Karl VI. der Wahnsinnige                          König von Frankreich (1380-1422)
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3.12.1368-21.10.1422
Paris         Paris

Begraben: Abtei Saint-Denis bei Paris
 

Ältester Sohn des Königs Karl V. der Weise von Frankreich und der Johanna von Bourbon, Tochter von Herzog Peter I.
 

Lexikon des Mittelalters: Band V Spalte 977
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Karl VI., König von Frankreich 1380-1422
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* 3. Dezember 1368, + 21. Oktober 1422

Sohn von Karl V. und Johanna (Jeanne) von Bourbon

  oo Isabella von Bayern

12 Kinder, von denen 6 überlebten
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unter ihnen:
Katherina, oo Heinrich V. von England
König Karl VII.

eine Tochter, Margarete von Valois, entstammte der Verbindung des Königs mit der Mätresse Odette de Champdivers

Karl VI. empfing, obwohl er noch nicht das in einer Ordonnanz seines Vaters von 1374 vorgeschriebene Mindestalter hatte, am 4. November 1380 die Königsweihe, unterstand aber bis 1388 der Vormundschaftsregierung seiner drei Onkel, der Herzöge Ludwig von Anjou (+ 1384), Johann (Jean) von Berry und Philipp des Kühnen von Burgund. Es kam vor allem in den Jahren 1381-1383 zu einer Welle schwerer Unruhen, nicht zuletzt wegen des wieder schärferen Steuerdruckes (Aufstände im Languedoc, Maillotins in Paris, Harelle in Rouen, flämische Aufstände). Mit dem Sieg von West-Rozebeke (1382) über die flandrischen Städte gelang die Wiederherstellung der monarchischen Autorität. Aus Sorge um die Fortführung des französischen Bündnisses mit dem Deutschen Reich und zur Absicherung der eigenen Machtstellung in den Niederlanden vermittelte Philipp der Kühne 1385 die Heirat des jungen Königs mit der WITTELSBACHERIN Isabella. 1338 übernahm Karl VI. persönlich die Regierung, gestützt auf die Beratergruppe der 'Marmousets', die im Sinne der Politik Karls V. die Stärkung der monarchischen Zentralgewalt und den Aufbau eines wirksamen Regierungs- und Verwaltungsapparats betrieben. Um die Popularität des jungen Herrschers (Charles 'le Bien-Aime') zu steigern, veranstalteten sie prunkvolle Feste (Ritterspiele in St-Denis, Einzug der Königin Isabella in Paris) und schickten Karl VI. auf eine große Reise ins Languedoc (1389-1391). Daß es auch Opposition gab, zeigt der Mordanschlag Herzogs Johanns IV. von Bretagne gegen den Connetable Olivier de Clisson, einem Günstling des Königs (1392). Als Karl VI. daraufhin zu einem Straffeldzug gegen die Bretagne auszog, trat im Forst von Le Mans erstmals die Geisteskrankheit des Königs offen zutage, die sich unter anderem in Gewalttätigkeit gegen den Bruder äußerte. Die lebenslange Erkrankung bestand in einem Wechsel von manisch-aggressiven und depressiven Phasen, wobei in höherem Alter Depressionen (Nahrungsverweigerung, körperliche Vernachlässigung, Todesvorstellungen, Identitätsverlust) überwogen; ein ambivalentes Verhältnis ("Haßlieb") zum Bruder Ludwig wird durchgängig deutlich. In längeren Perioden geistiger Wachheit nahm der König dagegen seine Regierungstätigkeit wieder auf und wollte für den Frieden wirken. Als Heilmittel empfahlen die Ärzte Ruhe, die Priester dagegen Gebete für den kranken König, was zu einer großen Wallfahrtsbewegung führte. Wuchernde Gerüchte über eie angebliche Vergiftung der Behexung des Königs durch den Bruder Ludwig oder dessen Gattin Valentina Visconti bilden wohl - neben den politischen und kirchenpolitischen Gegensätzen - den Hintergrund für die Ermordung Ludwigs auf Befehl Herzog Johanns von Burgund (23. November 1407). Damit brach der Bürgerkrieg offen aus. Karl VI. und seine Gattin gerieten 1418 in die Gewalt des Burgunder-Herzogs, der sie zur Legitimation seiner Macht benutzte. Nachdem sich Karl VI. noch im Vertrag von Troyes (1420) zur Enterbung des Dauphins Karl VII. bereitgefunden hatte, verstarb der König 1422 in tiefer geistiger Umnachtung.
Bei seinem Begräbnis in St-Denis tritt erstmals das königlich französische Totenzeremoniell in Erscheinung, mit der auf dem Sarg befestigten Effigies des toten Herrschers und dem Heroldsruf (dem Sinne nach: "Le roi est mort! Vive le roi!"), Ausdruck des überpersönlichen Charakters des Königtums. Die katastrophale politische und wirtschaftliche Lage in der Ära Karls VI. verhinderte nicht die Fortentwicklung der politischen Strukturen. Die wechselseitige Identifikation der Leiden des beim Volke beliebten Königs, der Bedrängnis der Nation und der Passion Christi haben dem entstehenden Nationalgefühl der Franzosen starke Impulse gegeben.
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Obwohl sein Vater seine Großjährigkeit auf 14 Jahre festgesetzt hatte, kam er erst mit 20 Jahren zur Ausübung der Regierungsgeschäfte. Nach Karl V. fiel das blühende Frankreich durch die Intrigen der drei Oheime des jungen Karl VI., der Herzöge von Burgund, Berry und Anjou, in Armut und Anarchie zurück. Die Herzöge hatten die Ratgeber Karls V., die sogenannten Marmousets, ihrer Ämter enthoben, und finanzielle Krisen sowie Steuererhöhungen brachten die an sich schon schwer belasteten Städte in Unruhe und Aufruhr. Zwar stellten die schließlich zurückgerufenen Marmousets die Ordnung einigermaßen wieder her, doch tauchten neue schwere Sorgen um den jungen König auf, der trotz schwacher Gesundheit ein ausschweifendes Leben führte. 1392 war er zu einer selbständigen Staatsführung nicht mehr imstande, die Augenblicke seiner vollen geistigen Zurechnungsfähigkeit wurden immer seltener. Tobsuchtsanfälle, Wahnvorstellungen, völlige Lethargie und kurze Phasen geistiger Klarheit wechselten sich ab. Dadurch entstanden am Hof die unwürdigsten Intrigen. Der Bruder des Königs, Herzog Ludwig von Orleans, und Philipp der Kühne, Herzog von Burgund, stellten sich an die Spitze zweier sich bekämpfender Parteien. So entstand die furchtbare Rivalität zwischen den sogenannten Armagnacs und den Burgundern, die, sehr zum Vorteil Englands, bis 1435 dauerte. Am 25.10.1415 wurde ein französisches Ritterheer bei Azincourt von den Engländern vernichtend geschlagen. Selbst die Gemahlin Karls VI., die Königin Isabeau, stellte sich später auf die Seite des burgundischen Herzogs Philipp des Guten, um den englischen König Heinrich V. zur französischen Krone zu verhelfen. Im Vertrag von Troyes 1420 wurde dem englischen Monarchen tatsächlich die französische Krone zuerkannt und Königin Isabeau ließ ihren Sohn Karl VII. zum Bastard erklären. Heinrich heiratete Katharina, die Tochter Karls VI. und der Isabeau. Karl VI. wurde das Palais Saint-Pol in Paris als Wohnung zugewiesen. Er starb zwei Jahre später und hinterließ ein auseinanderfallendes Königreich.

Pernoud Regine: Seite 11-29
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"Die Kapetinger" in: Die großen Dynastien

