Philipp der Gute                                       Herzog von Burgund (1419-1467)
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13.6.1396-15.6.1467
Dijon         Brügge

Begraben: Chartreuse von Champmol
 

Einziger Sohn des Herzogs Johann Ohnefurcht von Burgund und der Margarete von Bayern-Holland, Tochter von Herzog Albrecht I.
 

Lexikon des Mittelalters: Band VI Spalte 2068
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Philipp III. der Gute (‚le Bon‘), Herzog von Burgund
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* 31. Juli 1396, + 25. Juli 1467

Sohn von Herzog Johann (Jean sans Peur) und Margarete von Bayern

Graf von Charolais, war er Statthalter in Flandern, als sein Vater dem Attentat von Montereau zum Opfer fiel (10. September 1419). Nach einigen Zögern schloß er sich dem Vertrag von Troyes an (1420) und erkannte Heinrich V. von England als König von Frankreich an; die Engländer hielten ihn jedoch von der Regierung fern. Philipp III. der Gute zeigte sich andererseits an der Partei der 'Bouguignons' desinteressiert. Er kämpfte gegen die Heere Karls VII. und verstand es, sich vom Herzog Johann von Bedford, seinem Schwager, die Grafschaften Auxerre, Macon, Ponthieu und Bar-sur-Seine abtreten zu lassen (1424); er gab die Belagerung von Orleans (1429) auf, dann diejenige von Compiegne (1430) und ließ es zu, daß königliche Truppen in das Herzogtum Burgund eindrangen, da er selbst durch die expansive Territorialpolitik in seinem nördlichen Herrschafstbereich in Anspruch genommen wurde. 1433-1434 konnte er durch einen kraftvollen Feldzug den Angriff Frankreichs auf die südlichen Grenzbereiche seiner Länder und das Gebiet von Langres zurückweisen. Nachdem Philipp III. der Gute die Grafschaft Namur erworben hatte, war er bestrebt, die Grafschaften Hennegau, Holland und Seeland zu gewinnen; dies gelang ihm nach mehreren Kriegsjahren und gegen die Intervention des englischen Herzogs Humphrey von Gloucester, indem er seine Base Jakobäa von Bayern zur Abtretung nötigte (Vertrag von Delft, 1428). Danach konnte er das Erbe seines Vetters Philipp von St-Pol, bestehend aus den Herzogtümern Brabant und Limburg (1430), antreten; er hatte hierbei die Ansprüche der von Kaiser SIGISMUND unterstützten Mitbewerber auszuschalten. Jedoch fiel der Herzog von Bar, Rene von Anjou, dessen Gegenspieler Antoine de Vaudemont von Philipp III. dem Guten unterstützt wurde, in die Hand des Burgunders, wodurch sich dieser die Freundschaft der Lothringer erwarb.
Philipp III. der Gute knüpfte, durch Vermittlung des Herzogs von Savoyen, Verhandlungen mit Karl VII. an; der 1435 in Arras tagende Friedenskongreß ermöglichte ihm die Lösung von der Souveränität des Königs von England. Karl VII. bestätigte die Schenkungen von 1424, vervollständigte sie durch die Abtretung von königlichen Enklaven innerhalb des herzoglichen Herrschaftsgebietes und verprach die Bestrafung der Mörder Herzog Johanns. Philipp III. der Gute befand sich nun im Krieg mit England; militärisch gescheitert und mit einem Aufstand in Brügge (1437) konfrontiert, sah er sich genötigt, mit den Engländern zu verhandeln und ihnen freien Handel mit Flandern zu garantieren. Er erreichte die Freilassung des in England gefangengehaltenen Herzogs Charles d'Orleans und setzte so der alten Feindschaft zwischen den Häusern ORLEANS und BURGUND ein Ende. Dessenungeachtet blieb das Verhältnis zu Karl VII. trotz weiterer Friedenskonferenzen gespannt (Plünderungszüge der Ecorcheurs).
