WALES


Lexikon des Mittelalters:
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Wales
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A. Geschichte bis 1284
I. Von der spätrömischen Zeit bis zum 11. Jahrhundert:
W
ales ist ein Teil des ehemals römischen Britanniens (Britannia), der im Früh-Mittelaler nicht unter die Herrschaft der Angelsachsen fiel und bis ins 11. Jh. weitgehend selbständig blieb. Durch die Römer hatten die Briten sowohl lateinische Schriftkultur als auch das Christentum erhalten. Ihre Sprache wurde vom Latein stark geprägt, überstand aber gleichwohl die römischen Jahrhunderte (Walisische Sprache und Literatur). Das britische Erbe erhielt sich besonders im literarischen Bereich, vgl. Gildas, »De excidio et conquestu Britanniae« (6. Jh.), die »Historia Brittonum« aus dem frühen 9. Jh., »Armes Prydein« aus dem frühen 10. Jh., sowie schließlch die »Historia Regum Britanniae« des Geoffrey of Monmouth aus der 1. Hälfte des 12. Jh. Die geophysische Gestalt des Landes führte zu einer Besiedlung, die an den Küsten intensiver war als im Landesinneren, in nachrömischer Zeit ohne Städte, aber auch nicht nur in Form von Einzelhöfen. Es gab kein natürliches geopolitisches Zentrum.
Trotz der anhaltenden politischen Zersplitterung wurde das Land im gesamten Früh-Mittelalter als Einheit empfunden. Das wird deutlich an dem Begriff Cambria für das Land (neuwalisisch Cymru), Cambrenses (neuwalisisch Cymry, gemeinsame Bewohner) für die Menschen. Das ist der Ursprung der Bezeichnung der walisischen Sprache als 'kymrisch'. Des weiteren gibt es die ältere Bezeichnung Britones; die Bezeichnung Wallia/W
ales ist eine Fremdbezeichnung der englischen Nachbarn und wurde als solche bei Giraldus Cambrensis in dieser Art genannt. Es ist umso bedeutsamer, daß die walisischen Fürsten im 13. Jh. den Namen 'Wallia' in ihren Titel aufnahmen ('princeps Norwallie', 'princeps Wallie').
Das römische Erbe in W
ales findet sich vor allem in zahlreichen (meist christlichen) lateinischen Inschriften aus der Zeit des 5.-7. Jh., die eine Fortdauer römischer Kultur, aber auch den Fortbestand einheimischer Namen bezeugen, zum Beispiel aus Penmachno (Gwynedd, nordwestliches Wales): CANTIORI[x] HIC IACIT [V]ENEDOTIS CIVE(s) FVIT / [C]ONSOBRINO(s) MA[G]LI MAGISTRAT-. (5./6. Jh.). Die politische Ordnung wird in einer Inschrift des frühen 7. Jh. angesprochen: CATAMANUS / REX SAPIENTISI/MUS OPINATISIMUS OMNIUM REG/UM. Der hier genannte Cadfan war König von Gwynedd. In dieser Inschrift wird angesprochen, daß es in Wales eine Mehrzahl von Königen gab, und das galt bis ins 13. Jh. Der älteste bekannte Autor, Gildas, beklagt im 6. Jh. die unzureichende Befolgung christlichen Grundsätze, ist aber damit zugleich Zeuge des christlich-römischen Erbes der Briten. Er bezeugt zugleich das Vordringen der Iren (Irland) aus dem Westen und Sachsen aus dem Osten in Britannien. Vermutlich zum Schutz gegen die vordringenden Iren wurden in Wales größere Bergbefestigungen errichtet (zum Beispiel Dinas Powys bei Cardiff, Dinas Emrys in Snowdon). Das Mönchtum wird seit dem 6. Jh. faßbar, vor allem im Südosten (Llancarfan) und Südwesten (Menevia, St. David's). Es war bekannt für Bildung sowie Askese. Von dort wurde es vermutlich auch im benachbarten Irland einflußreich. Namentlich bekannt sind ca. 35 Klöster, die vermutlich in Föderationen miteinander verbunden waren. Das Christentum sorgte für eine, wenn auch eingeschränkte, Kontinuität von überwiegend lateinische Schriftkultur in einer Gesellschaft, die noch weitgehend der mündlichen Kultur verpflichtet war. Ob die walisische Sprache bereits bald nach 600 verschriftet wurde, ist umstritten. Die älteste walisische Inschrift, die mehr als Namengut erhält, die Inschrift von Towyn, stammt aus der Zeit um 800. Älteste walisische Glossen (Juvencus) entstammen der Mitte des 9. Jh. Es gab auch Bischöfe, aber offenbar ohne territorial abgegrenzte Diözesen. Verheirateter Klerus ist bis ins 12. Jh. bezeugt, inschriftlich, bei Gildas, und dann besonders mit Bischof Sulien von St. David's und seinen gelehrten Söhnen Rhigyfarch, Daniel und Ieuan.
