STAMMTAFELN ZUR GESCHICHTE DER
EUROPÄISCHEN STAATEN
BAND II Tafel 110-113
Lexikon des Mittelalters: Band VII
Seite 1415
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Savoyen (französisch Savoi, italienisch
Savoia)
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Grafschaft (später Herzogtum)im West-Alpenrand und
Jura (Südost-Frankreich), umfaßte auch die großen
West-Alpenpässe
und weiträumige Gebiete, unter anderem in der heutigen
West-Schweiz
(Wallis, Genf, Pays de Vaud/Waadtland) und im westlichen Ober-Italien
I. DIE BEGRÜNDUNG DES FÜRSTENTUMS IM 11.-12. JAHRHUNDERT
[1] Die Anfänge unter den
burgundischen Rudolfingern
und den Saliern
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Die Grafen von Savoyen
nahmen
im frühen 11. Jahrhundert als bedeutendes Fürstenhaus die
politisch-administrative
Organisation des Landes in Angriff, ein Prozeß, der erst im
frühen
15. Jahrhundert seinen Abschluß fand. Unter Umgehung unsicherer
Herkunftstheorien
muß Humbert I.
'Weißhand' (belegt
1003-1048)
als Begründer des regierenden
Hauses SAVOYEN
gelten. Humbert I. sowie
seine Söhne Amadeus I. und
Odo und seine Enkel Peter I. und Amadeus II. haben
zwischen
1010 und 1080 die Grundlagen des Fürstentums geschaffen. Der
Familie
wurde von Rudolf III., König
von Burgund,
der Besitz einer Reihe von Komitaten übertragen bzw.
bestätigt
(Grafschaften Savoyen, Belley, Aosta,
Sermorena,
Viennois [Vienne] und Chablais). Auch die Könige und Kaiser (aus
dem
Hause der
SALIER), die seit 1032
das
Königreich Burgund beherrschten, führten diese Politik
weiter;
hierdurch konnten die SAVOYER
die
Grafschaft Maurienne ihrer Herrschaft unterstellten und sich
ihre
Rechte in Terentaise, Novalesa, Bugey und Valromey bestätigen
lassen.
Ihre Politik des Territorialaufbaus wurde vervollständigt durch
enge
Beziehungen zu den Bischöfen der Region, die zumeist Verwandte
waren,
und durch Heiratsverbindungen, die den SAVOYERN
ein Ausgreifen ins Wallis und ins Tal von Susa ermöglichten.
[2] Investiturstreit und Staufer-Zeit
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Die Wandlungen in den Grundlinien der
kaiserlichen Politik,
die Auswirkungen der Gregorianischen Reform und des Investiturstreites
sowie die rasche Ausbildung des Feudalwesens nötigten die Grafen,
ihre politische Orientierung im 12. Jahrhundert zu ändern. Humbert II.
(1080-1103) trieb den Aufbau einer Art von "feudaler
Monarchie"
voran, gestützt auf die Vasallität der in allen
größeren
Talschaften eingesetzten Vicecomites und auf die großen Adligen,
die in den einzelnen 'terrae' des Fürstentums die Herrschaft
über
Land und Leute ausübten. Auch schloß Humbert
Bündnisse
mit den großen geistlichen Grundherren, insbesondere der Abtei S.
Michele della Chiusa.
Graf Amadeus III. (1103-1148), der
zumeist
die Unterstützung der Bischöfe genoß, förderte
kraftvoll
Klostergründungen wie Abondance (Chablais), St-Sulpice (Bugey) und
Arvieres (Valmeroy). Er erwarb anstelle des Laienabbiates in St-Maurice
d'Agaune, das er 1128 aufgab, die Vogteirechte an dieser vornehmsten
burgundischen
Abtei; mit der Gründung der Abtei Hautecombe schuf er sich als
Ausgleich
ein neues Hauskloster. Die von Amadeus
geförderten Abteien
bildeten zum einen wichtige Fixpunkte des savoyischen
Territorialerwerbs, zum anderen waren sie Ausdruck der
persönlichen
Frömmigkeit des Fürsten.
