ENGLAND


Lexikon des Mittelalters:
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England
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A. Vom 5./6. Jh. bis 1154
I. Vom Ende der römischen Periode bis zum 7. Jahrhundert:
Das weitgehend von einer keltischen Bevölkerung (Briten; Kelten) bewohnte Britannien wurde, nachdem bereits Caesar 55-54 v. Chr. einen Britannien-Feldzug durchgeführt hatte, seit der frühen römischen Kaiserzeit (Claudius, 43 n. Chr.) systematisch erobert und zur Provinz ausgebaut (siehe im einzelnen Britannia). Seit dem frühen 5. Jh. war die römische Regierung nicht mehr in der Lage, ihre Herrschaft über diesen Teil des Reiches aufrechtzuerhalten. Die Autorität ging zunehmend an - mehr oder minder romanisierte - Fürsten (reges) und einheimische Aristokraten britischer Herkunft über, von denen einige die römische Politik der Rekrutierung von Germanen, die gewöhnlich aus den Gebieten nördlich der Rheinmündung stammten, fortsetzten. Schon nach kurzer Zeit streiften Teile dieser Germanenverbände die britische Oberhoheit ab und begründeten, unter starkem Zuzug neuer Einwanderer, eigene Herrschaftsgebiete, die sie auf Kosten der britischen Territorien rasch erweiterten. Diese Germanen wurden von Römern wie Briten allgemein als 'Sachsen' (Saxones) bezeichnet; besonders in den späteren Königreichen der Ost-, West- und Süd-Sachsen spielten sächsische Bevölkerungsteile (zum Teil neben Friesen) eine dominierende Rolle. In Mittel- und Nord-England dagegen siedelten vornehmlich eingewanderte Angeln, Angehörige eines germanischen Volkes, dessen Heimat im Bereich nördlich der Elbe lag (vgl. den heutigen Landschaftsnamen 'Angeln' im nordöstlichen Schleswig-Holstein). Der Name 'Angeln' setzte sich als Gesamtbezeichnung bis zum 9. Jh. durch; König Alfred der Große, selbst ein West-Sachse, bezeichnete seine Sprache als 'englisch', und seit dem 11. Jh. wurde das vereinigte Gesamtreich mit dem Begriff 'Englaland' bezeichnet. Diese Begriffsentwicklung mag zum Teil mit der frühen Vorherrschaft von Fürsten anglischer Herkunft zusammenhängen; ein wichtiger Faktor war jedoch zweifellos die Verwendung der Bezeichnung 'gens Anglorum' für die germanischen Herrscher von Britannien bei den kirchlichen Autoren, die in der Nachfolge Papst Gregors des Großen standen. - Zur weiteren Begriffsgeschichte und zur Archäologie siehe Angelsachsen.
Bis zum Ende des 7. Jh. hatten die Angelsachsen den größten Teil Britanniens südlich des Firth of Forth unter ihre Kontrolle gebracht, wobei die einzelnen Etappen der angelsächsischen Landnahme und Herrschaftsbildung, nicht zuletzt wegen der schlechten Quellenlage, umstritten bleiben. Mehrere britische Herrschaftsbereiche konnten sich im Westen gegen den angelsächsischen Einfluß behaupten (Wales; Dumnonia im heutigen Cornwall und westlich Devon; Strathclyde bzw. Cumbria im Nordwesten). Die genaue Zahl der angelsächsischen Königreiche läßt sich für das 7. Jh. nicht bestimmen; da aber seit dem Ende des 7. Jh. sieben führende Königreiche feststellbar sind, hat sich allgemein die Vorstellung einer angelsächsischen »Heptarchie« durchgesetzt: Kent, Ostsachsen (Essex), Südsachsen (Sussex), Westsachsen (Wessex), Ostanglia (East-Anglia), Mercien (Mercia), Northumbrien (Northumbria). Die beiden größten und mächtigsten Reiche waren Mercien und Northumbrien, die voneinander durch den Humber abgegrenzt waren; alle anderen Angelsachsenreiche wie auch die meisten der noch bestehenden britischen Reiche unterstanden - in unterschiedlichen Abhängigkeitsverhältnissen - der mercischen oder der northumbrischen Oberherrschaft. Bis 700 expandierten die northumbrischen Könige bis zum Firth of Forth und gliederten auch die Nordküste des Solway Firth ihrem Herrschaftsbereich ein. Mercien dehnte sich demgegenüber bis zur Themse aus, so daß London, das bis dahin ein ostsächsischer Vorort gewesen war, nun fest unter mercische Herrschaft geriet. Die heutigen Grafschaften Kent, Essex und Sussex sowie die Landschaft East-Anglia mit ihren beiden Grafschaften Norfolk und Suffolk entsprechen territorial noch weitgehend den vier angelsächsischen Königreichen, deren Namen sie bewahren. Das übrige südlich der Themse gelegene Gebiet wurde von den West-Sachsen kontrolliert; ihr Machtbereich reichte im Westen bis Exeter.
Im Ringen um die Oberherrschaft gerieten die östl. Angelsachsenreiche im Laufe des 7. Jh. zunehmend ins Hintertreffen: Schon vor 700 wurde Ost-Sachsen der ständigen Oberherrschaft von Mercien unterworfen, während die Unabhängigkeit des Königreiches der Süd-Sachsen durch Mercien wie durch West-Sachsen bedroht wurde. Æthelberht, König von Kent ( 616), und Rædwald, König von Ostanglien ( 616/627), waren nacheinander Oberherren der südlichen Angelsachsen (vgl. Bretwalda); ihre Nachfolger konnten diese Machtfülle allerdings nicht behaupten. Die northumbrischen, mercischen und westsächsischen Königreiche hatten den Vorteil, im Norden und Westen auf Kosten der Briten expandieren zu können.

II. Die Angelsachsenreiche und ihr Ringen um die Vorherrschaft:
[1] Northumbrien:
Die Ausbildung und Expansion angelsächsischen Herrschaft wird in detaillierter Weise erstmals für das 7. Jh. durch die 731 vollendete »Historia ecclesiastica« des Beda Venerabilis beleuchtet. Beda war naturgemäß über das Königreich Northumbrien, in dem er selbst lebte, am besten informiert. Northumbrien hatte ursprünglich aus zwei Königreichen bestanden: Deira und Bernicia, die zwar britische Namen trugen, im 7. Jh. aber bereits angelsächsische Fürsten hatten. Sie umfaßten die englische Ostküste nördlich des Humber; beider Grenzlinien wurde durch den Tees markiert. Eines der Hauptzentren von Deira war York, während der befestigte Vorort von Bernicia, Bamburgh, an der Küste lag. Anhand heidnischer germanischer Gräberfelder konnte festgestellt werden, daß nördlich des Tees weniger eingewanderte Germanen siedelten als in Deira. Um 600 grenzten Bernicia und Deira im Norden und Westen an britische Königreiche, von denen drei namentlich bekannt sind: Elmet, im Gebiet um Leeds, südwestlich von York; Rheged, um den Solway Firth; Gododdin, am Ende des Firth of Forth, dessen Machtbereich sich bis zum Hadrianswall, der alten römischen Reichsgrenze (Limes), erstreckte.
Zu Beginn des 7. Jh. herrschte der König von Bernicia, Æthelfrith, auch über Deira, da Edwin, der Sohn des früheren Königs von Deira, Ælle, ins Exil gehen mußte. Æthelfrith schlug Áedan mac Gabráin, den König der aus Irland stammenden Dál Riada, 603 bei Degsastan. Dennoch wurden später gute Verhältnisse zwischen beiden Reichen wiederhergestellt, so daß Æthelfriths Sohn Oswald nach dem Tode seines Vaters bei den Dál Riada Exil nahm. Etwa zehn Jahre später errang Æthelfrith einen Sieg über die Briten bei Chester, der lange Zeit im Gedächtnis blieb. Diese Schlachten begründeten jedoch keine dauerhaften territorialen Eroberungen; sie waren eher Episoden im Verlauf von Plünderungs- oder Vergeltungs-Feldzügen.
616 tötete König Rædwald von Ostanglia, der Beschützer des vertriebenen Edwin, Æthelfrith in der Schlacht am Idle bei Doncaster. Danach konnte Edwin die Herrschaft in den beiden northumbrischen Königreichen übernehmen. Er vergrößerte Deira durch die Eroberung von Elmet und errichtete eine - sehr extensive - Oberherrschaft über die anderen Angelsachsen-Reiche (mit Ausnahme von Kent), ebenso über mehrere britische Reiche, wobei er - nach Beda - selbst Anglesey und Man beherrscht haben soll. Nach Bedas Angaben verfügte Edwin in seinen einzelnen Teil-Reichen über jeweils mindestens eine Pfalz (villa regia):
Yeavering in Bernicia, nach den Ausgrabungsbefunden ein reichgegliederter Baukomplex mit ca. 27 m langer Halle;
Campodunum in Elmet; ein weiterer Königshof bestand am Derwent in Deira.
Wichtige Residenzen waren auch der vicus Catterick und insbesondere York. Fraglos hat Edwins Übertritt zum Christentum seinen Ruf als fähiger und tatkräftiger Herrscher in der späteren Überlieferung begründen helfen; die tatsächliche Existenz seiner Oberherrschaft unterliegt dennoch keinem Zweifel, auch wenn ihre Dauer unbekannt bleibt. Edwin erlag schließlich bei Hæthfeld (heutiges Hatfield Chase) 633 der Koalition des britischen Königs von Gwynedd, Cadwallon, und des heidnischen Angelsachsen Penda von Mercien. Bereits 634 wurde Cadwallon jedoch von Oswald, dem aus dem Exil zurückgekehrten Sohn Æthelfriths, getötet; Oswald konnte rasch die Oberherrschaft, wie sie von
Edwin aufgebaut worden war, neu konstituieren. Wieder war es König Penda von Mercien, der Widerstand gegen dieses northumbrische imperium leistete und Oswald 642 tötete. Danach zerfiel Northumbrien wieder in seine einzelnen Teil-Königreiche. Die Könige von Deira versuchten, ihre Selbständigkeit gegen Oswiu von Bernicia, den Bruder Oswalds, mit Hilfe von Penda zu sichern. Bei einer Invasion Northumbriens wurde Penda 655 am Winwæd, unweit von Leeds, besiegt und getötet. Dies ermöglichte Oswiu, drei Jahre lang auch Mercien zu kontrollieren, bevor dann Pendas Sohn Wulfhere die alte Machtstellung seines Vaters im Gebiet südlich des Humber bald wiederherstellen konnte. Mit dem Sieg Æthelreds von Mercien, des Bruders und Nachfolgers von Wulfhere, am Trent (679) endeten schließlich die Versuche der Könige von Northumbrien, südlich des Humber eine Oberherrschaft zu errichten.
Der mercische Widerstand lenkte die northumbrische Expansion in nördliche Richtung, zu den Pikten, ab. Æthelfrith und seine Nachfolger hatten zu ihnen meist ein gutes Verhältnis gehabt. Erst unter Oswius Sohn Ecgfrith kam es nach 670 verstärkt zu Kriegen, in deren Verlauf Ecgfrith 685 bei Nechtanesmere fiel; der Friede wurde um den Preis einiger Gebietsabtretungen wiederhergestellt. Die Nachkommen Æthelfriths konnten bis 717 (Ermordung Osreds) das northumbrische Königtum durchgängig in ihrer Familie halten, danach wechselten sie sich mit anderen Familien ab. Zahlreiche spätere Könige haben ihre Ansprüche auf die (angebliche) Abstammung von Ida, dem Begründer der Dynastie von Bernicia, gestützt.

[2] Mercien:
Die Ursprünge des Königreiches Mercien sind weitaus weniger gut belegt. Das Kerngebiet des Königreiches lag im mittleren Tal des Trent; der wichtigste Königssitz (villa regia) war Tamworth, der zentrale Bischofssitz Lichfield. Die Begründung - oder doch der entscheidende Ausbau - des Königreiches erfolgte wohl durch den noch heidnischen Penda (erstmals 628 belegt, 655), der offenbar zunächst die West-Sachsen aus dem Gebiet von Cirencester, das diese etwa ein halbes Jahrhundert zuvor den Briten entrissen hatten, verdrängte und seine Macht schließlich auf große Teile des südlichen England auszudehnen verstand. Die Klein-Königreiche, die er eroberte, bildeten später eigene Bistümer: Worcester (ursprünglich Königreich der Hwicce), Hereford (ursprünglich Königreich der Magonsaete) und Leicester (ursprünglich Königreich der Mittel-Angeln). Lindsay, später ebenfalls Diözese, wurde zunächst auch von dem konkurrierenden Northumbrien beansprucht, stand aber nach 679 durchgängig unter mercischer Herrschaft. Penda zwang auch die Ost-Angeln und West-Sachsen zur - temporären - Anerkennung der mercischen Oberhoheit, die sich unter Pendas Söhnen Wulfhere (658-675) und Æthelred (675-704, abgedankt) noch festigte. Mercien blieb bis in frühe 9. Jh. die dominierende politische Kraft in England südlich des Humber, auch wenn seine Ansprüche auf eine Oberherrschaft in Ost-Anglia, West-Sachsen und Kent häufig auf Widerstand stießen.

[3] Ostanglia und Kent:
Trotz der herausgehobenen Stellung Rædwalds von Ostanglia als Bretwalda, die auch in seinem Schiffsgrab in Sutton Hoo, dem reichsten Grabfund aus angelsächsischer Zeit, zum Ausdruck kommt, ist Ost-Anglia dasjenige frühe Königreich, dessen Geschichte am dunkelsten bleibt. Vom mercischen Vordringen in die Defensive gedrängt, konnten die Könige von Ost-Anglia sich zwar behaupten, doch kennen wir vielfach ihre Namen nur von Münzprägungen. Demgegenüber ist die frühe Geschichte von Kent gut bezeugt. Es war das erste Königreich, welches das Christentum annahm; seine Monasterien bewahrten frühe Quellenzeugnisse, darunter die erste englische Urkunde, die im Original überkommen ist (König Hlothhere von Kent, 679). Die ältesten englischen Gesetze (Angelsächsisches Recht) stammen aus Kent. Sie wurden erlassen von den Königen Æthelberht, Hlothhere und Eadric, deren - wohl gleichzeitige - Regierung in einen Zeitraum von 673 bis 685 fiel, sowie von König Wihtred 695, im 5. Jahr seiner Regierung. In die - komplexe und wenig erhellte - Geschichte des südöstlichen England waren offenbar nicht nur die Herrscher von Mercien und Kent, sondern auch diejenigen der Süd- und West-Sachsen verstrickt. Die Süd-Sachsen konnten nur auf Kosten ihrer Nachbarn expandieren, von denen sie durch den breiten Wald- und Ödlandgürtel des Weald getrennt waren. Häufig in Konflikte mit Kent wie mit den West-Sachsen verwickelt, vermochten die Süd-Sachsen ihre Nachbarn jedoch nie ernsthaft zu bedrohen.

[4] Wessex:
An die Stelle des ursprünglichen Namens der West-Sachsen, Gewisse, trat mit der Ausbreitung nach Westen allmählich die Bezeichnung 'West-Sachsen'. Diese expandierten auch im Norden, doch wurde ihnen durch die Könige von Mercien hier Einhalt geboten. Im Osten rivalisierten die West-Sachsen mit den Bewohnern Kents und den Südsachsen, die beide den Versuchen der West-Sachsen, eine Oberherrschaft zu errichten, Widerstand entgegensetzten. Die besten Expansionsmöglichkeiten boten sich im (britischen) Westen (Dumnonia). Obwohl in späteren Quellen das westsächsische Reich als ein vereinheitlichtes Königreich dargestellt wird, scheint es sich eher um eine Gruppe von locker verbundenen Klein-Reichen gehandelt zu haben, über die üblicherweise ein Ober-König herrschte. Daraus läßt sich schließen, daß nach Cenwalh (641-672) nur - wenn überhaupt - wenige Könige in direkten genealogischen Beziehungen zu ihren Vorgängern standen, obwohl sie alle auf Cerdic, einen frühen König des 6. Jh. (bezeichnenderweise mit britischem Namen), zurückgeführt wurden. Auch Cædwalla, König von Wessex (685/686-688), trug einen britischen Namen. Die lange Regierungszeit seines Nachfolgers Ine (688-726) bewirkte eine Stabilisierung des westsächsischen imperium, auf ihn geht auch die erste westsächsische Rechtssammlung zurück.
            
III. Die Vorherrschaft von Mercien:
Die von Penda und seinen Söhnen begründete Vorherrschaft Merciens wurde erst im 9. Jh. endgültig vernichtet, teils durch die Wikinger-Invasion, teils durch konkurrierende angelsächsische Herrscher. Das mittlere Themsetal blieb stets eine umstrittene Pufferzone, in der sich häufig die Grenzen verschoben, entsprechend den militärischen Erfolgen oder Mißerfolgen der West-Sachsen, über die Mercien keine dauernde Herrschaft zu errichten vermochte. Auch Kent und Ost-Anglia wehrten sich ständig gegen die Machtansprüche Merciens. Dennoch gelang es einigen Königen von Mercien, die Oberherrschaft über alle südenglischen Königreiche erfolgreich durchzusetzen. So berichtet Beda zu 731, daß alle südlichen Königreiche (das heißt südlich des Humber) von Æthelbald, König von Mercien (716-757), abhängig waren. Urkunden aus seiner langen Regierungszeit bestätigen, daß er die Kontrolle über London ausübte und das Patronat über Kirchen von Kent besaß. Nach seiner Ermordung konnte sich Offa (757-796), der allenfalls ein entfernter Verwandter Æthelbalds war, in einem kurzen Bürgerkrieg als König durchsetzen. Zunächst beherrschte er wohl nur Mercien selbst sowie Kent, das er 776 durch einen Aufstand wieder verlor. 785 gelang es ihm, dort seine Macht wiederzuerrichten und gleichzeitig die Vorherrschaft Merciens südlich des Humber wiederherzustellen. Die Oberherrschaft über Wessex erreichte er jedoch nicht, obwohl der westsächsische König Beorthric (786-802) freundschaftliche Beziehungen zu ihm unterhielt und seine Tochter heiratete. Der erst spätere Zusammenbruch der mercischen Vorherrschaft hat auch Offas große Leistungen in der Überlieferung verdunkelt. Er gehört zweifellos zu den bemerkenswertesten frühen Königen der Angelsachsen. So ließ er »Offa's Dyke«, einen großen Langwall zur Sicherung der Grenze gegen Wales, errichten (Befestigung, Abschnitt A.I). Auch organisierte er die Verteidigung gegen die wikingischen Überfälle in Kent. Er ließ hervorragende Münzen prägen, selbst Goldmünzen, die wohl als Geschenke für Rom bestimmt waren. Mit großem Geschick machte er sich alle verfügbaren Ressourcen des Königreiches zunutze.
Die Vorherrschaft Merciens überdauerte Offas Regierung nur kurze Zeit. 825 gewann Ost-Anglia seine Unabhängigkeit zurück, und Kent befreite sich mit westsächsischer Hilfe von der mercischen Oberhoheit, um schließlich die westsächsische Vormachtstellung anzuerkennen.