Die Regierung Karls VI. (1380-1422) währte 42 Jahre und bedeutete eine der düstersten Perioden in der Geschichte Frankreichs, so dass man sich fragen muß, wie das Land den Erschütterungen jener dramatischen Epoche standhalten konnte. Karl V. war verwitwet und hatte die Regentschaft seinem eigenen Bruder, dem Herzog von Anjou, übertragen. Dieser sah sich jedoch gezwungen, seine Befugnisse mit seinen Brüdern, den Herzögen von Burgund und Berry, und schließlich noch mit dem Herzog von Bourbon, einem Bruder der verstorbenen Königin, zu teilen. Diese Oligarchie riß alle Regierungsämter an sich. Sie führte die Steuern wieder ein und provozierte damit Erhebungen in den Provinzen und den Aufstand der Maillotins in Paris. Ein Angriff der Flamen wurde am 27. November 1382 bei Roosbeke niedergeschlagen.
Dieser Erfolg schien die Stellung des jungen Königs zu festigen. Dennoch stand er unter dem dominierenden Einfluß seines Onkels Philipp von Burgund und ließ sich von ihm zu einem Feldzug gegen den Süden Deutschlands überreden. Das Ergebnis war die Heirat Karls VI. mit Isabeau von Bayern, die als Königin Frankreichs dem Land schadete wie keine andere. Die Ehe begann indessen glücklich. Der König, um sich dem übermächtigen Einfluß seiner Onkel, die sich mit Racheplänen gegen England trugen, zu entziehen, zog es vor, mit Richard II. ein Abkommen zu schließen. Er entließ seine Onkel, schickte sie auf ihre Ländereien und rief die früheren Minister Karls V. zurück, die man spöttisch die "Knirpse" nannte. Von der Last der Regierungsgeschäfte befreit, stürzte der König sich unter dem Einfluß seines Bruders, des Herzogs von Orleans, in ein ausschweifendes Leben. Im Jahre 1393 übernahm Karl VI. die Führung einer Strafexpedition gegen den Herzog der Bretagne. Als er an einem glühend heißen Sommertag den Wald von Le Mans durchquerte, sprang plötzlich ein zerlumpter Mann aus dem Dickicht, fiel dem König in die Zügel und rief: "König, du bist verraten!" Der Monarch war durch diesen Zwischenfall sichtlich aus der Fassung gebracht. Man setzte den Weg fort, da ließ ein Page eine Lanze auf einen Helm fallen. Der König schreckte auf und mit dem Ausruf: "Faßt die Verräter!" tötete er vier Männer aus seinem eigenen Gefolge. Durch einen Sonnenstich hatte er seinen Verstand verloren und kehrte nur noch sporadisch für kurze Perioden zurück. Seine Onkel übernahmen wieder die Macht. Im darauffolgenden Jahr geschah es, dass auf einem Ball vier Maskierte mit ihren Wergperücken Feuer fingen. Die Schreie dieses "Balls der leuchtenden Fackeln" lösten bei dem König, dessen Zustand sich bereits gebessert hatte, einen neuen Anfall des Wahnsinns aus, von dem er sich nie mehr erholte. Seine Politik des guten Einvernehmens wurde fortgesetzt, und man verheiratete seine Tochter mit Richard II. Doch als dieser bald darauf durch seinen Cousin Lancaster entthront wurde, stellte dies die französische Politik wieder in Frage. Zusätzliche Schwierigkeiten ergaben sich aus den italienischen Ambitionen des mit Valentina Visconti verheirateten Herzogs von Orleans, der sich mit Philipp von Burgund in die Regentschaft teilte. Nach dessen Tod im Jahre 1404 konnte der neue Herzog, Johann ohne Furcht, keine Einigung mit seinem Cousin erzielen und ließ ihn am 23. November 1407 ermorden. Im Einvernehmen mit Königin Isabeau von Bayern machte er sich zum eigentlichen Herrn der Regierung und führte damit die Spaltung Frankreichs in zwei Lager herbei, die sogenannte Armagnac-Partei auf der einen und die Bourgignons unter Johann ohne Furcht auf der anderen Seite. Mehrere Jahre hindurch wütete in Frankreich der Bürgerkrieg, und der Thronfolger des Hauses LANCASTER, Heinrich V., profitierte von dieser Lage, um die seit Du Guesclin unterbrochenen Kämpfe wiederaufzunehmen. Er landete am 12. August 1415 bei Sainte-Adresse und fügte am 25. Oktober 1415 den französischen Truppen bei Azincourt eine vernichtende Niederlage zu. Die Partei Armagnacs organisierte den Widerstand gegen den Eroberer, wurde jedoch geschlagen und von den Bourgignons niedergemetzelt. Der Dauphin Karl beantwortete diesen Schlag mit der Ermordung Johanns ohne Furcht am 18. September 1419 in Montereau. Das Verbrechen war umsonst geschehen, denn Karl VI. überließ unter dem Einfluß Isabeaus von Bayern seine Machtbefugnisse dem Sohn des Ermordeten, Philipp dem Guten. Dieser handelte den Vertrag von Arras aus, dem der Vertrag von Troyes vom 22. Mai 1420 vorausgegangen war. Durch diesen gelangte Frankreich unter die Herrschaft des englischen Königs, denn die Tochter Karls VI. mußte ihn heiraten und nach dem Tod ihres Vaters die Thronfolge antreten. Der Dauphin Karl versuchte dieser Enteignung, deren Opfer er war, Widerstand entgegenzusetzen. Er hob Truppen aus, schlug die Engländer 1421 bei Bauge und machte Bourges zu seiner Hauptstadt. König Heinrich V. und König Karl VI. starben im Abstand von drei Monaten. Nach dem Ableben Karls VI. wurde der Sohn des englischen Monarchen, der erst einjährige Heinrich VI., zum König von Frankreich proklamiert, anstelle des legitimen Thronerben, des Dauphins, der den Namen Karl VII. annahm.
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Veldtrup Dieter:
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„Zwischen Eherecht und Familienpolitik“
 

Karl VI. der Wahnsinnige König von Frankreich
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* 3.12.1368, + 21.10.1422
Paris             Paris

Begraben: Abtei Saint-Denis bei Paris

Sohn von König Karl V. und der Johanna von Bourbon

1.) - ... vor 1385

          ISABELLA VON LOTHRINGEN
          * ca. 1368/70, + 1409/11

Tochter von Herzog Johann I. und seiner 1. Frau Sophia von Württemberg
 

2.) oo Amiens 17.7.1385

          ISABEAU (ELISABETH) VON WITTELSBACH
          * 1370, + 30.9.1435
          München  Paris

Begraben: Abtei Saint-Denis bei Paris

Tochter von Herzog Stephan III. von Bayern-Ingolstadt und seiner 1. Frau Thaddäa Visconti von Mailand
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17.7.1385
  oo Isabeau von Bayern-Ingolstadt, Tochter des Herzogs Stephan III.
      1371-24.9.1435
 
 
 
 

12 Kinder:

  Charles
  25.9.1386-28.12.1386
  Vincennes

  Jeanne
  14.6.1388-   1390
  Saint-Ouen

  Isabella
  9.11.1389-13.9.1409
  Louvre

  19.4.1396
  1. oo Richard II. König von England
          6.1.1367-14.2.1400

  29.6.1406
  2. oo Karl I. Herzog von Orleans
          26.5.1391-4.1.1465

  Johanna
  24.1.1391-27.9.1433
  Melun

 19.9.1396
    oo Johann VI. Herzog von der Bretagne
        24.12.1389-29.8.1442

  Dauphin Karl
  5.2.1392-11.1.1400
  Hotel Saint-Paul

  Marie Priorin in Poissy
  22.8.1393-19.8.1438
  Vincennes

  Michaela (Michelle)
  11.1.1395-8.7.1422
  Hotel Saint-Paul Gent

 1409
  oo 1. Philipp I. der Gute Herzog von Burgund
  x       13.6.1396-15.6.1467

  Dauphin Ludwig von Guyenne
  22.1.1397-18.12.1415

 1412
  oo Margarete von Burgund, Tochter des Herzogs Johann; Cousine
      1393-2.2.1441

  Dauphin Johann Graf von Touraine
  31.8.1398-5.4.1417

1414
  oo 1. Jakobäa Gräfin von Bayern-Holland
          25.7.1401-8.10.1436

  Katharina
  27.10.1401-3.1.1438
  Hotel Saint-Paul

   2.6.1420
  1. oo Heinrich V. König von England
          1387-31.8.1422

    1429
  2. oo Owen Tudor
          um 1400-4.2.1461 hingerichtet

  Karl VII. der Siegreiche
  22.2.1403-22.7.1461
  Hotel Saint-Paul

  Philipp
  10.11.1407-10.11.1407

Illegitim

  Margarete Batarde de France
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  oo Jean de Harpedanne, Herr von Montaigu
             -
 
 
 
 

Literatur:
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Calmette, Joseph: Die großen Herzöge von Burgund. Eugen Diederichs Verlag München 1996 Seite 31,43,50,55,57,63,68,73,96,98,102, 109,114,120,124,129,138,145,148,158-161,164,178,205,238 - Ehlers Joachim: Die Kapetinger. W. Kohlhammer GmbH Stuttgart Berlin Köln 2000 Seite 245 - Ehlers Joachim: Geschichte Frankreichs im Mittelalter. W. Kohlhammer GmbH 1987 Seite 213,251,259-261, 263-267,275-277,279,294,296,300,303-306,318,326,331 - Ehlers Joachim/Müller Heribert/ Schneidmüller Bernd: Die französischen Könige des Mittelalters. Von Odo bis Karl VIII. 888-1498. Verlag C. H. Beck München 1996 Seite 10,285,294,299,302,303-320,321, 323,327 - Favier, Jean: Frankreich im Zeitalter der Landesherrschaft 1000-1515. Deutsche Verlagsanstalt Stuttgart 1989 Seite 296,344, 357,360,362-366,368,371,375,378,380,382,386,389,392,419,468 - Hoensch, Jörg K.: Die Luxemburger. Eine spätmittelalterliche Dynastie gesamteuropäischer Bedeutung 1308-1437. Verlag W. Kohlhammer 2000 Seite 172,202,208,214,240,249 - Hoensch, Jörg K.: Kaiser Sigismund. Herrscher an der Schwelle zur Neuzeit 1368-1437. Verlag C.H. Beck München 1996 Seite 18,54,99,146,177,222,225,227,231-234,268,271,485,531 - Hundt, Barbara: Ludwig der Bayer. Der Kaiser aus dem Hause Wittelsbach Bechtle Verlag Esslingen München 1989 Seite 106 - Jurewitz-Freischmidt Sylvia: Die Herrinnen der Loire-Schlösser. Königinnen und Mätressen um den Lilienthron. Casimir Katz Verlag, Gernsbach 1996 Seite 9-25,27-30,32-36,38,42-45,58,123,130 - Le Goff Jacques: Ludwig der Heilige, Klett-Cotta Stuttgart 2000 Seite 115,271,915 - Markale, Jean: Isabeau de Bavarie. Eugen Diederichs Verlag München 1994 - Schnith Karl: Frauen des Mittelalters in Lebensbildern. Verlag Styria Graz Wien Köln 1997 Seite 352,353-363,366-368,370,373 - Tamussino Ursula: Margarete von Österreich. Diplomatin der Renaissance. Verlag Styria Graz Wien Köln 1995 Seite 14 - Treffer Gerd: Die französischen Königinnen. Von Bertrada bis Marie Antoinette (8.-18. Jahrhundert) Verlag Friedrich Pustet Regensburg 1996 Seite 15,186,192,196,199,205,209 - Tuchmann Barbara: Der ferne Spiegel. Deutscher Taschenbuch Verlag München 1995 Seite 323,328,345,350-353,374-379,401 -
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Ehlers Joachim/Müller Heribert/Schneidmüller Bernd: Seite 303-320
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"Die französischen Könige des Mittelalters"