In den 149 Urkunden im Book of Llandaff (12. Jh.) aus der Zeit des 7. bis 9. Jh. sind Dokumente von einmaligem Wert erhalten, die zum Teil in walisischer, zum Teil in lateinischer Sprache abgefaßt sind. Die dort zur Sprache kommende Kultur und Wirtschaft (mit Gütern bis zu 5.000 ha) dürfen wohl nicht für W
ales als Ganzes postuliert werden, sondern spiegeln den größeren Einfluß dort aus dem Osten wider. Zudem ist politisch geprägte Dichtung aus dem Früh-Mittelalter, wenn auch erst aus Handschriften des 13. Jh., erhalten (Canu Aneirin, Canu Taliesin, Gododdin, Stanzas of the Graves).
Die älteste Chronik (Annales Cambriae [A]), obwohl sehr lückenhaft, bringt ebenfalls Material für diese recht dunklen Jahrhunderte. Bedeutende Quellen sind ferner die Genealogien aus dem 10. Jh. Es hat den Anschein, als habe es keine kontinuierliche politische Konsolidierung und Einigung des Landes gegeben. Der walisische Begriff brenin, 'König', ist verwandt mit walisisch breint, 'Privileg'. Im 6. Jh. sind vier Königreiche bekannt: Gwynedd,
Powys,
Dyfed und
Gwent.
Mit Ausnahme Gwents überlebten diese bis ins ausgehende 12. Jh. In der Mitte des 10. Jh. kam es unter König Hywel Dda ('der Gute', 950) vorübergehend zur Vereinigung von Dyfed und Gwynedd. Ob die ihm zugeschriebene Aufzeichnung des Walisischen Rechts eine historische Realität ist, bleibt in der Forschung umstritten.

II. Im 11. und 12. Jahrhundert:
Das Fehlen einer Zentralmacht war der beste Schutz gegen eine schnelle politische Übernahme durch den König von England nach der normannischen Eroberung von 1066. Einige frühe militärische Vorstöße hatten keine bleibende Wirkung. Es bedurfte der Niederschlagung einer Vielzahl kleiner selbständiger Könige, die zudem oft miteinander koalierten. Durch die frühe Begegnung mit den englischen Nachbarn wurden seit Beginn des 12. Jh. auch von walisischen Herrschern Burgen errichtet. Erfolgreich waren auf längere Sicht englische Adlige, die mit Billigung der Krone vom Markland aus auf eigene Initiative nach Westen vorstießen und im Süden und Osten von W
ales in Gebieten, die aus geophysischen Gründen leichter zugänglich waren, ihre Herrschaften ausdehnten. Verfassungsrechtlich waren sie Nachfolger der walisischen Könige und konnten als sogenannte Marcher Lords recht unabhängige Positionen errichten (Walisische Mark). Der Norden und Westen des Landes, vor allem Gwynedd, mit dem Snowdon-Massiv sehr unzugängl., blieben weitgehend verschont und nahmen ihre eigene Entwicklung. Für das 12. Jh. ist man für die politische Entwicklung weitgehend auf walisische chronikalische Quellen (vor allem die Chronik der Fürsten von Wales, Brut y Tywysogyon) und auf Nachrichten aus England angewiesen, sowie dann auf das reiche Werk des Giraldus Cambrensis. Seit der 2. Hälfte des 12. Jh. sind mehrere Eheverbindungen walisischer Fürsten mit Mitgliedern des englischen Königs-Hauses oder hoher Adliger bezeugt.

