Lexikon des Mittelalters: Band V Seite 2206
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Luitpoldinger
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Herzogs-Geschlecht
Die LUITPOLDINGER
gehörten zur fränkischen Reichsaristokratie und stiegen im
Rahmen des Königsdienstes im ausgehenden 9. Jahrhundert zu
einer der
führenden Familien im Südosten des KAROLINGER-Reiches auf. Sie
stehen in einem nicht genau aufzudeckenden
Verwandtschaftsverhältnis zu den KAROLINGERN, mit deren
Protektion sie 893 in die Positionen der WILHELMINER in Karantanien und
Oberpannonien einrückten. Der namengebende Spitzenahn ist Markgraf Luitpold, der die
Schwäche der letzten KAROLINGER
zum Aufbau einer bedeutenden Machtposition nutzte. Grundlage
seines Aufstiegs waren neben der Königsnähe
beträchtlicher Eigenbesitz mit Schwerpunkt im Donauraum um
Regensburg und der Erwerb der dortigen Grafschaften im Donau- und
Nordgau. Entscheidend aber war die Sonderlage der Ungarn-Kriege,
wodurch die Ausbildung starker Regionalgewalten gefördert wurde.
Sein Sohn und Nachfolger Arnulf bemühte
sich von Anfang an um den weiteren Ausbau dieser Position. Dabei fand
er die Unterstützung des heimischen Adels, der seinen alten
Wahlrechten neue Geltung verschaffte. Durch die Mobilisierung aller
Kräfte, wobei er auch vor der Inanspruchnahme des Kirchengutes
nicht zurückschreckte, gelang es ihm 913, die Ungarn-Gefahr
zumindest für sein Herzogtum zu bannen. Dieser Sieg festigte seine
Position so sehr, daß er nun auch den Bemühungen der Könige KONRAD I. und HEINRICH I. um die
Eingliederung Bayerns ins Reich Widerstand entgegensetzen konnte. Er
kämpfte um die Eigenständigkeit seines Territoriums bis hin
zur Erringung einer Königskrone,
wurde aber nach wechselvollen Kämpfen von letzterem im
Regensburger Vertrag von 921 zu einem Arrangement gezwungen, das ihm im
Innern eine königgleiche Stellung zuerkannte, nach außen hin
aber Zurückhaltung auferlegte.
Diese machtvolle Stellung wollte Arnulf
seinem 935 designierten Sohn Eberhard weitergeben. Doch
benutzte OTTO I. dessen
Widerstand gegen den liudolfingischen
Herrschaftsanspruch 938 zur Absetzung.
Er übergab das Herzogtum Berthold,
dem Bruder Arnulfs. Die
geplante Heirat Bertholds
mit OTTOS Schwester Gerberga kam nicht zustande.
Nach Bertholds Tod
vertraute OTTO I. das
Herzogtum Bayern seinem Bruder Heinrich
an, der 936/937 mit Judith,
der Tochter Arnulfs,
verheiratet worden war. Dabei war die luitpoldingische Hauptlinie absichtlich
übergangen worden, die sich nachhaltig in den liudolfingischen Aufstand (seit
953) einschaltete. Während dieser Kämpfe fiel Pfalzgraf Arnulf, Sohn Herzog Arnulfs, 954 vor Regensburg.
Dessen Sohn Berthold
suchte sogar die Verbindung zu den Ungarn.
Da sich Herzogin Judith nicht an den
Aufständen beteiligt hatte, betraute sie OTTO I. nach dem Tod ihres
Gatten 955 mit der Vormundschaft über den unmündigen Heinrich II.
Volljährig geworden, erhob sich dieser jedoch gegen das ottonische Königtum, und OTTO II. benutzte seinen Sieg
976 zur scharfen Abrechnung mit den LUITPOLDINGERN,
deren Position durch eine Reihe von wirkungsvollen Maßnahmen sehr
beschnitten wurde.
Herzog Heinrich »der Zänker« wurde
seines Amtes enthoben, das 983 Heinrich
III. aus der 947 übergangenen Linie Herzog Bertholds übertragen
wurde.