Heribert Müller

KARL VI., König von Frankreich 1380-1422
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* 3.12.1368, + 21.10.1422
Paris             Paris

Begraben: am 19.11.1422 in St-Denis

als erster Thronfolger den Titel "Dauphin de Viennois" von Geburt an tragend
Salbung und Krönung in Reims am 4.11.1380

Vater:
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Karl V. König von Frankreich

Mutter:
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Johanna von Bourbon (* 3.2.1338, + 6.2.1377), Tochter des Herzogs Peter I. von Bourbon und der Isabella von Valois

7 Geschwister: von denen nur einer überlebte
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Ludwig, Herzog von Touraine und Orleans (* 13.3.1372, + 23.11.1407)
 

  oo 17.7.1385 in Amiens
       ELISABETH VON WITTELSBACH (ISABEAU DE BAVIERE)
       * 1371, + 24.9.1435

Tochter des Herzogs Stephan III. der Kneißl oder Prächtigen von Bayern-Ingolstadt und der Thaddäa Visconti

12 Kinder: darunter
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Ludwig, Herzog von Guyenne (* 22.1.1397, + 18.12.1415)
Johann, Herzog von Touraine und Berry (* 31.8.1398, + 5.4.1417)
Karl VII., König von Frankreich (* 22.2.1403, + 22.7.1461)
Isabella (* 9.11.1389, + 13.9.1409), Gemahlin König Richards II. von England und des Herzogs Karl von Orleans
Johanna (* 24.1.1391, + 27.9.1433 ), Gemahlin des Herzogs Johann V. von Bretagne
Michelle (* 11.1.1395, + 8.7.1422), Gemahlin Philipps des Guten von Burgund
Katharina (* 27.10.1401, + 3.1.1438), Gemahlin des Königs Heinrich V. von England und des Owen Tudor

Aus der verbindung mit Odette de Champdivers ging eine - legitimierte - Tochter Margarete hervor, Gemahlin des Jean de Harpedanne, Herrn von Montaigu und Belleville im Poitou.

