SAVOYEN
 

STAMMTAFELN ZUR GESCHICHTE DER EUROPÄISCHEN STAATEN BAND II Tafel 110-113
 

Lexikon des Mittelalters: Band VII Seite 1415
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Savoyen (französisch Savoi, italienisch Savoia)
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Grafschaft (später Herzogtum)im West-Alpenrand und Jura (Südost-Frankreich), umfaßte auch die großen West-Alpenpässe und weiträumige Gebiete, unter anderem in der heutigen West-Schweiz (Wallis, Genf, Pays de Vaud/Waadtland) und im westlichen Ober-Italien

I. DIE BEGRÜNDUNG DES FÜRSTENTUMS IM 11.-12. JAHRHUNDERT

[1] Die Anfänge unter den burgundischen Rudolfingern und den Saliern
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Die Grafen von Savoyen nahmen im frühen 11. Jahrhundert als bedeutendes Fürstenhaus die politisch-administrative Organisation des Landes in Angriff, ein Prozeß, der erst im frühen 15. Jahrhundert seinen Abschluß fand. Unter Umgehung unsicherer Herkunftstheorien muß Humbert I. 'Weißhand' (belegt 1003-1048) als Begründer des regierenden Hauses SAVOYEN gelten. Humbert I. sowie seine Söhne Amadeus I. und Odo und seine Enkel Peter I. und Amadeus II. haben zwischen 1010 und 1080 die Grundlagen des Fürstentums geschaffen. Der Familie wurde von Rudolf III., König von Burgund, der Besitz einer Reihe von Komitaten übertragen bzw. bestätigt (Grafschaften Savoyen, Belley, Aosta, Sermorena, Viennois [Vienne] und Chablais). Auch die Könige und Kaiser (aus dem Hause der SALIER), die seit 1032 das Königreich Burgund beherrschten, führten diese Politik weiter; hierdurch konnten die SAVOYER die Grafschaft Maurienne ihrer Herrschaft unterstellten und sich ihre Rechte in Terentaise, Novalesa, Bugey und Valromey bestätigen lassen. Ihre Politik des Territorialaufbaus wurde vervollständigt durch enge Beziehungen zu den Bischöfen der Region, die zumeist Verwandte waren, und durch Heiratsverbindungen, die den SAVOYERN ein Ausgreifen ins Wallis und ins Tal von Susa ermöglichten.

[2] Investiturstreit und Staufer-Zeit
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Die Wandlungen in den Grundlinien der kaiserlichen Politik, die Auswirkungen der Gregorianischen Reform und des Investiturstreites sowie die rasche Ausbildung des Feudalwesens nötigten die Grafen, ihre politische Orientierung im 12. Jahrhundert zu ändern. Humbert II. (1080-1103) trieb den Aufbau einer Art von "feudaler Monarchie" voran, gestützt auf die Vasallität der in allen größeren Talschaften eingesetzten Vicecomites und auf die großen Adligen, die in den einzelnen 'terrae' des Fürstentums die Herrschaft über Land und Leute ausübten. Auch schloß Humbert Bündnisse mit den großen geistlichen Grundherren, insbesondere der Abtei S. Michele della Chiusa.
Graf Amadeus III. (1103-1148), der zumeist die Unterstützung der Bischöfe genoß, förderte kraftvoll Klostergründungen wie Abondance (Chablais), St-Sulpice (Bugey) und Arvieres (Valmeroy). Er erwarb anstelle des Laienabbiates in St-Maurice d'Agaune, das er 1128 aufgab, die Vogteirechte an dieser vornehmsten burgundischen Abtei; mit der Gründung der Abtei Hautecombe schuf er sich als Ausgleich ein neues Hauskloster. Die von Amadeus geförderten Abteien bildeten zum einen wichtige Fixpunkte des savoyischen Territorialerwerbs, zum anderen waren sie Ausdruck der persönlichen Frömmigkeit des Fürsten.
Amadeus wandte sich auch verstärkt der Errichtung bzw. dem Ausbau von Burgen an strategisch wichtigen Punkten zu (Avigliana am Eingang des Tals von Susa, Stützpunkt für das Ausgreifen nach Turin; Montmelian, seit 1142 Bastion gegen den Vorstoß des Dauphin vom Graisivaudan aus; Pierre-Chatel am Rhoneübergang, zur Kontrolle der großen Handelsroute vom Mittelmeerraum über die Poebene ins Saonetal und zu den Champagne-Messen). Auch vollzog der Graf einen Bündniswechsel, nämlich einerseits durch die Heirat seiner Schwester Adelaide mit Ludwig VI., König von Frankreich (1115), andererseits durch den Eintritt der Herren von Beaujolais in die Vasallität des SAVOYERS, der so den Einfluß der großen Adels-Familien THOIRE und VILLARS in Bresse und Bugey, in der Übergangszone zwischen savoyischen und burgundischen Machtbereich, zurückdrängte. Der weniger bedeutende Nachfolger Humbert III. näherte Savoyen noch stärker dem Papsttum an und plante eine Allianz mit den PLANTAGENET, doch geriet er in Konflikt mit FRIEDRICH BARBAROSSA und dem heiligen Anthelmus, dem einflußreichen Kartäuserbischof von Belley (1163-1178). Eine militärische Initiative gegen HEINRICH VI. mißlang.