Erst 985 erhielt Heinrich II.
das Herzogtum wieder zurück. Heinrich III. wurde mit dem
seit 976 geschaffenen Herzogtum
Kärnten entschädigt, dem auch die seit 952 von Bayern
aus verwalteten Marken in Italien zugeschlagen wurden. Mit ihm starb
989 der letzte nachzuweisende männliche
LUITPOLDINGER. Inwieweit
genealogische Verbindungen von den LUITPOLDINGER
zum bayerischen Adel des Hoch-Mittelalters (vor allem den WITTELSBACHERN) führen,
bedarf noch der Klärung.
A. Schmid
Literatur:
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NDB XV, 508f.
Spindler I, 19882, 277-302
K. Reindel, Die bayer. L. 893-989, 1953
K. Bosl, Das jüngere bayer. Stammeshzm. der L., ZBLG 18,
1955, 144-172
H. Stingl, Die Entstehung der dt. Stammeshzm.er am Anfang des
10. Jh., 1974
H.-W. Goetz, Dux und ducatus, 1977.
Anfänge bis Markgraf Luitpold:
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Ein eventuelles Verwandtschaftsverhältnis zu den KAROLINGERN
und den HUOSI ist in der
Forschung umstritten. Verschiedene Theorien hierzu sehen sie
weitschichtig mit der Mutter Kaiser
ARNULFS VON KÄRNTEN,
Liutswinde, verwandt.
Hinweise auf eventuelle Ahnen des ersten
gesicherten LUITPOLDINGERS,
des Markgrafen Luitpold,
geben verschiedene Quellen des Freisinger Bistums. 807 tritt erstmals
ein Graf Liutpald in Erscheinung,
dessen Grafschaft an der unteren Amper gelegen war. Ob dieser Liutpald bereits
zum fränkischen Hochadel gehörte, ist nicht sicher.
Vermutlich erhielt er seine Grafschaft erst durch die Einheirat in eine
in der Freisinger Gegend ansässige, wichtige Familie. 842 wird von
diesem Liutpald (I.) das
letzte Mal berichtet. In der Generation nach
ihm treten unter anderem Liutpald
(II.) und Heriolt,
vermutete Söhne
Liutpalds I., auf. In der
rekonstruierten Ahnenreihe wäre dann der
unbekannte Sohn Liutpalds II.
(in der zweiten Hälfte des 9.
Jahrhunderts ist nichts über das Geschlecht überliefert) der
Vater Markgraf Luitpolds, des Namensgebers
des Geschlechts.
Gesichert ist, dass Luitpold 893 von Kaiser ARNULF als Markgraf in Karantanien und Ober-Pannonien (Gebiete im heutigen Österreich und Ungarn) eingesetzt wurde und damit die Nachfolge der WILHELMINER antrat. Um 895 erwarb Luitpold die Grafschaften Donaugau und Nordgau um Regensburg und baute damit seine führende Stellung im Südosten des Reiches aus. Von den karolingischen Kaisern wurde er mit Aufgaben in Mähren und der Abwehr der Ungarn-Gefahr betraut, bei der er in der Schlacht von Pressburg 907 ums Leben kam.
Luitpolds Bruder Heriolt und dessen Sohn Albrih waren Vögte der Abtei Niederaltaich.
Bayerisches Sonderkönigtum unter Arnulf:
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Sein Sohn Arnulf der
Böse konnte
auf die Grundlagen der Macht, die Luitpold gelegt hatte,
aufbauen und
nahm bald den Herzogstitel an. Dabei konnte er auf die
Unterstützung des bayerischen Adels setzen, der hoffte, dadurch
seine Stellung verbessern zu können. Nach einer Reorganisation des
Heeres, zu der er auch Kirchengüter einzog und an seine
Lehnsvasallen vergab, konnte er
die Ungarn bis 913 zurückdrängen und erreichte von ihnen die
vertragliche Zusicherung, in Bayern nicht mehr einzufallen.
