Portugal
 

STAMMTAFEL im Anhang Band IX des Lexikons des Mittelalters
 

Lexikon des Mittelalters: Band VII Spalte 116
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Portugal
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Reich im W-Teil der Iberischen Halbinsel

I. LANDESBEGRIFF. BESIEDLUNG UND ENTSTEHUNG DER GRAFSCHAFT UND DES KÖNIGREICHES

Die Grafschaft (später Königreich) Portugal erstreckte sich südlich von Galicien; natürliche Grenze ist im N der Fluß Minho, im S bildete nach Erreichen der Flüsse Douro, Mondego und Tajo sowie nach Eroberung des Reino do Algarve schließlich die Atlantikküste die Grenze, während die O-Grenze erst in Auseinandersetzungen mit dem Königreich Kastilien-Leon, aus dessen Reichsverband sich Portugal herausgelöst hatte.
Als nach der arabischen Invasion von 711 die allmähliche Wiederinbesitznahme des Landes im 9. Jh. in den wüsten Zonen vom Königreich Asturien her durch das Instrument der Pres(s)ura geschah, wurden 868 auch das Gebiet um die Stadt Porto (Portucale) durch den Grafen von Vimara Peres, den ersten Begründer der Burg Guimaraes (879), und 878 das Gebiet um die Stadt Coimbra durch den Grafen Hermenegildo Gutierres zur Repoblacion eingenommen. Seither hielt sich in diesen, dem wechselhaften Verlauf der Reconquista unterworfenen Regionen, die in loser Abhängigkeit zu den Königreichen Asturien, Leon und Galicien standen, eine (gebietsmäßig noch nicht klar umrissene) Grafengewalt, die zum Teil partikularistischen Tendenzen zeigte, durch Einheirat in das Königshaus ihren Vorrang gegenüber dem regionalen Adel zu festigen suchte und zeitweise sogar Einfluß auf die Reichspolitik gewinnen konnte, was aber erst dem Grafen Mendo Goncalves (961-1008), im Verein mit dem ebenfalls nach Eigenständigkeit strebenden galicischen Adel, in stärkerem Maße gelingen sollte.
Die Verhältnisse in den portugiesischen Gebieten traten Mitte des 11. Jh. klarer in den Blick, als sich durch die Eroberungspolitik König Ferdinands I. von Leon, die in der endgültigen Einnahme Coimbras mit dem Erreichen der Mondego-Linie gipfelte (1064), die Frage der Eingliederung dieser Gebiete in das leonesische Reich stellte. Hatte Ferdinand I. schon zwischen 1047 und 1050 gegenüber Graf Mendo Nunes seinen Herrschaftsanspruch zur Geltung bringen müssen, so konnte infolge der Reichsteilung nach seinem Tod die Zugehörigkeit der Grafschaft nur sichergestellt werden, als sein Sohn Garcia I., der Galicien als Königreich erhalten hatte, den aufständischen portugiesischen Adel unter Graf Nuno Mendes; Mendos Sohn, 1071 in der Schlacht von Pedroso besiegen konnte. Dieser Sieg, dessen unmittelbare Folge durch den Tod des Nuno Mendes das Aussterben der portugiesischen Grafenhauses im Mannesstamm war, bereinigte die Situation zwar nicht grundlegend, da Garcia schon bald von seinen Brüdern vertrieben wurde, doch sicherte er vorerst die Oberhoheit des leonesisch-kastlischen Königtums.
Nachdem Garcia 1070 den Metropolitansitz von Braga wiedererrichtet hatte, um seinem Reich eine unabhängige Kirchenstruktur zu sichern, war auf lange Sicht unbewußt die Voraussetzung für die Errichtung einer Landeskirche geschaffen worden, die Eigenständigkeitsbestrebungen begünstigte. Unter der Regierung von Garcias Bruder Alfons VI. von Kastilien-Leon sollten die Regionen Portugal und Coimbra der Aufsicht landfremder Grafen unterstellt werden: Raimund von Burgund erhielt zuerst als Gemahl von Alfons' Tochter Urraca die Grafengewalt über Galicien, Portugal und Coimbra, konnte sich im Endeffekt allerdings mit seiner zentralisierenden, französischen Einfluß forcirenden Adels- und Kirchenpolitik nicht durchsetzen, so daß er auf Galicien beschränkt wurde; an seine Stelle trat 1096 in den Grafschaften Portugal und Coimbra sein Vetter Heinrich von Burgund, Gemahl von Alfons' illegitimer Tochter Teresa, der aktiv die Geschicke seiner Herrschaftsbereiche zu bestimmen suchte, aber den Widerstand des einheimischen Adels letztlich nicht überwinden konnte und sich zunehmend auf die Politik im Königreich Kastilien-Leon (Kampf um eine Nachfolgeregelung in seinem Sinne) konzentrierte. Er starb 1112, ohne seine Herrschaft in Portugal und Coimbra konsolidiert zu haben. Da Heinrichs Sohn und Erbe; Alfons Henriques, noch minderjährig war, folgte ihm in Portugal seine Witwe Teresa nach, die die Grafschaft zuerst mit dem Titel einer Infantin, dann seit 1117) als Königin regierte, aber fortwährend in Konkurrenz mit ihrer Halbschwester Urraca, nun Königin von Kastilien-Leon, stand.