Amadeus wandte
sich auch verstärkt
der Errichtung
bzw. dem Ausbau von Burgen an strategisch wichtigen Punkten zu
(Avigliana
am Eingang des Tals von Susa, Stützpunkt für das Ausgreifen
nach
Turin; Montmelian, seit 1142 Bastion gegen den Vorstoß des
Dauphin
vom Graisivaudan aus; Pierre-Chatel am Rhoneübergang, zur
Kontrolle
der großen Handelsroute vom Mittelmeerraum über die Poebene
ins Saonetal und zu den Champagne-Messen). Auch vollzog der Graf einen
Bündniswechsel,
nämlich einerseits durch die Heirat seiner Schwester
Adelaide mit Ludwig VI.,
König
von Frankreich (1115),
andererseits durch den Eintritt der
Herren
von Beaujolais in die Vasallität des SAVOYERS,
der so den Einfluß der großen Adels-Familien THOIRE
und
VILLARS
in Bresse und Bugey, in der Übergangszone zwischen savoyischen
und burgundischen Machtbereich, zurückdrängte. Der
weniger
bedeutende Nachfolger Humbert
III. näherte
Savoyen noch stärker dem Papsttum an und plante eine
Allianz
mit den PLANTAGENET, doch geriet
er
in Konflikt mit FRIEDRICH BARBAROSSA
und dem heiligen Anthelmus,
dem einflußreichen
Kartäuserbischof
von Belley (1163-1178).
Eine militärische Initiative gegen HEINRICH
VI. mißlang.
II. DER TERRITORIALSTAAT DES 13.-15. JAHRHUNDERTS
[1]
Der Aufbau:
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Nach dem Tode des wenig erfolgreichen Humbert III. (1189), der ohne
Erben verstorben war, hielten die großen Lehnsadligen (Miolans,
Villette, Briançon, La Chambre) einen politischen Wechsel
für dringend geboten. Diesen vollzog Thomas I. (1189-1233) mit
seiner weitsichtigen Politik, die für die nachfolgenden Grafen des
13. und 14. Jahrhunderts in den Grundzügen verbindlich
bleiben sollte. Sie zielte auf die Errichtung eines mächtigen
alpinen Territorialstaates ab, der sich im Raum des Königreiches
Burgund entfalten sollte, aber auch bereits das Ausgreifen in den
piemontesischen Bereich einschloß. Die Verwirklichung dieser
politischen Konzeption stieß auf Widerstand der Bischöfe,
die zum Teil schon von Rudolf III.
eigene Komitatsrechte empfangen hatten (Tarentaise, Sitten, Lausanne)
und als geistliche Reichsfürsten unter FRIEDRICH BARBAROSSA in
unmittelbare Lehnsbeziehungen zum Imperium eingetreten waren (Genf,
Belley, Maurienne), ebenso auf die Konkurrenz der großen
Laienadligen, die als eigenständige Allodialherren und unter
Ausnutzung der oft ungeklärten Besitzverhältnisse im
Markengebiet zwischen Dauphiné und der Grafschaft Burgund eigene
Fürstentümer zu errichten trachteten (Grafen von Genf, Herren
von Faucigny, Herren von Thoire-Villars). Die aufstrebenden Städte
und großen Talschaften (in Wallis, Chablais, Faucigny,
Tarentaise, Maurienne und Bugey) bemühten sich nachdrücklich
um Privilegierungen und Selbstverwaltungsrechte. Gespannt, oft
feindselig waren die Beziehungen der SAVOYER zu den
Nachbarmächten (Dauphin des Viennois und Markgraf von Montferrat,
später dann HABSBURGER und VISCONTI). Die Expansion des
Königs von Frankreich in den Rhône- und West-Alpenraum
(Einflußnahme auf die Provence seit Ludwig dem Heiligen durch die kapetingische Seitenlinie der ANJOU, auf Grafschaften Burgund
und Lyon seit Philipp dem
Schönen) wurde von ca. 1290 an als beunruhigender
Störfaktor der savoyischen
Territorial-Politik empfunden.