IV. Die Wikinger-Invasionen:
Die Überfälle der Wikinger auf Britannien begannen in den letzten Jahren des 8. Jh., aber erst 865 schlossen einige wikingische Anführer ihre Gefolgschaften zusammen und führten einen gemeinsamen Eroberungszug nach Britannien durch. 871 kontrollierten die Wikinger den größten Teil Ost-Englands von York bis London, doch konnten sie den westsächsischen Widerstand nicht brechen. Die Wikinger verstärkten ihren militärischen Druck, waren aber zunächst nicht bestrebt, sich anzusiedeln oder eine regelrechte Herrschaft zu errichten. Im südlichen Northumbrien regierten die angelsächsischen Könige zehn Jahre lang unter wikingischer Oberherrschaft. 876 begannen dann die vereinigten Wikinger-Verbände, sich aufzuteilen und ständige Siedlungen in Besitz zu nehmen, zuerst in Yorkshire, dann 877 in Mercien und 879 in Ost-Anglia. König Alfred der Große von Wessex gewann 886 die Herrschaft über London zurück; er trat die Stadt jedoch wieder an das mit ihm verbündete Mercien ab. 892 versuchte ein neues, großes Wikinger-Heer, das wikingische Herrschaftsgebiet auszudehnen, scheiterte aber an den Verteidigungsmaßnahmen Alfreds, der unter anderem eine Flotte und befestigte Zentren hatte errichten lassen.
Manche führenden Angelsachsen waren allerdings durchaus bereit, mit den Wikingern zusammenzuarbeiten. Zu ihnen gehörte zum Beispiel Æthelwold, der Sohn von Alfreds Bruder und Vorgänger, der gegenüber Eduard, dem Sohn Alfreds, selbst Anspruch auf die westsächsische Königswürde erhob. Nach der Erhebung Eduards verband er sich mit den Wikingern in Northumbrien und wurde von ihnen als König anerkannt.

V. Das westsächsische Reich:
Die Begründung der westsächsischen Machtstellung erfolgte unter König Egbert (802-839), der durch einen Sieg 825 der mercischen Kontrolle über den Südosten ein Ende setzte und dieses Gebiet dauernder westsächsischer Herrschaft unterstellte. Sein Sohn Æthelwulf ( 858) war seit dem 7. Jh. der erste König von Wessex, der seinem Vater in der Königswürde nachfolgte, ein Erfolg der Regierung Egberts. Æthelwulf führte die Expansion fort, indem er 849 Berkshire einnahm. In seinem Testament ging er bereits von der Erbfolge seiner vier Söhne aus, die dann nacheinander Könige wurden; der letzte von ihnen war Alfred der Große (871-899), der als Oberherr sowohl von Mercien als auch von den Fürsten im südwestlichen Wales anerkannt wurde. Er unterstützte auch Eadwulf I. von Bamburgh, der über das Gebiet im Norden, das außerhalb des wikingischen Herrschaftsbereiches lag, herrschte. 883 wurde Mercien von dem ealdorman Æthelred regiert, der sich selbst niemals als 'rex', sondern nur als 'dux' bezeichnete und keine Münzen prägen ließ. Gleichwohl stellte er Urkunden aus und besaß gleichsam königliche Autorität. Nach seinem Tod (911) übernahm seine Witwe Æthelflæd, Tochter Alfreds des Großen, als domina die Regierung von Mercien. Sie verbündete sich mit ihrem Bruder Eduard des Älteren, König von Wessex 899-924, und beteiligte sich an der gegen die Dänen gerichteten Burgenbau-Politik (Befestigungen; burh; Burghal Hidage). Nach dem Tod Æthelflæds (918) folgte ihr in Mercien Eduard nach, der die Ansprüche ihrer Tochter, die er in Haft nahm, ausschaltete. 920 wurde er dann von Schotten, Cumbriern und Northumbriern als Oberherr anerkannt. Sein Sohn und Erbe Æthelstan übernahm 924 diese Oberherrschaft und 927 die Königs-Herrschaft in Northumbrien. Nach der Angelsächsischen Chronik brachte er am 12. Juli 927 in Eamont »alle Könige, die auf dieser Insel waren, unter seine Herrschaft«. Allerdings waren weder die Northumbrier noch die Schotten bereit, die - direkte oder indirekte - Oberherrschaft eines südenglischen Königs zu akzeptieren. Der schottische Widerstand veranlaßte Æthelstan, 934 einen großen Feldzug nach Schottland durchzuführen. 937 fiel eine vereinigte schottisch-northumbrisch-skandinavische Streitmacht unter der Führung von Olaf III. Guthfrithson, König des 919 erneut errichteten skandinavischen Königreiches von Dublin, in Mercien ein, wurde aber in der Schlacht von Brunanburh entscheidend geschlagen. Æthelstan nannte sich in seinen Urkunden: »rex Angulsexna« und »Northhymbra imperator paganorum gubernator Brittanorumque propugnator«.
Unmittelbar nach Æthelstans Tod (939) kehrte Olaf zurück und eroberte Northumbrien (mit York) und die fünf boroughs des dänisch beherrschten Mercien. 942 erlangte Edmund, Æthelstans Halb-Bruder und Nachfolger, ganz Mercien und 944 Northumbrien zurück. Die Northumbrier versuchten mit Hilfe der Skandinavier, deren königliche Oberherrschaft sie anerkannten, die Unabhängigkeit zu erlangen, doch nach der Vertreibung und dem Tod des norwegischen Königs von Northumbrien, Erich Blutaxt (954), wurde das angelsächsische Königreich erneut vereinigt. 956 wählte man Eadwig, den Sohn Edmunds, zum König, aber bereits im darauffolgenden Jahr wurde sein jüngerer Bruder Edgar nach einem Aufstand zum König von Mercien und Northumbrien erhoben. Nach dem Tod Eadwigs wurde dann 959 Edgar König von England. Sein Ruf eines äußerst erfolgreichen Herrschers beruht wohl wesentlich auf seiner starken Unterstützung der monastischen Reform (Benediktiner, Abschnitt B. VI; Dunstan); seine Stellung als Herrscher in England manifestierte sich durch seine Krönung von »imperialem« Zuschnitt, die am Pfingstsonntag 973 an angemessener Stätte, in der alten Römerstadt Bath, erfolgte. Edgars Tod im Jahre 975 ließ Spannungen hervortreten, die er zuvor durch seine energische Regierung gebunden hatte; die von Edgar geförderten Klöster und Kirchen hatten nach seinem Tod unter schweren Angriffen und Besitzentfremdungen zu leiden. Diese Krise verschärfte sich durch einen heftigen dynastischen Streit, in dem sich die Anhänger der beiden Söhne Edgars, der Halb-Brüder Eduard und Ethelred, befehdeten. Eduard der Märtyrer wurde 978 ermordet; sein Halb-Bruder Ethelred kann jedoch für diesen Mord nicht verantwortlich gemacht werden, da er damals erst zehn Jahre alt war. Als König war Ethelred II. bestrebt, die väterliche Politik einer Konsolidierung der Königsmacht fortzuführen, insbesondere in Gebieten, die erst seit kurzem vom Königtum beherrscht wurden. Diese Politik wurde jedoch bald durch neue Wikinger-Einfälle durchkreuzt. Seit 980 griffen skandinavische Gefolgschaften - einer ihrer Führer war der dänische König Svend Gabelbart - die reichen englischen Gebiete an. Zunächst waren sie nur an Plünderung oder Tributleistung interessiert, nicht jedoch an dauernder Ansiedlung. Im Gegenzug warben die Engländer skandinavische Gefolgschaftsführer zur Verteidigung an. Manche von ihnen erwiesen sich als unzuverlässig, doch einer der mächtigsten, Thorkill (Torcall), unterstützte Ethelred von 1012 bis zum Ende seiner Regierung in loyaler Weise. Die wachsende Machtstellung Thorkills, der möglicherweise auch Dänemark hätte bedrohen können, dürfte Svend Gabelbart veranlaßt haben, 1013 einen Eroberungs-Feldzug gegen England durchzuführen. In rascher Folge unterwarf Svend die meisten Gebiete des Landes. Am Ende des Jahres floh Ethelred in die Normandie; Svend fand Anerkennung als »König im vollen Sinne durch das ganze Volk«. Als er bereits zwei Monate später (1014) verstarb, huldigte das dänische Heer seinem Sohn Knut dem Großen, der von den Engländern jedoch nicht anerkannt wurde. Ethelred kehrte aus dem Exil zurück und sammelte Truppen gegen Knut, der sich nach Dänemark zurückzog. 1015 erschien Knut erneut mit einem Heer; trotz rascher Unterwerfung einiger Gebiete konnte er insgesamt keinen durchgreifenden Erfolg verzeichnen. Nach Ethelreds Tod im April 1016 wurde dessen Sohn, Edmund Ironside, zum Nachfolger gewählt. Er leistete dem Dänen heftigen Widerstand. Bald schlossen die beiden Kontrahenten jedoch ein Abkommen: Edmund sollte südlich, Knut nördlich der Themse König sein. Nach Edmunds Tod (November 1016) blieb den Engländern kaum eine andere Wahl als die Anerkennung Knuts im gesamten Königreich.
Durch Heirat mit Ethelreds Witwe Emma verringerte Knut die Gefahr einer Intervention von seiten ihres Bruders, Richard II. von der Normandie, zugunsten ihrer Kinder. 1018 trat Knut - als Nachfolger seines Bruders - auch die Herrschaft über Dänemark an. Obwohl Knut die reichen Ressourcen Englands für seine machtpolitischen Ziele in Skandinavien einsetzte, blieb England stets das Herzstück seines »imperiums«. Er regierte das Land durchgängig in angelsächsischer Tradition; lediglich in der obersten Aristokratie nahm er einige institutionelle und personelle Änderungen vor. Mehrere seiner Earls stammten aus Skandinavien, aber der mächtigste Earl in den späten Regierungsjahren des Königs war ein Angelsachse, Godwin von Wessex.
Knut starb im November 1035; ihm folgte in Dänemark Hardeknut (Harthacnut), Knuts Sohn aus der Ehe mit Emma. Eine einflußreiche Adelsgruppierung, der unter anderem Earl Godwin von Wessex angehörte, wollte Hardeknut auch in England zum König erheben, doch setzte sich Harald, der Sohn aus Knuts 1. Ehe mit Ælfgifu von Northampton, durch. Harald stützte sich auf eine Adelsgruppierung, deren Hauptbasis in Mittel- und Nord-England lag, wo seine Mutter Ælfgifu über bedeutenden Anhang verfügte. Hardeknut kam selbst nicht nach England, wodurch er seine Position weiter schwächte. 1037 wurde Harald gekrönt, Emma mußte ins Exil gehen. Nach Haralds Tod (1040) riefen die Engländer jedoch Hardeknut ins Land, mußten aber ihre Wahl bald bereuen, da Hardeknut zwecks Verstärkung seiner Flotte drastisch die Steuern erhöhte. Nach seinem Tod (1042) wurde Ethelreds einziger überlebender Sohn, Eduard der Bekenner, zum König erhoben.
Eduards Handlungsfreiheit wurde durch die dominierende Stellung Godwins, der sich einen riesigen Landbesitz geschaffen hatte, stark eingeengt. 1045 wurde Godwins Tochter Edith mit dem König vermählt; zwei Söhne Godwins, Svend (Swein) und Harald (Harold), trugen die Earlwürde. 1051 drängte Eduard jedoch die Godwin-Familie aus ihrer Machtstellung und schickte sie ins Exil. Die skandinavische Flotte, die auch nach Eduards Thronbesteigung weiter fortbestand, wurde nun aufgelöst. Eduard, der 25 Jahre im normannischen Exil gelebt hatte, protegierte die Normannen weit stärker als die Skandinavier; normannische Adlige kamen ins Land und errichteten Burgen. Die Translation Roberts von Jumièges vom Londoner Bischofssitz auf den Erzbischofsstuhl von Canterbury war gleichfalls eine wichtige Maßnahme im Zuge dieser Umorientierung. 1052 kehrte Godwin jedoch aus dem Exil zurück und zwang den König, ihn und seine Familie wieder in ihre alte Machtstellung einzusetzen; die meisten normannischen Gefolgsleute, unter ihnen Robert von Jumièges, mußten das Land verlassen. Nach Godwins Tod (1053) ererbte Harald die beherrschende Machtposition seines Vaters. Da Eduard kinderlos war, stellte die Nachfolgefrage ein zentrales Problem seiner Regierung dar: 1054 reiste eine englische Gesandtschaft unter Leitung Ealdreds, Bischofs von Winchester, an den deutschen Kaiserhof, wo sie über die Rückkehr Eduards 'the Exile' verhandelte, des einzigen überlebenden Enkels von Ethelred II., der sich im ungarischen Exil (und damit im weiteren Machtbereich des Imperiums) aufhielt. Eduard starb jedoch bald nach seiner Rückkehr in England (1057) und hinterließ zwei Töchter und einen Sohn, Edgar 'the Ætheling' (höchstens fünf Jahre alt). Später hat Wilhelm, Herzog von der Normandie, behauptet, er sei von Eduard als Erbe eingesetzt worden, und Harald Godwinson habe dies durch Eid bekräftigt (vgl. die - propagandistische - Szene auf dem Bildteppich von Bayeux). Ein solches Versprechen könnte gegeben worden sein, ist allerdings nicht sicher zu belegen. Am 6. Januar 1066, ein Tag nach dem Tod Eduards des Bekenners, wurde Harald zum Nachfolger gewählt.
Wenige Monate nach seiner Thronbesteigung mußte Harald einer Invasion des Königs von Norwegen, Harald Hardrádi, entgegentreten. Harald Godwinson konnte seinen Gegner bei Stamford Bridge am 25. September 1066 besiegen und töten. Dieser Erfolg blieb jedoch nicht von Dauer, da Herzog Wilhelm von der Normandie in England landete. Harald unterlag ihm und fiel am 14. Oktober 1066 in der Schlacht von Hastings. (Zur politisch-militärischen Vorbereitung und zum Verlauf der normannischen Invasion vgl. im einzelnen: Wilhelm der Eroberer, Normandie.) Nach einigem Zögern erkannten die Engländer Wilhelm als König an; er wurde am 25. Dezember 1066 gekrönt. Mancherorts gab es Widerstand gegen die neue Herrschaft, insbesondere im Norden und Südwesten, doch wurden diese Aufstände bis etwa 1070 niedergeschlagen. Auch danach erfolgten noch mehrere Revolten, und 1085 drohte eine dänische Invasion. Doch vermochten diese Ereignisse, Wilhelms Stellung als König von England und Herzog der Normandie nicht ernstlich zu gefährden.

VI. Das anglonormannische Reich:
Nach der Eroberung traten an die Stelle der alten englischen Aristokratie vielfach neue führende Leute, die - wie ihr König-Herzog - enge Verbindungen über den Kanal hinweg zu ihren Herkunftsgebieten, der Normandie oder angrenzenden nord- und westfranzösischen Regionen, unterhielten. Aus dem Kreis dieses »anglonormannischen« Adels, der von Wilhelm mit reichen Lehen bedacht wurde, entwickelte sich im wesentlichen die einflußreiche Schicht der Barone. Entsprechend wurden auch die wichtigsten Regierungs- und Verwaltungsposten mit Normannen oder anderen Fremden neubesetzt. Im übrigen erfolgten dagegen nur geringe Wandlungen. Wilhelm betrachtete sich als rechtmäßiger Nachfolger Eduards, er hatte daher wenig Anlaß, größere Veränderungen in der Gesetzgebung oder im Gerichtswesen vorzunehmen. Der Regierungs- und Verwaltungsapparat arbeitete im wesentlichen in der bisherigen Weise weiter; lediglich im Münzwesen wurde die Grundeinheit, das Pfund, standardisiert; damit entstand das Pfund Sterling. Das bestehende Steuersystem wurde vollständig übernommen und effektiv genutzt, auf der Basis der bisherigen Besteuerungsgrundlagen (Hufen/hides und carucatae/carucates), die - wie schon in früheren Zeiten - in bestimmten Abständen den veränderten Gegebenheiten angepaßt wurden (zur Anlage des Domesday Book ab 1086 siehe auch England, Abschnitt H). Auf den unteren Stufen der Verwaltung waren auch nach der Eroberung Engländer tätig, und zahlreiche englische Familien konnten unter der normannischen Herrschaft ihre Position bewahren; sie sollten im Leben der örtlichen Gemeinschaften, in den Dörfern und in den lokalen Gerichtshöfen, so denjenigen der shires, auch weiterhin eine bedeutende Rolle spielen.
Auf dem Totenbett bekräftigte Wilhelm die Nachfolge seines ältesten Sohnes, Robert Courteheuse (Kurzhose), als Herzog von der Normandie, während er seinen 2. Sohn, Wilhelm (II.) Rufus, als König von England designierte; der 3. Sohn, Heinrich (I.), wurde mit Einkünften abgefunden (1087). Diese Erbfolge ging zunächst ohne Schwierigkeiten vonstatten. Bereits 1088 kam es jedoch in England zu einem Aufstand gegen Wilhelm, mit dem Ziel einer Königserhebung Herzog Roberts. Diese Rebellion wurde niedergeschlagen. Im Gegenzug landete Wilhelm 1091 in der Normandie, wo er mit seinem Bruder ein Abkommen traf, das eine gemeinsame Regierung der Normandie vorsah. Drei Jahre später fiel Wilhelm erneut in die Normandie ein. Als Robert 1096 zum 1. Kreuzzug aufbrach, gab er die Normandie als Pfandschaft an Wilhelm, der zwar die Regierung des Herzogtums und den Nießbrauch der Einkünfte übernahm, nicht jedoch den Herzogstitel führte. Im August 1100 wurde Wilhelm auf der Jagd im New Forest getötet.
Der jüngste Sohn des Eroberers, Heinrich (I.), der sich zu diesem Zeitpunkt in England aufhielt, bemächtigte sich des englischen Thrones noch vor der Rückkehr Roberts vom Kreuzzug; doch gelang es Robert, seine Herrschaft in der Normandie zu bewahren. 1101 landete er sogar in England, konnte sich aber nicht durchsetzen und verzichtete gegen eine Geldzahlung auf seine Ansprüche (Vertrag von Alton). 1104 brach Heinrich I. zur Eroberung der Normandie auf; in der Schlacht von Tinchebrai (28. September 1106) nahm er Robert gefangen und hielt ihn bis zum Tode in Haft. Heinrich übernahm Regierung und Einkünfte des Herzogtums, später auch den Herzogstitel. Die Sukzessionsfrage wurde prekär, als Wilhelm, Heinrichs einziger legitimer Sohn, designierter Nachfolger in England und seit 1120 Lehnsmann des französischen Königs Ludwig VI. für die Normandie, im November 1120 mit der Blanche-nef ertrank. Da eine 2. Ehe Heinrichs I. mit Adela von Löwen ohne den erwünschten Nachwuchs blieb, kehrte Heinrichs Tochter aus 1. Ehe, Mathilde, die Witwe Kaiser HEINRICHS V., aus Deutschland zurück, um als Erb-Tochter die Nachfolge anzutreten. Sie heiratete 1128 den Grafen Geoffroy (Gottfried) von Anjou (Angers/Anjou).              

