Alfons VI.                                              König von Kastilien (1072-1109)
-------------                                             König von Leon (1065-1109)
1036-30.6.1109
        Toledo

Begraben: Sahagun
 

Ältester Sohn des Königs Ferdinand I. der Große von Kastilien und der Sancha von Leon-Asturien, Tochter von König Alfons V.
 

Lexikon des Mittelalters: Band I Spalte 398
********************
Alfons VI., König von Leon und Kastilien
--------------
* Juni 1040, + 30. Juni 1109
                    Toledo

Begraben: Sahagun

2. Sohn von Ferdinand I. und Sancha

Bei der von seinem Vater vorgenommenen Teilung erhielt Alfons Leon und den Tribut des islamischen Königreiches Toledo, wobei es zu langandauernden Konflikten mit seinem ältesten Bruder Sancho kam, der Kastilien und den Tribut von Zaragoza geerbt hatte. Bei mehreren kriegerischen Auseinandersetzungen unterlegen, wurde Alfons 1072 von Sancho abgesetzt und mußte sich an den Hof seines maurischen Vasallen in Toledo zurückziehen. Nach dem Tode Sanchos bei der Belagerung von Zamora trat Alfons VI. die Herrschaft über Leon, Kastilien und Galicien an, das seinem Bruder Garcia entzogen worden war. In Kastilien wurde er von den Vasallen nur wiederstrebend anerkannt; er hatte zuvor in Burgos dem Cid die Unschuld am Tode seines Bruders Sancho II. (1072) durch einen Reinigungseid bezeugen müssen. Die Regierungsjahre Alfons von 1072-1086 sind durch einen imperialen Aufschwung der kastilisch-leonesischen Herrschaft geprägt. Alfons VI. bemächtigte sich des Roja-Gebietes, zwang Sancho Ramirez zum Lehnseid für das nördlich des Ebro gelegene Navarra und eroberte Toledo im Mai 1085 nach langer Belagerung. Angesichts der kastilischen Bedrohung rief Mu'tamid von Sevilla den ALMORAVIDEN-Emir Jusuf ibn Tasufin zu Hilfe, der mit seinen berberischen Truppen Ende Juni 1086  in Algericas landete und dem Heer Alfons' am 23. Oktober 1086 bei Sagrajas nahe Badajoz eine vernichtende Niederlage zufügte. Ein Rückgang des kastilischen Einflusses auf die Taifa-Königreiche war die Folge, ebenso aber auch die Versöhnung mit dem von ihm 1081 verbannten Cid, der in der Folge die iberische Levante erfolgreich im Auftrag Alfons' besetzte und verteidigte. 1086-1109 erzielte Alfons VI. im Kampf gegen die ALMORAVIDEN fast ausschließlich Mißerfolge. Neid und Rivalität gegenüber dem Cid verhinderten ein dauerhaftes militärisches und politisches Zusammengehen mit diesem, wodurch die Möglichkeit einer gesamtspanischen Herrschaftsbildung ungenutzt blieb. Die Verheiratung seiner Tochter Urraca mit Alfons I. dem Eroberer brachte nicht den gewünschten politischen Erfolg. - Kulturell wurde das verstärkte Eindringen abendländisch-französische Einflüsse unter Alfons VI. gefördert, wozu wohl auch seine Heiratsverbindungen mit französischen Prinzessinnen und die Einsetzung von Bischöfen französischer Herkunft beitrugen. Der romanische Baustil breitete sich während seiner Herrschaft südlich der Pyrenäen aus, die römische Liturgie wurde eingeführt, die westgotische Schrift durch die französische verdrängt. Begünstigt wurde das Eindringen dieser Neuerungen durch die große Pilgerstraße nach Santiago de Compastela, die der König wiederherstellen und sichern ließ.
------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------
Alfons VI. wurde 1065 König von Leon und lag seit dem Tode der ausgleichenden Mutter 1067 ständig mit seinem Bruder Sancho in Krieg, der ihn nach einer Niederlage 1070-1072 nach Toledo verjagte. Nach der Ermordung seines Bruders wurde er 1072 Alleinkönig von Leon-Asturien, Kastilien und Galizien und gewann 1076 La Rioja, Logrono und Calahorra von Navarra. Er wandte sich wieder verstärkt der Reconquista zu und eroberte 1085 das Taifenreich Toledo, wohin er seine Residenz verlegte und wo er das alte Erzbistum restituierte. Mit diesem Erfolg rief er die scharfe Reaktion der marrokanischen ALMORAWIDEN hervor, die seit 1086 die restlichen Taifenreiche nach der Schlacht von Zalaka, die Alfons VI.gegen Kalif ben Jussuf verlor, unterwarfen. Alfons VI. behauptete aber Toledo, führte wie der Vater auch den Titel Kaiser, sorgte mit energischer Hand für Recht und Ordnung, förderte  die Cluniazenserbewegung und die römische Liturgie, die weitgehend die alte westgotische verdrängte. Alfons VI. erlitt bei seiner neuen Offensive 1108 mit der Schlacht bei Ucles einen bösen Rückschlag, konnte in einem letzten Feldzug Cordoba plündern, Sevilla und Jaen leisteten Tribute. Er war bedeutend als Herrscher, fragwürdig als Mensch.
 
