SFORZA
STAMMTAFEL im Anhang des Lexikons des Mittelalters Band IX
Lexikon des Mittelalters:
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Sforza
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Familie aus der Romagna, die von 1450 bis 1500 und danach für
kürzere Perioden von 1515 bis 1535 das Herzogtum Mailand innehatte
und - mit Nebenlinien - in verschiedenen Regionen Italiens Signorien
und Herrschaften besaß.
Der Aufstieg der Familie ist auf Muzio
Attendolo (1369-1424) zurückzuführen, der aus
Cotignola (Ravenna) stammte. Ursprünglich Bauer, ergriff er das
Waffenhandwerk und erhielt seinen Beinamen
Sforza
von dem Condottiere
Alberico da Barbiano.
Dieser Beiname wurde auf seine Nachkommen übertragen und trat
schließlich an die Stelle des Familien-Namens ATTENDOLI.
Muzio errang großen
Ruhm als Condottiere; er
begründete eine nach ihm benannte Kriegstechnik im Gegensatz zu
der 'Schule' des Braccio di
Montone (Fortebracci) und stand im Dienst verschiedener
Machthaber in Italien. Besonders aktiv war er im Königreich
Neapel, wo er lange Zeit das Amt des Großkonnetabels
(Gran Conestabile) bekleidete und auch Herrschaften und Feuda
erhielt. Er begründete damit jene Politik der Gewinnung einer
territorialen Hausmacht, die eine wichtige Komponente für die
politische Einflußnahme seiner Nachkommen darstellen sollte.
Von Muzios zahlreichen
Nachkommen wurden viele Kriegsleute:
unter ihnen Alessandro, Stammvater der SFORZA von Pesaro (siehe unten), Bosio, Stammvater der SFORZA von Santa Fiora (siehe unten)
und vor allem Francesco
(1401-1466), seit 1450 Herzog
von Mailand.
Er war ein tüchtiger Condottiere im Dienst verschiedener
italienischer Staaten gewesen und erhielt Signorien in Apulien,
Kalabrien und im Kirchenstaat. Seine Ehe mit der Tochter des Herzogs von Mailand, Bianca Maria Visconti (1441),
ermöglichte es ihm nach dem Tod seines Schwieger-Vaters Filippo Maria Visconti, die
Nachfolge im Herzogtum zu beanspruchen, das er schließlich 1450
mit Waffengewalt eroberte. Im Frieden von Lodi (1454) erwirkte er seine
Anerkennung durch die Machthaber Italiens. Er konsolidierte seine
Herrschaft und legte das Fundament für die Herrschaft seiner
Dynastie durch eine umsichtige Innenpolitik, wobei er sich für die
Erhaltung des Friedens und des Gleichgewichts in Italien einsetzte,
nicht zuletzt durch sein Bündnis mit den MEDICI von Florenz, die ihn
bereits bei der Eroberung des Herzogtums unterstützt hatten.
Francescos Nachfolger
wurde sein erstgeborener Sohn Galeazzo
Maria
Sforza
(1444-1476), der an der Seite Ludwigs XI. von Frankreich am
Krieg der Ligue du Bien public
(1466) teilgenommen hatte und nach Italien zurückgekehrt war. 1468
oo Bona von Savoyen.
Dank der inneren Ruhe im Herzogtum und der Gleichgewichts-Politik
zwischen den italienischen Mächten suchte Galeazzo Maria die
Autorität seiner Dynastie zu vermehren und die Zentralgewalt zu
stärken, dabei unterstützt von seinem früheren Sekretär Cicco Simonetta. Seine
autoritäre Politik erregte jedoch vielfachen Widerstand und
führte wahrscheinlich letztlich zu der Verschwörung, bei der
er in der Mailänder Kirche Santo Stefano ermordet wurde (26.
Dezember 1476).
Auf den Tod des Galeazzo Maria,
dessen Sohn Gian Galeazzo Maria
(1469-1494) noch sehr jung war, folgte eine Periode innerer
Machtkämpfe zwischen den Faktionen, die sich um verschiedene
Mitglieder der Familie gebildet hatten:
vor allem kämpfte Herzogin
Bona (und der Sekretär Cicco Simonetta) mit den
Brüdern des toten Herzogs, besonders Sforza Secondo, Sforza Maria und in erster
Linie Ludovico Maria,
genannt il Moro.
