Die UNRUOCHINGERU sind ein fränkisches Adels-Geschlecht, welches seinen Ursprung in Nord-Frankreich und Belgien hatte. Die UNRUOCHINGER waren verwandt mit den Karolingern und herrschten vom 8. bis 10. Jahrhundert, vor allem im italienischen Raum.
Bekannte Mitglieder:
Dieses bedeutende Haus erhielt seinen Namen von der modernen
Forschung
von einem Großen am Hofe KARLS,
Unrocus, Unruocus
[Annales regni Francorum, a.a. 811, herausgegeben von F. KURZE, MG
SS.
rer. Germ. 1895, Seite 134, nennen an der Spitze der fränkischen
Großen,
die den Vertrag mit den Dänen an der Eider schließen:
Waldach
comes filius Bernhardi, Burchardus comes, Unrocus
comes... In Einhards Vita
Karoli c.33 ist das Testament KARLS
DES GROSSEN Unruocus,
Burchardus ...
(herausgegeben von O. HOLDER-EGGER, MG. SS. rer. Germ., 1911,
Seite
41; herausgegeben von L. HALPHEN, Eginhard, Vie de Charlemagne, 3.
Auflage Paris
1947, Seite 100)].
Sein Sohn Eberhard,
dux von Friaul und
Schwieger-Sohn LUDWIGS
DES FROMMEN, ist der Vater
BERENGARS I., der vom marchio KARLS
III.
für das regnum Italiae zum König von Italien und
Kaiser
aufstieg. Neuerdings hat GERD TELLENBACH Erkenntnisse beigesteuert,
durch
die neues Licht auf alemannisch-italienische Besitzungen ud Ämter
des weitverzweigten Hauses fiel. Zugleich wurde das gesicherte Namengut
des Geschlechts vermehrt um den Namen Haltcherius/Alcherius/Alpicharius/Albgar
[G. TELLENBACH, Der großfränkische Adel und die
Regierung
Italiens
in der Blütezeit des Karolingerreiches (in: Studien und
Vorarbeiten
zur Geschichte des großfränkischen und frühdeutschen
Adels,
Freiburg 1957, Seite 40ff.), Seite 57ff. In einer dort Seite 58
zitierten
Urkunde wird Alcherius/Haltcherius
genannt es
Alamannorum
genere. Das führt HLAWITSCHKA (wie Anmerkung 2), Seite 121,
zu der
irrigen
Auffassung, Alcherius
und sein im Linzgau nachweisbarere Vater
Autcherius/Audachar
müßten "Alemannen" sein und könnten schon darum nicht
im
Mannesstamm mit den fränkischen UNRUOCHINGERN
verwandt sein. Wesentlich vorsichtiger meint TELLENBACH, Seite 60:
"Trotzdem
soll nicht behauptet werden, daß die UNRUOCHINGER
alemannischer Herkunft sein müßten und ihre bedeutenden
flämischen
und nordfranzösischen Besitzungen erst Eberhards
Heirat mit der karolingischen
Prinzessin
verdankten." Die folgenden Ausführungen werden zeigen, was von der
"alemannischen" Herkunft des Alcherius
zu halten ist, und damit
erneut unterstreichen, daß solche Angaben keine
Volkstumsbezeichnungen
sind, sondern die Herkunft im Sinne des Tätigkeitsfeldes des
betreffenden
Großen bzw. seines Vaters angeben.], dessen Wurzel Adalcharius
ist. Wenn jener Altchar,
Unruochi
nepos, karolingischer
dux in
Kärnten
war, einem Gebiet, das bis 829 zur Mark Friaul gehört, das
heißt
ihrem Befehlshaber unterstellt war, dann wird wieder einmal greifbar,
wie
gut "vorbereitet" durch Verwandtschaft die Ernennung Eberhards,
des Unruoch-Sohnes,
zum dux und Markgraf in Friaul gewesen ist. Es handelt sich hier eben
um
eine jener Familien, aus denen man die duces und Mark-Präfekten des
Reiches entnahm: So war
Unruochs Sohn Berengar,
der Bruder Eberhards,
dux und Präfekt in der
gotisch-spanischen Mark [Berengar
begegnet
zu 819 in den Reichsannalen als Graf
von Toulouse, verband aber
später
mit diesem alten und wichtigen Dukat den von Septimanien/Narbonne,
vergleiche
J. DHONDT, Etudes sur la naissance des principautes territoriales en
France,
IX-X siecle, Brügge, 1948, Seite 176f. Und zwar erhielt er
letzteren,
als Bernhard von Septimanien beim
Kaiser in Ungnade fiel. Als Bernhard
dann seines honores
wiedererhielt, verweigerte Berengar
die Herausgabe Septimaniens und fiel im Kampf gegen Bernhard 837,
vergleiche DHONDT Seite 182f.].