Entscheidend für das Unabhängigkeitsstreben der Grafschaften sollte die Herausbildung einer Adelsgenossenschaft mit Kern in den nördlichen Gebieten sein, die zunehmend ein Zusamemngehörigkeitsgefühl entwickelte und sich aus den mächtigen Familien rekrutierte, die die Repoblacion, den "Repovoamento", nach Süden getragen und umfangreichen patrimonialen Besitz in Anbindung an die großen klösterlichen Grundherrschaften gebildet hatte. An erster Stelle sind für das beginnende 12. Jh. die Ribadouro, Maia, Marnel, Sousa und Baiao, für eine etwas spätere Zeitr die Bragancoes zu nennen, die wegen ihrer Besitzgliederung äußeren Eingriffen in die kirchliche Struktur, vor allem wenn sie von Reformkräftzen unter Führung französischer Mönche getragen wurden, lange ablehnend gegenüberstanden und erst unter Beteiligung des einheimischen Klerus allmählich zu einem Arrangement mit ihnen fanden. Königin Teresa ging unterdessen aus Gründen der Machterhaltung ein immer engeres Bündnis mit dem galicischen Adel ein und brachte Mitglieder der königstreuen Grafenfamilie von TRABA in die wichtigsten Herrschaftspositionen: Ihren Geliebten Fernando Perez de Traba machte sie (unter dem Titel eines Grafen, dux oder consul) zum Herrn von Portugal und Coimbra, dessen Bruder Bermudo Perez zu ihrem Schwiegersohn. Als sie jedoch schließlich, vom Kriegsglück verlassen, dem neuen König von Kastilien-Leon, Alfons VII., 1127 einen Lehnseid leisten mußte, also in die Vasallität gezwungen wurde, entlud sich der Zorn des oppositionellen portugiesischen Adels in der Schlacht von Guimaraes (24. Juni 1128), durch die die Königin entmachtet und ihre galicischen Anhänger außer Landes getrieben wurden.
Neben Paio Mendes, dem Erzbischof von Braga, trat der Infant Alfons Henriquez (Alfons I.), der 1125 die Schwertleite erhalten hatte, als Führer des Adelsheeres und zentrale Kristallisationsfigur der portugieissichen Adelsopposition bei der Befreiung Portugals aus der Unterdrückung durch die als "fremd" empfundenen galicischen und leonesischen Magnaten hervor. Durch eine Kapitulation vom 27. Mai 1128 an den zur MAIA-Familie gehörenden Erzbischof von Braga, seine Kirche und somit an die Adelsgenossenschaft gebunden, regierte der Infant Alfons nach seinem Sieg das Land als 'princeps' und nahm damit eine Oberhoheit in Anspruch, durch die er sich zwar von seinen adligen Mitkämpfern abhob, aber noch nicht den letzten Schritt zum immer wieder angekündigten Königtum vollzogen hatte. Im folgenden Jahrzehnt bestand die Hauptsorge neben der Konsolidierung der Herrschaft nach innen vor allem in der Absicherung der Eigenständigkeit gegenüber dem kastilisch-leonesischen Reichsverband unter Alfons VII., der 1135 durch die Kaiserkrönung in Leon seinen weitgespannten Herrschaftsanspruch untermauert hatte. Ein Ausgleich zwischen den beiden Reichen kam zwei Jahre später zustande, als durch den Friedensvertrag von Tuy, der während eines Herrschertreffens auf dem Minho am 4. Juli 1137 geschlossen wurde, der bestehende Status quo bewußt als Schwebezustand festgeschrieben, formal durch Elemente der Fidelität (Freundschaftsversprechen und Treueid) und durch in der Zukunft zu schließende lehnsrechtliche Bindungen abgesichert wurde, ohne daß diese Bindungen jemals noch mit konkreten Inhalten gefüllt worden wären. Damit war der Weg geebnet zur Annahme des Königtitels, der als Folge des Sieges über die Mauren in der Schlacht von Ourique (25. Juli 1139) für Alfons I. in der Kanzlei Verwendung fand, ohne daß jedoch eine formelle Wahl oder Königserhebung nachzuweisen wäre. Die notwendige Absicherung der neuen Würde durch eine päpstliche Schutznahme, die die Unabhängigkeit des Königreiches gegenüber anderen weltlichen Mächten garantiert hätte, ließ allerdings noch lange auf sich warten, da der Papst den neuen König weiterhin als 'dux' anredete und offensichtlich der außenpolitischen Entwicklung nicht vorgreifen wollte. So erfolgte die endgültige Anerkennung des portugiesischen Königtums erst 1179 durch das Schreiben "Manifestis probatum" (JL 13420), durch das Papst Alexander III. dem König die Erfüllung der seit 1143 vorgetragenen Bitte gewährte und unter Betonung der jährlichen Zinszahlung feststellte, daß das "regnum beati Petri iuris existat", was das Aufhören der Zinszahlungen nicht verhindern konnte, denn in der Realität hatte Alfons I. seine königliche Stellung, die Alfons VII. 1143 durch den Vertrag von Zamora anerkannt hatte, schon längst durch den Landesausbau, hartnäckige Kriegsführung mit dem leonesischen Nachbarreich, gerschickte Außenpolitik udn den Aufbau einer Landeskirche unter der Leitung Bragas unangreifbar geacht.

