BRETAGNE
 

Lexikon des Mittelalters: Band II Spalte 615
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Bretagne
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A. FRÜH- UND HOCHMITTELALTER  
I. FRÜHMITTELALTER
Der Teil der Armorica (Gallien), aus dem sich später des Herzogtum Bretagne entwickelte, bildete im Römischen Reich fünf civitates: Coriosolites (Curiosolites), Namneti, Ossismi, Redones und Veneti. Im Unterschied zum übrigen Gallien, in dem sich germanische Bevölkerungsgruppen ansiedelten, erfolgte in der Armorica lediglich eine Einwanderung von Inselkelten aus Britannien. Durch Angriffe von Seeräubern und germanischen Einfällen des späten 3. Jh. hatten vor allen Dingen die Städte der Armorica (besonders 275-282) zu leiden. Die drei Zentren Nantes (Portus Namnetum, Portus Nemetum), Rennes (Condate, später Civitas Redonum) und Vannes (Darioritum; der Vorort der Veneti) wurden in der Spätantike auf verkleinertem Grundriß neu errichtet und befestigt. Corseul (Civitas Coriosolitum) gab man zugunsten von Alet/St-Malo (Aletum) auf.

Carhaiix (Vorgium), der Vorort der Ossismi, sollte ein ähnliches Schicksal erleben,  so daß das Territorium dieser civitas vielleicht in zwei Teile aufgegliedert wurde. Diese territorialen Veränderungen sind zum großen Teil auf die demographisch-siedlungsgeschichtlichen Veränderungen zurückzuführen, die durch die Einwanderung aus der Britannia verursacht wurden: Zunächst drangen keltische Bevölkerungsteile aus Irland in die westlichen Teile von Britannien vor (ca. 3. Jh.); diese Einwanderungswelle beeinflusste von Anfang an auch die Civitas der Ossismi. Die durch die Einfälle der Angelsachsen im späten 5. Jh. In Britannien ausgelöste Bevölkerungsverschiebung griff auch auf die Gebiete der Coriosolties und Veneti über. Eine Folge dieser Einwanderung war die Änderung des Landesnamens: Aus der (geographisch allerdings weiträumigeren) Armorica wurde die nach dem Herkunftsland der Einwanderer benannte Britannia (Bretagne). Diese Namensänderung ist schon in der 2. Hälfte des 6. Jh., bei Gregor von Tours und Venantius Fortunatus, belegt. Die keltischen Sprachen und Dialekte, sowohl diejenigen der Einwanderer als auch die  autochthonen, konsolidierten sich in der Folgezeit.
Bis zum Ende der MEROWINGER-Zeit erstreckte sich diese „Britannia minor“ (im Unterschied zur Maior Britannia) über die alten Territorien der Coriosolites, der Ossismi und der Veneti. Sie war in drei große Herrschaftseinheiten gegliedert: die Domnonee im Norden entlang der Kanalküste, vom Fluß Couesnon bis zum Atlantik; das Poher, das sich an die Domnonee anschloß und vom Fluß Eloin bis zur Loiremündung reichte (und nach unserer Meinung mit den Territorien der späteren Grafschaft Cournouaille gleichzusetzen ist) und schließlich das länger gallofränkisch gebliebene Vannetais, auch Broerec genannt (nach dem Namen des bretonischen Führers Waroc, der 579 Vannes besetzte). Die Bretonen leisteten - entsprechend der jeweilig wechselnden politischen Situation - dem Franken-Reich Tribut, oder aber sie drangen auf fränkisches Gebiet vor. Selbst bedeutenden militärische Unternehmungen der MEROWINGER konnten die dauernde Unterwerfung des Landes nicht erzwingen. Über die verwaltungsmäßige und kirchliche Gliederung der Bretagne in dieser Periode ist wenig bekannt. Manche Bretonen-Fürsten, unter denen Judicael, Zeitgenosse König Dagoberts I. (623-639), herausragt, beanspruchten den Königstitel. Hinsichtlich einer Bistumsorganisation gibt es sichere Belege nur für Vannes sowie ein vereinzeltes Zeugnis über einen Litardus, Bischof der Ossismi, in dem man einen Vorläufer der Bischöfe von St-Pol-de-Leon erkennt. Bei sonstigen namentlich bekannten Bischöfen ist jedoch nicht der zugehörige Bischofssitz überliefert. Das religiöse Leben wurde im übrigen durch die Abteien, die von insularen Mönchen gegründet worden waren, geprägt (Bedeutendste Persönlichkeit war der heilige Mönch und Bischof Samson, der Gründer von Dol), die ihrerseits Filialgründungen veranlassten.