III. Kirchliche Entwicklung:
In der 1. Hälfte des 12. Jh. kam es unter der Leitung von Canterbury zur Errichtung von vier territorialen Diözesen (Llandaff im Südosten, St. David's im Südwesten, St. Asaph im Nordosten, Bangor im Nordwesten), die fast ausschließlich mit Bischöfen nichtwalisischer Abstammung besetzt wurden. Dennoch gab es in der Mitte des 12. Jh. erste Versuche, die walisische Kirche aus dem Metropolitanverband von Canterbury zu lösen und eigenständig zu machen mit einem Erzbischof in St. David's (Menevia). Diese Versuche mißlangen, wurden am Ende des Jahrhunderts von Giraldus Cambrensis noch einmal aufgenommen, wenn sie auch nach einem mit großem Einsatz geführten Kampf 1203 endgültig scheiterten. Danach wurde der walisische Episkopat im 13. Jh. in vielfacher Weise zu einem verlängerten Arm der englischen Krone.
Bis zum Ende des 12. Jh. kam es in Wales zur Errichtung zahlreicher Klöster, hauptsächlich der Benediktiner (18) und Zisterzienser (16).

IV. Im 13. Jahrhundert:
Die Quellenbasis wird im 13. Jh. erheblich breiter. Neben erzählenden Quellen sowie politischer Dichtung in walisischer Sprache treten nun auch vielfältige Zeugnisse politischer Verhandlungen zwischen walisischen Fürsten und der englischen Krone, die sich fast ausschließlich in englischen Archiven abschriftlich erhalten haben (besonders »Littere Wallie«). Im 13. Jh. erfolgt eine nachhaltige politische Neuordnung der sozialen Ordnung der Teile von W
ales, die weiterhin unter einheimischer Herrschaft standen. Tonangebend waren dabei die Fürsten von Gwynedd, Llywelyn ab Iorwerth (ca. 1190-1240), sein Sohn Dafydd ap Llylwelyn (1240-1247) und sein Enkel Llywelyn ap Gruffudd (1246-1282), ersterer als 'Princeps Norwallie', die beiden Nachfolger auch als Träger dieses Titels, aber auch als Träger des neuen Titels 'Princeps Wallie' (Fürst von Wales).
Diese nachhaltige politische Umgestaltung der innerwalisischen Verhältnisse nach lehnsrechtlich-englischemm Vorbild unter Aufgabe traditioneller walisischer Gewohnheiten war eine Voraussetzung zur politischen Zentralisierung, die unter Llywelyn ap Gruffudd auch weitgehend erreicht wurde, schuf aber auch die Vorbedingungen für eine leichtere Machtübernahme von England aus, war aber bei den betroffenen Walisern keineswegs unumstritten. Erst die Niederlage Llywelyns ap Gruffudd gegen den übermächtigen englischen Eduard I. 1282 führte zu einer allmählichen Verklärung dieses letzten walisischen 'Prince of W
ales' in der walisischen Historiographie.
Im Lauf des 12. und 13. Jh. entstanden in W
ales unter englischem Einfluß etwa 80 Städte, oft sehr klein, die fast alle befestigt waren und im allgemeinen von Engländern oder anderen Ausländern besiedelt waren.
