DELLA TORRE
Lexikon des Mittelalters:
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Della Torre
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Mailänder capitaneale Familie
(»illi de la Turre«) aus
der Valsassina stammend, mit Martino,
Graf von Valsassina, wegen
seiner
Statur »der
Große« genannt († im
Heiligen
Land
während des zweiten Kreuzzugs), in der ersten Hälfte des 12.
Jahrhunderts erstmals urkundlich belegt.
Nach Fiamma (es handelt sich jedoch dabei
um eine legendäre Tradition) waren die DELLA TORRRE zu jener Zeit
»capitanei« der Porta Nuova in Mailand.
Unter den
zahlreichen Kindern des Martino
sind Pagano, Giustamonte, Cassone und
Jacopo zu erwähnen, die verschiedene weltliche und
geistliche Ämter
innehatten, wie es in der damaligen Zeit üblich war. Die Familie
ist 1173 in Mailand belegt (Konsulat
des Pagano), behielt
jedoch ihre
Besitzungen in der Valsassina, wie zahlreiche spätere Nachrichten
bezeugen.
Am Ende des 12. Jahrhunderts schloß sie sich der »pars
populi« an, deren eifrigste Anhängerin sie wurde,
wobei
jedoch einige ihrer Mitglieder auf der Seite der
»capitanei« und »valvassori« verblieben.
Die
Familie besaß zahlreiche befestigte Plätze (neben einer
nicht identifizierten Grafschaft
Venafro werden die Burgen Pessano bei
Mailand, Trezzo und Vaprio an der Adda, Bregnano bei Como und
Castelletto Ticino sowie viele andere Besitzungen in der Stadt und
deren Umland genannt); sie ist daher ein sehr bezeichnendes Beispiel
dafür, daß die
»popolari« nicht streng einer
bestimmten Schicht zuzurechnen sind, sondern eine echte politische
Partei
bildeten, die in Opposition zur »pars
militum« (konsularische
Aristokratie oder »nobili«)
nach der Regierungsgewalt
strebte.
In den ständigen Parteikämpfen, die den politischen
Alltag der Mailänder Kommune und derjenigen, die ihrer
Einflußsphäre angehörten, äußerst unruhig
gestalteten, trat der genannte Pagano
hervor, der am Ende des 12. Jahrhunderts auch
in anderen Städten Nord-Italiens öffentliche Ämter
bekleidete. Von einem anderen Sohn Martinos, Jacopo, stammt ein
zweiter, berühmterer Pagano
(† 6. Januar 1241), der
während der
Herrschaft FRIEDRICHS II.
erstmals 1227 im öffentlichen Leben auftrat.
Er war Podestà in Brescia und
Bergamo und unterzeichnete ebenso
wie viele andere vornehme guelfische Familien Mailands mit FRIEDRICHS II.
aufrührerischem Sohn HEINRICH
einen Bündnisvertrag, dem kein
Erfolg beschieden war.
Nach der Niederlage von Cortenuova (1237)
gewährte er den Mailändern und Bergamasken, die sich auf dem
Rückzug befanden, in seinen Ländereien in der Valsassina
Zuflucht. 1240 wurde er der Anführer
der »Credenza di
S. Ambrogio« (die Mailänder
»popolare«
Vereinigung schlechthin) und begründete damit eine Art von
Kryptosignorie, welche die Macht auf dynastischem Wege weitergab.
Nach
seinem Tod (1241) folgte ihm sein Neffe Martino († 1263) nach, der 1247
von den Mailändern auf Lebenszeit das Anzianat der »Credenza
di S. Ambrogio« erhielt und mehrmals das Podestariat
in
»guelfischen« Kommunen bekleidete. 1256 Podestà der
»Credenza« und Senator
von Rom, verkörperte er
vielleicht den Höhepunkt des Guelfentums in Mailand und in der
Poebene, das jedoch rasch durch die Politik der DELLA TORRRE
selbst, die auf
die Seite des Ghibellinen Pelavicino
getreten waren, und damit die
Befürchtungen der römischen Kurie erregten, in eine Krise
geriet.
1259 trotz der Opposition des päpstlichen Legaten zum Signore von
Mailand proklamiert, brachte er Ezzelino da Romano und der »pars
nobilium« bei Cassano (d'Adda) eine Niederlage bei.
