Lexikon des Mittelalters: Band I Spalte 1109
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ASKANIER
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Geschlecht
Die ASKANIER
gehören
zu jenen Geschlechtern der spätfränkischen und
frühdeutschen
"Reichsaristokratie", die im 9. oder eher noch im späteren 10.
Jahrhundert,
aus dem alemannisch-fränkischen Raum kommend, im östlichen
Sachsen
burgsässig geworden sind. Die Bezeichnung ASKANIER
für die vornehmlich im am Nordost-Harz gelegenen
(Nord-)Schwabengau begüterten
und noch im frühen 13. Jahrhundert in "schwäbischen"
Rechtsbezügen
(Sachsenspiegel-Vorrede) lebenden Dynasten entwickelte sich seit dem
frühen
13. Jahrhundert aus der Latinisierung des Namens ihres Burgsitzes
Aschersleben
(Ascharia) sowie späterhin als mythologisierende Antikisierung
aus dem Namen Ascanius (Sohn des Aeneas).
Die "Alte Burg" in Ballenstedt
war namenspendender Stammsitz im 11. und 12. Jahrhundert; das dortige
Kollegiatstift
(1043) diente bis 1170/1212 als Grablege. Erst Albrecht der Bär
und
seine Nachkommen gingen dazu über (1134), sich nach den
jüngeren
Burgen
Aschersleben, Anhalt beziehungsweise nach
ihren neuen Herrschaftsbereichen
zu nennen.
Der erste erschließbare ASKANIER
dürfte ein Adalbert (um
1000) gewesen sein, vermählt mit
einer Tochter Markgraf Hodos I., Vater des um 1030/34
urkundlich erwähnten
Grafen
Esico von Ballenstedt.
Eine ungewöhnlich erfolgreiche Heirats-Politik
verschaffte den frühen ASKANIERN
in vier aufeinander folgenden Generationen größere Anteile
vom
Erbe der Ostmark-Grafen,
der Kaiser-Schwägerin Mathilde von Schwaben
(† 1031/32), der Grafen von Weimar-Orlamünde und
der BILLUNGER,
abgerundet durch systematisch angeeignete Vogteien, Kirchenlehen und
Rodungsgewinne.
Spätestens seit Graf Esico († 1059/60) war
die Sippe der BALLENSTEDTER
mit
den entscheidenden Familien Sachsens und des Reiches verschwägert
und konnte auf Verwandtschaft zu LIUDOLFINGERN
und KAROLINGERN verweisen (HEINRICH
III., 1043: "comes Hesicho nostre consanguinitate coniunctus").
Ihre reichsfürstlichen Beziehungen, die starke ökonomische
Potenz
("Otto der Reiche", † 1123) im von
herzoglicher Gewalt faktisch
weitgehend freien Raum und die strategisch günstige Lage ihrer
Besitzungen
im Hinblick auf die zur Besiedlung anstehenden Slawen-Marken
erklären
zusammengenommen erst die Staunen erregenden Erfolge vor allem Albrechts
des Bären in Teilen der Nordmark und ihren Randzonen. In
Real-
und Idealkonkurrenz zu Lothar von
Süpplingenburg,
dessen herzogliche Stellung Graf Otto 1112 vergeblich zu
übernehmen
trachtete, betrieben die ASKANIER bereits
zu Beginn des 12. Jahrhunderts Besitzpolitik vom Rhein
(Pfalzgrafenschaft)
bis zur mittleren Elbe und erreichten im sächsischen
Kräftefeld
den ersten Höhepunkt ihrer Machtentfaltung. Ottos Sohn Albrecht
der Bär († 1170), der Stammvater aller späteren ASKANIER,
ist zwar ebenfalls im Streit um die sächsische Herzogswürde
an
LOTHARS
Enkel Heinrich (dem Löwen)
gescheitert, vermochte sich jedoch mit
Unterstützung oder Duldung der Könige
LOTHAR III., KONRAD III.
und FRIEDRICH I. sowie der Bischöfe
von Magdeburg, Havelberg und Brandenburg von der Markgrafenposition
(seit
1134) her in der "Nordmark" eine so starke Stellung und
weiträumige
Ansprüche zu sichern, dass damit das weitere Schicksal derASKANIER
vorgezeichnet war. Der engere Einflußraum der
ASKANIER
um 1170 reichte - wenngleich durch andere Rechtsträger vielfach
unterbrochen
- von Salzwedel und Lenzen über Wolmirstedt und
Seehausen/Magdeburg
bis zum Nord-Harz, vom Havelland über Zauche und Fläming bis
in
die Gegend von Köthen und Wittenberg. Albrechts Söhne
bauten das Erbe im mittelalterlichen Osten, sodann zwischen Elbe und
Oder,
aber auch in den ostsächsischen
askanisch-welfischen
Durchdringungsgebieten konsequent aus, die Schwäche der
Reichsgewalt
nutzend.