Mehr als vier Jahrzehnte war Karl VI. König, doch nur vier Jahre währte seine eigene Herrschaft. Ansonsten beherrscht von einander erbittert bekämpfenden Lagern, hinterließ er bei seinem Tod ein von diesen Parteikämpfen zerrissenes Land, das, von seiner bislang schwersten Krise heimgesucht wurde. Aber das Königreich litt auch mit seinem Monarchen: Seit jenem 5. August 1392, da er in den Wäldern bei Le Mans den Verstand verloren hatte, betete und wallfahrtete man für einen allerchristlichen König, der die Passion Christi nachvollzog, in dessen Not sich die Bedrängnis des gesamten Landes spiegelte. Die Krankheit des geliebten Königs - l'insene wie le bien aime gab man ihm als Beinamen - beförderte die Identifizierung mit der Monarchie. Während man im Reich und in England um 1400 gekrönte Häupter absetzte, waren in einem Frankreich, dessen Herrscher nicht mehr Herr seiner selbst war, Gelehrte und Dichter damit beschäftigt, die Idee und die Institution Königtum in Wort und Schrift propagierend zu festigen.
Das Volk aber hatte Karl VI. noch anders kennengelernt, und jene Freude der frühen Jahre ließ es die Leiden der späten mittragen. Denn der am 3. Dezember 1368 geborene Thronfolger - als erster trug er den Titel eines Dauphin de Viennois von Geburt an - er war den Dingen dieser Welt ganz und gar zugetan: Liebhaber der Frauen und der Feste, lebte er auf großem Fuß; die neuesten Moden, die prächtigsten Turniere mußten es sein. Doch was anderen zum Vorwurf gereicht hätte, an ihm wurde es bewundert. Kannte dieser Ritter der schönen Gestalt doch keine Scheu vor seinen künftigen Untertanen; neugierig und interessiert ging er auf sie zu, um ihnen bei der Arbeit zuzusehen, liebte wie sie Schausteller und Schauspiele, schätzte Würfel höher als Schach. Und der Jagd vermochte er mehr als dem Studium des Aristoteles abzugewinnen, dem ritterlichen Kampf mehr als dem Staatsgeschäft in Thronsaal und Kanzlei. Dem gerade darum so bemühten Vater wie auch seinem Magister Michel de Creney aus dem Navarrakolleg oder seinem welterfahrenen Erzieher Philippe de Mezieres dürfte er nicht immer Freude bereitet haben, und Karl V. wußte sehr wohl, warum er den Thronfolger für den Fall der Regentschaftsregierung in ein - allerdings auch aus anderen Gründen - kunstvoll zwischen Prinzen und Räten austariertes System eingebunden wissen wollte.
Obgleich bei seinem Tod am 16. September 1380 der Sohn noch nicht die von ihm auf den Beginn des 14. Lebensjahrs festgesetzte Volljährigkeit erreicht hatte, mithin die Notwendigkeit regentschaftlicher Regierung in der Tat gegeben war, griff solche Vorsorge zur Fortsetzung der bonne policie nicht. Vielmehr rissen die Onkel des neuen Königs - die Herzöge Ludwig I. von Anjou, Ludwig II. von Bourbon, Johann I. von Berry und Philipp der Kühne von Burgund - das Regiment an sich; noch bevor Karl VI. in Reims gesalbt und gekrönt war, hatte Ludwig von Anjou bereits seine Hand auf dessen Geld und Schmuck gelegt. Da sich auch Berry und Burgund am Hof zu eigenem Nutzen zu bedienen wußten, war die Kasse alsbald leer, zumal die von Karl V. noch auf dem Sterbebett - aus Furcht vor drohender Revolte wie in Sorge um das eigene Seelenheil - verfügte Rücknahme des fouage Verlangen nach weiteren Steuererleichterungen ausgelöst hatte, und die Onkel in populistischer Übersteigerung sämtliche seit Philipp dem Schönen eingeführten Abgaben für aufgehoben erklärt hatten. Der Widerruf ließ denn auch nicht lange auf sich warten; als er am 17. Mai 1382 verkündet wurde, waren die Händler, Handwerker und Tagelöhner in den Städten jedoch keineswegs bereit, die alten Lasten erneut zu tragen. Zuerst erhoben sie sich in Rouen: Steuereinnehmer wurden verfolgt, die Häuser reicher Bürger geplündert, es kam zu Übergriffen gegen die unter Königsschutz stehenden Juden, und die Widerständler kürten mit dem dummfeisten Tuchhändler Jean Le Gras ihren eigenen König - eine deutliche Warnung der Harelle, des aufständischen Rouen, an den Königshof zu Paris. Auch in der Hauptstadt selbst rebellierten alsbald die Maillotins, so benannt nach den Bleihämmern, derer sie sich im Rathaus bemächtigten, wo sie einige Jahre zuvor der Prevot de marchands deponiert hatte, um mit ihnen notfalls Bürgerwehren gegen die damals das Umland durchstreifenden Engländer auszurüsten. Der alsbald auf Amiens, Reims, Orleans und Lyon übergreifende Steueraufstand eskalierte; als der Pöbel der Hauptstadt seine Chance zu Raub und Plünderung witterte, taten sich die begüterten Bürger von Paris zusammen, um durch Vermittlung von Kirche und Universität den Ausgleich mit einem Königshof zu suchen, der in der Tat zunächst einen - nur die Rädelsführer ausschließenden - Pardon gewährte, die Sache selbst vorerst aber in der Schwebe ließ. Doch im Januar 1383 diktierte er Paris mit Waffengewalt sein Gesetz, das volle Durchsetzung der Steuern und Ende aller kommunalen Selbstverwaltung hieß. Auch in den anderen Städten des Reichs war der Aufstand zusammengebrochen; jene Onkel, die dem jungen König Volljährigkeit und Selbständigkeit verweigerten, hatten, zwar von eigenen Interessen geleitet, schließlich doch Steuerrecht und Gewalt der Krone durchgesetzt.
Und zwischenzeitlich vermochte diese, wiederum im Dienst eines Prinzen, sogar weitere Reputation auf dem Schlachtfeld zu gewinnen: Als der Graf von Flandern, Ludwig von Maele, im Mai 1382 nach seiner Niederlage gegen die unter der Führung Gents verbündeten großen Städte des Landes auf dem Beverhoutsveld bei Brügge in schwere Bedrängnis geraten war, rief er aus Lille seinen Schwiegersohn und künftigen Erben, den Burgunder-Herzog Philipp den Kühnen, zu Hilfe. Auf dessen Betreiben begab sich die königliche Armee mit dem kampfbegeisterten Karl an der Spitze nach Norden, wo sie am 27. November 1382 bei Rozebeke die von ihrem Ruwaard Philipp von Artevelde geführten Flamen besiegte. Krone und Adel triumphierten über den Genter Bürgermonarchen und anschließend auch im nahen Kortrijk, dessen Name an die Demütigung französischer Ritter in der Sporenschlacht von 1302 durch Flanderns Bürger und Bauern erinnerte - die heutige Uhr an Notre-Dame in Dijon stammt vom Belfried der nunmehr geplünderten Stadt.
1384 konnte Philipp der Kühne sein - obendrein um Artois, Rethel, Nevers, die Freigrafschaft Burgund und Salins vergrößertes - flandrisches Erbe antreten; dem Norden unter Führung des weiterhin widerständischen Gent aber war er fremder französischer Zwingherr. Und in der Tat hatte der Burgunder damals mehr denn je Anteil an der Regierung über das Königreich, zumal Ludwig I. von Anjou im Mai 1382 aufgebrochen war, um die Herrschaft seiner Vorfahren im Süden Italiens zu restaurieren, und Johann I. von Berry das Amt eines General-Leutnants im Languedoc versah. Gegen ihn opponierte alsbald der Graf von Foix, und es formierte sich breiterer Widerstand mit den Tuchins, die, von okzitanischem Eigenbewußtsein geprägt und teilweise von Adel und städtischem Patriziat unterstützt, einen wohlorganisierten Partisanenkampf führten.
Wer am Hof zu bestimmen hatte, zeigte sich auch am 17. Juli 1385 in Amiens, wo Karl VI. - nur wenige Monate nach der Doppelhochzeit von Philipps des Kühnen Sohn Johann und Tochter Margarete mit Kindern des WITTELSBACHERS Albrecht VI. von Hennegau-Holland - ebenfalls eine WITTELSBACHERIN, Elisabeth (Isabeau de Baviere), ehelichte. Der ehrgeizige Burgunder verstand es, den König in seine auf Positionssicherung und künftige Expansion bedachte Politik in den niederen Landen einzubinden. Was Burgund nutzte, kam aber zunächst weiterhin auch der Krone zugute: Der Norden war befriedet, als Gent am 18. Dezember 1385 zu Tournai seine Allianz mit England für beendet erklärte, das seinerseits 1383 mit einem Unternehmen des bischöflichen Raufbolds Henry Despenser von Norwich erfolglos versucht hatte, diesen von eigenen wirtschaftlichen Interessen diktierten Bund noch zu retten. Papst Urban VI. hatte das Vorgehen gar als Kreuzzug deklariert, hingen doch England und Flandern im damaligen Großen Abendländischen Schisma der römischen Obödienz an, während Frankreich für Clemens VII., Papst seiner Gnaden zu Avignon, eintrat: schon 1382 waren nach Rozebeke in beiden Heeren Priester und Mönche mitgezogen, um die dem falschen Papst hörigen Gegner zu exkommunizieren. 1385/86 glaubte man am Pariser Hof sogar, den Engländer von der Insel schlagen zu können. Zwar scheiterte der Admiral Jean de Vienne an der schottischen Küste ebenso wie ein großangelegtes Flottenunternehmen schon im Hafen von Sluis; allein dass solcher Angriff gegen ein - von Bauernaufstand, Magnatenopposition, Hofparteien und Parlament geschwächtes - englisches Königtum überhaupt versucht wurde, zeigt doch, wie die Position Karls VI., zwar burgundischem Interesse dienstbar gemacht, unter dem Regiment Philipps des Kühnen während der ersten Jahre durchaus gestärkt wurde.
Solch erfolgreiche Interessenidentität kam 1388 erneut zum Tragen, als der Monarch sich mit dem Burgunder zu einem Feldzug gegen den Herzog von Geldern aufmachte, der die französische Partei verlassen hatte, um als neuer Lehnsmann des englischen Königs seinem früheren Herrn eine Fehdeansage zu schicken. Das Heer brauchte nur in das Jülicher und Dürener Land seines Vaters Wilhelm II. einzurücken, den man der Anstiftung zu jenem Parteiwechsel verdächtigte, da war es mit der niederrheinischen Aufmüpfigkeit auch schon vorbei - ohnehin stellten die Fürstentümer im Westen des Reiches kaum mehr als ein Bündnerreservoir für die Vormächte des Hundertjährigen Krieges dar. Philipp der Kühne aber hatte damit sein eigentliches Ziel erreicht: Geldern war nämlich ebenfalls Gegner Brabants, und für die Hilfe sagte Philipps Tante Johanna von Brabant dem Haus des Burgunders die Nachfolge im Herzogtum zu, die denn auch Sohn Antonius 1404/06 antreten sollte.