 
 
 

    1069
  1. oo Agnes von Poitou, Tochter des Herzogs Wilhelm VIII.
 - 1077       - um 1078

    1081
  2. oo Konstanze von Burgund, Tochter des Herzogs Robert I.
                 -   1093

    1093
  3. oo Bertha von Frei-Burgund, Tochter des Grafen Wilhelm I.
                -   1097 (nach 17.11.1099 Lexikon des MA bei Artikel Zaida)

    1098/99
  4. oo 2. Isabella von Denia, Tochter des Maurenkönigs Abn Alhaje
                   -   1107

    1108
  5. oo Beatrix von Poitou, Tochter des Herzogs Wilhelm VIII.
                 -   1110
 
 
 
 

Kinder:
2. Ehe

  Urraca Königin von Kastilien
  1082-8.3.1126

4. Ehe

  Sancho Erbe von Kastilien
  ca. 1093-30.5.1108
               bei Ucles

  Sancha
        - vor 1125

 1120
  oo Rodrigo Gonzales de Lara Graf de Liebana
            -   1143

  Elvira
  um 1100-8.2.1135

 1118
  oo Roger II. König von Sizilien
       22.12.1095-26.2.1154

Illegitim

  Elvira
        - nach 1151

 1094
  oo Raimund IV. Graf von Toulouse
             -28.2.1105

  Therese         von Jimena Muniz
  um 1070-1.11.1130

  Regentin, 1113 Königin von Portugal, ihrem Erbteil

um 1093
  oo Heinrich von Burgund Graf von Portugal
      1069/70-1.11.1112
 
 
 
 

Literatur:
------------
Brouwer Johan: Johanna die Wahnsinnige. Glanz und Elend einer spanischen Königin. Eugen Diederichs Verlag München 1995 Seite 47 - Die Begegnung des Westens mit dem Osten, hg. von Odilo Engels und Peter Schreiner, Jan Thorbecke Verlag Sigmaringen 1993, Seite 225,228,229,230,231,233-237,239,241 - Vones Ludwig: Geschichte der Iberischen Halbinsel im Mittelalter 711-1480. Reiche - Kronen - Regionen. Jan Thorbecke Verlag Sigmaringen 1993 Seite 11,62,68,70-73,77,80-84,88-93,107 - Vones-Liebenstein: Königin Urraca. in: Frauen des Mittelalters in Lebenbildern. Schnith Karl (Hrsg.)  Verlag Styria Graz Wien Köln 1997 Seite 175,177-183,187 -
-------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------
Vones Ludwig:
************
„Geschichte der Iberischen Halbinsel“