Auf Reichsebene verfolgte Arnulf eine
Politik der
Eigenständigkeit in inneren Angelegenheiten und nach außen
gegenüber den deutschen
Königen KONRAD I. und HEINRICH I. Zwar beteiligte
sich Arnulf an der Wahl KONRADS. Ein Eingreifen Arnulfs zugunsten
seiner verwandten Herzöge von Schwaben
gegen KONRAD führte zu
einem längeren Konflikt, in dessen Verlauf Arnulf zeitweise zu den
Ungarn floh, sich allerdings behaupten konnte. In der Forschung ist
bisher nicht geklärt, ob Arnulf
sich nach dem Tod KONRADS
zum Gegen-König
ausrufen ließ, oder ein bayerisches Sonderkönigtum
anstrebte. Im Vertrag von Regensburg 921 erkannte Arnulf jedoch nach
Kämpfen mit HEINRICH
dessen Oberhoheit an. HEINRICH
billigte im
Gegenzug Arnulfs eigenständige
Herrschaft, zu der die Ernennung
von Bischöfen, Einberufung von Synoden und Ausübung
eigentlicher Regalien
(Münzprägung, Zölle) gehörten. Außenpolitisch
unterwarf er Böhmen
und versuchte in einem (allerdings gescheiterten) Italienzug 933/934
die Langobarden-Krone
für seinen Sohn Eberhard
zu erlangen, nachdem
der langobardische Hochadel ihm diese angeboten hatte. Eberhard wurde
von Arnulf 935 mit
Zustimmung des Adels zu seinem Nachfolger designiert
und wurde 937 Herzog.
Abstieg und Ende der Luitpoldinger:
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König OTTO DER GROSSE setzte Eberhard jedoch schon 938 nach
zwei
Feldzügen im Frühjahr und Herbst wegen dessen Widerstand
gegen ihn ab. Zum Konflikt kam es wahrscheinlich, weil Otto die Politik
der Akzeptanz der bayerischen Rechte seines Vaters Heinrich nicht
fortsetzte. OTTO ernannte
den jüngeren Bruder Arnulfs,
Berthold,
zum Herzog von Bayern, nachdem dieser auf die Ausübung des
wichtigen Rechts der Bischofsernennung und vielleicht auch auf die
Verwaltung des Reichsgutes in Bayern verzichtet hatte. Bertholds
Politik war reichs- und königstreu. 943 besiegte er die Ungarn bei
Wels und wehrte damit die Ungarn-Einfälle auf einige Zeit ab.
Nach Bertholds Tod wurde nicht sein Sohn, Heinrich (III.), mit dem Herzogtum belehnt, sondern Heinrich, OTTOS Bruder, der 937 Judith, eine Tochter Arnulfs, geheiratet hatte. Den übergangenen Luitpoldinger blieb lediglich das Pfalzgrafenamt, und Arnulf (II.), ein weiterer Sohn von Herzog Arnulf, sein Sohn Berthold, sowie sein Vetter Herold, der Erzbischof von Salzburg, beteiligten sich 953 am liudolfingischen Aufstand. Arnulf fand in einer Schlacht bei Regensburg im Juli 954 den Tod, sein Sohn versuchte vergeblich, sich mit den Ungarn zu verbünden. Herold wurde in der Schlacht bei Mühldorf 955 gefangen genommen und abgesetzt.
983 konnte mit Heinrich III. noch einmal ein LUITPOLDINGER auf den bayerischen Herzogsthron zurückkehren. Allerdings musste er 985 bereits Heinrich dem Zänker weichen, der sich mit OTTO wieder ausgesöhnt hatte. Heinrich III. wurde dafür mit dem Herzogtum Kärnten entschädigt, dem auch die seit 952 von Bayern aus verwalteten Marken in Italien zugeschlagen wurden. Mit seinem Tod 989 endet die nachweisbare männliche Linie der LUITPOLDINGER.
Eine verwandtschaftliche Verbindung zu den WITTELSBACHERN, wie sie im Großen
Brockhaus behauptet wird [2
Großer
Brockhaus, 15. Aufl., 1928, 1. Band, Seite 702, wo das
„höchstwahrscheinlich“ der 14. Auflage (Seite 925) nicht mehr
aufscheint.], ist nicht bewiesen, aber auch nicht
auszuschließen. Die Theorien, die eine solche Verbindung in
Erwägung ziehen, gehen davon aus, dass der spätere Graf von Scheyern und Ahnherr der
WITTELSBACHER, Otto,
ein direkter Nachkomme von Berthold,
dem jüngsten Sohn Herzog
Arnulfs, sei.
Literatur:
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