Auf dem Rückzug wußte der König, mittlerweile 20 Jahre alt, das gelungene Unternehmen in für ihn gelungene Weise abzuschließen, da er am 3. November 1388 an wohlgewähltem Ort, in der Krönungsmetropole Reims, den Beginn seiner selbständigen Regierung verkündete. Zwar war dem Akt eine Zusammenkunft des erweiterten königlichen Rats voraufgegangen, zwar stellte er keinen coup d'Etat dar, doch als coup de theatre mochte den plötzlich entlassenen Prinzen die gut inszenierte Manifestation schon erscheinen.
Königtum und Staat sinn- und sinnenfällig zu inszenieren war aber auch Anliegen der Marmousets, die nunmehr während der nächsten vier Jahre mit und unter Karl VI. die Regierung führten. Die Herkunft dieses Begriffs ist nicht eindeutig geklärt: Ursprünglich wohl zur Bezeichnung grotesker Figuren und Affen, auch angeblich von Muselmanen verehrter Idole dienend, verwendeten ihn Autoren des späteren Mittelalters wie etwa der Chronist Jean Froissart im Sinne von "Günstlinge" oder "Höflinge". Dies griff im 19. Jahrhundert Jules Micheler auf, um so eben jene Berater Karls VI. zu benennen, die sich meist schon unter Karl V. um die chose publique verdient gemacht hatten. Einige von ihnen waren auch an der avignonesischen Kurie tätig gewesen, wo sie im Dienst von Kardinälen wie etwa des mit dem Königshaus verwandten Guy de Boulogne oder des Jean de La Granfe effizientes Arbeiten in komplexen Beziehungsgeflechten erlernt hatten. Sie verstanden sich als eine auf Disziplin, Solidarität und Hierarchie gegründete, untereinander durch Corpsgeist und Heiraten eng verbundene Gemeinschaft, welche den Staatsdienst in fast religiöse Sphäre hob, die fonction publique zur Ideologie machte, das zukunftsweisende Prinzip des Etatismus definitiv im Königreich verankerte. Mochten Zeitgenossen wie Christine de Pisan auch klagen, Unglück sei über Frankreich bereits mit Karls V. frühem Tod hereingebrochen, da er die Erziehung des Sohnes nicht mehr einem guten Ende habe zuführen können, so hatte der den Freuden des Lebens zugewandte Nachfolger die wichtigste Lektion offenbar doch gelernt, und auch sein inzwischen im Pariser Coelestiner-Konvent zurückgezogen lebender ehemaliger Erzieher Philippe de Mezieres konnte zufrieden sein, da sein Songe du Vieil Pelerin - eine Art poetisch-allegorischer Programmschrift der Marmousets - nicht mehr nur Traum zu bleiben schien. Dass aber ein Bureau de La Riviere, Olivier de Clisson und Jean Le Mercier, dass ein Jean de Montaigu, Nicolas Du Bosc oder Pierre de Vilaines, die ihrerseits wieder über dicht geknüpfte Netze von Gefolgsleuten verfügten, nunmehr leitende Aufgaben in Finanz, Kanzlei und Militär übernehmen durften, war auch Verdienst von Karls jüngerem Bruder Ludwig, der 1388 mit für die Rückkehr der Räte des Vaters sorgte. Eigen- und Gemeinnutz zugleich mochten den Herzog von Touraine dabei leiten, ließ sich mit dem Hinweis auf Tradition und Praxis Karls V. doch zugleich der Einfluß der Onkel am Hof eingrenzen.
Solches Wirken für den Königsstaat, wie es mit der Ordonnanz vom 5. Februar 1389, mit der Einrichtung zweier Finanzgerichtshöfe oder der Beamtenwahl festgeschrieben wurde, sollte aber nicht nur hinter verschlossenen Türen geleistet werden; den Marmousets lag, wie gesagt, vielmehr daran, werbend diesen Königsstaat in Szene zu setzen wie auf jenem erneuten Maifeld des Jahres 1389 in St-Denis, dem Vorort der Monarchie, wo der Bischof von Auxerre während des Requiems zu Ehren von Karl V. getreuem Konnetabel Bertrand Du Guesclin dessen Bestattung in königlicher Nekropole als Lohn für große Verdienste um die chose publique feierte - Anspruch und Vorbild auch für die beiden Söhne Ludwigs I. von Anjou, die Karl VI. damals zu Rittern schlug, wie für alle Teilnehmer an jenem glanzvollen Turnier, dem Töchter und Nichten der Marmousets als Zuschauerinnen auf gleichem Rang wie die Damen des Hochadels beiwohnten: Die schönen Tage von St-Denis, sie waren auch das Fest der Aufsteiger; hinter der Fassade von Freude und Harmonie aber lauerten Neid und Haß der alten auf die neueren Herren.
Ein "Staatsschauspiel" stellte ebenfalls wenige Wochen später der Einzug der Isabeau de Bavarie in Paris dar - an ihrer Seite die soeben dem Königsbruder Ludwig angetraute mailändische Herzogs-Tochter Valentina Visconti -, wie es auch die im September angetretene Reise des Königs in den Süden seines Reiches war. Dass demonstrativ an deren Beginn der Herzog von Berry seines Amtes als General-Leutnant im Languedoc entsetzt wurde, entsprach ebenso dem Willen der Marmousets wie die am 10. Januar 1390 in Mazieres gefeierte Aussöhnung zwischen dem Grafen Gaston Phoebus von Foix und einem König, der die Majestät seines Amtes im Reich vor Ort zur Geltung brachte.
Kein Zweifel, die Bilanz des ersten Jahrzehnts fiel für Karl VI. recht positiv aus; um das Königreich im Frieden sowie um den wohlberatenen und beliebten König stand es gut. Dass die croisade de barbarie gegen das tunesische Mahdia nicht gerade erfolgreich war, fiel kaum ins Gewicht - kein Vergleich jedenfalls mit jenem Desaster, das Burgund einige Jahre später wegen seiner Teilnahme an König SIGISMUNDS von Ungarn Unternehmen gegen die Osmanen erleben sollte, da Philipps Sohn Johann bei Nikopolis in türkische Gefangenschaft geriet und gegen hohes Lösegeld freigekauft werden mußte. Als aber der Friede im Königreich selbst im Juni 1392 durch einen Mordanschlag auf den aus der Bretagne stammenden Vertrauten Karls VI., den Konnetabel Olivier de Clisson, bedroht schien, machte der Herrscher sich sogleich das Verlangen der Marmiousets nach Rache zu eigen, zumal hinter dem Attentäter Pierre de Craon dessen Verwandter und Lehnsherr, der Herzog Johann IV. von Bretagne stand, welcher, auf Eigenständigkeit und Distanz gegenüber VALOIS bedacht, in der Tradition seines Hauses MONTFORT die Nähe zu England suchte, derweil eine Tochter Clissons sich mit dessen altem Rivalen Penthivre vermählte.
Die königliche Armee wurde zur Strafaktion auf den 5. August nach Le Mans bestellt, und noch am selben Tag ereignete sich in den Wäldern der Umgebung bei glühender Mittagshitze das Schreckliche: Unversehens tauchte vor dem König eine zerlumpte Gestalt auf, rief ihm zu, er sei verraten, und verschwand. Karl schien beeindruckt, geriet dann außer sich, um blind gegen seine Umgebung, die er nicht mehr erkannte, zu wüten und schließlich sogar gegen den eigenen Bruder das Schwert zu zücken. Schon einige Monate zuvor hatte ihm in Amiens eine rätselhafte, mit Konvulsionen verbundene Krankheit zugesetzt, die ihn Haare und Nägel verlieren ließ und am Sprechen hinderte. Möglicherweise war er durch seine Mutter Johanna von Bourbon vorbelastet, die 1372 Zeichen mentaler Störung zu erkennen gegeben hatte. Von nun an trat seine Krankheit, die man als eine von starkem Verfolgungswahn geprägte Schizophrenie diagnostiziert hat, jedenfalls immer wieder in Schüben auf - der König war sich ihrer in Perioden der Klarheit voll bewußt und litt darunter zutiefst -, wobei aggressive und vor allem im Alter zunehmend depressive Phasen einander ablösten. Sie gingen einher mit völligen Identitäts- und Realitätsverlust, Todesvorstellungen und dem Verweigern von Nahrung und Körperpflege. Man glaubt insgesamt 43 Perioden des Wahnsinns nachweisen zu können, wobei die späten Jahre nach 1415 kaum mehr als ein stetes Dahindämmern waren.
Doch auch die Ermordung seines Bruders Ludwig 1407 verschlimmerte das Leiden. Es stellt sich darüber hinaus die Frage, ob dieser nicht sogar ursächlich am Anfang der Krankheit steht. Zusammen waren beide aufgewachsen, noch bis in die 80-er Jahre trugen sie die gleiche Kleidung und doch: Schwelte hier die Rivalität von Kain und Abel? Alle Vorteile vom königlichen Amt bis zur äußeren Erscheinung schienen dabei auf Karls Seite, indes läßt ein von beiden auf der Rückreise vom Languedoc im Februar 1390 unternommener Wettstreit, wer von beiden zuerst in Paris ankomme, vielleicht auf tiefersitzende Gegnerschaft schließen, wie eine der besten Kennerinnen der Materie, Francois Autrand, meint. Im Wahn brachen sich nämlich in der Tat Karls Aggressionen gegen Ludwig Bahn, dann wollte er als Drachentöter St. Georg seinen Bruder vernichten und verlangte immer wieder nach dessen Gattin Valentina Visconti, die von den Zeitgenossen der Hexerei und Magie verdächtigt wurde. War aber darin nicht auch, so wollten Gerüchte wissen, der stark astrologiegläubige Ludwig selbst verstrickt? Warum hatte er jenen Attentäter Pierre de Craon, der zeitweise zu seiner Umgebung gehörte, verstoßen? Weil er dem König über die dunklen Praktiken Mitteilung gemacht hatte? Keimten daraufhin bei Karl auf dem Nährboden geheimer Rivalität der Argwohn und Angst, er solle Opfer mörderischer Magie eines Bruders werden, der so die Krone zu erlangen hoffte? Fragen, auf die sich wohl kaum eine Antwort finden läßt; festzuhalten bleibt, dass Ludwig in den Jahren nach 1392 Karl zwar zu beherrschen, doch nie abzusetzen oder gar zu ermorden suchte.