Letzterer errang nach einigen Jahren die Oberhand, schaltete Bona aus und ließ Simonetta enthaupten. Ohne
seinen Neffen explizit zu entmachten, übte er de facto die
Regierungsgewalt aus. (Gian
Galeazzo Maria oo 1489 Isabella,
Tochter Alfons' von Aragón,
und lebte bis zu seinem Tode im Schatten seines Onkels. Sein Sohn Francesco [1491-1512], genannt
»il duchetto«,
war von der Nachfolge ausgeschlossen.)
1495 erwirkte Ludovico
nach dem Tod seines Neffen vom Kaiser auch den Herzogstitel und spielte
eine sehr einflußreiche Rolle in der italienischen Politik.
Während seiner Herrschaft erlebte der Hof in Mailand eine
Glanzzeit. Seine unbesonnene und skrupellose Außenpolitik, die
sich weder auf entsprechende Ressourcen noch auf den Konsens seiner
Untertanen stützen konnte, führte jedoch schließlich
das Eingreifen der Franzosen herbei. 1499 floh Ludovico vor den Heeren Ludwigs XII. nach Tirol, konnte
im Jahr darauf für kurze Zeit sein Herzogtum wiedergewinnen, wurde
jedoch nach wenigen Wochen neuerlich besiegt und beendete seine Tage
als Gefangener in Frankreich.
Im frühen 16. Jh. machten die SFORZA
einige umstrittene Versuche, ihre Dynastie wieder an die Macht zu
bringen, während das Herzogtum Mailand nun zum Ziel der
Expansions-Politik der größeren europäischen
Mächte geworden war.
Ercole Massimiliano (1493-1530),
Sohn des Moro, der am
Kaiserhof erzogen worden war, erhielt seinen Thron durch die Hilfe der
Schweizer zurück (1512-1513). Nach dem Sieg der Franzosen bei
Marignano (19. Juni 1515) mußte er sein Herzogtum verlassen und
zog
sich nach Frankreich zurück.
Francesco II. (1495-1535),
der jüngere Bruder des Ercole
Massimiliano, kehrte durch ein Abkommen zwischen Papst Leo X. und Kaiser KARL V. (1521) nach Mailand
zurück, eroberte seinen Thron von neuem, nachdem Franz I. von Frankreich ihn
für kurze Zeit besetzt hatte, mußte sich jedoch KARL V. unterwerfen, der das
Herzogtum von 1525 bis 1529 direkt beherrschte und nach Francescos Tod dessen
Nachfolge antrat. (Die Ansprüche des illegitimen Halb-Bruders von Francesco, Gianpaolo, Stammvater der Markgrafen Caravaggio [1497-1535] blieben
unberücksichtigt.)
Die letzte legitime Nachfahrin der Mailänder Linie war
Bona, Tochter des Gian Galeazzo Maria und der Isabella von Aragón, die
mit Sigmund I. Jagiello,
König von Polen,
verheiratet wurde (1518).
Neben den Vertretern der Herrscher-Dynastie sind zahlreiche weitere SFORZA
zu
nennen, die im späten 15. Jh. in der italienischen Politik
Bedeutung gewannen.
Francesco
hatte 30 legitime und illegitime Nachkommen:
Polissena (1428-1449) oo
Pandolfo Malatesta
Drusiana (1437-1474) war
die Gemahlin des Condottiere Jacopo Piccinino
Elisabetta oo Wilhelm (Guglielmo) VII. von
Montferrat
Ippolita oo Alfons von Kalabrien
Unter den Söhnen sind neben Galeazzo
Maria die folgenden hervorzuheben:
Tristano (1429-1477), Condottiere;
Sforza Secondo (1435-1491),
ebenfalls Condottiere und Stammvater der SFORZA von Borgonovo
Sforza Maria (1451-1479),
Herzog von Bari
und vor allem
Ascanio Maria (1455-1505),
der die kirchliche Laufbahn einschlug, zahlreiche Bistümer in der
Lombardei innehatte und 1484 zum Kardinal
ernannt wurde. Unter dem Pontifikat Alexanders VI. Borgia,
dessen Wahl er betrieben hatte, erreichte er eine beachtliche
Machtfülle. Nach dem Fall seines Bruders Ludovico il Moro suchte Ascanio eine Restauration der SFORZA-Dynastie in Mailand zu erreichen,
blieb jedoch erfolglos. Er starb an der Pest.