Philipp III. der Gute hatt sich von Elisabeth, Herzogin von Luxemburg, seine Rechte an diesem Herzogtum bestätigen lassen (1435, 1441), doch bemächtigte sich der Herzog von Sachsen Luxemburgs, das Philipp III. der Gute 1443 zurückeroberte. Philipp III. der Gute suchte nach einer Lösung für die Reichslehen, die er ohne Investitur von seiten des Kaisers innehatte (Begenung mit Kaiser FRIEDRICH III. in Besancon, 1442); 1455 wurde der Plan der Schaffung eines (vom Kaiser verliehenen) Königreiches für Burgund vorgelegt, doch war Philipp III. der Gute darauf bedacht, als französischer Fürst aufzutreten, was er auf dem Konzil von Basel durch seine Forderung des Vorrangs vor den Kurfürsten dokumentierte (in Basel trat er im übrigen für Eugen IV. ein).
Von der Idee des Kreuzzugs durchdrungen, schickte Philipp III. der Gute bereits seit 1421 Kundschafter in den Orient. 1441 entsandte er ein in Flandern ausgerüstetes Flottengeschwader zum Entsatz von Rhodos, dann ins Schwarze Meer; er verfolgte zeitweilig den Plan, sich Genua als Stützpunkt seiner Kreuzzugsunternehmungen abtreten zu lassen. Sein Versuch, Konstantinopel zu retten, wurde durch den Konflikt mit Gent, dessen Aufstand er erst 1453 niederschlagen konnte, durchkreuzt. 1454 nahm er feierlich das Kreuz ("Banquet du Faisan") und begab sich zum Reichstag von Regensburg, um die deutschen Fürsten für den Türkenkrieg zu gewinnen. 1455-1456 durch die Einverleibung des Fürstbistums Utrecht gebunden, nahm er schließlich sein Vorhaben nochmals auf, indem er an Papst Pius II. 1462 eine Flotte und Armee entsandte.
Als Gatte von Michelle de France (+ 1421) [Richtigstellung: + 8. Juli 1422] und Bonne d'Artois (+ 1425) zweimal früh verwitwet, heiratete er im Janaur 1430 Isabella von Portugal, die 1433 den Sohn und Thronerben Karl (den Kühnen) gebar. Dieser stand in Philipps späteren Regierungsjahren mit dem Vater in Konflikt, in dessen Verlauf Philipp III. der Gute seinen Kanzler Nicolas Rolin entließ, wohingegen sich Herzogin Isabella vom Hof zurückzog und Erb-Prinz Karl nach Holland auswich (1457). Philipp III. der Gute stand unter dem Einfluß der von Antoine de Croy geführten Hofpartei. Die Beziehungen zu Karl VII. waren vergiftet, insbesondere durch die Aufnahme des flüchtigen Dauphins Ludwig (XI.) in Brüssel (1456). Doch verschaffte auch der Regierungsantritt Ludwigs XI. dem Herzog keine Erneuerung seines Einflusses auf die Regierung Frankreichs; vielmehr gelang es dem König, die einst an Johann Ohnefurcht verpfändeten Sommestädte zu rekuperieren. Die Wiederversöhnung Karls mit seinem Vater (1464) und der Sturz des Clans der CROY (1465) beendeten die bisherige politische Orientierung Burgunds. Philipp III. der Gute ließ sich in die gegen Ludwig XI. agierende Ligue du Bien public einbinden und betrieb in seinen letzten Lebensjahren den Krieg gegen Lüttich.
Der burgundische Hof Philipps III. des Guten war von unübertroffenem Glanz. Der Herzog versammelte bei seinen legendären Hoffesten und Turnieren die gesamte Aristokratie. Die Stiftung des Ordens vom Goldenen Vlies (1430) schuf ein neues Band zwischen dem Fürsten und seinem Adel. In diesem einzigartigen Hofmilieu blühten Künste (Musik, Buch- und Tafelmalerei) und Literatur; der Herzog baute eine herrliche Bibliothek auf und war selbst an der Abfassung der Cent Nouvelles nouvelles beteiligt. Mit dem Ausbau zentraler Regierungs- und Verwaltungsinstitutionen reagierte die Regierung Philipps auf die starke Erweiterung des burgundsichen Staates.