[2] Regierung, Verwaltung und
Verkehrswesen:
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Die Grafen von Savoyen beherrschten die Kunst, verschiedene
Bevölkerungsgruppen des alpinen und voralpinen Raums unter ihrer
Herrschaft zusammenzufassen. Dies erforderte eine Politik
ständiger Präsenz, die durch ausgedehnte Reisetätigkeit
wahrgenommen wurde (Empfänge von Kaisern und Königen,
Abhaltung von Gerichtstagen [Audiences], Begegnungen mit Prälaten,
Wallfahrten nach St-Maurice d'Agaune, Hofjagden in Chablais und Bugey,
Turniere in Chambéry oder Bourg-en-Bresse, diplomatische
Verhandlungen an den Grenzen, Kriegszüge). Hiermit wie mit
lebhaften fiskalischen Interessen hängt die aktive Förderung
des Verkehrswesens eng zusammen, die Savoyen als typischen
»Paßstaat« kennzeichnet; diese seit dem
13. Jahrhundert stark hervortretende Politik umfaßte unter
anderem Zollkontrolle und Festsetzung von Zolltarifen (péages), Einrichtung von
Fährstellen (Fähre) und Brücken, Ausbau der
Paßzugänge, Errichtung von Hospizen (Alpenpässe,
Gasthaus).
Die Reisetätigkeit der Fürsten hinderte nicht die
Herausbildung von bevorzugten Residenzen:
Im 11.-12. Jahrhundert lagen diese vor allem in der Maurienne
(Charbonnières sur Aiguebelle, Hermillon bzw. St-Julien bei
St-Jean), aber auch im piemontesischen Susa, wohingegen im
13.-14. Jahrhundert das eigentliche Savoyen (Montmélian, Le
Bourget) stärker besucht wurde, doch auch das für die
politischen Aufgaben in den nördlichen Territorien günstig
gelegene Chablais (Évian, Chillon); seit dem Ende des
14. Jahrhunderts erscheint dann Ripaille am Genfer See als
führendes Residenzschloß. Die dynamische Territorial-Politik
der SAVOYER war nur
realisierbar dank einer festen dynastischen Erbfolgeregelung (feudale
Oberherrschaft des ältesten Bruders, lehnspflichtige Apanagen
für die jüngeren Brüder, Anerkennung von
Schiedssprüchen bei Streitigkeiten); in Leben und Ordnung der
Dynastie spielten auch die Gräfinnen, die vom alten Grafen sorgsam
ausgewählten Vormünder und die Zisterzienser-Abtei Hautecombe
als Hauskloster eine gewichtige Rolle.
