Gascogne
 

Lexikon des Mittelalters: Band IV Spalte 1126
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Gascogne
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Ehemaliges Herzogtum in SW-Frankreich

I. ENTSTEHUNG DES HERZOGTUMSS GASCOGNE (6.-10.Jh.)

Im letzten Viertel des 6. Jh. überschritten die Wascones, ein mit den Basken verwandtes Volk, dessen Kerngebiet am Oberlauf des Ebro lag, die Pyrenäen und breiteten sich in der Novempopulania, dem südlichen Teil Aquitaniens bis zur Garronne aus, in einem Gebiet mit ausgeprägten keltisch-iberisch-romanischen Traditionen, in dem sich germanische Siedlungs- und Herrschaftsschwerpunkte nur schwach ausgebildet hatten. Erstmals 602, bei Ps-Fredegar, als 'Wasconia' erwähnt, wurde durch die waskonische Invasion der alte ibero-romanische Grundcharakter des Landes reaktiviert, wobei die gascognische Sprache, ein eigenständiger Zweig des Occitanischen, zugleich die Ursprünglichkeit belegt und die Grenzen des wasconischen Siedelraumes markiert. Die Unterbrechung der Bischofslisten weist auf eine Phase der Desorganisation hin, wobei die MEROWINGER nicht in der Lage waren, die Wasconen auf Dauer zu unterwerfen. Herrschaftlich-politisch tritt die Gascogne seit 672 unter ihrem dux Lupus hervor, im Rahmen des sich zunehmend verselbständigenden Aquitanien, um im 8. Jh. zwischen die Fronten des islamischen Spanien und der erstarkenden Macht der PIPPINIDEN/KAROLINGER zu geraten. Durch den Sieg des Hausmeiers Karl Martell bei Poitiers (732) wurde der "sarazenischen" Bedrohung ein Ende gesetzt; dies ermöglichte den Franken, die aquitanische Autonomie zu brechen. Bei König Pippins Tod (768) war die Garonne die Grenzlinie zwischen fränkischem Machtbereich und Wasconen, an deren Spitze wieder ein Herzog namens Lupus stand. Die Einfügung der Gascogne in die Herrschafststruktur des KAROLINGER-Reiches war nur unter großen Schwierigkeiten durchführbar. Zwar ist die Niederlage eines Heeres KARLS DES GROSSEN bei Roncevaux 778 in Gegenwart von Wasconen als Vorspiel eines Assimilationsprozesses gesehen werden, der sich auch in der Schaffung karolingischer Grafschaften (Fezensac) äußerte. Nach vorherrschender Auffassung wurde die Gascogne jedoch nach der Katastrophe von Roncevaux, der 781 die Schaffung des karolingischen Regnum Aquitanien folgte, für das Frankenreich zu einer Art Niermandsland, das nur mit Mühe vom Grafen von Toulouse überwacht werden konnte, bis LUDWIG DER FROMME 816 einen Grafen von Bordeaux und Herzog der Wasconen zur verstärkten Kontrolle dieser gascognischen Grenzzone einsetzte.
Die Aufstände von 789, 813,816 und 824 werfen ein Schlaglicht auf den Entstehungsprozeß des unabhängigen dynastischen Fürstentums der Gascogne. Dieses nahm - inmitten anarchischer Zustände - seit 836 Gestalt in der Grafschaft Fezensac um Sancho Sanchez 'Mitarra'; die Wasconen sahen sich in den erbitterten Kampf zwischen KARL DEM KAHLEN und Pippin II. um die Beherrschung Aquitaniens verwickelt. Diese Wirren erleichterten den Normannen ihre Plünderungen (von 840 bis zum Ende des 9. Jh.; vor 879 wurde der Metroplitansitz der Novempopulania von Eauze nach Auch verlegt. Um 900 tritt Garcia Sancius (Garsia Sanz) als Herr des größten Teils der Gascogne auf; nur der östliche Teil stand unter Einfluß von Toulouse, und die Grafschaft Bigorre im Pyrenäenvorland entwickelte ihre Selbständigkeit. Nach dem Tod des Garsia Sancius (920) wurden seine Besitzungen zwischen den Söhnen geteilt; unter ihnen hatte Sancius Garsia als Graf der sogenannten Groß-Gascogne, die von der mittleren Garonne bis zu den Pyrenäen reichte, den Vorrang, während seine Brüder die Grafschaften Astarac bzw. Fezensac, aus der  in der nächsten Generation die Grafschaft Armagnac hervorging, erhielten. Dieses System, brüderlicher Herrschaft erlebte seinen Höhepunkt unter dem Sohn des Sancius Garsia, Wilhelm Sancho (977-999), der zahlreiche Abteien gründete und durch Einheirat in die Grafschaft Bordeaux zum Herzog der Gascogne wurde. Auch als Normannensieger (Schlacht bei Taller) wird er gerühmt. Nachdem Wilhelm Sanchos zweiter Sohn 1032 ohne Erben verstorben war, endete die Geschichte des gascognischen Fürstentums, dessen schlechte Quellenlage zu divergierenden Interpretationen Anlaß gegeben hat.