Llywelyn ab Iorwerth heiratete eine Tochter König Johanns von England. Während der innenpolitischen Krise Englands schloß Llywelyn 1212 einen Freundschaftsvertrag mit dem französischen König Philipp Augustus. In der Folge war er bemüht, die lehnsrechtliche Erbfolge seines zweiten Sohns Dafydd zu sichern, was ihm auch 1238 gelang. Dafydd war aber nicht in der Lage, seine Herrschaft dauerhaft zu sichern und mußte nach militärischen. Niederlagen die englische Oberhoheit uneingeschränkt anerkennen.
Die Machtausdehnung von Llywelyn ap Gruffudd wurde begünstigt durch die anhaltende Schwächung der englischen Krone unter Heinrich III. (1216-1272). In dessen Auseinandersetzung mit den Baronen unter Simon de Montfort (1258-1265) nahm der Waliser für Montfort Partei (er heiratete später dessen Tochter Eleanora) und führte ab 1258 den Titel 'princeps Wallie'. Als solcher wurde er 1267 im Vertrag von Montgomery von Heinrich III. anerkannt. Das Fürstentum sollte erblich sein, der Fürst der alleinige Lehnsherr anderer walisischer Adliger und Lehnsmann des englischen Königs. Seine Weigerung, diesen Verpflichtungen Eduard I. gegenüber nach dessen Amtsantritt nachzukommen, führten 1277 zum Krieg, in dem Eduard siegte. Er diktierte Llywelyn im Vertrag von Conw(a)y (9. November 1277) harte Bedingungen. Das Fürstentum W
ales war fortan territorial erheblich verkleinert, die Würde des 'princeps Wallie' sollte nur für Llywelyn gelten. Lehnsoberhoheit wurde Llywelyn nur über fünf namentlich genannte Adlige und auch nur für seine Lebenszeit zugestanden. Die direkte Oberhoheit der englischen Krone wurde weiter ausgedehnt und ist sichtbar in der Errichtung neuer Grafschaften.
In der Folgezeit war Llywelyn bemüht, seine Verpflichtungen äußerst genau zu erfüllen, während Eduard I. seine Rechte in W
ales sehr großzügig zu seinen Gunsten auslegte. Das äußerst provokante Verhalten Eduards I. und seiner Beamten den Walisern gegenüber führte Ostern 1282 zu einem von Llywelyns Bruder Dafydd geführten Aufstand, dem sich Llywelyn anschließen mußte. Der außerordentlich aufwendige und mit ganzer Härte geführte Krieg Eduards gegen Wales 1282-1284 brachte den Sieg auf der ganzen Linie, das Ende der Dynastie von Gwynedd und die Errichtung mächtiger Burgen in Gwynedd zum Schutz der englischen Herrschaft. Dennoch wurde im Statute of Wales 1284 das Fürstentum aufrechterhalten; 1301 wurde Eduards Sohn (Eduard II.) der erste englische 'Prince of Wales'. Die Kriegskosten 1282-1284 werden auf 150.000 Pfund geschätzt, das siebenfache der Summe des Kriegs von 1277. Weitere 80.000 Pfund wurden für die acht mächtigen Burgen ausgegeben, die die Eroberung dauerhaft sichern sollten. Auf längere Sicht war dies vom englischen Standpunkt aus gut angelegtes Geld.
M. Richter


B. Das englische Fürstentum Wales
I. Die englische Regierung und Verwaltung des 13. und 14. Jahrhunderts:
Die 1277-1283 durchgeführten Eroberungen Eduards I. markieren einen Wendepunkt in der verfassungsgeschichtlichen, verwaltungsgeschichtlichen, politischen und kirchlichen Entwicklung von W
ales; die nach diesen Eroberungen getroffenen Entscheidungen bestimmten das Gefüge der Regierung und Verwaltung bis zu den Unionsgesetzen (Acts of Union 1536-1543) unter Heinrich VIII. Das königliche Fürstentum Wales (royal principality of Wales) umfaßte im Spät-Mittelalter etwa die Hälfte des Landes:
zum einen die Grafschaften im Südwesten, Carmarthenshire (Carmarthen) und Cardiganshire (Ceredigion), welche die englische Krone stückweise zwischen 1254 und 1287 erworben hatte,
und die neueren Grafschaften im Nordwesten, Anglesey, Caernarfon und Merioneth, die aus dem eroberten Fürstentum des Llywelyn ap Gruffydd (1282), des letzten walisischen Herrschers von Gwynedd, gebildet wurden.