TELLENBACHS wichtiger Hinweis ermöglicht es uns, einige Schritte
weiter in der Kenntnis der Verflechtungen des UNRUOCHINGER-Hauses
zu gelangen. Anzuknüpfen ist an den Umstand, daß
sowohl der
Vater als auch der Bruder jenes Alcherius/Adalchar
Audachar
(Audachar
= Otger, Odakar) hieß. Von
hier aus ergibt sich die
Assoziation
des großen dux Audachar, der der Witwe von KARLS
Bruder Karlmann
771 die Treue hielt [TELLENBACH (wie Anmerkung 3)
Seite 59 zu Vater und Bruder von Alcherius.
Der dux Audachar,
den die Überlieferung mit Saint-Faron bei Meaux in Verbindung
bringt
und der in der Sage als Ogier le Danois weiterlebt, hatte Weta,
die Schwester von Pippins Schwieger-Vater
Charibert von Laon, also
eine Groß-Tante KARLS
DES GROSSEN und Karlmanns,
zur Frau, vergleiche E. EWIG, Trier im Merowingerreich, Trier 1954,
Seite 138
Anmerkung 156, der diesen wichtigen Nachweis aus einer von BEYER,
Mittelrheinisches
Urkundenbuch 1, Coblenz 1860, Nummer 14, verkannten Form aut Carius
(statt
Autcarius) für den Gemahl der Weta führt. Zu
Charibert
begegnet aber auch der Verwandten-Name Bernarius (Berengar),
vergleiche
Exkurs 2, Anmerkung 28.], aber auch die Nähe jener Odacher/Adalbert-Gruppe
der "Mainzer Großen", von denen schon die Rede war [Dazu SCHMID
Seite
129f. (Die Gründung des Klosters cum licentia Herzog
Tassilos
besagt an sich noch nichts über die Nähe der Stifter zum
Herzogs-Haus).
SCHMID scheint mir die Dinge nicht richtig zu sehen, wenn er Seite 131,
im Zusammehnag mit Wikterp
(dessen Stellung im bairischen
Episkopat
des 8. Jh. und, politisch, auf der Seite Tassilos, er vorzüglich
klärt),
Erlolf, Hariolf, Waltrich und Petto von "bairischen,
wohl
alemannisch und fränkisch versippten Adelskreisen" spricht.
Abgesehen
von der von uns als westfränkisch nachgewiesenen Namensform Gauz-
bei dem Verwandten des Hariolf
von Langres weist auch der Name Franco
nicht gerade auf bairische Herkunft. Das Problem, inwieweit der
bairische
Adel schon in der MEROWINGER-Zeit
fränkischer
Herkunft war, ist vielschichtig, doch lassen sich einige Fixpunkte
gewinnen:
Neben dem Herzogs-Hause selbst ist eine Adelsgruppe, die in den Quellen
den "HUOSI" also einem
der ebenfalls, wie die AGILOLFINGER,
in der Lex
Baiuuariorum privilegierten fünf Geschlechter, zugerechnet
werde,
zweifelsfrei fränkisch. Für das Bruder-Paar Adalbert und
Audachar, die Gründer von Tegernsee, hat das
schon H.
LÖWE,
Die karolingische Reichsgründung und der Südosten, Stuttgart
1937, Seite 27ff., meines Erachtens zwingend dargetan.
Zusammenhänge
zum fränkischen Adel im Rheingebiet haben O. MITIS (Mitteilungen
des
Instituts für österreichische Geschichtsforschung 58, 1950,
Seite
545f.) und E. ZÖLLNER (Neues Jahrbuch "Adler" 1945/46 Seite 18)
schon
bemerkt. Man wird vor allem unter den "Mainzer Grßen" des 8.