II. DER TERRITORIALSTAAT DES 13.-15. JAHRHUNDERTS

[1] Der Aufbau:
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Nach dem Tode des wenig erfolgreichen Humbert III. (1189), der ohne Erben verstorben war, hielten die großen Lehnsadligen (Miolans, Villette, Briançon, La Chambre) einen politischen Wechsel für dringend geboten. Diesen vollzog Thomas I. (1189-1233) mit seiner weitsichtigen Politik, die für die nachfolgenden Grafen des 13. und 14. Jahrhunderts in den Grundzügen verbindlich bleiben sollte. Sie zielte auf die Errichtung eines mächtigen alpinen Territorialstaates ab, der sich im Raum des Königreiches Burgund entfalten sollte, aber auch bereits das Ausgreifen in den piemontesischen Bereich einschloß. Die Verwirklichung dieser politischen Konzeption stieß auf Widerstand der Bischöfe, die zum Teil schon von Rudolf III. eigene Komitatsrechte empfangen hatten (Tarentaise, Sitten, Lausanne) und als geistliche Reichsfürsten unter FRIEDRICH BARBAROSSA in unmittelbare Lehnsbeziehungen zum Imperium eingetreten waren (Genf, Belley, Maurienne), ebenso auf die Konkurrenz der großen Laienadligen, die als eigenständige Allodialherren und unter Ausnutzung der oft ungeklärten Besitzverhältnisse im Markengebiet zwischen Dauphiné und der Grafschaft Burgund eigene Fürstentümer zu errichten trachteten (Grafen von Genf, Herren von Faucigny, Herren von Thoire-Villars). Die aufstrebenden Städte und großen Talschaften (in Wallis, Chablais, Faucigny, Tarentaise, Maurienne und Bugey) bemühten sich nachdrücklich um Privilegierungen und Selbstverwaltungsrechte. Gespannt, oft feindselig waren die Beziehungen der SAVOYER zu den Nachbarmächten (Dauphin des Viennois und Markgraf von Montferrat, später dann HABSBURGER und VISCONTI). Die Expansion des Königs von Frankreich in den Rhône- und West-Alpenraum (Einflußnahme auf die Provence seit Ludwig dem Heiligen durch die kapetingische Seitenlinie der ANJOU, auf Grafschaften Burgund und Lyon seit Philipp dem Schönen) wurde von ca. 1290 an als beunruhigender Störfaktor der savoyischen Territorial-Politik empfunden.

[2] Regierung, Verwaltung und Verkehrswesen:
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Die Grafen von Savoyen beherrschten die Kunst, verschiedene Bevölkerungsgruppen des alpinen und voralpinen Raums unter ihrer Herrschaft zusammenzufassen. Dies erforderte eine Politik ständiger Präsenz, die durch ausgedehnte Reisetätigkeit wahrgenommen wurde (Empfänge von Kaisern und Königen, Abhaltung von Gerichtstagen [Audiences], Begegnungen mit Prälaten, Wallfahrten nach St-Maurice d'Agaune, Hofjagden in Chablais und Bugey, Turniere in Chambéry oder Bourg-en-Bresse, diplomatische Verhandlungen an den Grenzen, Kriegszüge). Hiermit wie mit lebhaften fiskalischen Interessen hängt die aktive Förderung des Verkehrswesens eng zusammen, die Savoyen als typischen »Paßstaat« kennzeichnet; diese seit dem 13. Jahrhundert stark hervortretende Politik umfaßte unter anderem Zollkontrolle und Festsetzung von Zolltarifen (péages), Einrichtung von Fährstellen (Fähre) und Brücken, Ausbau der Paßzugänge, Errichtung von Hospizen (Alpenpässe, Gasthaus).
Die Reisetätigkeit der Fürsten hinderte nicht die Herausbildung von bevorzugten Residenzen:
Im 11.-12. Jahrhundert lagen diese vor allem in der Maurienne (Charbonnières sur Aiguebelle, Hermillon bzw. St-Julien bei St-Jean), aber auch im piemontesischen Susa, wohingegen im 13.-14. Jahrhundert das eigentliche Savoyen (Montmélian, Le Bourget) stärker besucht wurde, doch auch das für die politischen Aufgaben in den nördlichen Territorien günstig gelegene Chablais (Évian, Chillon); seit dem Ende des 14. Jahrhunderts erscheint dann Ripaille am Genfer See als führendes Residenzschloß. Die dynamische Territorial-Politik der SAVOYER war nur realisierbar dank einer festen dynastischen Erbfolgeregelung (feudale Oberherrschaft des ältesten Bruders, lehnspflichtige Apanagen für die jüngeren Brüder, Anerkennung von Schiedssprüchen bei Streitigkeiten); in Leben und Ordnung der Dynastie spielten auch die Gräfinnen, die vom alten Grafen sorgsam ausgewählten Vormünder und die Zisterzienser-Abtei Hautecombe als Hauskloster eine gewichtige Rolle.