II. DAS KÖNIGREICH UNTER DER HERRSCHAFT DES HAUSES BURGUND

Mit der Errichtung des Königtums war seit der Mitte des 12. Jh. eine gezielte Fortsetzung der Reconquista einhergegangen, die bereits 1147 zur Eroberung von Santarem und (mit Hilfe eines Kreuzfahrerheeres) von Lissabon geführt hatte und durch einen gezielten Ausbau der Kirchenstruktur mit Errichtung weiterer Bistümer und Klöster zur besseren organisatorischen Durchdringung des Landesausbaus begleitet werden sollte, wobei dem Zisterzienserorden sowie vor allem dem Ritterorden der Templer eine besondere Bedeutung zufiel. Die Ausdehnungspolitik Portugals nach Osten mit der Einnahme von Evora durch Geraldo Sem Pavor (1165) brachte das Königreich zwangsläufig mit dem leonesischen Reich Ferdinands II. in Konflikt, der seinerseits die Expansion in Richtung der alten muslimischen Herrschaft Badajoz betrieb. Die vorübergehende Gefangenschaft König Alfons' I. in Leon (1169) gefährdete so ernsthaft seine Regierung, daß er auch nach seiner Freilassung und bis zu seinem Tode (8. Dezember 1185) die eigentliche Leitung der Staatsgeschäfte seinem Sohn und Nachfolger Sancho I. (1185-1211)überlassen mußte. Der große Sieg bei Santarem über die ALMOHADEN (1183) und die wieder mit Unterstützung von Kreuzfahrern durchgesetzte Eroberung weiterer muslimischer Stützpunkte in Algarve führte zur Einrichtung eines weiteren Bistums in Silves (1189) und zur Erweiterung des Königstitels ("Dei gratia Portugalie, Silvii et Algarvbi rex").
Trotz großen äußeren Drucks verstand es das Königtum vor allem unter der Regierung Alfons' II. (1211-1223); die innere Konsolidierung des vergrößerten Reiches durch eine straffe Verwaltung und gesetzgeberische Maßnahmen zukunftsweisend voranzutreiben und gleichzeitig im Bund mit den Ritterorden der Reconquista die entscheidenden Impulse zu geben. Erst die Unfähigkeit Sanchos II. (1223-1248), die widerstrebenden Interessen im Innern zu einem Ausgleich zu bringen, ließ eine schwere Krise heraufziehen, die darin gipfelte, daß er 1245 durch Papst Innocenz IV. auf dem Konzil von Lyon seiner Regierungsverantwortung als "rex inutilis" entkleidet und an seiner Stelle sein jüngerer Bruder Alfons, Graf von Boulogne als Administrator mit der Reichsverwaltung betraut wurde. Dieser sollte 1248 nach einem Bürgerkriueg und dem Tod Sanchos als Alfons III. (1248-1279) den Thron besteigen in Erfüllung des Testament seines Vaters. Da der König sogleich eine Verständigung mit Kastilien suchte und 1267 durch die Übereinkunft von Badajoz das Reich von Algarve seiner Krone endgültig sicherte, darüber hinaus drch eine rigide Zentralisierungs- und Rekuperationspolitk die unter Sancho II. verlorengegangenen Positionen für die Königsgewalt zurückzugewinnen trachtete, brachte seine Regierung die entscheidende Wende bei der Konsolidierung der