Jahrhunderts,
die sich in den Fuldaer Urkunden greifen lassen, eine Audachar-Adalbert-Gruppe
beachten müssen. Auf Mainz weist aber auch die für das Jahr
774
schon bezeugte St.-Quirin-Kirche (vergleiche H. BÜTTNER [wie
Anmerkung 87],
Seite
51), des Heiligen der Tegernseer Gründung].
Die letzte läßt aich als Faktum sichern. In der Abtei
Cormery,
die gegründet worden war für die Benediktiner, die aus
Saint-Martin
de Tours an der Wende zum 9. Jahrhundert weichen mußten und in
der
Folge den Kanonikern von Saint-Martin unterstellt blieb, begegnet um
die
Mitte des 9. Jahrhunderts ein Abt
Audachar. In einer
Urkunde
für
Cormery von 859 heißt der erste Laienzeuge, der also Kloster und
Abt am nächsten stand, Alcherius.
Wir treffen hier also
die
gleiche Namenskombination Audachar-Alcherius wie in der
Familie
des Unruochi
nepos. Hinzu kommt, daß sich die politische
Parteistellung
ermitteln läßt:
Audachar verdankt
die Abtei einem
mächtigen
Gönner, dem Seneschall Adalhard, der zeitweise
(Laien-)Abt
von Saint-Martin de Tours war. Mit dem politischen Schicksal
Adalhards
und seiner Partei erweist sich aber ein schon gesicherter UNRUOCHINGER,
der auch den Namen Adalhard
trägt, als so eng
verknüpft,
daß er seine Abtei Saint-Bertin verliert, als Adalhards
Partei
im West-Reich gestürzt wird, und sie im gleichen Augenblick
wiedererhält,
in dem auch Adalhard wieder
eine führende Stellung im
Reich
einnimmt [Zum "Seneschall"
Adalhard siehe WERNER (wie Anm.) 18,
1958, Seite 274f.; 19, 1959, Seite 155f., 163f. - Restitution des Adalhard
von Saint-Bertin in den Besitz seiner Abtei gleichzeitig mit dem
Wiederantritt
der Macht im Westreich 861 durch Adalhard
"den Seneschall" und
seinen
Anhang: E. DÜMMLER, Geschichte des ostfränkischen Reiches 2,
2. Auflage,Leipzig 1887, Seite 22 Hunrocus der Vater des Adalhard
von Saint-Bertin: FAVRE (wie Anm. 2), Seite 156 Anm. 7, wo Vf.
auch
auf die vermutete, wenn auch nicht bewiesene Verwandtschaft beider
Adalharde
hinweist. Vergleiche dazu HIRSCH (wie Anmerkung 2), Seite 36 und 87. Es
ergäbe
sich hier eine Beziehung der UNRUOCHINGER
zum Haus der Grafen von Paris, vgl. oben Seite 116.].
Durch solche
Bezüge
wird man aufmerksam auf den Umstand, daß die Verwandten des
Seneschalls
Adalhard, die 861
wie er die Feindschaft Ludwigs
des Deutschen zu
spüren bekommen und durch Adalhard
bedeutende
Funktionen im West-Reich erhalten, die Namen Berengar und Uodo
(= Kurzform der Namen der Aud-gruppe,
Audacher, Audoin
entspricht
"Otto") tragen, also zwei
auch im Namengut der UNRUOCHINGER
vorkommende Namen.
Andererseits habe ich schon an anderer Stelle auf dei Verbindung jenes
Abtes Audacher von Cormery mit Mainz
und seinem Adel
hingewiesen.
Der Abt nahm sich nämlich, wie wir aus den Briefen des Lupus von
Ferrieres
wissen, zweier Mönche aus Fulda an und gewährte ihnen ein
Darlehen.
Deren aufenthalt im West-Reich ist aber in Zusammenhang zu sehen mit
dem
Tod es bei Angouleme 844 gefallenen Grafen
Hraban. Dieser Hraban, der
wie
ich zeigte, zusammen mit Robert
dem Tapferen das Rheingebiet
verließ
und mit ihm zusammen in Reimser Kirchenbesitz nachgewiesen werden kann,
war engster Verwandter des großen Hrabanaus Maurus, den wir als
Sohn
des Mainzer Großen Waldramnus (= Wald-rhabanus) und
der Waldrada
kennen. Eben jene Waldrada
aber war, durch ihre Mutter Geilrata,
Enkelin
des Mainzer Großen Odacar/Audachar,
der mit unserem Abt
von
Cormery gleichen Namens ist.