Während die Quellen für die MEROWINGER-Zeit äußerst dürftig sind, ist die Geschichte der Bretagne in der KAROLINGER-Zeit und unter den Bretonen-Herzögen des beginnenden Hochmittelalters besser belegt. Vom Beginn seiner Regierung an war Pippin der Kurze bestrebt, Einfluß auf die Bretagne zu gewinnen; 753 besetzte er Vannes und das Vannetais. Seine Nachfolger, KARL DER GROSSE und LUDWIG DER FROMME, versuchten in zahlreichen Feldzügen, das Land zu unterwerfen - mehrfach melden Annalisten einen Erfolg, dem jedoch stets ein neuer Abfall folgte. Basis der militärischen Maßnahmen war die aus drei Grafschaften (Nantes, Rennes und das 753 eroberte Vannes) geschaffene Mark gegen die Bretonen, etwas missverständlich „Bretonische Mark“ oder „Mark Bretagne“ genannt. Die erste Erwähnung der Mark Bretagne findet sich bei Einhard, der zu 778 den Tod des Hroutlandus (Roland), praefectus der Mark Bretagne, berichtet, und in den fränkischen Reichsannalen, die seine ihm verwandten Nachfolger Wido und Lambert nennen. Während sich für die Namen der Grafen von Rennes keine sicheren Belege finden, sind für das Nantais, das dem „praefectus limitis“ als Hauptort der Mark direkt unterstellt war, und für das Vannetais mindestens ab 799 und bis 831 mehrere Mitglieder der Familie WARNHARIUS-WIDO-LAMBERT gesichert (WIDONEN). Ein allgemeiner Feldzug gegen die Bretonen wurde 830 schon während der Vorbereitungen wieder aufgegeben, da sich die Söhne LUDWIGS DES FROMMEN gegen den Vater erhoben. Bemerkenswert ist, dass der praefectus Lambert, Graf von Nantes, einer der Hauptakteure des Aufstandes war.
Nach der Wiederherstellung der Macht LUDWIGS DES FROMMEN wurde der unzuverlässige Lambert abgesetzt, an seine Stelle trat Richwin (Ricuinus), Graf von Poitiers. Der Graf von Vannes, Wido, der loyal geblieben war, wurde mit anderen Ämtern betraut; LUDWIG setzte an seiner Statt auf dem Hoftag zu Ingelheim (1. Mai 831) als Grafen von Vannes den Bretonen Nominoe ein und machte ihn zum missus imperatoris in der Bretagne, mit der die Grafschaft Vannes ein missaticum bildete. Diese neue Herrschaftsorganisation war damit neben die nur noch aus Nantes und Rennes bestehende Mark getreten. Nominoe verhielt sich unter LUDWIG dem Franken-Reich gegenüber insgesamt loyal. Dies änderte sich erst, als sich der bretonische Graf unter KARL DEM KAHLEN mit expansiven Bestrebungen verschiedener karolingischer Hochadels-Familien gegen die Bretagne konfrontiert sah. Die Auseinandersetzungen mit ihnen mündeten schließlich in einen offenen militärischen Konflikt mit KARL DEM KAHLEN ein. Der fränkische Herrscher unterlag zweimal bie diesen Kämpfen: 845 bei Ballon gegen Nominoe, 851 bei Jengland-Besle gegen Nominoes Sohn, Erispoe. In diesen Kämpfen ging die bisherige Mark an die Bretonen verloren, was KARL DER KAHLE teilweise dadurch kompensierte, dass sich ihm Erispoe kommendierte und von ihm königliche Insignien entgegennahm. Während so die pagi von Nantes, Rennes und die Vikarie Retz, die sich über den pagus von Herbauge erstreckte, dem Franken-Reich verloren ging, verlieh KARL eine neue, auf die Grafschaften Angers und Tours gestützte Mark an Robert den Tapferen. Die karolingische Oberhoheit war nur noch nominell, als sich Salomon durch Ermordung seines Vetters Erispoe der Herrschaft bemächtigte (857). Erst 863 wurde dieser Machtwechsel durch das karolingische Königtum anerkannt, das Salomon den Besitz des zwischen Mayenne und Sarthe liegenden Teils der Grafschaft Angers und schließlich (867) auch das Cotentin zugestehen musste. Doch wurde Salomon, den Gurvand, sein Schwager Pascweten und sein Neffe Guigo an die Franken ausgeliefert hatten, von diesen 874 getötet. Das Land wurde danach zwischen Gurvand und Pascweten geteilt; Gurvand wurde von, dem Sohn einer Tochter des Erispoe, beerbt, Pascweten von seinem Bruder Alanus. Der Tod Judicaels ermöglichte es dem Alanaus, als alleiniger Machthaber den rex-Titel anzunehmen. Während dieser Periode wurden karolingische Verfassungsinstitutionen in der Bretagne eingeführt: Neben den scabini im Gericht setzte sich unter anderem das Grafenamt auch in der inneren Bretagne durch; in der 2. Hälfte des 9. Jh. gibt es mehrere bretonische Grafschaften. Eine ähnliche Fortentwicklung erlebte die kirchliche Organisation. Nach den Reformsynoden von Aachen (817/818) hatte LUDWIG DER FROMME in mehreren bretonischen Abteien die Einführung der Regula Benedicti durchgesetzt; im bedeutendsten Kloster, Redon, wurde sie von Anfang an, seit 833, befolgt. Für die Regierungen LUDWIGS DES FROMMEN und KARLS DES KAHLEN sind nacheinander Bischöfe der Diözese Alet, Dol, Quimper und St-Pol-de-Leon belegt. Nominoe, der eine eigene Kirchenpolitik betrieb, ließ auf der Synode von Coitlouh (Anfang Mai 849) mehrere Bischöfe absetzen. Salomon versuchte im Zuge seiner Selbständigkeitsbestrebungen, Dol zur Metropole einer von der Kirchenprovinz Tours abgetrennten Bretagne erheben zu lassen; diese Maßnahmen stellten dabei keienswegs die Bistumsstruktur der Bretagne, die nun sieben Diözesen (Alet, Dol, Nantes, Quimper, Rennes, St-Pol-de-Leon und Vannes) umgriff, in Frage.
Die Eroberung der Bretagne durch die Normannen besiegelte das Schicksal des bretonischen regnum: Alan (Alain Barbetorte), der spätere bretonische Herzog, musste ins englische Exil zu König Æthelstan, gehen.
 