Ein unabsichtlicher, indes spektakulärer und tragisch endender Vorfall mochte den König in seinen Wahnvorstellungen bestärken: Am 28. Januar 1393 fand in seinem Pariser Hotel St-Pol anläßlich der Wiedervermählung einer verwitweten Hofdame Elisabeths von Wittelsbach ein Ball statt, in dessen Verlauf der König und fünf junge Adelige, als wilde Männer verkleidet, tanzend auftraten. Als Ludwig, verspätet eintreffend, einen der untereinander Angeketteten mit einer Fackel anleuchtete, um zu erkennen, wer er sei, fing die haarige Maskerade Feuer. Vier der Tänzer kamen in den Flammen um, Karl wurde noch im letzten Moment dank des mutigen Eingreifens der Herzogin von Berry gerettet. Manche sahen im Ausgang dieses Balls des Ardents eine göttliche Strafe, hatte es sich doch um einen von der Kirche verbotenen Charivari - jene lärmende Festivität am Vorabend der Wiederheirat einer Witwe - gehandelt, bei dem sich der damals luzide König einmal mehr in übertriebener Weise als Jüngling aufführte. Das schockierende Ereignis bei ihm zunächst zwar keine erkennbaren Spuren, doch im Juni sollte er dann wieder in langen, sieben Monate währenden Wahn fallen. Ob eine im nächsten Jahr im Königreich einsetzende Judenvertreibung mit der erneuten Umnachtung in Zusammenhang steht, bleibt fraglich, da es damals auch andernorts in Europa zu Übergriffen und Verfolgern kam. Mit Sicherheit trifft dagegen nicht zu, dass der König nunmehr von seiner Familie und Umgebung im Stich gelassen wurde und einsam dahinvegetieren mußte. Mit solcher Behauptung wollten vielmehr Spätere vor allem Karls VI. Gattin in schlechtes Licht rücken. Sicher, Elisabeth liebte es, von Vergnügen zu Vergnügen zu eilen, sie suchte Pracht, Abwechslung und Zerstreuung. Ja, sie und Ludwig von Orleans führten dem König 1405 mit Odette de Champdivers sogar eine petite reine zu, die fortan nicht mehr von dessen Seite weichen sollte; allein eine skrupellos-dämonische Ehebrecherin großen Stils war Elisabeth keineswegs. Letztlich blieb sie stets die Ausländerin aus dem fernen Bayern, die sich in Paris nur im Kreis ihrer Landleute, allem voran ihres Bruders Ludwigs des Bärtigen, wohlfühlte. Unpolitisch wie sie war, folgte sie aus Unsicherheit und Angst den jeweils Mächtigen am Hof - und das waren seit jenem Ereignis in der Maine zunächst wieder Berry und vor allem Burgund.
Diese Herren von einst hatten erneut das Regiment übernommen, denn da tragische Schicksal des Königs bot ihnen willkommenen Anlaß, zum Schlag gegen die verhaßten Marmousets auszuholen, denen sie vorwarfen, den Herrscher ohne Rücksicht auf seine angegriffene Gesundheit zum Feldzug gegen die Bretagne getrieben zu haben, nur um den einäugigen Schlächter Clisson zu rächen. Der Haß der Prinzen saß tief - noch 1409 wird Johann Ohnefurcht, des Burgunders Sohn, Jean de Montaigu ermorden lassen -, und tief war der Sturz der Emporkömmlinge. Der Bruch zeigte sich schon bei dem Versuch, jenes 1394 dringlicher denn je erscheinende Problem zu lösen, das die lateinische Christenheit seit 1378 spaltete und Frankreich in besonderer Weise betraf: das Große Abendländische Schisma. Einer der beiden päpstlichen Prätendenten, der mit dem Königshaus wie dem Kardinal Guy de Boulogne verwandte und von den Marmousets gestützte Clemens VII., residierte in Avignon, doch er hatte keine allgemeine Anerkennung gefunden; Frankreich mußte überdies die finanzielle Hauptlast seines Papsts tragen, und mit dem Fortdauern der Spaltung trieb die von Rom und Avignon gegenseitig Exkommunizierten und Interdizierten zunehmend die Sorge um ihr Seelenheil um. Als Clemens VII. nun am 16. September 1394 starb, wollten der Königshof wie die Universität Paris die Situation für eine einvernehmliche Regelung nutzen. Nachdem die Kardinäle in Avignon aber durch die Wahl des Aragonesen Pedro de Luna ein fait accompli geschaffen hatten, zeigte man sich keineswegs bereit, diesem neuen Papst Benedikt XIII. zu folgen. Um den Herrscher in dieser Lage beratend zur Seite zu stehen, wurde nun 1395 eine Klerusversammlung in Karls VI. Namen nach Paris einberufen (conseil); auf sie folgte bis 1408 noch eine Reihe weiterer solcher Zusammenkünfte, die sich dann immer stärker hin zu einer Repräsentanz der Kirche von Königreich und Dauphine entwickelten (concile). Sie neigten alsbald einer Lösung zu, die vor allem von dem im Dienste des Herzogs von Berry aufgestiegenen Patriarchen Simon de Cramaud betrieben wurde, hinter der aber Burgund und Berry selbst standen: Ohne endlose Diskussionen um die Legitimität des römischen und avignonesischen Papstes zu führen, sollte ein Gehorsamsentzug beschlossen werden, um vor allem den so seiner Einkünfte verlustig gehenden Benedikt XIII. auf die via cessionis zu zwingen. Dieser, auf der 3. Pariser Synode 1398 getroffene Entscheid hatte natürlich die Restitution der alten Rechte von Ortsbischöfen, Synoden, Kapiteln und Klöstern zur Folge; die früheren Freiheiten und Immunitäten schienen wieder in Kraft, doch zeigte sich alsbald, dass nunmehr Königshof und Fürsten zunehmenden Einfluß auf die Kirchen des Landes ausübten. Somit markieren diese um die Jahrhundertwende in der Hauptstadt abgehaltene Klerusversammlungen eine wichtige Etappe für die Ausformung des Gallikanismus, wie sie auf die allgemeine europäische Entwicklung zum Landeskirchentum im späteren 15. Jahrhundert vorweisen. Des weiteren stehen sie für die zunehmende Bedeutung des Synodalwesens in der spätmittelalterlichen Kirche, denn damals wurden mit wesentlicher Beteiligung von Pariser Universitätlehrern unter Rekurs auf hochmittelalterliches Kirchenrecht theologische und juristische Überlegungen entwickelt, das Schisma in der Gesamtkirche via concili zu lösen. Mochten die Autoren im einzelnen auch stark divergieren, generell liefen ihre Vorschläge doch alle darauf hinaus, die bislang monarchisch-papal ausgerichtete Verfassung der Kirche stärker korporativ zu akzentuieren. Bald schon sollte solcher "Konziliarismus" dem allgemeinen Konzil als höchster Repräsentanz der Christenheit die Superiorität gegenüber dem Papst und erst recht gegenüber streitenden Prätendenten im Falle eines Schismas zuerkennen.
Indes ließ sich die Pariser Entscheidung nicht allgemien durchsetzen, da eine Übereinkunft mit den Vormächten der römischen Obödienz nicht zustande kam. Das Reich blieb trotz Irritationen nach dem Sturz König WENZELS und der Italienpoltik seines Nachfolgers RUPRECHT von der Pfalz mehrheitlich Bonifaz IX. verpflichtet, wie dies auch England tat, obgleich Karl VI. mit dessen bedrängten Monarchen Richard II. in Ardes 1396 einen Waffenstillstand auf 28 Jahre schloß und ihm auf Betreiben des Burgunders, dem wegen Flandern an auskömmlichen Beziehungen zur Insel lag, seine Tochter Isabella zur Frau gab. Aber auch in Frankreich selbst regte sich Widerstand: Neben angesehenen Pariser Magistern opponierte unter Führung der Universität Toulouse der Klerus des Südens, war man doch seit langem dort an der Vergabe einträglicher Ämter und Pfründen durch das nahe Avignon gewöhnt. Vor allem aber stellte sich Ludwig von Orleans gegen die totale Obödienzsubtraktion, da er als Gatte der Valentina Visconti im Verein mit einem nach Italien zurückgeführten und so via facti durchgesetzten Benedikt XIII. hoffte, seine Pläne eines adriatischen Königreichs verwirklichen zu können. 1403 schien der Herzog sein Ziel erreicht zu haben, als eine neue Pariser Synode unter seinem Einfluß die Wiederanerkennung Benedikts beschloß.
Die italienischen Anmbitionen ließen Orleans zudem auf ein Hilfeersuchen des Genueser Adels gegen die Bürgerschaft eingehen; seinem geplanten Griff nach der Stadt kam indes Philipp der Kühne zuvor, auf dessen Intervention hin sie sich 1396 der Krone unterstellte. Der Burgunder trat auch andernorts gegen die Bemühungen Ludwigs um territoriale Expansion auf den Plan, besonders als dieser sich nach dem Kauf der Grafschaft Blois und Dunois sowie der Übertragung von Orleans, Angouleme, Perigord und Dreux seit 1400 anschickte, Herrschaften in der Champagne zu kaufen und Rechte am Herzogtum Luxemburg zu erwerben. Der Rivale drohte, eine Barriere zwischen Philipps oberen und niederen Landen zu errichten; zudem unternahm er - jede von dessen Hofabsenzen ausnutzend - hartnäckig Versuche, im Zentrum der Macht Einfluß zu gewinnen.
Der alte und erfahrene Burgunder vermochte zwar im Verlauf der eskalierenden Spannungen und Auseinandersetzungen seine Position durch die in der Ordonnanz vom 26. April 1403 geregelte Form der Regierung im Falle von Karls VI. Tod oder Demenz sowie durch eine Hochzeit seiner Enkelkinder Margarete und Philipps (des Guten) mit dem Dauphin und dessen Schwester Michelle noch zu behaupten, doch nutzte Ludwig den Tod Philipps des Kühnen am 27. April 1404 zu entscheidendem Terraingewinn. Bereits seit 1402 Gouverneur des aides et de toutes les finances de Languedoil, brachte er die königlichen Finanzen immer stärker unter seine Kontrolle und ließ sich, während des Burgunders Nachfolger Johann Ohnefurcht noch durch väterliche Nachlaßregelungen in Anspruch genommen war, zum Generalkapitän der Guyenne und zum königlichen Leutnant in Pikardie und Normandie ernennen; vor allem aber verstand er es, die Hofämter mit seinen Anhängern zu besetzen. Um Finanzen und Administration ging es Ludwig in erster Linie, er wollte den starken Staat: Aus eigennützigen Motiven setzte er mithin auf die Tradition des Vaters und der Marmousets; deren etatistisches Erbe in gewissem Umfang aufgenommen und gesichert zu haben, ist das Verdienst dieses Prinzen. Im Falle seiner von Ambitionen auf Italien bestimmten  Kirchenpolitik gingen allerdings Etatismus und Eigeninteresse nicht zusammen; sie stieß denn auch auf Widerstand der wichtigsten Zentralbehörde, des Parlaments, das sich zum Sachwalter der gallikanischen Kirche machte und seine Vorstellung auf den letzten Pariser Synoden 1406/07 und 1408 einbrachte, die für eine Neutralität des Königreichs im weiter andauernden Schisma votierten und provisorische landeskirchliche Regelungen trafen.
