Ludwig I. von Frankreich                        König von Neapel (1380-1384)
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23.7.1339-22.9.1384                              Graf von Maine
Vincennes Biseglia bei Bari

Begraben: Angers, Kathedrale
 

2. Sohn des Königs Johann II. von Frankreich und der Bona von Luxemburg, Tochter von König Johann von Böhmen
 

Lexikon des Mittelalters: Band V Spalte 2191
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Ludwig I. von Anjou, Herzog von Anjou
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* 23. Juli 1339, + 20. September 1384

Begraben: Angers, Kathedrale

2. Sohn von König Johann II. (Jean) von Frankreich

Ludwig I. war Graf von Anjou (1350), Graf von Maine, Herr von Montpellier (1351), lieutenant des Herzogs von Normandie (1356), königliche lieutenant für die Grafschaften Anjou, Maine und Tourraine (1359), Herzog und Pair von Frankreich (1360) und königlicher lieutenant in Languedoc, Guyenne und Dauphine (1364). Der König verlieh ihm auf Lebenszeit das Herzogtum Touraine. Als der minderjährige Karl VI. entgegen den königlichen Ordonnanzen von 1374 nach dem Tode Karls V. (+ 16. September 1380) Königsweihe und Krönung empfangen sollte, wurde Ludwig I. von Anjou für die Zwischenzeit zum Regenten des Königreiches mit allen Vorrechten ernannt (unter anderem Intitulierung der königlichen Ordonannzen unter seinem Namen, Gebrauch des eigenen Siegels für königliche Regierungshandlungen). Ludwig I. von Anjou war Präsident des Regentschafstrates vom 30. November 1380 bis zu seiner Abreise nach Italien (Avignon, 31. Mai 1382). 1380 adoptierte ihn Königin Johanna I. von Neapel; dies wurde am 21. und 22. Juli 1380 von Papst Clemens VII. bestätigt. Als König von Sizilien erscheint Ludwig I. von Anjou am 30. August 1383. Er starb ein Jahr später in Apulien. Der prachtliebende Fürst ist Auftraggeber des berühmten Apokalypsen-Teppichs von Angers.


Ludwig I. wurde 1356 Graf von Anjou und Maine, Baron du Chateau-du-Lair, Seigneur de Chantoceaux, 1360 Herzog von Anjou, 1370 von Touraine und Pair von Frankreich. 1360/ 63 als Geisel für seinen Vater nach England geschickt, entfloh er, was den Vater dazu bewegte, sich in englische Haft zurückzubegeben. Er kämpfte an der Seite seines Bruders Karl V. gegen die Engländer und wurde Statthalter von Languedoc. 1380 erzwang er die Regentschaft für seinen Neffen Karl VI. von Frankreich, geriet mit seinen Brüdern in Streit, die Beteiligung forderten, und hortete einen riesige Schatz an, womit er die Staatsfinanzen ruinierte. Aus diesem Grunde wurde er von seinem Bruder Philipp von Burgund verdrängt. Im gleichen Jahr wurde er von Johanna I. von Neapel adoptiert und zum Nachfolger bestimmt. 1381 wurde Ludwig von Clemens VII. in Avignon gekrönt, während Urban VI. in Rom Karl III. von Durazzo Neapel übertrug. An dessen Widerstand scheiterte Ludwigs Unternehmen.

Ehlers Joachim: Seite 227,235,241,244,252,259-261,263,293
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"Geschichte Frankreichs im Mittelalter."