II. HOCHMITTELALTER
Das normannische Fürstentum an der Loire fand 936, im Jahre der Restauration Ludwigs IV. als westfränkischer König, sein Ende. Dieser Erneuerung des Königtums waren Abkommen zwischen AEthelstan, Wilhelm Langschwert und Hugo dem Großen vorausgegangen, parallel Verhandlungen erlaubten es Alan, in die Bretagne zurückzukehren und dort den Titel eines Herzogs der Bretagne anzunehmen. Unter seiner Regierung (936-952) erfolgte eine Reorganisation der Herrschaft; wahrscheinlich wurden unter ihm die Bistümer St-Brieuc und Treguier gegründet. Nach dem Tod von Alan gerieten die beiden wichtigsten miteinander rivalisierenden Grafschaften Nantes und Rennes unter den Einfluß (Lehnshoheit) der Grafen von Anjou bzw. Blois. Der frühe Tod von Alans ehelichem Sohn Drogo, für den Fulco der Gute von Anjou die Regentschaft geführt hatte, warf überdies das Problem der Vererbung des herzoglichen Titels auf, der bis 1200 nacheinander von vier verschiedenen Familien geführt wurde.
Nach einem rund zwanzigjährigen Interregnum nahm Conan I., der Enkel des Grafen von Rennes, Berengar, den Herzogstitel an; Conan I. versuchte, außer der Bretagne auch das Nantais zu unterwerfen, wobei er mit dem Grafen von Anjou in Konflikt geriet. 992 fiel er in der Schlacht von Conquereuil gegen Fulco Nerra, Graf von Angers.
Sein Sohn Gottfried (992-1008) trat die Erbfolge ohne Schwierigkeiten an, ihm folgten Alan III. (1008-1040) und Conan II. (1040-1060). Unter Gottfried und Alan III. setzte eine monastische Reformtätigkeit ein, gestützt auf eine Reihe von Mutter-Klöstern, besonders Marmoutier und Fleury. Zur gleichen Zeit wichen die alten karolingischen Strukturen einer neuen Herrschaftsorganisation:
Die Minderjährigkeit Conans II. begünstigte die Herausbildung eigenständiger Kastellaneien, deren Aufstieg sich schließlich zugunsten eines dynastischen Wechsels auswirkte.

Als Conan II. ohne legitime Nachkommen verstarb, ging der Herzogstitel an das Haus CORNOUAILLE über, da Havoise, eine Tochter Alans III. aus seiner Ehe mit Berta, der Tochter Odos II. von Blois, eine Ehe mit Hoel, dem Sohn des Grafen von Cornouaille, Alan (Alain Canhiart), welcher selber Graf von Nantes (durch seine Mutter Judith) war, geschlossen hatte. Hoel wurde jedoch nur in seinen Erb-Grafschaften anerkannt. Erst sein Sohn Alan IV. (1084-1114/16) und - stärker noch - sein Enkel Conan III. (1114/16-1148) setzten sich in der gesamten Bretagne durch. Durch das Haus CORNOUAILLE wurde Nantes zum politischen Zentrum des Herzogtums, während im Norden eine jüngere Linie des Hauses RENNES, die auch in England begütert war, regierte. Die Auswirkungen dieser neuen Machtverhältnisse waren besonders auf religiösem Gebiet bedeutend. Die kirchliche Reformbewegung, die ab 1049 Nantes erfasste, dehnte sich nach und nach auch auf die anderen bretonischen Gebiete aus. Dem Herzog Conan III. war zwar selbst nicht weiter an der Errichtung eines Erzbistums Dol gelegen, doch hielt sich dieses Projekt dank der Unterstützung Heinrichs II., König von England, der es mit seinem normannisch-westfranzösischen Herrschaftsinteressen verband.
Die Heirat der Tochter Conans III., Berta, mit Alan (Alein) dem Schwarzen, einem der Erben aus der jüngeren Linie des Hauses RENNES, hatte keineswegs, wie sich hätte vermuten lassen, die politische Einigung des Herzogtums, sondern das Gegenteil zur Folge:
Nachdem Tode Conans III. (
1148) gerieten sein Sohn Hoel und seine Tochter in Konflikt; Hoel erlangte die Anerkennung in der Grafschaft Nantes; die Ansprüche der Berta und ihres Sohnes Conan IV. aus der Ehe mit Alain fanden einen eifrigen Vorkämpfer in Odo (Eudo), Vicomte von Porhoet, der Berta in zweiter Ehe heiratete und bei diesen Auseinandersetzungen vorrangig eigenen Interessen verfolgte.
Es gelang Heinrich II. Plantagenet, den Machtkampf zu seinem Vorteil auszunutzen: Er verheiratete schließlich seinen Sohn Geoffroy mit Constance, der Erb-Tochter Conans IV., und nötigte diesen, schon zu Lebzeiten zugunsten seines Schwieger-Sohnes auf die Herzogswürde zu verzichten. Damit war die Bretagne in den Einflussbereich der PLANTAGENET geraten, und sie blieb trotz wiederholter Aufstände bretonischer Adliger bis zu dem von König Johann Ohneland zu verantwortenden Mord an Arthur I. (1203), dem Sohn von Constance und Geoffroy, im Verband des Reiches der PLANTAGENET. Trotz der sprachlichen Trennung zwischen Haute-Bretagne (mit vorherrschend französischer Sprache) und Basse-Bretagne (mit vorherrschend bretonischer Sprache), welche die Konflikte in der zweiten 2. Hälfte des 12. Jh. mitverursacht hatte, bewahrte die Bretagne ihre durch die früh- und hochmittelalterlichen Dynastie geschaffene Einheit.

 

B. SPÄTMITTELALTER
I. DAS ZEITALTER DER HERZÖGE PETER MAUCLERC UND JOHANN I. (1213-1341)
Die Periode, die 1213 mit dem Auftreten des französischen Prinzen Peter von Dreux (bekannt als Pierre Mauclerc) in der Armorica beginnt, ist eine Zeit tiefgreifender Wandlungen.
Peter
war von König Philipp II. August (1180-1223), seinem Vetter, zum Gemahl für Alix, die Erb-Tochter der einheimischen Dynastie bestimmt worden: der Prinz hatte den Rang eines bailliste oder Regenten des Herzogtums bis zur Volljährigkeit eines eventuell aus dieser Ehe hervorgegangenen Sohnes. Damit wurde eine neue Dynastie in der Bretagne begründet. Peter (Pierre) mit dem Beinamen Mauclerc (von ‚mauvais clerc’, vielleicht wegen einer bald abgebrochenen kirchlichen Laufbahn, eher aber wegen der gespannten Beziehungen des Fürsten zum hohen Klerus) hat das Andenken eines glänzend begabten und hochgebildeten, aber impulsiven Fürsten hinterlassen.
Sein Sohn, Herzog Johann (Jean) I. (1237-1286), in seiner Sparsamkeit und Besonnenheit ein hervorragender Verwaltungsmann, ist der eigentliche Begründer der spätmittelalterlichen Bretagne; er stärkte nachhaltig Ansehen und Autorität der bretonischen Fürsten und begann das Werk der Zentralisation, das für die Zukunft herausragende Bedeutung erhalten sollte.
Seine Nachfolger Johann II. (1286-1305), Arthur II. (1305-1312) und Johann III. (1312-1341) setzten seine Politik fort, allerdings mit geringerer Tatkraft.