staatlichen Grundlagen. Durch die Cortes von Leiria 1254 gelang es ihm, einen ständischen Konsens herzustellen, an dem erstmals das Bürgertum, das seine Rückkehr tat- und finanzkräftig unterstützt hatte, beteiligt war und als Garant der wirtschaftlichen Entwicklung sowie als Gegengewicht gegen die Interssen von Adel und Klerus gewonnen werden konnte. Die Errungenschaften seines Nachfolgers Dinis I. (1279-1325), selbst die letztgültige Regelung der Grenzziehung mit Kastilien durch den Vertrag von Alcanices (12. September 1297) und der Beginn der expansiven Seepolitik im 14. Jh. wären ohne die Vorbereitung unter Alfons III. nicht denkbar gewesen. Andererseits waren auch die zunehmenden Auseinandersetzungen mit einer Adelsfronde, deren Aufstandsbewegung sich immer wieder um Mitglieder des Königshauses scharten, durch die unter Dinis I. nach dem Vorbild Alfons' X. von Kastilien fortgesetzte Zentralisierungspolitik mit ihrer Einengung des adligen Spielraums durch die Initiativen Alfons' III. vorgeformt worden. Obwohl die Regierung Dinis' I. im Bürgerkrieg enden sollte, war sie eine Epoche höchster kultureller Blüte in Dichtung, Geschichtsschreibung und Bildung und markierte einen Neubeginn des landwirtschaftlichen und grundherrschaftlichen Landesausbaus, sah mit der vom Papsttum gebilligten Gründung des Christusordens als Nachfolger des aufgelösten Templerordens die Entstehung eines in Zukunft expansiv ausgerichteten "nationalportugiesischen" Ritterordens und präfugurierte durch die Schaffung einer Flotte die kommenden Zeiten portugiesischer Seeherrschaft, die sich allerdings zunächst noch auf die Kanarischen Inseln konzentrierte. Während das portugiesische Königshaus sich bis weit in die 2. Hälfte des 14. Jh. mit Schwierigkeiten innerhalb der eigenen Dyxnastie konfrontiert sah, es andererseits verstand, sich weitgehend aus den weltpolitischen Auseinandersetzungen herauszuhalten und selbst den Umwälzungen innerhalb der Krone Kastilien unter Peter I. fernstand, wurde es unter Ferdinand I. (1367-1383) dann in verhängnisvoller Weise in die Wirren auf der Iberischen Halbinsel verstrickt, die sich zu einem Nebenschauplatz des Hundertjährigen Krieges entwickelt hatte. Der Versuch des Königs nach der Ermordung Peters I. gegen die sich dort etablierende TRASTAMARA-Dynastie eigene Thronansprüche geltend zu machen, und die damit verbundene Parteinahme für England gegen das mit Frankreich verbündete Kastilien führte langfristig durch den Vertrag von Elvas/Salvatierra de Magos (2. April 1383) und die Eheschließung zwischen König Johann I. von Kastilien und der portugiesischen Erb-Tochter Beatrix zu kastilischen Nachfolgerechten auf dem portugiesischen Thron, die sich nach dem Tode Ferdinands am 22. Oktober 1383 realisieren konnten, aber durch den Aufstand von 1383 und seine Folgen verhindert wurden.