Interessieren die Beziehungen des Audacher
von Cormery zum
Mainzer
Adel hier nur am Rande, so sind sie doch der Anstoß gewesen, das
dortige Namensgut zu überprüfen auf Beziehungen zu den UNRUOCHINGERN.
Dabei zeigte sich sehr bald, daß wir deren Namensgut unter den
Mainzer
Großen fast vollständig begegnen. Der erwähnte Otachar
schenkte Fulda gemeinsam mit einen Oudalcharius, einem Mane
also der den gleichen Namen Adalchar/Altchar/Alcherius
trägt,
von dem wir ausgegangen waren:
Diese Namensgruppe begegnet uns nach
Alemannien
und Cormery jetzt auch in Mainz, und dort zuerst. 785/94 ist Otachar,
inzwischen Mönch geworden, erster Zeuge in der Schenkung eines Bernachar,
in der dieser den Anteil seines Vaters, des Grafen Eburachar, an
die St.-Martins-Kirche in Wackernheim schenkt, in einem Ort, in dem
auch
Otachar und Adalbert begütert sind
und in dem Bernachar
und sein Bruder Theudacher,
die Söhne Ebrachars,
als Grundstücks-Nachbarn erscheinen. Endlich schenken 802 die
Geschwister
Liutswind und Adalbert für das
Seelenheil dieses Bernachar,
der
inzwischen
in der Namensform Bernharius
erscheint.
Die Lösung wir derst offenkundig, wenn man sich klarmacht,
daß
Bernacharius/Bernharius
derselbe Name wie Beren-charius/Berengar
ist, ja, daß nur die abweichende Schreibung der späteren
karolingischen Periode die Ursache dafür ist, daß wir
im 9.
Jahrhundert so viele Berengare im
Hochadel antreffen, im 8. Jahrhundert
dagegen nicht. Das Namensgut der "UNRUOCHINGER"
erscheint damit gekennzeichnet durch die Verbindung der Namensteile
Bern-, Adal- und Eber- einerseits mit den
Namensteilen
-charius/gar
und -hard
andererseits. Die Leitnamen sind demnach Adalgar
(Alatgar),
Berengar, Eberchar, Bernhard, Adalhard, Eberhard.
Der fast lückenlose Nachweis des UNRUOCHINGER-Namensgutes
in einer zusammengehörenden Gruppe der Mainzer Großen, die
damit
als "unruochingisch"
gesichert ist, läßt sich abrunden, wenn
wir von dem Namen des Unrocus
ausgehen, der dem Haus für die moderne Forschung den Namen gab
[Ein in Ost-Franken begüterter Unruoch begegnet 837 in
einer
Urkude LUDWIGS DES FROMMEN, ein
gleichnamiger
Mönch 844 in S. Bertin, HIRSCH Seite 34 und MG. SS. 13, Seite 618
]. Hun- und bruoc sind die zugrunde
liegenden
Namensteile.
Auf das Vorkommen sehr alter Adelsnamen (6.-8. Jahrhundert) mit den
Formen
Rocco, Hrocco, Hroccolenus haben wir schon
früher
hingewiesen.
In der Zeit des Unrocus
selbst begegnet (817) ein Graf
Hruoculfus von Tournai.
Er
ist gearde in dem Gebiet Graf, in dem sich die flämischen
Besitzungen
des UNRUOCHINGER-Hauses befinden
[Diplom LUDWIGS DES FROMMEN,
Recueil
des Historiens de France 6, Seite 74. Der Zusammenhang weist den comes
Hruoculfus klar als Graf in der Civitas Tournai aus. Zum
dortigen
Besitz
der UNRUOCHINGER vor
allem GRIERSON
(wie Anmerkung 2).]. Nun schenkt in einer Fuldaer Urkunde von 796 ein Adalhart
sein ganzes Erbgut in Dienheim mit 38 Unfreien an Fulda. Unter den
Zeugen steht neben + Bernheri,
jenem Bernharius/Berengar,
den wir schon als UNRUOCHINGER
kennen,
+ Hroccholf.