Mit dem Tod Sanchos, der seine letzte Ruhestätte im Kloster San Sebastian de Ona fand, ging die legitime Nachfolge im Reich auf Alfons VI. über. So wurde er, allgemein vom Adel anerkannt, bei seiner Rückkehr nicht nur wieder als König von Leon begrüßt - eine Würde, die er nun mit seiner älteren Schwester Urraca teilte -, sondern er konnte auch aufgrund der Erbfolge unwidersprochen Ansprüche auf das Königtum Kastilien geltend machen. Allein der kastilische Adel, nochmals die Unabhängigkeit und die rechtliche Stütze seiner Stellung betonend, verlangte unter Führung des Rodrigo Diaz einen Reinigungseid, wodurch der neue König seine Unschuld an der Ermordung Sanchos erhärten sollte. Alfons VI. war vor seiner Anerkennung als König von Kastilien gezwungen, diesen Eid vor dem Cid durch 12 Schwurhelfer in der Burgenser Kirche Santa Gadea (Agueda) leisten zu lassen. Im Gegenzug empfing er vom Cid den Lehnseid und vom kastilischen Adel das Treueversprechen. Anders als Menendez Pidal vermutete, scheint Alfons VI. den treuesten Gefolgsmann seines Vorgängers keineswegs aus seinen inzwischen gefestigten Machtpositionen entfernt, sondern ihn vielmehr umworben zu haben. Zwar hatte hinfort Pedro Ansurez die führende Stellung am Hof inne, doch fiel der Cid schließlich nur deshalb in Ungnade und mußte ins Exil gehen, weil er seinen Pflichten als Lehnsmann nicht in der vorgeschriebenen Weise nachgekommen und der ira regia, dem als verfassungsrechtliches Strafmittel vorgesehenen königlichen Zorn, verfallen war. Es darf allerdings nicht übersehen werden, dass der leonesische Adel anscheinend nur auf eine Gelegenheit gewartet hatte, um die ungeliebte Leitfigur der kastilischen Adligen zu Fall zu bringen. Die Vereinigung der Königreiche Leon, Kastilien und Galicien - Alfons VI. wurde bereits im Dezember 1072 als rex...in Castella et in Legione et in Gallecia bezeichnet und ließ seinen Bruder Garcia im Februar 1073 für den Rest seines Lebens auf der Burg Luna bei Leon einkerkern - in der Hand eines Herrschers wurde somit begleitet von der Verfestigung alter, vorerst unüberbrückbarer Gegensätze zwischen den unterschiedlichen Adelsgruppen der einzelnen Reichsteile. Das Verhältnis des leonesisch-asturischen, kastilischen und galicischen Adels zueinander blieb fortan geprägt von tiefem Mißtrauen und steter Wachsamkeit, wenn es um Vormachtstreben innerhalb der Reichsorganisation, die Abwehr äußerer Eingriffe in eigene Belange und konkrete Tendenzen zur Abspaltung ging. Selbst die Eroberung Toledos 1085 und die damit im ideologischen Bereich verbundene, als Ziel der Reconquista seit den Zeiten Alfons' III. propagierte Wiederherstellung des Westgotenreiches sowie die neuerliche Wiederbelebung der Kaiseridee als allumfassende Klammer sollten zukünftige Spannungen auf der Adelsebene ebensowenig verhindern können wie das Fortleben partikularistischer Vorstellungen, die in diesen verfassungsrechtlich bedingten Antagonismen den geeigneten Nährboden fanden.
Mit der über sechs Jahre durch zahlreiche Feldzüge vorbereiteten Einnahme von Toledo (6. Mai 1085), der alten Hauptstadt des Westgotenreiches, war das große Ziel der Reconquista, das seit den Tagen Alfons' III. propagiert worden war, im eigentlichen Sinne verwirklicht. Alfons VI. konnte mit Fug und Recht den Titel eines "Toletani imperii rex et magnificus triumphator", eines "totius Espanie imperator" oder eines "Adefonsus Imperator super omnes Hispaniae nationes constitutus" annehmen und dazu übergehen, seinen Anspruch auf eine Hegemonialstellung über alle Reiche jedweder Religion auf der Iberischen Halbinsel in die Tat umzusetzen. Dies galt nicht nur für den christlichen Norden, wo ihm Sancho Ramirez den Titel eines "Kaisers in Toledo und in Leon" nicht verweigerte, sondern auch für die verbliebenen islamischen Herrschaften im Süden, insbesondere für seine Beziehungen zum Taifenreich von Sevilla, gegenüber dem er den Titel eines "al-Imbratur dhu-l-Milla-tayn", eines "Kaisers der zwei Religionen" ins Spiel brachte. Der Versuch Alfons VI., dort leonesische Adlige aus seiner engsten Umgebung gewissermaßen als beigeordnete Machtwalter einzusetzen, mußte zwangsläufig auf entschiedenen Widerstand stoßen, läßt aber andererseits verständlicher werden, wieso die christlichen Reiche begierig die päpstliche Schutznahme anstrebten.