VII. Der Kampf zwischen den Häusern Blois und Anjou um das englische Königtum:
Nachdem Heinrich I. 1135 in der Normandie verstorben war, gelang es Stephan aus dem Hause BLOIS (CHAMPAGNE), den englischen Thron zu erobern. Stephan, der die Regierung der Champagne seinem älteren Bruder Tedbald II. überlassen mußte, war - durch Heirat - Graf von Boulogne. Dank der starken Förderung durch Heinrich I. hatte er die normannische Grafschaft Mortain sowie reiche Besitzungen in England gewonnen. Auch in der Normandie setzte er sich nach Heinrichs Tod durch; eine dortige Baronenversammlung, die zunächst Stephans Bruder Tedbald favorisiert hatte, wandte sich - angesichts der Erfolge Stephans in England - diesem zu.
Dieser Machtzuwachs des Hauses BLOIS rief seine alten westfranzösischen Konkurrenten, die ANJOU, auf den Plan, die zunächst auf dem Festland, dann in England die neugewonnene Position der BLOIS-CHAMPAGNE zu zerschlagen suchten: 1136 marschierte Graf Geoffroy, Gemahl der Mathilde, in die Normandie ein. Während Stephan seine dortigen Interessen zu verteidigen suchte, brachen in England Aufstände aus, die sich bald zu einer weitverbreiteten Opposition auswuchsen. Wichtigster Führer war Robert, Earl of Gloucester, ein illegitimer Sohn Heinrichs I. Ziel der Rebellen war die Durchsetzung der Ansprüche Mathildes und ihres Sohnes Heinrich (II.). Seit 1139 beteiligte sich Mathilde persönlich am Bürgerkrieg. Stephan unterlag bei Lincoln (1141) und geriet zeitweise in die Gefangenschaft seiner Konkurrentin. Später gewann er zwar allmählich die Oberhand, konnte aber nicht alle angevinischen Bastionen erobern. Earl Robert starb 1143, und
Mathilde verließ England 1148. Auf dem Festland eroberte Geoffroy zwischen 1141 und 1145 systematisch die Normandie und wurde vom Lehnsherrn, König Ludwig VII. von Frankreich, als Herzog anerkannt.
Der König von Schottland, David I., nutzte die Thronkämpfe in England, um - bei wechselnden Bündnissen mit den englischen Thron-Prätendenten - seine Herrschaft bis zum Ribble im Südwesten und zum Tees im Südosten auszudehnen. In Wales erhob sich »nationaler« Widerstand gegen die anglonormannischen Barone in den Walisischen MarkenLords of the Marches«), die auf militärischem Wege und durch Landesausbau ihre Expansion in Wales voranzutreiben suchten.
Heinrich, Geoffroys Sohn und Nachfolger in der Normandie, Anjou, Touraine und Maine, landete 1153 in England und führte einen erfolgreichen Feldzug gegen Stephan, dessen ältester Sohn, Eustachius IV., im August 1153 starb. Gegen Ende des Jahres erkannte Stephan im Vertrag von Winchester Heinrich als seinen Nachfolger an. Nach Stephans Tod (25. Oktober 1154) konnte Heinrich II. ohne Opposition die Herrschaft antreten.
P.H. Sawyer           
      
B. Das angevinische Königtum (1154-1216)
I. Von Heinrich II. Plantagenêt bis zur Magna Carta:
[1] Heinrich II.:
Mit der Thronbesteigung von Heinrich II. (1154-1189) wurde England zum Bestandteil eines weiträumigen Territorialgefüges, das von neueren Historikern als Angevinisches Reich ('Angevin Empire') bezeichnet wird. Heinrich war König in England ausschließlich aufgrund seines Erbrechts und seiner Krönung. Er war feudaler Oberherr (overlord) der Herren in den Marken von Wales; eine entsprechende Position konnte er seit ca. 1171 auch gegenüber den anglonormannischen Adligen, die Irland eroberten, erringen. Die einheimischen walisischen Fürsten mußten ihm wiederholt huldigen (ab 1157), ebenso die Könige von Schottland (1163,1175). In Frankreich war er dagegen in der Nachfolge seines Vaters Geoffroy, des Grafen von Anjou und Herzogs der Normandie, Vasall des französischen Königs. Heinrich wurde 1150 als Herzog investiert und folgte 1151 in Anjou und Maine seinem verstorbenen Vater nach. Durch seine Heirat (1152) mit Eleonore, der Erb-Tochter Herzog Wilhelms X. von Aquitanien, wurde Heinrich dann zum Herrn West-Frankreichs, dessen Machtbereich den breiten Küstensaum des Atlantik vom Poitou bis in den Pyrenäen-Raum hinein sowie östlich angrenzende Gebiete bis in die Auvergne umfaßte. 1158 gewann er auch die Oberhoheit über die Bretagne, deren Beherrschung stets ein politisches Ziel der Normannen-Herzöge gewesen war. Dieses angevinische »Reich« war in der Person des Herrschers begründet. Bezeichnend ist, daß Heinrich sich weit längere Zeit in Frankreich als in England aufhielt. Er schuf für seine Territorien keine zentralen Institutionen, außer der ihn begleitenden Kanzlei (Chancery). Abgesehen von einem gewissen Austausch von höheren Amtsträgern zwischen England und der Normandie, spielten in den einzelnen Gebieten einheimische Beamte und Magnaten die führende Rolle in den diversen Regierungs- und Verwaltungsinstitutionen. Heinrich bemühte sich um eine Sicherung seiner Herrschaft durch verstärkten Ausbau von Burgen (Abschnitt X,2) an strategisch wichtigen Punkten und durch die Verwendung von Söldnern, die - etwa bei Aufständen illoyaler Vasallen - rasch bewegt und zuverlässig eingesetzt werden konnten. Seine Politik war weniger durch Expansionsdrang als durch aggressiv defensiven Charakter gekennzeichnet. Heinrichs Gleichgültigkeit gegenüber einer stärkeren Verflechtung und Verdichtung seines Machtbereiches wird deutlich an den - fehlgeschlagenen - Plänen einer Teilung zwischen seinen Söhnen (1169,1174).

[2] Richard Löwenherz und Johann Ohneland:
Trotz mehrerer Revolten seiner Söhne überlebte das »Reich« die Ära Heinrichs II., da wegen des frühen Todes der beiden älteren Söhne des Königs, Heinrich der Jüngere ( 1183) und Geoffrey von Bretagne ( 1186), der drittälteste Sohn, Richard I., genannt Löwenherz (1189-1199), die gesamte Erbschaft antreten konnte. Nach Richards erbenlosem Tod vermochte der letzte überlebende Sohn Heinrichs II., Johann, genannt Ohneland (1199-1216), von England und zunächst auch von der Normandie Besitz zu ergreifen; der französische König Philipp II. August erkannte ihn 1200 als Richards Erben an. Eine Bewegung zugunsten Arthurs von Bretagne, des Sohnes von Geoffrey, endete mit Arthurs Ermordung (wohl 1202). Doch lieferte ein lehnsrechtlicher Prozeß Philipp II. den willkommenen Anlaß zur Konfiskation der angevinischen Länder: Johann war auf die Appellation des Grafen von Lusignan hin nicht vor dem Gericht des Königs von Frankreich erschienen. Ohne größere Schwierigkeiten unterwarf der französische König 1204 die Normandie und weitere Gebiete nördlich von Poitou. Dennoch verblieb den englischen Königen - neben den Kanalinseln - ein ausgedehnter Festlandbesitz in Südwest-Frankreich, der - ohne genaue Definition - weiterhin mit dem alten Begriff 'Aquitanien' gleichgesetzt, später dann als 'Guyenne' oder 'Gascogne' bezeichnet wurde.

II. Regierung und Verwaltung unter den angevinischen Herrschern:
Die Bezeichnung 'angevinisch' ist auch im Hinblick auf die Regierung und Verwaltung Heinrichs II. und seiner Söhne angewendet worden. Hier stellte Heinrich zunächst die Tradition einer zentralen monarchischen Lenkung wieder her. Sein Hauptziel war die Wiedergewinnung der alten Rechte und Besitzungen der Krone, wie sie - zumindest dem Anspruch nach - unter seinem Großvater, Heinrich I., bestanden hatten; so schaffte er den von Stephan von Blois und Mathilde konzedierten erblichen Ämterbesitz wieder ab und ließ Burgen, die ohne königliche Erlaubnis errichtet worden waren, schleifen. Statt der Barone, die mehr ihre eigenen Interessen vertreten hatten, zog er als örtliche Kronbeamte (so als Sheriffs und Kastellane) vor allen Dingen Männer aus seinem Hofhalt heran. Leute aus der königlichen Umgebung wurden möglicherweise in mehr als einem shire eingesetzt, fungierten wohl auch als Reiserichter (eyre Abwesenheit die ) und nahmen somit eine königsnahe Position ein, die sich vor allem in Sondermissionen (Militärwesen, Diplomatie) niederschlug. Die Professionalität der englischen Amtsträger der angevinischen Zeit wird durch zwei berühmte Werke deutlich, den »Dialogus de Scaccario« (Exchequer) des Richard von Ely und »De Legibus et Consuetudinibus Anglie«, eine Abhandlung, die dem führenden Juristen Heinrichs II., Ranulf Glanville, zugeschrieben wird, oft aber auch Hubert Walter, dessen Laufbahn das Musterbeispiel eines Karrierebeamten und Richters der angevinischen Zeit darstellt. So übte Walter als Justitiar in König Richards Regentschaft aus (1194-1198) und bekleidete unter dem Nachfolger Johann bis zu seinem Tod (1205) das Kanzleramt. Die ranghöchsten Amtsträger standen für verschiedene Funktionen zur Verfügung. Heinrichs Vertrauen in seine Helfer war durch die Niederwerfung des großen Aufstandes von 1173-1174 gestärkt worden; während der König in Frankreich weilte, wurde England vom Justitiar Richard de Luci ( 1178) regiert, und dieser hohe Beamte fungierte fortan bei auswärtigen Aufenthalten des Königs als dessen Regent.
Die Regierung Englands ist seit der angevinischen Periode besser dokumentiert als für die frühere Zeit. Durch die Förderung Heinrichs II. und seines Hofes erlebte die Geschichtsschreibung eine neue Blüte. In Ergänzung der monastischen Chronistik verfaßten drei weltliche Kleriker, Radulf von Diceto, Roger von Howden und der sogenannte Benedict von Peterborough, Geschichtswerke, die ihren Akzent durch ein Interesse der Verfasser an öffentlicher Verwaltung erfahren (Aufnahme von andernorts nicht überlieferten offiziellen Rechts- und Verwaltungsquellen in den Text!). Die Verwaltung selbst wandte sich nun der Registrierung und Archivierung ihres Schriftverkehrs zu: Die Exchequer's Series der jährlichen Pipe Rolls setzt - nach einem Unikat für 1130 - mit dem 2. Regierungsjahr Heinrichs II. ein; sie ist - mit nur geringen Verlusten - im Public Record Office erhalten geblieben. Weitere Serien gehen wohl auf die Initiative Hubert Walters zurück. 1194, als die Coroners zur Verhandlung der pleas of the crown eingesetzt wurden, begann auch die jährliche Eintragung der Prozesse der Curia regis und ebenso die Sammlung der beim königlichen Gerichtshof verbliebenen Teile der dreiteiligen indentures (Chirograph), einer Urkundengattung, die zur abschließenden Beurkundung von Verträgen diente (feet of fines). Unter Huberts Kanzlerschaft begann die Chancery mit der Archivierung von Abschriften der unter Großem Siegel erlassenen Briefe in jährlichen Serien.
Die vielfach einseitige Betrachtungsweise von W. Stubbs (1825-1901) in seinem einflußreichen, jedoch rückwärtsgewandten Werk »The Constitutional History of England ... to 1485« (1874-1878) ist aus der Forschungslage des späten 19. Jh. zu erklären (der größte Teil der Public Records war noch nicht ediert), insbesondere die Hypothese eines althergebrachten »Konstitutionalismus«. Tatsächlich hat die angevinische Regierung die Verbreitung des Urkundenwesens insofern gefördert, als die königlichen Richter dem schriftlichen Beweis bei strittigen Eigentums- und Besitzverhältnissen den Vorzug gaben (in diesem Zusammenhang traten auch in England monastische Fälschungen von Besitz-Urkunden auf). Darüber hinaus besaß das angevinische Königtum eine bemerkenswerte Fähigkeit zu Innovationen, wie sich vor allem anhand der Entwicklung des Englischen Rechtes zeigt. In diesem Bereich konnten F.W. Maitland (1850-1906) und seine Nachfolger durch eingehende Untersuchung der älteren Rechtsurkunden und Serien von writs, in Verbindung mit der Interpretation von zeitgenössischen juristischen Autoren wie dem sogenannten »Glanville« und Henricus de Bracton, die These eines althergebrachten englischen Konstitutionalismus, wie er von Stubbs gerühmt worden war, in wesentlichen Punkten widerlegen. Die von Maitland ins Leben gerufene Selden Society hat seit 1888 durch die Edition der »Select Pleas« zu unserer Kenntnis von der tatsächlichen Funktionsweise der Rechtsinstitutionen des englischen Mittelalers maßgeblich beigetragen. So wird heute allgemein die Auffassung vertreten, daß im Verlauf der Regierung Heinrichs II. ein juristisch fundiertes Verwaltungs- und Regierungssystem etabliert wurde, mit beachtlichen politischen Konsequenzen. Zwar bleibt unbeweisbar, daß die angevinischen Herrscher in planvoller Weise die feudalen Gewalten zurückdrängen wollten, indem sie die zivile Gerichtsbarkeit von den baronialen Gerichten weg und hin zu den königlichen Gerichtshöfen verlagerten, doch hatte ihr Vorgehen faktisch diese Wirkung. Die tenants ('Lehnsmänner') der Barone konnten von den Vorzügen der königlichen Gerichtsbarkeit profitieren; die Krone erlaubte den feudalen Gerichtshöfen dagegen nicht, selber Geschworenengerichte zu bilden. Die Tatsache, daß Untertanen im gesamten Königreich sich der gleichen, standardisierten Rechts- und Verfahrensnormen bedienen konnten, dürfte mit zur Bildung eines nationalen Identitätsbewußtseins geführt haben. Die angevinische Regierung war auf die Mitwirkung freier Untertanen angewiesen, die als Geschworene oder Vertreter örtlicher Gemeinden wirkten; diese konnten sowohl zur Verteidigung der Interessen der Krone eingesetzt werden wie zum Schutz eigener Interessen gegenüber der Mißwirtschaft königlicher Beamter (so in der »Inquest of Sheriffs«, 1170). Die freeholders ('freie Pächter') der shires, die sich regelmäßig in County Courts ('Grafschaftsgerichten') zur Anhörung und Ausführung der königlichen Anordnungen versammelten, waren durchaus zu gemeinsamer Aktion fähig, wie dies aus Urkunden König Johanns, der einigen shires die Wahl eigener sheriffs zugestand, hervorgeht. Günstige Positionen, an die sich die englische Gesellschaft mittlerweile gewöhnt hatte, wurden nun als Recht verstanden und fixiert. Die Klausel der Magna Carta, die das Geschworenengericht (trial by jury) garantiert, ist das berühmteste Beispiel für diese rechtlich-soziale Entwicklung, aber auch andere Bestimmungen offenbaren eine weitverbreitete Wertschätzung günstiger juristischen Verhältnisse und Einrichtungen, so die Bestimmung, daß der Court of Common Pleas an einem bestimmten Ort zu tagen hatte.
Die Magna Carta von 1215 wirft ein Schlaglicht auf die Anomalie der angevinischen Regierung: Der König, der seinen Untertanen angemessene Rechts- und Verfahrensnormen verlieh, war doch frei, seinen Willen auch gegen diese Normen durchzusetzen. Der Aufstand gegen Johann, der zur Durchsetzung der Magna Carta geführt hat, ist als baroniale Reaktion gegen den Regierungsstil der angevinischen Könige interpretiert worden. Dabei gab es spezifische Gründe für die Tatsache, daß eine erfolgreiche Revolte dieser Größenordnung nicht schon vor 1215 stattfand. Zwar hatte es bereits längere Zeit zuvor einen Aufstand der Barone, die im Bunde mit der Londoner Bürgerschaft standen, gegen Richards Justitiar Wilhelm Longchamps gegeben, doch hatte Richard diese Krise meistern können, indem er den unbeliebten Fremden 1191 abberief. Richards Bruder und Nachfolger Johann, dem militärische Fehlschläge zur Last gelegt wurden, hatte dagegen keineswegs die Popularität des sprunghaften, aber als Held verehrten Richard Löwenherz. Johanns »schlechter Presse« bei den monastischen Chronisten der Zeit steht heute ein gerechteres Urteil über die administrativen und juristischen Reformen, die unter seiner Regierung durchgeführt wurden, gegenüber, während die beispiellose Höhe seiner finanziellen Forderungen auf die Preissteigerung während seiner Regierung zurückgeführt wird. Der Krieg mit Frankreich zur Rückgewinnung der 1204 verlorengegangenen Gebiete ging bis zum entscheidenden französischen Sieg bei Bouvines (1214) weiter. Die Auseinandersetzung mit Papst Innozenz III. um die Wahl des Erzbischofs Stephen Langton (1207) hatte zur Verhängung des Interdikts über England geführt. Die Sorge um eine mögliche französische Invasion veranlaßte Johann, den päpstlichen Bedingungen für eine Beendigung des Interdikts nachzugeben und den Papst damit freiwillig als Lehnsherrn mit Lehnseid und Jahrestribut anzuerkennen (1213). Konsequenterweise hat der Papst die Magna Carta als Schädigung der Rechte seines königlichen Vasallen annulliert.       