Ebenso wie die ROBERTINER,
die KONRADINER und die HATTONEN gehören
also auch die UNRUOCHINGER
zu jenen
fränkischen Adels-Häusern, de wir auch und gerade in Mainz
und
im mittelrheinischen Raume nachweisen können und die in der
Verwaltung
der östlichen Gebiete des Frankren-Reichs, unter ihnen gerade auch
Alemanniens, eine bedeutende Rolle gespielt haben. Vom Namensgut der
Geschlechts
bleibt nur noch die Einrodnung des Namensteils Hun- für Hunruocus/Unrocus
offen. Man wird hier erinnert an Hunfred/Hunfrid, jenen
Großen,
dem Rätien übertragen wurde, als die KAROLINGER
es der bis dahin herrschenden Präses/Bischofs-Dynastie der
VICTORIDEN
wegnahmen. Nach ihm benennt die Forschung die HUNDRIDINGER, in deren
Namensgut,
zweifellos durch vornehme Einheirat, der Leitname Burchard eindrang und
die bekanntlich das "Herzogtum Schwaben", jenes im 9. Jahrhundert aus
den
drei merowingischen UNRUOCHINGER
haben auch die HUNFRIDINGER einen
Präfekten der südgallischen
Markenverwaltung gestellt, wie sie haben sie honres und Besitz in
Aleannien
(Thurgau), und als Beziehung im Bereich der Namen bieten sich die Adal-Udal-Namen
der HUNFRIDINGER an
[TELLENBACH ebd. zu "Markgraf Hunfrid von
Toulouse",
der in den 40-er Jahren des 9. Jahrhunderts im Besitz von Toulouse
erscheint,
das bis 837 dem UNRUOCHINGER
Berengar
gehört hatte! Ebenda auch Diskussion der Träger der Leitnamen
Adalbert
und Odolricus/Ulrich,
von denen der letztere auf die
UDALRICHINGER/GEROLDE
weist. Zum Eindringen des Namens Burchard
beachte, das Unrocus in
seinen beiden Nennungen zur Zeit KARLS DES
GROSSEN
neben Burchardus,
dem comes stabuli KARLS,
steht (siehe oben Anm. 1.)]. Es ist dies nur eine Möglichkeit, der
nachgegangen werden sollte. Trifft sie zu, so bestätigt sie die
Verflechtung
von Familien, die wir oft zufällig nach einem bestimmten
Namensträger
trennen.
Als gesichertes Ergebnis können wir jedoch festhalten, daß
zu den nordfranzösischen, flämischen und italienischen
Nachweisen
der UNRUOCHINGER durch
TELLENBACH
solche aus Alemannien, durch die hier gegebenen Ausführungen
solche
aus der Touraine und dem Mainzer Raum getreten sind. Zugleich wurde
gezeigt,
daß der "Alemanne" Alpger/Altger,
bei dessen Zuweisung
zum
Mannesstamm der UNRUOCHINGER
TELLENBACH
noch zögern mußte, mit dem Leitnamen seines Vaters und
Bruders,
Audacher, in das
geschlossene Namengut des
UNRUOCHINGER-Hauses,
wie es sich am vollständigsten im Bereich der Mainzer Großen
nachweisen läßt, hineingehört. Der Nachweis des UNRUOCHINGERS
Hruoculfus in Tournai und eines Verwandten Hroccolf in
Mainz
läßt schließlich darauf aufmerksam werden, daß
eine
Variante von Audacher/Autger und
Hrruoculfus/Audulfus/Otulf
wäre:
Der Seneschall KARL DES GROSSEN dieses
Namens, der einen Feldzug gegen die Bretonen befehligte und dann
Präfekt
in Bayern wurde, nachdem er zuvor als Graf im Taubergau
nachweisbar war,
könnte also in Beziehung zu unserem Geschlecht gebracht werden.
Die
Spannweite eines eng mit den KAROLINGERN
verküpften Adels-Hauses wird in unseren Ermittlungen deutlich.
Ohne
daß hier noch den Vorstufen des Namensgutes in der Zeit vor KARL
DEM GROSSEN nachgegangen werden müßte, wird
einleuchten,
daß die Größe dieses Hauses nicht erst mit
Unrucos
noch etwa mit der Ehe Eberhards
von Friaul mit der Tochter LUDWIGS DES
FROMMEN begann.