König Johann ließ deshalb seine Söhne aus der ihnen nun unmittelbar drohenden Gefahr führen: Der Thronfolger Karl, die Herzöge Ludwig von Anjou und Johann von Berry sollten nach Chauvigny in Sicherheit gebracht werden, nur der 14-jährige Philipp, nachmals Herzog von Burgund, blieb neben seinem Vater.
Als die Freilassung auf sich warten ließ, nahm einer der Söhne Johanns II., Herzog Ludwig von Anjou, unter dem Vorwand einer Pilgerfahrt nach Boulogne Urlaub und Ehrenwort, kehrte aber nicht mehr nach Calaias zurück. Diese unerhörte Treulosigkeit erregte in der  ritterlichen Gesellschaft weithin Aufsehen, das Eduard III. mit einem Brief an den Prinzen noch steigerte, in dem er ihm vorwarf, Schande über das Haus VALOIS gebracht zu haben. Johann II. empfand die schmerzliche Demütigung und leistete sofort Genugtuung in der höchsten Form.
Am 17. April 1364 erfuhr der Thronfolger vom Tod seines Vaters und machte sofort von allen königlichen Rechten Gebrauch. Schon am folgenden Tag übertrug er, par le grace de Dieu roy de France, seinem Bruder Ludwig von Anjou die Touraine, wartete also mit der Titelführung nicht bis zur Krönung. Ein Ergebnis der Verhandlungen im Vorfeld seiner Krönung war für Karl V. das in der Zusammensetzung fast unveränderte Conseil, in dem nur Ludwig von Anjou als jüngerer Bruder des Königs Neuling war.
Eine unmittelbare Nachfolge Ludwigs von Anjou ist sicherlich nicht erwogen worden, denn ihm verweigerte das Conseil den Dauphine, so daß sehr wahrscheinlich eine Auswahl unter allen Brüdern Karls V. für den Fall geplant war, daß dem König etwas zustieße oder er seinen gelegentlich erwogenen Plan wahr machte und abdankte, um in einen Orden einzutreten.
Der Thronfolger stand bei seiner Reimser Krönung als König Karl VI. am 4. November 1380 kurz vor Vollendung des 12. Lebensjahres. Dieses jugendliche Alter gab den Brüdern Karls V. eine herausragende Stellung: Die Herzöge Ludwig von Anjou, Johann von Berry und Philipp von Burgund waren für eine Regentschaft prädistiniert; zu ihnen gesellte sich noch Herzog Ludwig von Bourbon, Bruder der schon 1378 verstorbenen Königin Johanna. In diesem Kreis hatte Ludwig von Anjou als ältester Prinz von Geblüt natürlich Anspruch auf den ersten Rang und zeigte sich entschlossen, ihn zu behaupten. Dem Altersvorsprung Ludwigs stand die traditionell höhere Würde des Herzogs von Burgund gegenüber, der immer als vornehmster Pair von Frankreich gegolten hatte. Die scharfe Konkurrenz beider dürfte Karl V. vorausgesehen haben und wohl schon 1374 angesichts seiner eigenen labilen Gesundheit das Mündigkeitsalter für einen König von Frankreich auf 14 Jahre vorverlegt haben.
Solch schwierige Konstruktion war für den praktischen Gebrauch wenig geeignet, und sie zerbrach auch schon auf der ersten Sitzung des Conseil nach der Bestattung Karls V., als Ludwig von Anjou die gesamte Regierungsvollmacht und den Titel eines Regenten für sich forderte. Damit erregte er den Zorn des Herzogs von Burgund, sodaß die gesamte königliche Familie sich am 2. Oktober mit Prälaten, Baronen und den wichtigsten Beratern Karls V. unter Vorsitz des Herzogs von Anjou im Sitzungssaal des Parlements traf und beschloß, die Krönung des Thronfolgers schon vor dem Mündigkeitstermin und so bald als möglich vorzunehmen, um die Zeit der Regentschaft abzukürzen. Bis dain sollte Ludwig von Anjou Regent sein, und diese wenigen Wochen nutzte der Herzog schamlos aus, indem er das persönliche Vermögen Karls V. an sich brachte.
Aus diesem Gremium schied Johann von Berry alsbald freiwillig aus, um sich ganz den ihm übertragenen Ländereien zu widmen. Da Philipp sich in der nächsten Zeit meist in Flandern aufhalten mußte, hatte der Herzog von Anjou faktisch die Alleinregierung, bis er sich von der italienischen Politik ganz gefangennehmen ließ.
Auslösender Faktor dieser neuen Krise war die Divergenz politischer Ziele innerhalb der herzoglichen Regentschaft, die nur in einem Punkte stillschweigend einig war: Jeder wollte seine partikularen Vorhaben aus dem Haushalt der Monarchie finanzieren und mußte deshalb Steuerausschreibungen veranlassen. Zuerst hatte Ludwig von Anjou entsprechenden Forderungen gestellt, weil er das Königreich Neapel nur durch diplomatischen und militärischen Druck gewinnen konnte. In Neapel regierten die Nachkommen Karls I. von Anjou seit langen gegen den in zwei Parteien gespaltenen Adel, der entweder die französische oder die ungarische Linie des Hauses ANJOU als das kleinere Übel ansah. Königin Johanna hatte sich im Schisma für Papst Clemens VII. entschieden und Herzog Ludwig von Anjou adoptiert, um ihm die Nachfolge zu sichern, aber in den aus beiden Entscheidungen folgenden Kämpfen war sie ums Leben gekommen, so daß der römische Papst ein neapolitanisches Königtum Karls III. von Durazzo aus der ungarischen Linie [Richtigstellung: Karl III. gehörte als Sohn Ludwigs von Gravina der Line Durazzo des neapolitanischen Königshauses an.] durchsetzen konnte. Frankreich sollte nun Ludwigs Italienpolitik finanzieren, und über die dafür verordneten Steuersätze brach ein seit Monaten im Lande schwelender Groll offen aus.
Als Herzog Ludwig von Anjou im Oktober 1380 seine Hand auf den Nachlaß Karls V. legte, nahm er sich damit den bedeutendsten Königshort des spätmittelalterlichen Abendlandes.