Peter und Johann I. hatten ihre souveränen Rechte gegen die Umtriebe des Laienadels wie der frondierenden Prälaten durchzusetzen, wobei sich der Widerstand teilweise nur in langdauernden Kämpfen brechen ließ. Es gelang den Fürsten, ihre Gewalt auf Kosten ihrer Widersacher sowie der kleineren Vasallen territorial zu verankern Die herzogliche Domäne wurde in relativ kurzer Zeit beträchtlich erweitert, teils durch einfache Konfiskation, wie bei der Apanage von Penthievre, die mit ihren reichen Kastellaneien in der Diözese St-Brieuc und Treguier an ein Kind gefallen war, teils durch Auskauf der Vorbesitzer zu günstigen preisen, wobei sich die bretonische Fürsten die Verarmung und Insolvenz einiger ihrer Vasallen zunutze machten, zum Beispiel der Vicomtes von Leon. Die Privilegien der Großen wurden systematisch beschnitten. Das Strandrecht (droit de bris) wurden den an der Küste sitzenden Grundherren entzogen und bildete fortan eine der Haupteinnehmen für den herzoglichen Fiskus, ebenso wie die brefs, die Seeversicherungen gegen Schiffbruch und andere Meeresgefahren. Die Nutznießung der Lehen von Minderjährigen aufgrund der garde und die Abgabe auf Rückkäufe (relief), die 1275 eingeführt wurde und sogleich die ganzen übrigen Einkünfte eines Jahres aufwog, entwickelten sich zu mächtigen politischen und fiskalischen Waffen der Fürsten.
Am Ende der Regierung von Johann I. (
1286) war die Besitz- und Territorialentwicklung in ihren Hauptzügen bereits abgeschlossen: Die Herzöge beherrschten die bedeutendsten Städte (Dinan, Morlaix, Nantes, Renens, Vannes) vollständig oder doch überwiegend, sie hatten die strategisch wichtigen Festungen in ihrer Hand (Brest, Hede), sie verfügten über ausgedehnte agrarische Grundherrschaften und weite Forsten, die sie zum Teil als Musterdomänen (parcs) organisierten; ferner übten sie eine Reihe bedeutender Feudalrechte aus, die eine Quelle einträglicher Gewinne darstellten. Zur Aufrechterhaltung ihrer Stellung verfügten die Herzöge über ein effektives Instrumentarium: ein gut funktionierendes Schatzamt (tresorerie) und eine Verteidigungsorganisation, die in der Lage war, die „Marken“ an den Grenzen des Herzogtums sowie die Befestigungsplätze der herzoglichen Vasallen (St-Aubin-du-Cormier, La Gavre und andere) zu kontrollieren; das bretonische Militärwesen umfasste neben dem traditionellen Lehnsaufgebot (dessen Organisation im 1294 erstellten „Livre des Ostz“ fixiert wurde) auch schon fremde Söldnertruppen („Satelliten“).
Der staatliche Apparat wurde im Laufe des 13. Jh. Weiter ausgebaut und verstärkt. Die Herzöge schufen oder erweiterten eine Reihe von spezialisierten Ämtern, die große Bedeutung erlangen sollten: An erster Stelle zu nennen ist der fürstliche Rat (Conseil), der zunächst einige familiares des Herzogs umfasste, unter anderem Franzosen, die - wie der Kanzler Rainaud - mit Peter Mauclerc ins Land gekommen waren und zu denen bald Mitglieder mittlerer und kleinerer Vasallen-Familien hinzutraten, ebenso auch bürgerliche Notabeln. Der Rat befasste sich mit den laufenden politischen und rechtlichen Angelegenheiten von Wichtigkeit. Fallweise wurden die Sitzungen des Rates durch die Hinzuziehung der Bischöfe und Barone erweitert (Tagung „en plein Parlement“); in solchen Versammlungen wurde über Fragen von allgemeiner Bedeutung für die Geschicke des Landes beschlossen (so über die Vertreibung der Juden 1240). Die Steigerung der Staatseinkünfte seit der Erhebung der ersten außerordentlichen Steuern der „maltotes“ und anderer „novellets“, welche häufig Unzufriedenheit und heftige Konflikte mit Klerus und Kaufleuten ausgelöst hatten, machte die Schaffung eines effektiven Rechnungs- und Finanzwesens notwendig, wobei wir jedoch nur fragmentarisch erhaltene Rechnungen für die Zeit ab 1265 besitzen; im Schloß Muzillac wurde eine Finanzbehörde als Vorform einer Chambre des Comptes (Rechnungshof) eingerichtet. Die Verwaltungsgliederung der Bretagne in acht baillies, die vielleicht schon auf die Zeit der PLANTAGENET zurückgeht, unter Johann I. auf jeden Fall aber ausgebaut wurde, war ein entscheidender Schritt auf dem Wege der Zentralisierung. Diese baillies mit ihren grundherrschaftlichen, lehnsrechtlichen, fiskalischen und jurisdiktionellen Funktionenn unterstanden jeweils einem Seneschall, der anfangs umfassende Amtsbefugnisse besaß, später aber nur noch die Polizei- und Richtergewalt ausübte, während sich neben ihm andere spezialisierte Funktionen, vor allem diejenigen der Steuereinnehmer (receveurs ordinaires), herausbildeten. Ein Charakteristikum dieser Periode, in der die Weichen für die politisch-institutionelle Entwicklung der spätmittelalterlichen Bretagne gestellt wurden, ist auch das Anwachsen der öffentlichen und privaten Archive und vor allem die Redaktion der „Tres Ancienne Coutume de Bretagne“, die von drei ausgezeichneten, in den französischen Rechtsschulen ausgebildeten Juristen, Pierre Copu le Sage, Mace le Bart und Eon de Treal, in den Jahren 1312-1325 vorgenommen wurde. Diese Aufzeichnungen des Gewohnheitsrechtes der Bretagne ist in Aufbau und Inhalt bereits stärker durch das römische Recht und die Gewohnheitsrechte des Anjou und Orleanais geprägt als durch einheimische bretonische Rechtstradition.
Die Beziehungen zum König von Frankreich, dessen Oberhoheit die Bretagne unterstand, nahmen naturgemäß einen beherrschenden Platz in der Politik des Herzogtums ein. Peter Mauclerc war zunächst ein treuer, wenn auch stets auf seine Eigeninteressen bedachter Vasall des Königs gewesen. Er erfüllte seine Verpflichtungen gegenüber der Krone und leistete König Philipp August bei mehreren Feldzügen Heerfolge. Doch veränderten Philipps Tod (1223) das Kräfteverhältnis in spürbarer Weise; allmählich geriet Peter Mauclerc als großer Kronvasall auf den Weg der Frone gegen Ludwig VIII. (1223-1226), schließlich ging er während der Minderjährigkeit Ludwigs des Heiligen (1227-1234) sogar zu offener Rebellion über.
Mit dem Scheitern der Aufstände des Peter Mauclerc und seiner Abdankung zugunsten seines Sohnes Johann I. kam die Bretagne für mehr als ein Jahrhundert in französische Fahrwasser, was offenbar zahlreiche günstige wirtschaftliche, politische und kulturelle Folgen hatte. So wurde das Herzogtum Bretagne zur Pairie erhoben; wichtige künstlerische und kulturelle Strömungen erreichten das Land von Frankreich her. Doch brachte die enge Bindung an Frankreich auch Nachteile mit sich:
Die Bretonen mussten sich verstärkt an den militärischen Operationen der Krone beteiligen, so an den verlustreichen Flandern-Feldzüge unter König Philipp IV. dem Schönen zu Beginn des 14. Jahrhunderts. Die Appellationen von Untertanen des Herzogs an das königliche Parlement von Paris, die zum Teil, aber nicht ausschließlich, von Parteigängern des Königs inspiriert waren häuften sich; der königliche Bailli des Cotentin bzw. seine Untergebenen, so der Vicomte von Avranches, schalteten sich offen in die politische und juristische Angelegenheiten des Herzogtums ein und führten dort Untersuchungen durch (1296). Zahlreiche Bretonen wanderten nach Paris, Poitiers oder Angers ab; es handelte sich hierbei um  Adlige, die ein Amt am Königshof oder im Militärwesen anstrebten, ebenso wie um Professoren und Studenten sowie um Handwerker. Bei der Oberschicht der Bretagne lässt sich allgemein das Phänomen der „franciscation“, der Annahme der französischen Sprache, feststellen, das in dieser Periode einen tiefen Einschnitt in Kultur und Lebensformen der Bretagne bewirkte.