[4] Militärwesen:
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Einer der wichtigsten Bereiche der savoyischen Staatsordnung war
das
schlagkräftige und disziplinierte Heer, das den diensttuenden
Adligen (bannerets, chevaliers, écuyers) attraktive
Karrieren
und Einkünfte bot (Lehen, Entschädigung für im Dienst
verlorene Pferde, aber auch regulären Sold, Beuteanteil und
fakultative fürstliche Gunsterweise). Auch Nichtadlige traten (als
Klienten
ihrer Herren) in das Heer ein, so als Armbrustschützen
(arbalétriers), und
gehörten vielfach den stets
einsatzbereiten gräflichen Haus- und Garnisiontruppen an, die den
Kern eines
stehenden Heeres bildeten. Vom savoyischen
Militärwesen profitierte in
besonderem Maße die wachsende Zahl der Heereslieferanten
(Harnisch- und
Waffenmacher, Roßhändler, Viehbauern, Fleischer und andere
Lebensmittelgewerbe, Zimmerleute, Maurer usw.). Das einer kompetenten
Führung und regelmäßigen Inspektion unterstehende Heer
konnte sich auf ein dichtes Netz von Burgen und Befestigungen
(unter anderem Wacht- und Wehrtürme in dichter Folge an
Straßen
und strategisch wichtigen Punkten) stützen. Dieses
wohlorganisierte
Verteidigungssystem hinderte Angreifer (etwa die große antisavoyische
Koalition der GENFER, HABSBURGER und ANJOU im späten
13. Jahrhundert)
an einem leichten Eindringen ins Land; im Sinne des Schutzgedankens
gebot das savoyische
Heer etwa auch den Einfällen der marodierenden
Kompagnien (routiers) des
14. Jahrhunderts und dem Räuberunwesen
energisch Einhalt. Die mit starker Artillerie und Belagerungsmaschinen
hochgerüstete savoyische
Militärmacht beteiligte sich erfolgreich
an Kriegszügen verbündeter Herrscher in entfernten
Ländern:
So öffnete Amadeus V.
(1285-1323) mit seiner
schlagkräftigen Streitmacht 1310 König HEINRICH VII. VON LUXEMBURG den
Weg nach Rom. Als Verbündeter des byzantinischen Kaisers Johannes
V. Palaiologos kämpfte Amadeus VI. (1343-1383) gegen
Bulgaren
und Osmanen in den Meerengen und im westlichen Schwarzen Meer
(1366-1367).
Unter Heinrich III. und Eduard I. operierten savoyische Verbände im
gesamten England. Graf Aymon (1329-1343) und seine
Nachfolger
unterstützten Frankreich seit 1337 im Hundertjährigen Krieg,
wobei die territorialen Interessengegensätze zum König von
Frankreich
angesichts der einträglichen Gewinne und der intensivierten
Beziehungen zum avignonesischen Papsttum hintangestellt wurden.
[5] Territoriale Expansion und institutioneller Ausbau im 14.
und frühen 15. Jh.:
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Neben gewinnbringenden militärischen Interventionen, bei denen
sich die
großen Mächte Europas auf die SAVOYER als
»Türhüter der Alpen« angewiesen sahen, waren es
vor allem die Domänen des Hauses, die dank einer straffen,
effizienten Verwaltung reiche Erträge abwarfen. Die Besitzungen
waren gegliedert in Kastellaneien, die sich zu Beginn des
15. Jahrhunderts
auf mehr als 170 beliefen, verteilt über 13 Bailliages (bzw.
entsprechende Verwaltungssprengel). Beträchtlich waren auch die
Einkünfte aus den fürstlichen Münzstätten, die sich
seit dem
11. Jahrhundert entwickelten und im
14. Jahrhundert zum Bimetallismus
übergingen. Die Zollrechte, die das Haus SAVOYEN entlang der
großen Straßen erwarb und durch die Gründung neuer
Städte wie durch Privilegienverleihung an auswärtige
Kaufleute förderte, waren vor 1300 wenig zahlreich, dafür
recht gewinnbringend, während für die Zeit danach eher das
Gegenteil gilt. Die Einnahmen aus außerordentlichen Steuern
(Subsidien/Beden, Sondersteuern, Staatsanleihen) ergänzten seit
dem 14. Jahrhundert die genannten Einnahmen
und erhöhten die politische
Spannkraft des Grafen.