II. WACHSTUM UND ZERSPLITTERUNG (11.-13.JH)

Mit demographisch-sozialen Wachstumsprozessen und dem Aufstieg der milites in der Zeit nach 1000 löste sich die öffentliche Gewalt auch im Raum der Gascogne in eine Vielzahl lokaler Gewalten auf, insbesondere von Vizegrafen und Kastellanen. Die namhaftesten unter diesen adligen Herrschaftsträgern waren: die Vizegrafen von Lavedan (in Bigorre); die Grafen von Comminges und die Herren von Isle-Jourdain (im Tolosaner Bereich); die Herren von Albret und die Vizegrafen von Lomagne sowie die Vizegrafen von Bearn (in der Groß-Gascogne). Die Binnenkolonisation des 11. Jh., die durch charakteristische Toponyme (Namensbestandteil artigue) belegt ist, entwickelte neue Formen des Grunbesitzes und ließ - im Zuge adligen und kirchlich-monastischen Landesausbaus - neue Siedlungstypen entstehen: burgi bei Dynastenburgen, geistlich sauvetes entlang der großen Pilgerroute nach Santiago de Compostela. Die neuen Orden bildeten zahlreiche Filiationen aus. Maßgeblich von der Abtei St-Sever ausgehend, blühte die romische Kunst auf. Ihren Höhepunkt erlebte diese Ausbauphase im 13. Jh., mit dem blühenden Eyport der "Gascognerweine" nach England. Neben dem Ausbau der bestehenden städtischen Zentren entstand eine Vielzahl von castelnaux (befestigte Burgorte) und ein Netz von bastides. Die Gewährung städtischer Freiheiten wird durch eine Vielzahl von Statuten, oft in gascognischer Sprache abgefaßt, dokumentiert.
Das politische Schicksal der Gascogne wird durch drei Daten markiert: 1058,1154,1229. Die seit 1032 bestehende Nachfolgekrise endete 1058 mit der Machtübernahme des Herzogs von Aquitanien (Poitou), Wilhelm VIII. (Gui Geoffroi), der seinen Konkurrenten, den Grafen von Armagnac, aus dem Felde schlug. Die Herzöge von Aquitanien konnten sich im O der Gascogne jedoch nicht gegen den Einfluß der Grafen von Toulouse, im S (Bearn) nicht gegen denjenigen Aragons behaupten. Nach dem Vorbild der Grafen von Armagnac-Feszensac verfolgten auch andere große gascognische Adelsfamilien ein eigenständige Politik.
Nachdem das Herzogtum Gascogne aufgrund der ersten Ehe der poitevinischen Erbtochter Eleonore mit König Ludwig VII. 1137-1152 in einer Art Personalunion mit dem König von Frankreich vereinigt gewesen war, wurde es 1154 durch Eleonores 2. Heirat mit Heinrich Plantagenet, dem künftigen König von England, zum Bestandteil des entstehenden Angevinischen Reiches. Nachdem dessen Besitzungen zu einem Großteil an Philipp II. August verlorengegangen waren (bis 1224), bildete die Gascogne das Kernstück des englischen Kontinentalbesitzes, der daher in den Quellen gern als 'Vasconia' bezeichnet wird. Bis zum Ende der englischen Oberhoheit nahmen Gascogner und gascognische Sprache einen bevorzugten Platz in der Verwaltung des Landes ein, so daß die Bezeichnung als 'englische Gascogne' fehlgeht. Aufgrund der langen Abwesenheit des Königs von Frankreich konnte sogar die Frage nach der Allodialität der Gascogne aufgeworfen werden. Doch richtete Frankreich im 13. Jh. vor den Toren der Gascogne unübersehbar die Vorposten seiner Macht auf: Durch ihren Sieg im Kreuzzug gegen die Albigenser erzwangen die KAPETINGER, daß sie zu Erben der Garfen von Toulouse wurden (1229). Von nun an schalteten sich die französischen Kronbeamten beständig in die Angelegenheiten der kleineren Seigneurien ein; durch unablässige Appellationen an das Pariser Parlament - der König-Herzog unterstand in seinen Kontinentalbesitzungen formal der französischen Lehnshoheit (Vertrag von Paris, 1258-1259) - versuchte die französsiche Krone, die englische Position im SW zu untergraben. Die energischen Anstrengungen Eduards I. (1254-1307), den englischen Festlandsbesitz im alten Umfang zurückzugewinnen, schlugen fehl. Ein erster englisch-französischer Krieg endete mit der Konfiskation des Herzogtums durch König Philipp IV. (1294-1303); eine zweite  Konfiskation (1324-1326) war bereits ein Vorspiel des Hundertjährigen Krieges. Die meisten der gascognischen Seigneurien büßten ihre Selbständihgkeit fast völlig ein oder fielen gar an die französische Krone (Bigorre, 1324). Einige von ihnen erlebten aber im Zeichen erfolgreicher Gebietserwerbungen und einer geschickten Schaukelpolitik zwischen der englischen und französischen Monarchie einen neuen Aufstieg. Dies gilt für die Herren von Albret und insbesondere für die beiden Kontrahenten Armagnac und Foix-Bearn.