Tellenbach Gerd: Seite 57-60
**************
"Der
großfränkische
Adel und die Regierung Italiens in der Blütezeit des
Karolingerreichs."
in: Studien und Vorarbeiten zur Geschichte des
Großfränkischen
und frühdeutschen Adels
An historischem Wert übertrifft die bisher Behandelten das
Haus, aus dem der spätere König
und Kaiser BERENGAR VON
FRIAUL hervorging, das man UNRUOCHINGER nennt. BERENGARS Vater
Eberhard, der Sohn Unruochs, wurde nach 828 Markgraf oder Herzog in
Friaul. Er heiratete wohl bald danach die Tochter Kaiser LUDWIGS DES
FROMMEN und der WELFIN Judith,
Gisela, die Schwester Kaiser
KARLS DES
KAHLEN. Schon vorher muß das Haus sehr hoch gestanden
haben, das
Eberhards Bruder Berengar, Markgraf in dem
Septimanien benachbarten
Gotien, in einer erzählenden Quelle Verwandter des Kaisers genannt
wird [94 Vita Hludovici
c. 54, SS II Seite 602.]. Ihr Vater Unruoch
muß
einer der bedeutendsten Paladine KARLS DES
GROSSEN
gewesen sein. Denn er gehört zu den fünf fränkischen und
sechs sächsischen Grafen, die 811 an der fernen Eider einen
Frieden
mit den Dänen abschlossen und er bezeugte mit einigen anderen
Magnaten
das Testament des Kaisers [95
Ann. regn. Franc. ad a. 811, Seite 134. Einhard, Vita Caroli Magni c.
33, Seite 41.].
Obwohl die Geschichte der "UNRUOCHINGER"
besonders gründlich
behandelt worden ist [96 Vgl. E. Favre, La familie d'Evrard, marquis de
Frioul dans le royaume Franc de l'ouest, Ecudes d'hist. de Moyen age
dediees a G. Monod (1896) Seite 155ff. P. Hirsch, Die Erhebung
Berengars I. von Friaul zum König von Italien. Diss.
Straßburg 1910.], sind viele Fragen nach der Genealogie und
Herkunft dieses Geschlechts ungelöst geblieben. Auch sind wir nur
ein bescheidenes Stück weitergekommen, das aber gerade in unserem
Zusammenhang von einiger Bedeutung ist, weil es Licht auf die
alemannische Stellung der UNRUOCHINGER
wirft und damit auf
alemannisch-italienische Beziehungen.
Jener schon genannte Albgar,
der 817 mit dem ALAHOLFINGER
Kadolah und
den byzantinischen Gesandten als Königsbote nach Dalmatien ging,
wird von den fränkischen Reichsannalen Unruochi nepos genannt [97
Ann. regn. Franc. ad a. 817, Seite 145.]. Er dürfte identisch sein
mit dem zweiten karolingischen
dux von Kärnten, der in
der Conversio Bagoariorum et Carantanorum Albgarius genannt wird, weil
nämlich Kärnten bis bis zum Sturz Balderichs 829 zu Friaul
gehörte und erst bei der Vierteilung des alten Markengebietes
verselbständigt wurde [98
Conversio Bagoariorum et Carantanorum c.
10, SS XI Seite 11.]. Über diesen Albgar geben uns nun
glücklicherweise eine Reihe von Urkunden erwünschte Auskunft,
die in Malinad und Brescia ausgestellt sind [99 Cod. dipl. Langob.
Monum hist. patriae XIII, c. 157 nr. 84, c. 242 nr. 138, c. 253 nr.
145, c. 254 nr. 146. Zu diesen Urkunden vgl. schon Abel-Simson II Seite
432, Hirsch, a.a.O. Seite 34 Anm. 6. F. Gabotto, Il conte die Tortona
Alpgario, Arch. ator. Ital. 74 (1916) Seite 150ff., M. Chaume, les
origine du duche de Bourgogne (1925) Seite 112 Anm. 2.]. Nach einer
unsicher datierbaren Urkunde aus der Zeit zwischen 820 und 840
prozessierte Alpicharius,
comes de Alemannia, vor Graf
Leo in
Mailand
gegen zwei Brüder, die in seiner Abwesenheit Güter an sich
gerissen hatten, Güter, die er früher, als baiolus der
Prinzessin Adelheid,
der Tochter Pippins von Italien,
gekauft habe.