In der bis dahin fast ausschließlich agrarisch geprägten Bretagne setzte in dieser Periode also zu einem vergleichsweise späten Zeitpunkt, eine verstärkte städtische Entwicklung ein. Das Land wurde für den großen internationalen handel erschlossen Besondere Bedeutung als Exportgüter besaßen: as Salz aus Guerande und Bourgneuf, welches in das nördliche Europa und nach Südost-England ausgeführt wurde; Vieh und Häute; Getreide; grobe Leinwand und Wein (aus dem Hinterland von Nantes). Unter Peter Mauclerc wurden zwei neue Städte gegründet, St-Aubin-du-Cormier und Le Gaore; diese Gründungen dienten Zielen des Landesausbaus (Erschließung schwachbesiedelter Zonen) sowie strategisch-politische Zielsetzungen (durch diese befestigten Städte erfolgte der Schutz von Rennes und Nantes sowie die Kontrolle über widersetzliche Vasallen). Die Bürger dieser neuen Städte erhielten fiskalische und wirtschaftliche Erleichterungen. Auch die Bürger von Nantes wurden mit einigen kleinere Privilegien bedacht (vor allem Rückkauf des Weinbanns). Der einzige bekannte städtische Aufstand in der Bretagne, die Revolte der Bürger von St-Malo gegen ihren Bischof, blieb Episode.

II. DER BRETONISCHE ERBFOLGEKRIEG UND SEINE FOLGEN (1341-1365/79)
Frieden und Wohlstand, die im 13. und frühen 14. Jh. in der Bretagne vorgeherrscht hatten, wurden durch den erbitterten Bürgerkrieg beeinträchtigt, der in den Jahren 1341-1365 die Bretagne erschütterte und, wenn man noch die nachfolgenden Auseinandersetzungen mit hinzurechnet, erst 1379 sein Ende fand. Dieser Konflikt entwickelte sich aus der Verkettung dynastischer und politischer Gegensätze. Als Hauptmoment sind hier zu nennen:

o die unheilvolle Wiederherstellung der Apanage Penthievre durch Johann III. (1317) zugunsten seines jüngeren Bruders Guy
o der Tod des Herzogs ohne Vorhandensein eines direkten Erben
o die Rivalität der Tochter des verstorbenen Guy, Johanna (Jeanne) von Penthievre (oo Karl von Blois), und ihrem Onkel Johann (Jean)
  
von Montfort, einem jüngeren Halb-Bruder von Johann III.