[3]Reichsvikariat und dynastische Politik:
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Für eine Vormachtpolitik im Rahmen des alten Königreiches Burgund erwies sich die bloße Anhäufung von Einzelterritorien und -titeln als unzureichend. Dies erklärt die Anstrengungen der SAVOYER, von der altehrwürdigen Abtei St-Maurice den Ring des hl. Mauritius zu erlangen; er war wohl schon seit dem 11. Jahrhundert, spätestens aber seit Mitte des 13. Jahrhunderts das wichtigste Herrschaftszeichen des Savoyer Grafen-Hauses, das sich dadurch mit einer sakralen Aura umgab, die es in gewisser Weise der Sphäre des Kaisers, der in seiner Eigenschaft als König von Burgund die Hl. Lanze des hl. Mauritius innehatte, annäherte. Dem lebhaften Streben nach Rangerhöhung entsprangen auch die Bemühungen der Grafen seit Thomas I. (1226), sich das Reichsvikariat verleihen zu lassen; es war seit ca. 1260 (Peter II.) das wohl wichtigste Instrument der savoyischen Oberhoheit in den »Nebenländern«. Schließlich wurde der Titel des Reichsvikars mit Amadeus VI. 1365 erblich. Damit war vor allem den Prälaten der Region die Möglichkeit genommen, sich unter Berufung auf ihre kaiserlichen Privilegien einer Kontrolle durch das Haus SAVOYEN zu entziehen. Mittels des Reichsvikariats konnten die Grafen den Wünschen von Bevölkerungsgruppen in entfernter gelegenen Gebieten, sich der Schutzherrschaft des mächtigen Savoyen zu unterstellen, wesentlich leichter nachkommen (östliche Provence, 1385-1388). Dem Haus SAVOYEN war eine Berufung auf die Souveränität (über die lehnsherrliche Suzeränität hinaus) möglich geworden.
Mit der Territorialexpansion hatte Thomas I. den Aufbau einer modernen fürstlichen Verwaltung in Angriff genommen. Peter II. baute die Ansätze des Vaters kraftvoll aus und schuf mit den Statuen von Savoyen (um 1264) die Grundlagen einer fürstlichen Gesetzgebung. Bei ihren Initiativen zur Schaffung eines souveränen Staatswesens blieben die SAVOYER jedoch sorgsam auf die Wahrung der Loyalität gegenüber dem Kaiser bedacht.

[4] Militärwesen:
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Einer der wichtigsten Bereiche der savoyischen Staatsordnung war das schlagkräftige und disziplinierte Heer, das den diensttuenden Adligen (bannerets, chevaliers, écuyers) attraktive Karrieren und Einkünfte bot (Lehen, Entschädigung für im Dienst verlorene Pferde, aber auch regulären Sold, Beuteanteil und fakultative fürstliche Gunsterweise). Auch Nichtadlige traten (als Klienten ihrer Herren) in das Heer ein, so als Armbrustschützen (arbalétriers), und gehörten vielfach den stets einsatzbereiten gräflichen Haus- und Garnisiontruppen an, die den Kern eines stehenden Heeres bildeten. Vom savoyischen Militärwesen profitierte in besonderem Maße die wachsende Zahl der Heereslieferanten (Harnisch- und Waffenmacher, Roßhändler, Viehbauern, Fleischer und andere Lebensmittelgewerbe, Zimmerleute, Maurer usw.). Das einer kompetenten Führung und regelmäßigen Inspektion unterstehende Heer konnte sich auf ein dichtes Netz von Burgen und Befestigungen (unter anderem Wacht- und Wehrtürme in dichter Folge an Straßen und strategisch wichtigen Punkten) stützen. Dieses wohlorganisierte Verteidigungssystem hinderte Angreifer (etwa die große antisavoyische Koalition der GENFER, HABSBURGER und ANJOU im späten 13. Jahrhundert) an einem leichten Eindringen ins Land; im Sinne des Schutzgedankens gebot das savoyische Heer etwa auch den Einfällen der marodierenden Kompagnien (routiers) des 14. Jahrhunderts und dem Räuberunwesen energisch Einhalt. Die mit starker Artillerie und Belagerungsmaschinen hochgerüstete savoyische Militärmacht beteiligte sich erfolgreich an Kriegszügen verbündeter Herrscher in entfernten Ländern:
So öffnete Amadeus V. (1285-1323) mit seiner schlagkräftigen Streitmacht 1310 König HEINRICH VII. VON LUXEMBURG den Weg nach Rom. Als Verbündeter des byzantinischen Kaisers Johannes V. Palaiologos kämpfte Amadeus VI. (1343-1383) gegen Bulgaren und Osmanen in den Meerengen und im westlichen Schwarzen Meer (1366-1367). Unter Heinrich III. und Eduard I. operierten savoyische Verbände im gesamten England. Graf Aymon (1329-1343) und seine Nachfolger unterstützten Frankreich seit 1337 im Hundertjährigen Krieg, wobei die territorialen Interessengegensätze zum König von Frankreich angesichts der einträglichen Gewinne und der intensivierten Beziehungen zum avignonesischen Papsttum hintangestellt wurden.