Nachdem Eduard I. persönlich das Herrschaftsgebiet Llywelyns erobert hatte (1282-1283), wurden in den fünf königlichen Grafschaften Regierungsstrukturen, die eine unmittelbare königliche, englische Autorität gewährleisten sollten, entwickelt. Seit dem späten 14. Jh. bürgerte es sich zunehmend ein, die drei nördlichen Grafschaften als königliches Fürstentum von Nord-Wales, die zwei südlichen als königliches Fürstentum von Süd-Wales zu bezeichnen; dies spiegelt die zweigeteilte administrative Organisation wider, die auf den Zentren Caernafon bzw. Carmarthen beruhte. Die königliche Grafschaft Flint im nordöstlichen W
ales war aus praktischen Verwaltungsgründen der königlichen Grafschaft Chester zugeschlagen worden; der übrige Teil von Wales bestand aus zahlreichen Markenherrschaften (Walisische Mark). Das Statute of Rhuddlan (März 1284) bot ein Muster für die Regierung des nördlichen Fürstentums, das von der englischen Krone formell annektiert worden war. Das Statut führte wichtige Ämter ein (justiciar, chamberlain, county sheriffs), auch wurde ein System von Gerichtshöfen geschaffen, die im wesentlichen nach Englischen Recht, das allerdings bei Zivilprozessen durch Walisisches Recht ergänzt wurde, richteten. Das Statut sagt nur wenig aus über die bereits bestehenden Grafschaften Carmarthen und Cardigan, obwohl hier die Regierungs- und Verwaltungstätigkeit (mit justiciar, chamberlain, sheriffs und stewards sowie mit an das ältere walisische Ämterwesen angelehnten lokalen Amtsträgern) weitgehend der Regierungsform im Norden des Landes ähnelte, und sie beeinflußte zweifellos die in Rhuddlan entwickelten Formen. Autorität und Sicherheit wurden gewährleistet durch mächtige neue Burgen (Burg, C. X) in Aberystwyth (1277), Caernarfon, Conwy, Harlech und Beaumaris auf Anglesey (ab 1295) sowie durch neue, mit Charters versehene boroughs, die englische Garnisonen aufnahmen und loyale Zuwanderer anlockten. Die beiden Gerichts- und Verwaltungszentren Caernarfon und Carmathen, beide mit eigenem Siegel, waren in allen politischen, jurisdiktionellen und finanziellen Angelegenheiten nur der englischen Krone und ihren Amtsträgern in Westminster verantwortlich.
Jeder Teil des königlichen Fürstentums W
ales wurde im Spät-Mittelalter unmittelbar von königlichen Amtsträgern verwaltet; eine gewisse Ausnahme bildeten nur die Perioden, in denen ein Prince of Wales als englischer Thronerbe sein Fürstentum eigenverantwortlich regierte und verwaltete. Doch waren die Princes of Wales (mit Ausnahme Eduards [II.], 1301-1307, und Eduards des »Schwarzen Prinzen«, 1343-1376) nicht volljährig, und deshalb unterstanden ihre Räte und Amtsträger der königlichen Oberaufsicht; diese ständige Einflußnahme der Krone verlieh der Regierung in Wales über zweieinhalb Jahrhunderte Kontinuität und Stabilität. Das neue Fürstentum lag in dem Bereich der beiden, dem Erzbistum Canterbury unterstehenden Diözesen St. David's und Bangor, deren Gebiete nicht mit der Ausdehnung des Fürstentums übereinstimmten. Die Besitzungen der beiden Bistümer (vor allem des reicheren und größeren St. David's) unterstanden zwar nicht der Machtbefugnis der königlichen Amtsträger, doch pflegte in Fällen der Sedisvakanz das Königtum (wie bei den englischen Bistümern) seinen Einfluß auf die Besetzung der Diözese nachdrücklich geltend zu machen.