Die Grafen schufen im 13. und 14. Jahrhundert
eine festgegründete,
alle Bereiche abdeckende Verwaltung, ohne je die Anwendung des
eigentlichen
Feudalrechtes zu vernachlässigen. Die Zentralverwaltung trug
klassische Züge. Es bestand ein gräflicher Rat (Conseil du comte), von dem
sich der in Chambéry etablierte Conseil Résident als
Gerichtsbehörde, sodann die Kanzlei (Chancellerie) und der zivile
wie militärische Hofhalt (Hôtel
civil et militaire)
ablösten; Kontrollinstanzen wie Rechnungshof (Chambre des
comptes), Oberster Gerichtshof (Audiences
Générales) und
Militärinspektion (Inspection
Militaire) hatten
eigenständigen Charakter. Die regionale (Baillis) und lokale
(Châtelains) Verwaltung
war gekennzeichnet durch eine
Konzentration der Gewalten (mit Ausnahme der den Richtern
übertragenen Rechtsprechung) und geographische und soziale
Diversifikation der Beamten, die als ernannte, besoldete und
abberufbare Funktionsträger sowohl mit fürstlichen
Gunsterweisen als auch
(bei Versäumnissen) mit Sanktionen rechnen konnten.
Eine weitere territoriale Ausdehnung wurde zu Beginn des 15.
Jahrhunderts
nochmals begünstigt durch das Aussterben großer
Adels-Familien (Grafen von Genf, Thoire-Villars), kam dann aber im
Bereich
des alten Königreiches Burgund zum Stehen, wobei im Norden noch
Waadtland und Grafschaft
Greyerz (Gruyère), im Nordwesten Bresse und Dombes erfaßt
wurden,
während im Südosten zwar eine Festsetzung im Faucigny und
Pays de Gex
erreicht wurde, diese aber mit dem Verlust der savoyischen Position im
Viennois einherging. Im Süden verleibten die SAVOYER die östliche
Provence ihrem Machtbereich ein; Voraussetzung war der erfolgreiche
Herrschaftsausbau in Piemont (von Biella bis Cuneo), mit dem Ossolatal
als nördliche Außenposten, im Süden der Vorstoß
auf Genua.
Über die Pässe der provencalischen Seealpen wurden Nizza (mit
seinem
'Comté') sowie das von Amadeus
VIII. zum Kriegshafen ausgebaute
Villefranche erreicht. Das lange Zeit auf das Europa nördlich der
Alpen hin orientierte Savoyen wandte sich damit den Ländern des
östlichen Mittelmeerraumes (Zypern) zu, bewahrte aber dennoch
seine
militärische und politische Präsenz als Hüter der
Alpenpässe vom Simplon bis zum Mittelmeer.
[6] Kirchenpolitik:
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Dem dynamische Ausbau der politischen,
institutionellen und militärischen Position korrespondierten die
charakteristischen religiösen Aktivitäten. Hatten die Grafen
im
11. Jahrhundert die Ausbreitung Clunys
nachhaltig gefördert
(Errichtung zahlreicher cluniazensischer Priorate), so
unterstützten
sie im folgenden Jahrhundert frühzeitig die Zisterzienser und
gaben den mit dem Ausbau der Alpenpässe verbundenen
religiös-karitativen Initiativen (Hospize) kraftvolle Impulse.
Ausgehend von der Grande Chartreuse, die in einem Grenzgebiet Savoyens
zum
Dauphiné lag, entstanden auch in den savoyischen Territorien
Kartausen; der Kartäuserorden trug durch seine hohe
Spiritualität, verbunden mit aktiver Erschließung des
Gebirgslandes (Weide- und Forstwirtschaft, Bergbau und
Hüttenwesen), trotz der geringen Zahl seiner Mönche
beispielhaft zur Entwicklung der savoyischen
Alpen-Regionen bei. Die
augustinischen Regularkanoniker (St-Maurice d'Agaune) gründeten
ihrerseits zahlreiche Priorate, die im regionalen Umkreis Seelsorge,
Schulwesen und wirtschaftliches Leben förderten. Auch die
Hospitäler der Antoniter in Chambéry (gegründet Anfang
des
12. Jahrhundert) und Ranverso bei Turin (gegründet 1188)
erfreuten sich des
besonderen Wohlwollens der Fürsten. Als Bischöfe wirkten
unter päpstlichem
Einfluß zum Teil bedeutende Persönlichkeiten der
großen Orden, vor allem Kartäuser und Zisterzienser
(Anthelmus von Chignin, Petrus von Tarentaise/ Innozenz V.).