III. DAS KÖNIGREICH UNTER DER HERRSCHAFT DES HAUSES AVIS

Der Volksaufstand von 1383, dem ein "nationaler" Charakter zugesprochen und der gern als "revolucao de 1383" bezeichnet wird, wurde vornehmlich von Adel und Städten getragen und richtete sich gegen die Oberhoheit der als landfremd empfundenen TRASTAMARA-Dynastie, unter deren Herrschaft man die Eigenständigkeit des Königreiches bedroht sah. Der Ermordung oder Vertreibung der bedeutendsten Vertreter der legitimistischen Partei aus Lissabon folgte die Machtübernahme durch Joa d'Avis, der als Bastard-Sohn König Peters I. (1357-1367) und Großmeister des Ritterordens von Avis zur Leitfigur des portugiesischen Widerstandes aufstieg. Innerhalb kurzer Zeit konnte er alle anderen Thronprätendenten überflügeln und, nachdem der Großkanzler Johann das Regras als erfahrener Legist durch seine "razoes" die Rechtsposition der AVIS-Gegner zerstört hatte, wurde er von den Cortes von Coimbra am 5. April 1385 zum neuen König Johann I. (1385-1433) gewählt. Diese Wahl bestätigte er auf dem Schlachtfeld durch den entscheidenden Sieg von Aljubarotta (14. August 1385), als er ein kastilisches Invasionsheer unter Führung König Johanns I. vernichtend schlug und so, ungeachtet der späteren, sich bis 1431 hinziehenden portugiesisch-kastilischen Ausgleichsverhandlungen, die Grundlage für die ungebrochene Fortdauer seiner Königsherrschaft legte. Die endgültige Absicherung erfuhr sein junges Königtum durch den Büpndnisvertrag von Windsor mit England (9. Mai 1386), der durch die Heirat Johanns I. mit Philippa, der Tochter des Herzogs von Lancaster, bekräftigt wurde, eine Ehe, deren reiche Nachkommenschaft keinen Zweifel an der Kontinuität des Herrscherhauses aufkommen ließ.
Sieht man von den wiederholten Eingriffen portugiesischer Prätendenten in die kastilische und aragonesische Thronfolgekämpfe während des 15. Jh. ab, richtete sich das Streben der Monarchie im Sinne eines "capitalismo monarquico portugues" vornehmlich auf expansive handelspolitische Ziele, die allerdings eng verbunden mit Projektten der Landnahme waren. Da die Reconquista für Portugal seit dem 13. Jh. abgeschlossenw ar, suchte man in Konkurrenz zur Krone Kastilien Ausdehnungensgebiete in N-Afrika, wo durch die Einnahme von Ceuta (1415), Alcacer Ceguer (1458), Arzila, Larache und Tanger (1471) unter großen Opfern wichtige Stützpunkte gewonnen werden konnten. Parallel dazu erfolgtedie Expansion nach W-Afrika durch umfangreiche Entdeckungsfahrten, die den Grundstock für das "Seaborne Empire" legten und unter Rückendeckung durch den Infanten Heinrich "den Seefahrer", der als Hochmeister des Christusordens den Heidenkampf zu organisieren hatte, mit päpstlicher Erlaubnis als Kreuzzugsunternehmen durchgeführt wurden, was Heinrich zum Hauptnutznießer des westafrikanischen Handels machte, bevor König Alfons V. (1446-1481) in diese Position drängte. War sein Vorgänger Eduard/Duarte (1433-1438) noch als hochgebildeter "Rei-Filosofo" in die Geschichtsschreibung eingegangen, hatte sich Alfons erst von einer mächtigen Regentschaftsregierung zu befreien (Gefecht von Alfarrobeira, 19. Mai 1449), ohne daß die Abschüttelung hochadlier Herrschaftspartizipation, die in der Vormachtstelung des Hauses BRAGANZA begündet lag, vollends gelungen wäre. Dennoch konnte der König hinfort die rechtlichen, finanziellen und wirtschaftlichen Grundlagen monarchischer Machtausübung wiederherstellen, so daß es seinen Sohn und Nachfolger Johann II. (1481-1495) gelingen sollte, unter Beseitigung adliger Herrschaftskonkurrenz die zentrale Königsgewalt zu stärken und den Weg zur frühmodernen Staatlichkeit zu ebnen.