Bis zur Regierung Heinrichs VIII. wurde das Regierungs- und Verwaltungssystem in nur geringem Maße modifiziert, und selbst unter der Regierung der TUDORS wurden im Grunde nur einige Verwaltungsgrundsätze auf das gesamte W
ales ausgedehnt; die fünf Grafschaften (ebenso wie Flintshire) blieben mit geringen Grenzverschiebungen erhalten. Die politische und jurisdiktionelle Autorität wurde verkörpert von den beiden Justitiaren, die in der Regel hohe englische Adlige (und oft marcher lords) waren. Die Ämter der beiden chamberlains, der Leiter des Finanzwesens des Fürstentums Wales, wurden häufig mit erfahrenen Klerikern oder Angehörigen der Gentry der an Wales angrenzenden englischen Grafschaften besetzt. Die constables der großen Burgen waren ebenfalls von nichtwalisischer Herkunft, wenn auch zunehmend Waliser (aus dem Fürstentum Wales oder der Walisischen Mark) als ihre Stellvertreter an Profil gewannen, doch erst seit dem 15. Jh. wurden Waliser als stellvertretende Kastellane regelmäßig herangezogen. Andererseits wurden kleinere Ämter ausgeübt von loyalen, mit der englischen Ordnung versöhnten Walisern, die aus den örtlichen Gemeinden stammten und Interesse an einer Erhaltung der durch die 'principality' gewährleisteten Stabilität hatten.

II. Spannungen und politische Krisen des 14. und 15. Jahrhunderts:
Bei alledem lastete auf dem Fürstentum W
ales die Spannung zwischen Eroberern und Eroberten, zwischen eingewanderten Stadtbewohnern und gebürtigen Walisern, zwischen örtlichen Amtsträgern und ihren englischen Vorgesetzten, zwischen ärmeren walisischen Geistlichen und der wohlbepfründeten englischen höheren Geistlichkeit; die Epidemien um die Mitte des 14. Jh. trugen stark zur sozialen und wirtschaftlichen Krise bei. Doch waren die Lehnsleute in den Grafschaften des Fürstentums Wales in geringerem Maße für einen größeren Aufstand gegen das englische Königtum zu gewinnen als die Vasallen in der Walisischen Mark, in der es besonders während der Krisenzeit unter Eduard II. zu Revolten kam. Die Frühzeit der Regierung des »Schwarzen Prinzen« in den 40-er Jahren war geprägt durch harten politischen und fiskalischen Druck, der zu Unruhen führte; in den Jahren nach 1370 gefährdete der drohende Einfall des Owain Lawgoch ( 1378), eines Abkömmlings der walisischen Fürsten, die Sicherheit in Anglesey und anderen Landesteilen. Trotz dieser schwelenden Konflikte konnte die Regierung ohne Schwierigkeiten die Ämter in den Grafschaften und in den Commotes mit einheimischen Walisern besetzen.
