die Signorie über das nordwestliche Territorium
(Como, Novara, Vercelli, Asti, Alba, Alessandria und Tortona), zu dem
nach dem Tod Matteos II.
(1355) auch Vigevano und die Gebiete am
Oberlauf des Tessin traten. Im Westen durch die Expansionspläne
Johannes' II. Palaiologos
von Montferrat gegenüber Mailand,
die von der antivisconteischen
kaiserlichen Politik gefördert wurden, in
Schach gehalten, verlor Galeazzo II.
Visconti Asti, eroberte aber 1360 Pavia, wobei
er von KARL IV., der eine
Schaukelpolitik betrieb, auch die
Bestätigung des Vikariats für seine alten und neuen
Besitzungen erwirkte.
Im gleichen Jahr schloß er die
Verhandlungen für die Vermählung seines einzigen
männlichen
Erben, Gian Galeazzo (6. V.),
mit Isabella von Valois
ab.
Galeazzo II.
Visconti fuhr
in der
Verteidigung der Westgrenzen seines Herrschaftsgebietes fort, die 1376
von seinem Schwager bedroht wurden, verlor zwar die Gebiete um
Vercelli, konnte Amadeus VI.
jedoch das Protektorat über
Montferrat entziehen. Er überließ Mailand seinem Bruder
Bernabò (2. V.),
zog sich nach Pavia zurück und ließ
dort ein prachtvolles Kastell inmitten eines Parks erbauen,
ausgestattet mit einer reichen Bibliothek. An seinem Hof umgab er sich
mit berühmten Literaten und Künstlern, darunter auch
Petrarca. Auch die
Gründung der Universität von Pavia geht auf ihn
zurück. Für Kunst und Kultur aufgeschlossen, hatte Galeazzo
II.
Visconti auch
sehr grausame Charakterzüge:
So führte er (nicht
Bernabò) die
für Staatsverräter bestimmte
»Quaresima« ein: eine 40 Tage dauernde Tortur, in der
zwischen
den Folterungen jeweils Pausen eingelegt wurden.
F.M. Vaglienti
6.
Visconti, Gian Galeazzo, erster Herzog von Mailand
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* 16. Oktober 1351, †
3. September 1402 in
Melegnano
Sohn Galeazzos II. und
der
Blanca von Savoyen,
Schwester Graf Amadeus' VI.
In früher Jugend wurde er mit Isabella
von Valois (†
1372), der Tochter König Johanns
II. von Frankreich, verlobt, der nach der
Niederlage bei Poitiers (1355) König
Eduard III. von England ein
Lösegeld von 4.000.000 Écus zahlen mußte und für
die ihm von Galeazzo II.
gebotenen 300.000 Scudi die Verschwägerung
akzeptierte.
Gian Galeazzo
Visconti führte
seit 1361 nach der Mitgift Isabellas,
der Grafschaft Vertus
(Champagne), den Titel »Conte
di
Virtù«. Der Ehe (1365) entstammten die Tochter Valentina
(1366) und die Söhne Azzone
(1369-1380), Carlo
(1372-1376) und Gian
Galeazzo († 1376).
1372 leitete Gian
Galeazzo
Visconti die Eroberung von Asti.
Am 8. Januar
1375 erklärte ihn sein Vater für großjährig, um
seine Rechte vor dem präpotenten Bernabò (2. V.) zu
schützen, und übergab ihm die Herrschaft über alle
Gebiete westlich des Tessin.
Nach dem Tode Galeazzos II.
ließ sich
Gian Galeazzo
Visconti in Pavia nieder und unterwarf sich
scheinbar einige Jahre lang
der Herrschaft des Onkels Bernabò,
dessen Tochter Caterina
er
1380 heiratete. Daß Gian Galeazzo
Visconti sich nicht mit der
Überlegenheit des Onkels abfinden wollte, beweist, daß er
schon 1379 von König WENZEL das Vikariat erwirkte. Nach wachsenden
Spannungen mit Bernabò
(nicht zuletzt um Jagdrechte) ließ
Gian Galeazzo
Visconti am 6. Mai 1385 den Onkel und dessen
Söhne Ludovico und
Rodolfo bei einem
informellen Zusammentreffen gefangennehmen und in das
Kastell von Porta Giovia bringen. Gian Galeazzo
Visconti bemächtigte sich der
Stadt und der Schätze Bernabòs
und ließ sich vom Rat
der 900 zum Dominus generalis
proklamieren.
Nachdem er sich die
Kontrolle über die Markgrafschaften Monferrat und Saluzzo und die
Neutralität des Hauses SAVOYEN gesichert hatte,
begann Gian
Galeazzo
Visconti
mit einem gewaltigen Eroberungs-Feldzug im Veneto und in der Toskana,
um
das größte Ziel der VISCONTI
zu erreichen, den Titel eines
Königs der Lombardei und Tusziens. Gian Galeazzo
Viscontis Unterstützung Urbans
IV. gegen seinen avignesischen Rivalen ließ diesen Plan
als realisierbar
erscheinen.