[5] Territoriale Expansion und institutioneller Ausbau im 14. und frühen 15. Jh.:
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Neben gewinnbringenden militärischen Interventionen, bei denen sich die großen Mächte Europas auf die SAVOYER als »Türhüter der Alpen« angewiesen sahen, waren es vor allem die Domänen des Hauses, die dank einer straffen, effizienten Verwaltung reiche Erträge abwarfen. Die Besitzungen waren gegliedert in Kastellaneien, die sich zu Beginn des 15. Jahrhunderts auf mehr als 170 beliefen, verteilt über 13 Bailliages (bzw. entsprechende Verwaltungssprengel). Beträchtlich waren auch die Einkünfte aus den fürstlichen Münzstätten, die sich seit dem 11. 
Jahrhundert entwickelten und im 14.  Jahrhundert zum Bimetallismus übergingen. Die Zollrechte, die das Haus SAVOYEN entlang der großen Straßen erwarb und durch die Gründung neuer Städte wie durch Privilegienverleihung an auswärtige Kaufleute förderte, waren vor 1300 wenig zahlreich, dafür recht gewinnbringend, während für die Zeit danach eher das Gegenteil gilt. Die Einnahmen aus außerordentlichen Steuern (Subsidien/Beden, Sondersteuern, Staatsanleihen) ergänzten seit dem 14.  Jahrhundert die genannten Einnahmen und erhöhten die politische Spannkraft des Grafen.
Die Grafen schufen im 13. und 14. 
Jahrhundert eine festgegründete, alle Bereiche abdeckende Verwaltung, ohne je die Anwendung des eigentlichen Feudalrechtes zu vernachlässigen. Die Zentralverwaltung trug klassische Züge. Es bestand ein gräflicher Rat (Conseil du comte), von dem sich der in Chambéry etablierte Conseil Résident als Gerichtsbehörde, sodann die Kanzlei (Chancellerie) und der zivile wie militärische Hofhalt (Hôtel civil et militaire) ablösten; Kontrollinstanzen wie Rechnungshof (Chambre des comptes), Oberster Gerichtshof (Audiences Générales) und Militärinspektion (Inspection Militaire) hatten eigenständigen Charakter. Die regionale (Baillis) und lokale (Châtelains) Verwaltung war gekennzeichnet durch eine Konzentration der Gewalten (mit Ausnahme der den Richtern übertragenen Rechtsprechung) und geographische und soziale Diversifikation der Beamten, die als ernannte, besoldete und abberufbare Funktionsträger sowohl mit fürstlichen Gunsterweisen als auch (bei Versäumnissen) mit Sanktionen rechnen konnten.
Eine weitere territoriale Ausdehnung wurde zu Beginn des 15.
Jahrhunderts nochmals begünstigt durch das Aussterben großer Adels-Familien (Grafen von Genf, Thoire-Villars), kam dann aber im Bereich des alten Königreiches Burgund zum Stehen, wobei im Norden noch Waadtland und Grafschaft Greyerz (Gruyère), im Nordwesten Bresse und Dombes erfaßt wurden, während im Südosten zwar eine Festsetzung im Faucigny und Pays de Gex erreicht wurde, diese aber mit dem Verlust der savoyischen Position im Viennois einherging. Im Süden verleibten die SAVOYER die östliche Provence ihrem Machtbereich ein; Voraussetzung war der erfolgreiche Herrschaftsausbau in Piemont (von Biella bis Cuneo), mit dem Ossolatal als nördliche Außenposten, im Süden der Vorstoß auf Genua. Über die Pässe der provencalischen Seealpen wurden Nizza (mit seinem 'Comté') sowie das von Amadeus VIII. zum Kriegshafen ausgebaute Villefranche erreicht. Das lange Zeit auf das Europa nördlich der Alpen hin orientierte Savoyen wandte sich damit den Ländern des östlichen Mittelmeerraumes (Zypern) zu, bewahrte aber dennoch seine militärische und politische Präsenz als Hüter der Alpenpässe vom Simplon bis zum Mittelmeer.