DIE EINZELNEN LINIEN:
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[1] Der älteste
Sohn Albrechts, Otto I.
(† 1184), hatte schon als
Mitregent seines Vaters den Kernbereich des
Erbes, die
Markgrafschaft Brandenburg übernommen; sie wurde
von seinen Nachkommen mittels originärer und sekundärer
Siedlung
und anderer Herrschaftsbildungsmethoden innerhalb eines Jahrhunderts zu
einem relativ dichten, stellenweise bereits flächenhaft
geschlossenen
"Landesherrschaft" bei sich lockernder Bindung an das Reich ausgebaut.
Besonders die Markgrafen Albrecht II. († 1220), Johann I. († 1266)
und Otto III. († 1267) mit
zusammen 15 Kindern, Otto IV.
"mit
dem Pfeil" († 1308) und auch der letzte
kinderlose, verschwenderische
Woldemar
(† 1319) haben Brandenburg -
zwischen dem Helmstedter Lappwald und
der hinterpommerschen Küste (Stolp) - zur umworbenen und
gefürchteten
politischen Kraft in Nordost-Deutschland werden lassen, im
Südwesten und Nordwesten flankiert
von anderen askanischen
Herrschaften.
Um 1300/10 ist noch einmal ein Höhepunkt gesamt-askanischer
Machtentfaltung erreicht worden. Indes sind die brandenburgischen ASKANIER
um 1290 19 männliche Angehörige zählend, Anfang des 14.
Jahrhunderts biologisch zusammengebrochen, ohne dass sich Ursachen
genauer
bezeichnen ließen. Dieses schnelle Verlöschen mit seinen
Folgen
(WITTELSBACHER-
und LUXEMBURGER-Herrschaft
in der Mark) traf alle anderen askanischen
Linien, weil der Verlust der Mitte der askanischen Markengebiets-Herrschaft
im 14. Jahrhundert nicht mehr anderweitig aufzuwiegen war. Ansätze
zur neuerlichen Kumulation askanischer Herrschaftsteile,
wie sie sich an der Bündnispolitik der Wittenberger und anhaltinischen
ASKANIER
mehrfach
ablesen lassen.
[2] Die
von dem zweiten Sohn Albrechts
des Bären,
Hermann († 1176),
gestiftete Linie der jüngeren Grafen von
Weimar-Orlamünde knüpfte an Besitzrechte an, die die Grafen
Siegfried I. († 1113) und Siegfried II. († 1124) aus
dem Erbe
der
älteren Orlamünder
Grafen in der Zeit der Fürstenverschwörung
gegen Kaiser
HEINRICH V. um 1113/15
an sich gebracht hatten. Mit dem Grafen Wilhelm (†
1140) erlosch
diese auf Adalbert von
Ballenstedt (* um 1080) zurückgehende
askanische
Nebenlinie. Albrecht der
Bär übergab das Erbe seinem
Sohn, dessen Nachkommen, bei rasch zunehmender Entfremdung
gegenüber
den anderen ASKANIERN,
sich mit der
Osterländischen
(Orlamünder) Linie bis 1486, mit der Thüringischen
(Weimarer) Linie bis 1373 behaupteten, obschon beide Häuser
bereits im Grafenkrieg (1342-1346) den WETTINERN unterlegen und in
deren
Abhängigkeit geraten waren.