Die Machtaspirationen des kastilisch-leonesischen Herrschers gegenüber den Taifenreichen wurden im Keim erstickt, als die in äußerer Bedrängnis herbeigerufenen ALMORAVIDEN nach Spanien übersetzten und Alfons VI., der die Belagerung Zaragozas abbrechen mußte, unter ihrem Führer, dem amir al-muslimin ("Befehlshaber der Muslime" im Gegensatz zum herkömmlichen Kalifen "Befehlshaber der Gläubigen") Yusuf ibn Tasufin, bei az-Zallaqa (Sagrajas) am 23. Oktober 1086 eine vernichtende Niederlage beibrachten. Damit wurde die zweite Phase der Regierung Alfons' VI., die 1072 mit der Reichseinigung begonnen hatte und von großen Erfolgen bei der Reconquista begleitet worden war, abrupt beendet, ohne dass seine Stellung im christlichen Bereich eine nennenswerte Erschütterung erfahren hätte.
Mit der Regierung Alfons' VI. begann gleichfalles auf der dynastischen Ebene eine Annäherung von Kastilien-Leon an die Reiche nördlich der Pyrenäen, wobei das Bestreben, mit dem burgundischen Raum, der Wiege Clunys, in verwandtschaftliche Beziehungen zu treten, nicht zu übersehen ist. Sollte sich die erste Ehe des Königs mit Agnes von Aquitanien, einer Tochter des eng mit dem burgundischen Herzogs- und dem deutschen Kaiserhaus verwandten Herzog Wilhelm VIII., noch als wenig fruchtbar erweisen und dieselbe schon um 1077 wegen Kinderlosigkeit geschieden werden, so führte die zweite Heirat mit Konstanze, der Tochter des vom KAPETINGER-Haus abstammenden Herzogs Robert I. von Burgund, im Jahr 1079 nicht nur zur Geburt der nachmaligen Königin Urraca und einem verstärkten Zuzug cluniazensischer Mönche sondern auch zur dauerhaften Übersiedlung burgundischer Adliger auf die Iberische Halbinsel.
Eindrucksvolle Beispiele für diese Tendenz zu gegenseitiger Verflechtung sind drei Eheschließungen: die des Grafen Raimund von Burgund, der gemeinsam mit seinem Schwager, Herzog Odo I. Borell von Burgund, 1086-1087 an einer erfolgreichen Belagerung von Tudela teilgenommen hatte, mit eben jener Königs-Tochter Urraca um das Jahr 1087, was ihn, einem entfernten Verwandten der Königin Konstanze, die Grafschaft Galicien einbrachte, die des Grafen Heinrich von Burgund, Enkel Herzog Roberts von Burgund, Neffe der Königin Konstanze, Bruder Abt Hugos von Cluny und Vetter Raimunds, mit Teresa (1095), einer illegitimen Tochter Alfons' VI. von seiner Konkubine Jimena Muniz, die ihm die Grafschaften Coimbra und Portugal eintrug; und die des Königs selber, der nach dem Tod seiner zweiten Gemahlin Konstanze 1093 Bertha, die Tochter des Grafen Wilhelm I. von Burgund und Schwester Raimunds, heiratete. Sie alle waren nicht nur mit der französischen Königsdynastie sondern auch mit dem Grafenhaus von BARCELONA verwandt. Darüberhinaus gab Alfons VI. eine weitere illegitime Tochter Elvira dem Grafen Raimund IV. von St. Gilles zur Gemahlin, wodurch das Grafenhaus von TOULOUSE in der Gestalt des aus dieser Verbindung hervorgegangenen Grafen Alphonse-Jourdain (+ 1148) ebenfalls verwandtschaftlich an Kastilien-Leon gebunden wurde. Über Heiratsverbindungen strebte der König den Aufbau eines politischen Bildungsgeflechtes an, um seinem Reich den Rang einer europäischen Macht zu verschaffen. Mit dem Einsatz seiner Töchter als Mittel, um einen solchen Konnex herzustellen, verhielt er sich nicht anders als die übrigen Herrscher seiner Zeit, ja selbst das Sozialverhalten des Adels unterschied sich in nichts, wenn es darum ging, über matrilineare Bindungen ein Verwandtschafts- und damit Herrschaftssystem zu begründen und abzusichern.
Seine beiden burgundischen Schwiegersöhne setzte der kastilisch-leonesische König in kluger Berechnung ein, um die galicischen und portugiesischen Adelsgruppen, die seit jeher zu selbständigen Handeln neigten und häufig durch Unbotmäßigkeit sowie Aufstände gegen die Reichsgewalt hervorgetreten waren, durch landfremde Grafen besser in den Griff zu bekommen. Er konnte allerdings nicht verhindern, dass Raimund und mit größerem Erfolg Heinrich die Gelegenheit nutzten, um in ihren Grafschaften eine weitgehend unabhängige Stellung aufzubauen. In letzter Konsequenz schielten beide sogar nach der Königsmacht in Kastilien-Leon. Denn obwohl Alfons VI. nach dem Tode Berthas, mit der er keine Kinder hatte, noch zweimal heiratete - zuletzt mit Beatrix von Aquitanien eine weitere Tochter Herzog Wilhems VIII. -, blieb ihm der legitime männliche Leibeserbe ohne Makel versagt, der allein eine reibungslose Herrschaftsnachfolge garantiert hätte. Einzig die Maurin Zaida, die 1098/99 bei der Eheschließung den christlichen Taufnamen Isabella annahm, schenkte ihm einen Sohn Sancho. Doch auch diese Hoffnung trog. Als der kastilisch-leonesische König nach dem Tod seines Schwiegersohnes Raimund, dem von Urraca ein Sohn Alfons (Raimundez, der spätere Alfons VII.) geboren worden war, das Nachfolgerecht Sanchos gesichert hatte, fiel dieser in der Schlacht von Ucles (1108), in der die ALMORAVIDEN dem christlichen Aufgebot eine verheerende Niederlage beibrachten.