Saller Martin: Seite 46
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"Königin Isabeau. Die Wittelsbacherin auf dem Lilienthron."

Karl V. traf auch Vorkehrungen um die Thronfolge abzusichern. Das Krönungsalter des Dauphin setzte er auf vierzehn Jahre fest. Der älteste seiner drei Brüder, Herzog Ludwig von Anjou, sollte bis zu Karls Volljährigkeit die Regentschaft übernehmen. Die Vormundschaft über den Dauphin und dessen um vier Jahre jüngeren Bruder Ludwig übertrug er seinen jüngeren Brüdern, den Herzögen von Berry und von Burgund, sowie dem Bruder seiner verstorbenen Frau, dem Herzog von Bourbon. Mit dem Vorrecht des Ältesten erhob der ehrgeizige Herzog von Anjou Anspruch auf die alleinige Regierung und Vormundschaft. Dagegen protestierten die drei anderen Onkel. Man einigte sich schließlich auf einen Kompromiß: der zwölfjährige Dauphin sollte sogleich in der Kathedrale von Reims gekrönt werden; "durch ihn und in seinem Namen" sollte unter dem Vorsitz des Herzogs von Anjou ein Rat von zwölf Mitgliedern regieren, zu dem auch die Herzöge von Berry, von Burgund und von Bourbon zählten.
Herzog Ludwig I. von Anjou, der mit der Statthalterschaft in der reichen Languedoc zwischen Pyrenäen und Rhone betraut war, ließ sich vom königlichen Schatzverwalter, Philipp de Savoisy, den Großteil der Goldreserve des Königreichs aushändigen, die Karl V. langsam aufgestockt und im Schloß von Melun sicher verwahrt hatte. Auch die ganze Barschaft des verstorbenen Bruders kasssierte er. Er war ein gebildeter Mann von ritterlicher Eleganz, aber verzehrt von Ehrgeiz und skrupellos bei der Verfolgung seiner Ziele. Mit dem Segen des Papstes in Avignon bereitete er einen privaten Feldzug zur Eroberung des umstrittenen Königreichs von Neapel vor, dessen unsicherer Thron ihm vererbt war. Schon 1382 brach er nach Italien auf. Er war fortan verstrickt in dieses fruchtlose Abenteuer und schied aus der Regebntschaft aus. Zwei Jahre später starb er in Bari.