[3] Bernhard (1140-1212), der 7. und jüngste Sohn Albrechts, erhielt unverhofft eine Chance zum Aufbau einer zweiten askanischen Landesherrschaft in Nordost-Deutschland, als ihm 1180 nach dem Sturz Heinrichs des Löwen der sächsische Herzogstitel und welfische Reichslehen entlang der Unterelbe bei Lauenburg zugesprochen wurden; er sowie sein jüngerer Sohn Albrecht I. (1212-1261) vermochten vorwiegend an der mittleren Elbe im Umkreis von Belzig, Wittenberg, Burg Aken (1227) und Wiesenburg ein an brandenburgische, anhaltinische und wettinische Bereiche grenzendes Herrschaftsgebiet auszubilden. Doch hat die Erbteilung (1261) der Enkel Johann († 1285, mit Lauenburg) und Albrecht († 1298, mit Wittenberg) diesen askanischen Zweig entscheidend geschwächt. Immerhin erhielt Herzog (Titel vor 1298) Rudolf I., Sohn Albrechts II. und einer Tochter König RUDOLFS VON HABSBURG, 1290 von seinem Großvater die dem Reich heimgefallene Grafschaft Brehna (östlich von Halle). Dazu kamen magdeburgische und sonstige Lehen zwischen Gommern und Schweinitz (an der Schwarzen Elster). Die bis 1356 gemeinsam, wenngleich nicht einträchtig geführte Kurstimme wurde durch die Goldene Bulle endgültig den Wittenberger Herzögen zugeteilt, als Dank für vielfache Parteinahme. Der Abbau askanischer Positionen setzte sich nach den Verlusten in Brandenburg und Thüringen 1422/23 fort, als nach dem Tod des letzten Wittenberger Herzogs Albrecht III. weder die Lauenburger Linie noch die askanische Vorfahren aufweisenden fränkisch-brandenburgischen HOHENZOLLERN, vielmehr die WETTINER Kur-Wittenberg erlangten. Die Herzöge in Sachsen-Lauenburg bewahrten zwar die reichsunmittelbaren Rechte und, wie die anderen Linien, konsequent eingehaltene reichsfürstliche Konnubium, stellten zudem Bischöfe für Verden, Lübeck, Bremen, Hildesheim und Minden, blieben jedoch bis in die Neuzeit hinein Duodez-Potentaten, bewegungslos eingezwängt von nicht mehr verschiebbaren Herrschaftsteilen der WELFEN, SCHAUENBURGER (Holstein), der Schweriner Herzöge (Mecklenburg) sowie von geistlichen Besitzungen. Ihr Aussterben (1689) nutzten die WELFEN sogleich, um Lauenburg (etwa 500 Jahre nach dem Verlust) wieder mit Kur-Hannover zu vereinigen.
[4] Am
längsten, bis in das 20. Jahrhundert,
bewahrten die
ASKANIER
an der westlichen
Mittelelbe und am Nordost-Harz das Erbe Albrechts des Bären. Mit
dem Namen der Burg "Anhalt" (bei Harzgerode, Kreis Ballenstedt),
die von der Mitte des 11. Jahrhunderts bis ca. 1315 von den ASKANIERN
bewohnt wurde, gaben sie dem Fürstentum (1807 Herzogtum) und dem
Raum
beiderseits der mittleren Elbe und unteren Saale die bis in die
Gegenwart
fortwirkende Landesbezeichnung.
Die noch heute existierenden
"ANHALTINER"
(einschließlich der Nachkommen aus morgantischen Ehe) sind
sämtlich
Nachkommen des Herzogs Bernhard († 1212), dessen
ältester Sohn
Heinrich I. (ca. 1170-1251/52) wohl
der bedeutendste Herrscher dieses
ASKANIER-Zweiges
gewesen ist. Ihm gelang es, über wertvolle alt-askanische
Stammgüter (im südöstlichen Nord-Thüringgau
und Schwabengau, in den Gauen Serimunt-Wörbzig und Niccici) hinaus
seit der Teilung von 1212 im Umkreis von Ballenstedt, Aschersleben,
Bernburg,
Nienburg, Köthen, Dessau, Coswig und Gernrode (Vogtei)
Landesherrschaft
in Gebieten auszubilden, die sich durch überwiegend gute
Böden,
Bergbau und einige ertragreiche überregionale Verkehrswege
auszeichneten
(rund 280 Flecken und Dörfer, 22 Städte). Heinrichs
Söhne
stifteten eigene askanische
Linien,
so dass sich im Spätmittelalter drei, seit 1315 zwei anhaltinische
Grafschaften gleichberechtigt und selbständig gegenüber
standen:
HeinrichII.
(† 1266, zu
Aschersleben, bis 1315);
Bernhard I. († 1286/87,
zu Bernburg);
Siegfried I. († nach 1298, zu
Cöthen,
Dessau,
seit 1307/16 Zerbst, Stammvater der späteren Fürsten bis
1918).
