Lexikon des Mittelalters: Band VII Spalte 45
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Poitou
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Ehemalige Grafschaft, Landschaft in West-Frankreich
I. Territorialentwicklung:
Am Ende der Antike war die 'civitas
Pictavorum' (mit ihrem Vorort Poitiers) die ausgedehnteste der
sechs Civitates der Aquitania II (Aquitanien). Begrenzt durch die
Küste der südlichen Bretagne und des Anjou, umfaßte sie
den Bereich des gesamten linken Ufers der Loire vom Fluß Layon
an; im Süden reichte sie bis zu den Sümpfen der Sèvre
und dem Forst von Argenson; im Osten und Norden wurde die Grenze durch
die beiden Ingrandes markiert.
851 wurde der Pagus von Retz aus dem Poitou herausgelöst und dem Fürstentum Bretagne
zugeschlagen; am Ende des 10. Jh. erfolgte die Abtretung der
Mauges an die Grafen von Anjou (Angers), die auch die Lehnshoheit
über Loudunais und Mirebalais errangen. Im südlichen Bereich
dehnte sich das Poitou
bis Aulnay aus, während Ruffec im frühen 11. Jh. an das
Angoumois (Angoulême) fiel. Im Osten erstreckte sich das Poitou bis Bourganeuf und
schloß die Vicomté Rochechouart ein, reichte aber
über Le Blanc nicht hinaus. Seit Mitte des 10. Jh. schob sich
die Grafschaft Marche mit dem Zentrum Charroux zwischen Poitou und Limousin (Limoges).
Zwischen Bretagne, Anjou und Poitou bildeten sich Marken als Pufferzonen, in denen die
Herrschaft geteilt war.
II. Früh- und Hochmittelalter: Die Grafen von
Poitou:
507 schlug der König der Franken,
Chlodwig, den arianischen Westgoten-König Alarich II. bei Vouillé.
Der Herzog von Aquitanien rief 732 den fränkischen Hausmeier Karl Martell zu Hilfe, um bei
Poitiers die aus Spanien vordringenden Muslime zurückzuschlagen.
768 bemächtigte sich Pippin
III. des Poitou,
das KARL DER GROSSE einem
fränkischen Grafen übertrug.
Der 839 zum Grafen ernannte Ramnulf
war Spitzenahn des mächtigen Geschlechts, das (mit einer
kurzen Unterbrechung von zehn Jahren) bis 1137 die Grafschaft Poitou regieren sollte. Der westfränkische König Rudolf erkannte dem Grafen von Poitou 928 den Titel des Herzogs von
Aquitanien zu. Im Verlauf von zwei Jahrhunderten folgten acht Grafen
von Poitou
(beziehungsweise Herzöge von Aquitanien) mit dem Leitnamen Wilhelm aufeinander. Es
regierten:
Wilhelm I. (III.) Werghaupt
(935-963);
Wilhelm II. (IV.) Eisenarm
(963-ca. 995), Schwager von Hugo
Capet;
Wilhelm III. (V.) der
Große (um 995-1030), dem die Kaiserkrone angeboten wurde;
seine vier Söhne:
Wilhelm IV. (VI.) der Dicke
(1030-1038), Eudo
(1038-1039), Wilhelm V.
(VII.) (1039-1058);
Wilhelm VI. (VIII.)
(Gui-Geoffroi-Guillaume) (1058-1086), der Sieger von Barbastro;
Wilhelm VII. (IX.) (1086-1126),
der erste der Trobadors;
Wilhelm VIII. (X.) (1126-1137).
Diese Dynastie herrschte, quasi »königgleich«,
über ein Fürstentum, dessen Blüte nicht zuletzt durch
zahlreiche bedeutende romanische Bauwerke bezeugt wird. Dem Grafen
unterstanden mehrere Vicecomites (Thouars, Aulnay, Châtellerault,
Brosse, Bridiers, Rochechouart). Mit der Errichtung zahlreicher Burgen
im 10. und 11. Jh. wurde die
karolingische Institution der Vikarie (um die 60 Vikarien im Poitou) abgelöst durch eine neue
Organisation der Kastellanei. Der Graf kontrollierte unmittelbar das
südliche Poitou
durch seine Burgen Niort, Fontenay-le-Comte, Maillezais, Talmont; der
Nordteil stand dagegen unter der Herrschaft des Vizegrafen von
Châtelleraut, das Gebiet östlich der Dive unter Kontrolle
des Vizegrafen von Thouars. Seit Beginn des 11. Jh. bildete sich
das Gewohnheitsrecht (Coutume) des Poitou aus. Das Netz der mittleren städtischen Zentren
(Niort, La Roche-sur-Yon, Châtellerault, Montmorillon, Parthenay,
Bressuire, Fontenay-le-Comte unnd andere) entstand zwischen dem Ende
des 10. Jh. und dem Ende des 11. Jh.
III. Unter der Herrschaft der Plantagenêt und
Kapetinger:
Die Erbtochter Wilhelms VIII.,
Eleonore, brachte 1137 Poitou und Herzogtum Aquitanien in
die Ehe mit Ludwig VII., König von Frankreich, ein.