III. SPÄTMITTELALTERLICHE KRISENZEIT. LETZTE VERSUCHE SELBSTÄNDIGER STAATENBILDUNG (14.-15.JH)

In den Jahren um 1320 begann eine säkulare Depression, markiert durch sprunghaft ansteigende Sterblichkeit und verschärft durch die Verwüstungen des Krieges. Die Gascogne wurde im doppelten Sinne Schauplatz eines hundertjährigen Krieges: Neben den englisch-französischen Konflikt, der das Land in zwei feindliche Zonen spaltete, trat seit 1290 der Kampf zwischen den Häusern ARMAGNAC und FOIX-BEARN um die regionale Vorherrschaft. Der von Eduard, dem "Schwarzen Prinzen", gebildete aquitanische Staat zerfiel 1368 nach den Appellationen gascognischer Herren an den König von Frankreich.Zwischen 1370 und 1391 schuf Gaston Febus von Foix-Bearn im Pyrenäenraum einen mächtigen Territorialverband. Schließlich versuchten die letzten Grafen von Armagnac im 15. Jh., die im Südwesten erzwungene Suprematie des französischen Königtums nochmals in Frage zu stellen. Doch machte die französische Offensive gegen das Herzogtum Gascogne, das den König-Herzog bis zuletzt die Treue hielt, seit 1429 unaufhaltsame Fortschritte. Die englische Position brach 15453 zusammen; 20 Jahre später wurde die Grafschaft Armagnac zerschlagen. Nur das Haus FOIX-BEARN, 1484 mit dem Haus ALBRET vereingt, blieb als eigenständige politisch-dynastische Gewalt erhalten.



 
 
 
 
 
 
 


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