o das Eingreifen der mächtigen Nachbarn der Bretagne, Frankreich und England, und dadurch die Verquickung des bretonischen Erbfolgestreits mit dem Hundertjährigen Krieg, zu dessen Schauplatz die Armorica schließlich wurde.
Das Land wurde gespalten: der eine Teil wurde von den BLOIS-PENTHIEVRE und ihren französischen Anhängern beherrscht, die Karl von Blois als Herzog anerkannten; der andere Teil war in den Händen der MONTFORT, die von Eduard III., König von England, unterstützt wurden. Die Kriegshandlungen wurden durch eine lange Reihe von Reitergefechten, Belagerungen, Scharmützeln gekennzeichnet, mit wechselndem Erfolg für beide Parteien, an deren Spitze die beiden großen Kriegshelden Du Guesclin und Thomas Dagworth standen; auch Ritterturniere, so das berühmte Turnier der Dreißig („Combat des Trente“), hatten im Verlauf der Kämpfe ihren Platz. Größere Schlachten wurden nur wenige geschlagen; sie endeten in der Regel mit einem Sieg der MONTFORT-Partei, deren Kerntruppe aus altgedienten britischen Söldnern bestand. Die Schlacht von Auray im September 1364 entschied schließlich den Krieg; in ihr verlor die Partei der PENTHIEVRE ihren Thron-Prätendenten Karl von Blois und büßte damit ihre Erfolgsaussichten ein; für den Sohn des 1345 verstorbenen Johann von Montfort, Johann IV., war nun der Weg zur Herzogswürde frei. Der erste, in Guerande geschlossene Friedensvertrag bestätigte den Stand der Dinge, ließ aber die Tür zu weiteren Konflikten offen, welche noch bis 1379 andauerten. Nach einem Aufstand seiner Untertanen, der von Karl V., König von Frankreich, unterstützt wurde, musste sich der englandfreundliche Herzog Johann IV. 1373 sogar ins Exil jenseits des Kanals begeben, aus dem er erst 1379 zurückkehrte.
Der Erbfolgekrieg war für die Bretagne verheerend, weniger infolge der direkten Kriegshandlungen als wegen der zahlreichen Plünderungen, Schatzungen und Kontributionen, die der Bevölkerung abgepresst wurden und insbesondere die Ausblutung der Agrarbetriebe zur Folge hatten. Dieses für die Bretagne dornenvollen Jahren waren - unter militärgeschichtlichem Gesichtspunkt - Jahre der „Innovation“ der Kriegstechnik und der militärischen Organisation; in dieser Periode einer schwachen Zentralgewalt vermochten auch die Städte, die geschützt durch ihre Mauern, der militärischen Bedrohung besser standhalten konnten, ihren Status durch Privilegien zu verbessern (Nantes, Rennes, Quimper) sowie eine eigene, begrenzte Steuerhoheit und ein munizipales Ämterwesen aufzubauen; Guingamp war als Stadt sogar auf kollektiver lehnsrechtlicher Grundlage verfasst.

III. DIE BLÜTEZEIT DES HERZOGTUMS UNTER DEM HAUS MONTFORT (ca. 1379- ca. 1486)
Das Herzogtum erfreute sich nach Beendigung des Erbfolgekrieges für ein gutes Jahrhundert außergewöhnlich günstiger politischer und wirtschaftlicher Bedingungen. In einer Zeit, in der Frankreich den Auseinandersetzungen des Hundertjährigen Krieges, die sich mit inneren Wirren unheilvoll verquickten, ausgeliefert war und sich zeitweise in seiner Existenz bedroht sah, herrschte im Herzogtum Bretagne ein vergleichsweise dauerhafter Friede, der nur in den „Grenzmarken“ durch die Einfälle von Söldnerbanden ernsthaft bedroht war. Der Friede und besonders die mit ihm verbundene wirtschaftliche Prosperität sind wesentlich der Ausschaltung der wirtschaftlichen Konkurrenten, eben Frankreichs und Englands, die durch den Hundertjährigen Krieg gebunden waren, zu verdanken.

Als Herzoge aus dem Hause MONTFORT folgten aufeinender:
Johann IV. (1365-1373; 1379-1399)
Johann V. (1399-1442), der bekannteste Fürst aus dieser Familie
dessen Söhne
Franz (Francois) I. (1442-1450) und
Peter II.
(1450-1457)

dessen Bruder Arthur III., Graf von Richemond und ehemaliger Connetable von Frankreich (1457-1458)
und dessen Neffe Franz II. (1458-1488), Sohn des Richard von Etampes.
Die Bretagne, die ja französisches Kronlehen war, versuchte sich soweit als nur eben möglich den Verpflichtungen, die aus dieser Vasallität erwuchsen, zu entziehen und sich größtmögliche Eigenständigkeit zu bewahren. Das Erwachen eines bretonischen „Nationalbewusstseins“, das sich parallel mit dieser Politik vollzog, spiegelte sich in Ausbrüchen von Fremdenfeindlichkeit wider, die sich insgesamt mehr gegen die Engländer als gegen die Franzosen richteten (und sich damit stärker den „nationalen“ antienglischen Bewegungen in der Normandie während der späten Phase des Hundertjährigen Krieges annäherten); doch gab es auch einen antifranzösischen Volksaufstand, der sich gegen den frühen Annexionsversuch durch König Karl V. 1378 wandte. Bretonisches Nationalgefühl fand seinen literarischen Niederschlag vor allem im offiziellen Schrifttum sowie in den panegyrischen historiographischen Werken, die den Herzog als Herrn seines Landes „seit ältester Zeit“, als Herrscher von Gottes Gnaden, der mit königlichen und souveränen Rechten ausgestattet ist, feierten und ihm das Recht zur Prägung von Goldmünzen (des Ecu), zum Tragen einer Krone, zur souveränen Gesetzgebung und gleichberechtigten Vertragsschließung mit den anderen Herrschern der Christenheit zusprachen; der Herzog untermauerte schließlich durch Annahme eines herrscherlichen Siegels seine souveräne Stellung. Als Hauptvertreter der nationalbretonisch orientierten Literatur am Ende des Mittelalters kam Alain Bouchart („Les Grandes de Bretagne“) gelten.
Die Macht der Herzöge wurde in dieser Periode insgesamt noch gestärkt; Schwächung und Krisen, wie sie etwa infolge der Entführung Herzog
Johanns V. 1420 durch seine Feinde aus Penthievre eintraten, blieben Episode. Neue Herrschaften wurden der Domäne eingegliedert (Fougeres, 1428); der Ausbau der Institutionen der Zentral- und Regionalverwaltung schritt weiter voran. Die lange unterschätzte Regierung Johanns IV. stellte in dieser Entwicklung eine entscheidende Etappe dar.