Dies soll noch bei Lebzeiten Pippins,
also vor dem Sommer 810, gewesen
sein. Er erklärte, er sei dabnach mit der Prinzessin an den Hof
des Kaisers gereist, von dem er als Belohung eine Grafschaft erhalten
habe. Eine uns überlieferte Kaufurkunde von 807 bestätigt
tatsächlich das erwähnte Rechtsgeschäft und gibt uns
nähere Auskunft über die Gütererwerbung. Darin wird der
Käufer Alcherius
oder Haltcherius ex Alamannorum genere genannt,
ebenso sein Vater Autcherius
de finibus Alamanniae, loco ubi nominatur
Lintzikawa (Linzgau). 842 schließlich überträgt
Alcherius nach einer Urkunde für sich selbst, nach einer
anderen
einen Bruder, der wie der abermals genannte Vater Autcharius
heißt, viele Güter an das Kloster Sant' Ambrogio in Mailand.
Daß die so verschiedenen Namen sich auf die gleiche Person
beziehen, ist durch den Urkundeninhalt außer Zweifel gestellt.
Den comes de Alamannia finden
wir tatsächlich in einer
Schenkungs-Urkunde für St. Gallen im Hegau, die sub Alpkario
comite im Jahre 830
ausgestellt ist, und zeugen entsprechenden Namens
ohne Titel kommen in der für uns faßbaren Lebenszeit Alpkars
in Alemannien öfter vor [100
Wartmann I nr. 331.]. Die
italienisch-alemannische Doppelstellung des Grafen ergibt sich endlich
aus einem Dedikationsgedicht des Walafried
Strabo, in dem Alpgar
als
Erbauer einer Kirche zu Ehren des Heiligen Marcianus in Tortona
gefeiert wird:
Huius in
obsequium sancti comes infimus Alpger
Hanc acdem
exstruxi auxiliante deo [101 Poeta Lat. II Seite 409 nr. 68.
Wenn Gabatto a.a.O. auf Grund dieses Gedichtes Alpkar als Grafen von Tortona
bezeichnet, so ist dies bloße Vermutung. Wir können daraus
lediglich eine Beziehung zu Tortona sicher erschließen. Die
Aufstellungen Gabottos über Alpkars
Herkunft sind unhaltbar.].
Autcherius oder Autcharius de finibus Alamanniae, der Vater
der
beiden Brüder Alpkar und Autcharius, trägt einen Namen, der
Otger, Otakar und ähnlichen
Formen entspricht. Wir wagen nicht zu
entscheiden, ob ein genealogischer Zusammenhang oder gar eine
Identität des Autcharius
mit Trägern des gleichen Namens in
Alemannien besteht [102
Besonders ist zu beachten die Familie jenes
Otgerus, der in der
zweiten Hälfte des 8. Jahrhunderts nach
Wartmann I nr. 13 mit seinen Söhnen an St. Gallen Unfreie in
Hadlukon, ferner in Dürnten. Vgl. Wartmann I nr. 74. Dieser
Otgarus, der 775 schon
verstorben war, mag identisch sein mit Otgarus,
dem Sohn des Hetti oder
Hattinus. Vgl. Wartmann I
nr. 44 und 45. Da
Wartmann I nr. 74 nur im Codex Traditionum überliefert ist,
während das Original wohl zu denen gehört, die M. Goldast
verschleppt hat, hatte ich erwogen, ob Unforahthus auf einen
Abschreibfehler aus Unvorachus
entstanden sei. Indessen kommt der Name
Unforath wirklich vor,
wie die Einsichtnahme in die Handschrift des St.
Gallener Verbbrüderungsbuches zeigte. Vgl. Piper Seite 982 c.
300.].
Am ehesten könnte man vermuten, daß der in der
aufschlußreichen Liste der sächsischen Geiseln aus den
späteren Jahren KARLS DES
GROSSEN genannte Graf Audraccus der Vater Alpkers gewesen ist
[103 Vgl. Capit. I, Seite
233 nr. 115.]. In der Liste findet man als
Geiselbewahrer drei Bischöfe, einen Abt und 21 Grundherren, deren
Sitz zum größten Teil in Alemannien sicher nachgewiesen
werden kann. Dort ist außer Audraccus auch Graf Unroch
erwähnt. Mit einiger Wahrscheinlichkeit kann Audraccus mit dem
missus Audaccrus identifiziert
werden, der zusammen mit dem
alemannischen Grafen
Grahamannus 788 in Bayern gegen die Awaren
kämpfte [104 Ann.
regni Franc. ad a. 788, Seite 82.].