Philipp folgte seinem Vater im gesamten Erbe. Er war eine vielgerühmte schlanke, vornehme Erscheinung, hochgebildet, energisch, politisch versiert, liebte Pferde, Jagden, sportliche Betätigung und einen nie dagewesenen höfischen Prunk, vereinte zeittypisch in sich hemmungslose Lebenslust und große Frömmigkeit. Er war Kunstfreund und großer Mäzen. Nach der Ermordung seines Vaters schlug die Stimmung in Paris völlig zugunsten der burgundischen Partei um und Philipp ergriff offen für die Engländer Partei. Da der geisteskranke Karl VI. und die Königin Isabeau unter der Kontrolle Philipps standen, kam es am 20.5.1420 zum Vertrag von Troyes, der dem Dauphin ausdrücklich alle Rechte absprach. Nach rücksichtslosem Erbkrieg gegen die holländische Cousine gewann Philipp 1429 die Grafschaft Namur und brachte den Hennegau, Holland und Seeland an sich (1426-1436). 1430 erwarb er Brabant und Limburg und 1451 auch das Herzogtum Luxemburg. Am 23.5.1430 nahmen Truppen Philipps bei der Belagerung von Compiegne die Jungfrau von Orleans gefangen und Philipp verkaufte sie bedenkenlos gegen eine hohe Summe (10.000 Goldtaler) an die Engländer. Später gab er das Bündnis mit den Engländern auf und einigte sich im Frieden von Arras (21.9.1435) unter günstigen Bedingungen mit Karl VII. dem Siegreichen, der ihm Macon, Auxerre und Bar-sur-Seine sowie als Pfand die Sommestädte und die Pikardie/Vermandois überließ. Mit diesem Frontwechsel entschied Philipp den Hundertjährigen Krieg und unterwarf danach die niederländischen Bistümer Lüttich, Utrecht, Cambrai und Tournai, dazu die Stadt Gent und wurde deren Protektor. Damit verschob sich das Kräfteverhältnis in tiefgreifender Weise, denn Philipp war es inzwischen gelungen, aus der 1363 gebildeten Apanage Burgund ein mächtiges eigenes Staaatswesen zu bilden, das aus zwei Komplexen bestand, aus dem Herzogtum Burgund und der angrenzenden Freigrafschaft einerseits und aus dem wirtschaftlich hochentwickelten, größtenteils auf Reichsgebiet liegenden niederländischen Gebiete andererseits. Besondere Bedeutung verdiente hierbei, dass Herzog Philipp dem König keinen Lehnseid zu leisten brauchte, so daß praktisch für die Lebenszeit dieses Herzogs die Souveränität des burgundischen Staates anerkannt wurde. Durch die Ausdehnungspolitik Philipps wurde in deren Verlauf die Niederlande politisch geeinigt. Bei seinem Tode erstreckte sich sein Reich von der Loire und Saone im Süden bis zur Somme, Schelde und Maas im Norden. 1431 griff er in den Lothringen-Erbkrieg ein und setzte Herzog Renatus nach der Schlacht bei Bulgneville bis 1436 gefangen, unterstützte Geldern im Erbstreit mit Jülich, gab 1463 vertragsgemäß, seinem Rechts- und Ehrgefühl entsprechend, die Sommestädte zurück, wodurch sich die Gegensätze zum herrischen, unbedachten Sohn und Mitregenten verschärften. Zeitweise erwog er zusammen mit König Georg Podiebrad von Böhmen Kreuzzugspläne, verfocht auch deutsche Thronpläne und verhandelte mit Kaiser FRIEDRICH III. wegen der Wiederherstellung des alten KAROLINGER-Königreiches Lothringen, das er weitgehend beherrschte. Philipp vereinheitlichte nach und nach sein Reich und markierte dessen kulturellen, wirtschaftlichen und politischen Höhepunkt, wobei er sich vor allem auf seinen Kanzler Nicolas Rolin stützte. Er verfeinerte das höfische Zeremoniell und sein Hof war der Mittelpunkt einer Spätblüte der französischen Ritterkultur. Sein Ruhm als mächtigster und reichster europäischer Fürst strahlte weit über Europa hinaus. Er war der Gründer des Ordens vom Goldenen Vlies (1430) und ein großer Freund von Literatur und Kunst. Philipp hinterließ mindestens 26 uneheliche Kinder und starb im Altersschwachsinn.

Calmette, Joseph: Seite 155,166,171,182,186,189,194
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"Die großen Herzöge von Burgund."