Schnith Karl: Seite 348-350
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"Frauen des Mittelalters in Lebensbildern."

Noch bevor Karl von Durazzo nach Rom zog, adoptierte Johanna in ihrer Urkunde vom 29.6.1380 Ludwig, Herzog von Anjou (+ 1384), Bruder König Karls V. von Frankreich, und erklärte ihn zu ihrem Universalerben. In diesem Vertrag, der zugleich die vorangegangene Zustimmung des Lehnsherrn Papst Clemens VII. wiedergab, wurde nicht mehr zwischen einer Erbfolgeregelung nach Verwandtschaftsgraden oder zwischen einem männlichen bzw. weiblichen Erbfolgeberechtigten unterschieden.
Ludwig von Anjou, in die französischen Thronkämpfe seit dem Tode seines Bruders Karl V. (+ 1380) verwickelt, erreichte N-Italien erst im Frühjahr 1384 und starb, ohne Neapel erreicht zu haben. Seine Nachfolge in Anjou und Provence trat seine Sohn als Ludwig II. von Anjou (+ 1417) an.

Tuchmann Barbara: Seite 191,221,302,356,361,366
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"Der ferne Spiegel"

In Paris angekommen, mußte König Johann II. feststellen, daß der Herzog von Anjou seine Freigabe auf Ehrenwort mißbraucht hatte und verschwunden war. Noch kurz bevor der Herzog als Geisel nach England gegangen war, hatte er geheiratet, war nun nach Boulogne gereist, um seine Frau zu treffen, in die er sehr verliebt gewesen sein soll, und weigerte sich, nach Calais zurückzugehen.
Auch Karls drei Brüder waren von einer unbezähmbaren Besitzgier: Ludwig von Anjou, der älteste der drei, richtete sie auf Geld und ein Königreich. Groß, robust und blond wie sein Vater war Ludwig von Anjou eigenwillig, eitel und von unersättlichem Ehrgeiz getrieben. Der sinnliche und vergnügungssüchtigte Johann von Berry war ein unermüdlicher Sammler, dessen eckiges, ordinäres, stupsnasiges Gesicht in komischem Gegensatz zu seiner Liebe zur Kunst stand. Philipp hatte Johanns grobe Züge, war aber intelligenter und von überheblichem Stolz. Jeder dre drei stellte seine Interssen über die des Reiches, und alle drei waren von verschwenderischer Großzügigkeit, um ihr Prestige zu erhöhen. Jeder ließ durch seine Patronage ein in seiner Art unübertroffenes Kunstwerk entstehen: die Wandteppiche der Apokalypse in Ludwigs, die Tres Riches Heures und Belles Heures in Johanns un die Skulpturen des Brunnens Mose und der Trauernden von Claus Sluter in Philipps Fall.
Niemand war ein eifrigerer Klementist als der Bruder des Königs, der Herzog von Anjou. Sobald er von Klemens' Wahl erfuhr, ließ er sie in den Straßen von Toulouse verkünden, in der Kathedrale eine Messe lesen und ein Tedeum in allen Kirchen von Languedoc singen. Als Klemens' Armee in Italien von Urbans Truppen geschlagen wurden, wandte sich der französische Papst an den Herzog und bat ihn um militärische Hilfe. Dessen Soldforderungen war ein Königreich. Nach einem Vertrag zwischen den beiden, der in der Bulle vom 17. April 1379 bestätigt wurde, sollte der Herzog von Anjou die päpstlichen Staaten in Italien erobern und den größeren Teil von ihnen (mit der Ausnahme von Rom und Neapel) in ein Königreich Adria (nach dem Adriatischen Meer) zusammenfassen. Dieses Königreich sollte Ferrara, Bologna, Ravenna, die Romagna, die Mark Ancona und das Herzogtum Spoleto umfassen. Es sollte ein Lehen des Heiligen Stuhls sein und jährlich 40.000 Franken Abgaben zahlen. Dem Herzog wurde eine Frist von zwei Jahren eingeräumt, um Geld und Truppen zu sammeln, aber falls er diese Frist um mehr als zwei Monate überschritte, ohne eine Expedition nach Italien geführt zu oder einen "fähigen General" entsandt zu haben, sollte der Vertrag verfallen.
Zunächst war die Hilfe des Herzogs von Anjou in Italien dringend erwünscht, um die Königin Johanna auf dem Thron von Neapel zu halten, Klemens' einzigem Brückenkopf dort. Um das Interesse des Herzogs zu schärfen, wurde Anjou, eine entfernter Vetter der kinderlosen Königin - zu ihrem Erben ernannt. Neapel lockte, und das Schicksal des Herzogs lag nun Italien.