Von den Nachkommen des Galeazzo
Maria sind zu erwähnen:
Anna Maria (1476-1497),
Gemahlin des Herzogs von Ferrara,
Alfonso d'Este;
Bianca Maria (1472-1510),
zweite Gemahlin Kaiser MAXIMILIANS (1494)
und vor allem die illegitime Tochter
Caterina (1463-1509) oo Girolamo Riario, Neffe Papst Sixtus'IV. und Signore von Imola und nach 1480 von Forli. Um den Besitz dieser
Ländereien mußte Caterina
nach der Ermordung Girolamos
(1488) mit den Päpsten kämpfen. Sie verschanzte sich in der
Burg von Forlì und vermochte Widerstand zu leisten und die
Signorie im Namen ihres Sohnes Ottaviano
zu halten. Schließlich mußte sie jedoch einem neuen Angriff
Alexanders VI. Borgia
und seines Sohnes Cesare,
Herzog von Valentois
(1499-1500), weichen. Sie wurde einige Zeit gefangengesetzt und starb
schließlich in Florenz. Aus ihrer heimlichen zweiten Ehe mit Giovanni de'Medici stammte
der berühmte Condottiere
Giovanni »delle Bande
Nere«.
Das Aussterben der Hauptlinie und den Verlust der Herrschaft über
Mailand überdauerten einige Seitenzweige, die Feuda und Signorien
besaßen: unter ihnen die bereits erwähnten SFORZA von Caravaggio (Markgrafen,
1697 erloschen) und von
Borgonovo (die bis zum Ende des 17. Jh. Feuda im Gebiet von
Parma besaßen).
Die Linie Pesaro ging auf Alessandro (1409-1473, siehe oben)
zurück, Condottiere und
Waffengefährte seines Bruders Francesco. Er erhielt 1447 vom
Papst für sich und seine Nachkommen die Signorie über Pesaro. Sein
Sohn Costanzo und sein
Enkel Giovanni
mußten sich dennoch den Besitzansprüchen der Päpste
widersetzen. Im Namen des Papstes nahm Cesare Borgia, Herzog von Valentinois, die Stadt
in Besitz (1500-1503).
1512 eroberte sie endgültig Papst
Julius II., der den
letzten Nachkommen, Galeazzo († 1519), verjagte.
Die SFORZA von Santa Fiora stammten von
Muzios illegitimem Sohn Bosio,
der ebenfalls Condottiere
war, ab. Dieser heiratete 1439 Cecilia
Aldobrandeschi und erhielt einen Teil der Grafschaft Santa Fiora in der
südlichen Toskana. Unter Bosios
Sohn Guido (1445-1508)
ging die Grafschaft ganz auf die SFORZA
über. Die Familie (seit 1673 Sforza Cesarini) spielte in
der frühen Neuzeit durch ihren Einfluß und Reichtum eine
wichtige Rolle.
G. Chittolini
Literatur:
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C. Magenta, I Visconti e gli S. nel castello di Pavia, 1888
F. Malaguzzi Valeri, La corte di Lodovico il Moro, 4 Bde, 1913-23
C. Santoro, Gli uffici del dominio sforzesco (1450-1500), 1948
Storia di Milano, Fondazione Treccani degli Alfieri, Bde VII-VIII,
1956-57
C. Santoro, Gli S., 1968
Gli S.a Milano e in Lombardia e i loro rapporti con gli stati it. e
Europei, Atti del Convegno, 1982
Milano nell'età di Ludovico il Moro, Atti del Convegno
internaz., 1983
AAVV, Milan et les États bourguignons: deux ensembles politiques
princiers entre MA et Renaissance (XIV-XVI s.), 1988
AAVV, Florence and Milan: Comparisons and Relations, 2 Bde, 1989
G. Lubkin, A Renaissance Court. Milan under Galeazzo Maria S.,
1994.