C. Das Königtum und die sich ausprägenden Verfassungsinstitutionen (1216-1307)
I. Königliche Administration und Steuerwesen unter Heinrich III.; anglo-französische Beziehungen; baroniale Opposition
[1] Verwaltung und Regierungsform:
Obwohl als Friedensvertrag proklamiert, wurde die Magna Carta zum festen Bestandteil des englischen Rechtslebens. Durch zahlreiche ihrer Bestimmungen wurde der Feudal-Adel begünstigt, andere schützten jedoch die Interessen aller freien Untertanen; die Carta erkannte wohl bereits eine communitas des Reiches (community of the realm) als Adressat und Nutznießer ihrer Bestimmungen an. Johann starb während des Kampfes gegen eine neue baroniale Oppositions-Bewegung, die mit französischer Waffenhilfe (Anerkennung des französischen Prinzen Ludwig [VIII.] als neugewählter englischer König) agierte. Nach Johanns Tod ließen William the Marshal und die übrigen königlichen Testamentsvollstrecker den minderjährigen Sohn Johanns, Heinrich III. (1216-1272), in Gloucester krönen und publizierten eine modifizierte Fassung der Magna Carta, für die sie die Zustimmung des päpstlichen Legaten erlangt hatten (1216). Nachdem Ludwig von Frankreich aufgrund seiner Niederlage die englische Thronkandidatur aufgegeben hatte, wurde eine abermals revidierte Version der Carta (1217) verkündet, der auch die Bestimmungen über die Forste (Charter of the Forest) beigefügt wurden. Den früheren Rebellen gewährte man Frieden zu maßvollen Bedingungen, und die königlichen Richter nahmen mit einem allgemeinen eyre 1218 ihre Reisetätigkeit wieder auf.
Der Übergang von Heinrichs III. Minderjährigkeit zur persönlichen Regierung vollzog sich in mehreren Phasen: Nachdem der Regent William, der Earl Marshal, 1219 gestorben war, wurde Heinrich 1221 erneut, diesmal in Westminster, gekrönt. Bald darauf verließ der päpstliche Legat Pandulf, der Repräsentant der päpstlichen Lehnsherrschaft, das Reich. Papst Honorius III. erklärte Heinrich als im regierungsfähigen Alter stehend, obwohl der königliche Rat (Council, King's) die Rechte des Königs noch bis 1227 beschnitt. Sein Weg zu eigener Herrschaft, verbunden mit der Übernahme wichtiger Burgen, wurde von Erzbischof Stephen Langton und seinen Suffraganen nachhaltig gefördert; die einzige echte Opposition ging 1224 von Fawkes de Breauté aus. Die Machtstellung Huberts de Burgh, den König Johann auf Lebenszeit zum Justitiar eingesetzt hatte, wurde von seinen Gegnern, an deren Spitze Peter des Roches, der poitevinische Bischof von Winchester, stand, gestürzt; der »Neffe« des Bischofs, Peter des Rivaux, erhielt 1232 die oberste Kontrolle über den Exchequer und ebenso Leitungsbefugnisse über wichtige Bereiche der Lokalverwaltung. Diese Monopolisierung der Finanzverwaltung fand ihr Ende 1234 mit dem (zeitweiligen) Sturz Peters des Rivaux, ein Ergebnis des baronialen Bürgerkriegs, der durch die Ermordung von Richard Marshal, Earl of Pembroke, in Irland ausgelöst worden war. Wieder waren es englische Bischöfe unter Führung des neuen Erzbischofs von Canterbury, Edmund Rich, die maßgeblichen Anteil an einer friedlichen Beilegung des Konflikts hatten.
Der Reorganisationsprozeß des englischen Staates und seiner Institutionen wurde fortgesetzt. Peter des Rivaux nahm Reformmaßnahmen wieder auf, deren Anfang in die Zeit Johanns zurückreichten: Bei den häufigen Reisen Johanns im Regnum war es für den ortsfest etablierten zunehmend unmöglich geworden, den wachsenden Geldbedarf von König und Hof zu befriedigen; daher entwickelte sich die Exchequer Chamber (Kammer) als Schatzamt für den reisenden Hof. Um den Quittungen und Anweisungen dieser neuen Institution Rechtskraft zu verleihen, wurde das secretum, das kleine Geheimsiegel, geschaffen, der Ursprung des Privy Seal. Diese Ansätze verfielen während Heinrichs III. Minderjährigkeit, wurden aber während seiner persönlichen Herrschaft wiederaufgenommen: Als mobile Behörde für des königlichen Finanzwesen wurde die organisiert, die für die Versorgung des Königs und seines Gefolges, für die Besoldung der Dienerschaft etc. zuständig war und bei Feldzügen als eine Art militärische Zentrale des Königs fungierte. Das Wardrobe Privy Seal der Wardrobe wurde zusätzlich bei der königlichen Korrespondenz benutzt, wo immer sich der König befand. Das Große Siegel, das sich in der Obhut des Chancellor (Kanzlers) befand, war ja bei den Reisen des Königs nicht durchweg greifbar, da die Chancery - wie bereits der Exchequer - mehr und mehr an ihren Standort Westminster gebunden wurde. Die wachsenden Archivbestände der beiden ältesten Regierungsinstitutionen des englischen Staates machten eine solche feste Etablierung erforderlich; sie entsprach auch den Bedürfnissen der Untertanen. Heinrichs Neubau der Westminster Abbey unterstrich deren Bedeutung als politischen Mittelpunkt Englands. Das eigentliche Regierungszentrum war jedoch der Hofhalt, von wo aus der König durch seine Direktiven unter dem Privy Seal die Tätigkeit von Chancery und Exchequer lenkte.
Relativ gut unterrichtet sind wir über die Methoden, mit denen unter Heinrich III. die Herrschaftstechniken der königlichen Regierung ausgebaut wurden. In welchem Umfang die baronialen Kritiker der Kronpolitik mit den Einzelheiten der Organisation des königlichen Hofhalts vertraut waren, bleibt unklar; für die finanzielle Situation der Krone zeigten sie offensichtlich nur wenig Verständnis. Der Umstand, daß die finanziellen Ressourcen, die durch die hohen königlichen Abgabenforderungen stark beansprucht wurden, begrenzt waren, bildete einen Ansatzpunkt für strukturelle Wandlungen, die eine Straffung der Einkünfte zum Ziel hatten. Die Magna Carta hatte die Möglichkeiten des königlichen Zugriffs auf feudale Besitztümer und Rechte stark reduziert. Die verbleibenden feudalen Einnahmequellen wurden daher mit der Einrichtung des Escheator-Amtes einer strengeren Überwachung unterworfen. In der Krondomäne (demesne) übernahmen seit 1240 besondere Rechnungsbeamte die Rolle der Sheriffs. Ein Netz von Steuereinnehmern verstärkte in der täglichen Verwaltungspraxis die Unabhängigkeit des Königs vom Baronagium; entsprechendes gilt für die Funktion der königlichen Richter. Diese Entwicklungen leiteten eine bemerkenswerte Phase bei der Herausbildung gerichtlicher Verfahrensweisen zur Regelung von Streitfällen zwischen Untertanen, ja sogar zum Schutz von Vasallen vor ihren Lehnsherren ein. Reiserichter (eyre) führten dort Untersuchungen durch, wo königliche Einnahmequellen in verdächtiger Weise verlorengegangen waren und gerieten bei den Untertanen selbst in Verdacht, daß sie die königlichen Einkünfte durch Bußen von Prozeßparteien, die formale Fehler gemacht hatten, vermehrten. Durch das Quo-warranto-Verfahren konnten Herren vor Gericht gefordert werden, um ihre Rechtstitel auf Jurisdiktionsausübung und -vollzug zu beweisen, wobei die Rechtsberater des Königs offenbar davon ausgingen, daß alle derartigen Rechte im Regelfall der Krone gebührten. Die größere Differenzierung der Regierungstätigkeit nötigte den König, sich mit einem Stab von Beratern zu umgeben, wobei Heinrich III. neben altbewährten Verwaltungsfachleuten vor allem auch Verwandte heranzog. Seine Heirat mit Eleonore von Provence brachte Savoyarden nach England:
Wilhelm, Elekt von Valence ( 1239)
Peter, Earl of Richmond ( 1268)
Bonifatius ( 1270), Erzbischof von Canterbury.
Die Schwester des Königs heiratete 1238 Simon de Montfort; ab 1247 kamen verstärkt Poitevinen an den Hof, so die Halb-Brüder des Königs aus der 2. Ehe seiner Mutter mit Hugo von Lusignan, unter ihnen Wilhelm von Valence, Earl of Pembroke ( 1296), und Aymer, Bischof von Winchester ( 1260).

[2] Auseinandersetzung mit Frankreich:
Die Heiratspolitik Heinrichs III. läßt seine territorialen Interessen in Frankreich deutlich werden. Er war nicht bereit, die französischen Eroberungen als unwiderruflich hinzunehmen, und erhielt die Ansprüche auf Normandie, Anjou usw. aufrecht. Heinrich III. bediente sich zur Durchsetzung seiner Politik französischer Rebellen, die einen erfolglosen Bretagne-Feldzug (1230) und einen katastrophalen Zug ins Poitou (1242) provozierten. Der englische Hochadel lehnte es ab, im Poitou Militärdienst zu leisten, da er infolge der Aufgliederung des normannischen Hochadels in einen englischen und französischen Zweig nach 1204 keine Besitzungen mehr in Frankreich hatte. Dagegen beteiligte er sich aktiv an den Abwehrkämpfen gegen die Fürsten von Wales, Llywelyn ap Iorwerth (1238,1231), Dafydd ap Llywelyn (1241) und Llywelyn ap Gruffudd (1259,1262,1267; siehe auch Gwynedd). Entsprechende Aktivität war gegenüber Schottland nicht erforderlich; die Grenze war festgelegt seit dem Vertrag von York, in dem der schottische König Alexander II. 1237 auf Ansprüche in Nord-England verzichtet hatte. Bei der Verteidigung der Gascogne durch Heinrich gegen Alfons X. von Kastilien erkannten englische Lords 1254 die Verpflichtung zum Aufgebotsdienst an, doch verweigerten sie zornig Waffenhilfe bei dem sizilischen Vorhaben Heinrichs mit dem, der seinen Sohn Edmund Crouchback päpstlichen Lehnsreich Sizilien hatte belehnen lassen. Dieses Projekt nötigte Heinrich III., rasch eine dauerhafte Verständigung mit Ludwig  IX. von Frankreich zu suchen. Durch den Vertrag von Paris (1259) wurde das Herzogtum Gascogne, das England bis dahin in formloser Weise besetzt hielt, zu einer Territorial-Herrschaft, die von Frankreich zu Lehen ging; der König von England erklärte andererseits seinen Verzicht auf die verlorenen normannischen und angevinischen Gebiete, dafür wurden ihm nicht näher definierte Besitzungen an der Grenze der Gascogne sowie französische Waffenhilfe in Sizilien versprochen. Der Vertrag von Paris bildete die Grundlage der anglo-französischen Beziehungen bis 1337. - Ohne größere Wirkung blieb der Erwerb der deutschen Krone durch Richard von Cornwall (Doppelwahl von 1257), den Bruder Heinrichs.

[3] Finanzierung der auswärtigen Kriegführung:
Die üblichen königlichen Einkünfte waren für eine auswärtige Kriegführung unzureichend. Die Erhebung von scutage (Schildgeld) anstelle des Heeresdienstes, die im 12. Jh. begann, wurde in großem Umfang erstmals von Johann durchgeführt. Daher beschnitt die Magna Carta dem König das Recht auf scutage und feudale Subsidien; beide Abgabenarten erbrachten jedoch nur begrenzte Gewinne, da sie auf die Kronvasallen (tenants-in-chief) begrenzt waren. Versammlungen der Kronvasallen stimmten fallweise derartigen Subsidienleistungen zu, zum Beispiel für die Feldzüge gegen Bretagne und Wales. Nachdem es 1194-1217 verschiedentlich zu einer außerordentlichen Besteuerung der gesamten Untertanenschaft gekommen war, setzte sich der Dreißigste auf die Fahrhabe, der erstmals 1207 erhoben worden war, im 13. Jh. als vorherrschende Steuerart durch. Es wurde insgesamt anerkannt, daß der König in allgemeinen Krisenzeiten eine außerordentlichean Steuer von seinen Untertanen erheben konnte, doch vor der Festsetzung und Erhebung der Steuer mußte bei den Untertanen ein Konsens über das Vorliegen eines solchen Notstandes bestehen. So rechtfertigten die französischen Eroberung des Poitou und die Bedrohung Aquitaniens 1225 die Erhebung eines Fünfzehnten. Die Zustimmung wurde erteilt von einer Ratsversammlung der tenants-in-chief, die davon ausgingen, daß ihre Untervasallen zahlen würden. Als Gegenleistung für diese außerordentliche Steuerbewilligung setzte Heinrich III. die Magna Carta wieder in Kraft, in einer endgültigen Fassung, die allen nachfolgenden Sammlungen der »Reichsstatuten« (statutes of the realm) vorangestellt wurde.
Dieser letzte Neuerlaß der Magna Carta als Zeichen königlicher Dankbarkeit sollte ein Präzedenzfall für die Lösung politischer Schwierigkeiten werden. Heinrich III. machte 1237 und 1253 erneut feierliche Versprechungen als Gegenleistungen für finanzielle Zugeständnisse auf Versammlungen der Barone, die ursprünglich seinen Plänen widersprochen hatten. Dieser Widerspruch richtete sich dabei nicht nur gegen die Verwendungszwecke der Steuergelder, sondern auch gegen die Form der königlichen Regierung, wobei der Zentralregierung Mißwirtschaft, der lokalen Beamtenschaft Erpressung vorgeworfen wurde. Dieser letztere Klagepunkt fand offenbar breite Unterstützung; die Kronvasallen dürften in den baronialen Versammlungen wahrscheinlich zum Teil Klagen ihrer eigenen Vasallen über Verletzungen der Carta aufgegriffen haben. Die feierlichen Zusagen des Königs waren somit ein frühes Beispiel für das Versprechen von Besserung und Reformen als Preis für finanzielle Hilfe. Eine andere Zielscheibe der baronialen Kritik war Heinrichs III. Hang zu kostspieligen politischen Verpflichtungen, die er nur unter Mitwirkung seines engen Ratgeberkreises, aber ohne baronialen Konsens einzugehen pflegte. Daher wurden in einigen Fällen (1237,1244) Vorschläge gemacht, Vertreter des Baronagiums in den königlichen Rat zu entsenden.
Die umfassendste Quelle für die politischen Debatten dieser Zeit sind die »Chronica Majora« des Matthaeus Paris, Mönchs von St. Albans ( 1258). Wie andere Autoren, unter ihnen auch Kleriker der Chancery, bezieht sich Matthaeus auf Versammlungen der geistlichen und weltlichen Herren (lords spiritual and temporal), die vom König zum Parliament geladen wurden, ebenso aber auch zu consilia, colloquia usw. Das Wort 'parliamentum' wurde oftmals verwendet, wenn der königliche Rat durch Richter, Gerichtsbeamte und - wenige - adlige Herren verstärkt wurde; das Hauptgeschäft dieser »weiten« Ratsversammlungen war jurisdiktioneller Natur. In ihrem Charakter als oberster Gerichtshof entsprechen diese Parliaments im wesentlichen den Parlements der Könige von Frankreich.

  Quelle: Lexikon des Mittelalters, CD-ROM-Ausgabe. Verlag J. B. Metzler 2000. LexMA 3, 1940-1941

[4] Der Konflikt zwischen Heinrich III. und der baronialen Opposition:
Die Drohung mit Exkommunikation und Interdikt durch Papst Alexander IV. wegen der Nichterfüllung der in Zusammenhang mit der sizilischen Belehnung getroffenen Zusagen zwang Heinrich III., einen großen Rat der Lords zu versammeln, um ihre Hilfe für das sizilische Unternehmen zu gewinnen (1258). Eine Schwureinung von sieben Herren stellte sich an die Spitze der Opposition. Sie bewog den König, den Papst um Milderung seiner Bedingungen zu ersuchen, und versprach im Gegenzug Hilfe von der »Gesamtheit des Königreiches« (community of the realm). Eine weitere Bedingung für diese Hilfe war die Reform der Regierung; zu diesem Zweck gestand Heinrich III. die Bildung eines Ausschusses aus zwölf seiner Räte und zwölf Beauftragten der Barone zu. Diese Körperschaft übernahm die Regierungsgeschäfte. Durch die »Provisions of Oxford« errichtete sie das Amt des Justitiars neu und ernannte einen Rat von 15 Mitgliedern, der Chancery und Exchequer zu kontrollieren hatte. Die poitevinischen Halb-Brüder des Königs wurden abgesetzt. Zur Entwicklung von Reformplänen sollten regelmäßige Parliaments der Großen stattfinden. Die Grafschaftsgerichte wurden ersucht, jeweils vier Ritter zu wählen, die in jedem shire die Klagen gegen sheriffs und andere Amtsleute sammeln sollten; diese Beschwerden sollten dann vor ein Parliament gelangen. Schließlich wurde - aufgrund der Forderungen der bachelors, der unteren Vasallen - in den »Provisions of Westminster« (1259) eine Reihe von Reformen der Rechtspraxis dekretiert; sie sollten die Vasallen vor der Willkür ihrer Lehnsherren, aber auch der königlichen Beamten schützen.
Heinrich III. konnte jedoch seine Kontrollgewalt wieder zurückgewinnen, sobald die Einigkeit der Herren nachließ. Der Papst löste ihn 1261 von seinem Eid, die Provisionen zu halten. Mit Hilfe von Söldnertruppen ging der König militärisch gegen den adligen Widerstand vor. 1263 kehrte Simon de Montfort aus Frankreich zurück und bemühte sich als Führer einer neuen baronialen Partei, den König zur Befolgung der Provisionen zu veranlassen. Ein Bürgerkrieg wurde zunächst abgewendet durch Anrufung König Ludwigs IX. von Frankreich als Schiedsrichter, durch dessen Mise d' Amiens die »Provisions of Oxford« 1264 für unwirksam erklärt wurden. Ein daraufhin ausgebrochener kurzer offener Krieg endete mit De Montforts Sieg über Heinrich III. und dessen Gefangennahme bei Lewes (siehe auch Barone, Krieg der; Widerstandsrecht). Ein autorisierte die Errichtung einer neuen 'Form der Regierung' durch einen Dreierausschuß, dem neben Simon de Montfort, Earl of Leicester, auch der Earl of Gloucester, Gilbert de Clare, und der Bischof von Chichester, Stephen Berksted, angehörten; sie sollten als Dreiergremium den König beraten, übten tatsächlich jedoch die Regierungsgewalt aus. Doch konnten sie die königstreu gebliebenen Prälaten und Herren nicht für ihre Sache gewinnen. Daher kann das am 20. Januar 1265 abgehaltene Parliament als Versuch De Montforts gelten, seine politische Basis zu erweitern; neben den Herren (lords) wurden erstmals zwei in jedem shire gewählte Ritter (knights) sowie zwei Bürger aus jeder der ca. 150 Städte zum Parliament geladen. Trotz eines mit dem Thronfolger Eduard (I.) bei diesem Parliament getroffenen Abkommens wuchs De Montforts Unbeliebtheit beim Hochadel. An der Spitze einer royalistischen Reaktion vernichtete Eduard in der Schlacht von Evesham (1265) seinen Gegner De Montfort. Im Zuge privater Repressionsmaßnahmen verloren zahlreiche seiner Anhänger ihre Güter ('the Disinherited'). Zentren des baronialen Widerstandes waren Kenilworth sowie die Fenland-Inseln Axholme und Ely. Für eine Befriedung setzte sich insbesondere der päpstliche Legat Ottobuono (der spätere Hadrian V.) ein, der durch Ausarbeitung einer Reihe von Klauseln eine ehrenvolle Kapitulation der Rebellen ermöglichte. Die Wiederkehr stabiler Verhältnisse wurde begünstigt durch das »Statute of Marlborough« (1267), das gleichsam eine Erneuerung der »Provisions of Westminster« mit ihrer Gesetzgebung zugunsten der unteren Vasallen darstellte.

