LA ROCHELLE


Lexikon des Mittelalters:
********************

La Rochelle
----------------
Hafenstadt in West-Frankreich, in der Landschaft Aunis (dép. Charente-Maritime), erwähnt erstmals Ende des 10./Anfang des 11. Jh. in Zuammenhang mit den Salzsümpfen, deren Salz gemeinsam mit Wein seit dem 12. Jh. eine begehrte Handelsware im Austausch gegen Getreide war. Die Bucht von La Rochelle war von zwei vorspringenden Landzungen sowie von den vorgelagerten Inseln Ré, Aix und Oleron hervorragend geschützt. Schon vor 1137 verlieh Herzog Wilhelm von Aquitanien den Einwohnern, »Ansässigen und Fremden«, Privilegien; die Stadt wuchs bald auf fünf Pfarrbezirke an, unter ihnen St-Nicolas (mit dem für Seeleute und Kauffahrer bezeichnenden Nikolaipatrozinium). 1175 gewann die Stadt, dank der Förderung durch Eleonore 'von Aquitanien', die Kommunalverfassung. Da König Johann von England die Stadt nicht gegen die Übergriffe der benachbarten Herren schützte, trat La Rochelle in den französischen Machtbereich über; 1224 bestätigte ihr Ludwig VIII. die städtischen Privilegien. Wegen der guten Behandlung durch die kapetingische Regierung, die sich auf bloße Kontrolle der städtischen Selbstverwaltung beschränkte, stand die Stadt durchweg loyal zur Krone Frankreichs:
1360, nach dem Vertrag von Brétigny, wies La Rochelle die Rückkehr unter englische Herrschaft zurück;
1372 ermöglichte es in seinen Gewässern einen französisch-kastilischen Seesieg über die Engländer, deren Angriffen (besonders 1419) die Stadt stets widerstand.
Nachdem La Rochelle schon um 1422 Karl VII. als König von Frankreich anerkannt hatte, beteiligte es sich an der französischen Rückeroberung der Guyenne. Im Kreuzungspunkt zwischen den großen Halbinseln Bretagne und Galicien gelegen, erlangte La Rochelle rasch internationale Bedeutung: Marco Polo nennt den Atlantik das »Meer von La Rochelle«, und der Name der Stadt ist auf den ältesten Portulanen verzeichnet. Zu den Einwohnern zählten Genuesen (seit 1224), Kastilier und Portugiesen; neben den Engländern, die von hier Wein importierten, erschienen seit dem Ende des 14. Jh. Hansekaufleute aus Deutschland und Holland, die in großen Mengen Salz zum Einpökeln der Heringe ausführten, während Kastilier hier Wolle und Eisen verkauften. Im 15. Jh. liefen die bretonischen Transportschiffe allen anderen den Rang ab. Die Kauffahrer von La Rochelle drangen seit dem 15. Jh. über Brügge hinaus in den Ostseeraum vor, wo ihre Karavellen (zum Beispiel die »Pierre« in Danzig, 1462) dem neuen hansischen Schiffstyp (Kraweelbau) als Vorbild dienten.
M. Mollat