[6] Kirchenpolitik:
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Dem dynamische Ausbau der politischen, institutionellen und militärischen Position korrespondierten die charakteristischen religiösen Aktivitäten. Hatten die Grafen im 11.
Jahrhundert die Ausbreitung Clunys nachhaltig gefördert (Errichtung zahlreicher cluniazensischer Priorate), so unterstützten sie im folgenden Jahrhundert frühzeitig die Zisterzienser und gaben den mit dem Ausbau der Alpenpässe verbundenen religiös-karitativen Initiativen (Hospize) kraftvolle Impulse. Ausgehend von der Grande Chartreuse, die in einem Grenzgebiet Savoyens zum Dauphiné lag, entstanden auch in den savoyischen Territorien Kartausen; der Kartäuserorden trug durch seine hohe Spiritualität, verbunden mit aktiver Erschließung des Gebirgslandes (Weide- und Forstwirtschaft, Bergbau und Hüttenwesen), trotz der geringen Zahl seiner Mönche beispielhaft zur Entwicklung der savoyischen Alpen-Regionen bei. Die augustinischen Regularkanoniker (St-Maurice d'Agaune) gründeten ihrerseits zahlreiche Priorate, die im regionalen Umkreis Seelsorge, Schulwesen und wirtschaftliches Leben förderten. Auch die Hospitäler der Antoniter in Chambéry (gegründet Anfang des 12. Jahrhundert) und Ranverso bei Turin (gegründet 1188) erfreuten sich des besonderen Wohlwollens der Fürsten. Als Bischöfe wirkten unter päpstlichem Einfluß zum Teil bedeutende Persönlichkeiten der großen Orden, vor allem Kartäuser und Zisterzienser (Anthelmus von Chignin, Petrus von Tarentaise/ Innozenz V.).
Die savoyischen Länder hatten reichen Anteil am Aufschwung der romanischen Baukunst und Skulptur im 12. 
Jahrhundert. (Romainmôtier und Payerne im Waadtland, Aosta und Aostatal, Aime und Cléry im Bereich von Tarentaise, Nantua, S. Michele della Chiusa und andere; Fresken der Burgkapelle von Allinges, Kapitellplastik von Yenne). Das spirituelle und geistige Leben wird durch den in Aosta geborenen hl. Anselm von Canterbury symbolisiert. In der Zeit des 13. Jahrhunderts prägten die großen städtischen Orden (Bettelorden) das intellektuelle Leben, oft schon vor der Begründung eigener Konvente. Aus Savoyen stammte eine Reihe von Päpsten (wohl schon Nikolaus II. im 11. Jahrhundert, Innozenz V. im 13.  Jahrhundert, Clemens VII. im 14.  Jahrhundert, Felix V. im 15.  Jahrhundert). Im Spät-Mittelalter spiegelt die Gründung von Ritterorden (Annuntiaten, die auf den savoyischen Halsbandorden von 1364 zurückgehen; Mauritius, Orden vom hl., 1434) die dynastische Frömmigkeitshaltung (pietas) des Hauses SAVOYEN wider.

[7] Landesausbau, Paßverkehr, Wirtschafts- und Bevölkerungsentwicklung:
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Vom 2. Drittel des 11.
Jahrhunderts an bis zum Beginn des 14.  Jahrhunderts vollzog sich ein tiefgreifender Prozeß systematischen Landesausbaus, der die Hochebenen und die Täler bis an die Grenzen der Felsregion erfaßte. Die Bauern, beraten von kundigen Mönchen und geschützt von ihren Grundherren, rodeten Wälder, legten Sumpfgebiete in den Dombes trocken, bewässerten das Aostatal und seine Nebentäler, organisierten die Almwirtschaft (alpage, Alm) und zähmten sogar Bergbäche durch Dämme. Der Landesausbau wurde begünstigt durch die vorteilhafte Klimaentwicklung (Klima) und die sprunghafte Ausbreitung vorindustrieller technischer Betriebe auf hydraulischer Grundlage (Energie) wie Mühlen, Hammerwerke (Schmieden, Schmelzen), Hanfschlägereien (Hanf), Gerbereien, Sägen usw. Der lebhafte Bergbau in den Gebirgsregionen (besonders Maurienne und angrenzendes Pays de Gex) lieferte reiche Erträge an Eisen, das den Rohstoff für die metallverarbeitenden Gewerbe (Werkzeug- und Waffenherstellung) bildeten. Der Aufschwung des internationalen Handelsverkehrs (zwischen Ober-Italien und den Champagne-Messen) belebte die Alpen- und Jurapässe; die SAVOYER förderten besonders Mont Cenis und Mont Joux (Großer St. Bernhard) und verliehen dem im Spät-Mittelalter kontinuierlich wachsenden Reiseverkehr eine verbesserte Infrastruktur (Einsatz professioneller Führer, Geleitmänner, Säumer und Fuhrleute; Aufstellung von Wegzeichen an Straßen und Pässen; Ausbau von Hospizen und Lagerhäusern/soustes; Errichtung von Rhônebrücken, so bei Genf, Seyssel, Chanaz, Pierre-Châtel; Einrichtung neuer Routen: Achse Lanslebourg-Seehospiz am Mont Cenis), was der stark zunehmenden Bevölkerung der savoyischen Länder vielfältige Beschäftigung im Transport- und Beherbergungswesen bot, wohingegen Fernhandel und Geldgeschäft zumeist in der Hand von Lombarden und Genuesen verblieben.
Die städtischen Siedlungen, teilweise römischen Ursprungs (Civitates/Bischofsstädte wie Aosta, Sitten, Genf, Susa, Seyssel), einige wohl auf Großdomänen der KAROLINGER-Zeit zurückgehend (Ugine auf die 'Curtis de Ulgina'), verdankten ihre Entstehung vielfach feudalen Burgen des 11. und 12.
Jahrhunderts (Chambéry le Neuf, Mitte des 11. Jahrhunderts; Annecy le Neuf, spätestens Ende des 11.  Jahrhunderts; Montmélian und Pont de Beauvoisin, frühes 12. Jahrhundert), doch wurde im 13. Jahrhundert nochmals eine ganze Generation von neuen Städten, nach regelmäßigem Grundriß, errichtet (Bonneville im Faucigny; L'Hôpital sous Conflans, das heutige Albertville; Rolle im Wallis noch 1318). Starken Aufschwung erfuhren unter anderem Genf (Messen), Lausanne und Sitten als Handelsstädte, Chambéry als Residenz und Verwaltungszentrum der Grafschaft, Turin als Vorort des Piemont (anstelle des älteren Zentrums Pinerolo). Im allgemeinen überschritten die Städte in Savoyen aber nicht die Größenordnung von 4.000 Einwohnern. Städte und ländliche Gemeinden erhielten umfassende Privilegien (Statuten), die insgesamt stärker die Rechte des Individuums als diejenigen der Allgemeinheit betonten. Die gezielte gräfliche Privilegien-Politik wurden von Thomas I. begonnen (Aosta, 1195) und setzte sich bis zum Tode Amadeus' V. (1323) fort. Spätere Privilegierungen waren vielfach nur mehr Bestätigungen älterer Rechte.
Diese dynamische Entwicklung wurde getragen vom starken demographischen Anstieg, der von ca. 1030 bis 1347 anhielt. Die Gesamtbevölkerung des savoyischen Staates überschritt die Millionengrenze. Die Pest-Einbrüche von 1347 und 1373 reduzierten die Zahl der Einwohner wohl um fast die Hälfte, doch ließen territoriale Zugewinne die absolute Bevölkerungszahl danach wieder steigen. Bevölkerungsrückgang und Wüstungen trafen in besonders starkem Maße die Hochgebirgszonen, deren Bewohner oft in das savoyische Alpenvorland und weiter in das dichtbesiedelte untere Rhônetal (Lyon, Avignon) abwanderten. Savoyen erlebte einen raschen Wiederaufschwung mit verstärkter Bewirtschaftung der besseren Böden und Nutzung der Handelsaktivitäten (Genf, Chambéry, Turin, Nizza). Doch hemmten weitere Pest-Epidemien in der 1. Hälfte des 15. Jahrhunderts erneut die wirtschaftliche Regeneration.