Der Graf von Charolais, der durch die Tragödie von Montereau Herzog von Burgund wurde, war am 31. Juli 1396 in Dijon geboren worden. Zum Unterschied von seinem Vater war er ein Fürst von schöner und großer Gestalt, von vornehmen und vorteilhaftem Äußeren. Beschreiben wir ihn, nicht wie er mit dreiundzwanzig Jahren, zum Zeitpunkt, als er den Herzogsthron bestieg, war, sondern wie er in reiferem Alter von Georges Chastellain in einer seiner berühmtesten Schriften dargestellt wird, welche die von den Künstler geschaffenen Porträts des Fürsten nur noch bekräftigen.
Der dritte Herzog wird vons einem Hofhistoriographen "schlank wie eine Tanne, mit starkem Rücken und Armen und schönem Wuchs" geschildert. Er hat fülliges Haar, eine breite Stirn, sein Blick unter dichten Augenbrauen, "deren Härchen sich im Zorn aufstellen wie Schneckenhörner", ist kühn und durchdringend. Sein Benehmen ist würdevoll, seine Haltung stolz. Er hat ein wahrhaft vornehmes Auftreten. "Allein schon dem Aussehen nach war er ein Kaiser und verdiente wegen seiner natürlichen Gaben, eine Krone zu tragen."
Die Meinung über ihn ist einstimmig. Nicht nur die Untertanen und besoldeten Männer der Feder schmeicheln dieser Persönlichkeit. Ein Hidalgo aus Andalusien, der 1438 in Brüssel in Audienz empfangen wurde, bescheinigt uns, daß "der Herzog eine sehr edle Erscheinung ist, sehr energisch, äußerst anziehend und gut gebaut, groß, elegant, lebhaft, ritterlich."
Philipp ist der "Fürst mit dem unendlich großen und verletzlichen Stolz und heftigen Wutausbrüchen." Er liebt den Prunk, "Geschmeide, schöne Pferde und Waffen und versteht sich damit zu schmücken; seine feierlichen Einzüge in die Städte blenden die Massen. Er übertrifft in der Veranstaltung von Festen, Lanzenbrechen, Turnieren, Banketten alles bisher Dagewesene. Er setzt seine Gäste durch die Zurschaustellung seiner Edelsteine, Tapisserien, seines Tafelgeschirrs und seiner Truhen voll Gold in Erstaunen." Im Privatleben gestattet er sich unmäßige Freiheiten. Er ist "der Liebhaber ungezählter Frauen, mit 30 bekanntgewordenen Mätressen, 17 öffentlich gezeigten Bastarden, von den 'grands batards' Cornelius und Anton, der Ritter vom Goldenen Vlies war, bis zu David und Philipp, die nacheinenander den Bischofssitz von Utrecht innehatten."
Aber, wenn seine Wutausbrüche auch schauderhaft sind, so ist er von Grund auf gut. "Ein einziges bescheidenes Wort", sagt Chastellain, "beruhigte ihn wieder." Diese "Kraft zur Mäßigung", diese Selbstbeherrschung, die er im allgemeinen an den Tag legt, haben ihm von seiten seiner Zeitgenossen den Beinamen des "l'asseure" eingebracht. Die Nachwelt hat ihn "Philipp der Gute" genannt.
Mit einem "äußerst sinnlichen Temperament" verbindet er eine große Frömmigkeit. In seiner Devotion hat er Ähnlichkeit mit jenem Muster des Rittertums, das der berühmte Jacques de Lalaing an seiner Seite verkörperte, und er erweist sich würdig, durch seine eigenen Rittertugenden der Herr eines solchen edlen Paladins zu sein. Olivier de la Marche beschreibt ihn im Kampf gegen die Genter: "nicht etwa als Fürst oder als hochgestellte oder hochgeachtete Persönlichkeit, die er ist, sondern als einen ritterlichen Mann voller Kühnheit und Tapferkeit."
Heiter, unternehmungslustig, ein Freund sportlicher Betätigung, ist er auch ein emsiger Leser. Er hat eine große Verehrung für die Geschichte, zumal er Chasellain eigens dafür besoldet, daß er die Ereignisse seiner Regierungszeit für das Gedächtnis der Nachwelt aufzeichnet. Erlesen ist seine Bibliothek wie seine Sammlung von Tapisserien. Außerdem nennt ihn die burgundische Kunstgeschichte als würdigen Nachfolger der beiden Herzöge, die ihm vorangegangen sind, vor allem des ersten, des großen Mäzens, dessen Namen er trägt.
Dennoch bleibt trotz der Deutlichkeit aller dieser Wesenszüge eine Frage offen, eine seltsame Frage, die an das Rätsel erinnert, das sein entfernter Ahne gleichen Vornamens, der KAPETINGER Philipp der Schöne, dem Scharfsinn Klios aufgibt.
War Philipp der Gute wirklich ein Staatsmann? Ist seine Politik seine persönliche Leistung gewesen? Oder  war sie nicht vielmehr die seiner Minister, insbesondere die seines berühmten Kanzlers Nicolas Rolin?