Die savoyischen Länder
hatten reichen Anteil am Aufschwung der romanischen
Baukunst und Skulptur im 12. Jahrhundert.
(Romainmôtier und Payerne
im Waadtland, Aosta und Aostatal, Aime und Cléry im Bereich von
Tarentaise, Nantua, S. Michele della Chiusa und andere; Fresken der
Burgkapelle von Allinges, Kapitellplastik von Yenne). Das spirituelle
und
geistige Leben wird durch den in Aosta geborenen hl. Anselm von
Canterbury symbolisiert. In der Zeit des 13. Jahrhunderts
prägten die
großen städtischen Orden (Bettelorden) das intellektuelle
Leben,
oft schon vor der Begründung eigener Konvente. Aus Savoyen stammte
eine
Reihe von Päpsten (wohl schon
Nikolaus II. im 11. Jahrhundert,
Innozenz V. im 13.
Jahrhundert, Clemens
VII. im 14. Jahrhundert, Felix V. im
15. Jahrhundert). Im Spät-Mittelalter
spiegelt die Gründung von
Ritterorden (Annuntiaten, die auf den savoyischen Halsbandorden von
1364
zurückgehen; Mauritius, Orden vom hl., 1434) die dynastische
Frömmigkeitshaltung (pietas) des Hauses
SAVOYEN wider.
Literatur:
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S. Guichenon, Hist. généal. de la Royale Maison de
Savoie, Lyon 1660
C.W. Prévité-Orton, The Early Hist. of the House of Savoy
(1000-1233), 1912
Marie-José (S.M.R.), La Maison de Savoie: les origines, 1956
Marie-José, Amédée VIII, 1962
Hist. de Savoie, hg. P. Guichonnet, 1973 [H. Baud, Kap. 4-7]
R. -H. Bautier, Atlas hist. français: Savoie, 1979
R. Brondy, B. Bemotz, J. -P. Leguay u. a., La
Savoie de l'an Mil à la Réforme, 1984.
Bis zum 2. Weltkrieg wurde der
italienische Geschichtsunterricht
um die regierenden Herrscher-Häuser herumgruppiert. Wäre dies
nicht der Fall gewesen, so wüßte man nur wenig über das
Haus SAVOYEN
vor der Zeit Amadeus' VIII.
Diesem hatte Kaiser
SIGISMUND im
Jahre
1416 die Herzogswürde verleihen. Dem neuernannten Herzog gelang
es,
alle verstreut liegenden Besitzungen seiner weitverzweigten Familie zu
einem Staat zusammenzuschließen, dem er dann seine Verfassung,
die
"Generalstatuten", verleih.
Im Mittelalter hatten die Herrscher dieser
Dynastie noch
keine große Bedeutung - es waren kluge, aber keineswegs
überragende
Persönlichkeiten. Mit ihrer Geschichte befaßte sich eine
Reihe
emsiger Hagiographen, die sogar erfinderisch waren. "Sabaudia" - den
ursprünglichen
Namen für "Savoyen", der sich
zuerst bei Ammian Marcellinus,
dem römischen Geschichtsschreiber
des
4. Jahrhunderts, findet - von "salva via" abzuleiten. Damit wollten sie
darauf hinweisen, dass den Fürsten dieses Hauses die Rettung der
Seelen
ihrer Untertanen oblag. Sie wußten ferner davon zu berichten,
dass
der erste Graf, Humbert,
ein Feudalherr aus Burgund, den es im
11.
