RJURIKIDEN


Lexikon des Mittelalters:
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Rjurikiden (russisch Rjurikovici)
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Nach ihrem sagenhaften Ahnherrn Rjurik genannte altrussische Fürsten-Dynastie (Kiev), erlosch 1598 mit dem Tod des Zaren Feodor Ivanovic in ihrer Moskauer Linie. Bis ins 11. Jahrhundert bildeten die RJURIKIDEN eine einheitliche Sippe, die das Reich als gemeinsamen Besitz betrachtete. Das seit Mitte des 11. Jahrhunderts auftretende Seniorat konnte jedoch die zunehmende territoriale Spaltung nicht verhindern.
Bereits Mitte des 12. Jahrhunderts sind die RJURIKIDEN mehrere selbständige lokale Zweige getrennt; deren wichtigste sind die von Polock, von Cernigov (Svjatoslav Jaroslavic), von Rostov-Suzdal' (später Vladimir-Susdal) (Jurij Dolgorukij), von Halic, von Smolensk (Rostislav Mstislavic), von Volhynien (Izjaslav Mstislavic).
Während das Schicksal der RJURIKIDEN der nachmongolischen Zeit in den ursprünglich altrussischen Ländern des Großfürstentums Litauen weitgehend im Dunkeln bleibt, führte im Nordosten die territoriale Zersplitterung im 13. Jahrhundert zur Herausbildung neuer Fürsten-Häuser (unter anderem Tver', Jaroslavl', Niznij Novgorod), die bis einschließlich des 15. Jahrhunderts unter die Oberherrschaft der Großfürsten von Moskau gerieten, wobei sie die Oberschicht des Moskauer Dienstadels bildeten.

A. Nazarenko

Sanders A.: Seite 78-81
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"Osteuropa in kontinentaleuropäischer Schau."

Für den europäischen Charakter und die europäische Stellung des Kiewer Großfürstentums sind seine dynastischen Verbindungen mit europäischen Herrscher-Häusern ein sprechendes Beispiel. Die frühesten ehelichen Bande hat das Kiewer Herrscher-Haus natürlicherweise mit den nordischen Fürsten-Geschlechtern geschlossen [46
F. Braun, Das historische Rußland im nordischen Schrifttum des 10. bis 14. Jahrhunderts in Festschrift für Eugen Mogk, Halle an der Saale 1924, Seite 153,155.]. Die berühmte Fürstin Olga, die Gattin Igors und Mutter des Swjatoslaw, ist schwedischen fürstlichen Geschlechts (Tochter des Fürsten von Pskow) und ebenso die Gattin Wladimirs des Heiligen, Rogneda-Rognheid (Tochter des Fürsten von Polozk). Großfürst Jaroslaw heiratete 1019 Ingigerd-Anna Irene, die Tochter des Schweden-Königs Olaf (um 994-1022) [47 Ingigerd, 1051, ist unter die Heiligen der orthodoxen Kirche aufgenommen worden. Seit dem Jahre 1439 ruhen ihre Gebeine in der Nowgoroder Sophienkathedrale.]. Jaroslaws Tochter Elisabeth-Ellisif heiratet 1042-1043 den norwegischen Prinzen und späteren König Harald (1046/47-1066). Nach Jaroslaws Tode lockerten sich die Verbindungen zum skandinavischen Norden; die dynastischen Beziehungen währten jedoch noch fort. Mstislaw-Harald, der Sohn Wiadimir Monomachs und Ur-Enkel Jaroslaws, heiratet Ende des 11. Jahrhunderts Kristin, die Tochter des Schweden-Königs Ingi Steinkelsson (1080 bis 1111). Von ihren zwei Töchtern wurde die ältere, Malmfridr, um 1116 die Gemahlin des norwegischen Königs Sigurd Jorsalafari (1103 bis 1130), und die jüngere Ingibjorg des dänischen Prinzen Knut Lavard und durch ihn die Mutter Waldemars' I. des Großen (1157 bis 1182). Eine ihrer Töchter wird nach dem Kiewer Großfürstentum verheiratet, wir wissen aber nicht, mit wem. Waldemar der Große heiratet Sophie, die Tochter des Wolodar Glebowitsch aus der Polozker Linie (1077-1079 Großfürst) des Hauses RURIK [48 Er war zuerst Fürst von Minsk und später von Gorodetz (an der Wolga). Er wird in den Quellen als einer der mächtigsten unter den Fürsten seiner Zeit dargestellt. Außer Polozk hat er die Gebiete bis zur Dünamündung beherrscht.].
