VEXIN


Lexikon des Mittelalters:
********************

Vexin
--------
Landschaft in Nord-Frankreich, hervorgegangen aus der dem Vorort Rotomagus (Rouen) unterstehenden gallorömischen Civitas der Veliocasses, deren östlicher Teil im 7. Jh. einen Komitat, den 'pagus Vilcasinus', bildete. Dieses Gebiet liegt, in etwa gleicher Entfernung von Rouen und Paris, auf dem rechten Ufer der Seine zwischen den Nebenflüssen Andelle und Oise. Durch den 'Vertrag' von St-Clair-sur-Epte (911) wurde die territoriale Einheit des V
exin zerschnitten; die von der Epte markierte Grenze zwischen dem Herrschaftsbereich des Königs von West-Franken/Frankreich und dem künftigen Herzogtum Normandie ließ den Vexin, der für beide Seiten zur strategisch wichtigen Markenzone wurde, zur zweigeteilten Region und zu einem Hauptschauplatz der großen französisch-normannisch/englischen Konflikte werden:
Für die Herzöge der Normandie bildete der westliche Teil, der V
exin normand, ein das Seinetal beherrschendes und Rouen schützendes Glacis, für die KAPETINGER war der östliche Bereich, der Vexin français, ein entscheidendes Sprungbrett ihres Vordringens nach Westen. Im übrigen trugen die Verbindungen, die zwischen den beiden Landschaftsteilen trotz der Konflikte fortbestanden, zum komplexen Charakter der Geschichte des Vexin bei.
Der V
exin normand wurde in der Frühzeit unmittelbar von den Herzögen beherrscht; seit dem 2. Viertel des 11. Jh. vollzog sich hier jedoch der Aufstieg mehrerer großer Aristokraten-Familien, deren Verwandtschaftsbeziehungen und Grundbesitz sich häufig zu beiden Seiten der Epte erstreckten, wodurch ihre Treue zum Herzog Schwankungen unterlag. - Der Vexin français bildete eine als Lehen der Abtei St-Denis konstituierte Grafschaft, eng verbunden mit dem Grafschaftskomplex Amiens-Valois, dessen machtvolles Geschlecht (Valois) am Ende des 10. Jh. ein feudales Fürstentum zu begründen suchte. Ein Teil der Grafschaft wurde im ausgehenden 10. Jh. abgetrennt zugunsten des Vicomte des Vexin, der vor 1015 den Titel des Grafen von Meulan annahm. Diese mächtige Adels-Familie spielte eine bedeutende Rolle, da sie große normannische (Beaumontle-Roger) und englische Seigneurien erwarb und bereitwillig zur herzoglichen Partei überwechselte. Auch andere große Geschlechter (so die Chaumont) traten als Châtelains (burgsässige Herren) hervor und eröffneten infolge ihrer Besitzausstattung beiderseits der Epte ein undurchsichtiges und riskantes Spiel von Lehnsbündnissen.
Die frühen normannischen Herzöge, die darauf bedacht waren, den Vexin français in ihre Machtsphäre zu ziehen, förderten nach Kräften die Bindungen der beiden Landschaftsteile untereinander und unterhielten gute Beziehungen zu den Grafen. Nach einer späten, umstrittenen Episode (bei Ordericus Vitalis) soll Herzog Robert, als Preis für sein Bündnis mit Heinrich I. von Frankreich, 1031 sogar die Suzeränität  über den V
exin français erhalten haben. Diese komplexen politisch-sozialen Interaktionen wurden durch die kirchliche Situation weiter kompliziert. Der Vexin unterstand kirchlich zur Gänze dem Erzbischof von Rouen und wurde dadurch seit dem 12. Jh. in die Konflikte mit den KAPETINGERN um so stärker verwickelt.