II. Gesetzgebung und militärische Auseinandersetzungen während der Regierungszeit Eduards I.:
[1] Gesetzgebung:
Die lange Regierung Heinrichs III. endete mit der zurückgewonnenen Handlungsfreiheit des Königtums, das Räte und Amtsträger wieder nach eigenem Gutdünken einsetzen konnte. Die Tatsache, daß Heinrichs Sohn Eduard sich 1270 dem letzten Kreuzzug Ludwigs des Heiligen anschließen konnte, zeigt ein konsolidiertes Vertrauensverhältnis zum Adel. Vier Tage vor Heinrichs III. Tod (1272) wurde Eduard I. (1272-1307) zum König proklamiert (sein Regierungsbeginn wird erstmals mit diesem Tag datiert, nicht wie bei den früheren Königen mit der Krönung). Er kehrte aus dem Hl. Land zurück und wurde 1274 gekrönt. Die erste Phase seiner Regierung trug ihm den Ruf eines großen Gesetzgebers und eines Schöpfers des konstitutionellen Fortschritts ein. Während Stubbs und seine Schule Eduard I. als einen patriotischen König und »englischen Justinian« hochschätzten, beurteilt die neuere Forschung die Ziele seiner Gesetzgebung und seine angeblichen konstitutionellen Versuche weitaus kritischer. Diese Revision ist ein Ergebnis der intensiven Erforschung der reichen Archivbestände seiner Regierung, die Verwaltungs- und Gerichtswesen dokumentieren. Stubbs sah den Gipfelpunkt in Eduards gesetzgeberischer Tätigkeit in der Versammlung von 1295, die er als das »Musterparlament« bezeichnete. An diesem Parliament nahmen neben den Lords auch gewählte Ritter aus den shires und Stadtbürger teil. Stubbs' Auffassung wurde durch die 1922 gemachte Entdeckung, daß ein Parliament mit ähnlicher Zusammensetzung bereits 1275 stattgefunden hatte, erschüttert. Darüber hinaus ließ sich zeigen, daß auch nach 1295 an der Hälfte seiner Parliaments keine gewählten Vertreter teilnahmen. Die Ansicht, Eduard habe solange experimentiert, bis er ein »perfektes Modell« gefunden habe, ist somit nicht mehr aufrechtzuerhalten. Die große Zahl (70?) seiner kurzen Parliaments deutet eher darauf hin, daß der König in pragmatischer Weise zu jedem Parliament diejenigen Männer lud, die er nach Art der zu behandelnden Geschäfte benötigte. Maitlands Auffassung, daß diese Parliaments in starkem Maße den Charakter von Gerichtstagen trugen, bleibt demgegenüber nach wie vor gültig. Daß diese Rolle sich verstärkte, zeigt die stark wachsende Anzahl von Petitionen, die von Repräsentanten der Commons während der Tagungszeit dieser Parliaments an den König oder an König und Rat gerichtet wurden.
Die fundamentale Neubewertung der Gesetzgebung Eduards erfolgte durch T.F.T. Plucknett (1897-1965), der damit Maitlands Forschungen in wesentl. Weise ergänzte. E.s Maßnahmen werden als Statuten bezeichnet, da sie in Dokumentensammlungen über Grundlagen und Praxis des englischen Rechtswesens, von der Magna Carta an, enthalten sind; derartige Kompilationen wurden zum Gebrauch der professionellen engl. Rechtsgelehrten, der common lawyers, angelegt. Deren Ausbildung wurde auf Weisung Eduards I. (1292) der Kontrolle durch die königlichen Richter unterstellt. Die Statuten Eduards I. wurden nicht durch ein besonderes parlamentarisches Verfahren in Kraft gesetzt, wie das später der Fall war, sondern durch königliche Autorität. In ihrer Form variierten sie je nach den Umständen. So gab es etwa königliche Weisungen durch (zum Beispiel »Circumspecte agatis«), aber auch im writ Parliament verkündete articuli, die dadurch Publizität erhalten sollten; gelegentlich wurde auf das Gesuch oder die Zustimmung der im Parliament Anwesenden Bezug genommen. Das erste »Statute of Westminster« war das Resultat von auf breiter Basis durchgeführten Enquêtes, die zahlreiche Mißbräuche der Lokalverwaltung enthüllten und in den Hundred Rolls aufgezeichnet wurden; seine Publikation erfolgte 1275 in Eduards erstem allgemeinen Parliament. Dagegen wird im »Statute of Winchester« (»De pace«) von 1285, das bis in die Neuzeit die Grundlage für Rechtsvollzug und -durchsetzung bildete, kein Parliament erwähnt.
Die Annahme einer grundsätzlich »antifeudalen« Politik Eduards ist durch eine nähere Erforschung derjenigen Prozesse, deren Ausgang durch die kgl. Gesetzgebung beeinflußt wurde, widerlegt worden. Eine weitere allgemeine Inquisitio untersuchte 1278 die Rechtstitel, mit der feudale Lehnsträger Gerichtsbarkeit oder sonstige Verwaltungstätigkeit ausübten. Diese »Quo-warranto«-Untersuchungen führten dazu, daß einige Große die bis dahin ausgeübten Gerichts- und Herrschaftsrechte abgeben mußten oder sie erst nach einer Bußzahlung wiedererlangten. Doch wurde diese Aktion nicht konsequent weiterverfolgt. Schließlich erlaubte das »Statute of Quo Warranto« (1290) allen Herren, die eine kontinuierliche Ausübung von Rechten seit 1189 nachweisen konnten, die ungestörte Fortsetzung. Andere Statuten schützen Herren gegen einen Verlust von feudalen Dienstleistungen, wenn der betreffende Vasall sein Land verkauft hatte (»Quia emptores«, 1290) oder es einer kirchlichen Institution übereignet hatte (»Mortmain«, 1279). Das »Statute of Westminster II« (1285) restituierte sogar die im »Statute of Marlborough« abgeschafften Jurisdiktionsrechte der Herrengerichte über die Vasallen. Die königlichen Rechtsgelehrten lösten diese Unzuträglichkeit allerdings zugunsten der Untervasallen auf. Eduards Richter hatten wichtigen Anteil am Entwurf seiner Statuten; es ist unwahrscheinlich, daß der König sich selbst mit allen Detailfragen befaßte.

[2] Politik gegenüber Wales und Schottland:
Eduards Bestreben, die feudale Sozialstruktur zu erhalten, ist verständlich, denn als aktiver Heerführer war er auf die militärischen Dienste des Baronagiums angewiesen. Nachdem Eduard bereits im Krieg der Barone militärisch hervorgetreten war, erwies er sich vor allem in den Kriegen gegen den walisischen Fürsten von Gwynedd, Llywelyn ap Gruffudd, als erfolgreicher Stratege. Nachdem dieser 1277 den Lehnseid verweigert hatte, mußte er sich im Zuge des gegen ihn geführten ersten Krieges unterwerfen, den Lehnseid leisten und Land abtreten (Vertrag von Conwy); im zweiten walisischen Krieg wurde der walisische Widerstand erneut gebrochen (1282-1283); Llywelyn fiel, sein Bruder Dafydd wurde hingerichtet, ihre Kinder verschwanden hinter Burg- und Klostermauern. Damit war das Fürsten-Haus von Gwynedd ausgelöscht; seine Territorien wurden mit dem »Statute of Wales« (1284) der englischen Krone ein verleibt. Die englische Herrschaft wurde durch die Errichtung von Burgen (Conwy, Caernarfon und anderen) und die Gründung englischer Siedlungen gefestigt. Der Titel des Prince of Wales wurde für Eduards I.  Thronerben 1301 erneuert; mit ihm war später das Earldom of Chester als Apanage des männlichen Thron-Erben von England fest verbunden.
Mit Schottland schien sich eine Vereinigung auf friedlichem Wege anzubahnen, als im Vertrag von Brigham (1290) die Heirat zwischen Eduards Erben, Eduard (II.), und der Erbin von Schottland, Margarete, Enkelin des schottischen Königs Alexander III. ( 1286), vereinbart wurde. Ihr früher Tod ließ Schottland jedoch ohne anerkannten Thronerben. Die schottischen guardians (Regentschaftsräte) luden Eduard I. ein, als Schiedsrichter in der Great Cause, der Sukzessionsfrage, zu fungieren. In Norham (Northumberland) forderte Eduard 1291 die Anerkennung als Oberlehnsherr von Schottland, was von den schottischen Thronbewerbern akzeptiert wurde. Eduard entschied, daß der von England unterstützte Prätendent John Balliol zu Recht König von Schottland sei (1292), woraufhin dieser erneut den Lehnseid leistete. Aufgrund seiner superioritas erließ Eduard procedures für schottischen Prozeßparteien, damit sie an sein Hofgericht in der gleichen Weise appellierten, wie er selbst die Obergerichtsbarkeit des französischen Königs über Aquitanien anerkannte.

[3] Verhältnis zu Frankreich:
Eduards Verhältnis zu Frankreich war gekennzeichnet durch die Lehnseide an Philipp III. (1273) und Philipp IV. (1286) für seine Besitzungen in Frankreich. Die persönlichen Beziehungen zu seinen französischen Oberlehnsherren waren lange Zeit freundlich; die Verträge von Amiens (1279) und Paris (1286) sollten territoriale Fragen, die aus dem Vertrag von 1259 herrührten, einvernehmlich beilegen. Eduard hielt sich 1273-1274 und 1286-1289 in der Gascogne auf und traf dort Anordnungen für die Verwaltung und Verteidigung des Landes; die Einkünfte aus der Gascogne machten etwa ein Drittel seiner Gesamteinkünfte aus, ein wichtiger Grund also, dort die Intervention französischer Kronbeamter zu dulden. Als anglogascognische Piraten 1293 La Rochelle plünderten, entsandte Eduard eine Gesandtschaft an den französischen Hof, an deren Spitze sein Bruder Edmund Crouchback stand. Trotzdem verhängte Frankreich die Aberkennung (forfeiture) des Herzogtums wegen Nichterscheinen (1294). Dieser rüstete nun für einen Krieg gegen Frankreich, konnte aber wegen seiner Auseinandersetzungen mit Walisern und Schotten erst 1297 den Feldzug beginnen. Seine Operationen in Flandern endeten mit einem Waffenstillstand, der bis zur Zuerkennung der Gascogne im Vertrag von Paris (1303) erneuert wurde. Eduards militärische Pläne in Frankreich waren zunächst durch einen walisischen Aufstand (1294-1295) durchkreuzt worden. Die Schotten, die sich seiner feudalen Oberhoheit widersetzten, zwangen ihren König 1295 zum Bündnis (Auld Alliance) mit Frankreich (War of Independence). Dies beantwortete Eduard mit einer großangelegten Invasion, in deren Verlauf Berwick-upon-Tweed gestürmt, das schottische Heer bei Dunbar geschlagen und Schottland bis Elgin überrannt wurde. John Balliol mußte abdanken, seine Regalien wurden eingezogen. Eduard gründete 1297 eine englische Siedlung in Berwick, dem Zentrum der englischen Herrschaft und Verwaltung in Schottland. Doch war er nicht in der Lage, den schottischen Widerstand zu zerschlagen; während seines siebenten Schottland-Feldzuges starb Eduard im Grenzgebiet (1307).

[4] Steuerpolitik:
Der Krieg erforderte eine nationale Besteuerung. Subsidien auf die Fahrhabe waren bereits für die walisischen Feldzüge erforderlich, da ihre lange Dauer die übliche Dienstzeit des feudalen Aufgebotes von 40 Tagen weit überschritt und den Truppen daher Sold gezahlt werden mußte. Ein von Rittern besuchtes Parliament bewilligte einen Fünfzehnten zur Tilgung der Schulden des Königs in der Gascogne (1290). Nach der französischen Besetzung von Aquitanien erhöhte Eduard willkürlich die Abgaben auf Wollexporte (1275), erlegte dem Klerus eine hohe Subsidie auf und erhob einen parlamentarisch bewilligten Zehnten (1294). Vollbesuchte Parliaments stimmten weiteren Subsidien für den Schottland-Krieg zu (1295, 1296). Eine derart häufige und rücksichtslose Steuererhebung war bis dahin beispiellos; sie umfaßte Prisen und maltoltes ('ungerechte Zölle') auf Handelsgüter, Requisitionen (purveyance) für die Soldaten des Königs und die Mitglieder seines militärischen Hofhaltes, Frondienste für den Burgenbau usw. Die Steuerlasten stiegen drastisch. Ein Rat von Baronen lehnte es ab, in der Gascogne zu kämpfen, während der König in Flandern Krieg führte (1297). Eine andere Subsidienleistung, die auch die Geistlichkeit traf, wurde in einem Schein-Parliament angeordnet. Während der Abwesenheit des Königs besetzten mehrere Große nun London. In einem Parliament erklärte sich der Stellvertreter des Königs bereit, Urkunden und Erlasse zu bestätigen, die eine ungerechte Besteuerung verboten. Einer Ratifikation dieser Zugeständnisse durch den König wurde mißtraut; fortdauernder Druck von seiten der Barone veranlaßte Eduard, eine weitere Bestätigung und die »Articuli super cartas« (1300) zu erlassen. Eine dritte Bestätigung war der Preis für eine weitere Subsidie (1301). Das Mißtrauen der Untertanen war berechtigt: Der neue, aus der Gascogne stammende Papst, Clemens V., löste 1305 den König von allen erzwungenen Eiden seit 1297. Dieser Versuch des Königs, seine Zugeständnisse zurückzunehmen, erklärt wohl die Bestimmung, die 1308 dem Krönungseid Eduards II. hinzugefügt wurde: der König hatte sich zu verpflichten, die Gesetze zu halten, »die von Deinem Volk gewählt werden«.

D. Das Königtum im Konflikt mit Adelsgruppierungen. Der Hundertjährige Krieg
I. Die Krise des Königtums unter Eduard II.
[1] Der Einfluß Gavestons und der Despenser:
Der schottische Unabhängigkeitskrieg (War of Independence) gewann schnell an Stoßkraft. Zwei kurze Feldzüge (1307,1310) blieben wirkungslos, der dritte (1314) war katastrophal (Bannockburn). Die Beziehungen Eduards II. (1307-1327) zu seinen Großen verschlechterten sich, insbesondere wegen der Begünstigung seines Favoriten Peter Gaveston. Die adlige Opposition gipfelte in der Einsetzung von Ordainers, deren Reform-Ordinances der König in einem vollbesuchten Parliament 1311 akzeptierte. Eine durchgreifende Neuordnung war notwendig geworden wegen der von Eduard I. hinterlassenen Verschuldung und wegen der Praxis des Hofhalts, sich Einkünfte ohne Absprache mit dem aushändigen zu lassen. Die königlichen Machtmittel wurden drastisch beschnitten: Wichtige politische und personalpolitische Entscheidungen sollten im Exchequer Parliament mit baronialer Zustimmung gefällt werden. Trotz ihres Reformprogramms setzten die adligen Opponenten - anders als ihre Vorgänger von 1258 - keinen Ausschuß zur Durchführung der Ordinances ein. Erst als Gaveston - wie schon früher - seiner Verbannung Trotz bot, übernahmen drei Earls diese politische Rolle; der Günstling wurde 1312 ohne Gerichtsverfahren hingerichtet.
über einen langen Zeitraum war Das nächste Jahrzehnt war eine Periode des »kalten« Bürgerkrieges. Die von T.F. Tout und J.C. Davies (1891-1971) angenommene Hypothese einer organisierten »baronialen Oppositionspartei« hält der neueren Forschung nicht stand. Stärker als auf die Zentralregierung konzentriert sich das Interesse mittlerweile auf individuelle Adlige, deren Aktivitäten und Interessen besser belegt sind. Der einzige gefährliche Opponent Eduards, sein Vetter Thomas, Earl of Lancaster. Er stand an der Spitze der Mörder Gavestons und bemühte sich - allerdings mit disparaten Aktivitäten -, den König zur Einhaltung der Ordinances zu veranlassen. Eine isolierte Figur, kämpfte Thomas fanatisch gegen andere Große und behandelte auch seine Gefolgsleute mit Härte. Genausowenig war Eduard in der Lage, Loyalität zu wecken oder die Adligen in seinem Gefolge im Zaum zu halten. Hungersnöte und Wirtschaftskrisen (1315-1322) sowie der schottische Krieg führten zum Zusammenbruch der öffentlichen Ordnung.
Die politische Unfähigkeit des Königs wurde von seinen führenden Günstlingen, Vater und Sohn Despenser, zu eigenem Aufstieg ausgenutzt. Die skrupellosen Bereicherungsmethoden Hugh Despensers des Jüngeren, gerichtet auf das Earldom Gloucester, dessen Mit-Erbin seine Frau war (Clare), lösten einen Krieg im südlichen Wales aus; ein Parliament verbannte 1321 die DESPENSER. Nach diesem Erfolg zerfiel jedoch die gegen die DESPENSER gerichtete Koalition (sie umfaßte Thomas of Lancaster, verschiedene oppositionelle Höflinge sowie Lords der walisischen Marken). Mit unerwarteter Energie ging der König gegen seine Gegner vor und rief die DESPENSER zurück. Die Rebellen unterlagen bei Boroughbridge; Thomas of Lancaster und zahlreiche seiner Anhänger wurden nach der Schlacht hingerichtet (1322). Ein derartiges Blutbad war beispiellos; die »contrariants« wurden aufgrund der Anklage des Königs, lediglich wegen Erhebung des Aufstandsbanners und bewaffneter Opposition, zum Tode verurteilt.

[2] Der Sturz des Königs:
Ein parlamentarisches Statut, erlassen zu York, hob nun die Ordinances auf. Neue Ordinances wurden 1323-1326 erlassen, ihr Initiator war der Schatzmeister Walter Stapledon, Bischof von Exeter; sie sahen drückende Abgaben zur Sicherung der Funktionsfähigkeit der Finanzbehörden vor. Die Verbesserung der Einkünfte sicherte Eduard einen Haushaltsüberschuß. Doch war die politische Stabilität nicht wiederhergestellt worden; die Unzufriedenheit wurde gewaltsam niedergehalten. In seiner Gier nach Land mißachtete Hugh Despenser der Jüngere permanent das Recht und erlaubte seinen Gefolgsleuten jegliche Form von Willkür. Gedeckt von Eduard, beraubte und demütigte er auch die Königin Isabella. Diese wurde - wegen des Konfliktes um St-Sardos (1324-1325) - mit einer Gesandtschaft zu ihrem Bruder König Karl IV. nach Paris entsandt. Mit ihrem Geliebten, dem verbannten Marken-Baron Roger Mortimer, kehrte sie nach England zurück; Truppen stellte Graf Wilhelm von Hennegau, der künftige Schwieger-Vater ihres Sohnes Eduard (III.). Diese Invasion war der Auftakt zu einem allgemeinen Aufstand. Eduard II. wurde für regierungsunfähig erklärt. Diese erste formelle Absetzung eines englischen Königs wurde durch ein Parliament mit Vertretern aller freien Untertanen, einschließlich des Klerus, vorgenommen (1327). Die Thronfolge wurde dem Erben zuerkannt, der jedoch bis 1330 unter der Kontrolle Isabellas und Mortimers stand.                 
            