Dynastische Beziehungen bestanden auch mit Byzanz, Polen, Ungarn, Frankreich, England und Deutschland. Wladimir der Heilige heiratete 988 Anna, die Schwester der byzantinischen Kaiser Basilios II. (976-1025) und Konstantins VIII. (976-1028). Ebenso hatten sein älterer Bruder Jaropolk (972-980) und sein Enkel Wsewolod-Andrej (1077-1079 Großfürst) - Jaroslaws Lieblings-Sohn - Griechinnen zu Frauen. Die Frau des Wsewolod-Andrej bezeichnet die Chronik ohne Namensnennung als „griechische Zarin", „Griechin" und „Monomachin". Es wird angenommen, daß es Anna, die Tochter des Konstantin IX. Monomachos (1042-1054) war. Im 11. Jahrhundert sind zwei Töchter des RURIK-Geschlechtes mit byzantinischen Prinzen verheiratet gewesen.
Sehr eng sind die Beziehungen durch eheliche Bande zum polnischen Königs- und Fürsten-Geschlecht. Die erste eheliche Verbindung zwischen der Dynastie der PIASTEN und der RURIKS geschah durch die Verbindung Swjatopolks (Sohn Wladimirs des Heiligen) mit der Tochter Boleslaws I. des Tapferen. „Es verheirateten sich auch später polnische Fürsten-Töchter nach der Rußj, aber es waren ihrer viel weniger als Reußinnen in Polen" [49
Jablonowski, A., Historya Rusi ..., Seite 35 und 75 ff.]. So vermählt sich Großfürst Isjaslaw ( 1078) mit der Tochter Misiko (Meschko) II. und Schwester Kasimirs I. des Erneuerers ( 1058), während Kasimir I. mit der Schwester Jaroslaws, der Maria Dobrognewa, und Boleslaw Il. der Kühne mit einer Enkelin Jaroslaws, des Namens Wislawa, und sein Sohn Mieczyslaw mit einer RURIK-Prinzessin Eudoxia und Boleslaw III. Schiefmund ( 1193) mit der Sbizlawa, der Tochter Swjatopolks ( 1193), verheiratet waren. Ihr Bruder Jaroslaw ( 1123) hatte eine Tochter Wladislaw Hermanns zur Frau.
Zum ungarischen Königs-Geschlecht trat schon Großfürst Swjatoslaw in verwandtschaftliche Beziehungen. In weitere verwandtschaftliche Bande traten beide Herrscher-Häuser durch die Heirat der Könige Andreas I. (
1060) mit der jüngsten Tochter Jaroslaws I., Anastasia (um 1048). Ebenso heirateten König Koloman ( 1114) und ein Sohn König Kolomans Prinzessinnen des Kiewer Großfürstentums.
Noch bezeichnender für die weitreichenden dynastischen Verbindungen des Kiewer Fürsten-Geschlechtes ist die Ehe des französischen Königs Heinrich I. (1031-1060) mit Anna, der Tochter Jaroslaws (um 1051), und Wladimir Monomachs mit der englischen Prinzessin Gyda (um 1070), Tochter des letzten angelsächsischen Königs Harald. Nach dem Tode Heinrichs regierte Anna während der Minderjährigkeit ihres Sohnes Philipp eine Zeitlang in Frankreich.
Mannigfach waren auch die dynastischen Beziehungen zwischen dem Kiewer Fürsten-Geschlecht und den deutschen Herrscher-Häusern.
Den ersten Versuch, eine dynastische Verbindung zwischen seinem Hause und dem der deutschen Kaiser zustande zu bringen, machte Jaroslaw 1043, indem er eine Ehe zwischen seiner Tochter und König HEINRICH III. anstrebte. Dieser Plan mißlang. Wohl gelang es ihm aber, für einen seiner Söhne eine Verwandte des Kaisers zu freien. Für die Weite der dynastischen Beziehungen und damit auch der politischen Beziehungen bildet gerade dieser Großfürst ein sprechendes Beispiel. Selbst Sohn einer byzantinischen Prinzessin, hatte er eine schwedische Fürsten-Tochter Ingegerd (Ingigerdr) zur Frau. Seine älteste Tochter Elisabeth verheiratete er an den norwegischen Prinzen und späteren König Harald; seine zweite Tochter Anna verheiratete er an den französischen König Heinrich I.; und die dritte, Anastasia, an den König von Ungarn, Andreas I. Sein Sohn Wsewolod hatte eine byzantinische Prinzessin zur Frau. Von seinen sechs Söhnen freite der zweitälteste, Isjaslaw, die Tochter Misiko II. von Polen; Wsewolod die Anna von Byzanz und Swjatoslaw bzw. Wjatscheslaw [50 In der Wissenschaft besteht darüber eine