Der rasche
Aufstieg der Familie DELLA
TORRRE
und ihre undurchsichtige Politik
veranlaßten jedoch Papst
Urban IV., Ottone Visconti, aus einem
vom Lago Maggiore stammenden Adelsverband, statt Raimondo della Torre
(später Patriarch von Aquileia,
†
1299 nach Giulini IV, 788), zum
Erzbischof von Mailand zu
ernennen. Die DELLA
TORRRE
besetzten im Gegenzug sofort die
Besitzungen des Erzbistums; die Stadt wurde mit dem Interdikt belegt,
was
jedoch dem VISCONTI, der
zugleich Anführer der ghibellinischen
»pars nobilium« Mailands geworden war, nicht
ermöglichte, seine Diözese in Besitz zu nehmen.
Auf Martino
folgte sein Bruder Filippo,
der das Amt eines ständigen
Podestà des
»Popolo« erhielt und seine Macht durch
die Signorien von Como, Novara, Lodi, Bergamo und Vercelli stärken
konnte. Filippos
Bündnis mit Karl von Anjou
(1265) und seine
Vereinbarungen mit dem Grafen von San Bonifacio - der
gegen die DELLA
TORRRE rebellierte - sowie mit Obizzo d' Este und den
Städten
Mantua, Ferrara und Brescia brachten nicht die erhofften Vorteile, da
sich inzwischen die Zeitströmung geändert hatte, und das
italienische
Guelfentum nicht zuletzt durch Betreiben der römischen Kurie in
eine
Krise geriet.
Unter Filippos Neffen Napoleone, genannt Napo, erhielt die
Familie das Reichsvikariat
von RUDOLF VON HABSBURG
(1265), gleichzeitig
wuchs jedoch die Unzufriedenheit der Mailänder immer stärker,
da ihnen unerträgliche außerordentliche Steuerbelastungen
auferlegt wurden, die zur Deckung der Ausgaben für das Heer und
den Hofhalt der Signoren notwendig waren. Die im Kernland der DELLA TORRRE
geschlagene Schlacht von Desio (1277) wurde von Ottone Visconti und der
mailändischen »pars
nobilium« gewonnen und führte die
DELLA
TORRRE ins Exil.
Das Stadtvolk erhob sich gegen sie, und ihre
Häuser in Mailand wurden zerstört (heute via Caserotte). Napo
wurde im Turm des Baradello in Como gefangengesetzt und starb kurz
danach. Seine Unterwerfung unter den VISCONTI ist auf Fresken des
Trecento in der Burg von Angera dargestellt.
Die überlebenden DELLA
TORRRE
flüchteten zu Raimondo
Della Torre nach Friaul und gründeten dort
neue Machtzentren.
Nach einem Wiedererstarken der Familie entriß
Guido, der Enkel des ersten Pagano, 1302 Matteo Visconti, dem Neffen
des Erzbischofs Ottone, die Herrschaft
über Mailand, allerdings nur
für kurze Zeit.
1311 wurde Matteo Reichsvikar und 1312 setzte der
Tod Guidos der
historischen Rolle der DELLA TORRRE
in Mailand für immer ein
Ende. Vgl. Mailand.
G. Soldi Rondinini
Quellen und Literatur:
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DBI, s. v. [im Dr.]
G. Flammae, Manipulus Florum, Muratori XI, Cap. CCXC,
CCXCIII-CCXCIX, sowie die gesamte Chronistik und Annalistik der Poebene
G. Giulini, Memorie della città e della campagna di Milano
ne' secoli bassi, 1855 [Nachdr. 1975], IV, zu den zit. Jahren
P. Litta, Famiglie celebri it., 1819-83
I. Ghiron, La credenza di S. Ambrogio e la lotta dei nobili e
del popolo in Milano (1198-1292), ASL IV, 1877, passim
G. Arrigoni, Notizie storiche della Valsassina e delle terre
limitrofe, 1899, 270-271
G. Gallavresi, La riscossa dei guelfi in Lombardia dopo il 1260 e
la politica di Filippo della Torre, ASL XXXIII, 1906, 8-30
A. Battistella, I Lombardi in Friuli, ASL s. 4, XXXVII, 1910,
302ff.
G. Soldi Rondinini, Appunti per una nuova storia di Milano (Saggi
di storia e storiografia visconteo-sforzesche, 1983).