Seite 166
Das Elsaß hatte seit 1420 die Aufmerksamkeit Philipps auf sich gezogen. Seine Tante Katharina, die Tochter Philipps des Kühnen, die er mit Leopold von Österreich verheiratet hatte, war verwitwet. Sie beabsichtigte, sich mit einem elsässischen Seigneur, Maximin de Ribeaupierre, zu vermählen. Der Herzog widersetzte sich. Er brachte nicht nur Katharina dazu, auf diese Heirat zu verzichten, sondern er bewog sie auch zu einem Versprechen, dass ihr ganzes Erbgut, so wie es sich zum Zeitpunkt ihres Todes befände, auf den Chef des Hauses BURGUND übergehen sollte. 1421 sicherte eine nicht minder glückliche Transaktion dem Herzog die Übertragung am Eigentum des Grafschaft Namur, die ihm beim Tod Johanns III. von Namur 1429 zufällt.

Seite 171
Auf Grund des Vertrages von Delft vom 3. Juli 1428 behielt Jakobäa die Grafenwürde, aber sie erkannte Philipp dem Guten unter dem Deckmantel des Titels "ruwaert" (Regent) den effektiven Besitz ihrer Länder (Holland, Seeland, Friesland und Henengau) zu. Sie übergab ihm alle ihre Festungen.

Seite 171
Zwei Jahre nach der Unterzeichnung des Vertrags von Delft hatte Philipp das brabantische Erbe angetreten. Philipp von Saint-Pol starb am 4. August 1430 und hinterließ keine Erben, und so kam sein Vetter Philipp der Gute als Neffe des verstorbenen Herzogs Anton rechtmäßig zu der Erbschaft seines Vetters ersten Gardes.

Seite 182
Auf Grund des Vertrags von Arras verurteilt Karl VII. entschieden das Verbrechen von 1419 und erbietet sich zur Sühneleistung für die Ermordung Johanns ohne Furcht. Er tritt an den Sohn des Opfers Auxerre, das Auxerrrois, Bar-sur-Seine, Luxeuil, die Somme-Städte, das Ponthieu und Boulogne-sur-Mer ab. Allerdings ist in einer Klausel ein Rückkauf der Somme-Städte gegen 400.000 Goldtaler vorgesehen, denn sie bilden eine strategische Linie von Höchster Bedeutung, da sie Paris decken oder entblößen. Schließlich sind nach den Bestimmungen des Paragraphen 28 die burgundischen Länder der Lehnspflicht gegenüber Frankreich auf Lebenszeit der beiden Vertragsschließenden enthoben.

Seite 186
Der Herzog zögerte nicht, die Hand auf Luxemburg zu legen, auf das er schon lange gelauert hatte. Das Fürstentum Luxemburg mit seinen Nebenlehen und die Vogtei über das Elsaß hatte Elisabeth von Görlitz als Pfand erhalten. Wie wir bereits sahen, war Elisabeth von Görlitz nacheinander die Witwe Antons von Brabant und Johanns von Bayern geworden, und da sie keine Kinder hatte, war sie eine Erbtante Philipps des Guten. In der Urkunde vom 10. Januar 1442 in Hesdin ließ sich Philipp als Universalerbe einsetzen. Jedoch bestanden trotz Verpfändung der Gebiete, auf die Elisabeth ja kein Eigentumsrecht hatte, die seigneuralen Rechte der wirklichen Inhaberin fort, und diese war - nach SIGISMUND, seiner Tochter Elisabeth und seinem Schwiegersohn ALBRECHT - dessen Tochter Anna, welche mit Wilhelm von Sachsen verheiratet war.