Die Realteilung von 1253 sowie spätere Abschichtungen und
hausinterne
Streitfälle nahmen den
ANHALTINERN jede Chance,
unter den mittelelbischen
und nordostdeutschen Landesherrschaften eine anspruchsvollere, das
heißt
militärisch fundierte Rolle zu spielen. Weder 1319/20 noch
1422/23
und noch weniger 1689 glückte es anhaltinische Fürsten,
das
Erbe
einer der anderen
askanischen
Linien
anzutreten, obwohl während des 14. Jahrhunderts noch Ansätze
einer gesamt-askanischen
Heiratspolitik
zu beobachten sind.
Quellen und Literatur:
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[zu Brandenburg]:
H.-J. Schreckenbach, Bibliogr. zur Gesch. der Mark Brandenburg, T. 1, 1970, Nr. 288-384, 3387-3497 - H. Krabo-G. Winter, Reg. der Mgf.en v. Brandenburg aus askan. Hause, Lfg. 1-12, 1910-1915 [mit Stammtaf.] - A. Hofmeister, Die Ahnentaf. der Mgf.en v. Brandenburg als Geschichtsquelle, FBPrG 33, 1921, 1-87, 409-412 - F.A. Vossberg, Die Siegel der Mark Brandenburg, Lfg. I, 2., 1868, 7ff., 28ff. [Abb.] - E. Kittel, Brandenburg, Siegel und Wappen ..., 1937, 24ff. - J. Schultze, Die Mark Brandenburg I, 1961 - H. K. Schultze, Adelsherrschaft und Landesherrschaft, 1963 - E. Schmidt, Die Mark Brandenburg unter den A. (1134-1320), 1973 - Hist. Stätten Dtl., X: Berlin und Brandenburg, hg. G. Heinrich, 1973 - Ders., Die Mark Brandenburg 1257-1319, 1977 (Hist. Handatlas v. Brandenburg und Berlin, Lfg. 56)
[zu Orlamünde]:
C.Chl. Frhr. v. Reitzenstein, Reg. der Gf.en v. Orlamünde, 1871 - O. Posse, Die Siegel des Adels der Wettiner Lande bis 1500, 5, 1917, 12 - H. Patze, Polit. Gesch....(Gesch. Thüringens, 2, I, 1974), 155ff. -
[zu Sachsen-Wittenberg und Sachsen-Lauenburg]:
H. Loreck, Bernhard I., der A., Hzg. v. Sachsen (1180-1212), Zs. des Harz-Vereins 26, 1893, 207-301 - G. v. Hirschfeld, Gesch. der sächs.-askan. Kurfürsten ... (1180-1422), VjsHSG 12, 1884 - Germania sacra, Bm. Brandenburg II, 1941, 372ff. - C.W. Böttiger, Gesch. von Sachsen, bearb. H. Flathe, 1867 - Hist. Stätten Dtl., XI: Prov. Sachsen-Anhalt, hg. B. Schwineköper, 1975, LIV ff. - O.v. Heinemann, Gesch. Braunschweigs und Hannovers, I. 2, 1884 - P. Hasse-V. Pauls, Schleswig Holstein-Lauenburg. Urkk. und Reg., 1-5 (bis 1375), 1886-1932 - R. Schmidt, Die Bau- und Kunstdenkmäler des askan. Fürstenhauses im ehem. Hzm. Lauenburg, 1899 - F. Schulze, Das Hzm. Sachsen-Lauenburg und die lübische Territorialpolitik, 1957 - W.-D. Mohrmann, Lauenburg oder Wittenberg?, 1975 [dazu: H.G. Kraus, BDLG 112, 1976, 650-654]
[zu Anhalt]:
Cod. dipl. Anhaltinus, T. 1-6, 1867-1883 - W. H.
Struck,
Nachtr. AZ 61, 1964, 90ff. - H. Wäschke, Die A. in Anhalt, 1904 -
E. v. Frankenberg-Ludwigsdorf, Anhalter Fürstenbildnisse, 2 Bde,
1894-1896
- H. Peper, Die Ascherslebener Linie der A., Heinrich II., Otto I.,
Otto
II. (1233-1315), 1912 - J. Wütschke, Territorialentwicklung
Anhalts
(mitteldt. Heimatatlas, hg. O. Schlüter-O. August, 1959, Bl. 20) -
A. Schroeder, Grundzüge der territorialentwicklung der anhalt.
Lande
..., Anhalt. Geschichtsbl. 2, 1926, 5-92.
| in der Mark Brandenburg | bis 1319 |
| im Kurfürstentum Sachsen-Wittenberg | bis 1423 |
| im Herzogtum Sachsen-Lauenburg | bis 1689 |
| im Fürstentum, späteren Herzogtum Anhalt | bis 1918 |