CLARENDON, KONSTITUTIONEN VON


Lexikon des Mittelalters:
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Clarendon, Konstitutionen von
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König Heinrich II. von England nutzte einen Hoftag zu C
larendon, etwa vom 25. bis 30. Januar 1164, um der englischen Kirche 16 »Konstitutionen« zum Verhältnis von geistlicher und weltlicher Gewalt aufzuzwingen.
Den Hintergrund für diese Maßnahme bildete das Bemühen Heinrichs II., die unter König Stephan von Blois an Adel und Kirche verlorenen Kronrechte wiederzugewinnen. 1162/63 war es mehrfach zu Meinungsverschiedenheiten zwischen dem König und Erzbischof Thomas Becket von Canterbury gekommen; unter anderem deshalb, weil Kleriker, die wegen eines Verbrechens vor dem geistlichen Gericht standen, nicht angemessen bestraft wurden.
Die Quellen vermitteln kein klares Bild von der Haltung Beckets und seiner (in gewissem Grad uneinigen) Mit-Bischöfe in C
larendon. Die Forderungen des Königs wurden zunächst mündlich vorgetragen. Der Erzbischof zögerte, ihnen zuzustimmen, gab aber schließlich doch ein Versprechen ab. Die Bischöfe schlossen sich ihm an. Als eine schriftliche Fassung der Konstitutionen in Form eines dreiteiligen Chirographs (mit Ausfertigungen für den Hof sowie die Erzbischöfe von Canterbury und York) vorgelegt wurde, nahm Becket den für ihn bestimmten Text entgegen, ohne ihn jedoch zu besiegeln.
Der König sah in den Konstitutionen eine »recordatio et recognitio cuiusdam partis consuetudinum et libertatum et dignitatum antecessorum suorum«, namentlich seines Großvaters Heinrich I.
Unter anderem wurde festgelegt:
Streitfragen um Vogtei und Patronat der Kirchen sollen am Königshof entschieden werden (1);
Kirchen »de feudo regis« dürfen nicht ohne Zustimmung des Königs vergeben werden (2);
angeklagte Kleriker sollen, sofern sie von der »iusticia regis« beansprucht werden, an den Königshof kommen »responsuri ibidem de hoc unde videbitur curie regis quod sit ibi respondendum«, und vor das geistliche Gericht »unde videbitur quod ibidem sit respondendum«, wobei die »iusticia regis« das dortige Verfahren beobachtet; wird der Angeklagte als schuldig erkannt, soll die Kirche ihn fortan nicht mehr schützen (3);
geistliche Würdenträger dürfen das Reich ohne Erlaubnis des Königs nicht verlassen, Appellationen nicht ohne seine Zustimmung an den Papst gerichtet werden (4, 8);
kein Kronvasall oder königlicher Beamter darf ohne vorherige Kontaktnahme mit dem König exkommuniziert werden (7);
Geistliche, die Lehen unmittelbar vom König halten, sollen diesen Besitz »sicut baroniam« innehaben und die damit verbundenen Pflichten wahrnehmen (11);
Erzbistümer, Bistümer und Klöster »de dominio regis« sollen bei Vakanz vom König wirtschaftlich genutzt werden (Regalienrecht). Geistliche Wahlen finden in der königlichen Kapelle statt. Der mit Zustimmung des Königs Gewählte soll diesem vor der Weihe als seinem »dominus ligius« huldigen (12);
Klagen wegen Geldschulden sollen nicht vor das geistliche, sondern vor das königliche Gericht gehören - auch dann, wenn die Erfüllung eidlich versprochen war (15).
Zudem wurden weitere Rechts- und Gerichtsfragen geregelt (Jury of presentment, Utrum).
Manche Sätze waren wohl gar nicht umstritten. Größten Anstoß in den kirchlichen Kreisen weckte jedoch das 3. Kapitel, welches eine doppelte Bestrafung des Angeklagten zu beinhalten schien. Thomas Becket legte vor allem hiergegen Protest ein und berief sich dabei auf den Satz »Non iudicabit Deus bis in idipsum«. Der König verstand wohl die von dem geistlichen Gericht auszusprechende Degradation nicht als Bestrafung, sondern nur als Vorstufe dazu, wobei er sich auf kanonistische Autoritäten berufen konnte. Die ältere Forschung urteilte: »the Constitutions ... represented not unfairly the practice of the past« (A.L. Poole). In der Tat hatten die anglonormannischen Könige kein allgemeines privilegium fori zugestanden und Einfluß auf die Bischofswahlen genommen. Bei einigen Sätzen ist jedoch fraglich, ob sie wirklich dem älteren Rechtszustand entsprechen. Mit dem 3. Kapitel wurde offenbar eine neuartige Regelung erstrebt. Die Konstitutionen sollten wohl dem von Heinrich II. vorangetriebenen Ausbau der königlichen Gerichtsbarkeit dienen und die Weiterbildung des Rechts angesichts neu auftauchender Probleme fördern. Der Text von C
larendon beinhaltet also sowohl eine Wendung zur Vergangenheit wie einen Blick in die Zukunft.
Nach Abschluß des Hoftages suchte Heinrich II. die Bestätigung Papst Alexanders III. für die Konstitutionen zu erlangen, stieß jedoch auf Ablehnung. Die Mehrzahl der Sätze wurde von der Kurie (wohl im November 1164, als Becket den Papst aufsuchte) verurteilt (unter anderem 1, 3,4,7,8,12,15). 1169 scheint der König die Konstitutionen durch Zusatzdekrete verschärft zu haben. Nach der Ermordung Beckets (29. Dezember 1170) verbot Alexander III. jede Bestrafung eines Klerikers durch ein weltliches Gericht. Ein zu Avranches 1172 zwischen König und Papst geschlossener Kompromiß begrenzte die Gültigkeit der Konstitutionen, doch wurde nur das Verbot der Appellationen nach Rom ausdrücklich widerrufen. 1176 gestand Heinrich II. zu, Geistliche sollten nicht vor das weltliche Gericht zitiert werden, außer bei Vergehen gegen die Forstgesetze.
K. Schnith