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Die Grenzgrafschaft Portucalia im Norden zwischen Tejo und Minho stand seit 1095 unter der Herrschaft Heinrichs (Henriques) von Burgund, dessen Sohn Alfons Heinrich sich 1139 König (Alfons I.) nannte und die Selbständigkeit Portugals begründete. Mit deutschen und englischen Kreuzfahrern eroberte er im Kampf gegen die Araber 1147 Lissabon; 1260 wurde Lissabon Residenz, 1267 wurde die bis heute gültige Grenze mit Spanien festgelegt. Dinis förderte besonders Handel und Wirtschaft; Alfons IV. ließ die atlantischen Entdeckungsfahrten in größerem Umfang beginnen. Dem 1383 ausgestorbenen burgundischen Herrscherhaus (Ferdinand I.) folgte die Nebenlinie AVIZ mit Johann I. Der "Windsorvertrag" von 1386 leitete die noch heute bestehende Anlehnung an England ein. 1415 begann die Eroberung nordafrikanischen Gebiets (Ceuta), später folgte die Ausbreitung an der Küste W-Afrikas (Heinrich der Seefahrer). Ende des 15. Jahrhunderts erreichten die Potugiesen das Kap (Bartolomeu Diaz) und ließen sich nach Entdeckung des Seewegs nach Indien (Vasco da Gama) dort in Handelskolonien nieder. Manuel I. (Emanuel der Große) förderte Kunst und besonders Wissenschaft und Entdeckungssfahrten. Zum asiatischen und afrikanischen Kolonialbesitz kam das 1499 (P. A. Cabral) entdeckte Brasilien. Gewaltiger Reichtum floß infolge des Kolonialhandels nach Portugal; doch auf die Dauer zeigte sich, daß das kleine Portugal eine zu schmale Basis für das Kolonialreich war. Die einheimische Wirtschaft war zugunsten des Überseehandels vernachlässigt worden. Als nach dem Aussterben der Königsdynastie (Kardinal Heinrich + 1580) die Spanier Portugal annektierten, wurde es in die spanisch-englisch-niederländischen Auseinandersetzungen hineingezogen; der portugiesische Handel litt schwer, und die Molukken, Ceylon und zeitweilig der NO Brasiliens gingen an die Holländer verloren.
Die Lösung der Vereinigung mit Spanien (1640) durch Johann IV. aus dem Hause BRAGANCA mit französischer Unterstützung kam zu spät. Im Innern kam der Klerus zur Herrschaft; die einheimische Wirtschaft wurde durch den Methuenvertrag 1703 noch stärker von England abhängig; der größte Teil des Kolonialbesitzes war an die Niederländer und Engländer verlorengegangen. Der Marques de Pombal (unter Joseph I.) konnte den Niedergang zwar aufhalten, wurde aber von Maria da Gloria I. entlassen. 1807 mußte der portugiesische Hof vor Napoleon I. nach Brasilien fliehen. Mit englischer Hilfe (A. Wellington) wurden die Franzosen allerdings (1808/09,1811 endgültig) vertrieben; Johann VI. kam aber erst 1821 aus Brasilien zurück, das dann 1822 unabhängig wurde. Um die Staatsform der konstitutionellen Monarchie begann ein langer Streit zwischen Liberalen und Reaktionären. Nach vorübergehender Stabilisierung der inneren Verhältnisse ging unter Peter V. und Ludwig I. der Verfall weiter, besonders der der Finanzen auch unter Karl I.; der Kolonialbesitz wurde dank englischer Unterstützung gehalten. Karl I. und der Kronprinz wurden 1908 ermordet und der folgende Manuel II. 1910 abgesetzt.