Der starke Staat bedeutete für die Untertanen zunächst einmal erhöhte Steuerlast, und wenn dann in der Hauptstadt dem obendrein wegen seiner Arroganz verhaßten Orleans ein jovialer Johann Ohnefurcht entgegentrat, der die Steuern zu mindern oder abzuschaffen, die alten Freiheiten wiederherzustellen und überdies die Kircheneinheit zu bewerkstelligen versprach, waren die Fronten klar: Der Hof stand unter der Kontrolle von Orleans - 1405 stammten 90 % seiner Einkünfte aus königlichen Zuwendungen und Pensionen, von denen Johann sich fast völlig abgeschnitten sah -, doch Paris selbst neigte mehr denn je dem Burgunder zu.
Als es in jenem Jahr zu ersten Zusammenstößen zwischen Bewaffneten beider Parteien im Umland der Hauptstadt kam, ergriff der angesehene Universitätskanzler Jean Gerson am 7. November 1405 im Louvre vor den geistlichen und weltlichen Würdenträgern der Hauptstadt das Wort, so wie er es schon vier Jahre zuvor aus ganz anderem Anlaß getan hatte, da er in dem damals zur Gründung einer Cour Amoureuse führenden Streit um den Rosenroman Grundsätzliches über Liebe, Heirat und Stellung der Frau zu bedenken gab. Nunmehr mahnte er nicht minder prinzipiell wegen der gefährdeten öffentlichen Ordnung; und was er dazu in seiner tiefgreifenden Predigt Vivat rex vorbrachte, wurde später zwar als bedeutende Manifestation europäischen Staatsdenkens bezeichnet, allein es blieb ohne unmittelbare Folgen. Im Gegenteil, genau zwei Jahre später, am 23. November 1407, ließ Johann Ohnefurcht den verhaßten Widersacher in Paris umbringen und diese Tat durch einen anderen Universitätslehrer, den Dominikaner Jean Petit, unter Rückgriff auf Lehren des Bartolo von Sassoferrato mit allen Kniffen schloastischer Beweisführung als Tyrannenmord rechtfertigen. Mochte Gerson nunmehr gar die Fundamente aller Gemeinschaft durch das Attentat und vor allem durch den damit verbundenen Eidbruch des Burgunders bedroht sehen - hatte der Mörder doch nur wenige Tage vor dem Ereignis seinem Opfer noch Brüderschaft geschworen und verweigerte jetzt jede Sühne -, so triumphierte zunächst der Pragmatiker und Populist Johann Ohnefurcht auf der ganzen Linie: 1408 erwarb er sich bei Othee seinen Beinamen, als er dem Lütticher Bischof Johann von Bayern - dieser stammte aus dem wittelsbachischen Hause seiner Frau und seines Schwagers - im Kampf gegen die revoltierende Stadt mit Erfolg beistand. Und wenn er sich im März nächsten Jahres in der Kathedrale von Chartres auf einen von seinem Onkel und Paten Johann von Berry unternommenen Versöhnungsversuch mit Orleans einließ, dann nur, um solche Einigung, die von seinem Hofnarren als paix fourre, als mit Verrat unterfütterte Übereinkunft verspottet wurde, zum Instrument für die endgültige Machtergreifung zu machen. Dass es am Hof mit den Resten von Tradition der Marmousets wie der Fraktion Orleans definitiv vorbei sein sollte, demonstrierte der Herzog mit der erwähnten Hinrichtung des Finanzfachmanns Jean de Montaigu.
Doch des Burgunders Gegner im Königsdienst blieben nicht untätig: Am 15. April 1410 schlossen sie sich zu Gien mit dessen adeligen Opponenten vornehmlich aus dem Midi wie dem Konnetabel Charles d'Albret, aber auch mit dem bislang um Ausgleich bemühten Herzog von Berry zusammen. Die Liga, zu der des weiteren Bourbon und Bretagne, Clermont und Alencon stießen, war eine partielle Kriegserklärung an Johann Ohnefurcht, der die von Bernhard von Armagnac - dem Schwiegervater von Ludwigs Sohn Karl von Orleans - geworbenen Waffenträger Nachdruck verleihen sollten. Schon bald kam es zu Kampfhandlungen vor allem in der Ile-de-France, wobei sich beide Parteien um die Gunst der Engländer bemühten. Ein Friede, geschlossen am 22. August 1412 zu Auxerre unter der Präsidentschaft des Dauphin, der sich - wie auch sein Vater in Momenten der Klarheit - als Mittler im Prinzenkampf mühte, verpflichtete zwar alle Beteiligten, künftig auf Allianzen mit Lancaster zu verzichten; allein er schob wie auch die folgenden Vereinbarungen von Pontoise (1413) und Arras (1414) die große Auseinandersetzung zwischen Burgund und Armagnac allenfalls kurzfristig auf.
Bereits Anfang 1413 spitzte sich die Lage bedrohlich zu und zwar im Zentrum des Geschehens: Der Burgunder wußte nach wie vor in Paris seinen stärksten Rückhalt; neben Teilen der Universität und der zunehmend mit seinen Anhängern besetzten Administration waren es vor allem die reichem Metzger, auf die er sein Regiment stützte. Zu Familien wie den St-Yon, Haussecul oder Legoix pflegte er, nicht zuletzt durch Weinlieferungen aus Beaune, beste Bezeihungen; dem Begräbnis eines Legoix wohnte er sogar persönlich bei. Aber auch zahlreiche Händler, die aus der Lage der Hauptstadt zwischen Burgund und Flandern Nutzen zogen, waren ebenso proburgundisch orientiert wie viele der kleinen Leute, die der Herzog durch Leutseligkeit für sich einnahm; es wird kein Zufall gewesen sein, dass die Pariser als Taufnamen in jenen Jahren Johannes noch häufiger als sonst wählten. Als nun Karl VI. aus Geldnot die Generalstände auf den 30. Januar 1413 in den Hof des königlichen Hotel St-Pol einberief, gedachte der Herzog bei diesen mit Hilfe der Hauptredner Simon de Saulx und Eustache de Pavilly, eines im Namen von Stadt und Universität auftretenden Karmeliters, für eine Staatsreform in seinem Sinne, das heißt für weniger Staat zu werben. Um den Forderungen nach einer kleineren, effizienteren und frei von Willkür entscheidenden Administration Nachdruck zu verleihen, wurde von den Metzgern die Straße mobilisiert. Indes entglitt die Bewegung alsbald der Kontrolle der Drahtzieher und entfaltete unter Führung des Abdeckers Simon Le Courtelier, genannt Caboche (Dickkopf), ihre eigene, den Urhebern selbst gefährlich werdende Dynamik. Es kam zu gewaltsamen Übergriffen gegen die Umgebung von Dauphin und Königin, vom Hof verlangte und erhielt man die Auslieferung von 20 angeblichen Verrätern, der Prevot de Paris Pierre des Essarts wurde exekutiert. Vollkommen schien der Triumph der gens de commun, als im Parlament am 26./27. Mai 1413 im Beisein des Königs - also bei einem feierlichen Lit de justice - eine 258 umfassende, wesentlich von Universitätsangehörigen erarbeitete Ordonnanz verlesen und publiziert wurde, welche die in allen öffentlichen Bereichen zunehmende Staatsmacht zu beschränken suchte. Doch wie schon 1382 formierte sich der Widerstand in der Stadt selbst: Getragen von jener Führungsschicht des Pariser Bürgertums, die im Staatsdienst stand oder durch Geldgeschäfte mit ihm verbunden war, gelang es vor allem dem königlichen Advokaten Jean Jouvenal des Ursins, seine Standesgenossen mit Universitätslehrern wie Jean Gerson und Parteigängern der Armagnac-Orleans zu einer Front zu vereinen, vor der Johann Ohnefurcht im August 1413 nach Flandern zurückweichen mußte. Bereits am 5. September ließen die neuen Herren der Hauptstadt jene ordonnance cabochienne kassieren und annullieren; ähnliches geschah Ende November mit der Apologie des Jean Petit, die von dem Pariser concile de la foi verurteilt wurde.
Und sie ließen auch die königliche Familie spüren, wer nunmehr zu bestimmen hatte. Als sich der Dauphin, der zwar noch das Vorgehen des Jean Jouvenel des Ursins unterstützt hatte, auf eine Poltik des "dritten Weges" verlegte, nahmen ihn die Armagnac 1415 in kaum kaschierte Geiselhaft; möglicherweise als Opfer eines Giftanschlags starb Ludwig von Guyenne noch am 15. Dezember desselben Jahres. Und der König selber war kaum mehr als eine Marionette der Mächtigen: War er noch 1412 mit Johann Ohnefurcht gegen Berry und die Armagnaken zu Felde gezogen, so beteiligte er sich nun zwei Jahre später an einer Kampagne gegen den Burgunder. Aber wenn Armagnac sich jetzt daran begab, den Staat wieder stark zu machen - eine unpopuläre, da teure und die Zahlenden obendrein mit Erfassung und Kontrolle überziehende Maßnahme -, dann trug dies wesentlich dazu bei, in Zeiten eines handlungsunfähigen Königs die Existenz eines Königsstaats zu sichern, der überdies erneut von England bedroht wurde.
Denn Lancaster war die Krise natürlich nicht verborgen geblieben, und so erschien Heinrich V., dem bedeutendsten Sproß der neuen Königsfamilie, die Situation günstig, die alten Ansprüche der Monarchie auf die Krone des Königreichs durchzusetzen; Bürgerkrieg und Hundertjähriger Krieg sollten fortan einander bedingen und sich in gegenseitiger Steigerung verschränken. Wohlvorbereitet landete Heinrich im August 1415 in der Normandie, nahm Harfleur und erfocht am 25. Oktober bei Azincourt einen Sieg, der an die großen Erfolge seiner Vorgänger bei Crecy und Maupertuis anknüpfte. Erneut konnten die Franzosen ihre zahlenmäßige Überlegenheit auf dem kleinen Schlachtfeld nicht entfalten; hoch war der Blutzoll vor allem des Adels. Während Orleans, Alencon und Bourbon sich vergebens um ein einheitliches Kommando bemühten, saß der König, den man nach den Erfahrungen von 1356 mit der Gefangennahme Johanns II. in Sicherheit wissen wollte, mit einer kleinen Truppe in Rouen fest. Auf die Nachricht der Niederlage verfiel er in eine depressive Umnachtung, die von nun an fast ununterbrochen bis zu seinem Tod dauern sollte.
Doch selbst nach Azincourt stellte sich die Lage für Frankreich keineswegs als existenzbedrohend dar, wie sie dies überhaupt während des Hundertjährigen Kriegs niemals gewesen sein dürfte. Die materiellen und militärischen Ressourcen waren nicht erschöpft, die stetige Verschlechterung der Situation seit Karls erstem Wahnsinnsanfall 1392 und vor allem seit dem Mord von 1407 hatte viel eher zu einer moralischen und Bewußtseinskrise geführt. Nachdem der Burgunder mit seinem praktischen Bemühen um eine paix civile gescheitert war, führte erst recht das auf der Gegenseite von Gerson propagierte hohe Ideale einer paix parfaite in die Irre. Der auf Recht und Wahrheit gegründete Staat der Institutionen sollte für Sicherheit und Gerechtigkeit bürgen - allein die Realität hieß Bernhard von Arrmagnac: Seit Dezember 1415 stand er an der Spitze der nach ihm benannten Partei und führte in der Hauptstadt, nicht einmal der langue d'oil mächtig, ein brutal-rücksichtsloses Regiment. Der starke Staat hatte auch sein häßliches Gesicht; mit Bürokratie und Gewalt wurden Zwangsanleihen durchgesetzt, burgundische Parteigänger verfolgt und die Königin nach Tours ins Exil geschickt, um Hand auf den Schatz legen zu können.