Der große Aufstand des walisischen Fürsten Owain Glyn Dwr begann zwar in der Walisischen Mark (1400), erfaßte aber rasch Teile der Bevölkerung im Fürstentum, vor allem das mit Glyn Dwr verwandte Haus TUDOR (Caernarfonshire, Anglesey) und seinen Anhang. Die
abgelegeneren Gebiete des Fürstentums wurden zu Zentren der Aufstandsbewegung, besonders die Burgen Harlech und Aberystwyth, die 1404-1408 in Glyn Dwrs Hand waren. Der Fürst verstand es auch, ihm ergebene Bischöfe in Bangor durchzusetzen. Die Schwierigkeit, die Verkehrsverbindungen mit den englischen Zentren Caernarfon und Carmarthen auch in dieser unruhigen Zeit aufrechtzuerhalten, lähmte die englische Regierung in Wales in erheblichem Maße. Nach dem Ende des Glyn-Dwr-Aufstandes (1410) wurde die Selbstverwaltung der walisischen Gemeinden wiederhergestellt; die englische Regierung milderte, in der Hoffnung auf einträglichere Steuereinnahmen aus dem Fürstentum, auch die strenge jurisdiktionelle Überwachung. Diese Politik erwies sich als Fehlschlag; die Präsenz der englischen Regierung im Fürstentum Wales ging zurück. Um die Mitte des 15. Jh. war die Grafschaft Merioneth zeitweise nahezu unregierbar; in Carmarthenshire und Cardiganshire führten der walisische Adlige (squire) Gruffydd ap Nicholas ( um 1460) und sein Familienverband ein nahezu unumschränktes Regiment. Die walisische Kirche war sich selbst überlassen; die im 15. Jh. zumeist nicht aus Wales stammenden Bischöfe von Bangor und St. David's residierten nur selten in ihren Diözesen. Die niedere Geistlichkeit bestand durchweg aus Walisern; unter ihnen waren aber durchaus Geistliche von religiösem Eifer, und die kirchliche Wiederaufbautätigkeit in der Zeit nach dem Glyn-Dwr-Aufstand ist bemerkenswert.
Der traditionell unter dem Namen der Rosenkriege bekannte dynastische Konflikt der Häuser LANCASTER und YORK hatte eine wichtige walisische Dimension: Die Selbstverwaltung der walisischen Gemeinden in den Grafschaften des Fürstentums und die traditionelle Treue zur königlich/fürstlichen Autorität erzeugten bei der Bevölkerung Unterstützung für die Sache der LANCASTER. Die Anstrengungen William Herberts , des Herrn von Raglan in der Walisischen Mark, das Fürstentum W
ales zwischen 1456 und 1468 der Kontrolle der YORK-Partei zu unterwerfen, stießen auf Widerstand, besonders bei Jasper Tudor, Earl of Pembroke, dem Halb-Bruder des lancastrischen Königs Heinrich VI. Trotz dieser Konflikte blieb die Regierungsstruktur des Fürstentums Wales intakt und funktionsfähig; der yorkistische König Eduard IV. suchte (im Zuge seiner Befriedungsaktionen im gesamten Wales) in den 70-er Jahren des 15. Jh. die königliche Oberherrschaft auch im Fürstentum Wales erneut zur Geltung zu bringen. Er dehnte allmählich die Amtsgewalt des Rates seines Sohnes Eduard (V.) aus, so daß diese sich nicht nur auf das Fürstentum Wales, sondern auch auf die Kontrolle über die marcher lordships erstreckte, die sowohl im Besitz von englischen Adligen als auch vom König selbst waren; diese Kontrolltätigkeit sollte mit der Stärkung der königlichen Jurisdiktionsrechte, der Einflußnahme auf die Ernennung von Beamten und der Reorganisation des Finanzwesens einhergehen. Unter Heinrich VII. übte der Rat, mit Hauptsitz in Ludlow in der Walisischen Mark, eine effiziente Kontrolltätigkeit aus; Heinrich VII. widmete sich auch den Forderungen örtlichen Petitionen und bestätigte die Rechte und Privilegien, die sich vor allem nordwalisische Gruppen im Laufe der Zeit erworben hatten. Zur Zeit Heinrichs VIII. kam der Druck, der zum Erlaß der Acts of Union führte, nicht so sehr aus dem Fürstentum Wales, sondern von den Bevölkerungsgruppen, die der Herrschaft der marcher lordships unterworfen waren.
R.A. Griffiths