Vones Ludwig:
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“Geschichte der Iberischen Halbinsel”

Wenden wir uns Galicien und den Territorien zwischen Minho und Mondego zu, wo sich seit der Presura des 9. Jahrhunderts ein selbstbewußter Adel unter Führung einiger mächtiger Grafenfamilien herausgebildet hatte der es immer wieder verstand, die Eigenständigkeit seiner Stellung gegenüber asturisch-leonesischen Einflüssen zu betonen. War die Rolle der galicischen Grafengeschlechter bereits während der Wirren des 10. und beginnenden 11. Jahrhunderts deutlich zutage getreten, so sollte sich der zwischen Minho und Duero ansässige Adel nachdrücklich bemerkbar machen, als er die Uneinigkeit der Söhne Ferdinands I. ausnutzen und die Königsherrschaft Garcias nicht anerkennen wollte. Unter Führung des Grafen Nuno Mendes empörte sich eine starke Gruppe portugiesischer Adliger und unterlag 1071 in der Schlacht bei Pedroso dem königlichen Aufgebot, da sie die Unterstützung des um Coimbra begüterten mozarabischen Adels nicht hatte gewinnen können.
Es gehört zu den Schwierigkeiten der modernen portugiesischen Geschichtsschreibung, in dieser Epoche den Beginn der eigenen Nationalgeschichte und der Ausbildung der nationalen Unabhängigkeit, der formacao da Nacionalidade, suchen zu wollen, was dem mittelalterlichen Denken nicht gerecht werden kann. Zwar sollte man eine historische Kontinuität in den Gebieten um die Stadt Portucale von der Presura durch den Grafen Vimara Peres im Jahre 868 bis zu Nuno Mendes, dem letzten direkten Abkömmling der alten Grafengeschlechter, der in Pedroso sein Leben verlor, nicht in Abrede stellen, doch war die Eingliederung dieser Territorien in den asturisch-leonesischen Reichsverband im Grund egenommen wegen derselben Triebkräfte problematisch wie in Galicien. Widerstreben gegenüber den Verfügungen und Herrschaftsmaßnahmen, die in Asturien-Leon oder Kastilien getroffen wurden, nährte sich aus einem adligen Selbstbewußtsein, das seine Wurzel in den mittlerweile Jahrhunderte alten, eigenständigen Besitz- und Rechtsverhältnissen hatte, durch die permanente Bedrohung an der nicht fernen Grenze wachgehalten wurde und in einem genossenschaftlichen Handeln des Adels seinen Niederschlag fand. Adligen Widerstand aus dieser Wurzel hatte schon Ferdinand I. zu bekämpfen gehabt, als er zwischen 1047 und 1050 gegenüber Nunos Vater, Mendo Nunes, seinen Herrschaftsanspruch zur Geltung bringen wollte und den portugiesischen Grafen erst aus seinen angestammten Besitzungen vertreiben mußte, um den uneingeschränkten Einfluß der Königsmacht sicherzustellen.

  Haus BURGUND 1093-1383
 
 
Heinrich                                Graf von Portugal (1093-1112)
Teresa                                  Gräfin/Königin von Portugal (1093-1127)
Alfons I. Heinrich                  König von Portugal (1112-1185)
Sancho I. der Volksfreund      König von Portugal (1185-1211)
Alfons II. der Dicke               König von Portugal (1211-1223)
Sancho II. der Mönch            König von Portugal (1223-1245)
Alfons III. der Restaurator     König von Portugal (1245-1279)
Diniz I. der Ackerbauer         König von Portugal (1279-1325)
Alfons IV. der Kühne            König von Portugal (1325-1357)
Pedro I. der Grausame          König von Portugal (1357-1367)
Ferdinand I. der Höfliche      König von Portugal (1367-1383)

Haus AVIS 1385-1580
 
 
Johann I. der Unechte           König von Portugal (1385-1433)
Eduard I.                             König von Portugal (1433-1438)
Alfons V. der Afrikaner        König von Portugal (1438-1481)
Johann II. der Strenge          König von Portugal (1481-1495)
Manuel I. der Glückliche      König von Portugal (1495-1521)
Johann III.                          König von Portugal (1521-1557)
Sebastian                            König von Portugal (1557-1578)
Heinrich                             König von Portugal (1578-1580)

1580-1640 zu Spanien

Haus BRAGANZA
 
 
Johann IV. der Glückliche            König von Portugal (1640-1656)
Alfons VI. der Sieger                   König von Portugal (1656-1667)
Pedro II. der Friedliche                König von Portugal (1667-1706)
Johann V. der Großherzige           König von Portugal (1706-1750)
Josef der Reformer                      König von Portugal (1750-1777)
Pedro III.                                   König von Portugal (1777-1785)
Maria I. da Gloria                       Königin von Portugal (1777-1792)
Johann VI.                                 König von Portugal (1792-1826)
Maria II. da Gloria                      Königin von Portugal (1826-1853)
Pedro V. der Hoffnungsvolle       König von Portugal (1853-1861)
Ludwig I.                                  König von Portugal (1861-1889)
Karl I.                                       König von Portugal (1889-1908)
Manuel II.                                 König von Portugal (1908-1910)