Jahrhundert nach Italien verschlagen hatte, deshalb "Biancamano",
das heißt "Weißhand",
genannt wurde, weil seine
Hände
weiß wie Lilien waren. KONRAD II.,
der SALIER, hatte ihm die
Grafschaft
vermacht. Humberts
Ländereien erstreckten sich über
die
West-Alpen; damit hatte er die Kontrolle über die Bergpässe -
gerade zur Zeit der kaiserlichen Invasionen in Italien war dies eine
echte
Schlüsselposition. Sie erlaubte es dem Inhaber dieser Position,
mit
den Expansionsgelüsten zweier Seiten zu jonglieren:
Burgundische
Interessen
richteten sich auf Frankreich, und von der Poebene her wollte man nach
Italien eindringen. Die Grafen von Savoyen
ließen sich keine Gelegenheit entgehen, ihr Gebiet zu erweitern.
Sie schlossen wechselnde Bündnisse, wobei sie dem Grundsatz treu
blieben,
sich selbst aus Kriegen herauszuhalten - denn dazu waren sie zu schwach
-, aber von den Kriegen der anderen zu profitieren. Dabei achteten sie
darauf, sich niemals unwiderruflich auf der einen oder der anderen
Seite
zu engagieren. Dieselben Grundsätze befolgten sie bei den internen
Auseinandersetzungen zwischen der Haupt- und den Nebenlinien ihrer
Familie
sowie bei Konflikten zwischen der Dynastie und ihren Vasallen.
Anfangs waren die französischsprechenden
transalpinen
Gebiete in der Überzahl (auf piemontesischer Seite standen die
mächtigen
Markgrafschaften Montferrat und Saluzzo sowie die Grafschaft Asti, die
im Besitz der Familie ORLEANS
war,
der savoyischen
Expansion im Wege); das
Herzogtum
war in Wirklichkeit ein Vasall Frankreichs. Allerdings gab es auch
Zeiten
relativer Unabhängigkeit, zum Beispiel wenn die Nachbarmacht
gerade
von inneren Krisen geschüttelt wurde oder in einen Krieg
verwickelt
war. Das Herzogtum Savoyen war eine
Bergregion
und somit ein wirtschaftlich armes Gebiet.
Zu den Herrschern von
Savoyen,
die die expansionistische Politik der Dynastie lancierten, gehörte
Oddone,
der Sohn
Humberts. Seine Gemahlin, Adelheid
von Susa, hatte
als Teil ihrer Mitgift die Grafschaft Turin in die Ehe eingebracht. Amadeus
VI. (1343-1383) (nach der Farbe des Rockes, den er
bei
Turnieren zu tragen pflegte, der
"Grüne Graf"
genannt), schloß
zunächst ein Bündnis mit den VISCONTI von Mailand, mit dem
Ziel,
die ANGIOVINER aus Piemont zu
vertreiben,
um sich danach selbst einige der VISCONTI-Städte
anzueignen. Dies
waren die ersten Anzeichen für eine Neutralitätspolitik
gegenüber
dem Gebiet der Poebene. Amadeus VI.
wurde später beim Vertrag von Turin 1381 zwischen Genua und
Venedig
zum Vermittler bestellt - dies bedeutete einen beträchtlichen
Zuwachs
an Prestige für Savoyen.
Amadeus
VII., der Rote Graf (1383-1391),
gehörte
ebenfalls
zu dieser Gruppe der "Expansionisten":
Er erhielt die Grafschaft Nizza
und damit einen Zugang zum Meer.
1434 zog sich Amadeus
VIII.
(1391-1440) zurück,
um als Eremit zu leben und
später
einmal Gegen-Papst zu werden (unter dem Namen Felix
V., Konzil von Basel 1439). Diese ungeahnte Mischung von
religiösem
Mystizismus und dem skrupellosesten Materialismus und
Nützlichkeitsdenken
ist nichts Ungewöhnliches für das Haus
SAVOYEN.
Die Abdankung Amadeus'
führte das zwischen zwei mächtige Staaten
eingezwängte
Herzogtum in eine andauernde Krise. Viele Jahre lang übten seine
unmittelbaren
Nachbarn Frankreich und Mailand - mittlerweile ein spanisches
Herrschaftsgebiet
-, einen doppelten Druck bzw. auch eine Anziehung auf das kleine
Herzogtum
aus. Damit lassen sich die Unsicherheit und die Schwankungen in seiner
Politik erklären.