Nachdem die Ehe 1152 gelöst worden war, kam Eleonores Territorialbesitz an
ihren zweiten Gemahl, Heinrich
(II.) Plantagenêt, der 1154 König von England wurde
(Angevinisches Reich). Unter Heinrich
II. und seinem Sohn Richard
Löwenherz, Graf von Poitou seit 1169, König von England 1189-1199,
war das Poitou fest in
der Hand des Hauses PLANTAGENET. Richards Bruder Johann,
1199 König geworden, fügte der bereits bestehenden Kommune
von Poitiers die Kommune Niort hinzu (nach dem Vorbild der
Établissements de Rouen). 1204 ging Poitiers an Frankreich
verloren. Im Zuge des Konflikts zwischen PLANTAGENET und KAPETINGERN nahm König Ludwig
VIII. von Frankreich 1224 Niort und den Rest des Poitou ein. Ein von den LUSIGNAN entfesselter Aufstand
des Adels (1241-1242) wurde von König
Ludwig IX.
niedergeschlagen; 1258-1259 setzte der Vertrag von Paris den
Schlußpunkt unter ein Jahrhundert der Feindseligkeit zwischen KAPETINGERN und PLANTAGERNET.
Die Grafschaft Poitou
wurde 1241-1271 regiert vom jüngeren Bruder König Ludwigs IX., Alfons von Poitiers, einem
peinlich auf Sparsamkeit bedachten, rigorosen Verwalter. Nach Alfons' Tod kam das Poitou an die Krone. Die
Krondomäne erreichte ihre volle Ausdehnung; sie umfaßte
neben Poitiers und Niort auch St-Maixent und Montreuil-Bonnin (1242),
Fontenay-le-Comte (1246), Montmorillon (1281), Lusignan (1308), Cioray,
Melle und Chizé (1350).
Die ersten Jahre des Hundertjährigen Krieges waren
verhängnisvoll. Nach der Katastrophe von Poitiers (1356)
mußte Johann der Gute
im Vertrag von Brétigny und Calais (1360) das Poitou an England abtreten. Karl V. trieb jedoch 1372-1373
die militärische Rückeroberung voran; 1372-1416 gehörte
das Poitou zur Apanage
des Herzogs Jean de Berry. Der 1418 aus
Paris vertriebene Dauphin Karl (VII.) machte Poitiers und
Bourges zu den Verwaltungssitzen seines Exil-Königreiches (bis
1436). Der französische Sieg von Castillon (1453) setzte der engl.
Bedrohung des Poitou ein
Ende.
IV. Verwaltung und Wirtschaft:
Gründete sich die Grafengewalt auf das Lehnswesen
(Lehnseidleistung in der mit Statuen der großen Vasallen
ausgestatteten Tour Maubergeon des gräflichen Palasts zu
Poitiers), so war die Herrschaftsausübung seit dem 13. Jh.
von der Institution der königlichen Sénéchaussée (Seneschall) geprägt. Der im
Grafen-Palast residierende Seneschall, dem als wichtigste Helfer ein lieutenant général und
mehrere lieutenants particuliers
(lieutenant) und zur Seite standen, übte im Namen des
Königs Justiz, Verwaltung und Finanzverwaltung in der
Krondomäne aus. Die sekundären Zentren des Poitou, Niort, Fontenay-le-Comte und
Montmorillon, stiegen rasch zu eigenen Verwaltungssitzen auf (1461
Gerichtshof in Niort). Die königlichen Beamten sicherten durch den
Ausbau der Zentralinstitutionen die Ausdehnung der königlichen
Autorität auf die Provinz.
Durch den Hundertjährigen Krieg wurde der Übergang zu einer
Monarchie moderner Prägung, die über festes Steueraufkommen
und stehendes Heer verfügte, vorangetrieben (Bestreitung des
Lösegeldes für König Johann nach der Schlacht von
Poitiers, 1356: außerordentliche Finanzen, Taille, Aides). Der
neue Fiskalbezirk der Élection des Poitou, der sich aufgrund der erhaltenen fünfzehn
Steuerroteln kartographieren ließ, umfaßte ein Gebiet von
ca. 23.000 km² und
leistete als größter, ertragreichster Steuerbezirk des
Königreiches Frankreich ca. 7% des Gesamtaufkommens der Taille.
Der Seneschall hatte die Gerichtsbarkeit über die Krondomäne
inne, Appellationsgerichtsbarkeit dagegen im gesamten Poitou. Die Élection kannte dagegen
keine feudalen oder jurisdiktionellen Sonderrechte mehr:
Alle Pfarreien wurden hinsichtlich der königlichen indirekten
Steuern gleichermaßen herangezogen. Das Poitou war nur mehr eine Provinz unter mehreren in einer Monarchie
mit gesicherter Autorität.
Die Wirtschaft des Poitou
trug durchweg traditionelle Züge, wichtige Produkte waren Salz,
Weizen, Wein, Leder und Tuche (draps de Poitou). Ihr Aufschwung wurde gehemmt durch das Fehlen
nahegelegener großer Absatzmärkte, den Mangel an
Binnenschiffahrtswegen und den geringen Unternehmungsgeist der
Kaufleute der Region. Wirtschaftliche Dynamik prägte lediglich die
außerhalb des Poitou
gelegene Hafenstadt La Rochelle.
R. Favreau
Quellen und Literatur:
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RE XX, 1203-1213
Bull. et Mém. de la Soc. des Antiquaires de l'Ouest (Mém.
Soc. Antiq. Ouest 4e s., 17, 1983-84)
A. Richard, Hist. des comtes de P., 778-1204, 2 Bde, 1903
Hist. du P., du Limousin et des pays charentais, hg.
E.-R. Labande, 1976 [Kap. zum MA: E.-R. und Y. Labande,
R. Favreau]
Poitiers.