Seite 189
Die burgundische Expansion tendiert nach einem Wiedererstehen Lotharingiens. Ein Königreich Friesland oder Brabant könnte es nicht ersetzen. Die gesamten Besitzungen innerhalb der deutschen Lehnshoheit müßten zum Königreich erhoben werden. Außerdem wünschte Philipp, daß zu diesem Königreich alle weltlichen Fürstentümer am Niederrhein, von Lothringen bis Geldern und deer Grafschaft Marck gehören sollten. Kurz: eine Zerstückelung des Reiches zugunsten des zum König gewordenen großen Herzogs. "Von den Vogesen bis zur Wesermündung, von der Schelde bis weit über den Rhein hinaus, bis mitten nach Westfalen ersttreckten sich außerhalb Frankreichs die Ambitionen Philipps".

Seite 194
Philipp der Gute hatte schon die Bistümer Cambrai und Therouanne mit Beschlag gelegt. Er hatte sie zweien seiner Bastarde, Johann (1440) und David (1451), geben lassen. Da der Bischofssitz von Utrecht durch den Tod des Amtsinhabers Rudolf von Diepholt vakant geworden war, versetzte der Papst gebieterisch den Bischof von Therouane, David, dorthin.

Seite 201
Während seiner späten Jahre hat es im übrigen Philipp der Gute selber dem König erleichtert, sich freizumachen. Der Herzog hatte sein Leben zu sehr genossen. Er verfiel und endete fast im Schwachsinn.

Seite 202
Zum wiederholten Malen wurde das Gerücht über den Tod des alten Herzogs ausgestreut und ebenso oft dementiert. Er hatte seinen Erben mit dem 27. April 1465 zum "lieutenant general" ernannt. Am 15. Juni 1467 starb er in Brügge. 1473 ließ Karl der Kühne seinem Leichnam und den seiner Mutter, der Herzogin Isabella von Portugal, die am 17. Dezember 1471 gestorben war, nach der Chartreuse von Champmol verbringen.



Verwandtschaft mit Michaela von Frankreich
 

                                                            Johann II. der Gute König von Frankreich
                                                            26.4.1319-8.4.1364

                                                 oo Bona von Luxemburg
                                                     20.5.1315-11.9.1348
 

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            Karl V. König von Frankreich                                Philipp II. der Kühne Herzog von Burgund
             21.1.1337-16.9.1380                                                15.1.1342-27.4.1404

            oo Johanna von Bourbon                                        oo Margarete von Flandern
                3.2.1338-6.2.1377                                                    13.4.1350-21.3.1405
 

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       Karl VI. der Wahnsinnige                                                       Johann Ohnefurcht
       3.12.1368-21.10.1422                                                               28.5.1371-10.9.1419

      oo Isabeau von Bayern                                                           oo Margarete von Bayern
           1371-24.9.1435                                                                        1363-24.1.1424
 

            ---                                                                                                 ---
        Michaela von Frankreich  --------------- oo ---------------------- Philipp III. der Gute
        11.1.1395-8.7.1422                                                               13.6.1396-15.6.1467



Verwandtschaft mit Bona von Artois
 

                                                Philipp II. der Kühne Herzog von Burgund
                                                 15.1.1342-27.4.1404

                                               oo Margarete von Flandern
                                                    13.4.1350-21.3.1405
 

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                Philipp Graf von Nevers                                                Johann Ohnefurcht Herzog von Burgund
                1389-25.10.1415                                                             28.5.1371-10.9.1419

               2. oo 1. Bona von Artois                                                oo Margarete von Bayern
                           1396-17.9.1425                                                      1363-24.1.1424
 

                                                                                                                ---
                                                                                                     Philipp III. der Gute Herzog von Burgund
                               2.  --------------------- oo --------------- 2. -------  13.6.1396-15.6.1467



    1409
  1. oo Michaela von Frankreich, Tochter des Königs Karl VI.
     x  11.1.1395-8.7.1422              seine Cousine

 30.11.1424
  2. oo 2. Bona von Artois, Tochter des Grafen Philipp d'Eu
             1396-17.9.1425