II. Konsolidierung der innenpolitischen Verhältnisse und Beginn des Hundertjährigen Krieges unter Eduard III.
[1] Schottlandfeldzüge:
Der Krieg mit Schottland zog sich bis 1328 hin. Eduard II. hatte Robert Bruce (Carrick, Earls of) die Anerkennung als König von Schottland verweigert, war jedoch bei seinen sporadischen Schottland-Feldzügen erfolglos geblieben, während Bruce seinerseits verheerende Plünderungszüge im nördlichen England durchführen konnte, wobei er Grafschaften dann verschonte, wenn sie unter Kontributionsleistungen Waffenstillstand mit ihm schlossen und ihn somit als König von Schottland anerkannten. Thomas of Lancaster verhandelte offenbar mit ihm, ebenso auch Andrew Harcla, Earl of Carlisle, der daher 1323 wegen Verrats hingerichtet wurde. Weitere Erfolge der Schotten veranlaßten die Regierung des neuen Königs 1328 zum Abschluß des Vertrags von Edinburgh, ratifiziert in Northampton. Bruce war nun als unabhängiger Souverän anerkannt. Sein Tod (1329) bot jedoch dem Sohn von John Balliol, Eduard, die Gelegenheit, den jungen König von Schottland, David II. Bruce, zu entthronen. Englische und schottische Adlige, die als Gegner von Bruce ihre schottischen Güter verloren hatten ('the Disinherited'), erhielten die Erlaubnis, in England ein Heer anzuwerben. Ihr Sieg über die zahlenmäßig stärkere schottische Streitmacht bei Dupplin Moor (1332) zeigte die taktische Überlegenheit der englischen Bogenschützen, der archers. Eduard III. (1327-1377) erkannte Balliol als König von Schottland an, nachdem dieser den Lehnseid geleistet hatte; die bald erfolgte Vertreibung Balliols aus Schottland beantwortete er mit einer großen Invasion. Nach dem ebenfalls der neuen englischen Taktik zu verdankenden Sieg von Halidon Hill konnte Balliol sich wieder des Throns bemächtigen; große Teile des südlichen Schottland mußte er seinem englischen Oberherrn abtreten (1334). Trotz mehrerer englischer Feldzüge (1335,1336) war Balliol jedoch nicht zu halten; David II. kehrte nach französischen Exiljahren 1341 auf den schottischen Thron zurück.

[2] Die erste Phase des Hundertjährigen Krieges:
Eduards III. Aufnahme des abgefallenen französischen Hochadligen Robert von Artois (1336) wurde von der Regierung Philipps VI. als Akt der Rebellion betrachtet und mit der Konfiskation der Gascogne geahndet. Dies löste 1337 den Hundertjährigen Krieg aus. Schon seit Eduards III. Regierungsantritt hatten sich die anglo-französischen Beziehungen verschlechtert, trotz der Lehnseidleistung Eduards zu Amiens (1329) und einer - den Quellenberichten nach - freundlich verlaufenen Begegnung mit Philipp (1331). Der Grenzverlauf wurde trotz langer Verhandlungen nicht zur Zufriedenheit des englischen Königs geregelt, wie Eduard 1336 einem Parliament, das wegen der Kriegskosten zusammengetreten war, erklärte. Nach der vorherrschenden Auffassung der modernen Geschichtsschreibung war die juristische Unterstellung der Gascogne unter Frankreich die eigentliche Ursache des Krieges; Philipps Protektion gegenüber David von Schottland sorgte für weiteren Konfliktstoff. Diese Auffassung betont, daß das englische Nationalinteresse - wie immer seine Beschaffenheit war - sich durch die formal abhängige Stellung des Königs als Herzog von Aquitanien beeinträchtigt sah. Eduards diplomatische Ratgeber nötigten ihn, den Anspruch zu erheben, daß die Gascogne ein Allod sei, frei von fremder Souveränität. Diese Forderung war die englische Vorbedingung bei den späteren Friedensverhandlungen in Avignon (1344), Guînes (1354) und Brétigny (1360). Eduard nahm den Titel eines Königs von Frankreich (als Erbe seiner Mutter, Tochter Philipps IV.) erst 1340 an, und er bekundete, daß er ihn als Gegenleistung für die Unabhängigkeit der Gascogne von Frankreich wieder aufgeben werde.
Eduard führte Krieg, wo sich die Gelegenheit dazu bot. In Flandern konnte er keine Territorialgewinne verzeichnen, doch sicherte der Seesieg bei Sluis (1340) die englische Kontrolle über den Kanal. Gewinnträchtiger war das 1342-1343 erfolgte Eingreifen in den bretonischen Erbfolgekrieg (Bretagne, Abschnitt B.III). Revolten in der Normandie ermutigten Eduard zur Invasion; der große Sieg von Crécy (1346) ermöglichte nach langer Belagerung die Besetzung von Calais (1347), der dauerhaftesten englischen Eroberung des Hundertjährigen Krieges. In Abwesenheit des Königs griffen die Schotten als Verbündete Frankreichs England an; sie unterlagen nordenglischen Lords bei Neville's Cross (nahe Durham), und König David blieb bis 1357 in englischer Gefangenschaft. Die englische Kriegführung in Frankreich war gekennzeichnet durch weiträumige verheerende Reiterzüge (chevauchées). Während einer solchen von der Gascogne aus geführten Operation errang Eduard, Prince of Wales ('der Schwarze Prinz'), 1356 den Sieg von Poitiers (Maupertuis), wobei er den französischen König Johann II. gefangennahm. Nach erfolgloser englischer Belagerung von Reims und Paris (1359-1360) wurde der Friede von Brétigny geschlossen (1360). Eduard III. erhielt die Abtretung umfangreicher französische Gebiete in voller Souveränität, führte aber fortan nicht mehr den Titel eines Königs von Frankreich.
Die militärischen Erfolge Englands in dieser frühen Kriegsphase sind bemerkenswert. Es stellt sich die Frage, warum Frankreich mit seinen größeren wirtschaftlichen Ressourcen den englischen Invasoren nicht standhielt. Als primärer Grund ist die nationale Unterstützung anzuführen, die Eduard III. genoß, wobei allerdings eingewandt werden kann, daß die Einigkeit der Untertanen nur solange andauerte, wie der Krieg gewinnbringend war. Mit den Siegen über Frankreich war der Nationalstolz wiederhergestellt. Die englische Sprache trat in den königlichen und adligen Hofhalten nun an die Stelle des Französischen. Das Fehlen jeglicher Nachrichten über Konflikte zwischen König und Nobility ist ein Novum der Regierung Eduards III. Sein martialisches Auftreten und seine Förderung des Ritterideals (Hosenbandorden) wie auch seine generöse Sympathie für einzelne Adlige weckten Loyalität. Rückblickend ist Eduard kritisiert worden, weil er die Langzeitinteressen der Krone vernachlässigte, indem er eine Bereicherung und politische Stärkung der hohen Aristokratie duldete; dies gilt insbesondere für die reiche Besitzausstattung seiner jüngeren Söhne (Edmund of Langley, 1402; John of Gaunt, 1399; Lionel, Herzog von Clarence, 1368; Thomas von Woodstock, 1397). Eduards Hauptinteresse galt Augenblicksaufgaben, der Bewahrung des inneren Friedens und der militärischen Schlagkraft E.s.

[3] Wandlungen im Heerwesen und die Finanzierung des Krieges:
Für den auswärtigen Krieg konnte der König seine Armee nicht mehr auf dem feudalen Aufgebot aufbauen. Eduards Streitkräfte wurden weiterhin in England angeworben, und zahlreiche seiner Lehnsträger wie auch sonstige Landbesitzer, darunter viele abenteuerlustige Elemente, dienten dem König gegen Sold und in der Hoffnung auf Beute. Die Anwerbung erfolgte durch Vertrag zwischen dem König und Lords oder anderen Kriegsteilnehmern zur Zusammenstellung von Kompagnien. Die erhaltenen indentures of war (Soldverträge) überliefern - gemeinsam mit Abrechnungen und Zahlungsanweisungen des Exchequer - viele Details dieses frühen Söldnerwesens. Die englischen Söldnerkompagnien waren kleiner als die feudalen Aufgebote der französischen Monarchie, aber besser geschult und organisiert; der Langbogen (Bogen) sicherte die taktische Überlegenheit der englischen Bogenschützen (archers) auf dem Schlachtfeld.
Die Rekrutierung der englischen Heere war von politischen Vorbedingungen abhängig. Zunächst mußte sich der König der Zustimmung der Lords versichern, so informierte und konsultierte Eduard III. sie in zahlreichen Versammlungen während der Verhandlungen mit Frankreich vor 1337. Die Entscheidungen für Verhandlungen und schließlich für den Krieg fielen also in Parliaments oder großen Ratssitzungen. Durch diese Zusammenarbeit mit dem König sicherten sich die Lords ihre Positionen als Führer von Kompagnien. Eine weitere Implikation dieses politischen Zusammenwirkens war die Anerkennung der Berechtigung der königlichen Kriegssteuern von seiten der Lords. Für die Eröffnung des Krieges wurden ungeheure Summen benötigt, zumal Eduard 1337-1338 auch ausländische Verbündete, unter ihnen Kaiser LUDWIG DEN BAYERN durch Subsidienzahlung an sich band. Mit den Walton Ordinances (1338) plante Eduard, alle finanziellen Reserven Englands für seinen Krieg zu mobilisieren. Eine alle drei Jahre zu erhebende parlamentarische Subsidie und die Errichtung eines Monopols im Wollexport sollten ihm Kredit verschaffen; doch brach der Wollmarkt zusammen, und die königlichen Räte überwiesen längst nicht alle Einnahmen an das königliche Hauptquartier in Flandern, was Zahlungsunfähigkeit des Königs zur Folge hatte. Die Requirierungen und andere Abgabenforderungen machten - gemeinsam mit der Furcht vor einer französischen oder schottischen Invasion - den Krieg bei den einfachen Untertanen bald unpopulär. In drei Parliaments (1339-1340) verhinderten die Commons die Bewilligung einer von den Lords vorgeschlagenen Subsidie solange, bis Eduard ihre Bedingungen zur Abhilfe von Mißbräuchen annahm. Diese erste bekannte politische Initiative der Commons erreichte ihr Ziel unter anderem durch den Erlaß von Statuten zum Schutz der Untertanen vor neuen Steuerbürden und durch die parlamentarische Einsetzung eines Rates von Großen, der eine politische Kontrolle wahrzunehmen hatte. Da Eduards Geldbedarf jedoch immer noch nicht gedeckt war, beendete er seinen letzten Flandern-Feldzug mit einem fünfjährigen Waffenstillstand. Zunächst war der König entschlossen, die vermeintlichen Schuldigen für seine Finanznöte (unter ihnen Erzbischof Stratford) zu bestrafen, doch wurde Eduard von Lords und Commons in einem Parliament zur Einhaltung der Zugeständnisse bewogen (1341). Zwar widerrief er später diese restriktiven Konzessionen, doch hinderte ihn sein politisches Fingerspitzengefühl an der Provokation einer neuen Krise.

[4] Die Parliaments und die Rolle der Commons:
Von dieser Zeit an umfaßten die offiziell als Parliaments bezeichneten Versammlungen stets Repräsentanten der shires und boroughs; andere Versammlungen, an denen nur Lords teilnahmen, hießen Great Councils. Gewählte Commons hatten schon im frühen 14. Jh. zahlreiche wichtige Parliaments besucht. Dennoch hatte bislang stets der Hochadel den Anspruch erhoben, für die Gemeinschaft des Königreiches (community of the realm) zu sprechen. Seit den vierziger Jahren des 14. Jh. ging diese Rolle aber an die gewählten Mitglieder des Parliaments über, die in einer eigenen Kammer tagten, während die Lords nun stärker auf den König hin orientiert waren. Parliaments wurden seltener abgehalten, in den Pestjahren 1349-1350 überhaupt nicht, danach zumeist jährlich. Die mittlerweile weniger ehrgeizigen militärischen Pläne des Königs, die er ohne kostspielige Verbündete in Angriff nahm, bedurften geringerer finanzieller Anstrengungen als in den Jahren 1337-1341. Außerordentliche Steuern wurden nach wie vor in regelmäßigen Abständen gefordert (Handelszölle, Subsidien der Laien und Kleriker). Die königliche Propaganda versuchte, eine öffentliche Zustimmung für den Krieg zu erreichen. Die Commons in den Parliaments drängten weiterhin auf allgemeine Reformen, gestärkt durch das Zugeständnis des Königs, daß alle Steuerforderungen einer vollen parlamentarischen Zustimmung bedürften. Petitionen der Commons mündeten in den Erlaß von Statuten ein, und Eduard wurde genötigt, die im Parliament beschlossenen Statuten als die am meisten bindende Form der Gesetzgebung zu akzeptieren (1354). Zwar gab es keine weiteren Forderungen nach Bestätigung der Magna Carta, doch wurden weitergehende Interpretationen einzelner Bestimmungen der Magna Carta in Form von Statuten gefaßt; so sollten die »Rechte der freien Männer« (c. 29) für alle Männer gelten (1354). Ständiges Augenmerk galt der Verbesserung des Gerichtswesens: Zahlreiche Maßnahmen gegen die verbreitete Gesetzlosigkeit mündeten in das Statut von 1361 ein, durch das die Commissions of the Peace in jeder Grafschaft eingeführt wurden. Dieses Rechtssprechungssystem wurde von den Commons gegen alternative, vom Königtum favorisierte Projekte durchgesetzt, da es Leuten der eigenen Schicht Zugang zu Richterämtern verlieh. Andere Petitionen galten administrativen Mißständen; in der Lokalverwaltung wurde die Amtszeit des sheriff auf ein Jahr begrenzt (1376). Ein Hauptresultat dieser Reformforderungen der Commons war die Beteiligung führender freeholders an der Grafschaftsverwaltung. Prosopographische Forschungen des 20. Jh. haben wichtige Aufschlüsse über die in den Commons Parliaments erbracht, wobei insbesondere ihre soziale Position, ihre Erfahrungen in Kriegs- und Ämterwesen, die Kontinuität ihrer Mitgliedschaft im Parliament - und damit auch die Kontinuität bei der Verfolgung reformerischer Ziele - beleuchtet wurden. - Die weniger häufigen Parliaments, die nach dem Friedensschluß mit Frankreich in der Zeit von 1360-1369 einberufen wurden, hatten vor allem die Erneuerung der Wollsteuer (wool subsidy) zum Gegenstand.

[5] Rückschläge gegen Ende der Regierungszeit:
Mit dem Feldzug nach Kastilien griff England in den kastilischen Thronstreit auf seiten Peters I. des Grausamen ein, während Frankreich den gegnerischen Prätendenten Heinrich von Trastámara unterstützte. Die englische Partei trug unter Eduard dem Schwarzen Prinzen zunächst den Sieg über die profranzösischen Kräfte unter Du Guesclin davon (Schlacht von Nájera, 1367). 1369 setzte sich jedoch das Haus TRASTAMARA durch (Montiel), so daß Kastilien im weiteren Kriegsverlauf stets auf französischer Seite stand. Drückende Steuerforderungen des Schwarzen Prinzen in der von ihm regierten Gascogne lösten dort einen Aufstand aus, der Karl V. von Frankreich den Rechtsgrund lieferte für die Wiederaufnahme des Krieges und die Rückeroberung der im Frieden von Brétigny abgetretenen Gebiete. Bleibt umstritten, wie weit die Bereitschaft Eduards III. zum Verzicht auf die französischen Thronansprüche ging, so traf ihn die Aufkündigung des Friedensvertrages zweifellos unvorbereitet. Neue Pestepidemien (1361-1362 und 1369, letztere verschärft durch eine Mißernte) trugen zur Verschlechterung der wirtschaftlichen Lage bei. Der Bevölkerungsrückgang und der daraus resultierende Verfall der Grundrenten dürfte das Augenmerk der Laien verstärkt auf die kirchlichen Güter gelenkt haben; Forderungen nach einer erhöhten Besteuerung des Klerus waren die Folge. Das Parliament von 1371 nötigte Eduard, seine drei führenden Ratgeber, sämtlich Geistliche, zu entlassen, bevor es ihm eine weitere Subsidie (mit neuem, schlecht konzipierten Besteuerungsmodus) bewilligte. 1372-1373 folgten militärische Rückschläge (kastilische Seesieg bei La Rochelle, 1372; erfolgloser Feldzug Johns of Gaunt gegen Bordeaux). Die vom Papst initiierten Friedensverhandlungen (Brügge, 1375) führten lediglich einen kurzen Waffenstillstand herbei, da Frankreich jede Abtretung von Land zu souveränem Eigentum ablehnte. Das nächste Parliament (1376) artikulierte den Zorn des Landes über die militärischen und diplomatischen Mißerfolge und rügte die Unterschlagungen von Kriegssteuern durch die Höflinge des alternden Königs und seiner Mätresse Alice Perrers. Für dieses Parliament ist erstmals ein eingehenderer Chronikbericht über Verfahrensweisen überliefert (Diskussionen der shire-knights, ihre erste Wahl eines Speakers und ihre Beziehungen zum House of Lords). Dieses »Good Parliament« verfolgte Amtsträger, die der Korruption beschuldigt wurden, erstmals durch das Impeachment, bei dem die Commons die Anklage erhoben und die Lords als Urteiler fungierten. Auch folgte der König einer Forderung der Commons, einen Ausschuß von Lords in seinen Rat mitaufzunehmen. Mehrere Entscheidungen dieses »Good Parliament« wurden allerdings 1377 im »Bad Parliament« widerrufen, bei dem der unpopuläre John of Gaunt den Vorsitz führte, da er nach dem Tod Prinz Eduards (1376) die Regierungsgeschäfte übernommen hatte.                 
            