Wenn wir nun auch offen lassen
müssen, ob Autcharius
der Bruder oder
Schwager des Grafen Unruoch war [105 Genealogisch
stellt sich der gesicherte Zusammenhang folgendermaßen dar:
Unroch
Autcharius
I
-------------------------
Alpkar
Autcharius
Unrochi nepos
Daß Unroch und Autcharius Brüder
waren, ist nicht
"stabilito",
wie Gabotto a.a.O. Seite 156 meint, sondern nur möglich.
Ebensowenig
kann es aber auch mit Hirsch a.a.O. Seite 34f. Anm. 6 kategorisch
bestritten werden.],
so beweist ihre Verwandtschaft einerseits, daß schon
vor der Einsetzung Eberhards
in Friaul die UNRUOCHINGER
durch Alpkar Beziehungen
zu Italien gehabt haben, und zum andern wirft sie neues Licht auf die
alemannische Stellung der UNRUOCHINGER. Unruochs
Nennung
in der erwähnten sächsischen Geiselliste, seine Beziehungen
zu
Autchar
und
Alpkar
aus Alemannien, die Vererbung von alemannischen Besitz durch
seinen
Sohn Eberhard
[106 Vgl. das
Testament Eberhards von
867 im Cartulaire de l'abbaye de Cysoing, ed. I. de Coussemaker (1883)
Seite 1 nr. 1.] macht eine Verflochtenheit der UNRUOCHINGER
mit Alemannien sicher. Es ist sogar ernstlich zu beachten, daß Eberhards
erstgeborener Sohn außer den langobardischen gerade die
alemannischen,
nicht etwa die fränkischen Güter erbte. Trotzdem soll nicht
behauptet
werden, daß die UNRUOCHINGER
altalemannischer Herkunft
sein
müßten und ihre bedeutenden flämischen und
nordfranzösischen
Besitzungen erst Eberhards
Heirat mit der
karolingischen Prinzessin
verdankten. Manches spricht
dafür,
daß
sie ebenso wie Gerold, Cancor, Ruthard, Warin und
gewiß
noch viele andere im Zuge der fränkischen Durchdringung
Alemanniens
ins Land gekommen sind. Es ist möglich, daß nur
Unruochs
unbekannte Gattin aus einem in Alemannien ansässigen Haus stammte.
Aber die UNRUOCHINGER
müssen jedenfalls in Alemannien
ziemlich
stark verwurzelt gewesen sein.
In Italien waren die UNRUOCHINGER
mit anderen dort lebenden Personen
und Sippen verwandtschaftlich verbunden. Die Ehe des jüngeren
Unruoch mit der ETICHONIN Ava wurde
bereits erwähnt [107 Vgl. oben Anm. 92.]. Im Testament Eberhards und Giselas wird ein nepos
Adalroch genannt, der vor
880 als comes und missus KARLS III. in Turin
auftritt [108 Coussemaker
Seite 5; D Kl III 25.]. Wenn er identisch
wäre mit dem im Reichenauer Verbrüderungsbuch eingetragenen
Adalroch, würde dies
auch für ihn auf alemannische
Beziehungen hindeuten [109
Piper Seite 273
c. 411.]. Berthila, die Gattin BERENGARS VON FRIAUL endlich
stammt aus dem in Italien vielverzweigten Haus der SUPPONIDEN, dem auch
Kaiserin Angilberga angehörte.
Obgleich das Geschlecht sorgsam
erforscht wurde, zuletzt von E. HLAWITSCHKA [110 Hlawitschka a.a.O.,
Exkurs Seite 129ff.], können wir vorläufig nur vermuten,
daß es aus den westlichen Teilen des Groß-Franken-Reiches
nach Italien gekommen war. Es ist zu hoffen, daß systematische
Untersuchungen über den westfränkischen Adel uns zu genaueren
Ergebnissen führen.
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