[8] Der Ausgang des Mittelalters:
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Amadeus VIII. (1391-1439, 1451) verstand es als Graf und dann als Herzog, sein Land zu einer Hochblüte zu führen. Von 1398 bis 1416 betrieb er mit Ausdauer den territorialen Zusammenschluß (Konsolidierung der fürstlichen Autorität über die neuen Besitzungen in der Provence, Rekuperation der Apanage von Piemont nach dem Erlöschen der Linie Savoyen-Achaia, 1418) und erreichte die Anerkennung seiner Souveränität über die Markgrafschaft Saluzzo. Am 16. Februar 1416 erhob Kaiser SIEGMUND die Grafschaft Savoyen zum Herzogtum. Amadeus VIII. entfaltete rege diplomatische Aktivitäten in Frankreich (Ausgleich zwischen Frankreich und Burgund), Italien (Unterstützung der gegen die VISCONTI gerichteten Liga, dadurch Einverleibung von Vercelli) und im östlichen Mittelmeerraum (Bündnis mit den LUSIGNAN in Zypern). Die auf seine Initiative ausgearbeiteten »Statuts de Savoie« (1430) stärkten nachhaltig die Staatsgewalt. Auch als Eremit in Ripaille, als Papst (Felix V.) und als Kardinal-Bischof von Genf wachte dieser machtbewußte, zeremonielle und dem geistlichen Leben zugewandte Fürst, der dem 15. 
Jahrhundert in Savoyen seinen Stempel aufgeprägt hat, stets über die Interessen seines Landes.
Im 15. Jahrhundert vollzog sich eine erneute Intensivierung der wirtschaftlichen Initiativen, vor allem des Erzbergbaus und Hüttenwesens (Annecy, Faverges) und der Lederverarbeitung (Chambéry), sowie des Verkehrs zu Lande (Errichtung von neuartigen, in den Kurven stark verbreiterten Gebirgsstraßen) wie zu Wasser. Im Finanzgeschäft wurden die oft wenig zuverlässigen Lombarden allmählich von den Toskanern mit ihren entwickelteren Formen des Bankwesens verdrängt. Savoyen, das auf nur wenige Importgüter angewiesen war (Salz, Luxustextilien, Rassepferde), betrieb vor allem die gewinnbringende Ausfuhr von Holz, Vieh, Käse und Metallwaren. Als Führungsschicht trat zum einen der burgsässige Adel, zum anderen zunehmend das städtische Patriziat (mit seiner juristischen Ausbildung) hervor. Im übrigen umfaßte die Gesellschaft in Savoyen eine zumeist spezialisierte Handwerkerschaft, bäuerliche Gruppen in uneinheitlichen Sozial- und Besitzverhältnissen und zahlreiche Randständige. Die sich verbreitende Religiosität wird durch zahlreiche Kapellen, Bruderschaften (confréries), Wallfahrten und nicht zuletzt durch die Heiltumsweisung des Hl. Schweißtuches (Suarium) in Chambéry dokumentiert.
Die savoyische Kultur und Zivilisation des 15.
Jahrhunderts manifestiert sich in prachtvollen Schlössern (Annecy, Chambéry; Aostatal: Challant, Fenis; Romanische Schweiz: Chillon, Ravon und viele andere), Schöpfungen der späten Flamboyant-Gotik (Sainte-Chapelle in Chambéry, Brou bei Bourgen-Bresse, mit burgundisch-habsburgischem Einfluß), Werken der Wandmalerei (Haute-Maurienne) und Buchmalerei, vor allem aber in der Musikpflege, die durch Guillaume Dufay (1435-55 Leiter der savoyischen Hofkapelle) europäische Bedeutung errang. Mehrere savoyische Fürstinnen traten als kunstsinnige Gönnerinnen hervor (Beatrix von Savoyen im 13. Jahrhundert, Bonne de Bourbon im 15. Jahrhundert).
Nach dem Tode Amadeus' VIII. (1451) machte sich in Savoyen das Fehlen einer fähigen Fürstenpersönlichkeit ungünstig bemerkbar. Die von Hofintrigen vergiftete Atmosphäre bot einen günstigen Nährboden für zentrifugale Tendenzen (Piemont, Genf). Die äußeren Mächte, vor allem die Eidgenossenschaft und das Königreich Frankreich, schickten sich zur Besetzung savoyischen Territorien an. Der Glanz des Hoflebens und die ertragreiche Wirtschaft konnten den Verfall der herzoglichen Autorität kaum mehr verdecken. Die französische Invasion von 1536 markiert das Ende des mittelalterlichen Staates Savoyen.
B. Demotz