1386 begann Gian
Galeazzo
Visconti zum Ruhm der Stadt und seines Hauses mit
dem
Bau des Mailänder Domes (? S. Maria) aus
weißrötlichem
Candoglia-Marmor.
Ein Abkommen mit Venedig ermöglichte es ihm, die
Signorie der DELLA SCALA
zu stürzen und Verona und Vicenza in
seine Gewalt zu bringen (1387). Auf den von Florenz initiierten
Versuch, ein Anti-Visconti-Bündnis
mit den deutschen Fürsten, die mit den
Nachkommen Bernabòs
verschwägert waren, mit den Grafen
von
Savoyen und mit Frankreich
zustandezubringen, und auf die neue
Konsolidierung der CARRARA-Herrschaft
in Padua (1390) reagierte er durch
die Verheiratung seiner Tochter Valentina
(9. V.) mit Herzog Ludwig von
Orléans. Um den wachsenden französischen
Einfluß auf italienischem Boden
auszugleichen, erwirkte er von König
WENZEL für sich und
die
legitimen männlichen Nachkommen die Investitur mit dem Herzogtum Mailand
(11. Mai 1395), die Grafentitel von Angera
und Pavia
(1396) und
schließlich den Herzogstitel
der Lombardei (1397).
Gian Galeazzo
Visconti reorganisierte
und zentralisierte das Herzogtum durch legislative Maßnahmen,
sicherte
sich die Kontrolle über die Vergabe der Kirchenlehen und
errichtete neue politische, diplomatische, juristische und
administrative
Institutionen und Steuerbehörden. Er förderte die
Universität Pavia
als Ausbildungsstätte für seinen Beamtenapparat und
unterstützte die Wirtschaft unter anderem durch
Steuerentlastungen,
Privilegien und internationale Handelsverträge. Um die Beziehungen
mit
Frankreich - dessen Neutralität er für seine
Expansionspolitik benötigte - nicht zu trüben, verzichtete er
nach der Einnahme Carraras und der Lunigiana auf seine
Eroberungspläne bezüglich Genua und Savona zugunsten des
französischen
Königs (1396). Er brachte Pisa unter die Oberherrschaft Mailands,
besetzte Perugia, Assisi und Siena und wandelte Lucca in eine Art
Protektorat um.
Das bedrohte Florenz fand in RUPRECHT
VON DER PFALZ,
als politischer Gegenspieler WENZELS
den VISCONTI feindlich
gesonnen, einen
Verbündeten. Bei seinem Italien-Feldzug erlitt der deutsche
König jedoch
eine schwere Niederlage bei Brescia (1401).
Der plötzliche Tod des
Herzogs, vielleicht an der Pest oder an einem Fieber, bewahrte Florenz
vor der Übergabe an die VISCONTI.
Gian Galeazzo
Viscontis Testament
(1397) zeigt
das Bestreben, nach dem Vorbild der großen europäischen
Dynastien die
Sakralität seiner Person und seiner Nachkommen (Giovanni Maria [7.
V.], Filippo Maria [4.
V.], legitimierter unehelicher Sohn Gabriele Maria)
zu betonen.
F.M. Vaglienti
7.
Visconti, Giovanni Maria, 2. Herzog von Mailand
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* 7. September 1388, † 16. Mai
1412 (ermordet)
Erster
Sohn des Gian Galeazzo und
dessen zweiter Frau Caterina,
Tochter des
Bernabò Visconti
Nach dem plötzlichen Tod Gian
Galeazzos
(1402) trat er aufgrund der testamentarischen Verfügungen des
Vaters
die Nachfolge im Herzogtum an. Er unterstand aber der Regentschaft
seiner
Mutter Caterina und des
Consiglio Segreto, nicht allein wegen seiner
Minderjährigkeit, sondern auch infolge des Mißtrauens, das
sein Vater ihm gegenüber wegen seines düsteren Charakters
gehegt hatte; Gian Galeazzo
zog ihm von Anfang an seinen zweiten Sohn
Filippo Maria (4. V.)
vor, dem er testamentarisch eine Reihe von
Herrschaften zuwies, die die Gebiete von Giovanni Maria
Visconti kreisförmig
einschlossen, wodurch die Brüder zu einer gemeinsamen Politik
gezwungen wurden.