Vier große Gremien bestimmten seit dieser Zeit das öffentliche Leben:
1. der fürstliche Rat (Conseil princier), dessen Tätigkeit durch die Verhandlungsprotokolle für die Jahre 1459-1463 erhellt wird
2. die Kanzlei (Chancellerie), in der Tausende von Urkunden erlassen wurden, wahrscheinlich 90.000 allein unter Johann IV., doch sind nur
    2.600 Urkunden erhalten

3. der Rechnungshof (Chambre des Comptes), der in Vannes nahe dem Schloß L’Hermine seinen Sitz hatte, mit zwei Präsidenten (presidents) und mehreren Auditoren (auditeurs)
4. die Etats de Bretagne (Stände der Bretagne), die eine nahezu jährlich tagende Versammlung der Repräsentanten des hohen und mittleren Adels und des Klerus sowie der Delegierten der 25 Städte der Bretagne bildeten; ihre Zustimmung wurde beider Erhebung „außerordentlicher“ Steuern und möglicherweise auch beim Erlaß neuer Gesetze eingeholt. Die Fiskalität machte große Fortschritte, die durch die allgemeine Einführung der direkten Steuern des fouage (Herdsteuer) für die nichtadligen ländlichen Haushalte (2/3 der Einnahmen), der aides (indirekten Steuern) für die 32 „guten Städte“, sowie der Zölle und Hafengebühren, etwa des „devoir d’impost“, einer Abgabe auf den Weinhandel, gekennzeichnet sind. Der jährliche Haushalt betrug unter Herzog Franz II. ca. 400.000 livres. Bei alledem war der Aufbau der bretonischen Administration noch keineswegs abgeschlossen. Es gab keine feste Hauptstadt, sondern nur eine Reihe bevorzugter Residenzen, die wir durch die Itinerate der Herzöge kennen. Besonders die Regelung der Rechtsprechung blieb uneinheitlich; die Einrichtung eines festen Appellationsgerichtshofes in Vannes, des Parlement de Bretagne, im Jahre 1485 erfolgte erst kurz vor der Angliederung an Frankreich. Die häufige Wiederholung der gleichen Ordonnanzen über die Einstellung und Auswahl von Beamten, die Tätigkeit der Gerichtshöfe usw. deutet auf ein zumindest teilweise unzureichendes Funktionieren des Gerichts- und Verwaltungswesens hin. Die lokalen Beamten, die weniger kontrolliert werden konnten, waren häufig korrupt; diesbezügliche Beschwerden bei der Chambre des Comptes häuften sich und führten mehrfach zur Einsetzung von Untersuchungskommissionen (so 1486 im Leon).
Die „Außenpolitik“ des Herzogtums zielte während des größten Teils der Regierung Johanns V. auf ein gutes Einvernehmen mit Nachbarn und Handelspartnern ab. Der politischen Realität wurde durchaus Rechnung getragen. Ermöglichte die politische Schwäche Frankreichs unter Karl VI. und Karl VII. der Bretagne eine zurückhaltende Politik, so führte der Wiederaufstieg Frankreichs nach der Versöhnung des „roi de Bourges“, Karl VII., mit den Burgundern beim Vertrag von Arras die Bretagne unter Franz I. und Peter II. zu einem allmählichen Übergang von einer neutralistischen Schaukelpolitik zur Teilnahme an der französischen Kriegsführung: Die bretonischen Soldaten haben unter ihrem Führer, dem Connetable Arthur de Richemont, wesentlich zu den französischen Siegen über die Engländer in der Normandie und Aquitanien beigetragen.
Die Neutralität ließ das Herzogtum reich werden; Erzeugnisse aus der Bretagne wurden im ganzen nördlichen und atlantischen Europa verkauft. Absatz fanden insbesondere: die feine bretonische Leinwand ebenso wie die einfachen Leinenstoffe aus Vitre, Morlaix und Locronan, die sehr geschätzten Häute und das Pergament (Lamballe), die Produkte der Weidewirtschaft und nach wie vor das Salz..
Von der kulturellen Blüte der Bretagne in dieser Periode zeugen hervorragende Baudenkmäler wie die Kathedrale von Nantes und der sogenannte „Kreisker“ von St-Pol-de-Leon, eine künstlerisch bedeutende Kirche im Perpendikularstil der englischen Gotik. Einheimische Künstler fanden ihr Betätigungsfeld, und es entstand eine beachtliche Literatur.

IV. DAS ENDE DER SELBSTÄNDIGKEIT
Die Beendigung des Hundertjährigen Krieges und der Regierungsantritt des von seiner königlichen Autorität durchdrungenen Ludwig XI. waren der Erhaltung der „Unabhängigkeit“ der Bretagne nicht günstig, zumal mit Franz II. eine schwache und leicht beeinflussbare Fürstenpersönlichkeit regierte und sich zudem im Herzogtum wirtschaftliche Schwierigkeiten ausbreiteten.