Literatur:
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S. Guichenon, Hist. généal. de la Royale Maison de Savoie, Lyon 1660
C.W. Prévité-Orton, The Early Hist. of the House of Savoy (1000-1233), 1912
Marie-José (S.M.R.), La Maison de Savoie: les origines, 1956
Marie-José, Amédée VIII, 1962
Hist. de Savoie, hg. P. Guichonnet, 1973 [H. Baud, Kap. 4-7]
R. -H. Bautier, Atlas hist. français: Savoie, 1979
R. Brondy, B. Bemotz, J. -P. Leguay u. a., La Savoie de l'an Mil à la Réforme, 1984.


Ugoberto Alfassio Grimaldi: Seite 256
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"Das Haus Savoyen" in "Die großen Dynastien"

Bis zum 2. Weltkrieg wurde der italienische Geschichtsunterricht um die regierenden Herrscher-Häuser herumgruppiert. Wäre dies nicht der Fall gewesen, so wüßte man nur wenig über das Haus SAVOYEN vor der Zeit Amadeus' VIII. Diesem hatte Kaiser SIGISMUND im Jahre 1416 die Herzogswürde verleihen. Dem neuernannten Herzog gelang es, alle verstreut liegenden Besitzungen seiner weitverzweigten Familie zu einem Staat zusammenzuschließen, dem er dann seine Verfassung, die "Generalstatuten", verleih.
Im Mittelalter hatten die Herrscher dieser Dynastie noch keine große Bedeutung - es waren kluge, aber keineswegs überragende Persönlichkeiten. Mit ihrer Geschichte befaßte sich eine Reihe emsiger Hagiographen, die sogar erfinderisch waren. "Sabaudia" - den ursprünglichen Namen für "Savoyen", der sich zuerst bei Ammian Marcellinus, dem römischen Geschichtsschreiber des 4. Jahrhunderts, findet - von "salva via" abzuleiten. Damit wollten sie darauf hinweisen, dass den Fürsten dieses Hauses die Rettung der Seelen ihrer Untertanen oblag. Sie wußten ferner davon zu berichten, dass der erste Graf, Humbert, ein Feudalherr aus Burgund, den es im 11. Jahrhundert nach Italien verschlagen hatte, deshalb "Biancamano", das heißt "Weißhand", genannt wurde, weil seine Hände weiß wie Lilien waren. KONRAD II., der SALIER, hatte ihm die Grafschaft vermacht. Humberts Ländereien erstreckten sich über die West-Alpen; damit hatte er die Kontrolle über die Bergpässe - gerade zur Zeit der kaiserlichen Invasionen in Italien war dies eine echte Schlüsselposition. Sie erlaubte es dem Inhaber dieser Position, mit den Expansionsgelüsten zweier Seiten zu jonglieren:
Burgundische Interessen richteten sich auf Frankreich, und von der Poebene her wollte man nach Italien eindringen. Die Grafen von Savoyen ließen sich keine Gelegenheit entgehen, ihr Gebiet zu erweitern. Sie schlossen wechselnde Bündnisse, wobei sie dem Grundsatz treu blieben, sich selbst aus Kriegen herauszuhalten - denn dazu waren sie zu schwach -, aber von den Kriegen der anderen zu profitieren. Dabei achteten sie darauf, sich niemals unwiderruflich auf der einen oder der anderen Seite zu engagieren. Dieselben Grundsätze befolgten sie bei den internen Auseinandersetzungen zwischen der Haupt- und den Nebenlinien ihrer Familie sowie bei Konflikten zwischen der Dynastie und ihren Vasallen.