Fast zwangsläufig näherte sich der Burgunder-Herzog - Armagnac hatte ihn schon im Vorfeld von Azincourt ferngehalten - immer mehr dem Engländer. Und in der Hauptstadt konnte er nach wie vor, ja angesichts von Bernhards Regime wohl mehr denn je auf Anhänger zählen, die seinen Truppen denn auch in der Nacht des 28. Mai 1418 heimlich ein Stadttor öffneten. Der alte und der neue Herr von Paris nahm Rache für die Demütigung von 1413 und die Verfolgung der Seinen; es waren Tage des Mordens und des Feierns, des Bluts und der Rosen. Doch die Rache der Armagnac, die sich hatten retten können, ließ ihrerseits nicht auf sich warten: Die Ermordung des Burgunders auf der Brücke von Montereau am 10. September 1419 aber war darüber hinaus vor allem Rache für die Tat im November des Jahres 1407. Letztlich wurde Johann Ohnefurcht jener Mord des Ludwig von Orleans doch noch zum Verhängnis und zwar ausgerechnet zu einem Zeitpunkt, als er sich gerade anschickte, in Verhandlungen mit Armagnac einen Ausgleich zu suchen, weil die Engländer, nach der Eroberung von Caen und Rouen inzwischen Herren der gesamten Normandie, sich als fordernd-schwierige Partner erwiesen, und weil das nach einem strengen Winter von Hungersnot und Pest wie von einem zweiten burgundischen Massaker heimgesuchte Paris den Herzog zum Frieden drängte.
Für Johanns Sohn Philipp den Guten konnte die Antwort auf die Rache von Montereau nur neuerliche Rache und der Bundesgenosse hierbei nur England heißen. Vorbereitet durch eine Propagandaoffensive in Form einer umfangreichen Briefkampagne - ähnlich war auch Armagnac um Verständnis für die Tat wie um Anhänger - gelang ihm am 21. Mai 1420 zu Troyes der Abschluß eines Vertrages, durch den der neue Dauphin Karl, der mit Armagnac in die Lande um Bourges, Poitiers und Tours geflohen und in die Mordtat wahrscheinlich als billigender Mitwisser involtiert war, in aller Form von der künftigen Königsherrschaft ausgeschlossen wurde. Sie sollte an den englischen Herrscher übergehen, welcher als Träger beider Kronen über zwei unabhängige Reiche herrschen würde. Diese von der Königin ausdrücklich gebilligte Maßnahme fand durch Heinrichs V. Heirat mit der französischen Königs-Tochter Katharina ihre Bekräftigung; Elisabeth hatte übrigens in Troyes seit Dezember 1417 schon unter Berufung auf die Herrschaftsregelung von 1403 unter Aufsicht des von ihr zum Generalgouverneur ernannten Burgunder-Herzogs eine Art Exilregierung auf Zeit geführt. Roy de France aber blieb weiterhin Karl VI.; insbesondere die Pariser hatten darauf gedrängt, dass ihr geliebter Herrscher bis zum Ableben im Besitz seiner Würde bliebe. So zog er denn als König von Frankreich im Gefolge Heinrichs V. zur Belagerung von Sens, Montereau und Melun, so zog er mit ihm am 1. Dezember 1420 in die Hauptstadt ein - Paris jubelte, obwohl es England seit je mit Ablehnung und Haß begegnet war; doch nunmehr erhoffte es sich von diesem ungleichen Paar unter burgundischem Patronat schlicht ein Ende seiner Heimsuchungen und Leiden.
Fast zwei Jahre später war Paris erneut auf den Beinen - die Leiden Karls VI. hatten ihr Ende gefunden. Am 21. Oktober war er, der zeitlebens über eine gute physische Konstitution verfügt hatte, fast 54-jährig während eines ersten Kälteeinbruchs wahrscheinlich an den Folgen eines Infekts gestorben. Ausführlich schildert der sogenannte Bourgeois de Paris, ein Kleriker an Notre-Dame und Angehöriger der Universität, die Ereignisse bis zu Karls Begräbnis am Martinsfest in St-Denis. Als einziger Vertreter königlichen Geblüts schritt Heinrichs V. Bruder Johann von Bedford hinter dem Sarg, doch mehr als 18.000 Pariser sollen es gewesen sein, die sich mit ihm auf den Weg zur alten Königsabtei begaben. Allenthalben, so der Bourgeois, beweinte man den Verlust des Allerliebsten; für die kleinen Leute, den menu commun de Paris, hatte Karl VI. sein Ziel erreicht - zurück blieben sie; allein, trauernd und in Erwartung weiteren Kriegs. Doch als Abbild konnten sie ihn bis zur Bestattung noch schauen: Auf dem Sarg war nach englischem Brauch eine effigies des Verstorbenen angebracht, ausgestattet mit Ornat und Insignien des Königs. Sichtbar wurde so, dass der König zwei Körper hat, dass auch nach dem Tod eines Amtsinhabers das corpus mysticum bis zur Proklamation des Nachfolgers präsent blieb. Und als solcher wurde in St-Denis durch Heroldruf Heinrich VI. von England verkündet, der gerade 11 Monate alte Sohn Katharinas von Frankreich und des am 1. September 1422 zu Vincennes erst 35-jährig, noch vor seinem Schwiegervater verstorbenen Heinrich V.
Dass jenes Totenzeremoniell, in krisenhaftem Ausnahmezustand erstmals konzipiert und praktiziert, zu einem Modell für die Zukunft wurde, lag mit an der königlichen Kanzlei, die es schriftlich festhielt. Hinter den Trägern der Waffen, die damals die Szene scheinbar so sehr dominierten, entfalteten überhaupt - und zwar bei beiden Parteien - die Amtsträger und die Männer der Feder im Hintergrund eine unspektakuläre, dafür aber um so nachhaltigere Wirkung, die schließlich den Ausschlag gab, dass der Königsstaat in der Krise Bestand hatte und, was die Meister des Worts auf armagnakischer Seite anlangt, sich zur Königsnation ausformte. Denn nach wie vor hatten in dieser Situation des Umbruchs und der Gewalt die großen staatlichen Institutionen Bestand, und zwar sowohl in der Hauptstadt als auch in Bourges, Poitiers und Tours, wo es Armagnac im Exil binnen kurzer Frist und offensichtlich ohne größere Schwierigkeiten gelang, eine zweite qualifizierte Zentraladministration aufzubauen. Etliche von deren Mitgliedern aber hielten weiterhin Kontakt zu den früheren Amtsgenossen, die für das burgundisch-englische Lager optiert hatten - zwei Jahrzehnte später sollten diese Kontakte Karl VII. eine erfolgreiche Politik des Ausgleichs und der Versöhnung ermöglichen. Die früheren gemeinsamen Jahre des Studiums an der Pariser Hochschule und die Tätigkeit in den Amtsstuben waren eben nicht vergessen: "Man kann politischer Gegner sein und doch Freund bleiben" (F. Autrand).
Dies aber galt ebenso für manche Gelehrte der Universität; ja sogar für die Soldaten einer ihrer renomiertesten Schulen, des Naturakollegs, das dem Königshof traditionell besonders nahestand und dessen Mitglieder wie etwa Jean Gerson oder Jean de Montreuil schon während es beginnenden Bürgerkriegs mehrheitlich für Armagnac Partei ergriffen hatte. Sie machten diese Stätte zur Wiege eines patriotisch getönten Frühhumanismus, um so als Anwalt des VALOIS-Königtums gegen die englischen Prätentionen auf die französische Krone auf den Plan zu treten, für deren Durchsetzung im lancastrischen Frankreich wiederum große Propagandakampagnen inszeniert wurden. Zu Montreuil, der seine humanistische Schulung auch in der Kanzler und auf Gesandtschaft in den Dienst Karls VI. stellte, und zu Gerson, der in Frankreich einer Stärkung der monarchischen Autorität das Wort redete, um zugleich in Konstanz die vom Generalkonzil bestimmten Grenzen päpstlicher Vollgewalt zu markieren, gesellte sich eine Reihe weiterer Autoren mit ähnlichen Intentionen. Erwähnt seien nur der südfranzösische Jurist Jean de Terrevermeille, der gerade 1418/19 das Sukzessionsrecht des Dauphin begründete und die Unveräußerlichkeit der Krondomäne lehrte, sowie Christine de Pisan, jene kluge Tochter eines an Karls V. Hof berufenen italienischen Arztes und Astrologen, die ihre langjährige italienische Unterstützung der Sache der Valois noch kurz vor ihrem Tod mit einem Traktat zugunsten der Jeanne d'Arc beschloß.
Rex christianissimus ist für diese Autoren allein der französische König, dem als Zeichen himmlischer Erwählung bewußt solch symbol- und traditionsträchtige Attribute wie Heilige Ampulle, Oriflamme und Lilie zugeordnet werden. Als Lebensquell des regnum Franciae garantiert das Königtum dessen Unteilbarkeit und Dauer. Diese einheitsstiftende und -sichernde Institution aber wollte bewahrt und geschützt sein, als ihr Träger in geistige Umnachtung versank und der Engländer erneut Anspruch darauf erhob. Hier wurde nun eine über die staatliche Einheit hinausgehende - und doch durch diese erst ermöglichte - neue Qualität ins Spiel gebracht: die eines auf König und Königtum ausgerichteten Gefühls von Zusammengehörigkeit und Gemeinschaft, von "praenationaler" Solidarität. Zwar bleibt angesichts einer eher bescheidenen handschriftlichen Überlieferung dieser Propaganda-Literatur nach deren Wirksamkeit wie andererseits nach der Relevanz beziehungsweise überhaupt der Existenz von öffentlicher Meinung zu jener Zeit zu fragen, doch steht ein Einfluß auf die intellektuelle Elite des Landes und damit wichtige "Multiplikatoren" ebenso anzunehmen wie eine popularisierende Verbreitung durch Herolde, Prediger und Spielleute. Aber diesen Kündern des Königtums wäre kein Erfolg beschieden gewesen, hätten die Untertanen nicht auf einen König geblickt, der sie liebend und mitleidend durch sein tragisches Schicksal an sich band.
Nur wenig war am Ende noch von der Person Karls VI. die Rede, für die Geschichte der Institution französisches Königtum war seine Zeit indes entscheidend.