Meinungsverschiedenheit, ob der Gatte der Oda Swjatoslaw oder Wjatscheslaw war. Vgl.: Theodor Ediger, Rußlands älteste Beziehungen zu Deutschland, Frankreich und der römischen Kurie, Halle an der Saale 1911, Seite 45ff. und Friedrich Braun: Rußland und die Deutschen in alter Zeit, Seite 685ff. Eine Zusammenstellung der Urteile siehe Ediger, Seite 45, Anm. 3.] die Nichte HEINRICHS III. und Papst Leos IX., Oda, die Tochter der Ida von Elstorpe, aus vornehmem schwäbischem Geschlecht. Diese Ehe dürfte kurz vor dem Tode Jaroslaws (1054) zustande gekommen sein. Es muß ihr eine besondere Bedeutung beigemessen worden sein, wenn die Mutter die Tochter der Ehe wegen vom Kloster Rintelen, in das sie bereits eingetreten war, loskaufte. Etwa 20 Jahre später kam eine zweite Ehe zwischen dem Kiewer und einem deutschen Fürsten-Haus zustande, und zwar zwischen dem Fürsten Jaropolk [51 Ediger, Seite 49f.; Friedrich Braun, Rußland und die Deutschen, Seite 686f.] und der Gräfin Kunigunde von Beichlingen (* 1060), Tochter des Grafen Otto von Orlamünde (seit 1062 Markgraf von Meißen, 1067). Kunigunde gebar ihrem Gemahl drei Söhne und eine Tochter, Oda [52 Ediger, Seite 53f.]; nach dem Tode ihres Gatten kehrte sie mit ihrer Tochter nach Deutschland heim, während ihre Söhne unter der Vormundschaft ihres Onkels, des Fürsten Swjatopolk, zurückblieben. Die Tochter der Oda, deren Name nicht überliefert ist, heiratete den Grafen Günther von Schwarzburg und wurde dadurch zur Stamm-Mutter des Schwarzburger Geschlechtes. Oda wird von der Kiewer Chronik ein einziges Mal und ohne Namen unter dem Jahre 1082 erwähnt.
Jaroslaws Absicht, zwischen dem Geschlecht der RURIKIDEN und dem deutschen Königs-Hause direkte verwandtschaftliche Beziehungen anzuknüpfen, erfüllten sich rund ein halbes Jahrhundert später, als HEINRICH IV. (1056-1106) - 1087 verwitwet - 1089 Eupraxia, eine Enkelin Jaroslaws, Tochter des Großfürsten Wsewolod, heiratete. HEINRICH hatte sie nicht in Kiew gefreit; er war ihr als junger Witwe - ihr Gemahl, der Graf von Stade war 1087 gestorben - begegnet. Diese Ehe wurde beiden zum Verhängnis. Eheliche Zerwürfnisse machten sie zu politischen Feinden:
Eupraxia
- in den Quellen Praxedis und Adelheid genannt (der Annalist Saxo gibt ihren Namen auch mit Eupraccia an) - stellt sich in den Dienst der kaiserfeindlichen Partei. Von der päpstlichen Partei fallengelassen, kehrte sie schließlich nach ihrer Heimat zurück, wo sie am 6. Dezember 1106 - wohl bald, nachdem die Kunde von HEINRICHS Tode (7. August 1106) sie erreichte - den Schleier nahm. Sie starb am 10. Juli 1109; ihre letzte Ruhe hat sie im Höhlenkloster zu Kiew gefunden.
Neben diesen direkten verwandtschaftlichen Beziehungen zwischen dem Kiewer und dem deutschen Herrscher-Haus gab es auch mehrere über das polnische Königs-Haus, so durch Judith, die Schwester Kaiser HEINRICHS IV., die in zweiter Ehe Herzog Wladislaw I. Hermann von Polen (1081-1102) heiratete und von deren drei Töchtern eine an einen Kiewer Fürsten verheiratet wurde; durch Agnes, die Halb-Schwester KONRADS III., die sich mit Wladislaw II., Sohn Boleslaws III. Schiefmund, vermählte und ihm einen Sohn gebar und eine Tochter Rikissa, die in zweiter Ehe einen russischen Fürsten, namens Musuch, heiratete.
Zur Vollständigkeit der europäischen Stellung des Kiewer Großfürstentums gehören auch die ehelichen Bande der Fürsten des RURIK-Geschlechtes mit kaukasischen Fürsten-Töchtern. Der Sohn Andrej Bogoljubskis, Juri, war mit der großen georgischen Königin Thamar (1184-1212) vermählt; sein Bruder, Großfürst Wsewolod (1176-1212), mit einer ossischen Fürstentochter, und der Nowgoroder Fürst Jaroslaw Wladimirowitsch ebenfalls mit einer Ossin, der Schwester der Frau des Großfürsten Wsewolods [53
Freski Spasa-Neredicy, Leningrad 1925, Seite 17.].