Als Johanna sich für Klemens VII. entschied und auf seinen Rat den Herzog von Anjou zu ihrem Nachfolger ernannte, erklärte der wütige Urban sie als Ketzerin für abgesetzt und krönte einen anderen ANGEVINER, Karl, Herzog von Durazzo als rechtmäßigen König von Neapel. Als Johanna sich weigerte, ihn anzuerkennen, und der Herzog von Anjou in Italien einmarschierte, um ihr zu Hilfe zu kommen, zögerte Karl keinen Augenblick. Er ließ die Königin im Kerker erdrosseln und stellte ihre Leiche sechs Tage in der Kathedrale zur Schau. Der Herzog zog über Avignon nach Italien und wurde dort von Papst Klemens VII. als König von Neapel und Sizilien sowie der Provence gekränt. Zugleich exkommuinizierte Klemens den Rivalen Karl von Durazzo. Der Herzog von Anjou trieb rücksichtslos Hilfsgelder in der Provence ein, bekam zusätzliche Unterstützung von Klemens und verband sich für seine Italienexpedition mit jenem energischen Edelmann Amadeus, dem Grünen Grafen von Savoyen, der 1.200 Lanzen bereitstellte, was den Herzog von Anjou 20.000 Dukaten im Monat kostete.
Mit einer Armee von 15.000 Mann, mit 300 Maultieren und einem gewaltigen Troß zog Anjou in die Lombardei. In Mailand machte der Herzog von Anjou ein ähnliches Heiratsgeschäft mit den VISCONTI wie sein Vater. Sein siebenjähriger Sohn Louis wurde mit Bernabos Tochter Lucia verlobt, und die Hilfsgelder der VISCONTI füllten Anjous Kriegskasse auf. Bernabo zahlte für die Aussicht, daß seine Tochter einmal Königin von Neapel würde, 50.000 Florins - eine Summe, die etwa mit dem jährlichen Einkommen von hundert bürgerlichen Familien vergleichbar ist -, hinzu kam eine zusätzliche Zahlung von Gian Galeazzo. Der Herzog von Anjou nutzte jede Gelegenheit, sich auf dem Weg zu seinem Königreich angemessen auszustatten.
Obwohl der Herzog von Anjou erklärt hatte, er wolle "mit der Macht des Rittertums das Schicksal der Kirche bessern", hütete er sich, diese Macht gegen Urban VI. zu gebrauchen. Er verließ die Küste bei Ancona und überquerte die Apenninen im September, zog aber an der Straße nach Rom vorübner, obwohl ein kühner Zugriff ihm die Stadt zu jener Zeit wahrscheinlich in die Hand gegeben hätte. Statt dessen schlug Anjou gegen den Rat von Amadeus den Weg nach Neapel ein, und als die Armee durch die Schluchten und über die Felsspalten "zwischen Gipfeln, die den Himmel berührten" hindurchzogen, holte die Katastrophe sie ein. Gebirgsbriganten, die mit Neapel in Verbindung standen, griffen den Troß an und überwältige die Nachhut, die die Geschenke und die Kriegskasse sicherte, so daß Anjou, als er in Caserta ankam - nur noch einen Tagesmarsch von Neapel entfernt - sehr viel ärmer als am Beginn des Feldzugs war.
Inzwischen war es November geworden. Als er neapolitanisches Gebiet erreicht hatte, war Anjou eine Woche lang in Aquila stehengeblieben, um an den Willkommensfeiern, die Parteigänger seiner Sache ausrichteten, teilzunehmen. Die Verzögerung erlaubte es Hawkwood, den Florenz nun freigegeben hatte, dem Gegner zu Hilfe zu eilen. Nun hatte es Anjou plötzlich eilig und sandte die traditionelle Herausforderung an Durazzo.
Um Weihnachten herum war Anjou in so tiefer Sorge, daß er sein Testament aufsetzen ließ, und Amadeus, der alle Hoffnung auf einen Sieg aufgegeben hatte, schlug Friedensverhandungen vor. Als Gegenleistung dafür, daß der Herzog von Anjou seinem Anspruch auf Neapel entsagte, sollte Karl III. seinen Anspruch auf die Provence aufgeben und Anjou freies Geleit zur Küste gewähren, damit er nach Frankreich zurückkehren konnte. Karl III. lehnte ab. Im Februar 1383 verbreitete sich eine Epidemie in der Armee Anjous in den Bergen über Neapel. Die Soldaten starben in großer Zahl, unter den Opfern war auch Amadeus von Savoyen, der Grüne Graf. Frustriert und hungrig zogen sich die angevinischen Truppen in den Absatz Italiens zurück. Alles, was von Anjous königlichen Schatz noch übrig war, wurde genutzt, um Lebensmittel zu kaufen. Sogar seine Krone, die er für die Krönung in Neapel mitgebracht hatte, mußte versetzt werden. Statt der delikaten Wildbraten und Pasteten, an die er gewöhnt war, aß er nun Kanincheneintopf und Gerstenbrot.