Giovanni Maria
Visconti fielen außer dem Herzogtum Mailand
Brescia,
Cremona, Bergamo, Como, Lodi, Piacenza, Parma, Reggio Emilia, Bobbio
und Bologna zu, zumindest in der Theorie. Die Machthaber der
Apenninen-Halbinsel benutzten die Krise nach dem Tode Gian Galeazzos und
fachten geschickt die Parteikämpfe im Inneren des Herzogtums an,
um die
verlorenen Herrschaften wiederzugewinnen. Bonifaz XI. erhielt auf diese
Weise Bologna, Perugia und Assisi zurück (25. August 1403) und gab
damit den Anstoß zur raschen Aufsplitterung der Mailänder
Herrschaft durch die alten lombardischen Familien, die ihre
frühere
Führungsposition erneut einnahmen:
die BECCARIA wurden
wieder
Signoren von Pavia, die VIGNATI
von Lodi, die BENZONI
von Crema, CABRINO
FONDULO wurde Signore von Cremona.
Anfang 1404 versuchte Caterina
mit
Hilfe ihres Ratgebers Francesco
Barbavera mit Gewalt, die ghibellinische
Faktion in der Stadt zurückzudrängen. Ihre Führer
trieben jedoch den schwachen Giovanni Maria
Visconti zur Rebellion. Caterina wurde mit den
Vertretern der guelfischen Partei aus Mailand vertrieben und zog sich
zur
Organisierung eines Gegenschlags nach Monza zurück. Durch Verrat
gefangengenommen, starb sie jedoch am 17. Oktober des gleichen Jahres,
vielleicht durch Gift.
Umgeben von Kondottieren, die unter dem
Anschein, Giovanni
Maria
Viscontis Herrschaft zu verteidigen,
rücksichtslos ihre
eigenen Interessen vertraten, stand der Herzog machtlos der
Zersplitterung des Herzogtums gegenüber, das im Inneren in eine
Reihe
persönlicher Signorien zerfiel. Sowohl Facino Cane, der sich eines
riesigen Territoriums in Piemont und der Lombardei bemächtigt
hatte (unter anderem Alessandria, Novara, Tortona, Piacenza), als auch
die
kommunalen Behörden, die ihm die Finanzverwaltung Mailands und des
Contado entzogen hatten, beraubten ihn seiner effektiven
Autorität. Als die wenigen Giovanni Maria
Visconti treu gebliebenen Kondottieren, wie
Jacopo dal Verme, von ihm
aus Neid oder Mißtrauen entfernt worden
waren, stand er völlig isoliert da und fiel am 16. Mai 1412 einer
ghibellinischen Adelsverschwörung zum Opfer, die die Rückkehr
der
Erben Bernabòs
zur Macht plante.
F.M. Vaglienti
8.
Visconti, Matteo I.
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* 15. August 1250 in Invorio (Novara) † 24.
Juni 1322 in Crescenzago
Sohn des Tebaldo (von
den
TORRIANI 1276 in
Gallarate ermordet) und der Anastasia
Pirovano
1269 oo Bonacossa Borri († 13. Januar 1321),
Tochter des Squarcino,
des Anführers der verbannten Adligen, die
den exilierten Erzbischof Ottone
Visconti unterstützten.
Als der Erzbischof 1277
Signore von Mailand geworden war, ließ er seinen
Groß-Neffen
Matteo I.
Visconti 1287
zum Capitano del Popolo wählen (seit 1289 Amtszeit auf
fünf Jahre verlängert). Nach dem Sieg über Markgraf Wilhelm
von Montferrat (1290) erhielt Matteo I.
Visconti das Kapitanat
von Vercelli, 1292 das
von Alessandria und Como und 1294 das Kapitanat über das
Montferrat. Im gleichen Jahr erwirkte er mit Hilfe seines
bischöflichen
Groß-Onkels von ADOLF VON
NASSAU die Ernennung zum Reichsvikar
der
Lombardei (1298 von
ALBRECHT I. bestätigt).
1302 zwang ihn die von
Alberto Scotti, dem Signore von Piacenza,
angeführte Liga ins Exil
(Nogarole bei Verona).
Die Gelegenheit zum Gegenschlag kam 1310 mit dem
Italienzug HEINRICHS VII.:
Matteo I.
Visconti huldigte ihm in Asti, zog mit ihm in
Mailand ein und vertrieb durch eine Intrige Guido Della Torre und
dessen Parteigänger aus der Stadt. 1311 bestätigte HEINRICH
VII. gegen eine Geldleistung das Reichsvikariat. Die
Stärkung der
ghibellinischen Partei in Italien, die vom Kaiser unterstützt
wurde,
ermöglichte es Matteo
I.
Visconti, sein Expansionsprogramm
wiederaufzunehmen, das
zum großen Teil durch dem Klerus auferlegte Steuern finanziert
wurde.
1315 beherrschte er, direkt oder durch seine Söhne
(Galeazzo I., Marco, Giovanni, Luchino, Stefano), Piacenza, Bergamo,
Lodi, Como, Cremona, Alessandria, Tortona, Pavia, Vercelli und Novara.