III. Der Konflikt zwischen Königtum und Adel unter Richard II.
[1] Die Bedeutung der Aristokratie:
Seit König Richard II., Sohn von Eduard dem Schwarzen Prinzen, bildeten die Beziehungen zwischen dem König und einer kleinen Zahl führender Großer den Angelpunkt der englischen Politik. Die weltliche Aristokratie läßt sich nun mit denjenigen Familien gleichsetzen, deren erwachsene Oberhäupter persönlich zu den Parliaments geladen wurden und dort - gemeinsam mit ca. 50 Äbten und Bischöfen - das House of Lords bildeten. Während unter Eduard I. noch ca. 130 Adlige geladen worden waren, besuchten um 1400 nur noch ca. 40 weltliche Lords die Parliaments. Das Erlöschen mehrerer Familien im Mannesstamm und die Heirat mit Erb-Töchtern ermöglichte es einigen Häusern, in ihrer Hand große Besitzungen zu vereinigen, allerdings nur für wenige Generationen. Einige mächtige Herren, die Gefolgschaften (affinities) aus Rittern und Landadligen (Gentry) sowie die Mitglieder anderer Gruppen (zum Beispiel Kleriker, Juristen) um sich geschart hatten, dominierten gegenüber ihrer Umgebung (Bastard Feudalism) und nötigten das Königtum zur Berücksichtigung ihrer Interessen. Neuere Forschungen auf der Grundlage des Quellenmaterials dieser großen Adelshofhalte (unter anderem Besitzrechnungen) haben die Kenntnis der spätmittelalterlichen Führungsschicht Englands erweitert. Insbesondere K.B. McFarlane (1903-1966) hat herausgearbeitet, daß die englische Aristokratie als soziale Klasse sich insgesamt verantwortungsbewußt verhielt und - im Sinne einer »good lordship« - auf die Belange ihrer Klientel vielfach Rücksicht nahm. Die Macht der Krone war nur dann ernsthaft gefährdet, wenn aufgrund fehlender persönlicher Qualitäten eines Königs die Loyalität schwand; die Verteilung von Ämtern und Gütern im Rahmen der königlichen Patronage war zur Erhaltung der Autorität von größter Bedeutung, insbesondere angesichts des drastischen Verfalls der Grundrenten, der bis ins späte 15. Jh. anhielt.

[2] Militärische Auseinandersetzung mit Schottland; Einfluß der Appellants:
Für Richard II. wurde eine kollektive Vormundschaftsregierung der Lords eingesetzt, wobei der genaue Zeitpunkt seiner Mündigkeit nicht überliefert ist. Die Kosten des erfolglosen Krieges in Frankreich führten zur Erhebung von Sondersteuern, den Poll Taxes, deren dritte 1381 den größten Aufstand im mittelalterlichen England, die Peasants' Revolt unter Führung Wat Tylers, auslöste. 1381/82 wurde auf Betreiben Papst Urbans VI. ein böhmisch-englisches Bündnis (zur Sicherung seiner Obödienz) vereinbart; Anna von Böhmen ( 1394), Tochter Kaiser KARLS IV., wurde mit Richard vermählt. Für Richards Schottland-Feldzug wurde 1385 - zum letzten Mal in der englischen Geschichte - das Lehnsheer aufgeboten, das jedoch anschließend wieder durch die üblich gewordenen privaten Soldverträge (indenture) organisiert wurde: Von der gesamten Truppenmacht (13.734 Mann) standen allein 3.000 Mann im Solde Johns of Gaunt, und auch die Earls of Buckingham (Thomas) und Northumberland (Percy) stellten größere Kontingente als der königliche Hofhalt. Die scheinbare Harmonie zwischen König und Lords, die sich am Ende des - erfolglosen - Feldzugs in der Kreierung neuer Pairschaften zeigte, war jedoch nur von kurzer Dauer. Mit der Entfernung Johns of Gaunt, der versuchte, die Krone Kastilien zu erringen (1386-1389), wurde Richard seiner wichtigsten Stütze beraubt. John hatte den König in der Hoffnung auf eine mögliche Nachfolge unterstützt.
Richard II. selbst führte keinen Frankreich-Feldzug durch; die letzte derartige Unternehmung war der - katastrophale - »Kreuzzug« des Bischofs Despenser (1383) gewesen. Französische Invasionsvorbereitungen (1386) lösten Besorgnis in England aus. Ein Parliament, das zur Bewilligung einer hohen Subsidie versammelt wurde, rügte die Mißwirtschaft der königlichen Ratgeber (Impeachment gegen Suffolk, den Kanzler). Die Lords zwangen unter Führung von Richards Onkel Thomas, Herzog von Gloucester, und Richard FitzAlan, Earl of Arundel, den König zur Einsetzung einer Reformkommission zwecks Kontrolle der Exekutive. Der Versuch Richards, seine Macht auf militärischem Wege wiederzuerlangen, brach zusammen, als seine von De Vere geführten Truppen 1387 von Heinrich (IV.), Earl of Derby, dem Sohn Johns of Gaunt, besiegt wurden. Obwohl anscheinend nun die Absetzung des Königs erwogen wurde, gingen die Sieger lediglich gegen seine Anhänger vor: Der Fünferausschuß der Lords Appellant klagte fünf führende königlichen Räte des Verrats an; vom sogenannten »Merciless Parliament« (1388) wurden darüber hinaus vier königliche Ritter (unter ihnen der Günstling Simon Burley) zum Tode verurteilt. Der Verbannung verfielen diejenigen Richter und Juristen, die Richards Machtpolitik 1387 eine juristische Legitimation verschafft hatten. Das Ansehen der Lords Appellant wurde jedoch durch den Sieg der Schotten bei Otterburn (Northumberland) geschwächt. In einem zweiten Parliament im Jahre 1388 führten die Commons darüber Klage, daß die Lords bei Leuten ihrer Livree Willkürakte deckten; ein Statut regelte die Commissions of the Peace, wobei die Commons bestrebt waren, die Lords aus diesen auszuschließen. John of Gaunts Rückkehr nach England (1389) ermutigte Richard, seine Macht gegen die Lords zurückzuerobern. Bis 1390 wurden nur Mitglieder von Ritterschaft und Gentry als Friedensrichter (Justices of the peace) berufen. Der König begann erneut mit dem Aufbau einer persönlichen Gefolgschaft, die seine Livree, den weißen Hirschen, trug. Das Quellenmaterial über den königlichen Rat (Council, King's), das von dieser Periode bis ca. 1455 sehr detailreich ist, zeigt, daß auch frühere Opponenten gelegentlich im Rat mitwirkten. Richards Irland-Feldzug (1395) legt nahe, daß, zumindest nach Meinung des Königs, der innere Friede wiederhergestellt war. Ein 28-jähriger Waffenstillstand mit Frankreich ermöglichte Richards zweite Vermählung mit Isabella, der Tochter des französischen Königs Karl VI. (1396).

[3] Absetzung Richards:
Die Ereignisse der nun folgenden Jahrzehnte der englischen Geschichte bilden den Stoff für Shakespeares Königsdramen und wurden dadurch Teil der Weltliteratur. Erneute Auseinandersetzungen zwischen König und Lords begannen im Jahre 1397 mit der Verfolgung der drei älteren Appellants, die durch Mord, Hinrichtung oder Verbannung ausgeschaltet wurden: Thomas, Herzog von Gloucester; Erzbischof Thomas Arundel; Thomas, Earl of Warwick (Beauchamp). Die Grafschaftswahlen für das diesbezügliche Parliament (1397) dürften manipuliert worden sein; die Commons wählten zu ihrem Speaker den königlichen Ritter John Bussy, der seinen Einfluß zugunsten der königlichen Politik geltend machte. Eine zweite kurze Parlamentssitzung verlieh einem von Richard nominierten Ausschuß Autorität (1398). Ein Streit zwischen den beiden noch nicht entmachteten jüngeren Appellants (Heinrich [IV.], Mowbray) lieferte Richard den Vorwand, beide ins Exil zu schicken. Nach John of Gaunts Tod (1399) konfiszierte Richard die Besitzungen der LANCASTER und verlängerte die Verbannung Heinrichs, des Erben, auf Lebenszeit. Auch andere willkürliche Handlungen des Königs aus dieser Zeit belegen, daß Richard II. der Ruf der »Tyrannei« zu Recht anhaftet.
Während Richard sich 1399 mit seinem adligen Anhang erneut in Irland aufhielt, kehrten Heinrich (IV.) und Thomas Arundel aus dem französischen Exil zurück. Ihnen schloß sich das nördliche England an, unter der Führung der NEVILLE und der PERCY, die von Richard bekämpft worden waren. Als der König in Wales landete, war seine Anhängerschaft dahingeschmolzen - Heinrich und Arundel hatten bereits die Absetzung Richards beschlossen. Dieser Plan wurde dann durch eine parlamentarische Versammlung legalisiert, deren »record and process« auch als Propagandaschrift zugunsten Heinrichs IV. (1399-1413) in Umlauf gesetzt wurde. Jedoch wurde nicht zugelassen, daß Heinrich kraft einer Handlung des Parliament zum König erhoben wurde; er bestieg vielmehr den Thron, nachdem er seine Erbansprüche klargelegt und die Zustimmung der Lords erlangt hatte. Nachdem eine - wenig populäre - Verschwörung von Anhängern Richards (Holland, Montagu) gescheitert war, wurde der abgesetzte König in der Haft ermordet (1400).               
            
IV. Von Heinrich IV. bis zum Ausbruch der Rosenkriege
[1] Regierung Heinrichs IV.:
Die Regierung Heinrichs begann mit äußeren und innerpolitischen Schwierigkeiten. Da Frankreich den mit Richard geschlossenen Waffenstillstand nun als nichtig betrachtete, mußte die Gascogne verteidigt werden; neue schottische Angriffe wurden von Heinrich 1400 mit einem Feldzug beantwortet. Größere militärische Anstrengungen erforderte der walisische Aufstand unter Owain Glyn Dwr (1400-1409). Eine erste Revolte der PERCY (Schlacht bei Shrewsbury, 1403) war wohl eine Reaktion auf Heinrichs Versuche, die Machtstellung dieser Familie - nach anfänglichem Bündnis - zu beseitigen. Ein von Scrope, Erzbischof von York, geführter Aufstand (1405) konnte vor allem dank der Loyalität des Earl of Westmorland (Neville) unterdrückt werden. Der vermutliche Drahtzieher dieser Rebellion, Henry, Earl of Northumberland (Percy), suchte Zuflucht in Schottland und fand 1408 bei einem erneuten Invasionsversuch in der Schlacht von Bramham Moor (Yorkshire) den Tod.
Die Verteidigungskriege verschlangen hohe Summen bei gleichzeitigem Rückgang der regulären Kroneinnahmen, der vor allem durch die allgemeine wirtschaftliche Rezession bedingt war und durch die Zuwendungen, die Heinrich IV. den Adligen zur Erhaltung ihrer Loyalität machte, noch verschärft wurde. Daher mußte er in den Jahren 1401-1406 nicht weniger als fünf Parliaments zur Bewilligung ungewöhnlich hoher Subsidien abhalten. Die Commons im Parliament kritisierten die öffentliche Verschwendung und forderten eine wirksamere Kontrolle des Finanzgebarens. Unter diesem Druck wechselte der König 1401 seine Berater aus und machte zweimal (1404,1406) die Namen seiner Räte öffentlich kund. Das längste der Parliaments (März-Dezember 1406) erließ sogar eine Art Geschäftsordnung für den königlichen Rat (Council Code). Zielsetzung der Commons waren Reformen der Regierung, um dadurch Senkungen der Steuern zu erreichen; das Recht des Königs auf Regierung und freie Wahl seiner Berater wurde jedoch nicht in Frage gestellt, und ebensowenig wurde von den Commons eine Beteiligung am königlichen Rat angestrebt.
Mit Ausnahme der PERCY hatte sich die Aristokratie in Heinrichs ersten Regierungsjahren ruhig verhalten. 1410 ging - wegen schwerer Erkrankung des Königs - die Kontrolle des königlichen Rates zunehmend an den Thronfolger Heinrich (V.) und eine Adelspartei über (unter anderem: Heinrich Beaufort, Bischof von Winchester, sowie die jungen Earls of Arundel [FitzAlan] und Warwick [Beauchamp]). Diese Gruppierung stellte sich im französischen Bürgerkrieg zwischen Armagnacs und Bourguignons auf die Seite Herzog Johanns Ohnefurcht von Burgund, den sie 1411 bei St-Cloud mit einem Truppenkontingent unterstützte. Als Gegner dieser Politik vermochte Heinrich IV. seine Autorität wiederherzustellen. Er nahm eine Umbildung des Rates vor, vor allem mit Hilfe seines alten Anhängers Thomas Arundel, schloß ein Bündnis mit der gegnerischen französischen Gruppierung, den Armagnacs/Orléans, und entsandte 1412 zu ihrer Hilfe ein Heer unter dem Befehl des 2. Sohns des Königs, Thomas, Duke of Clarence.

  Quelle: Lexikon des Mittelalters, CD-ROM-Ausgabe. Verlag J. B. Metzler 2000. LexMA 3, 1954-1955

[2] Außen- und innenpolitische Erfolge unter Heinrich V.:
Heinrich V. (1413-1422) begann seine Regierung mit dem Austausch Arundels durch Heinrich Beaufort als Kanzler. Das Bündnis mit Burgund wurde von Heinrich erneuert, jedoch nun mit dem Ziel, sich selbst als führende Partei in den französischen Krieg einzuschalten. Zwei englische Gesandtschaften gingen nach Paris, um Heinrichs Anerkennung als König von Frankreich zu fordern, doch die von Frankreich im Gegenzug angebotenen Gebietsabtretungen lagen unterhalb des den Gesandten zugebilligten Ermessensspielraums (1414,1415). Dieser Fehlschlag diplomatischer Bemühungen war vermutlich einkalkuliert, da ein Parliament bereits zuvor Steuern für die Aufstellung eines Heeres bewilligt hatte. Der in dem glänzenden Sieg von Agincourt (Azincourt) gipfelnde Feldzug von 1415 erbrachte, abgesehen von dem normannischen Hafen Harfleur, keine Territorialgewinne, entflammte aber die englische Kriegsbegeisterung, so daß eine reguläre Kriegssteuer auf größere Bereitschaft stieß. Der deutsche König SIEGMUND versuchte zu vermitteln, wurde aber zu einer Allianz mit Heinrich V. bewogen (Vertrag von Canterbury, 1416). Die zweite Invasion (1417) war ein planmäßiger Eroberungs-Feldzug, in dessen Folge eine englische Verwaltung für die eroberte Normandie errichtet wurde. Die politische Zersplitterung hinderte die Franzosen an einem wirksamen Widerstand. Burgund blieb bis zur Ermordung von Herzog Johann (1419) ein inaktiver Bundesgenosse Englands. Johanns Sohn, Philipp der Gute, führte jedoch König Karl VI. nach Troyes, wo er Heinrich V., der sich mit Karls Tochter Katharina vermählte, als Herzog der Normandie und Erben des französischen Throns anerkannte (1420). Die englischen Truppen wurden 1421 bei Baugé geschlagen, doch führte König Heinrich danach die Eroberungstätigkeit bis zu seinem Tod in Vincennes, vor den Toren von Paris, fort (1422).
Heinrichs Ruhm als frommer und heldenhafter König inspirierte die Biographen. Auch seine Bemühungen, den inneren Frieden zu erhalten, fanden Vertrauen. Abgesehen von einem Prozeß gegen adlige Empörer (Richard of Conisborough, Henry Scrope, Thomas Grey, 1415), unterhielt er gute Beziehungen zu den Pairs. Auch mit der City of London, auf deren Finanzhilfe er angewiesen war, pflegte er enge Kontakte. Er forderte seine Richter zur Bekämpfung der Gesetzlosigkeit im Lande auf (1414,1421). Eine höchst bedeutende Neuentwicklung auf dem Gebiet der Rechtsprechung hängt zum Teil zusammen mit Heinrichs kriegsbedingtem Aufenthalt in der Normandie, von wo aus er die englische Regierung kontrollierte: Prozeßparteien, die bei den Common Law Courts nicht ihr Recht gefunden hatten, konnten nun verstärkt an den Court of Chancery appellieren; daher gibt es in den Jahren 1417-1422 weitaus mehr Early Chancery Proceedings als in den vorhergehenden Jahren (ab ca. 1390). Das nachfolgende Anwachsen der juristischen Tätigkeit der Chancery bei Prozessen, die durch English bill (Bill, Procedure by) eingeleitet worden waren, dürfte wohl auf den Ruf, den sich die Chancery unter Heinrich V. erworben hatte, zurückgehen.