1077 wurde ein entscheidender Schritt vollzogen: Nach Eintritt des Grafen von V
exin ins Kloster annektierte König Philipp I. von Frankreich die Grafschaft in der Form einer Wiederbelehnung durch St-Denis. Das Herzogtum Normandie (bzw. das anglonormannische England) und die französische Krondomäne hatten von nun an eine gemeinsame Grenze; dies führte zur fortschreitenden Militarisierung der Grenzzone und zur wechselseitigen Ausnutzung der schwankenden Parteinahmen der Aristokraten-Familien, namentlich die KAPETINGER zogen Nutzen aus den dynastischen Krisen in der Normandie. Zur Sprache der Waffen trat die Diplomatie hinzu: Herrschertreffen (Gisors) sowie kurzlebige Abkommen, aber auch Ehebündnisse rhythmisierten den Konflikt. In einer ersten Periode des Konflikts suchten die offensiven Herzöge auch den Vexin français zu erobern. Wilhelm der Eroberer führte 1087 den für ihn verhängnisvollen Feldzug bis Mantes durch; Wilhelm II. Rufus setzte zwei erfolglose Annexionsversuche ins Werk (1097-1098). Unter diesen Herzögen/Königen wurde entlang der Epte eine auf Néaufles und besonders Gisors abgestützte Verteidigungslinie aufgebaut, was auf französischer Seite mit der Errichtung von Burgen wie Mantes, Pontoise und Chaumont beantwortet wurde.
Die Herzöge wurden im 12. Jh. von den KAPETINGERN zunehmend in die Defensive gedrängt: Bereits Ludwig VI. von Frankreich »instrumentalisierte« zeitweilig die inneren Schwierigkeiten Heinrichs I. von England, erreichte aber noch keinen wirklichenErfolg (französische Niederlage bei Brémule, 1119). Heinrich I. nahm seinerseits ein echtes Burgenprogramm in Angriff, zog die unmittelbare Kontrolle der bedeutendsten, bis dahin von Vasallen gehaltenen Burgen wie Gisors an sich, baute ihre Befestigungsanlagen aus und errichtete im Hinterland einen zweiten Burgengürtel. Doch führten die Thronkämpfe nach dem Tode Heinrichs I. zu einer Schwächung der anglonormannischen Position. Geoffroy Plantagenêt gab Gisors 1144 an Ludwig VI. preis; Heinrich II. trat den V
exin 1151 an den KAPETINGER ab, um seine Investitur als Herzog von Normandie zu erreichen, und gewann erst 1160 diese Schlüsselregion zurück: Der Vexin war Teil der 'Dos' der Margarete, Tochter Ludwigs VII., verlobt mit dem Thronerben Heinrich dem Jüngeren ( jedoch bereits 1183). Der Aufstand der Barone gegen Heinrich II. (1173-1174) ermöglichte dem KAPETINGER gleichwohl ein neues Vorschieben seiner Position. Die Offensive intensivierte sich mit Philipp II. Augustus. Der König besetzte 1191 Vernon und verstärkte 1193 den Druck, indem er sich unter Ausnutzung der Abwesenheit von Richard 'Löwenherz' mit Johann 'Ohneland', der ihm den Vexin abtrat, verband. Philipp Augustus drang von Osten in die Normandie ein und nahm Gisors ein. Richard führte nach seiner Rückkehr zwar eine Gegenoffensive durch, doch wurde im Vertrag von Gaillon (1196) der kapetingische Besitz des Vexin normand festgeschrieben. Der PLANTAGENET errichtete daraufhin das mächtige Château-Gaillard zum Schutz des seines Glacis beraubten Rouen. Die Wiedereroberung des Vexin durch Richard (1198) zwang Philipp nochmals zum Rückzug  auf Gisors, doch wurde im Vertrag von Le Goulet (1200) dem KAPETINGER der Besitz des Vexin, mit Ausnahme von Château-Gaillard und seinem Umland, bestätigt.
1204 beendeten der Fall von Château-Gaillard und die kapetingische Annexion der Normandie die Rolle der Epte als Grenzfluß. Der westliche V
exin gehörte weiterhin zum (nun kapetingisch beherrschten) Herzogtum Normandie, und es wurde das Bailliage von Gisors bis Mantes ausgedehnt, der Vexin français in kirchlicher und fiskalischer Hinsicht der Normandie integriert. Die Bewohner der beiden Teile des Vexin bewahrten aber die Erinnerung an ihre ursprüngliche Zugehörigkeit, auch nahmen die Verwaltungsinstitutionen der Normandie Bezug auf die alte Grenze an der Epte.
A. Renoux