Die Politik der beiderseitigen kleinen Nadelstiche und der sorgfältig berechneten Affronts vergiftete ab 1462 die Atmosphäre zwischen den beiden Höfen. Der Herzog von Bretagne war an den Revolten und Umtrieben des Hochadels gegen die Politik Ludwigs XI., häufig führend, beteiligt (insbesondere an der „Guerre du Bien public“). Als die latente Feindseligkeit in einen offenen Kriegszustand einmündete, war das Herzogtum jedoch schlecht gerüstet und politisch isoliert; vor allem hatte der 1477 erfolgte Tod des Burgunder-Herzogs Karl des Kühnen das Herzogtum Bretagne seines mächtigsten und entschlossensten Verbündeten beraubt. Die Schlacht von St-Aubin-du-Cormier (28. Juli 1488) war der tragische Endpunkt einer Reihe von für die Bretagne verderblichen Konfrontationen. Franz II. überlebte diese Niederlage nicht, seine Tochter Anna (Anne de Bretagne) trat die Nachfolge unter äußerst ungünstigen Bedingungen an. Ihre Rechte auf die Herzogskrone und ihre herzogliche Gewalt wurden angefochten. Die Aufstände bretonischer Barone, die bereits unter Annas Vater mit dem Streit zwischen Guillaume Chauvin und Pierre Landais begonnen hatten, setzten sich fort und führten einen Zustand allgemeiner Unsicherheit herbei. Die Kämpfe mit Frankreich flammten trotz des 1488 geschlossenen Vertrages von Verger (20. August 1489) unter König Karl VIII. erneut auf; durch ein Bündnis mit dem HABSBURGER
MAXIMILIAN, der sich per procuram mit Anna trauen ließ (Dezember 1490), versuchte die Herzogin, den französisch-habsburgisch/burgundischen Gegensatz zur Erhaltung ihrer eigenständigen Herzogsgewalt auszunutzen. Doch wollte Frankreich die habsburgische Bedrohung im Westen begreiflicherweise nicht hinnehmen; die Bretagne wurde ab 1489 von der überlegenen französischen Heeresmacht besetzt und damit das letzte, mehr oder weniger eigenständige Territorial-Fürstentum in Frankreich der Krone unterstellt. Die Heirat der Herzogin Anna mit Karl VIII. - nach Aufkündigung der Verbindung mit MAXIMILIAN - erfolgte am 6. Dezember 1491 nach mancherlei Zögern auf beiden Seiten; diese Lösung war für die Herzogin und ihr Land unter den vorhandenen Umständen offenbar das kleinere Übel. Eine nüchterne Analyse der Quellen zeigt tatsächlich für diese Periode eine Verarmung des Herzogtums, das mit Abgaben überlastet und von schweren wirtschaftlichen und sozialen Krisenerscheinungen erschüttert war. Das königliche Regiment unter Karl VIII. und Ludwig XII. versuchte, mit unterschiedlichem Erfolg und zum Teil äußerst zögernd und nicht immer geschickt, die Situation im Lande zu verbessern.

Mit der Heirat zwischen Herzogin Anna und Karl VIII. war die Grundlage für die dynastische und staatliche Bindung der Bretagne an das Königreich Frankreich geschaffen worden; die feste Eingliederung erfolgte im frühen 16. Jh. in mehreren Etappen:
Im Heiratsvertrag zwischen Anna und Karl hatte sich die Herzogin verpflichten müssen, beim frühen Tod ihres Gatten und dem Fehlen von Nachkommen, den Thronfolger zu heiraten. Dieser Fall trat ein, da zum Zeitpunkt des Ablebens Karls VIII. (8. August 1498) die vier Kinder aus der Ehe verstorben waren. Anna zog sich nach dem Tod ihres Mannes zunächst in das Herzogtum Bretagne zurück, dessen Regierung sie übernahm. Nachdem der französische Thronfolger Ludwig XII. bei der Kurie die Auflösung seiner Ehe mit Jeanne de France erreicht hatte (17. Dezember 1498), fand am 8. Januar 1499 die Heirat zwischen Ludwig und Anna statt. Die Bewahrung der Rechte und Gewohnheiten des Herzogtums Bretagne war Bestandteil des Ehevertrages. Die Etats generaux von Tours setzten die Vermählung des einzigen lebenden Kindes aus der Ehe zwischen Ludwig und Anna, Claudia, mit dem Thronerben Franz von Angouleme durch (als Franz I. König seit 1. Januar 1515) [Richtigstellung: Claudia war nicht das einzige Kind aus dieser Ehe, denn sie hatte eine Schwester Renata (* 25.10.1510,
12.6.1575)]. Nach dem Tod der Königin von Frankreich und Herzogin von Bretagne, Claudia, am 20. Juli 1524 trat, gegen die Bestimmungen der früheren Verträge, der Dauphin Heinrich die Erbfolge in der Bretagne an:
Nach einer Beratung der Etats de Bretagne in Vannes proklamierte König Franz I. im Edikt von Nantes (14. August 1532) die immerwährende Union (union perpetuelle) der Bretagne mit der Krone von Frankreich.


Selbständiges französisches Herzogtum

Nach dem Untergang des Weströmischen Reiches waren die Herzöge von Bretagne, die auch den Königstitel führten, von Zeit zu Zeit von den fränkischen Königen abhängig. Im 10. Jahrhundert hatte das Land unter den Einfällen der Normannen zu leiden, deren Herzog Rollo sich zum Herrn der Bretagne machte. Als 1171 die alte einheimische Dynastie im Mannesstamm erlosch, kam die Bretagne durch Konstanze, die Erb-Tochter des letzten Herzogs, an deren Gemahl Gottfried, Sohn Heinrichs II. von England, dessen Sohn Arthur durch seinen Onkel Johann Ohneland umkam. So wurde die Bretagne ein Zankapfel zwischen England und Frankreich, bis Philipp IV. den Grafen Johann II., einen Nachkommen Konstanzes aus einer anderen Ehe, wegen seiner Parteinahme für Frankreich 1298 zum Herzog der Bretagne und Pair von Frankreich ernannte. Die Streitigkeiten brachen zwar noch öfter aus, so in einem langen Erbfolgestreit nach dem Tode Johanns III. 1341, doch wußten die Herzöge von Bretagne gegenüber den französischen Königen ihre Selbständigkeit zu behaupten. Als mit Franz II. 1488 der Mannesstamm erlosch, war dessen Tochter Anna, MAXIMILIANS I. Verlobte, Erbin des Landes. Sie wurde 1491 mit Karl VIII. und nach dessen Tode mit Ludwig XII. vermählt. Als ihre einzige Tochter Claudia 1514 mit dem Herzog von Angouleme, der 1515 als Franz I. den Thron bestieg, vermählt worden war, erfolgte 1532 die Einverleibung des Landes in Frankreich.