Dynastische Machtkämpfe in Deutschland und der Plan Papst Johannes' XXII., in
Italien ein guelfisches Reich zu schaffen, zwangen Matteo
I.
Visconti, sich gegen
antivisconteische
Kreuzzüge zu verteidigen; manchmal reagierte er
darauf mit Diplomatie (Verzicht auf das Reichsvikariat gegen den
weniger kompromittierenden Titel eines »Signore Generale«
von Mailand, 1317), manchmal mit den Waffen - so besetzte er,
mit den
gleichfalls von den päpstlichen Plänen bedrohten SCALIGERN, den
BONACCOLSI und den SAVOYEN verbündet, Genua
- und setzte
schließlich auch sein Gold ein, indem er die guelfischen
Führer
Philipp von Valois (1320)
und Herzog Heinrich von Kärnten (1322)
bestach. Schließlich griff der Papst zum erprobten Mittel der
Anklage wegen Häresie, auf die 1320 die Exkommunikation und 1321
das Interdikt über Mailand und im folgenden Jahr der Aufruf zum
Kreuzzug gegen Matteo
I.
Visconti folgten.
Am 23. Mai 1322 dankte Matteo I.
Visconti, der eine
Kompromißlösung dem offenen Zusammenstoß vorzog,
zugunsten seines Sohnes Galeazzo
I. (* 1277) ab.
F.M. Vaglienti
9.
Visconti, Valentina (Valentine)
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* 1370, † 4. Dezember 1408
Tochter von Gian Galeazzo
Visconti und
Isabella von
Frankreich, Tochter König
Johanns II. (Jean le Bon);
die Vermählung
ihrer Eltern wurde 1360, zum Zeitpunkt des Vertrags von
Brétigny,
geschlossen, primär um mit Hilfe des Mailänder Geldes das
Lösegeld für Johann den
Guten aufzubringen.
Die Ehe zwischen Valentina
und Ludwig, dem
Bruder König Karls VI. und künftigen Herzogs von
Orléans, der damals Herzog
von Touraine war, wurde 1387 vertraglich
geschlossen und am 17. August 1389 zu Melun gefeiert. Die Dos
umfaßte die Grafschaft Asti und
450.000 Goldgulden, ergänzt durch
weitere Summen. Insgesamt erhielt Ludwig
649.000 Goldgulden, die ihm den
Kauf mehrerer großer Seigneurien (Grafschaften Dunois und
Porcien)
ermöglichten. Nach dem Tode Gian
Galeazzos nahm Ludwig
1402 die
Grafschaft Vertus in Besitz. -
Valentina
hielt ihren Einzug in Paris am 22.-25. August
1389, anläßlich der Krönung der Königin Isabella.
Die
Erkrankung Karls VI. zwang
Valentina
1396, den Hof zu verlassen, da sie von
den Gegnern ihres Mannes beschuldigt wurde, den König vergiftet
oder
behext zu haben. Sie residierte fortan auf den Schlössern ihres
Gemahls. Als Herzog Ludwig am 23. November 1407
dem vom Herzog von Burgund
angestifteten Assassinat zum Opfer fiel, weilte Valentina
auf
Château-Thierry, von wo aus sie unverzüglich nach Paris
reiste, um vor dem König Klage zu führen, doch erreichte sie
nur die
Einsetzung in die Vormundschaft ihrer Kinder, darunter auch des
'Bastards von Orléans'
(Dunois), und das Recht,
in die Lehen des
Herzogs einzutreten.
Schließlich zog sie sich nach Blois
zurück. Ihr letztes Lebensjahr stand ganz im Zeichen des Kampfes
um die Rehabilitation ihres ermordeten Gemahls:
Als Führerin der
Orléans-Partei erreichte sie (nach der
öffentlichen
Rechtfertigung des Assassinats als Tyrannen-Mord durch Jean Petit),
daß ihr Anhänger Thomas
du Bourg, Abt von Cerisy,
vor dem
versammelten Hof im großen Saal des Louvre eine Verteidigungsrede
zugunsten Ludwigs halten
konnte.
Die Herzogin hinterließ
bei ihrem
frühen Tode acht Kinder, unter ihnen
Charles d'Orléans,
Herzog und Dichter (* 1394);
Philippe (* 1396);
Jean (* 1400), Vorfahr
von Franz I.;
Marguerite, Vorfahrin von
Anna von Bretagne.
Valentina
stand im
Ruf hoher Weisheit und Tugend; die bereits von humanistischem Geist
geprägten Dichter haben ihr Lob gesungen:
Eustache Deschamps und
Honoré Bouvet,
besonders aber die größte Autorin der Zeit,
Christine de Pisan, die Valentina
als gute, in vorbildlicher Weise um die
Erziehung ihrer Kinder besorgte Mutter rühmt.
F. Autrand