Seit er Paris verlassen hatte, hatte Anjou den königlichen Rat mit Briefen und Botschaften unablässig ermahnt, sein Versprechen zu erfüllen und einen zweiten Feldzug gegen Neapel unter dem Kommando von Coucy zu unternehmen.
Während dieser ganzen Zeit flehten die Herzogin von Anjou und der Kanzler ihres Gatten den königlichen Rat an, endlich die versprochene Hilfe zu leisten. Anjous Situation hatte sich noch weiter verschlechtert, weil ihn einer seiner eigenen Ritter der 80.000 bis 100.000 Franken beraubt hatte, die seine Frau für ihn gesammelt hatte (oder, nach einer anderen Version, die er von den VISCONTI geliehen hatte). Der Räuber war Pierre de Craon. Von Anjou entsandt, das Geld zu holen, kehrte Craon über Venedig zurück, wo er das meiste davon in Ausschweifungen, extravaganten Festen und Glücksspielen durchbrachte. Er behielt, was übrigblieb, und schloß sich dem Herzog nicht wieder an. Als Craon nach Frankreich zurückkehrte, entging er durch den Schutz des Herzogs von Burgund, mit dessen Frau er verwandt war, jeder Bestrafung.
In den Augen des Königs unsd seines Rates erlaubte es die Ehre Frankreichs nicht, Anjou in seinem Scheitern sich selbst zu überlassen noch Papst Urban VI. eine so große Befriedigung zu gönnen. Im Frühjahr 1384, nachdem die Waffenruhe mit England abgeschlossen war und nachdem der Herzog von Burgund nach dem Tod seines Schwiegervaters von Flandern Besitz ergriffen hatte, brach Coucy schließlich zu seiner Rettungsexpedition auf. Um die Kosten für die Expedition zu decken, trug die Krone 78.000 Franken bei, wovon 8.000 vom Papst Klemens VII. zurückgezahlt werden sollten. Weitere 4.000 Franken bekam Coucy als Entschädigung dafür, daß man ihm die versprochene Hilfszahlungen im vorhergehenden Jahr versagt hatte. Er versammelte eine Armee, die geschätzt 1.500 Lanzen besaß, was mit Fußsoldaten und Bogenschützen etwa 9.000 Mann ausmachte.
An diesem triumphalen Tag lag der Tod Ludwigs von Anjou schon neun Tage zurück. Anderthalb Jahre lang war er im Absatz von Italien vor sich hingerostet, ein König ohne Königreich, während seine Armee verkam und versickerte. Da er Bari und andere Küstenstädte an der Adria kontrollierte, konnte er von See her versorgt werden und mag nicht ganz so notleidend gewesen sein, wie es die geistlichen Chronisten darstellten. Aber er war, da er keine Geldmittel mehr hatte, praktisch immobilisiert. Im September 1384 zog Anjou sich eine schwere Erkältung zu, als er sich bei der Verfolgung von Plünderern aus seiner eigenen Armee überanstrengte. Er bekam Fieber und erkannte schnell, daß der Tod vor der Tür stand. Also setzte er wie sein Bruder Karl V. an seinem letzten Tag sein Testamant auf.
Mit unverminderter Eroberungslust rief der Herzog von Anjou Papst Klemens VII. in seinem Letzten Willen auf, zu garantieren, daß Anjous Sohn Ludwig II. Thronfolger des Königreichs Neapel würde, und an König Karl VI. appellierte er, "das Schwert seiner unvergleichlichen Macht" zu erheben, um Königin Johanna zu rächen. Er ernannte Coucy zu seinem Vizekönig und befahl ihm, den Feldzug fortzusetzen. Ludwig von Anjou starb am 20. September in einem Zimmer des Schlosses von Bari, das auf das Meer hinausblickte. Während sein Leichnam in einem Bleisarg nach Frankreich verschifft wurde und seine Armee auseinanderfiel, ließ Karl von Durazzo eine Messe für seinen toten Rivalen lesen und befahl seinem Hof, Trauer zu tragen.
 