  Quelle: Lexikon des Mittelalters, CD-ROM-Ausgabe. Verlag J. B. Metzler 2000. LexMA 3, 1955-1956

[3] Die Schwächung des Königtums unter Heinrich VI.:
Heinrich VI. (1422-1461) war beim Tode seines Vaters (1422) erst ein Jahr alt; nach dem Ableben seines Großvaters, des französischen Königs Karl VI., wurde er im gleichen Jahr, gemäß dem Vertrag von Troyes, auch zum König von Frankreich proklamiert. Die Vormundschaftsregierung sollte nach Heinrichs V. Wunsch sein jüngster Bruder, Humphrey, Duke of Gloucester, führen, doch wurde er von den Lords verdrängt und mit dem Titel eines Protektors abgefunden. Die wirkliche Regierungsgewalt lag bei einem permanenten Rat von Prälaten, weltlichen Pairs und hohen Kronbeamten. Das Parliament stimmte dieser Regelung zu, trotz Humphreys Protesten, der in Bischof Heinrich Beaufort seinen Gegenspieler sah. Der Konflikt eskalierte (Aufstand in London, Rückberufung des Regenten in Frankreich, Johann, Duke of Bedford, 1425), wurde aber dank der Tatkraft des Regentschaftsrates eingedämmt, ebenso wie andere Fehden innerhalb des Hochadels (Berkeley, Neville). Die aktive Amtsführung des Rates wird insbesondere durch die gut überlieferten Akten des Privy Seal Office dokumentiert. Dennoch führten die Commons Klage über verbreitete Gesetzesverletzungen. Ein Statut von 1430 beschränkte das aktive Wahlrecht in den auf wohlhabende shiresfreeholders (von mindestens 40 s. lastenfreiem jährlichem Einkommen), eine Bestimmung, die bis zur Reform von 1832 eine Grundlage des englischen Parlamentswahlrechts bildete. Ein weiteres Statut (1433) forderte von den Lords und der größeren Gentry eine eidliche Versicherung, keine Rechtsbrecher zu schützen. Andere Quellen weisen auf eine Vergrößerung der adligen Gefolgschaften hin.
Am Krieg mit Frankreich waren jedoch verhältnismäßig wenige Lords unmittelbar beteiligt. Johann, Duke of Bedford, gewann 1424 die Schlacht von Verneuil, doch konnte er nur langsam südwärts vorrücken. Das Auftreten der Jeanne d'Arc (Krönung Karls VII. in Reims, 1429) und die Neubelebung des französischen Widerstands beantwortete England mit einem großangelegten Unternehmen zur Krönung Heinrichs VI. zum König von Frankreich in Paris. Jeanne d'Arc geriet in burgundische Gefangenschaft, wurde an England ausgeliefert und nach einem Ketzerprozeß in Rouen verbrannt (1431). England konnte weitere militärische Operationen finanziell nicht durchhalten. Seit 1422 war die Steuerlast in England weniger drückend gewesen, da man glaubte, durch starke Besteuerung der neueroberten Normandie die weitere Finanzierung des Krieges sichern zu können. Doch die Einkünfte aus der Normandie wie auch die regulären Kroneinnahmen erwiesen sich keineswegs als ausreichend. Nach dem Vertrag von Arras (1435), durch den Burgund das englische Bündnis verließ, wurden neue Truppen zur Verteidigung von Calais benötigt. Das Parliament bewilligte eine Steuer auf die Einkommen aus Grundbesitz, deren Rechnungen eine gute Quelle für den Landbesitz bilden. Spätere, weniger ergiebige Steuern beruhten auf dem traditionellen Zehnten und Fünfzehnten; sie spiegeln insgesamt eine schwindende Kriegsbegeisterung wider und wohl auch einen allgemeinen wirtschaftlichen Verfall. Der Kriegsdienst in Frankreich, der vorher manchem Söldnerführer (etwa John Fastolf) ein Vermögen eingebracht hatte, bot keinen finanziellen Anreiz mehr.
Die Mündigkeit des Königs (1436) löste eine Flut von Bitten um seine Protektion aus: Da die meisten schriftkundigen Beamten mittlerweile Laien waren, konnten nur noch wenige mit kirchlichen Pfründen versorgt werden. Die Beamten des Hofhalts waren daran interessiert, einträgliche Einnahmequellen, zum Beispiel in Form von Sinekuren, in die Hand zu bekommen, dies möglichst auf Lebenszeit und mit dem Recht auf Vererbung oder Weiterveräußerung. Die Freigebigkeit Heinrichs VI. gegenüber seinen Höflingen veranlaßte die Lords, den Council Code von 1406 wiederherzustellen und den König zur formellen Wiedereinsetzung fähiger Ratgeber zu nötigen (1437). Diese Restriktionen blieben jedoch wenig erfolgreich. Die Berichte und Listen der Ratssitzungen sowie die Urkundenbelege deuten vielmehr auf eine fortdauernde Verschwendung von seiten des Königs hin. Der ständige königliche Rat entwickelte sich zu einer kleinen Gruppe, in der Heinrich Beaufort, der größte Gläubiger der Krone, die einflußreichste Position innehatte. Nach seinem Tod (1447) wurde William de la Pole, seit 1448 Duke of Suffolk, zur dominierenden Figur am Hofe. König Heinrich selbst war leicht beeinflußbar und wohl etwas einfältig. Der königliche Rat ließ Untertanen, die den König öffentlich verspotteten, wegen Verrats verfolgen.
Der mysteriöse Tod des »guten Herzogs« Humphrey (1447) wurde beargwöhnt. Heinrichs Heirat mit der mitgiftlosen Margarete von Anjou, der Tochter König Renés II. (1445), und die Abtretung des Maine (1448) waren unpopuläre Voraussetzungen für einen kurzen Waffenstillstand mit Frankreich. Dieser endete mit der englischen Plünderung von Fougères, die Frankreich binnen kurzem mit der Rückeroberung der Normandie (1449-1450) beantwortete. Dieser schmachvolle Mißerfolg löste scharfe Kritik und Unruhen aus. Gegen den Duke of Suffolk wurde im Parliament ein Impeachment eingeleitet, unter anderem wegen Bereicherung auf Kosten des Königs und Rechtsbeugung zugunsten seiner Klientel. Auf dem Weg ins Exil wurde er ermordet (1450). In Kent erhoben sich von John Cade geführte Aufständische, die ihrerseits Anklagen gegen die »falschen Räte« des Königs erhoben und für kurze Zeit London besetzen konnten. Bei diesem Aufstand, dem im gleichen Sommer weitere Revolten folgten, standen politische Proteste, nicht aber soziale oder wirtschaftliche Forderungen im Mittelpunkt.
In Parliaments der Jahre 1450 und 1451 wurde die Rücknahme der königlichen Schenkungen gefordert, um die Zahlungsfähigkeit der Krone wiederherzustellen. Nach einem gescheiterten Staatsstreich Richards Plantagenet, Duke of York (1452), und der - kurzzeitigen - Rückeroberung von Bordeaux zeigte sich das Parliament von 1453 jedoch kompromißbereiter und bewilligte dem König die Wollsteuereinnahmen auf Lebenszeit. Bemerkenswert ist, daß nun über einen längeren Zeitraum hinweg der Einfluß der Commons nachließ. Ihre Petitionen mündeten seltener als bisher in Gesetze ein, ein Machtverfall der Commons, der wohl mit den härteren politischen Verhältnissen dieser Jahre zusammenhängt. Edmund Beaufort, Duke of Somerset, trat als allmächtiger Ratgeber die Nachfolge des ermordeten Suffolk an; sein Gegner war Richard von York, der bereits im französischen Krieg sein Konkurrent gewesen war. Verschärft wurde ihr Streit durch die Tatsache, daß beide sich als potentielle Thronerben betrachten konnten, bis schließlich dem König 1453 ein Sohn, Eduard, geboren wurde. Der gesundheitliche Zusammenbruch des Königs (1453) führte erneut zu kollektiven Regierungsformen, wie sie schon während Heinrichs Minderjährigkeit praktiziert worden waren: Der ständige Rat berief von Zeit zu Zeit große Ratsversammlungen der Lords ein. Richard von York war ein Mitglied dieser Versammlung, und er wurde nach dem Tod des Kardinals John Kemp 1454 zum Protektor ernannt. Edmund Beaufort wurde zeitweise unter der Anklage des Verrats inhaftiert. Parallel zu den Konflikten am Hof bekämpften einander im Norden die großen Adels-Geschlechter der NEVILLE und PERCY und verbündeten sich jeweils mit den verfeindeten Gruppierungen am Hof. Richard von York und die NEVILLE schlugen 1455 bei St. Albans Edmund Beaufort und den Earl of Northumberland, die beide fielen.
                 
E. Auseinandersetzungen in der 2. Hälfte des 15. Jahrhunderts: Lancaster, York und Tudor
I. Beginn der Rosenkriege:
Mit der Schlacht von St. Albans beginnen die sogenannten Rosenkriege (1455-1487), eine Reihe adliger Machtkämpfe, die in zwölf Schlachten kulminierten, wobei die längste zusammenhängende Kriegsperiode in die Jahre 1460-1461 fällt. Der Name 'Rosenkriege' für diese Bürgerkriegszeit ist vergleichsweise jung, doch scheint die symbolhafte Kennzeichnung der beiden rivalisierenden Königs-Häuser (rote Rose für LANCASTER; weiße Rose für YORK) schon in der frühen TUDOR-Zeit, unter Heinrich VII., aufgekommen zu sein. Die Häuser YORK und
LANCASTER selbst haben aber keine Rosen-Embleme, auch nicht als Abzeichen für ihre Gefolgsleute, geführt; auch begannen die Rosenkriege nicht als direkter Kampf um die Krone. Richard von Yorks ursprüngliches Ziel war lediglich die Verdrängung Edmund Beauforts aus dem königlichen Rat; seine hochadligen Anhänger hatten eigene Motive, zum Beispiel die Konkurrenz zu anderen Adligen, die als Günstlinge des Königs in einem regionalen Bereich die Vormachtstellung anstrebten. Für die Beteiligung der Gefolgsleute der Lords aus Ritterschaft und Gentry war die Notwendigkeit ausschlaggebend, sich einem »guten Herren« in Treue anzuschließen, da das Vertrauen in die reguläre Justiz und Verwaltung angesichts weitverbreiteter Korruption und Willkür gestört war. Akten des Court of King's Bench liefern Angaben über die Gefolgsleute der hochadligen Protagonisten.
Während das zweite Protektorat (1455-1456) Richards von York zu Ende ging, konnte Königin Margarete von Anjou durch Ämterpatronage erneut eine Hofpartei errichten, die bereit war, die königlichen Prärogativen bei der freien Wahl von Amtsträgern und Räten zu verteidigen. Als Reaktion konzentrierte Richard seine Streitkräfte, die jedoch der militärisch überlegenen königlichen Truppenmacht bei Ludlow (Shropshire) 1459 unterlagen. Anschließend ächtete ein »gedungenes« ('packed') Parliament zu Coventry die »Yorkists« als Verräter. Diese konnten jedoch durch einen Sieg bei Northampton 1460 erneut Kontrolle über die Person des Königs und die Zentralregierung gewinnen. Wohl zum ersten Mal erhob Richard den Anspruch, der rechtmäßige König zu sein, dies vor einem offensichtlich unvorbereiteten Parliament, das Heinrich VI. in seiner Königswürde bestätigte, Richard jedoch als Erben proklamierte. Im gleichen Jahr unterlag und fiel Richard bei Wakefield (Yorkshire); Margarete rettete ihren Gatten in der zweiten Schlacht von St. Albans. Die »Yorkists« hielten weiterhin London besetzt und proklamierten Richards Sohn, Eduard IV., als König (1461), während Schreckensnachrichten über die nach Süden marschierenden »northern men« Margaretes allgemeine Panik hervorriefen. Mit der Proklamation von Eduard IV. (1461-1483) hatte die YORK-Partei ihre de facto-Regierung legitimiert; die Anhänger Heinrichs VI. wurden nun zu Verrätern erklärt. Sie unterlagen in der Schlacht von Towton (Yorkshire) am 29. März 1461. Doch setzten einzelne lancastrische Gruppen in Northumberland (Alnwick, Bamburgh) 1461-1464 den Widerstand fort, unterstützt von Schottland, wohin sich auch Heinrich VI. und Margarete geflüchtet hatten.

II. Regierung Eduards IV. aus dem Hause York:
Durch dynastisch-politische Propaganda suchte das Haus YORK seine Legitimität zu untermauern. Tatsächlich erlangte Eduard IV. den Thron, weil Heinrich VI. sich als unfähig erwiesen hatte; eine große Rolle spielte die keineswegs uneigennützige Unterstützung einer mächtigen Adelsfaktion unter dem »KönigsmacheRichard Neville, Earl of Warwick. Wie einst Heinrich IV. mit der Familie PERCY verfahren war, so behandelte auch Eduard IV. die NEVILLE, die er zunächst durch Gunstbeweise an sich zog, dann aber durch Zurückdrängung ihres Einflusses sich entfremdete. Durch seine Heirat mit Elisabeth Wydeville (Woodville; oo 1464) begünstigte er vielmehr deren Familie, die sich nicht zum Hochadel zählen konnte und sich daher dem König gefügiger zeigen mußte. Auf diese Weise schuf er ein Gegengewicht zu den NEVILLE und ihren Anhängern. Die Entlassung des seit 1460 amtierenden Kanzlers George Neville, Erzbischof von York, bezeichnete den offenen Bruch (1467). Warwick reagierte mit einem Staatsstreich, den er gemeinsam mit Eduards Bruder, George, Duke of Clarence, ausführte. Doch konnte sich Eduard IV. 1469 aus ihrer Gewalt befreien. Nach dem Zusammenbruch der von ihnen lancierten »Lincolnshire Rebellion« (Empingham, 1470) flohen Warwick und Clarence nach Frankreich. Dort vermittelte König Ludwig XI.die Versöhnung Warwicks mit
Margarete von Anjou und unterstützte aktiv die Invasion Englands, die - zunächst erfolgreich - zur Wiedereinsetzung Heinrichs VI. führte (Readeption, 1470-1471). Durch die beiden Siege von Barnet (über die NEVILLE) und Tewkesbury (über Margaretes Heer) stellte Eduard IV. seine Herrschaft jedoch wieder her; er wurde dabei unterstützt von seinem Schwager Karl dem Kühnen, Herzog von Burgund, dessen Waffenhilfe für das Haus YORK Bestandteil seiner antifranzösischen Bündnispolitik war. Mit dem Tod des Prince of Wales Eduard bei Tewkesbury und der nachfolgenden Ermordung Heinrichs VI. erlosch das Haus LANCASTER im Mannesstamm (1471).
Der Widerstand gegen das Haus YORK ebbte ab; frühere »Lancastrians« unterwarfen sich und traten zum Teil sogar in Eduards Dienste, so Kardinal John Morton. Eduard knüpfte das seine Herrschaft festigende Netz von regionalen »overlords« neu, zum Beispiel dominierte im Norden Richard (III.), Duke of Gloucester; in den östlichen Midlands sein Chamberlain William, Lord Hastings und andere; der in Ludlow etablierte Council seines Sohnes Eduard (V.), Prince of Wales, erhielt 1473 richterliche Gewalt. Die Reorganisation der königlichen Finanzen wurde vorangetrieben, vor allem durch den Ausbau der Chamber (Kammer), welche die Kontrolle der nun effektiver verwalteten Krongüter wahrnahm: Die Bodenpreise stiegen nach langem Tiefstand wieder allgemein an, der Export von Wollstoffen wuchs und steigerte die Einnahmen des königlichen Fiskus. Ein Frankreich-Feldzug, letzter Nachhall des Hundertjährigen Krieges, endete mit dem Vertrag von Picquigny (1475), in dem Ludwig XI. Eduard eine Pension versprach. Durch einen Zug gegen Schottland gewann England das unter Heinrich VI. abgetretene Berwick-upon-Tweed zurück (1482). Infolge dieser nur zurückhaltend expansiven Politik und der
Verbesserung der regulären Kroneinnahmen bedurfte Eduard nur in seltenen Fällen einer außerordentlichen Besteuerung, daher fanden relativ wenige Parliaments statt.          
            
III. Die letzten »mittelalterlichen« Könige
[1] Eduard V. und Richard III.:
Die Krise nach Eduards unerwartetem Tod zeigt, wie fragil die unter seiner Regierung erreichte Stabilität war. Ohne seine feste Hand brachen rasch Konflikte zwischen seinen Verwandten und Helfern auf: Sein Bruder Richard von Gloucester entzog im Bunde mit Henry Stafford, Duke of Buckingham, den jungen König, Eduard V., den Verwandten aus der Familie WYDEVILLE. Bereits zwei Monate später hatte sich
Richard selbst der Königswürde bemächtigt, gestützt auf die Behauptung, Eduard V. sei kein in rechter Ehe gezeugter Thronfolger, was wenig Glauben fand. Potentielle Opponenten im Rat wurden ausgeschaltet. Der Richard zur Last gelegte Tod der »Prinzen im Tower« (Eduards V. und seines Bruders) ließ - kaum koordinierte - Aufstände im Süden aufflackern; auch sein früherer Parteigänger, der Duke of Buckingham, revoltierte mit unzureichenden Kräften. Richard konnte diese Erhebungen rasch niederschlagen. Er übertrug die konfiszierten Rebellengüter in Süd-England vielfach seinen nordenglischen Gefolgsleuten; diese wurden in den Grafschaften des Südens als Fremdkörper empfunden und trugen so zur Unzufriedenheit mit Richards Regiment bei.
Mehrere Überlebende der gescheiterten Rebellion, allesamt betonte »Yorkists«, sammelten sich in der Bretagne um Heinrich (VII.) Tudor, Earl of Richmond, der über seine Mutter Margarete (Beaufort) von dem LANCASTER John of Gaunt abstammte. Durch das Verlöbnis mit Elisabeth, der ältesten Tochter Eduards IV., stärkte er seine dynastische Position, so daß die exilierten YORK-Anhänger ihn 1483 als ihren König anerkannten. Von Frankreich unterstützt, setzte er mit einer kleinen Flotte nach Wales über und konnte bereits drei Wochen später Richard III. in der Schlacht von Bosworth vernichten und töten (1485). Dieser hatte kein größeres Heer sammeln können und sah sich auf dem Schlachtfeld mit dem Verrat seiner Anhänger konfrontiert - ein Zeichen, daß er bei seinen vermeintlichen Untertanen keine echte Anerkennung gefunden hatte.

[2] Heinrich VII. und der Beginn der Tudorherrschaft:
Noch bis vor kurzem wurde die Schlacht von Bosworth als Schlußpunkt der »mittelalterlichen« Geschichte Englands betrachtet. Die Regierung Heinrichs VII. (1485-1509), des ersten TUDOR-Königs, markiert aber keinen echten Bruch; sie knüpft in vielem an diejenige Eduards IV. an, dessen Beamtenpersonal zu einem großen Teil auch unter Heinrich weiterbeschäftigt wurde. Die administrativen und gerichtlichen Institutionen wurden kontinuierlich ausgebaut, insbesondere erfuhr die Chamber als zentrale Finanzbehörde eine Stärkung und effektivere Organisation. Da nur wenige außenpolitische Verwicklungen auftraten, wurden selten Sondersteuern benötigt und folglich nur wenige Parliaments abgehalten. Doch stützte sich Heinrich VII. nicht auf eine Gruppe von übermächtigen Adligen. Zwar hatten sich - wie Mc Farlane nachgewiesen hat - die englischen Hochadels-Familien durch die Rosenkriege keineswegs gegenseitig ausgelöscht; dennoch wurden die größten Magnaten-Familien, die LANCASTER, YORK, March (MORTIMER) und Warwick, von der Krone absorbiert, da das Haus TUDOR ihr Erbe antrat. Zwei andere mächtige Familien, PERCY und STAFFORD, konnten wegen Minderjährigkeit ihrer Erben (bis 1499) kaum auf das politische Geschehen einwirken. Die überlebenden Pairs verhielten sich politisch insgesamt ruhig; mit den steigenden Einkommen aus Grundbesitz war ihr Wohlstand gewachsen. Heinrich war bestrebt, das adlige Gefolgschaftswesen zu kontrollieren, nicht aber, es abzuschaffen. Seine Heeresorganisation beruhte nach wie vor auf verläßliche Lords und Rittern, wobei Heinrich eine größere Zahl potentieller Truppenführer protegierte, um nicht von wenigen abhängig zu werden. Die Rechtsprechung nach dem Common Law wurde gestärkt; sie richtete sich nicht zuletzt gegen mächtige Privatleute, die Willkürakte deckten. Die Anzahl der Kronjuristen des Common Law wurde unter Heinrich VII. beträchtlich erweitert. Auf ihre Initiative ging wohl eine neue Einstellung der Monarchie gegenüber den kirchlichen Gewalten zurück. Zum Teil gefördert durch den Hof, entfaltete sich nun verstärkt der Humanismus, der - nach einer frühen Phase in der 1. Hälfte des 15. Jh. (unter anderem Mäzenatentum des Herzogs Humphrey von Gloucester) - von Eduard IV., nach burgundischem Vorbild, protegiert worden war (so zum Beispiel William Caxton). Wie Eduard IV. förderte auch Heinrich VII. eine offiziöse Geschichtsinterpretation, die propagandistischen Zwecken diente: Die Untertanen wurden belehrt, daß das Haus TUDOR England vor den Greueln des Bürgerkrieges errettet habe; die Geschichtsschreiber wurden nicht müde, anhand der Rosenkriege zu demonstrieren, daß ein ungehorsames Volk der Strafe Gottes verfiel.
R.L. Storey