Anfangs waren die französischsprechenden transalpinen Gebiete in der Überzahl (auf piemontesischer Seite standen die mächtigen Markgrafschaften Montferrat und Saluzzo sowie die Grafschaft Asti, die im Besitz der Familie ORLEANS war, der savoyischen Expansion im Wege); das Herzogtum war in Wirklichkeit ein Vasall Frankreichs. Allerdings gab es auch Zeiten relativer Unabhängigkeit, zum Beispiel wenn die Nachbarmacht gerade von inneren Krisen geschüttelt wurde oder in einen Krieg verwickelt war. Das Herzogtum Savoyen war eine Bergregion und somit ein wirtschaftlich armes Gebiet.
Zu den Herrschern von Savoyen, die die expansionistische Politik der Dynastie lancierten, gehörte Oddone, der Sohn Humberts. Seine Gemahlin, Adelheid von Susa, hatte als Teil ihrer Mitgift die Grafschaft Turin in die Ehe eingebracht. Amadeus VI. (1343-1383) (nach der Farbe des Rockes, den er bei Turnieren zu tragen pflegte, der "Grüne Graf" genannt), schloß zunächst ein Bündnis mit den VISCONTI von Mailand, mit dem Ziel, die ANGIOVINER aus Piemont zu vertreiben, um sich danach selbst einige der VISCONTI-Städte anzueignen. Dies waren die ersten Anzeichen für eine Neutralitätspolitik gegenüber dem Gebiet der Poebene. Amadeus VI. wurde später beim Vertrag von Turin 1381 zwischen Genua und Venedig zum Vermittler bestellt - dies bedeutete einen beträchtlichen Zuwachs an Prestige für Savoyen. Amadeus VII., der Rote Graf (1383-1391), gehörte  ebenfalls zu dieser Gruppe der "Expansionisten":
Er erhielt die Grafschaft Nizza und damit einen Zugang zum Meer.

1434 zog sich Amadeus VIII. (1391-1440) zurück, um als Eremit zu leben und später einmal Gegen-Papst zu werden (unter dem Namen Felix V., Konzil von Basel 1439). Diese ungeahnte Mischung von religiösem Mystizismus und dem skrupellosesten Materialismus und Nützlichkeitsdenken ist nichts Ungewöhnliches für das Haus SAVOYEN. Die Abdankung Amadeus' führte das zwischen zwei mächtige Staaten eingezwängte Herzogtum in eine andauernde Krise. Viele Jahre lang übten seine unmittelbaren Nachbarn Frankreich und Mailand - mittlerweile ein spanisches Herrschaftsgebiet -, einen doppelten Druck bzw. auch eine Anziehung auf das kleine Herzogtum aus. Damit lassen sich die Unsicherheit und die Schwankungen in seiner Politik erklären.
Auf Amadeus VIII. folgte Ludovico (1440-1465). Er war für diese Position nicht geeignet und stand ganz unter dem Einfluß seiner Frau Anna, der Tochter des Königs von Zypern, Jerusalem und Armenien. Sie war eine zauberhaft schöne, ehrgeizige und intrigante Frau, die sich aufs Zwietrachtsäen verstand. Es war Anna, die Mutter von 16 Kindern, die das Heilige Grabtuch nach Savoyen brachte, jenes Tuch, in das, der Überlieferung zufolge, Christus nach der Kreuzabnahme gewickelt worden war:
Für Savoyen war der Besitz dieser Reliquie ein weiterer Prestigegewinn.

Gleich nach dem Ende des Hundertjährigen Krieges besetzte Frankreich Savoyen, die Alpenpässe und die wichtigsten Ortschaften des Herzogtums. Zu jener Zeit war der kraftlose Karl III., der Gute, Herzog von Savoyen. Sein größter Wunsch war es, in Frieden zu regieren. Er bildete sich ein, er könnte als Schwager Kaiser KARLS V. und Onkel Franz'I., des Königs von Frankreich, diese seine beiden verfeindeten Verwandten miteinander versöhnen. Im Endeffekt wurde er zwischen den beiden Mühlsteinen zerrieben und allen möglichen Demütigungen ausgesetzt.
 
Humbert I. Weißhand 1000-1048 
Amadeus I. Schwanz  1048-1051 
Oddo  1051-1059 
Peter I.  1059-1078 
Amadeus II.  1078-1080 
Humbert II. der Dicke  1080-1103 
Amadeus III.  1103-1148 
Humbert III. der Selige  1148-1189 
Thomas I.  1189-1233 
Amadeus IV.  1233-1253 
Bonifaz  1253-1263 
Peter II.  1263-1268 
Philipp I.  1268-1285 
Amadeus V. der Große  1285-1323 
Eduard der Freigiebige  1323-1329 
Haymon der Friedfertige  1329-1343 
Amadeus VI. der Grüne Graf  1343-1383 
Amadeus VII. der Rote Graf  1383-1391 
Amadeus VIII.   1391-1416/40 
Ludwig I.  1440-1465 
Amadeus IX. der Selige  1465-1472 
Philbert I. der Jäger 1472-1482 
Karl I. der Kämpfer  1482-1490 
Karl II. Johann Amadeus  1490-1496 
Philipp II. von Bresse  1496-1497 
Philibert II. der Schöne  1497-1504 
Karl III. der Gute  1504-1553 
Emanuel Philibert  1553-1580 
Karl Emanuel I. der Große  1580-1630 
Viktor Amadeus I. 1630-1637 
Franz Hyazinth  1637-1638 
Karl Emanuel II.  1638-1675 
Viktor Amadeus II.  1675-1730 
Karl Emanuel III.  1730-1773 
Viktor Amadeus III.  1773-1796 
Karl Emanuel IV.  1796-1802 
Viktor Emanuel I.  1802-1821 
Karl Felix  1821-1831 
Karl Albert  1831-1849 
Viktor Emanuel II.  1849-1878 
Umberto I.  1878-1900 
Viktor Emanuel III.  1900-1946 
Umberto II.  1946