 
 
 

 9.7.1360
   oo Maria von Chatillon, Tochter des Herzogs Karl von Bretagne-Penthievre und der Johanna von der Bretragne
       um 1345-12.11.1404

     Gräfin von Blois und Guise
 
 
 
 

Kinder:

  Ludwig II.
  5.10.1377-29.4.1417

  Karl Titular-Fürst von Tarent
  um 1378-17.5.1404

   Marie
   10.1370- vor 20.9.1383
 
 
 
 

Literatur:
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Calmette, Joseph: Die großen Herzöge von Burgund. Eugen Diederichs Verlag München 1996 Seite 43,47,50,70,76,180 - Ehlers Joachim: Geschichte Frankreichs im Mittelalter. W. Kohlhammer GmbH 1987 Seite 227,235,241,244,252,254,259-261,263,266,293 - Ehlers Joachim/Müller Heribert/Schneidmüller Bernd: Die französischen Könige des Mittelalters. Von Odo bis Karl VIII. 888-1498. Verlag C. H. Beck München 1996 267,277,282,295,305,309 - Favier, Jean: Frankreich im Zeitalter der Landesherrschaft 1000-1515. Deutsche Verlagsanstalt Stuttgart 1989 Seite 336,338,349,352,354,356,360,363 - Hoensch, Jörg K.: Die Luxemburger. Eine spätmittelalterliche Dynastie gesamteuropäischer Bedeutung 1308-1437. Verlag W. Kohlhammer 2000 Seite 203 - Saller Martin: Königin Isabeau. Die Wittelsbacherin auf dem Lilienthron. Nymphenburger Verlagshandlung GmbH, München 1979 Seite 46,66,93 - Schnith Karl: Frauen des Mittelalters in Lebensbildern. Verlag Styria Graz Wien Köln 1997 Seite 348-350 - Tuchmann Barbara: Der ferne Spiegel. Deutscher Taschenbuch Verlag München 1995 Seite 192,221,280,302,356,366 -
 
 
 
 
 
 
 
 


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