        1. oo Philipp Graf von Nevers
                1389-25.10.1415

  10.1.1429
  3. oo Isabella von Portugal, Tochter des Königs Johann I.
          21.2.1397-17.12.1471
 

Geliebte:
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  Marie de Rumbregge

 Jeanne de Presles

Johanna (oder Nicoletta) Chastellain
 
 
 
 

Kinder:
3. Ehe

  Anton
  30.9.1430-5.2.1432
  (30.12.1430 Calmette)

  Josef
  14.4.1432- bald

  Karl der Kühne
  10.11.1433-5.1.1477

Illegitim  26 Kinder

  Anton Bastard von Burgund - Mutter  Jeanne de Presles
  1421-   1504

  David Bischof von Therouenne (1451-1496) - Mutter Johanna (oder Nicoletta) Chastellain
  1427-16.4.1496

  Philipp Großadmiral von Flandern
       -   1524

  Marie - Mutter Johanna (oder Nicoletta) Chastellain
  1426-   1462

 1447
  oo Peter von Bauffremont Graf von Charny
             - um 1472

  Cornelius zu Beveren und Vlissingen
         -   1452
          bei Ruppelmonde

  Raphael Bischof von Rosen (1487-1508)
  1463-   1508

  Anna
         -18.1.1508

    1457
  1. oo Adrian Graf von Borsselen
                 -   1468

  21.6.1470
  2. oo 2. Adolf von Kleve Graf von Ravenstein
              28.6.1425-18.9.1492

  Johann Probst zu Aire, Utrecht und Brügge
  1438-   1499

  Jolanthe
        -   1470

  oo Johann d'Ailly, Vidame d'Amiens
              -   1492

  Cornelia
        -

  oo Andreas von Toulongeon, Seigneur de Mornay
             -   1432

  Katharina
        -

 1460
  oo  Humbert von Luyrieux, Seigneur de la Queille
                -

  Madaleine
         -

  oo Bompar de l'Aage, Seigneur von Cournon
                -

  Katharina Äbtissin von Galiläa in Gent
         -

  Maria Nonne
        -

  Balduin "de Lille" Vicomte d'Orbec
  1445-   1508

 1488
  oo Maria Manuel de la Cerda
              -
 
 
 
 

Literatur:
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Erwerbungen:

Auxerre Grafschaft - 1424 vom Herzog von Bedford abtreten lassen; Vertrag von Arras 1435 bestätigt
Macon Grafschaft - 1424 vom Herzog von Bedford abtreten lassen
Ponthieu Grafschaft - 1424 vom Herzog von Bedford abtreten lassen; Vertrag von Arras 1435 bestätigt
Bar-sur-Seine Grafschaft - 1424 vom Herzog von Bedford abtreten lassen; Vertrag von Arras 1435 bestätigt
Auxerrrois - 1435 Vertrag von Arras
Luxeuil - 1435 Vertrag von Arras
Somme-Städte - 1435 Vertrag von Arras (Rückkaufsrecht für 400.000 Golddukaten)
Boulogne-sur-Mer Grafschaft - 1435 Vertrag von Arras
Namur Grafschaft - 1429 Kauf von Johann III. von Namur
Hennegau Grafschaft - Abtretung durch Jakobäa von Bayern (Philipps Base) [Vertrag von Delft 1428]
Holland Grafschaft - Abtretung durch Jakobäa von Bayern (Philipps Base) [Vertrag von Delft 1428]
Seeland Grafschaft - Abtretung durch Jakobäa von Bayern (Philipps Base) [Vertrag von Delft 1428]
Brabant Herzogtum - 1430 Erbe seines Vetters Philipp von St-Pol
Limburg Herzogtum - 1430 Erbe seines Vetters Philipp von St-Pol
Luxemburgs Herzogtum - 1451 durch Kauf von Elisabeth von Görlitz, Witwe Antons von Brabant, Erbtante Philipps des Guten
Utrecht Fürstbistum - Papst versetzt den Bischof von Therouane, David, nach Lüttich
Cambrai Bistum - 1440 Johann von Burgund, Bastard Philipps, wird Bischof
Therouanne Bistum - 1451 David von Burgund, Bastard Philipps, wird Bischof
 
 
 
 
 
 
 
 
 


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