Auf Amadeus VIII.
folgte Ludovico
(1440-1465).
Er war für diese Position nicht geeignet und stand ganz unter dem
Einfluß seiner Frau Anna,
der
Tochter des Königs von Zypern, Jerusalem und Armenien. Sie war
eine
zauberhaft schöne, ehrgeizige und intrigante Frau, die sich aufs
Zwietrachtsäen
verstand. Es war Anna, die Mutter
von
16 Kindern, die das Heilige Grabtuch nach Savoyen
brachte, jenes Tuch, in das, der Überlieferung zufolge, Christus
nach
der Kreuzabnahme gewickelt worden war:
Für Savoyen
war der Besitz dieser Reliquie ein weiterer Prestigegewinn.
Gleich nach dem Ende des Hundertjährigen
Krieges
besetzte Frankreich
Savoyen, die Alpenpässe
und die wichtigsten Ortschaften des Herzogtums. Zu jener Zeit war der
kraftlose
Karl III.,
der Gute, Herzog
von Savoyen. Sein größter Wunsch war es, in
Frieden
zu regieren. Er bildete sich ein, er könnte als Schwager Kaiser
KARLS V. und Onkel
Franz'I.,
des Königs von Frankreich,
diese seine beiden verfeindeten
Verwandten
miteinander versöhnen. Im Endeffekt wurde er zwischen den beiden
Mühlsteinen
zerrieben und allen möglichen Demütigungen ausgesetzt.
| Humbert I. Weißhand | 1000-1048 |
| Amadeus I. Schwanz | 1048-1051 |
| Oddo | 1051-1059 |
| Peter I. | 1059-1078 |
| Amadeus II. | 1078-1080 |
| Humbert II. der Dicke | 1080-1103 |
| Amadeus III. | 1103-1148 |
| Humbert III. der Selige | 1148-1189 |
| Thomas I. | 1189-1233 |
| Amadeus IV. | 1233-1253 |
| Bonifaz | 1253-1263 |
| Peter II. | 1263-1268 |
| Philipp I. | 1268-1285 |
| Amadeus V. der Große | 1285-1323 |
| Eduard der Freigiebige | 1323-1329 |
| Haymon der Friedfertige | 1329-1343 |
| Amadeus VI. der Grüne Graf | 1343-1383 |
| Amadeus VII. der Rote Graf | 1383-1391 |
| Amadeus VIII. | 1391-1416/40 |
| Ludwig I. | 1440-1465 |
| Amadeus IX. der Selige | 1465-1472 |
| Philbert I. der Jäger | 1472-1482 |
| Karl I. der Kämpfer | 1482-1490 |
| Karl II. Johann Amadeus | 1490-1496 |
| Philipp II. von Bresse | 1496-1497 |
| Philibert II. der Schöne | 1497-1504 |
| Karl III. der Gute | 1504-1553 |
| Emanuel Philibert | 1553-1580 |
| Karl Emanuel I. der Große | 1580-1630 |
| Viktor Amadeus I. | 1630-1637 |
| Franz Hyazinth | 1637-1638 |
| Karl Emanuel II. | 1638-1675 |
| Viktor Amadeus II. | 1675-1730 |
| Karl Emanuel III. | 1730-1773 |
| Viktor Amadeus III. | 1773-1796 |
| Karl Emanuel IV. | 1796-1802 |
| Viktor Emanuel I. | 1802-1821 |
| Karl Felix | 1821-1831 |
| Karl Albert | 1831-1849 |
| Viktor Emanuel II. | 1849-1878 |
| Umberto I. | 1878-1900 |
| Viktor Emanuel III. | 1900-1946 |
| Umberto II. | 1946 |